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Hilflos gegen die Krise
Die Regierungen haben erwartungsgemäß die Banken- und Finanzmarktkrise nicht im Griff. Schlimmer noch: Zur Quantität des in toxischen Papieren angelegten fiktiven Kapitals im globalen Geldmarkt gibt es immer noch (Stand Mai 2009) keine verlässlichen Angaben. Wir kennen den Wert der Finanzanlagen in den Bilanzen der Banken nicht. sagte das frühere Vorstandsmitglied der Bank of England, Professor Charles Goodhart, in einem Interview mit Die Zeit vom 5. Mai 2009. Dabei dürfte dieser Insider und jetzige Pensionär sich doch jetzt äußern. Die Folgen für die reale Produktion zeichnen sich nun immer deutlicher ab.
1- Kapitalvernichtung und Arbeitslosigkeit am Beispiel Autoindustrie (Vorbemerkung: Ich konzentriere mich im folgenden auf Beispiele aus Deutschland und den USA, da eine Ausweitung auf andere Länder und Regionen zu ausführlich werden würde.) Die Branche hat in den zurückliegenden fetten Jahren enorme Überkapazitäten aufgebaut. Die müssen jetzt an die geschrumpfte Nachfrage angepasst werden. (Fiat-Chef Marchionne lt. Spiegel 22/2009, S. 28) Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands ist im 1. Quartal 2009 um 3,8 % gegen das 4. Quartal 2008 gesunken. Die Wirtschaftsinstitute sagen für das ganze Jahr 2009 eine Abnahme von 6-7 % voraus. Von derartigen quantifizierten Voraussagen ist zwar nicht viel zu halten, die bürgerlichen Ökonomen haben gerade in der neoliberalen Ära fast immer geirrt; doch daß die Rezession noch bedeutend fortschreiten wird, ist nach den gegenwärtig erkennbaren Entwicklungen kaum zu bezweifeln (siehe Grafiken auf dieser Seite). Die Überkapazitäten in der Autoindustrie führten nicht nur General Motors und Chrysler in die Insolvenz (nach US-Recht, Chapter 11), sie haben auch schwerwiegende Auswirkungen auf die Zulieferindustrie, und sie werden zu einer Neuformierung der Konzerne nicht nur aber auch in dieser Branche führen müssen. Überakkumulation auf Kreditbasis führte zu Überkapazitäten (vgl. Arsti Nr. 163, S. 1 ff.), zu in großen Teilen nicht verwertbarem Kapital, das nur zusammen mit den zugehörigen Arbeitsplätzen vernichtet werden kann. Eine Anpassung, d. h. eine Verdoppelung der Nachfrage an die Produktionsmöglichkeiten, z. B. durch Abwrackprämie oder entsprechendes für die teureren Segmente würde auch die Regierungen finanziell überfordern von den ökologischen Auswirkungen zu schweigen. Natürlich spielt sich dieser Prozeß nicht gleichmäßig über alle Branchen, Länder und Konzerne und deren Zulieferer ab. Noch ist nur in einzelnen Fällen erkennbar, welche Firmen (bis auf vielleicht die Markennamen) ausscheiden werden. Für das Herauslösen von Opel aus dem GM-Konzern wird einige Zeit gebraucht werden. Die USA und Deutschland werden beträchtliche Mengen an Staatsgeldern dafür ausgeben müssen. Der angebliche Investor Magna scheint eher die Rolle des Strohmanns für die russische Sberbank und den Autokonzern Gaz in Nischnij Nowgorod zu spielen. Doch egal welche Summen die Steuerzahler, d. h. vorwiegend die Arbeiterklasse, in den neuen Konzern investieren müssen; egal welchen Lohnverzicht die Konzerne den Lohnarbeitern abpressen: An Kapitalvernichtung und damit Massenentlassungen wird kein Weg vorbei führen. Der Erhalt der Opel-Standorte ist nur ein Scheingefecht, mit dem Ministerpräsidenten und Berthold Huber, IGM-Vorsitzender, beschäftigt werden. Ob nun eins oder zwei der deutschen Werke stillgelegt, oder ob durch Produktionsverlagerungen Kapazitäten in vier deutschen Standorten vernichtet werden, ist ein politisches, d. h. taktisches Problem. Langfristig werden Arbeitsplätze nach Russland verlagert werden, Gaz soll auf niedrigem technischen Niveau produzieren. Die Löhne sind erheblich geringer als in Deutschland. Die Vernichtung von Arbeitsplätzen und der Druck auf das Lohnniveau werden auch bei Opel unabwendbare Folgen sein. Zusätzlich sollen 10 % des Kapitals von Händlern und Beschäftigten aufgebracht werden, d. h. Löhne werden nicht ausgezahlt sondern einbehalten und in Kapitalanteile umgewandelt. Ob das eine gute Sparanlage für die Lohnabhängigen wird? Im ganzen also Lohnverzicht, Übereignung von Steuergeld an private Konzerne. Erhöhung von Massensteuern, Kürzungen bei Sozialausgaben und Renten werden die Folge sein, wenn der Wahlkampf erst vorüber sein wird. Nicht nur Großfirmen wie Arcandor und Banken stellen Ansprüche auf Kapitalhilfen und/oder Bürgschaften an den Staat. In der Öffentlichkeit weniger beachtet sind auch Mittel- und Kleinunternehmen auf der Bettelliste. Mitte Mai waren es rund 1100 Firmen. Die Gründe sind unterschiedlich. Wenn es nur Liquiditätsprobleme sind, könnten staatliche Subventionen zum Erhalt von Kapital und Arbeitsplätzen beitragen. Wenn Überproduktion der Grund der Schwierigkeiten ist, dann werden staatliche Zuschüsse oder Bürgschaften Arbeitsplatzabbau bestenfalls hinauszögern. So werden Zwischenfinanzierungen die Karstadt Kaufhäuser nur dann retten, wenn die Umsätze erheblich gesteigert werden. Danach sieht es aber nicht aus, weil der Massenkonsum ebenfalls schrumpft. Weniger Produktion führt nicht allein zu Produktionsverminderung bei den direkten Zulieferern der Autoindustrie, sie führt auch zu geringerer Stahlproduktion, zu weniger Transportkapazität auf Straßen, Schienen und Meeren, damit zu nicht ausgelasteten Werften, LKW- und Bahnfabriken usw. Export Die exponierte Position Deutschlands als Exportweltmeister zeigt ihre Schattenseiten. Der größere Teil der Exporte aus Deutschland (Autos ausgenommen) sind Investitionsgüter. Durch Rationalisierung und moderate Lohnpolitik, d. h. kapitalhörige und von Neoliberalismus angekränkelte Gewerkschaften blieben die Lohnstückkosten in Deutschland nahezu konstant. Das schuf Wettbewerbsvorteile und schlug sich in Produktionssteigerungen nieder. Diese Politik rächt sich nun doppelt: Einmal in Überkapazitäten; zum andern in geringer Konsumtionsfähigkeit bei den Massen der Lohnabhängigen. Bei der global einsetzenden Rezession brach der Export im letzten Quartal 2008 ein. Im Maschinenbau betrug der Rückgang im April 2009 58 %. Große Kapazitäten bei Werkzeugmaschinenherstellern liegen vermutlich für lange Zeiträume brach. Diese Branche ist so eindeutig exportabhängig, daß selbst eine höhere Nachfrage aus dem Inland (wo sollte die aber herkommen?) keine Auslastung bringen könnte. Ob technologische Vorteile der deutschen Herstellerfirmen die Krise überdauern werden, ist nicht sicher. Ein Teil der Abnehmerländer, der in geringerem Maße von der Krise betroffen ist (Indien, China), kann nur einen kleinen Teil der Kapazitäten in Produktion halten. Zusätzlich droht die Gefahr des Protektionismus. Alle Regierungen haben zuletzt auf dem G20-Gipfel in London beteuert, daß sie am Freihandel festhalten wollen. Inwieweit diese Vorsätze haltbar sind, ist eine andere Frage. Schon jetzt intervenieren in den USA Senatoren beider Parteien für den Schutz von Industrien in ihren Staaten. Die Parole buy american oder buy british ist populär. Bisher (Stand Ende Mai) haben nach öffentlich zugänglichen Angaben die Maschinenherstellerfirmen keine Entlassungen bei der Stammbelegschaft vorgenommen. Es sei zu teuer und zu langwierig nach überstandener Krise den Bestand an qualifizierten Lohnarbeitern wieder aufzubauen, heißt es als Begründung. Man versuche mit Kurzarbeit durchzukommen. Weniger öffentlich wird, daß Entlassungen von Stammarbeitskräften mit z. T. langer Betriebszugehörigkeit wegen hoher Abfindungen und langer Kündigungsfristen teuer und langwierig sind. Wie lange das Kapital diese Strategie durchstehen kann, bleibt abzuwarten. Nicht zuletzt wird es von den Banken abhängen, die mit Krediten die Auftragsflaute überbrücken müßten. Entlassen wurde natürlich auch in der Auto- und Exportindustrie. Zum einen bei den insolventen Firmen; zum andern traf es Leiharbeiter und solche in befristeten Arbeitsverhältnissen und Scheinselbständige.
Konsum Bis vor kurzem hieß es noch, die deutschen Verbraucher würden ihre Konsumfreude und -gewohnheiten beibehalten. Das scheint Zweckoptimismus gewesen zu sein. Im ersten Quartal haben die Ladenbetreiber nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 3,1 % weniger umgesetzt als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Konsumforscher befürchten, daß sich die Kauflaune angesichts steigender Arbeitslosenzahlen weiter eintrüben wird. (lt. SZ v. 5. Mai 09) Daß der Gesamtkonsum im 1. Quartal 2009 noch leicht zunahm, liegt an subventionierten Käufen von Autos gegen Abwrackprämien im Segment preiswerter Kleinwagen. Die alte Gesetzmäßigkeit des Krisenablaufs setzt sich auch in dieser Beziehung durch. Entlassungen und Lohnkürzungen u. a. durch Kurzarbeit senken die Masseneinkommen, die Umsätze der Konsumgüterproduktion sinken und damit setzt sich die Überproduktionskrise auch in diesen Teil der Produktion (Abteilung 2) fort und wirkt zurück auf Abteilung 1 (Produktionsmittelherstellung). Auch die Konjunkturprogramme zur Unterstützung der Nachfrage, vor allem die Abwrackprämie vermochten das vielleicht etwas einzuschränken aber nicht aufzuhalten. Außerdem wird es sich bei einem großen Teil der Autokäufe gegen Prämie um vorgezogenen Konsum handeln. Dafür werden künftig weniger Autos gekauft. Es ist zu erwarten, daß die Arbeitslosigkeit weiter steigen wird. Die ersten Massenentlassungen sind bereits angekündigt: Schaeffler/Continental, Thyssen/Krupp, Karman u. v. a. werden tausende Lohnarbeiter auf die Straße setzen. Inwieweit die berechtigte Angst der noch ungekündigten Arbeiter und Angestellten weitere Konsumzurückhaltung und höhere Sparneigung verursachen wird, ist, wie alle mit Psychologie zusammenhängenden Probleme, schwer einzuschätzen.
2. Finanzmarkt wie das zinstragende Kapital überhaupt die Mutter aller verrückten Formen ist, so daß z. B. Schulden in der Vorstellung des Bankiers als Waren erscheinen können (Marx, Kapital Bd. 3, Kap. 29) Banken und andere Finanzinstitute halten weiter mit Krediten zurück. Das hat unmittelbare und mittelbare Folgen für die Realwirtschaft: Akkumulation in der realen Wirtschaft wird in normalen Zeiten ganz oder teilweise über Kredit finanziert. Ohne Kredit sind sie nicht möglich. Dasselbe gilt für die Finanzierung von Großprojekten oder für Zwischenfinanzierungen. Das mag sich z. Zt. noch nicht so auswirken, weil bei Umsatzrückgängen ohnehin weniger Kapital akkumuliert wird, aber längerfristig hält es die Akkumulation in engen Grenzen. Der gesamte Handel erfordert laufend Kreditvorgänge. Wenn der Produktionsbetrieb an den Zwischenhändler liefert, entsteht in der Regel ein Kredit usw. Kreditzurückhaltung macht selbst normale Lieferungen schwierig. Die Geschäftsabwicklung wird schwierig, teuer und unsicher. Ein großer Teil des Umsatzes an langfristigen Konsumgütern wird durch Konsumentenkredite finanziert. Diese sind z. Zt. sehr viel schwieriger und teurer zu bekommen. Auch das trägt zu rückläufigem Konsum bei. Der Staat muß also den Banken und anderen Finanzdienstleistern helfen, das Kreditgeschäft wieder in Schwung zu bringen wenn das kapitalistische Gesellschaftssystem beibehalten werden und wieder funktionieren soll. Was wie eine Hilfe aussieht, bringt eher die Macht des Finanzkapitals zum Ausdruck. Weil ohne das Finanzkapital nichts geht, muß die Gesellschaft diesem zu Willen sein. Das wird brutal ausgenutzt. Die Bourgeoisie und ihre Politiker sind gezwungen, die Steuergelder der Arbeiterklasse zum Ausgleich der Fehlspekulationen heranzuziehen. An der Macht des Finanzkapitals ändert sich auch durch die Verstaatlichungen nichts. Da geschieht nichts anderes, als daß die Gesellschaft völlig zugrunde gerichtete Finanzinstitute zu überhöhten Preisen kaufen muß. Die Menge an Schrottpapieren kann niemand genau nennen, deshalb weiß auch keine Bank, ob ein Kredit forderndes Unternehmen oder eine andere Bank nicht schon überschuldet, eigentlich insolvent ist. Nicht nur untereinander haben die Banken berechtigtes Mißtrauen. Auch das produzierende Kapital bekommt weniger Kredit. Vor allem kleine Mittelständler oder neue Unternehmen klagen darüber, daß sie keine Kredite bzw. nur zu schlechten Bedingungen und hohen Zinsen bekommen. Zu einem Teil ist die Unsicherheit erklärbar. Immer mehr Anleihen, die vorher als sicher und wenig spekulativ galten, werden nun zweifelhaft, weil die Schuldner u. a. durch die Überproduktionskrise in Schwierigkeiten kommen. Hier schlägt die Entwicklung in der realen Wirtschaft auf das Geldkapital zurück. Rating-Agenturen Die Rolle der rating Agenturen ist immer noch wichtig und verheerend. Hatten diese mit übertrieben positiven Bewertungen maßgeblich zum Aufbau der Blase der subprime-Papiere beigetragen, so reagieren sie jetzt mit zum Teil abrupten Herabstufungen und verschärfen damit die Finanzkrise. Ob diesen ratings wirklich noch Analysen zugrunde liegen, darf bezweifelt werden. Jedenfalls sind vor allem die drei großen Agenturen (Standard & Poors, Moodys und Fitch) zu Antreibern unrealistischer Entwicklungen in beiden Richtungen geworden und weit entfernt davon Schuldtitel und andere Derivate objektiv zu bewerten. Bewertungsfragen Trotz aller objektiven Gründe bleiben die Schätzungen über die Höhe der toxischen Wertpapiere stark unterschiedlich. Finanzminister Steinbrück nannte in der Diskussion um Bad Banks einen Gesamtbetrag von 250 Mrd. Euro für die deutschen Finanzdienstleister. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) kommt auf 816 Mrd. Euro. Die Finanzinstitute können oder wollen offenbar die Summe ihrer faulen Kredite nicht angeben. Ähnliches wird aus den USA berichtet. Der Stress-Test der US-Banken ergab nur rd. 75 Mrd. $ an Trash-Anleihen. Das wäre nicht viel. Fachleute zweifeln diese Ergebnisse aber massiv an. Zu den neuen Erscheinungen der aktuellen Finanzkrise gehört, daß dank der Deregulierung die in den Bilanzen der Banken aufgeführten Werte nicht mehr viel mit den tatsächlichen Vermögensverhältnissen und damit den Risiken der Unternehmen zu tun haben. Das verstärkt natürlich noch zusätzlich Mißtrauen und Verunsicherung. Marxisten dürfte das weniger überraschen: Auch da wo der Schuldschein das Wertpapier nicht wie bei den Staatsschulden rein illusorisches Kapital vorstellt, ist der Kapitalwert dieses Papiers rein illusorisch. Man hat vorhin gesehn, wie das Kreditwesen assoziiertes Kapital erzeugt. Die Papiere gelten als Eigentumstitel, die dies Kapital vorstellen. Die Aktien von Eisenbahn-, Bergwerks- Schiffahrts- etc. Gesellschaften stellen wirkliches Kapital vor, nämlich das in diesen Unternehmungen angelegte und fungierende Kapital oder Geldsumme, welche von den Teilhabern vorgeschossen ist, um als Kapital in solchen Unternehmungen verausgabt zu werden. Wobei keineswegs ausgeschlossen ist, daß sie auch bloßen Schwindel vorstellen. Aber dieses Kapital existiert nicht doppelt, einmal als Kapitalwert der Eigentumstitel ( ) und das andre Mal als das in jenen Unternehmungen wirklich angelegte oder anzulegende Kapital. (Marx, Kapital Bd. 3, Kap. 29). Der Fortschritt gegenüber Marx Zeit besteht darin, daß bei Derivaten und anderen intelligenten Finanzprodukten das fiktive Kapital nicht nur doppelt sondern mehrfach zu existieren scheint. In Deutschland ist die Hypo Real Estate soweit bis jetzt bekannt der größte Pool an Müllpapier. Wirtschaftler und Politiker schätzen sie als too big to fail ein also zu groß um sie pleite gehen zu lassen, weil sie sonst andere Firmen, denen sie Geld schuldet, ebenfalls in die Insolvenz reißen würde. Der Fall Lehman Brothers in den USA, wo dieser Effekt ja tatsächlich eintrat, wird als warnendes Beispiel genannt. Der Steuerzahler, d. h. im wesentlichen die Arbeiterklasse, wird diese Spekulationsverluste übernehmen müssen. Die Diskussion um Bad Banks, mit denen dasselbe für die anderen Finanzinstitute vorgenommen werden soll, ist z. Zt. noch nicht abgeschlossen. Es sollen solche Institute für jede einzelne Bank, die das in Anspruch nehmen will oder muß, gegründet werden. Die Finanzierung, d. h. den Kauf der faulen Papiere zu Buchwerten mit einem Abschlag von 10 % übernimmt der Staat über staatlich verbürgte Anleihen. Die jeweiligen Banken müssen Gebühren zahlen. Wenn sie das nicht können, dürfen keine Dividenden ausgeschüttet werden. Die Bad Banks müssen langfristig versuchen, möglichst viel der faulen Papiere noch zu Geld zu machen. Wie viel das sein wird, das wagt niemand zu schätzen. Die Aktion soll maximal 20 Jahre laufen. Wenn am Ende ein Verlust bleibt, was sehr wahrscheinlich ist, soll die ursprüngliche Besitzerin dafür in mehrjährigen Raten haften. Das sind Vorstellungen, die noch nicht Gesetz sind. Ob es bei diesen Vorstellungen bleibt, halte ich für unwahrscheinlich. Nicht nur im Bundestag sondern vor allem in den Lobbies ist noch nichts entschieden. Daß die Verursacher der Fehlspekulation wenigstens teilweise und der Möglichkeit nach für die Folgen herangezogen werden, könnte einem Linken ja noch gefallen. Es liegt mir fern, diese Leute zu bedauern. Doch ob solche sauberen Banken dann noch Geldkapital bekommen werden um Kredite zu geben oder Großprojekte zu finanzieren, erscheint mir fraglich. Manches deutet darauf hin, daß dann wieder der Staat das fehlende Eigenkapital zuschießen muß. Dafür werden außer bei der HRE und der Commerzbank noch bei anderen Banken Aktien vom Steuerzahler übernommen. Unter Verstaatlichung hatte ich mir anderes vorgestellt. Ein gutes Geschäft wird es sicher nicht. Welche Summen an Steuergeld dies erfordern wird, ist zur Zeit nicht absehbar. Auch die Verschärfung der Basel-II-Abkommen, nach dem Banken für Kredite je nach deren Bonität (die aber wieder durch ratings bestimmt wird) einen festen Anteil an Eigenkapital halten müssen, führt vielleicht zu mehr Sicherheit und größerer Vorsicht der Banken bei der Kreditvergabe, doch sie schränkt die Kreditvolumina ein, was durch verstaatlichte Banken verhindert werden soll.
3. Folgen der Krise für die 3. Welt Die Globalisierung, verstanden als Übernahme neoliberaler Grundsätze durch die Entwicklungsländer, führt jetzt viele dieser Länder in die Katastrophe. Die Subsistenzwirtschaft in zahlreichen Ländern wurde weiter zurückgedrängt, weil WTO, Weltbank und der IWF in der Vergangenheit die Vergabe von Krediten von Auflagen abhängig machten, die diese Länder in die Weltwirtschaft integrieren sollten. Das sollte die wenig industrialisierten Länder zu Wohlstand führen und den Abstand der Lebensstandards zu den industrialisierten Ländern verringern. Doch die Länder, die dieser Politik folgten, und statt einheimischer Lebensmittel cash crops, d. h. Weltmarktprodukte liefern wollten, werden nun durch die fallenden Rohstoffpreise ruiniert. Für 390 Millionen der ärmsten Afrikaner werde sich das Einkommen um 20 % reduzieren. Die Konsequenz: Hunger, der Millionen von Kindern auf Jahre kaum reversible Schäden zufügt. (lt. Sozialismus 4/2009, S. 35) Bei jeder Rezession werden weniger Erze, Energie, Baumwolle, Nahrungs- und Genußmittel (Kaffee, Kakao usw.) nachgefragt, weil die Industrie bei fallender Produktion weniger von diesen Rohstoffen benötigt und die Massenkaufkraft auch für Genußmittel weniger Absatz zuläßt. Entsprechend können die betroffenen Länder vor allem Afrikas auch weniger Nahrung, Medikamente, Textilien usw. einführen. Sie werden sich sogar weiter einschränken müssen, auch weil für die Importeure weniger Kredit zur Verfügung steht. Auch in der Wirtschaftsgeschichte der Industrieländer gibt es Beispiele dafür, daß bei unterbrochener Zufuhr aus Ländern mit Monostrukturen Krisen sowohl in den Herstellungs- wie in den Abnehmerländern ausbrachen wie z. B. bei der Baumwollkrise ab 1861 in Großbritannien und den amerikanischen Südstaaten. Ähnliches droht, wenn auch in anderer Erscheinungsform, in Afrika. Der Nahrungsmangel nimmt zu, die Zahl unterernährter Menschen wächst. Bei Fortdauer der Krise in den entwickelten Ländern wird sich die Situation verschlimmern, weil immer weniger Nahrung importiert werden kann. Zusätzlich werden Arbeitsimmigranten, deren Überweisungen an ihre Familien in den jeweiligen Heimatländern zu deren Lebensunterhalt oder sogar zum Aufbau bescheidener Gewerbebetriebe beitrugen, zurückgeschickt oder arbeitslos.
4. Globale Bekämpfung der Krise Die Regierungschefs der 20 wichtigsten Staaten (?) waren sich Anfang April einig. Die Unternehmen, vor allem der Finanzwirtschaft, müssen wieder stärker kontrolliert werden. Die Off shore Steuerparadiese mit geringer bzw. ganz fehlender Aufsicht über die Bilanzen ihrer Briefkastenfirmen werden abgeschafft. Na prima! Leider können Gesetze für eine Re-regulierung der Finanzaufsicht nicht von internationalen Konferenzen, und seien sie noch so hochrangig besetzt, beschlossen werden; sie müssen von den jeweiligen Nationalstaaten in Gesetzesform gebracht und vor allem international aufeinander abgestimmt werden. Das wäre ein Jahrhundertwerk. Es wurden Reformkommissionen eingerichtet von denen man seither nichts mehr gehört hat. Das ist kein Wunder bei dieser überaus umfangreichen und komplizierten Materie. Schon bei der Konferenz in London zeichneten sich zwei recht unterschiedliche Tendenzen ab. Die angelsächsischen Länder zogen liberalere, die kontinentaleuropäischen strengere und präzisere Regeln für die Kontrolle von Banken vor. Osteuropäische Länder schlagen sich auf die Seite der USA und Großbritannien. Abgestimmte Gesetze sind aber bei einer globalisierten Finanzwirtschaft unbedingt notwendig, weil die Spekulanten sie sonst durch Wechsel von einem zum anderen Finanzplatz umgehen werden. Schon jetzt drohen Banker mit der Verlagerung des Finanzplatzes London nach Asien. Es ist vom heutigen Stand aus unmöglich vorherzusagen ob vom G20- und von den diversen EU-Gipfeln überhaupt etwas herauskommen wird außer Showbusiness. Auch die Pläne der EU haben wenig Aussicht auf Erfolg: Der west-östliche Widerstand zeigt schon jetzt erste Erfolge: Eine schlagkräftige europäische Aufsichtsbehörde dürfte es in Zukunft kaum geben. (Spiegel 23/2009, S. 73) Die Finanzwelt scheint auch vorerst wenig beunruhigt zu sein. Die deutschen Bilanzierungsgesetze sehen nach wie vor alle Möglichkeiten vor, mit denen Unternehmer ihre wahre finanzielle Situation verschleiern oder wenigstens beschönigen können. Der Neoliberalismus ist offenbar etwas schweigsamer geworden; er ist aber weiterhin mächtig. Der Bekämpfung der Off shore Steuerparadiese war dagegen glänzender Erfolg beschieden: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sollte eine Liste erstellen, die Steueroasen rücksichtslos an den Pranger stellen würde. Die Liste war schnell fertig. Sie enthielt kein einziges Land: Wer gegenüber der OECD beteuerte, sich künftig an die internationalen Verabredungen halten zu wollen, wurde spontan in den Kreis der vermeintlich Geläuterten aufgenommen. spottet selbst der Spiegel (16/2009, S. 72), der bis vor kurzem selbst stramm neoliberale Standpunkte vertrat.
5. Deutsche Konjunkturprogramme Die wesentlichen bereits beschlossenen Gesetze und wem sie hauptsächlich zugute kommen, haben wir in Arsti 163, S. 7, Grafik 4 aufgeführt. Sie belaufen sich nach staatlichen Angaben auf rd. 82,5 Mrd. Euro. Dazu kommen Bürgschaften in Höhe von rd. 100 Mrd. Letztere dürften wegen angekündigten weiteren Hilfen für Banken und Industriebetriebe (Opel, Schaeffler usw.) noch deutlich ansteigen. Wieviel dieser Bürgschaften ausgabewirksam werden, ist nicht abzusehen. In den nächsten Wochen muß die Bundesregierung einen zweiten Nachtragshaushalt mit neuerlicher Schuldenaufnahme vorlegen. Das dürfte nicht der letzte Nachtragshaushalt bleiben. Es ist die höchste Nettoverschuldung seit Bestehen der Bundesrepublik. Weil der erhöhten Geldmenge kein Gleichwertiges an Waren, an Wert, gegenüber steht, sind inflationäre Entwicklungen in der Zukunft nicht auszuschließen. Auch die Sozialkassen rutschen immer tiefer in die Miesen, weil Beitragseinnahmen geringer und Ausgaben tendenziell höher werden. Dabei ist die Bundesrepublik bei der EZB und international noch kreditwürdig. Sie muß nur Zinsen in Höhe von wenig über 3 % bezahlen. Andere EU-Länder sind schlechter dran. Griechenland z. B. zahlt über 6 %. Ungarn konnte keine Kredite von Banken mehr bekommen und mußte vom IWF gerettet werden (siehe Grafik 3). Auch Staaten können zahlungsunfähig werden. Sie müssen dann ihre Schulden streichen oder mindern, ihre Gläubiger also ganz oder teilweise enteignen (aber ohne Entschädigung). Im letzten Jahrhundert kam das in Deutschland zweimal vor. Dergleichen steht bei uns derzeit noch nicht vor der Tür. Es sollte aber festgehalten werden, daß auch Staatsbankrotte zum Kapitalismus gehören. Schuldenmacher sollten das bedenken. Programme und Wahlkampf Die Zahl der Vorschläge zur Beseitigung der Krise und der Vermeidung von Massenentlassungen ist unübersehbar (siehe auch Grafik 4). Daher nur einige Beispiele: Die Parteien fordern Steuersenkungen. Dabei ist der Staat jetzt schon überschuldet. Das Steuersystem ist zweifellos zu kompliziert und ungerecht. Steuerreform war bisher immer ein Schlachtfeld für die Lobby. Alle Reformen bis heute machten das System noch unübersichtlicher und ungerechter. Herr Hundt, Arbeitgeberpräsident, fordert Entlastung der Unternehmen von Sozialbeiträgen. Kollege Huber, IGM-Vorstand, fordert einen staatlichen Fonds in Höhe von 100 Mrd. Euro aus dem Unternehmen, die Entlassungen planen (oder dies vorgeben), subventioniert werden sollen. Herr Hundt und Kollege Berthold übersehen, daß die Überkapazitäten dadurch nicht geringer werden. Entlassungen werden also nicht vermieden sondern höchstens hinausgeschoben. Es gibt zweifellos auch Reformen, die vom Standpunkt der Arbeiterklasse positiv zu bewerten und zu unterstützen sind. Das gilt vor allem für die Verlängerung der Kurzarbeit auf jetzt 24 Monate. Auch das wird den Abbau von Überproduktion nicht verhindern, sie aber für einen großen Teil der Betroffenen erträglicher machen. Dasselbe gilt für andere Vorschläge der Gewerkschaften. Rückführung des Renteneintrittsalters auf 65 Jahre oder weniger, Verbesserung der Möglichkeiten für Altersteilzeit usw. Aber daß Überproduktionskrisen zur Vernichtung von Kapital und zu Arbeitslosigkeit führen, ist eines der unvermeidbaren Ergebnisse des kapitalistischen Produktionsverhältnisses. Stand:
2. 6. 2009
Zur Bundestagswahl
Fast gleichzeitig mit der Bundestagswahl am 27. September erscheint die Herbst-Nummer der Arbeiterstimme. Wir können also die politischen Geschehnisse bis dahin nicht mehr behandeln. Da bleibt uns nur eine kurze Betrachtung aus heutiger Sicht, vier Monate vorher. Dabei kann sich durch die Zuspitzung der Weltwirtschafts- und Finanzkrise noch manches ändern.
Als Marxisten
wissen wir, dass sich durch Wahlen in der bürgerlichen Gesellschaft
nichts grundlegendes ändern wird, weder an den Macht- und Ausbeutungsverhältnissen
zwischen der herrschenden Kapitalistenklasse und den ausgebeuteten
Lohnabhängigen, noch kommen solche Wahlen wirklich demokratisch
zustande, angesichts der Medienmacht und des Geldeinsatzes der systemtragenden
Klasse und ihrer Parteien.
Zyklische Krise oder Zeitenwende? Das dicke Ende kommt erst noch! Das System wankt, lautete die Überschrift der Börsenzeitung vom 30. September. Noch ist das Finanzsystem zwar nicht gefallen. Doch es wankt. Und es droht die Realwirtschaft zu erschüttern. Das Blatt der deutschen Hochfinanz warnte vor Verhältnissen wie 1931, vor politischer und wirtschaftlicher Destabilisierung.
Untergrabung der Demokratie (
) Und das ist nicht anders in diesen Tagen und Wochen: Hinter der Bundeskanzlerin als Rezitatorin steht ein kleiner Kreis von Bankern und Finanzleuten, die wiederum eng mit dem vernetzt sind, was hierzulande als Hochfinanz bezeichnet wird. Die Süddeutsche Zeitung spricht am 13. Oktober von einem sechsköpfigen Komitee zur Rettung der deutschen Banken, bestehend aus dem Bundesbank-Chef Axel Weber, dem Präsidenten der Finanzaufsicht Bafin, Jochen Sanio, dem Deutsche-Bank-Chef, Josef Ackermann, dem Finanzminister Peer Steinbrück mit seinem Staatssekretär Jörg Asmussen und dem Abteilungsleiter Wirtschaft im Kanzleramt, Jens Weidmann. Diese Sechserbande erarbeitet seit Mitte September alle Krisenpläne. Dieser kleine Männerkreis entwickelte vor allem den 500-Milliarden-Euro-Plan, der, zu Wochenbeginn am 13. Oktober von der Kanzlerin vorgestellt, noch Ende derselben Woche von Bundestag und Bundesrat beschlossen und vom Bundespräsidenten mit Gesetzeskraft verkündet wurde. Noch nie in der deutschen Geschichte gab es eine derart weitreichende Finanzoperation zugunsten der Reichen, Besitzenden und Spekulierenden und noch nie in der Geschichte deutscher bürgerlicher Demokratie wurde ein derartig eingreifender Plan binnen einer Woche durch alle gesetzgebenden Instanzen gepeitscht.
Winfried Wolf ist Chefredakteur von Lunapark21 Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie und Mitglied der DFG-VK
Die kulturelle Hegemonie des Kapitalismus schwindet November 2008 |
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In einem Produktionssystem, wo der ganze Zusammenhang des Reproduktionsprozesses auf dem Kredit beruht, wenn da der Kredit plötzlich aufhört und nur noch bare Zahlung gilt, muss augenscheinlich eine Krise eintreten, ein gewaltsamer Andrang nach Zahlungsmitteln. Auf den ersten Blick stellt sich daher die ganze Krise nur als Kreditkrise und Geldkrise dar. Und in der Tat handelt es sich nur um die Konvertibilität der Wechsel in Geld. Aber diese Wechsel repräsentieren der Mehrzahl nach wirkliche Käufe und Verkäufe, deren das gesellschaftliche Bedürfnis weit überschreitende Ausdehnung schließlich der ganzen Krisis zugrunde liegt. Daneben aber stellt auch eine ungeheure Masse dieser Wechsel bloße Schwindelgeschäfte vor, die jetzt ans Tageslicht kommen und platzen; ferner mit fremden Kapital getriebne, aber verunglückte Spekulationen; endlich Warenkapitale, die entwertet oder gar unverkäuflich sind, oder Rückflüsse, die nie mehr einkommen können. Das ganze künstliche System gewaltsamer Ausdehnung des Reproduktionsprozesses kann natürlich nicht dadurch kuriert werden, dass nun etwa eine Bank, z.B. die Bank von England, in ihrem Papier allen Schwindlern das fehlende Kapital gibt und die sämtlichen entwerteten Waren zu ihren alten Nominalwerten kauft. Übrigens erscheint hier alles verdreht, da in dieser papierenen Welt nirgendwo der reale Preis und seine realen Momente erscheinen, sondern nur Barren, Hartgeld, Noten, Wechsel, Wertpapiere. Namentlich in den Zentren, wo das ganze Geldgeschäft des Landes zusammendrängt, wie London, erscheint diese Verkehrung; der ganze Vorgang wird unbegreiflich; weniger schon in den Zentren der Produktion.
MEW 25 (Das Kapital, Dritter Band) Seite 507
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Bay. Versammlungsgesetz: Es geht weiter! Am
1. September 2006 trat die so genannte Föderalismusreform
bundesweit in Kraft. Neben der Zentralisierung des Gewaltenapparates
erlaubt sie es unter anderem, auf Länderebene ein eigenes Versammlungsgesetz
zu erlassen. Die CSU-Staatsregierung in Bayern legte im Februar
2008 einen eigenen Entwurf zu einem bayerischen Vesammlungsgesetz
vor. Dieser hat es in sich! Er sieht eine weitere massive Einschränkung
des demokratischen Rechts auf Versammlungsfreiheit vor und beschneidet
damit die Meinungsfreiheit erheblich.
Gesetzesverschärfung gegen Nazis? Rote Hilfe, Ortsgruppe München
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Im Juni dieses Jahres wurde der dritte Armutsbericht der Bundesregierung, im folgenden Monat dann auch der Öffentlichkeit bekannt. Die Tagesschau berichtete unter der Überschrift: „Die soziale Kluft in Deutschland wird tiefer“. Danach sind inzwischen 20 Millionen Menschen in Deutschland von Armut betroffen. Das heißt, jeder vierte Deutsche muss durch staatliche Leistungen vor dem völligen Absturz bewahrt werden. Besonders von Armut betroffen sind Alleinerziehende und Kinder. Inzwischen gelten 2,5 Millionen Kinder als arm. Das sind doppelt so viele wie im Jahr 2004. Nach der international gängigen Definition ist arm, wer weniger als 60 Prozent eines mittleren Einkommens bezieht. Für Alleinstehende hat die Bundesregierung die Armutsgrenze auf derzeit 781 Euro festgelegt, bei einer vierköpfigen Familie auf 1640 Euro. Es fällt auf: Mit dieser 60-Prozent-Grenze geht man im Bundesarbeitsministerium offensichtlich recht locker um, dennoch im Jahr 2005 lag die Armutsgrenze im selben Bericht für Alleinstehende bei 938 Euro. Mit der realen ökonomischen Entwicklung hat das somit nichts zu tun, sondern wohl eher damit, dass man die ausgewiesene Armut in der BRD nicht noch höher ausfallen lassen wollte. Denn glücklich waren die Regierungsakteure über ihren Bericht natürlich nicht. Obwohl manipuliert, zeigt er dennoch überdeutlich die Auswirkungen neoliberaler Politik der vergangenen Jahre. Dabei hatten diese Politiker immer das Gegenteil des jetzt vorliegenden Resultats verkündet. Nämlich, dass diese „Reformen“ Arbeitsplätze schaffen, die Sozialsysteme sichern und zu Wohlstand führen würden. Aber die neue Armut trifft nicht nur die, mit dem von der SPD erfundenen Begriff „Prekariat“ bezeichnete Gesellschaftsgruppe, sondern bedroht inzwischen auch die Teile der abhängig Beschäftigten, die in der Vergangenheit über ein gesichertes Auskommen verfügten. Nach der bürgerlich, ideologisch definierten Bevölkerungsdifferenzierung ist das der „Mittelstand“. Ob Facharbeiter oder qualifizierter Angestellter, bei eintretender Arbeitslosigkeit beginnt auch für sie die Abwärtsspirale in Richtung Armut. Um den sozialen Abstieg zu dämpfen und die geringen Ersparnisse, die von Hartz IV gefressen würden, zu retten, sind diese Menschen deshalb zu Vielem bereit. Unter anderem auch dazu, ein prekäres Arbeitsverhältnis anzunehmen. Über sieben Millionen Menschen erhalten deshalb inzwischen nur noch Niedrig- und Hungerlöhne. Rund drei Millionen verdienen so wenig, dass sie Anspruch auf zusätzliches Arbeitslosengeld haben. 1,3 Millionen, davon eine halbe Million in Vollzeitarbeit, machen davon Gebrauch. Aber auch diejenigen, die ein tariflich abgesichertes Arbeitsverhältnis haben, müssen sich strecken. Über viele Jahre sind die Einkommen nominal und noch stärker natürlich real gesunken. Das gilt auch für das zurückliegende Jahr. Trotz Konjunktur setzt sich das Trauerspiel der letzten Jahre fort. Zum ersten Mal sinken die realen Löhne in einer Hochkonjunkturphase! Und auch hier trifft es das untere Viertel der Einkommenspyramide am Brutalsten. Nach Berechnungen der Wirtschaftsabteilung von ver.di sanken hier die realen Stundenlöhne in den zurückliegenden sechs Jahren um 13 Prozent! Dabei hatte Merkel im Bundestag noch im Dezember stolz verkündet: „Der Aufschwung kommt bei den Menschen an“. Dem kann man schon zustimmen. Allerdings nicht so, wie das sie das gemeint hat. Die Feststellung gilt nur für die dünne Schicht der Bourgeoisie für die Reichen und Superreichen. Der Rest des Volkes hat davon bis jetzt nichts gemerkt. Im Jahr 2007 ist das Volkseinkommen um runde 74 Milliarden Euro oder 4,2 Prozent gestiegen. Es hätte also einiges verteilt werden können. Und Verteilung fand statt. Nämlich so wie schon in den vergangenen Jahren auch. 43 Milliarden nahmen sich die Kapitalisten und 30 Milliarden bekam auf die breite Masse des Volkes. Die Folge davon ist, dass die Lohnquote weiter abstürzte. Im Jahr 2007 forderten die Gewerkschaften einen „kräftigen Schluck aus der Pulle“. Und verglichen mit den Vorjahren waren die Abschlüsse auch höher als in den zurückliegenden Jahren. Im Durchschnitt lagen die Einkommenserhöhungen bei knapp drei Prozent. Aber von einer Trendwende in der Einkommensentwicklung, die manche Gewerkschaften schon verkündeten, kann beim besten Willen nicht gesprochen werden. Inzwischen frisst die Preisentwicklung die Löhne auf. Besonders teuer sind die täglichen Ausgaben geworden. Die Fahrt zur Arbeit, Heizung und Lebensmittel werden teuerer und teuerer. Die Schuld daran tragen nicht irgendwelche anonymen Ölscheichs oder gar die Chinesen, die jetzt plötzlich soviel Milch trinken, sondern Finanzspekulanten, internationale Ölkonzerne und große Energieunternehmen. Zurzeit sieht es nicht so aus, als würde sich diese Entwicklung umkehren. Und selbst wenn sich die Preisentwicklung verlangsamen würde, würde die Durchsetzung höherer Löhne schwerer. Der Grund ist in dem sich abzeichnenden Konjunkturabschwung zu suchen, der sich durch die jüngsten Ereignisse zur Depression entwickeln kann. In solchen Phasen sind die Gewerkschaften objektiv nicht in der Lage, hohe Abschlüsse durchzusetzen. Schon jetzt predigt Gesamtmetall (und zwar vor der Finanzkrise), im Hinblick auf die Tarifrunde im Herbst in der Metall und Elektro-Industrie, Lohnzurückhaltung. Das ist ein kleiner Vorgeschmack auf die zukünftige Entwicklung, die weiter gegen die Lohnquote laufen wird und zur Senkung des Lebensstandards großer Teile der abhängig Beschäftigten führt. Die Armutsbedrohung wird also nicht verschwinden, sondern sie wird sich verallgemeinern. Armut im Alter droht Aber das dicke Ende kommt erst noch. „In 25 Jahren wird jeder zweite Rentner eine Rente in Höhe von Hartz IV bekommen“, prognostiziert der selbsternannte „Rentenexperte“ Meinhard Miegel vom Bonner Institut für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Absicht Miegels ist klar: Er will mit der Horrorvision den Versicherungskonzernen Anleger für eine private Altersversorgung zutreiben. Eine Änderung der neoliberalen Bonner Politik will er natürlich nicht. Deshalb ist die Armutsbedrohung der abhängig Beschäftigten durchaus real. Die Verlängerung des Renteneintrittalters auf 67 Jahre bedeutet nichts anderes als eine weitere Rentenkürzung. Die meisten Arbeiter und Angestellten halten den Arbeitsstress bereits heute gesundheitlich schon nicht bis zum 65ten Lebensjahr durch. Auch gibt es kaum noch Arbeitsplätze für Ältere. Die Unternehmer wollen „olympiareife“ Belegschaften und drücken ältere Beschäftigte oftmals mit Mobbing-Methoden systematisch aus den Betrieben. Das führt dazu, dass zwei Drittel vor 65 in die Rente gehen. Und das heißt: Sie gehen mit Rentenabschlägen. Wer deshalb in Zukunft mit 63 Jahren geht, hat eine Rentenkürzung für den Rest seines Lebens in Höhe von 14,4 Prozent hinzunehmen. Aber das ist noch nicht alles. Die Bundesregierung plant darüber hinaus, dass es in den nächsten Jahrzehnten keine oder nur minimale Rentenerhöhungen geben soll. Bei optimistisch angenommenen zwei Prozent Inflation bedeutet das für die nächsten zehn Jahre, eine weitere reale Rentenkürzung von 20 Prozent. Auffangen kann man die Rentenkürzung nur durch eine private Altersversorgung. Eine solche können sich aber heute schon Millionen von Lohn- und Gehaltsempfänger nicht leisten. Sie bekommen zu wenig Lohn. Ihre Hungerlöhne reichen nicht aus, einen Teil davon auch noch an die Versicherungskonzerne abzudrücken. Gelingt es deshalb in den nächsten Jahren den oppositionellen Kräften in der Gesellschaft nicht, der Politik eine andere Richtung zu geben, dann wird die Miegelsche Horrorvision wahr. Dann gibt es in Deutschland eine verbreitete Altersarmut. Das Märchen von der demographischen Notwendigkeit Die Neoliberalen sagen: Die Einschnitte bei den Renten sind erforderlich, weil die Menschen immer länger leben und immer weniger Kinder geboren werden; also wegen der demographischen Entwicklung. Dabei spielen sie sehr bewusst mit der Naivität der Bevölkerung, die sich dann auch für die neoliberale Argumentation offen zeigt, solange der Einzelne nicht selbst direkt betroffen ist. Das Argument ist: „Heute kommen vier Erwerbstätige auf einen über 65-Jährigen. In 30 Jahren sind es nur noch zwei Erwerbstätige. Damit ist der Generationenvertrag endgültig gesprengt. Wir müssen wegen dieses Sachzwanges das Rentensystem, ja sogar den ganzen Sozialstaat umbauen!“ So reden sie, die Neoliberalen in Regierung und Parteien. Bereits im Jahr 2006 knüpfte der damalige Bundesarbeitsminister Müntefering an diese „Argumentation des gesunden Menschenverstandes“ an. Er meinte damals: „Da muss man kein Mathematiker sein, da reicht Volksschule Sauerland, um zu wissen: Wir müssen irgendetwas machen“. Dieses Geschwätz eines Arbeitsministers lässt tiefe Einblicke in das Volksschulwesen des Sauerlandes zu, das Müntefering wohl im Überfluss genossen haben muss. Die günstigste Annahme die man in dem Zusammenhang machen kann ist: Müntefering ist einfach zu blöd, die Probleme, die sich aus der Rentenentwicklung ergeben, zu durchschauen. Die weniger günstige, jedoch wahrscheinlichere ist, dass er die Zusammenhänge sehr wohl durchschaut, aber mit dieser infamen Argumentation die Bevölkerung zu manipulieren versucht. In der Folge wurde die Regierung aus ihrer „sozialen Verantwortung“ heraus auch aktiv. Sie hat nämlich, wie es Merkel ausdrückte, eine wirkliche Reform gemacht, die nach Merkel eine„ehrliche Politik“ charakterisiere, „weil nämlich heute schon gesagt wird, wie es im Jahr 2012 bis zum Jahr 2029 gehen wird.“ Mit dieser „ehrlichen Politik“ stürzt die neoliberale Koalition die die heutigen Rentner und noch mehr die zukünftigen in die Altersarmut. Untersuchen wir einmal die Notwendigkeit einer solchen „ehrlichen Politik“ genauer: Schauen wir in die jüngere Geschichte zurück, dann werden wir feststellen, dass die Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung nichts Neues ist. Am Anfang des letzten Jahrhunderts kamen auf einen Rentner noch zwölf Beschäftigte. Das änderte sich in den Folgejahren drastisch. 1950 hatte sich dieses Verhältnis fast halbiert. Auf einen Rentner kamen nur noch sieben Erwerbstätige. Wenn das keine Verschiebungen in der Demographie sind! Und trotz dieser demographischen Belastungen war in der Nachkriegszeit der Ausbau des Sozialstaates mit seinen sozialen Sicherungssystemen, inklusive der Rentenversicherung, in vorher nicht gekannter Qualität möglich! Das hat Müntefering in seiner „Volksschule Sauerland“ offensichtlich nicht gelernt. Der „gesunde Menschenverstand“ sagt, und daran knüpfte Müntefering ja an: „so etwas geht nicht“. Aber die 50er- und 60er-Jahre haben gezeigt, dass so etwas sehr wohl geht. Und der Grund dafür liegt in der steigenden Produktivität der menschlichen Arbeit. Von jedem Werktätigen wurden und werden von Jahr zu Jahr mehr Produkte und Werte geschaffen. Allein in den 60er-Jahren war eine Steigerung von 50 Prozent zu verzeichnen (Michael Schlecht, FR, 27. Jan. 2007). Dadurch fiel die veränderte gesellschaftliche Altersstruktur nicht mehr ins Gewicht. Die steigende Produktivität hat also den demographischen Wandel mehr als ausgeglichen, wobei noch anzumerken ist, dass in jener Zeit auch massiv die wöchentliche Arbeitszeiten verkürzt wurden. Auch in Zukunft wird die Produktivität steigen und somit der demographische Wandel auffangbar sein. Michael Schlecht von der Wirtschaftsabteilung der Gewerkschaft ver.di machte in der FR 2007 folgend Rechnung auf: „2006 wurde im Durchschnitt je Einwohner fast 28.000 Euro Reichtum produziert. Selbst bei einem jährlichen Produktivitätsfortschritt von nur einem Prozent und anhaltend hoher Arbeitslosigkeit würde das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung bis 2030 auf 31.500 Euro steigen. Ein Plus von 13 Prozent. Der oberste Rentenkürzer der Republik Professor Rürup geht von einer Produktivitätssteigerung von 1,8 Prozent je Jahr in der Zukunft aus. Das würde bedeuten, würde der erarbeitete Reichtum, auf alle, vom Baby bis zum ältesten Rentner, gleichmäßig verteilt, dass im Jahr 2030 für jeden 38.000 Euro entfallen würde. Etwa 35 Prozent mehr als 2006. Trotz Demographie! Wo ist da eigentlich das Problem?“ Ja, wo ist da eigentlich das Problem? Es liegt nicht im demographischen Wandel und auch nicht in der Ökonomie. Das Problem liegt allein an der einseitigen Verteilung des erarbeiteten Reichtums zu Gunsten der Kapitalisten. Eine höhere Produktivität heißt für das Kapital ganz klar die Steigerung der Profite. Setzt die Arbeiterklasse mit ihren Gewerkschaften nur ungenügende Lohnabschlüsse durch, dann fließen diese Profite unverhältnismäßig stark den Kapitalisten zu. Es findet eine Umverteilung von unten nach oben statt, die noch zusätzlichen Schub erhält durch die neoliberale Politik des Sozialabbaus und durch Steuergeschenke an die Kapitalisten. Das genau ist in den letzten zehn Jahren im Übermaß geschehen. Bei einer wirklich aktiven Lohnpolitik sähe das Bild anders aus. Dazu nochmals Michael Schlecht: „Gelingt es, Lohnsteigerungen mindestens in Höhe des verteilungsneutralen Rahmens durchzusetzen (verteilungsneutral ist eine Lohnsteigerung in Höhe des Produktivitätszuwachses plus der Inflationsrate), könnten die Beitragssätze über die bis 2030 geplante Marke von 22 Prozent steigen. Mit höheren Löhnen und höheren Beiträgen könnten Beschäftigte und Rentner an der wachsenden Leistungsfähigkeit der Arbeit teilhaben. Genau wie in den 50er-, 60er- und auch noch 70er-Jahren. Von 1957 bis heute stiegen die Beiträge von 14 auf knapp 20 Prozent an. Der Verzicht auf die Rente mit 67 würde bis 2030 gerade einmal zu einem um 0,5 Prozentpunkte höheren Beitrag führen.“ Die
Reichen werden reicher Entscheidend für eine Veränderung der derzeitigen Zustände ist die Frage, welche Kraft die Werktätigen in der Lage sind aufzubringen, um eine Umverteilung von oben nach unten zu erzwingen. Diese Kraft war in den zurückliegenden Jahren nicht vorhanden. Die Folge davon ist nicht nur in der manifestierten Armut sichtbar, sondern auch an der Kehrseite der Armuts-Medaille, dem Reichtum in den Händen von Wenigen. So spricht der Armutsbericht der Bundesregierung von inzwischen 800.000 Einkommensmillionären (andere Einschätzungen gehen von eine Million Millionären aus), wobei die Vermögensmillionäre nicht ausgewiesen werden. Es gibt also immer mehr Reiche, die immer reicher werden. Dabei handelt es sich nicht alleine um die Manager, die im Brennpunkt einer öffentlichen Ablenkungsdiskussion stehen. Nach Berechnungen des ver.di-Vorstandes wurden allein in diesem Jahr von deutschen Aktiengesellschaften 27,2 Milliarden Euro an Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet. Soviel, wie noch nie! Eine Diskussion darüber findet öffentlich natürlich nicht statt, denn diese würde für die Bourgeoisie die Gefahr beinhalten, dass über die Vermögensverteilung in Deutschland grundsätzlich diskutiert werden könnte. Aus diesem Grunde werden stellvertretend die Manager vorgeschoben, eine Schicht innerhalb der Kapitalistenklasse, die sich genauso hemmungslos an der Klasse der abhängig Beschäftigten bedient, wie die Bourgeoisie in ihrer Gesamtheit. Nur, bei dieser Spezies ist die Profitgier sichtbar. 5,1 Millionen Euro kassierte im Jahr 2007 im Durchschnitt jeder Vorstandsvorsitzende eines DAX-Konzerns. Alle 30 DAX-Bosse bekommen soviel, wie 4.500 ihrer Arbeiter und Angestellten. An der Spitze liegt bekanntlich Josef Ackermann von der Deutschen Bank mit 14,3 Millionen Euro. Ein Ende der Fettlebe ist nicht abzusehen, denn die Mangergehälter sind im vergangen Jahr drastisch gestiegen und werden das wohl in der Tendenz auch in den nächsten Jahren tun. Zwölf Prozent waren es im Durchschnitt im vergangenen Jahr. Bei Infineon, Daimler, BMW, Merck und TUI waren es sogar fast 50 Prozent. In der Tat sind das schamlose Größenordnungen, vor allem, wenn man gleichzeitig die soziale Lage der Bevölkerungsmehrheit betrachtet. Hier müsse die Politik steuernd eingreifen, fordern die Gewerkschaften. Die Politik reagierte darauf und griff mit vielen Appellen an Anstand und Moral in das Geschehen ein. Angefangen beim Bundespräsidenten, der Merkel und den Spitzen (fast) aller Parteien. Und sie überboten sich mit Vorschlägen, wie dem Problem beizukommen sei, die bei den betroffenen Managern allerdings nicht einmal ein müdes Lächeln hervorgerufen haben dürften. So zum Beispiel der Vorschlag, die Gehälter gesetzlich ab einer bestimmten Höhe zu deckeln. Ein Vorschlag, der im Widerspruch zur kapitalistischen Verfasstheit der Bundesrepublik steht und deshalb nicht ernst gewesen ist und gewesen sein kann. Geradezu lustig wirken deshalb im Moment die Schelten der Bankmanager und anderer Gierschlunde des Kapitals durch die Offiziellen der Politik. Offensichtlich spüren sie aber die möglichen Gefahren für die Stabilität des kapitalistischen Systems durch die zunehmende Kluft zwischen unten und oben. Es müssen Nebelkerzen gesetzt werden. Nicht die kapitalistische Struktur der Gesellschaft soll als Verursacher der unsozialen Entwicklung im Brennpunkt stehen, sondern die wenigen raffgierigen Manager. Diese tragen ihre Rolle als Sündenbock mit Gelassenheit, was ihnen bei der herausragenden Bezahlung nicht schwer fallen dürfte. Das Ganze ist also nichts weiter als ein groß angelegtes Ablenkungsmanöver. Wollte man tatsächlich etwas tun, könnte man die Spitzensteuersätze ab einem bestimmten Jahreseinkommen beispielsweise drastisch erhöhen. Eine Anhebung auf 80 Prozent hat beispielsweise „Die Linke“ gefordert. Aber das ginge wohl zu weit schließlich soll es ja so bleiben wie es ist. Deshalb ist davon selbstverständlich nicht die Rede. Die
Rolle der Gewerkschaften Die Gewerkschaften haben in den zurückliegenden Jahren immer wieder versucht, den Sozialabbau und die Umverteilung von unten nach oben zu bekämpfen. Erfolgreich waren sie dabei leider nicht. Auch auf ihrem Hauptbetätigungsfeld, der Tarifpolitik, sind die Erfolge dürftig. Nichts zeigt das deutlicher als die Einkommensentwicklung der letzten zehn Jahre. Diese ist, wie schon dargestellt, geprägt von Lohnstagnation und Reallohnabbau. Hinzu kommen interne Probleme, wie Mitgliederrückgang, schwindender Einfluss, selbst in großen Betrieben und die schwindende Bindekraft der Tarifverträge. Darauf wurde in den Jahreskonferenzen der zurückliegenden Jahre mehrmals eingegangen. Die Gewerkschaften befinden sich seit Jahren in einem Erosionsprozess, der ihre Schwäche begründet und der sich beschleunigt. Aufzuhalten wäre er nur, wenn ohne politische Rücksichtnahme auf die Sozialdemokratie und bei Aufgabe ihres staatstragenden Selbstverständnisses die Interessen der Arbeiterklasse offensiv vertreten würden. Doch darauf werden wir wohl vergeblich warten. Hatte es noch während der Schröder-Regierung und in der Anfangszeit der großen Koalition zwischen den Gewerkschaften und der SPD „atmosphärische Störungen“ gegeben, die bei den Gewerkschaften zu der Tendenz geführt hat, sich von der Sozialdemokratie zu emanzipieren, so befinden sich DGB und Einzelgewerkschaften inzwischen wieder auf Schmusekurs. Das gilt besonders für die IG Metall. Das Führungsduo Huber/Wetzel betreibt eine solche Politik ganz offensichtlich. Doch dazu noch später. Erleichtert wird eine Wiederannäherung an die SPD natürlich durch deren Politik. Nachdem man sich dort, um der „Linken“ den Wind aus den Segeln zu nehmen, wieder „sozial“ gibt und die gewerkschaftliche Forderung nach der Einführung eines Mindestlohns übernommen hat, scheint für nicht wenige Führungsleute in den Gewerkschaftsvorständen, die Welt wieder im Lot zu sein. Man weiß dabei nicht, ob die dort so dumm sind oder nur so dumm tun. Wahrscheinlich trifft beides zu. An der SPD-Spitze auf jeden Fall ist man nicht bereit, sich grundsätzlich von der Agenda 2010 zu distanzieren. Das gilt umso mehr jetzt, nachdem Kurt Beck aus dem Parteivorsitz gedrängt worden ist. Auch eine Abkehr vom rigorosen staatlichen Sparkurs ist nicht in Sicht und die Forderung nach einem Mindestlohn vertritt man nur deshalb, weil man mit der „Die Linke“ konkurriert, die mit dieser Forderung schon lange vor der SPD in die Offensive gegangen ist. Im Grundsatz soll sich nichts ändern. Die einstige Klientel der Sozialdemokratie wird weiter in die Verarmung getrieben. Damit ist aber auch der weitere Niedergang der Sozialdemokratie vorprogrammiert. Da wird ihr auch die halbherzige Unterstützung der Forderung nach einem Mindestlohn nichts nützen. Die Gewerkschaften aber werden, wenn sie wieder die alte Verbundenheit mit der SPD aufnehmen sollten, in diesen Niedergangsstrudel hineingezogen. Als hätten sie nicht schon für sich allein genug Probleme. Da ist beispielsweise die Mitgliederentwicklung. In allen Gewerkschaften gehen in den nächsten Jahren die mitgliederstarken Jahrgänge in die Rente. Allein bei der IG Metall sind das bis zum Jahr 2012 rund 300.000 Mitglieder. Wenn es den betrieblichen Funktionären nicht gelingt, diesen Aderlass mit der Werbung neuer Mitglieder auszugleichen, kommt das einer organisationspolitischen Katastrophe gleich. Von daher hat Huber schon Recht, wenn er davon spricht, dass die Mitgliederwerbung und die Verbesserung des Organisationsgrades die politischste Aufgabe der IG Metall sei. Es stellt sich dann allerdings die Frage nach dem „Wie“? Wie soll die politischste aller Aufgaben angegangen werden? Darauf hat der IG Metall-Vize Detlef Wetzel eine Antwort. Man will den neoliberalen Profitsteigerungsmethoden der Kapitalisten ein neues Leitbild entgegensetzen: „Besser statt billiger“ lautet das Motto, das laut Wetzel die Betriebsräte bundesweit in die Betriebe tragen sollen. Im Tagesspiegel hat er im Mai d. J. die Vorstellungen, die sein Zuständigkeitsbereich entwickelt hat, dargestellt. „‚Wir erleben eine grundsätzliche Auseinandersetzung industrieller Strategien‘, sagt Wetzel. Auf der einen Seite arbeiteten Unternehmen hochprofitabel und schafften neue Arbeitsplätze, indem sie auf Innovationen, auf Beteiligung der Belegschaften und Kreativität setzten. Auf der anderen Seite operierten viele Unternehmen selbst in Boom-Zeiten an der Verlustgrenze und glaubten, sich nur durch harte Kostenreduzierungen oder Verlagerungen über Wasser halten zu können. Nach Wetzel sollen dann Betriebsräte ‚bei drohenden Werksschließungen‘ durch ‚faire‘ Kostenvergleiche befähigt werden, der Chefetage Alternativen zu präsentieren. Dort, wo das bereits funktioniert, sei die Resonanz in der Mitgliedschaft ‚riesig’.“ Eigentlich fällt einem dazu nicht mehr viel ein. Wetzel will natürlich mitnichten die Arbeiterklasse auf die revolutionäre Betriebsübernahme vorbereiten. Wetzel will das Gegenteil. Er will das Co-Management der Betriebsräte in absolut verschärfter Form. Wetzel sagt, dass die IG Metall in NRW sehr gute Erfahrungen damit gemacht habe. Die hat man allerdings auch anderswo gemacht. In ganz herausragender Weise hat dieses Co-Management beispielsweise im VW-Konzern funktioniert. Und mit Sicherheit war auch die Resonanz bei der VW-Belegschaft „riesig“, als sie von den Lustreisen ihres BR-Vorsitzenden Volkerts erfuhr. Nun muss die Kungelei von Betriebsräten mit Unternehmensvorständen nicht die Ausmaße der Wolfsburger Ereignisse annehmen. Aber sicher ist, dass Betriebsräte und Gewerkschafter, die Hand in Hand mit Unternehmensleitungen Strategien gegen konkurrierende Unternehmen entwickeln, objektiv gegen die Interessen der in diesen Unternehmen beschäftigten Arbeiter und Angestellten handeln. Und zwar gleichgültig, ob im Inland oder Ausland. Auch ist mehr als zweifelhaft, dass eine solche BR-Politik den eigenen Kollegen nutzt. Ein Betriebsrat und eine Gewerkschaft, der und die in die Unternehmenspolitik der Kapitalisten eingebunden ist, wird sehr viel Verständnis für die betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten der Kapitalseite aufbringen und sich bei Personaleinschnitten sicherlich nicht verweigern solange sie sozialverträglich abgefedert sind, natürlich! Wursteln
ohne Klassenstandpunkt Wie mit einer solchen Strategie, die den Begriff „Solidarität“ nicht kennt, neue Mitglieder gewonnen werden sollen, bleibt dem Außenstehenden verborgen. Auf die Idee, dass Menschen vielleicht schneller über eine konfliktorientierte Strategie den Weg zur Gewerkschaft finden könnten, kommt Wetzel erst gar nicht. Tröstlich ist immerhin, dass er sich laut Tagesspiegel „im Übrigen an der Seite von Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht, die kürzlich auch betont habe, ‚dass die deutsche Volkswirtschaft über eine Besser-Strategie funktioniert und nicht mit billig‘“. Aber die Kampagne „Besser statt billiger“ ist bei Leibe kein Alleingang Wetzels. Hinter ihr steht in gleichem Maße auch der Vorsitzende Huber. Auf der Bezirkskonferenz des größten IG Metall-Bezirks NRW, hat er im August dieses Jahres in einem Grundsatzreferat sein politisches Credo abgelegt. Im Hinblick auf die alte Arbeiterbewegung führte Huber aus, „dass viele alte Gewissheiten heute nicht mehr tragen“. Damit meinte er das sozialistische Endziel. Er erklärte dann seine Erkenntnis folgendermaßen: „Die Versuche zur Errichtung nichtkapitalistischer Gesellschaften sind gescheitert.“ Er schränkte dann immerhin etwas ein und meinte: „Ich sage nicht, dass der Kapitalismus das letzte Wort der Geschichte ist. Aber: Heute geht es um etwas anderes“. Nach Huber geht es um zwei Entwicklungswege. Der erste ist der neoliberale und marktradikale Kapitalismus, der den „alten Grundkonsens der Bundesrepublik in Frage stellt“. Und der zweite Weg ist der des „Ausgleichs, der Verteilungsgerechtigkeit, der Bildung, der Innovation und der Nachhaltigkeit sowie der akzeptierten Mitbestimmung und lebendigen Demokratie.“ Nach Huber sind „beide Wege kapitalistisch. Wirtschaftlicher Erfolg ist auf beide Weisen möglich. Heute geht es darum: Welcher Weg setzt sich durch!?“ Damit ist der Weg eindeutig beschrieben, den die neue Führungsriege mit der IG Metall gehen will. Mehr als den Kapitalismus mitgestalten und von den Kapitalisten als Partner akzeptiert werden, will man nicht. Neu ist dieser Weg nicht. Auch in den 60er- und 70er-Jahren stand der Mitgestaltungsanspruch in den Programmen der Gewerkschaften. Aber immerhin verstand man sich damals als Gegenmacht zur realen Unternehmermacht. Huber und Wetzel rücken dafür heute das „Co-Managment-sein-wollen“ an die Stelle des „Gegenmacht-sein-wollen“. Der Weg ist verhängnisvoll und auch illusorisch und wird der IG Metall schaden. Es ist der Weg der IGBCE, bei der die Kooperation mit dem Klassengegner die Gewerkschaft fast bis zur Unkenntlichkeit verkommen lassen hat. Wenn Ausgleich und Kooperation mit dem Gegner im Vordergrund stehen, meidet man möglichst die Konfrontation. Dann hofft man auf die Vernunft des „Sozialpartners“ und dann glaubt man daran, mit Argumenten mehr zu erreichen als mit gewerkschaftlicher Aktion, sowohl bei den Gegnern in den Verbänden und Betrieben, als auch in Parteien und Regierung. Zwar schließt die IG Metall-Spitze den gewerkschaftlichen Kampf nicht grundsätzlich aus. Aber wer von „akzeptierter Mitbestimmung“ und „lebendiger Demokratie“ faselt, wer Appelle an die Kapitalisten richtet, doch bitte „die Arbeitnehmer besser zu behandeln und wertzuschätzen“, wie das Wetzel getan hat, der wurstelt ohne Klassenstandpunkt vor sich hin und fährt die Karre in den Dreck. Auch wenn Huber meint, dass „viele alte Gewissheiten heute nicht mehr tragen“, so besteht doch heute weiterhin, genauso wie gestern, der Grundwiderspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Aneignung deren Ergebnisse. Daraus leiten sich alle anderen Widersprüche, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, ab auch die Massenarbeitslosigkeit und die neue Armut. Huber und Wetzel negieren diese wissenschaftlichen marxistischen Erkenntnisse und werden deshalb Schiffbruch erleiden. Es geht nicht darum, den Weg der kapitalistischen Entwicklung zu beeinflussen und die zivilisiertere der beiden Möglichkeiten kritisch zu begleiten. Es geht vielmehr darum, gegen die kapitalistischen Angriffe Widerstand zu organisieren, damit sich bei den abhängig Beschäftigten Klassenbewusstsein entwickeln kann, das schließlich die Möglichkeit eröffnet, den kapitalistischen Grundwiderspruch zu überwinden. Aber vielleicht werden schon in der kommenden Tarifrunde im Herbst die beiden auf den Boden der kapitalistischen Realität zurückgeholt. In der Beziehung ist auf die Kapitalisten meistens Verlass. In einem Interview hat Huber angekündigt, dass ein Abschluss über vier Prozent (was wiederum Reallohnverlust bedeuten würde) liegen müsse. Gesamtmetallchef Kannegießer dagegen sieht aufgrund der konjunkturellen Entwicklung kaum Spielräume. Das Handelsblatt sah deshalb schon vor dem Zusammenbruch der Finanzsysteme eine harte Tarifrunde auf die Republik zukommen. Und deshalb ist es durchaus möglich, dass die IG Metall in einen Arbeitskampf gezwungen werden könnte, was auf der einen Seite nicht die schlechteste aller Möglichkeiten, auf der anderen Seite aufgrund der heraufziehenden Krise auch nicht unproblematisch wäre. Verwirrung
auf der ganzen Linie Die Führungen der richtungsangebenden Gewerkschaften meinen heute ihre Traditionen, ökonomische Erkenntnisse und Klassenkampfstandpunkte über Bord werfen zu müssen. Waren diese schon in früheren Jahren wenig ausgeprägt, so sind sie heute für die Gewerkschaftsspitzen obsolet. Eine mögliche sozialistische Umgestaltung der BRD ist für einen Huber, Wetzel, Schmoldt, und wie sie alle heißen, ein unvorstellbarer Weg. Wer solcher Auffassung ist, sucht nach Alternativen. Und diese können nur noch in den Grenzen des kapitalistischen Systems liegen. Deshalb ist es für sie kein Widerspruch, wenn sie sich den Politikvorgaben der Kapitalisten anpassen und meinen, mit einem zweifelhaften „Modernismus“ und mit Co-Mangement, deren Akzeptanz zu gewinnen und wieder zu mehr Einfluss und zu mehr Mitgliedern zu gelangen. Die Verwirrung besteht auf der ganzen Linie, denn politische Illusionen und indifferenten Standpunkte sind nicht nur auf Gewerkschaftskreise beschränkt. Sie findet man auch bei Gruppen, die sich selbst der politischen Linken zurechnen, in noch umfangreicherem Maße. Das ist auch kein Wunder, denn wenn man die marxistische Gesellschaftswissenschafte für tot erklärt hat, muss man notgedrungen die Welt neu erfinden. Auch hier sucht man nach Ansätzen, die gesellschaftlichen Deformationen auf dem Boden und innerhalb einer kapitalistisch strukturierten Gesellschaft zu beseitigen. Als Stichwort sei hier das bedingungslose Grundeinkommen (bGE) genannt, das sich einer breiten Diskussion erfreut. Die Linksfraktion im Bundestag teilt zwar das Ziel der Einführung eines bGE nicht, sie verfolgt das Modell der bedarfsorientierten Grundsicherung. Einzelne Abgeordnete halten aber weiter an dem bGE fest, wie zum Beispiel die stellvertretende Parteivorsitzende Katja Kipping, was zu einer regen Diskussion in der Partei „Die Linke“ führt. An der Auseinandersetzung sind führend die Strömungen „Emanzipatorische Linke“, die „Sozialistische Linke“ sowie Bundes- und Landesarbeitsgemeinschaften „Grundeinkommen“ beteiligt. Ronald Blaschke, Philosoph und Zuarbeiter Kippings, sieht in dem bGE neben der Armutsbeseitigung vor allem das emanzipatorische Element. In einem Papier aus dem Jahre 2006 schreibt Blaschke: „Unter Emanzipation verstehe ich die fortschreitende freie (also selbst bestimmte) Verfügung aller Menschen über das eigene Leben. Ein bGE ermöglicht die weitgehende freie Verfügung aller Menschen über das eigene Leben“. Und Blaschke definiert dann auch, was er unter einem Grundeinkommen versteht, nämlich, „ein allen Menschen individuell zustehendes und garantiertes, in die Existenz sichernder Höhe (Armut verhindernd, gesellschaftliche Teilnahme ermöglichend), ohne Bedürftigkeitsprüfung (Einkommens-/Vermögensprüfung), ohne Arbeitszwang und -verpflichtung bzw. Tätigkeitszwang und -verpflichtung vom politischen Gemeinwesen ausgezahltes Grundeinkommen“. Blaschke verfolgt mit seinen Überlegungen also das Ziel, unter Fortbestand der kapitalistischen Eigentums- und Machtverhältnissen, so etwas ähnliches wie den Kommunismus einzuführen. Auf die Finanzierung des bGE geht Blaschke nicht ein. Vielleicht deshalb, weil es in der Diskussion eine Menge von Finanzierungsbeispielen gibt, die beweisen, dass ein bGE möglich ist. Zur Durchsetzung der Forderung meint er immerhin, „die praktische Einführung des bGE (wird) nicht vom Himmel fallen. Der Diskurs muss offensiv und gemeinsam mit den Menschen in unterschiedlichen Interessenlagen geführt, die Einführung des bGE politisch erkämpft werden“. Über die Frage, wie der politische Kampf dafür aussehen muss, lässt sich Blaschke in dem Papier nicht aus. Doch aus der Betrachtung des gesamten Kontextes, kann er nur meinen mit außerparlamentarischen Aktionen und parlamentarischen Mehrheiten. Blaschke und die Vertreter des bGE sind Illusionisten. Sie haben sich in die Einzelheiten ihrer Modelle eines bGE dermaßen verrannt und geradezu verliebt, dass sie die Klassenstruktur der Gesellschaft und den Klassencharakter des Staates völlig vernachlässigen. In dem Punkt ähneln sie den historischen Frühsozialisten, die ebenfalls mit phantastischen Gesellschaftsmodellen das Proletariat und die gesamte Menschheit aus dem Elend erlösen wollten. Was daraus wurde, wissen wir heute! Die
Vertreter des bGE, und insbesondere die „Emanzipatorische
Linke“, verstehen unter „bedingungslos“,
dass tatsächlich alle
Menschen keinerlei Arbeitszwang unterliegen dürfen. Eine solche Forderung findet natürlich durchaus eine Resonanz bei Arbeitslosen und Hartz IV-Empfängern, die staatlicherseits mit manchmal schikanösen Methoden zur Annahme jeglicher so genannter zumutbarer Arbeit gezwungen werden. Dass ein solcher Arbeitszwang insbesondere von der Linken nicht akzeptiert werden kann und politisch mit allen Mitteln bekämpft werden muss, bedarf keiner Diskussion. Er ist nicht nur für die davon Betroffenen eine Demütigung, sondern er hat die objektive Funktion, die Arbeiterklasse zu disziplinieren, die Konkurrenz innerhalb der Klasse zu verschärfen und sie damit zu spalten. Die Hartz-Gesetze entsprechen damit ganz klar der Interessenlage der Kapitalisten. Und insoweit ist die Forderung nach Beseitigung eines solchen Arbeitszwangs für Linke natürlich eine Selbstverständlichkeit. Die Vertreter des bGE wollen aber darüber hinaus. Sie wollen jeglichen Zwang zur Arbeit abschaffen (unter Beibehaltung der kapitalistischen Produktionsweise). Abgesehen davon, dass es in jeder Gesellschaft, auch in einer kommunistischen, den Zwang gibt, die erforderlichen Mittel zum Leben und Überleben zu erarbeiten, ist die Forderung, innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft den Zwang zur Arbeit abzuschaffen, geradezu absurd. Der Kapitalismus kann nur durch den Arbeitszwang existieren. Im Kapitalismus besteht der Zwang zur Lohnarbeit für all diejenigen, die über kein Kapital, und damit über keine Produktionsmittel verfügen. Nur mit der erzwungenen Lohnarbeit sind sie in der Lage ihre Existenz zu sichern und sich zu reproduzieren. Ein bGE, wie es sich Blaschke und Genossen vorstellen, würde den Lebensnerv des Kapitals treffen und ist deshalb innerhalb des kapitalistischen Systems nicht durchsetzbar. Schließlich war die Voraussetzung für die Entstehung des Kapitalismus die Enteignung der Produzenten von ihren Produktionsmitteln und der daraus resultierende Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft an einen Kapitalisten. Das lässt sich innerhalb einer bürgerlichen Gesellschaft nicht ändern und schon gar nicht auf parlamentarischem Weg. Die Forderung nach einem bGE ist nicht nur eine Illusion, sondern sie ist auch nicht förderlich für den gemeinsamen Kampf zur Abwehr der Angriffe des Kapitals. Von dieser Seite wird ständig gespalten. Man betrachte nur die regelmäßige Hetze der Kapitalistenpresse, allen voran die Bild-Zeitung. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht über die „faulen Arbeitslosen“ und die „Hartz IV-Betrüger“ geschrieben wird. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass diese Hetze bei den rückständigen Teil der Arbeiterklasse auf fruchtbaren Boden fällt. Nicht wenige übernehmen die Hetze, dass die Arbeitslosen sich auf ihre Kosten ein schönes Leben machen. Die Forderung nach einem bGE begünstigt das und natürlich auch die Möglichkeit der verschärften Hetze. Natürlich haben die Vertreter des bGE dieses Modell aus anderen Motiven entwickelt. Aber objektiv trägt es mit zur Spaltung innerhalb der Klasse bei und schwächt diese, wenn auch nicht entscheidend. Was nicht zu verstehen ist, ist die Ignoranz der Verfechter dieses Modells. Sie weigern sich schlichtweg zur Kenntnis zu nehmen, dass die tatsächliche Macht in der Gesellschaft die Kapitalisten haben, dass der Staat das Instrument eben dieser Klasse ist und dass die Demokratie im Land nur einen formalen Charakter hat. Sie werden wohl resistent gegenüber diesen Erkenntnissen bleiben. Aber das ist unwichtig, denn es hat in der Zukunft keine große Bedeutung. Die heraufziehende Weltwirtschaftskrise wird die Modelle von bGE verdrängen. Die Krise wird gesellschaftspolitische Erschütterungen verursachen und Fragen aufwerfen, die für die Arbeiterklasse von existenzieller Bedeutung sind. Raum für solche Spielereien wie das bGE wird da ohnehin nicht vorhanden sein. Bleiben wird, wenn überhaupt, eine historische Randnotiz, die in wenigen Jahren vergessen sein wird. |
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