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Hilflos gegen die Krise

Die Regierungen haben erwartungsgemäß die Banken- und Finanzmarktkrise nicht im Griff. Schlimmer noch: Zur Quantität des in toxischen Papieren angelegten fiktiven Kapitals im globalen Geldmarkt gibt es immer noch (Stand Mai 2009) keine verlässlichen Angaben. „Wir kennen den Wert der Finanzanlagen in den Bilanzen der Banken nicht.“ sagte das frühere Vorstandsmitglied der Bank of England, Professor Charles Goodhart, in einem Interview mit Die Zeit vom 5. Mai 2009. Dabei dürfte dieser Insider und jetzige Pensionär sich doch jetzt äußern.

Die Folgen für die reale Produktion zeichnen sich nun immer deutlicher ab.

 

1- Kapitalvernichtung und Arbeitslosigkeit am Beispiel Autoindustrie

(Vorbemerkung: Ich konzentriere mich im folgenden auf Beispiele aus Deutschland und den USA, da eine Ausweitung auf andere Länder und Regionen zu ausführlich werden würde.)

„Die Branche hat in den zurückliegenden fetten Jahren enorme Überkapazitäten aufgebaut. Die müssen jetzt an die geschrumpfte Nachfrage angepasst werden.“ (Fiat-Chef Marchionne lt. Spiegel 22/2009, S. 28)

Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands ist im 1. Quartal 2009 um 3,8 % gegen das 4. Quartal 2008 gesunken. Die Wirtschaftsinstitute sagen für das ganze Jahr 2009 eine Abnahme von 6-7 % voraus. Von derartigen quantifizierten Voraussagen ist zwar nicht viel zu halten, die bürgerlichen Ökonomen haben gerade in der neoliberalen Ära fast immer geirrt; doch daß die Rezession noch bedeutend fortschreiten wird, ist nach den gegenwärtig erkennbaren Entwicklungen kaum zu bezweifeln (siehe Grafiken auf dieser Seite).

Die Überkapazitäten in der Autoindustrie führten nicht nur General Motors und Chrysler in die Insolvenz (nach US-Recht, Chapter 11), sie haben auch schwerwiegende Auswirkungen auf die Zulieferindustrie, und sie werden zu einer Neuformierung der Konzerne nicht nur aber auch in dieser Branche führen müssen.

Überakkumulation auf Kreditbasis führte zu Überkapazitäten (vgl. Arsti Nr. 163, S. 1 ff.), zu in großen Teilen nicht verwertbarem Kapital, das nur – zusammen mit den zugehörigen Arbeitsplätzen – vernichtet werden kann. Eine Anpassung, d. h. eine Verdoppelung der Nachfrage an die Produktionsmöglichkeiten, z. B. durch Abwrackprämie oder entsprechendes für die teureren Segmente würde auch die Regierungen finanziell überfordern – von den ökologischen Auswirkungen zu schweigen. Natürlich spielt sich dieser Prozeß nicht gleichmäßig über alle Branchen, Länder und Konzerne und deren Zulieferer ab. Noch ist nur in einzelnen Fällen erkennbar, welche Firmen (bis auf vielleicht die Markennamen) ausscheiden werden.

Für das Herauslösen von Opel aus dem GM-Konzern wird einige Zeit gebraucht werden. Die USA und Deutschland werden beträchtliche Mengen an Staatsgeldern dafür ausgeben müssen. Der angebliche Investor Magna scheint eher die Rolle des Strohmanns für die russische Sberbank und den Autokonzern Gaz in Nischnij Nowgorod zu spielen. Doch egal welche Summen die Steuerzahler, d. h. vorwiegend die Arbeiterklasse, in den neuen Konzern investieren müssen; egal welchen Lohnverzicht die Konzerne den Lohnarbeitern abpressen: An Kapitalvernichtung und damit Massenentlassungen wird kein Weg vorbei führen.

Der Erhalt der Opel-Standorte ist nur ein Scheingefecht, mit dem Ministerpräsidenten und Berthold Huber, IGM-Vorsitzender, beschäftigt werden. Ob nun eins oder zwei der deutschen Werke stillgelegt, oder ob durch Produktionsverlagerungen Kapazitäten in vier deutschen Standorten vernichtet werden, ist ein politisches, d. h. taktisches Problem. Langfristig werden Arbeitsplätze nach Russland verlagert werden, Gaz soll auf niedrigem technischen Niveau produzieren. Die Löhne sind erheblich geringer als in Deutschland.

Die Vernichtung von Arbeitsplätzen und der Druck auf das Lohnniveau werden auch bei Opel unabwendbare Folgen sein. Zusätzlich sollen 10 % des Kapitals von Händlern und Beschäftigten aufgebracht werden, d. h. Löhne werden nicht ausgezahlt sondern einbehalten und in Kapitalanteile umgewandelt. Ob das eine gute Sparanlage für die Lohnabhängigen wird? Im ganzen also Lohnverzicht, Übereignung von Steuergeld an private Konzerne. Erhöhung von Massensteuern, Kürzungen bei Sozialausgaben und Renten werden die Folge sein, wenn der Wahlkampf erst vorüber sein wird.

Nicht nur Großfirmen wie Arcandor und Banken stellen Ansprüche auf Kapitalhilfen und/oder Bürgschaften an den Staat. In der Öffentlichkeit weniger beachtet sind auch Mittel- und Kleinunternehmen auf der Bettelliste. Mitte Mai waren es rund 1100 Firmen. Die Gründe sind unterschiedlich. Wenn es nur Liquiditätsprobleme sind, könnten staatliche Subventionen zum Erhalt von Kapital und Arbeitsplätzen beitragen. Wenn Überproduktion der Grund der Schwierigkeiten ist, dann werden staatliche Zuschüsse oder Bürgschaften Arbeitsplatzabbau bestenfalls hinauszögern. So werden Zwischenfinanzierungen die Karstadt Kaufhäuser nur dann retten, wenn die Umsätze erheblich gesteigert werden. Danach sieht es aber nicht aus, weil der Massenkonsum ebenfalls schrumpft.

Weniger Produktion führt nicht allein zu Produktionsverminderung bei den direkten Zulieferern der Autoindustrie, sie führt auch zu geringerer Stahlproduktion, zu weniger Transportkapazität auf Straßen, Schienen und Meeren, damit zu nicht ausgelasteten Werften, LKW- und Bahnfabriken usw.

Export

Die exponierte Position Deutschlands als „Exportweltmeister“ zeigt ihre Schattenseiten. Der größere Teil der Exporte aus Deutschland (Autos ausgenommen) sind Investitionsgüter. Durch Rationalisierung und „moderate Lohnpolitik“, d. h. kapitalhörige und von Neoliberalismus angekränkelte Gewerkschaften blieben die Lohnstückkosten in Deutschland nahezu konstant. Das schuf Wettbewerbsvorteile und schlug sich in Produktionssteigerungen nieder. Diese Politik rächt sich nun doppelt: Einmal in Überkapazitäten; zum andern in geringer Konsumtionsfähigkeit bei den Massen der Lohnabhängigen. Bei der global einsetzenden Rezession brach der Export im letzten Quartal 2008 ein. Im Maschinenbau betrug der Rückgang im April 2009 58 %. Große Kapazitäten bei Werkzeugmaschinenherstellern liegen vermutlich für lange Zeiträume brach.

Diese Branche ist so eindeutig exportabhängig, daß selbst eine höhere Nachfrage aus dem Inland (wo sollte die aber herkommen?) keine Auslastung bringen könnte. Ob technologische Vorteile der deutschen Herstellerfirmen die Krise überdauern werden, ist nicht sicher.

Ein Teil der Abnehmerländer, der in geringerem Maße von der Krise betroffen ist (Indien, China), kann nur einen kleinen Teil der Kapazitäten in Produktion halten.

Zusätzlich droht die Gefahr des Protektionismus. Alle Regierungen haben zuletzt auf dem G20-Gipfel in London beteuert, daß sie am Freihandel festhalten wollen. Inwieweit diese Vorsätze haltbar sind, ist eine andere Frage. Schon jetzt intervenieren in den USA Senatoren beider Parteien für den Schutz von Industrien in ihren Staaten. Die Parole „buy american“ oder „buy british“ ist populär.

Bisher (Stand Ende Mai) haben nach öffentlich zugänglichen Angaben die Maschinenherstellerfirmen keine Entlassungen bei der Stammbelegschaft vorgenommen. Es sei zu teuer und zu langwierig nach überstandener Krise den Bestand an qualifizierten Lohnarbeitern wieder aufzubauen, heißt es als Begründung. Man versuche mit Kurzarbeit durchzukommen. Weniger öffentlich wird, daß Entlassungen von Stammarbeitskräften mit z. T. langer Betriebszugehörigkeit wegen hoher Abfindungen und langer Kündigungsfristen teuer und langwierig sind. Wie lange das Kapital diese Strategie durchstehen kann, bleibt abzuwarten. Nicht zuletzt wird es von den Banken abhängen, die mit Krediten die Auftragsflaute überbrücken müßten.

Entlassen wurde natürlich auch in der Auto- und Exportindustrie. Zum einen bei den insolventen Firmen; zum andern traf es Leiharbeiter und solche in befristeten Arbeitsverhältnissen und Scheinselbständige.

Konsum

Bis vor kurzem hieß es noch, die deutschen Verbraucher würden ihre Konsumfreude und -gewohnheiten beibehalten. Das scheint Zweckoptimismus gewesen zu sein. „Im ersten Quartal haben die Ladenbetreiber nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 3,1 % weniger umgesetzt als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Konsumforscher befürchten, daß sich die Kauflaune angesichts steigender Arbeitslosenzahlen weiter eintrüben wird.“ (lt. SZ v. 5. Mai 09)

Daß der Gesamtkonsum im 1. Quartal 2009 noch leicht zunahm, liegt an subventionierten Käufen von Autos gegen Abwrackprämien im Segment preiswerter Kleinwagen.

Die alte Gesetzmäßigkeit des Krisenablaufs setzt sich auch in dieser Beziehung durch. Entlassungen und Lohnkürzungen u. a. durch Kurzarbeit senken die Masseneinkommen, die Umsätze der Konsumgüterproduktion sinken und damit setzt sich die Überproduktionskrise auch in diesen Teil der Produktion (Abteilung 2) fort und wirkt zurück auf Abteilung 1 (Produktionsmittelherstellung).

Auch die Konjunkturprogramme zur Unterstützung der Nachfrage, vor allem die „Abwrackprämie“ vermochten das vielleicht etwas einzuschränken aber nicht aufzuhalten. Außerdem wird es sich bei einem großen Teil der Autokäufe gegen Prämie um vorgezogenen Konsum handeln. Dafür werden künftig weniger Autos gekauft.

Es ist zu erwarten, daß die Arbeitslosigkeit weiter steigen wird. Die ersten Massenentlassungen sind bereits angekündigt: Schaeffler/Continental, Thyssen/Krupp, Karman u. v. a. werden tausende Lohnarbeiter auf die Straße setzen. Inwieweit die berechtigte Angst der noch ungekündigten Arbeiter und Angestellten weitere Konsumzurückhaltung und höhere Sparneigung verursachen wird, ist, wie alle mit Psychologie zusammenhängenden Probleme, schwer einzuschätzen.

 

2. Finanzmarkt

„… wie das zinstragende Kapital überhaupt die Mutter aller verrückten Formen ist, so daß z. B. Schulden in der Vorstellung des Bankiers als Waren erscheinen können“ (Marx, Kapital Bd. 3, Kap. 29)

Banken und andere Finanzinstitute halten weiter mit Krediten zurück. Das hat unmittelbare und mittelbare Folgen für die Realwirtschaft:

Akkumulation in der realen Wirtschaft wird in normalen Zeiten ganz oder teilweise über Kredit finanziert. Ohne Kredit sind sie nicht möglich. Dasselbe gilt für die Finanzierung von Großprojekten oder für Zwischenfinanzierungen. Das mag sich z. Zt. noch nicht so auswirken, weil bei Umsatzrückgängen ohnehin weniger Kapital akkumuliert wird, aber längerfristig hält es die Akkumulation in engen Grenzen.

Der gesamte Handel erfordert laufend Kreditvorgänge. Wenn der Produktionsbetrieb an den Zwischenhändler liefert, entsteht in der Regel ein Kredit usw. Kreditzurückhaltung macht selbst normale Lieferungen schwierig. Die Geschäftsabwicklung wird schwierig, teuer und unsicher.

Ein großer Teil des Umsatzes an langfristigen Konsumgütern wird durch Konsumentenkredite finanziert. Diese sind z. Zt. sehr viel schwieriger und teurer zu bekommen. Auch das trägt zu rückläufigem Konsum bei.

Der Staat muß also den Banken und anderen Finanzdienstleistern helfen, das Kreditgeschäft wieder in Schwung zu bringen – wenn das kapitalistische Gesellschaftssystem beibehalten werden und wieder funktionieren soll. Was wie eine Hilfe aussieht, bringt eher die Macht des Finanzkapitals zum Ausdruck. Weil ohne das Finanzkapital nichts geht, muß die Gesellschaft diesem zu Willen sein. Das wird brutal ausgenutzt. Die Bourgeoisie und ihre Politiker sind gezwungen, die Steuergelder der Arbeiterklasse zum Ausgleich der Fehlspekulationen heranzuziehen.

An der Macht des Finanzkapitals ändert sich auch durch die „Verstaatlichungen“ nichts. Da geschieht nichts anderes, als daß die Gesellschaft völlig zugrunde gerichtete Finanzinstitute zu überhöhten Preisen kaufen muß.

Die Menge an „Schrottpapieren“ kann niemand genau nennen, deshalb weiß auch keine Bank, ob ein Kredit forderndes Unternehmen oder eine andere Bank nicht schon überschuldet, eigentlich insolvent ist. Nicht nur untereinander haben die Banken berechtigtes Mißtrauen. Auch das produzierende Kapital bekommt weniger Kredit.

Vor allem kleine Mittelständler oder neue Unternehmen klagen darüber, daß sie keine Kredite bzw. nur zu schlechten Bedingungen und hohen Zinsen bekommen.

Zu einem Teil ist die Unsicherheit erklärbar. Immer mehr Anleihen, die vorher als sicher und wenig spekulativ galten, werden nun zweifelhaft, weil die Schuldner u. a. durch die Überproduktionskrise in Schwierigkeiten kommen. Hier schlägt die Entwicklung in der realen Wirtschaft auf das Geldkapital zurück.

Rating-Agenturen

Die Rolle der rating Agenturen ist immer noch wichtig und verheerend. Hatten diese mit übertrieben positiven Bewertungen maßgeblich zum Aufbau der Blase der „subprime“-Papiere beigetragen, so reagieren sie jetzt mit zum Teil abrupten Herabstufungen und verschärfen damit die Finanzkrise. Ob diesen ratings wirklich noch Analysen zugrunde liegen, darf bezweifelt werden. Jedenfalls sind vor allem die drei großen Agenturen (Standard & Poors, Moody‘s und Fitch) zu Antreibern unrealistischer Entwicklungen in beiden Richtungen geworden und weit entfernt davon Schuldtitel und andere Derivate objektiv zu bewerten.

Bewertungsfragen

Trotz aller objektiven Gründe bleiben die Schätzungen über die Höhe der „toxischen Wertpapiere“ stark unterschiedlich. Finanzminister Steinbrück nannte in der Diskussion um „Bad Banks“ einen Gesamtbetrag von 250 Mrd. Euro für die deutschen Finanzdienstleister. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) kommt auf 816 Mrd. Euro. Die Finanzinstitute können oder wollen offenbar die Summe ihrer faulen Kredite nicht angeben.

Ähnliches wird aus den USA berichtet. Der „Stress-Test“ der US-Banken ergab „nur“ rd. 75 Mrd. $ an Trash-Anleihen. Das wäre nicht viel. Fachleute zweifeln diese Ergebnisse aber massiv an.

Zu den neuen Erscheinungen der aktuellen Finanzkrise gehört, daß dank der Deregulierung die in den Bilanzen der Banken aufgeführten „Werte“ nicht mehr viel mit den tatsächlichen Vermögensverhältnissen und damit den Risiken der Unternehmen zu tun haben. Das verstärkt natürlich noch zusätzlich Mißtrauen und Verunsicherung.

Marxisten dürfte das weniger überraschen: „Auch da wo der Schuldschein – das Wertpapier – nicht wie bei den Staatsschulden rein illusorisches Kapital vorstellt, ist der Kapitalwert dieses Papiers rein illusorisch. Man hat vorhin gesehn, wie das Kreditwesen assoziiertes Kapital erzeugt. Die Papiere gelten als Eigentumstitel, die dies Kapital vorstellen. Die Aktien von Eisenbahn-, Bergwerks- Schiffahrts- etc. Gesellschaften stellen wirkliches Kapital vor, nämlich das in diesen Unternehmungen angelegte und fungierende Kapital oder Geldsumme, welche von den Teilhabern vorgeschossen ist, um als Kapital in solchen Unternehmungen verausgabt zu werden. Wobei keineswegs ausgeschlossen ist, daß sie auch bloßen Schwindel vorstellen. Aber dieses Kapital existiert nicht doppelt, einmal als Kapitalwert der Eigentumstitel (…) und das andre Mal als das in jenen Unternehmungen wirklich angelegte oder anzulegende Kapital.“ (Marx, Kapital Bd. 3, Kap. 29). Der „Fortschritt“ gegenüber Marx‘ Zeit besteht darin, daß bei Derivaten und anderen „intelligenten Finanzprodukten“ das fiktive Kapital nicht nur doppelt sondern mehrfach zu existieren scheint.

In Deutschland ist die Hypo Real Estate soweit bis jetzt bekannt der größte Pool an Müllpapier. Wirtschaftler und Politiker schätzen sie als „too big to fail“ ein – also zu groß um sie pleite gehen zu lassen, weil sie sonst andere Firmen, denen sie Geld schuldet, ebenfalls in die Insolvenz reißen würde. Der Fall Lehman Brothers in den USA, wo dieser Effekt ja tatsächlich eintrat, wird als warnendes Beispiel genannt.

Der Steuerzahler, d. h. im wesentlichen die Arbeiterklasse, wird diese Spekulationsverluste übernehmen müssen. Die Diskussion um „Bad Banks“, mit denen dasselbe für die anderen Finanzinstitute vorgenommen werden soll, ist z. Zt. noch nicht abgeschlossen. Es sollen solche Institute für jede einzelne Bank, die das in Anspruch nehmen will oder muß, gegründet werden. Die Finanzierung, d. h. den Kauf der faulen Papiere zu Buchwerten mit einem Abschlag von 10 % übernimmt der Staat über staatlich verbürgte Anleihen. Die jeweiligen Banken müssen Gebühren zahlen. Wenn sie das nicht können, dürfen keine Dividenden ausgeschüttet werden. Die „Bad Banks“ müssen langfristig versuchen, möglichst viel der faulen Papiere noch zu Geld zu machen. Wie viel das sein wird, das wagt niemand zu schätzen. Die Aktion soll maximal 20 Jahre laufen. Wenn am Ende ein „Verlust“ bleibt, was sehr wahrscheinlich ist, soll die ursprüngliche Besitzerin dafür in mehrjährigen Raten haften. Das sind Vorstellungen, die noch nicht Gesetz sind. Ob es bei diesen Vorstellungen bleibt, halte ich für unwahrscheinlich. Nicht nur im Bundestag sondern vor allem in den Lobbies ist noch nichts entschieden.

Daß die Verursacher der Fehlspekulation wenigstens teilweise und der Möglichkeit nach für die Folgen herangezogen werden, könnte einem Linken ja noch gefallen. Es liegt mir fern, diese Leute zu bedauern. Doch ob solche „sauberen“ Banken dann noch Geldkapital bekommen werden um Kredite zu geben oder Großprojekte zu finanzieren, erscheint mir fraglich.

Manches deutet darauf hin, daß dann wieder der Staat das fehlende Eigenkapital zuschießen muß. Dafür werden außer bei der HRE und der Commerzbank noch bei anderen Banken Aktien vom Steuerzahler übernommen. Unter Verstaatlichung hatte ich mir anderes vorgestellt. Ein gutes Geschäft wird es sicher nicht. Welche Summen an Steuergeld dies erfordern wird, ist zur Zeit nicht absehbar.

Auch die Verschärfung der Basel-II-Abkommen, nach dem Banken für Kredite je nach deren Bonität (die aber wieder durch ratings bestimmt wird) einen festen Anteil an Eigenkapital halten müssen, führt vielleicht zu mehr Sicherheit und größerer Vorsicht der Banken bei der Kreditvergabe, doch sie schränkt die Kreditvolumina ein, was durch „verstaatlichte“ Banken verhindert werden soll.

 

3. Folgen der Krise für die „3. Welt“

Die Globalisierung, verstanden als Übernahme neoliberaler Grundsätze durch die Entwicklungsländer, führt jetzt viele dieser Länder in die Katastrophe. Die Subsistenzwirtschaft in zahlreichen Ländern wurde weiter zurückgedrängt, weil WTO, Weltbank und der IWF in der Vergangenheit die Vergabe von Krediten von Auflagen abhängig machten, die diese Länder in die Weltwirtschaft integrieren sollten. Das sollte die wenig industrialisierten Länder zu Wohlstand führen und den Abstand der Lebensstandards zu den industrialisierten Ländern verringern.

Doch die Länder, die dieser Politik folgten, und statt einheimischer Lebensmittel „cash crops“, d. h. Weltmarktprodukte liefern wollten, werden nun durch die fallenden Rohstoffpreise ruiniert. „Für 390 Millionen der ärmsten Afrikaner werde sich das Einkommen um 20 % reduzieren. Die Konsequenz: Hunger, der Millionen von Kindern auf Jahre kaum reversible Schäden zufügt.“ (lt. Sozialismus 4/2009, S. 35)

Bei jeder Rezession werden weniger Erze, Energie, Baumwolle, Nahrungs- und Genußmittel (Kaffee, Kakao usw.) nachgefragt, weil die Industrie bei fallender Produktion weniger von diesen Rohstoffen benötigt und die Massenkaufkraft auch für Genußmittel weniger Absatz zuläßt.

Entsprechend können die betroffenen Länder vor allem Afrikas auch weniger Nahrung, Medikamente, Textilien usw. einführen. Sie werden sich sogar weiter einschränken müssen, auch weil für die Importeure weniger Kredit zur Verfügung steht.

Auch in der Wirtschaftsgeschichte der Industrieländer gibt es Beispiele dafür, daß bei unterbrochener Zufuhr aus Ländern mit Monostrukturen Krisen sowohl in den Herstellungs- wie in den Abnehmerländern ausbrachen wie z. B. bei der Baumwollkrise ab 1861 in Großbritannien und den amerikanischen Südstaaten. Ähnliches droht, wenn auch in anderer Erscheinungsform, in Afrika.

Der Nahrungsmangel nimmt zu, die Zahl unterernährter Menschen wächst.

Bei Fortdauer der Krise in den entwickelten Ländern wird sich die Situation verschlimmern, weil immer weniger Nahrung importiert werden kann.

Zusätzlich werden Arbeitsimmigranten, deren Überweisungen an ihre Familien in den jeweiligen Heimatländern zu deren Lebensunterhalt oder sogar zum Aufbau bescheidener Gewerbebetriebe beitrugen, zurückgeschickt oder arbeitslos.

 

 

4. Globale „Bekämpfung“ der Krise

Die Regierungschefs der 20 wichtigsten Staaten (?) waren sich Anfang April einig. Die Unternehmen, vor allem der Finanzwirtschaft, müssen wieder stärker kontrolliert werden. Die Off shore Steuerparadiese mit geringer bzw. ganz fehlender Aufsicht über die Bilanzen ihrer Briefkastenfirmen werden abgeschafft. Na prima!

Leider können Gesetze für eine Re-regulierung der Finanzaufsicht nicht von internationalen Konferenzen, und seien sie noch so hochrangig besetzt, beschlossen werden; sie müssen von den jeweiligen Nationalstaaten in Gesetzesform gebracht und vor allem international aufeinander abgestimmt werden. Das wäre ein Jahrhundertwerk.

Es wurden Reformkommissionen eingerichtet von denen man seither nichts mehr gehört hat. Das ist kein Wunder bei dieser überaus umfangreichen und komplizierten Materie.

Schon bei der Konferenz in London zeichneten sich zwei recht unterschiedliche Tendenzen ab. Die angelsächsischen Länder zogen liberalere, die kontinentaleuropäischen strengere und präzisere Regeln für die Kontrolle von Banken vor. Osteuropäische Länder schlagen sich auf die Seite der USA und Großbritannien. Abgestimmte Gesetze sind aber bei einer globalisierten Finanzwirtschaft unbedingt notwendig, weil die Spekulanten sie sonst durch Wechsel von einem zum anderen Finanzplatz umgehen werden. Schon jetzt drohen Banker mit der Verlagerung des Finanzplatzes London nach Asien.

Es ist vom heutigen Stand aus unmöglich vorherzusagen ob vom G20- und von den diversen EU-Gipfeln überhaupt etwas herauskommen wird außer Showbusiness. Auch die Pläne der EU haben wenig Aussicht auf Erfolg: „Der west-östliche Widerstand zeigt schon jetzt erste Erfolge: Eine schlagkräftige europäische Aufsichtsbehörde dürfte es in Zukunft kaum geben.“ (Spiegel 23/2009, S. 73) Die Finanzwelt scheint auch vorerst wenig beunruhigt zu sein. Die deutschen Bilanzierungsgesetze sehen nach wie vor alle Möglichkeiten vor, mit denen Unternehmer ihre wahre finanzielle Situation verschleiern oder wenigstens beschönigen können. Der Neoliberalismus ist offenbar etwas schweigsamer geworden; er ist aber weiterhin mächtig.

Der Bekämpfung der Off shore Steuerparadiese war dagegen glänzender Erfolg beschieden: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sollte eine Liste erstellen, die Steueroasen rücksichtslos an den Pranger stellen würde. Die Liste war schnell fertig. Sie enthielt kein einziges Land: „Wer gegenüber der OECD beteuerte, sich künftig an die internationalen Verabredungen halten zu wollen, wurde spontan in den Kreis der vermeintlich Geläuterten aufgenommen.“ spottet selbst der Spiegel (16/2009, S. 72), der bis vor kurzem selbst stramm neoliberale Standpunkte vertrat.

 

5. Deutsche Konjunkturprogramme

Die wesentlichen bereits beschlossenen Gesetze und wem sie hauptsächlich zugute kommen, haben wir in Arsti 163, S. 7, Grafik 4 aufgeführt. Sie belaufen sich nach staatlichen Angaben auf rd. 82,5 Mrd. Euro. Dazu kommen Bürgschaften in Höhe von rd. 100 Mrd. Letztere dürften wegen angekündigten weiteren Hilfen für Banken und Industriebetriebe (Opel, Schaeffler usw.) noch deutlich ansteigen. Wieviel dieser Bürgschaften ausgabewirksam werden, ist nicht abzusehen.

In den nächsten Wochen muß die Bundesregierung einen zweiten Nachtragshaushalt mit neuerlicher Schuldenaufnahme vorlegen. Das dürfte nicht der letzte Nachtragshaushalt bleiben. Es ist die höchste Nettoverschuldung seit Bestehen der Bundesrepublik. Weil der erhöhten Geldmenge kein Gleichwertiges an Waren, an Wert, gegenüber steht, sind inflationäre Entwicklungen in der Zukunft nicht auszuschließen. Auch die Sozialkassen rutschen immer tiefer in die Miesen, weil Beitragseinnahmen geringer und Ausgaben tendenziell höher werden.

Dabei ist die Bundesrepublik bei der EZB und international noch kreditwürdig. Sie muß nur Zinsen in Höhe von wenig über 3 % bezahlen. Andere EU-Länder sind schlechter dran. Griechenland z. B. zahlt über 6 %. Ungarn konnte keine Kredite von Banken mehr bekommen und mußte vom IWF gerettet werden (siehe Grafik 3).

Auch Staaten können zahlungsunfähig werden. Sie müssen dann ihre Schulden streichen oder mindern, ihre Gläubiger also ganz oder teilweise enteignen (aber ohne Entschädigung). Im letzten Jahrhundert kam das in Deutschland zweimal vor.

Dergleichen steht bei uns derzeit noch nicht vor der Tür. Es sollte aber festgehalten werden, daß auch Staatsbankrotte zum Kapitalismus gehören. Schuldenmacher sollten das bedenken.

Programme und Wahlkampf

Die Zahl der Vorschläge zur Beseitigung der Krise und der Vermeidung von Massenentlassungen ist unübersehbar (siehe auch Grafik 4). Daher nur einige Beispiele:

Die Parteien fordern Steuersenkungen. Dabei ist der Staat jetzt schon überschuldet. Das Steuersystem ist zweifellos zu kompliziert und ungerecht. Steuerreform war bisher immer ein Schlachtfeld für die Lobby. Alle Reformen bis heute machten das System noch unübersichtlicher und ungerechter.

Herr Hundt, Arbeitgeberpräsident, fordert Entlastung der Unternehmen von Sozialbeiträgen. Kollege Huber, IGM-Vorstand, fordert einen staatlichen Fonds in Höhe von 100 Mrd. Euro aus dem Unternehmen, die Entlassungen planen (oder dies vorgeben), subventioniert werden sollen. Herr Hundt und Kollege Berthold übersehen, daß die Überkapazitäten dadurch nicht geringer werden. Entlassungen werden also nicht vermieden sondern höchstens hinausgeschoben.

Es gibt zweifellos auch Reformen, die vom Standpunkt der Arbeiterklasse positiv zu bewerten und zu unterstützen sind. Das gilt vor allem für die Verlängerung der Kurzarbeit auf jetzt 24 Monate. Auch das wird den Abbau von Überproduktion nicht verhindern, sie aber für einen großen Teil der Betroffenen erträglicher machen. Dasselbe gilt für andere Vorschläge der Gewerkschaften. Rückführung des Renteneintrittsalters auf 65 Jahre oder weniger, Verbesserung der Möglichkeiten für Altersteilzeit usw.

Aber daß Überproduktionskrisen zur Vernichtung von Kapital und zu Arbeitslosigkeit führen, ist eines der unvermeidbaren Ergebnisse des kapitalistischen Produktionsverhältnisses.

Stand: 2. 6. 2009
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Zur Bundestagswahl

Fast gleichzeitig mit der Bundestagswahl am 27. September erscheint die Herbst-Nummer der Arbeiterstimme. Wir können also die politischen Geschehnisse bis dahin nicht mehr behandeln. Da bleibt uns nur eine kurze Betrachtung aus heutiger Sicht, vier Monate vorher. Dabei kann sich durch die Zuspitzung der Weltwirtschafts- und Finanzkrise noch manches ändern.

Als Marxisten wissen wir, dass sich durch Wahlen in der bürgerlichen Gesellschaft nichts grundlegendes ändern wird, weder an den Macht- und Ausbeutungsverhältnissen zwischen der herrschenden Kapitalistenklasse und den ausgebeuteten Lohnabhängigen, noch kommen solche Wahlen wirklich demokratisch zustande, angesichts der Medienmacht und des Geldeinsatzes der systemtragenden Klasse und ihrer Parteien.
Doch obwohl sich die Parteien politisch immer mehr einander angleichen, gibt es noch gewisse Unterschiede, den Traditionen und der jeweiligen Klientel angepasst, wo über die leeren Versprechen hinaus deren Interessen vertreten werden. Obwohl gerade unter Krisenbedingungen die ungünstigen Verhältnisse den Spielraum der Parteien einengen und alle potentiellen Regierungsparteien die Krisenlasten auf die Massen abwälzen werden, wird das Wahlergebnis den Rahmen für zukünftige gesellschaftliche und gewerkschaftliche Auseinandersetzungen neu abstecken. In den zwar schwindenden, aber trotzdem noch vorhandenen Unterschieden der Parteien liegt die aktuelle Bedeutung von Wahlen, die wir trotz der generellen Rechtstendenz beachten und nützen sollten.


Verschleiern, verschieben
Im Mai ergaben die Umfragen zur Wahl, trotz Wirtschaftskrise, ein sich wenig änderndes Bild: CDU/CSU 37%, SPD 27%, FDP 13%, Grüne 9%, Die Linke 10%. Die restlichen 4% entfallen auf kleinere Parteien und auf Rechtsradikale. Sollte die Krise sich dramatisch verschärfen und vor allem die Arbeitslosigkeit zunehmen, wird das größeren Einfluss auf das Wahlergebnis haben. Es ist frappierend, dass ein beträchtlicher Teil der Menschen den Ernst der Lage noch nicht erkannt hat, was eben erst der eigenen Erfahrung bedarf. Das ist auch der Grund, wenn immer noch vom „Kaufrausch“ bestimmter Kreise berichtet wird. Viele rechnen auch mit einer baldigen Besserung der Lage. Die etablierten Parteien versuchen trotz des anwachsenden finanziellen Desasters, die Tatsachen zu verschleiern und davon abzulenken, dass das dicke Ende erst noch kommt, wenn die Konjunkturprogramme, Staatsgarantien, Bankstützungen und Haushaltsdefizite zur Zahlung fällig werden. Die lohnabhängigen Massen und kleinen Leute werden, den Machtverhältnissen nach, die größten Opfer für das Fiasko des kapitalistischen Systems aufgebürdet bekommen.
Vorläufig hat die Große Koalition es verstanden, die Menschen relativ ruhig zu halten und ihnen mit einer Anzahl Maßnahmen Sand in die Augen zu streuen: sage und schreibe fünf Milliarden Euro wurden für die Auto-„Abwrackprämie“ zur Verfügung gestellt, was großen Anklang fand. Eine, wenn auch geringe, Rentenerhöhung wurde beschlossen (die der Staat Jahre danach wieder verrechnet), ebenso eine Rentengarantie (für die sich wohl niemand verbürgen wird). Das Kindergeld wurde erhöht, die alte Entfernungspauschale gilt wieder, eine 10-Milliarden-Steuersenkung wurde angekündigt. Während den Kommunen bereits das Steueraufkommen wegbricht, beschließt die Bundesregierung Konjunkturpakete, z.B. zwei Milliarden für Bayern. Das Kurzarbeitergeld (auf das eine Million Menschen angewiesen ist) wurde auf 24 Monate verlängert. Dies beschert der Bundesagentur ein riesiges Loch, das die Beitragszahler später wieder füllen müssen. Die Münchner Regierung hat nun für Bayerns Beamte die 40-stündige Arbeitszeit um zwei Stunden verkürzt, um den Gleichstand mit den Angestellten wieder herzustellen. Ein weiterer populistischer Akt bestand darin, das Nichtrauchergesetz in Bayern wieder zu lockern. Man merkt, die CSU hatte Angst, bei der Europawahl die 5%-Hürde nicht zu überspringen; dabei fallen dann die gesundheitspolitischen Argumente unter den Tisch.
Insgesamt ist es der Berliner CDU/CSU-SPD-Regierung schon gelungen, mit kleinen „Wohltaten“ davon abzulenken, dass nach der Bundestagswahl der bittere große Zahltag beginnt. Fraglich ist, ob sie das noch monatelang durchhalten kann. Momentan überwiegt noch die Meinung in der Bevölkerung, die Regierung könne die Krise in den Griff bekommen. So sind 63 Prozent für die von der Union propagierte Steuersenkung, 33% sind dagegen. Dabei liegen gewaltige Zahlen auf dem Tisch, wenn sie auch bei weitem nicht das ganze Ausmaß der Finanzkrise widerspiegeln. Nach Steinbrück steigt die Nettokreditaufnahme 2009 auf 50 Milliarden Euro und 2010 auf 80 Milliarden. Bis 2013 wird die Gesamtverschuldung des Staates auf zwei Billionen Euro angestiegen sein. Die Steuereinnahmen könnten bis dorthin um 350 Milliarden Euro geschrumpft sein, bei gleichzeitigen Mehrausgaben durch Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und vermehrte Zuschüsse an die Bundesagentur für Arbeit (20 Milliarden erwartetes Defizit).
Gibt es auch gegen Betriebsschließungen, Entlassungen und gegen die Art der „Krisenbewältigung“ durch die Politik hin und wieder Widerstand und Demonstrationen, so herrschen doch mehrheitlich immer noch Ignoranz, Fatalismus und ein Bewußtsein der Alternativlosigkeit vor. Leider geht auch die Losung „Das ist nicht unsere Krise“ daneben, denn ausbaden müssen wir sie. Auch sollte es nicht heißen: „Dieser Kapitalismus muss weg“, sondern: „Der Kapitalismus muss weg“. Es gilt aufzuklären, dass die Ursache für diese große Krise im System liegt und nicht nur in einigen Fehlern des Systems. Nachdem auch der Bankier Josef Ackermann äußerte, dass „wir in vielen Ländern soziale Spannungen bekommen“ könnten, ist Kanzlerin Merkels Protestschrei gegen die bloße Einschätzung, soziale Unruhen würden drohen, verstummt. Nach einer Umfrage haben 72% davor Angst, 54 Prozent hielten soziale Spannungen für möglich, ein Drittel sagte sogar, sie würden sich daran beteiligen. Doch mit der gegenwärtigen Stimmung hat das noch nichts zu tun, dafür ist die Situation noch nicht herangereift. So gibt es auch nicht die massenhafte Empörung und Militanz, die eine soziale Bewegung ausmacht. Wenn nicht Unerwartetes geschieht, kann zur Bundestagswahl keine Partei – auch nicht Die Linke – mit der Rückenstärkung durch eine soziale Bewegung antreten. Wenige Großdemonstrationen und einige Streiks reichen dazu nicht aus. So wird die Bundestagswahl wohl im Zeichen der Weltwirtschaftskrise stehen, jedoch nicht von deren wirklichem Ausmaß und Wucht bestimmt sein.
Nach der völkerrechtswidrigen Aggression gegen Jugoslawien, unter der Verantwortlichkeit von SPD und Grünen, führt nun Deutschland seit mehreren Jahren Krieg in Afghanistan. Trotz Verschärfung der Lage, mehr deutschen Toten und keinerlei Aussicht auf ein Ende, stehen alle Bundestagsparteien – außer der Linken – für eine Fortsetzung an der Seite der USA. Für die Bevölkerung wird dieser Krieg am Hindukusch weitgehend als eine Art „Polizeiaktion“ dargestellt, daher reagiert sie mit wenig eigener Betroffenheit. Der Einfluss auf die Wahlen ist deshalb gering, was bei der deutschen Vergangenheit kein gutes Zeichen für die Befindlichkeit der bundesrepublikanischen Gesellschaft ist. Sollte durch die Ereignisse selbst die Kriegsgegnerschaft anwachsen, so ist es wie mit den drohenden „sozialen Unruhen“: Die Innere Aufrüstung ist längst im Gange, Schäuble sei Dank! Die Zugriffe auf Daten, die Verschärfung der Versammlungsgesetze, die Übergriffe der Polizei bei Demonstrationen, die Aufrüstung der Polizei mit noch moderneren Waffen (Taser), der Einsatz der Bundeswehr im Inneren wie beim Obama-Besuch, die Ausspähung der Beschäftigten in den Großbetrieben … Die Liste ließe sich fortsetzen! Die Verantwortlichen von Union, SPD und FDP stehen zu diesen teils illegalen Praktiken, während sie die Bürgerrechte anlässlich des 60. Jahrestages der Grundgesetzerklärung wohlfeil im Munde führen.


Zwei Varianten bürgerlicher Herrschaft
Der Wahlgang im September wird bestimmt werden vom Fortgang der Krise und vom Zustand der Parteien. Schon heute ist sicher, dass keine Partei die absolute Mehrheit erreichen wird. Sicher ist auch, dass es keine „linke“ Koalition geben wird. Abzusehen ist, dass zwei Koalitionsmöglichkeiten das Wahrscheinlichste sind: 1. Die Fortsetzung der Großen Koalition CDU/CSU und SPD. 2. Eine Rechtskoalition zwischen CDU/CSU und FDP. Das könnte eine ausgesprochen reaktionäre Ära bedeuten. Erinnert sei z.B. an die Kirchhoff-Merkel-Pläne. Eine Rechtskoalition würde den Ausstieg aus der Atom­energie rückgängig machen. Die Pläne zur weiteren Entsolidarisierung der Krankenversicherung liegen bereits auf dem Tisch.
Gleich, welche Koalition an die Regierung kommt, sie findet, durch die Krisenfolgen bestimmt, äußerst ungünstige Verhältnisse vor, mit wenig Spielraum. Das Eintreiben der Krisenkosten wird an erster Stelle stehen und die Adressaten stehen auch schon fest, ganz im Sinne der besitzbürgerlichen Parteien. Trotz allem gibt es zwischen den Parteien noch politische Unterschiede. Die so genannten Volksparteien müssen noch gewisse Rücksichten nehmen, um ihr Wählerpotential nicht zu sehr zu verprellen. Da kommt es auf die Stärke des Widerstands an, gegen die Krisenabwälzung auf die Massen. Bei der SPD muss zumindest teilweise noch Rücksicht auf betriebliche und gewerkschaftliche Belange genommen werden, auch wenn die eisernen Ketten mit den Gewerkschaften starke Brüche aufweisen. Die SPD muss sozialpolitisch auch die Konkurrenz von links fürchten. Nachdem die Grünen eine Ampelkoalition ablehnen, sind sie so oder so auf die Oppositionsbänke verwiesen. Dasselbe gilt für Die Linke, da sie von der SPD als Koalitionspartner auf Bundesebene abgelehnt wird. Ein Sozialdemokrat als eventueller Regierungschef ist damit von vornherein ausgeschlossen, solange dieses Tabu gilt.
Die politischen Unterschiede zwischen den etablierten Parteien sind immer weniger prägnant und ihre Politik wird allzu oft von pragmatischen Erwägungen bestimmt. Bei den Volksparteien kommt dies auch daher, dass im Zeitalter der Moderne ihre Milieus wegbrechen; bei der SPD die Arbeiterschaft, bei der Union die Bauern und die kirchlichen Bindungen. FDP und Grüne werben gleichermaßen um das gutsituierte Bildungsbürgertum und geben vor, Bürgerrechte zu vertreten.
Die CDU als stärkste Partei der BRD hatte Lehren aus ihren Verlusten bei der letzten Bundestagswahl gezogen. Der angekündigte scharfe Rechtsruck á la Kirchhoff-März-Merkel hatte sie damals um den Wahlsieg gebracht. So wird der CDU in der Großen Koalition nun eine gewisse Sozialdemokratisierung nachgesagt. Zusammen mit der CSU ist sie immer noch die Partei der klein- und großbürgerlichen Interessen, mit beträchtlicher Wählerzahl bei Arbeitern und Angestellten. Die Interessensgegensätze entladen sich zur Zeit in der Steuerkakophonie. Der CDU-Wirtschaftsflügel baut auf ein Bündnis mit der FDP und fordert den Wegfall der Erbschaftsteuer und des Solidaritätsbeitrags. Mittelstand und Unternehmen müssten um 40 Milliarden steuerlich entlastet werden. Da dies nur auf Kosten der Lohn-und Gehaltsabhängigen und der Transferbezieher ginge, wäre das nur in einer schwarz-gelben Koalition durchzusetzen. Von der wären auch weitere Angriffe auf die Gesundheits- und Rentenpolitik zu erwarten. Das schließt natürlich nicht aus, dass auch eine erneuerte Große Koalition, angetrieben vom Krisendesaster versuchen würde, Verschlechterungen, besonders sozialpolitischer Art durchzusetzen. Denn wie man es auch dreht und wendet, jede neue Regierung steht unter dem Diktat der kapitalistischen Systemkrise. Die teueren Konjunkturprogramme und Bankenrettungsmanipulationen werden zwar die nächste Blase nicht vermeiden, drücken nun aber wie ein Alb auf das Land. Um eine Inflation zu verhindern, müssten die Steuern und Abgaben gewaltig erhöht werden. Das würde aber einer Konjunkturerholung den Garaus machen. Es liegt auf der Hand, dieser Widerspruch ist systembedingt. Politisch steht fest: „Die nächste Regierung – egal wie sie zusammengesetzt ist – muss den sozialen Bluthund machen“ (Robert Kurz im Freitag). Eigentlich bräuchte sich keine Partei darum reißen, wenn es nicht auch darum ginge, die neue Umverteilungsphase klassenmäßig durchzudrücken. Schon die Forderungen zur nochmaligen Erhöhung der Mehrwertsteuer zeigen, wohin die antisoziale Reise geht.
Besonders bei der FDP überschattet der Drang zur Regierungsbeteiligung alles andere. Es ist grotesk, die Brandstifter des zügellosen Neoliberalismus sind die wahlpolitischen Nutznießer der davon herrührenden Wirtschaftskrise geworden, obwohl ihre Ideologie so offensichtlich bankrott ging. Das Hauptziel der FDP ist die Fortsetzung der neoliberalen Politik mit einigen Bemäntelungen und unter vorübergehender Hinnahme keynesianistischer Einsprengsel. So sammeln sie nun jene ein, vor allem von der Union, die an den alten Ellenbogenverhältnissen der Deregulierung, der Privatisierung und am ungezähmten Marktradikalismus festhalten wollen, denen alle anderen Bundestagsparteien sozial- und wirtschaftspolitisch zu liberal sind. Möchtegern-Außenminister Westerwelle sitzt mit dieser Ausrichtung in seiner Partei fest im Sattel. Das Koalitionsvorhaben mit der Union ist so gut wie abgemacht.


Die Grünen im Abseits
Die Grünen haben inzwischen ein festes Wählerpotential. Es ist dort üblich, sich in der Opposition weiter links zu geben, statt wie zu unseligen Schröder-Zeiten die Kriegsfurie auf Jugoslawien loszulassen. Was ihre ökologischen Anliegen betrifft, so wurde manches davon, teils nur verbal, auch von anderen Parteien übernommen. Bei besserverdienenden Schichten steht sie in Konkurrenz zur „feindlichen“ FDP. Gegen den Afghanistankrieg macht sich nun eine breitere Stimmung bemerkbar. Die Grünen wären bereit, im Herbst mit der SPD zu koalieren, was aber stimmenmäßig nicht ausreichen wird. Eine Ampelkoalition, bei der sie nur Anhängsel wären, lehnen sie ab. Bemerkenswert, dass die Grünen eine Verteufelung der Partei Die Linke nicht mitmachen. Bei den letzten Wahlen profitierten die GRÜNEN vom Niedergang der SPD. Dieses Potential dürfte nun ausgeschöpft sein.


Scheinbewegung der SPD nach links
Bei der SPD wird der Slogan von der „Neuen Mitte“ nicht mehr benutzt. Er hatte sich als Phrase entpuppt. Müntefering und Steinbrück wollen nun das Kunststück fertig bringen, an der Agenda 2010 festzuhalten, an Hartz IV und an der Rente mit 67 und gleichzeitig, sich sozialer zu geben, damit ihnen nicht noch mehr Stammwähler davonlaufen. Mit Mindestlohn, mehr Gerechtigkeit (!) und Mitbestimmung wird ihnen das nur sehr begrenzt gelingen. Auch die SPD-Linke mit Andrea Nahles an der Spitze hält an der Schröder-Politik fest und mit ihrem neuen Projekt „Gute Gesellschaft“ kann sie keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken angesichts der tatsächlichen SPD-Politik. Die Jahrzehnte des Rechtsschwenks, in der die SPD „ihre Seele verkaufte“, (Schröder: „Man kann nicht gegen das Kapital regieren“), sind nicht vergessen. Die Stammwähler blieben deswegen scharenweise zu Hause, die Mitgliederschaft halbierte sich, die Landtagswahlen wie in NRW gingen verloren, in Bayern blieben 18% und in Sachsen gar nur noch 9 Prozent. Heute könnte man sagen, die SPD besteht eigentlich aus mehreren Parteien, von Steinmeier über Schreiner bis zum üblen Kahrs vom rechten Seeheimer Kreis. Doch die Netzwerker und Rechten in der New-SPD haben längst die meisten Posten besetzt und bestimmen mit Müntefering und Steinbrück die Parteipolitik. Mit auf ihr Betreiben ist auch das Projekt Ypsilanti in Hessen gescheitert. Sie halten am Afghanistan-Krieg fest; wie lange noch, bis zum Rückzug? In 10 Jahren? Mindestlöhne, Bürgerversicherung usw., mit welchem Koalitionspartner kann da was zustande kommen, doch nicht mit der von ihnen begehrten FDP? Mit dem Verdikt, im Bund kein Bündnis mit der Linken, gerät die SPD ins Aus oder unterwirft sich der CDU/CSU. In den Gewerkschaften und Betrieben ist die SPD zwar noch verankert, doch das ehemals eiserne Band ist durch ihre Politik zerbrochen. Linke und Grüne haben in den Gewerkschaften ein Stück aufgeholt. Mit Wahlkampf-Geldzuweisungen der Gewerkschaften an die SPD dürfte es nun schwieriger geworden sein. Für die Forderung der SPD: „Zurück zur Sozialen Marktwirtschaft“, gibt es im krisengeschüttelten Kapitalismus keine reale Grundlage mehr.


Auch eine angeschlagene NPD bleibt eine Gefahr
Bei der Bundestagswahl treten auch rechtsradikale Gruppen und Parteien an. Doch trotz des Umschlags der Wirtschaftskrise in eine soziale Krise ist nicht damit zu rechnen, dass die NPD als größtes faschistisches Gebilde die 5 Prozent Klausel überspringt und in den Bundestag einziehen kann. Sie hat zwar Schwerpunktgebiete, besonders im Osten, wo sie bereits das gesellschaftliche Leben beeinflusst und ihre Gegner terrorisiert. Trotz ihrer anhaltenden Gewaltexzesse ist dies jedoch noch nicht zur allgemeinen Erscheinung geworden. Auch ihr Konzept, sich als soziale Biedermänner zu gebärden, findet mancherorts Anklang. Alarmierend ist die Lage schon angesichts von 5.000-6.000 nationalen „autonomen“ Gewalttätern und den ständigen Aggressionen, von Gräfenberg bis zur Sächsischen Schweiz. Selbst gewerkschaftliche Demonstrationszüge werden mittlerweile angegriffen, Gegner im Internet gebrandmarkt. Meist richtet sich das Verhalten von Polizei und Justiz gegen die antifaschistischen Demonstranten statt gegen die Nazis. Politisch ernst könnte es werden, wenn die Arbeitslosigkeit und die Armut so groß werden, dass sich auch Deutsche verstärkt um unqualifizierte Arbeitsplätze bemühen müssen. Manche von ihnen werden dann in ausländischen Arbeitskräften noch mehr Konkurrenten sehen, die ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Momentan ist die NPD organisatorisch und finanziell angeschlagen. Trotzdem: Die faschistische Gefahr ist in Deutschland immer latent!


Unterstützt Die Linke!
Ein Zurück zur sozialen Marktwirtschaft gibt es auch für die Linkspartei nicht, selbst wenn ein Teil von ihr das will. Auch für sie gilt: mit keynesianischen Mitteln kann man die Krise nicht lösen. Organisatorisch hat sich die Partei Die Linke durch den Zusammenschluss von PDS und WASG gefestigt, sie ist nun auch im Westen etabliert. Die aktiven Mitglieder der Linksjugend haben sich z.B. innerhalb eines Jahres von 2400 auf 3400 erhöht. Mit der Zunahme der Mandate und der damit zu vergebenden Posten haben sich freilich auch die parteiinternen Diadochenkämpfe dem in den anderen Parteien üblichen Gerangel angenähert. Politisch ist Die Linke eine Union verschiedener linker Richtungen.
Reformer, Reformisten, Linkssozialdemokraten, Sozialisten und Marxisten streiten für ihre Positionen. Noch ist die Zahl der Eintritte größer, als die der Austritte und Überläufer. Die Europaabgeordnete Sylvia Kaufmann ist nun zur SPD übergetreten. Die verschiedenen Strömungen stehen manchmal in harten Auseinandersetzungen. Wesentlich ist, dass der kommunistischen Minderheit und den anti-kapitalistischen Kräften die Möglichkeiten für politische Arbeit in der Partei und nach außen bleiben. Das Sagen und das Geld aber hat der Apparat, der Posten zu vergeben hat und immer auf Regierungsbeteiligungen schielt. Die Koalition im Land Berlin wird weiter mitgetragen, trotz der umstrittenen Politik und der dafür bei den letzten Wahlen erlittenen Verluste. Insgesamt scheint sich diese Anpassungspolitik fortzusetzen. Sie wird auch in der Anhängerschaft mitgetragen. Das Fehlen des Drucks einer sozialen und politischen Bewegung kommt hier deutlich zum Ausdruck.
Die Weltwirtschaftskrise hat der Linken bisher kaum besonderen Zuwachs an Wählerstimmen gebracht. Ganz gleich, ob sie im September 9 oder 11% erringen wird: dies ist eine Größenordnung, die immer noch wenig in Berlin bewegen kann. Die Partei hat keine Koalitionspartner für Mehrheiten. Ihre Wähler können nicht mit der Durchsetzbarkeit der Politik der Linken rechnen. Wichtig ist es, Druck auf SPD und Grüne auszuüben, sie beim Wort zu nehmen und politisch bloßzustellen. Man kann nur schätzen, aber etwa ein Drittel an Stimmen hätte die Partei mehr, bestünde nicht in Deutschland, dem „Land der Freiheit“, ein unausgesprochener Boykott der Massenmedien gegenüber der Linken. Ob Fernsehen oder Massenpresse, meist wird nur das Negative über die Partei gebracht und ihr Programm und ihr Ziele werden verschwiegen. Ihre vielen Vorschläge und Kritiken werden unterschlagen. Im Fernsehen gibt es nur den Oppositionsführer Westerwelle. Im bürgerlichen Staat ist die Meinung der Herrschenden die herrschende Meinung, wie es Karl Marx ausdrückte. Geld ist Macht und Demokratie ist in diesem Staat nicht für alle da.
Die Linke ist keine marxistische Partei. Sie steht am linken Flügel des bürgerlichen Staates. Wir hoffen, dass sie von aufkommenden sozialen Bewegungen politisch und praktisch befruchtet wird. Wir gehen davon aus, dass sie weiterhin demokratische und soziale Rechte verteidigt und imperialistische Kriege bekämpft. Das Parlament kann dafür als Tribüne der Propaganda genutzt werden. Wir werden die Partei Die Linke verteidigen, aber auch kritisieren, wo es notwendig ist.
Zur Bundestagswahl 2009 treten wir ein für eine kritische Unterstützung der Partei Die Linke.

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Zyklische Krise oder „Zeitenwende“?

Das dicke Ende kommt erst noch!

Das System wankt“, lautete die Überschrift der „Börsenzeitung“ vom 30. September. „Noch ist das Finanzsystem zwar nicht gefallen. Doch es wankt. Und es droht die Realwirtschaft zu erschüttern.“ Das Blatt der deutschen Hochfinanz warnte vor Verhältnissen wie 1931, vor politischer und wirtschaftlicher Destabilisierung.
Es war die Rede von der „Kernschmelze“ im Finanzsystem und dass sie gerade noch verhindert werden konnte, obwohl das längst noch nicht sicher ist. Panik und Ratlosigkeit hatte das Heer von Wirtschaftswissenschaftlern, Politikern und Bankmanagern erfasst, die nicht wahrhaben wollten, dass die Finanzakkumulation weltweit nicht mehr funktionierte. Das neoliberale Weltbild brach erst mal zusammen und man scherte sich nicht mehr um das Geschwätz von gestern. Wer nicht eingeschworen war auf das Verdikt „Der Markt regelt alles“ galt ja bisher schon fast als Verfassungsfeind.
Selbst die zuständigen internationalen Institutionen der kapitalistischen Welt wie IWF und Weltbank, aber auch die Deutsche Bundesbank, waren nicht in der Lage, Vorwarnung zu geben, auch nicht angesichts der Aufblähung des Geldvolumens auf fast das Zehnfache des realen Wirtschaftsvolumens. Börsenjobber, Aktienbesitzer, Banker und Politiker waren wie von einem Rausch befallen, aus Geld noch viel mehr Geld machen zu können. Das beste Beispiel ist der deutsche Großkapitalist und Pharma-Unternehmer Merckle, der noch Monate nach dem Kladderadatsch mit VW-Aktien spekulierte und dadurch 400 Millionen Euro verloren haben soll. Dann hatte er noch die bodenlose Frechheit, zur Rettung seiner dadurch bedrohten Firmen vom Staat Hilfe zu verlangen.
Wenn man von der antikapitalistischen Publizistik absieht, so hatten nur wenige erkannt, welche Folgen die Aufblähung der Aktien- und Immobilienvermögen und die Vermehrung der Kreditderivate um das 30fache seit 2001 nach sich ziehen würde. Dabei war das Platzen der New-Economy Blase (zwei Trillionen Dollar) erst einige Jahre her. Gehört es doch zu den Gesetzmäßigkeiten des kapitalistischen Systems, dass immer wieder riesige Mengen überschüssigen Kapitals nach einer maximalen Rendite suchen und es damit zum Ausbruch systemeigener Widersprüche kommen kann. (Zu den ökonomischen Ursachen der Krise verweisen wir auf die letzten Nummern der Arbeiterstimme Nr. 161, Nr. 159 und Nr. 157.)
Von unerwarteter Seite war die Entwicklung klar erkannt worden: Vom reichsten Mann der Welt, dem Großkapitalisten Warren Buffet, Berater von Obama vor und nachder Präsidentenwahl. Buffet hatte sich gerade jetzt, zum Höhepunkt der Krise, die größte US-Bank Goldman Sachs einverleibt. Für ihn war die riesige Menge an Finanzderivaten, die das sechsfache (!) des Weltsozialprodukts ausmachten, längst Grund genug Alarm zu schlagen. Bush, Green-span und Paulson reagierten jedoch nicht. Für den Oberkapitalisten Buffet waren diese Spekulationsderivate „finanzielle Massenvernichtungswaffen“, die eine „Megakatastrophe“ auslösen könnten. Ein Linker könnte es nicht drastischer schildern. Wie Dominosteine brechen nun Grundpfeiler für die Funktionsfähigkeit des kapitalistischen Systems weg. Die globalisierte Weltwirtschaft gebiert die globale Krise.
Zuerst hieß es, es sei ja nur eine Immobilienkrise hauptsächlich in den USA und die berühre Deutschland kaum. Vom kapitalistischen System sprach außer den „Linksradikalen“ kaum jemand. Bundeskanzlerin Merkel wies im Fernsehen Diskutanten brüsk zurück, wenn sie vom Kapitalismus sprachen. In Deutschland bestehe doch die „soziale Marktwirtschaft“, behauptete, wenig wissenschaftlich, die Regierungschefin, die als Studierte und ehemalige FDJ-Funktionärin bestimmt schon mal was vom „Kapitalismus“ gehört hatte.
Inzwischen hatte sich die „Grundstückskrise“ auf andere Länder ausgeweitet, vor allem auf England und Spanien. Sie entwickelte sich zur weltweiten Finanzkrise mit Bankenpleiten, Kreditsperre, Börsencrash und Massenentlassungen. In Verkennung der Lage meinte der „Macher“, Finanzminister Steinbrück, zuerst noch: „Die Finanzmarktkrise ist vor allem ein amerikanisches Problem“. Nicht lange darauf waren nicht nur die Wall Street und London die Brennpunkte. Der Sturm erstreckte sich über die ganze Welt, ob Deutschland oder Japan, Russland oder Brasilien. Niemand unter den Verantwortlichen zweifelte mehr daran, dass es sich um die schlimmste Krise seit der Großen Depression der dreißiger Jahre handelte, ein Zusammenfallen von zyklischer Krise und Systemkrise. In den 200 Jahren der Ausbreitung des Kapitalismus hat es immer in gewissen Abständen Wirtschaftskrisen gegeben, besonders im 19. Jahrhundert, bis dann im 20. Jahrhundert die Weltwirtschaftskrise 1929 Tod und Verderben brachte. Krisen sind eben nicht allein das Ergebnis gewagter Spekulationen, sondern systemeigen. Die fünf Rezessionsjahre der Bundesrepublik mit einem Rückgang des BIP erstmals 1967 – 0,3%, 1975 – 0,9%, 1982, 1993 – 0,8% und 2003 – 0,2% waren weniger einschneidend. Freilich, wer vor 1967 wie die Linken behaupteten, es gäbe im kapitalistischen System wieder antagonistische Krisen, wurde verlacht und als Idiot verunglimpft.


Die neueste Losung der Neoliberalen: Staatsbankrotte abwenden, Banken und Konzerne mit Steuergeldern stützen!
Einige Staaten hat die Finanzkrise besonders schwer getroffen. Island steht vor dem Ruin und die Menschen müssen nicht nur um ihre Rentenkasse bangen. Der IWF musste zwei Milliarden Dollar bereitstellen. Auch Ungarn steht vor dem Staatsbankrott und erhielt 20 Milliarden Euro Notkredit, die Ukraine 13 Milliarden. In Indien ist die Börse allein im Oktober um 40% abgestürzt und es wird befürchtet, dass die Rezession ein Viertel aller Arbeitsplätze kosten wird. In Brasilien stürzte die Währung ab, der Real verlor ein Drittel gegenüber dem Dollar. Der Finanzcrash hat auch Pakistan hart getroffen. Das Land mit 160 Millionen Einwohnern steht vor dem finanziellen Zusammenbruch. Daraufhin hat der IWF acht Milliarden Dollar zugesagt. Selbst in der Schweiz verfinsterten sich die Mienen. Bei UBS, dem größten Vermögensverwalter der Welt, ist nun Singapur der größte Einzelaktionär. Der Schweizer Staat ist mit 3,9 Milliarden Euro in die Bank eingestiegen und sichert faule Wertpapiere mit 62 Milliarden Franken ab. Unter den europäischen Industriestaaten ist Frankreich mit der Verstaatlichung von Banken am weitesten gegangen, was jedoch mit dem Beginn einer Vergesellschaf-tung nichts zu tun hat. Auch China ist als Teil der kapitalistischen Weltwirtschaft von der Krise betroffen. Um dem Rückgang der Zuwachsraten zu begegnen, hat die Staatsführung ein großes Konjunkturprogramm von 600 Milliarden Dollar angekündigt, das sich u.a. auch auf den Eisenbahnsektor bezieht. Bei ihrem Besuch in Peking war Kanzlerin Merkel überzeugt, dass China seinen Beitrag zur Stabilisierung der Weltwirtschaft leisten wird, hat es doch die größten Währungsreserven der Welt im Wert von zwei Billionen Dollar. Es gilt bereits als ausgemacht, dass China, im Besitz von US-Schatzanleihen in Höhe von mehreren hundert Milliarden Dollar, diese nicht abrupt abziehen wird. Das liegt auch im eigenen Interesse Chinas.


Nicht nur eine zyklische Krise, aber auch kein Untergang des Kapitalismus
Die dominierende Weltmacht USA ist in einer Sackgasse. Ihre Regierungen haben die Zukunft verpfändet, nicht zuletzt, weil sie die Welt mit Kriegen überzogen. Allein für die letzten Kriege gegen den Irak und gegen Afghanistan sollen bis Oktober des Jahres 1,1 Billionen Dollar aufgewandt worden sein. Das Rüstungsbudget stieg jährlich um 11 bis 16%. Andererseits sanken die Reallöhne von 1979 bis 2000 um 5%, während sich die Produktivität um 37% erhöhte. Ein ökonomisches Ungleichgewicht, das sich rächen musste.
Die Immobilienkrise in den USA war der Anfang. Inzwischen sollen Hypotheken in Höhe von 500 Milliarden Dollar faul sein. Fünf Millionen Häuser stehen zum Verkauf. Ganze Stadtviertel, wie z.B. in Cleveland verfallen. Nach einer aktuellen Studie hat der Kollaps am US-Hypothekenmarkt das Kreditvolumen allein in den USA schon jetzt um 2.000 Milliarden Dollar verringert – das ist mehr als die Hälfte dessen, was die deutsche Wirtschaft in einem Jahr an Leistung erbringt.
Über die Bankenkrise, die schon im Sommer 2008 auch in Deutschland um sich griff, haben wir berichtet. Zwei Hedge-Fonds der Investmentbank Bear-Stearns, die IKB, die Sachsen LB, die Bayern LB und die West LB gerieten in Schieflage. In London stürmten die Sparer die Northern Rock Bank und die Citigroup in den USA geriet ins Wanken. Indy Mac ging in Konkurs, ebenso Mardinsa-Fadesa in Spanien. Merril Lynch war betroffen, dem Versiche-rungskonzern AIG wurde geholfen. In den USA mussten 145 Milliarden Dollar offiziell abgeschrieben werden. Weltweit sollen die Verluste der Bankenbranche 400-500 Milliarden Dollar betragen. Über die Verstaatlichung der Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac schrieben wir in der letzten Nummer der Arbeiterstimme mit der bitteren „Bemerkung“, dass die Regierungen keine Skrupel haben, Verluste der Banken zu sozialisieren und Gewinne zu privatisieren. Es wird geschätzt, dass die Bush-Regierung dafür 200-300 Milliarden Dollar aufwenden muss. Die Pleite der Großbank Lehman Brothers schlug weltweit Wellen, auch in Deutschland.
Die Aufzählung der betroffenen Banken braucht wohl nicht fortgesetzt zu werden, um die Dimension der Finanzkrise zu veranschaulichen. Die Geldverleihung der Banken untereinander kam zum erliegen, das Vertrauen war weg. Hätten die Staaten nicht eingegriffen, hätte die Zahlungsunfähigkeit zum allgemeinen Kollaps führen müssen. Christopher Dood von der Demokratischen Partei fand die Lage „katastrophal“. Man sei „nur Tage von einem kompletten Zusammenbruch des Finanzsystems entfernt“. Auch die fünfte Zinssenkung in wenigen Wochen durch den US-Notenbankchef Bernanke hatte nichts gebracht. Die Staatsfonds arabischer Länder hatten einen nicht unwichtigen Anteil an der Rettungsaktion für die US-Banken. So billigte der Kongress nach einigem hin und her die vorgesehene Finanzspritze über 700 Milliarden Dollar von der Bush-Regierung zum Kauf wertlos gewordener Hypothekenpapiere und vereinbarte Steuerkürzungen von 112 Milliarden Dollar für fünf Jahre. Die Schuldenlast erhöhte sich damit weiter. Das dicke Ende kommt noch, in den USA und anderswo. US-Finanzminister Paulson ließ die Katze aus dem Sack: „Der Steuerzahler wird letztendlich immer zur Kasse gebeten werden bei dem System, das wir haben. Wer soll denn sonst die Kosten tragen, wenn das System nicht stabil ist?“
Das schnelle Handeln in Washington im Verein mit anderen führenden Wirtschaftsmächten hatte im Gegensatz zu 1929 die Katastrophe vorerst verhindert. Eine Krisenlösung nach den Mechanismen des kapitalistischen Systems ist das nicht, was Folgen haben wird. Geradezu rührend ist Obamas Erklärung: „Es wird die Zeit kommen, in der wir diejenigen bestrafen, die dieses Feuer gelegt haben“ – als ob die Ursache der Finanzkrise allein bei den Spekulanten gelegen hätte und ein Obama allein als Präsident solche Geschäfte weltweit verbieten könnte.
2,5 Billionen Dollar, das entspricht etwa 10% des Weltsozialprodukts, wollen die USA und die Europäer in das marode Finanzsystem pumpen. Wehe, wenn dafür die Völker die Zeche bezahlen müssen! Die Flaggschiffe des amerikanischen Kapitalismus, General Motors, Ford und Chrysler, sind bereits in Gefahr unterzugehen. Dadurch könnten drei Millionen Arbeitsplätze verloren gehen. Da retten sie auch keine 25 Milliarden Staatsknete mehr. Niemand zweifelt mehr daran, dass es über die Automobilstrukturkrise hinaus die Realwirtschaft voll erwischt hat.


Wenn der Hurrikan kommt
Die Verschuldung der Vereinigten Staaten hat ein einmaliges welthistorisches Niveau erreicht. Allein die Staatsschulden kletterten auf astronomische Höhen und betragen nun neun Billionen Dollar. Hinzu kämen im ungünstigsten Fall nochmals 3,7 Billionen Dollar aus den Übernahmeverpflichtungen von Fannie und Freddie. Die Schulden der Weltmacht Nummer 1 kommen damit 100% des US-Sozialprodukts nahe. Die Schulden von Staat, Banken, Unternehmen und Privaten zusammen machen bereits 355% des Sozialprodukts aus. Das Haushaltsdefizit Washingtons wird 2008 auf 250 Milliarden Dollar anwachsen, wozu noch einmal 100 Milliarden für Bushs Konjunkturprogramm zu rechnen sind.
Doch nun ist neue Gefahr im Verzug. „Schon pumpen sich die nächsten Finanzblasen gewaltig auf“, schrie Michael Krätke im „Freitag“ vom 14.11. Ein Konglomerat aus Kreditkartenkrise, Krise der Autofinanzierer und Kreditversicherer braut sich zusammen. Auf 2,5 Billionen Dollar belaufen sich die Konsumentenschulden in den USA, also durchschnittlich 8565 Dollar pro Haushalt. Die Kreditkartenverschuldung liegt bei über 100 Milliarden Dollar. Doch die Stunde der Wahrheit steht noch aus. Das Hinausschieben lässt sich nicht endlos fortsetzen. Die Neun-Billionen-Zeitbombe tickt.
Die „Nürnberger Nachrichten“ sehen bereits am 28. 8. im Vergleich zum drohenden „Hurrikan“ die jetzige Krise als „Windhose“. Wirtschaftsredakteur Wolfgang Mayer schrieb dazu in den NN: „Experten gehen davon aus, dass die gesamten Verpflichtungen – zum Beispiel einschließlich der Pensionsfonds – sogar die Marke von 50 Billionen Dollar übersteigen.
Das heißt: Die USA benötigen in steigendem Maße ausländisches Kapital, um das Gebäude ihrer Wirtschaft zusammenzuhalten. Fachleute errechneten, dass das Ausland pro Tag den USA zwei Milliarden Dollar leihen muss (mehr als die Hälfte davon geht für die US-Rüstungsausgaben gleich wieder weg). Durch die aktuelle ‚Windhose‘ verlieren die USA aber an Bonität. So stellt sich die Frage: Wie lange werden die Geldgeber der USA noch mitspielen? Wie beim ‚echten‘ Hurrikan weiß niemand, wohin er dreht, und ob die Mauern des Gebäudes wirklich halten.“
Man kann davon ausgehen, dass durch die Staatseingriffe und „Rettungspakete“ die Stabilität der Währungen erschüttert wird. Der Kurs des Dollars wird weiter sinken. Es ist wohl kein Zufall, dass die USA die Kennziffern zur Inflation, zu der im Umlauf befindlichen Geldmenge, nicht mehr veröffentlichen. Zumindest für jeden älteren Deutschen ist der Begriff „Währungsreform“ ein Schreckenswort.
Man braucht keine Berichte der US-Geheimdienste, um zu erkennen, dass sich die politische und wirtschaftliche Bedeutung der USA in der Welt durch das Finanz- und Wirtschaftsdesaster vermindern wird, wie auch der US-Dollar sein starke Rolle verlieren wird. Es war schon lange im Gange, dass Länder wie China, Indien, Brasilien und Russland dafür an wirtschaftlicher und weltpolitischer Bedeutung gewinnen.


Der G-20 Währungsgipfel: Nur ein vager Fahrplan
Um in Zukunft Turbulenzen auf dem Weltfinanzmarkt zu vermeiden, jagt eine Konferenz die andere: Zuerst in Sao Paulo, dann die der 27 EU-Länder in Brüssel und schließlich die G-20 in Washington. Das derzeitige System sei wie ein Kartenhaus zusammengestürzt und am meisten müssten die armen Länder unter der Krise leiden, mahnte Lula da Silva. In Brüssel fanden die Regierungschefs große Worte über Kontrolle, Aufsicht und Regulierung, die man installieren wolle. Steueroasen wolle man austrocknen, Hedge-Fonds unter Aufsicht stellen und Rating-Agenturen an die Leine legen, für mehr Transparenz sorgen und einheitliche Bilanzregeln einführen. Die Franzosen wollten noch weiter gehen, doch Angela Merkel blockte ab: „Wir wollen keine europäische Wirtschaftsregierung“.
Auf dem G 20-Gipfel in Washington wurden kleinere Brötchen gebacken. Da gab es Differenzen zwischen Europäern und Nordamerikanern. Bush betonte wieder mal den Segen des „freien Marktes“ und wandte sich gegen „Handelsbarrieren“. Bis zum Frühjahr soll einiges unter Federführung des IWF zustande kommen. Trotz Grundsatzerklärungen ist schleierhaft, wie das „wirkungsvolle Regelwerk an Kontrollmechanismen“ durchgesetzt werden soll. Die meisten Beobachter waren sich einig: Ein „vager Fahrplan voller Absichtserklärungen“, dessen „Umsetzung völlig offen“ sei.


In Deutschland – die Ruhe vor dem Sturm?
Zur ersten Stütze warf die EZB 200 Milliarden Euro an kurzfristigen Krediten auf den Geldmarkt. Wie andere europäische Staaten auch (z.B. Großbritannien 640 Mrd. !, Österreich 100 Mrd. !) legte die deutsche Regierung ein Rettungspaket in Höhe von 500 Milliarden Euro auf. Davon musste die Hypo Real Estate mit 50 Milliarden gerettet werden. Verschiedene Landesbanken folgten, dann die Commerzbank mit 8,2 Milliarden Euro. Die HSH Nordbank beantragte eine Staatsbürgschaft von 30 Milliarden Euro usw. Bei manchen Banken droht es ein Fass ohne Boden zu werden. Sieben Billionen Dollar werden bereits genannt, die Zentralbanken und Regierungen bereitstellten. Nicht mal die Hälfte der Verluste sei abgeschrieben worden. Für die 900 Millionen Hungernden in der Welt ist nicht mal eine Milliarde Dollar übrig gewesen… Auch in Deutschland ist das Mißverhältnis mit den Händen zu greifen. Auf der einen Seite scheinen die Milliarden keine Rolle mehr zu spielen. Auf der anderen Seite wird bekannt, dass der „Arbeiterführer“, Ministerpräsident Rüttgers, gerade aus Einsparungsgründen eine Million Obdachlosenhilfe in NRW für 2009 gestrichen hat.
Derweil ließen sich die Kanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück als die großen Macher in den Medien feiern. Doch kommt es nicht einer Verschleuderung von Volksvermögen gleich, wenn sie die riesigen Bürgschaften ohne entsprechende Gegenleistung ausgeben? Außer der Linken gibt es wenige, die das kritisieren und Gegenvorschläge anmelden. Der Bremer Wirtschaftsprofessor Huffschmid forderte richtigerweise: „Man hätte auch sagen müssen: Gut, dann verstaatlichen wir eben die Banken zu 20 oder 25 Prozent und sichern uns damit den vollen Einfluss auf ihre Geschäftspolitik.“
Unehrlich war auch die Garantieerklärung für die Sparer durch die CDU-Vorsitzende Merkel. Wir haben noch Blüms „Die Renten sind sicher“ im Ohr. Genauso sicher sind die Spargelder – eben so lange noch was da ist. Der aufgestellte Haushaltsplan des Finanzministeriums ist ebenso unehrlich, wenn er die Erhöhung der Neuverschuldung mit nur acht Milliarden Euro mehr angibt. Was Finanzkrise und Konjunkturprogramm mehr erfordern, ist überhaupt nicht abzusehen. Was noch vor Monaten abgestritten wurde, ist nun eingetreten: Die Krise hat auf die Realwirtschaft übergegriffen. Nicht nur die strukturell kranke Autoindustrie ist im scharfen Niedergang. Nun hat es auch die Chemieindustrie und die Werftindustrie gepackt. Weitere Branchen werden folgen. Die BRD als Exportland wird es besonders spüren, da die weltweite Gleichzeitigkeit der Krise Exportauswege versperrt. In Deutschland rächt sich nun die Vernachlässigung des Binnenmarktes. Als einziges Land in der Kern-EU blieben in der BRD jahrelang Reallohnerhöhungen aus und damit der Kaufkraftzuwachs.
Nachdem auf breiter Front die erst emporgeschossenen Rohstoffpreise, inklusive Öl- und Gaspreise, in den Keller gefallen sind, geht bei den Wirtschaftswissenschaftlern die Angst vor einer Deflation um, die sich in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts so verheerend auswirkte. Die Keynesianer fordern es schon lange, Parteien und Regierung waren sich nun einig: auch Berlin muss ein Konjunkturprogramm auflegen. Sie ließen sich auch nicht davon abbringen, als bekannt wurde, dass Präsident Bushs groß angelegte Verteilung im Wert von 125 Milliarden Euro an US-Haushalte glatt verpufft war. Was blieb waren neue Schulden. Die Maßnahmen in Deutschland zur Konjunkturförderung belaufen sich auf etwa 30 Milliarden Euro. Zeitungen, wie die NN, schrieben vom Placebo-Paket.
Die Bevölkerung in Deutschland hat die Weltfinanzkrise eigentlich ohne große Erregung aufgenommen. Auch der Skandal um Bankstützungen und Milliardenbürgschaften wurde weithin nicht als solcher empfunden. Die meisten Menschen meinen zudem, die Finanzkrise sei schon am Abklingen und sie brächte keine weiteren großen Folgen. Dass die Zeche einmal zu zahlen sein wird, mit Sozialabbau und Kürzungen in allen Bereichen, dazu fehlen Kenntnisse und Phantasie. Die Parteien halten sich noch zurück und suchen, möglichst ungeschoren über die nächste Bundestagswahl zu kommen. Der schon von der Krise beeinflusste Metall-Lohnabschluß, der nur etwa die Hälfte der geforderten 8% brachte, scheint ebenso ohne großen Aufruhr hingenommen zu werden.
Direkt betroffen von der Wirtschaftskrise ist nur eine Minderheit, wenn auch die Angst um den Arbeitsplatz zugenommen hat. Nachdem die Aktienkurse absackten und der Dax-Index seit Jahresanfang 50% verlor, hatten etwa 15% der Bevölkerung Geld verloren. Vor allem Rentner waren betroffen. Selbst die Renten- und Unfallversicherer waren durch die Lehman Brothers Pleite betroffen. In vielen deutschen Städten, die einst mit dem Cross-Border-Leasing-Steuerdreh Millionen einheimsten, geht die Angst um, da ihre amerikanischen Partner krisengeschädigt sind. Von der Pflicht zum Rückkauf ihrer U-Bahnen und Kanalisationen unter besonderen Umständen wollten die Stadtkämmerer einst nichts wissen. Vielleicht war es auch zuviel, die 1000-Seiten-Verträge zu lesen.


Ablenkungsmanöver
Die Zeitungen und Zeitschriften waren voll von Leserbriefen zum Finanzdebakel. Die meisten jedoch gaben nicht dem ganz normalen Kapitalismus die Schuld, dessen Krisen jahrhundertelang Zusammenbrüche, Elend und Kriege erzeugten. Sie stürzten sich auf die angeblich angloamerikanische Version des „Raubtierkapitalismus“ und möchten die „soziale Marktwirtschaft“ wiederhaben; als ob dies wahlweise zu haben wäre und nicht von den weltweiten Bedingungen abhinge. Viele wähnten sich im Tollhaus, als die Exzesse bekannt wurden, mit der fremden Welt der Derivate, Leerverkäufe, Hedgefonds usw. Die Finanzkrise wäre jedoch auch ohne diese üblen Börsenjobber ausgebrochen, da die „Blasen“ immer größer wurden – vielleicht etwas später. Den Regierungen und Parteien, die dieses menschenverachtende kapitalistische System tragen, kommt natürlich die Suche nach den Sündenböcken entgegen. Dadurch werden die Fragen nach dem herrschenden Gesellschaftssystem nicht zu drängend. Sind die Spekulanten schuld, kann man ablenken und sich den Unmut noch zunutze machen. Regierungen und Parteien verschweigen außerdem, dass sie im letzten Jahrzehnt den Spekulationsgeschäften erst den Weg bereitet haben. Gerade die Bundeskanzlerin, die sich nun als Retterin geriert, hat vor vier Jahren als Oppositionsführerin die vom Bundestag beschlossenen Gesetze zur Verschärfung der Finanzaufsicht im Bundesrat scheitern lassen. Zudem hat die CDU/CSU/SPD-Koalition noch Anfang 2008 Regelungen über weitere Steuervergünstigungen für Private-Equity-Firmen und Hedgefonds verabschiedet. Die „Heuschrecken“ (Müntefering) durften sich freuen. Gerade die vorherige Regierung SPD/Grüne stand für Deregulie-rung. So wurden „Verbriefungen“ zugelassen, und die Steuerfreiheit für Veräußerungsgewinne eingeführt. Wie man sieht, es gibt durchaus auch Schuldige an den Exzessen, im politi-schen Lager und bei den Banken und Managern.
Es ist in der Tat ein Skandal und bezeichnend für die Raffgier der besitzenden Klasse, welche Gewinne und Managerbezüge auf Kosten ihrer Lohnarbeitskräfte abgezwackt werden. In den USA hat sich kürzlich der Nobelpreisträger Paul Krugman darüber empört: Niemand verstehe, wenn der bestbezahlte Hedgefonds-Manager an der Wall Street in einem Jahr mehr verdiene als alle Lehrer New Yorks zusammen in drei Jahren.
Auch in Deutschland gibt es diese maßlosen Managerbezüge mit dem provokativ-frechen Ackermann an der Spitze. Für wie dumm müssen jene Bankmanager das Volk halten, wenn sie – erst durch den Staat mit Milliarden-Bürgschaften vor der Pleite gerettet – sich aufregen, weil ihr Einkommen auf lächerliche 500.000 Euro im Jahr begrenzt werden soll.
So richtig es ist, gegen solche Zustände anzukämpfen, so falsch wäre es, sich von der Hauptursache der Finanzkrise ablenken zu lassen, dem kapitalistischen System selbst.


Die Hochfinanz diktiert
Nach marxistischer Ansicht sind die bürgerlichen Regierungen die Geschäftsführer der herrschenden Klasse. Sie haben deren Interessen politisch zu vermitteln, notfalls Kompromisse zu schließen und die wahren Absichten zu vertuschen. Das war schon unter Helmut Schmidt und Kohl so, noch ausgeprägter bei Schröder und nun bei Angela Merkel. Was sich aber jetzt abspielte zur Bewältigung der Finanzkrise, kommt einer direkten Diktatur der Hochfinanz gleich, die eventuell für eine ganze Dekade unser Leben vorbestimmen kann. Die Summen, die nun zum Tragen kommen, sind so gigantisch, dass ein Kurswechsel nahezu ausgeschlossen scheint. In „The Nation“ stellte kürzlich Robert Scharrer den autoritären Staat in Aussicht, „die Übernahme des Staates durch die Unternehmen“.
Es ist bezeichnend für die Missachtung der Demokratie und des Parlamentarismus, wenn die Bundesregierung statt deren Vertreter und statt unabhängiger Fachleute die Abgesandten der großen Banken in den Krisenstab beruft.

Untergrabung der Demokratie
Winfried Wolf schrieb dazu eine längere Betrachtung im Novemberheft der DFG-Zeitschrift „Zivilcourage“ wovon wir einen Auszug bringen:

„(…) Und das ist nicht anders in diesen Tagen und Wochen: Hinter der Bundeskanzlerin als Rezitatorin steht ein kleiner Kreis von Bankern und Finanzleuten, die wiederum eng mit dem vernetzt sind, was hierzulande als ‚Hochfinanz‘ bezeichnet wird. Die ‚Süddeutsche Zeitung‘ spricht am 13. Oktober von einem sechsköpfigen ‚Komitee zur Rettung der deutschen Banken‘, bestehend aus dem Bundesbank-Chef Axel Weber, dem Präsidenten der Finanzaufsicht Bafin, Jochen Sanio, dem Deutsche-Bank-Chef, Josef Ackermann, dem Finanzminister Peer Steinbrück mit seinem Staatssekretär Jörg Asmussen und dem Abteilungsleiter Wirtschaft im Kanzleramt, Jens Weidmann. Diese ‚Sechserbande‘ erarbeitet seit Mitte September alle Krisenpläne. Dieser kleine Männerkreis entwickelte vor allem den 500-Milliarden-Euro-Plan, der, zu Wochenbeginn am 13. Oktober von der Kanzlerin vorgestellt, noch Ende derselben Woche von Bundestag und Bundesrat beschlossen und vom Bundespräsidenten mit Gesetzeskraft verkündet wurde. Noch nie in der deutschen Geschichte gab es eine derart weitreichende Finanzoperation zugunsten der Reichen, Besitzenden und Spekulierenden und noch nie in der Geschichte deutscher bürgerlicher Demokratie wurde ein derartig eingreifender Plan binnen einer Woche durch alle gesetzgebenden Instanzen gepeitscht.
Dieses strikt antidemokratische Grundverständnisist derzeit weltweit zu beobachten. Es wird in ‚Section 8‘ des US-amerikanischen 700-Milliarden-Dollar-Plans zur Rettung der US-Finanzinstitute besonders verdeutlicht; dieser Plan wurde im übrigen von Finanzminister Henry (‚Hank‘) Paulson erarbeitet, einem Mann, der mehr als zwei Jahrzehnte führend für die größte US-amerikanische Investmentbank Goldman Sachs tätig war und hundertfacher Dollarmillionär ist. Danach können alle ‚Entscheidungen des Finanzministeriums in Verfolgung dieses Gesetzes (...) von keinem Gericht und von keiner Regierungsbehörde eingesehen oder angefochten werden.‘ Das heißt: Entscheidungen über eine der größten Umverteilungsaktionen in der US-Geschichte, werden von einer kleinen Gruppe von Menschen entschieden. Die Entscheidungen werden zur Erhöhung der US-Staatsschuld führen, mit der 300 Millionen Menschen auf Jahrzehnte belastet werden. Es entscheidet eine kleine Gruppe, die in enger Verbindung mit den Top-Finanzinstituten steht. Was dabei wer wie entschieden hat, soll von niemandem angefochten werden können. In den Worten des Ökonomen Nouriel Roubini von der New York University, der bereits 2006 den Finanzkrach vorhergesagt hatte: ‚Da sagt dieser Paulson: Glaubt mir, ich werde alles richtig machen, wenn ich die absolute Kontrolle bekomme. Aber wir leben doch nicht in einer Monarchie!‘
Tatsächlich sind die Regierungsform und die Handlungsweise, die in der gegenwärtigen Krise vorherrschen, absolutistisch und autokratisch. In der Zeit des Absolutismus wurde die Macht der Alleinherrscher von Gott, einer nicht hinterfragbaren Instanz, abgeleitet. Die moderne Begründung für den aktuellen Absolutismus besteht in Verweisen auf ‚Sachzwänge‘die ‚schnelle Entscheidungen‘ erforderten und die ‚objektiv nicht in Frage gestellt werden‘ könnten.
Ein ergänzender Verweis auf Gott kann allerdings auch hier nicht schaden. Auf die Frage eines Kongressabgeordneten, was passieren würde, wenn Paulsons Banken-Rettungs-Plan im Parlament abgelehnt werde, antwortete Paulson: ‚Dann Gnade uns Gott!‘
Doch die Dromokratie, die Herrschaft der Geschwindigkeit, als Gegensatz zur Demokratie, die auch ausreichend Zeit für Entscheidungen verlangt, ist eine bewusst herbeigeführte. Bis vor wenigen Jahren mussten weltweit Hypothekenkredite in den Büchern und Bilanzen der die Kredite vergebenden Institute bleiben; sie durften nicht weiterverkauft und schon gar nicht mit dubiosen anderen Papieren gebündelt und verschnürt und internationalisiert werden. Indem man diese Regulierung aufgab und den Hypothekenmarkt umfassend deregulierte, schuf man erst das Diktat von Markt und Geschwindigkeit.


Historische „Ausblicke“
Gefahr der Rechtsentwicklung: Dabei stehen wir erst am Anfang der Krise. Und damit auch erst am Anfang der sozialen Folgen derselben. Wenn der US-Finanzminister Henry Paulson vor der Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, am 25. September auf die Knie fiel und bettelte, diese möge doch für eine Kongress-Mehrheit für den 700-Milliarden-Dollar-Plan sorgen, so lässt sich dies zunächst unter der Rubrik ‚Gutes amusement‘ verbuchen. Die Demokratin Pelosi agierte in diesem Fall auf den Republikaner Paulson mit dem Satz: ‚Ich wusste gar nicht, dass sie katholisch sind!‘ Tatsächlich durfte dann der US-Kongreß (er hatte in einer ersten Abstimmung den Paulson-Plan vor allem mit republikanischen Stimmen abgelehnt!), solange unter dem Druck der Märkte abstimmen, bis eine demokratisch-republikanische Mehrheit erzwungen war.
Doch das Amusement hält sich in Grenzen. Denn es geht ja keineswegs nur ein US-Finanzminister in die Knie. ‚Das System wankt‘ – mit dieser schlichten Zeile war der Leitartikel der ‚Börsen-Zeitung‘ am 30. September überschrieben. (…) In dem etwas breiter angelegten Großbürgerblatt ‚Frankfurter Allgemeine Zeitung‘ fand sich am 4. Oktober ein Artikel, der das Ende der Ära Bush mit der Finanzmarktkrise in einem Zusammenhang sieht und weitreichende politische Konsequenzen, eine drohende allgemeine Rechtsentwicklung, beschreibt: ‚Der Entzug dieses Fluchtpunktes (des ‚Urvertrauens in die demokratischen Garantien‘; d. Verf.) ist, wie man an Russland und China sieht, keineswegs das Ende des Kapitalismus. Es droht vielmehr die dauerhafte Spaltung und Regression von Demokratie und Kapitalismus.‘
Der bereits zitierte Artikel in der ‚Börsen-Zeitung‘ bringt auch gleich einen direkten Bezug auf die fatale deutsche Geschichte: ‚Denn – es hilft ja nichts, sich selbst und der Öffentlichkeit etwas vorzumachen – man ist geneigt, 1931 zu assoziieren: Liquiditätskrise der Danatbank, Run auf die Banken, Notregime für das Kreditgewerbe (…) politische und wirtschaftliche Destabilisierung.‘
Das Aufbrechen der neuen weltweiten Krise findet vor dem Hintergrund von Aufrüstung und neuen Kriegen statt. Da gibt es weiter den Irak-Krieg, auch wenn er aktuell in der Öffentlichkeit kaum mehr beachtet wird. Für die Menschen in der Region wird er weiterhin als ein Krieg des Westens um die Kontrolle über die Rohstoffe in der Region des Mittleren und Nahen Ostens gesehen – und dies zu Recht. Da gibt es den Krieg in Afghanistan. So gut wie alle westlichen Regierungen und beide US-Präsidentschaftskandidaten plädieren dafür, diesen Krieg zu intensivieren. Inmitten der Debatten über die Eindämmung der neuen Finanz- und Weltwirtschaftskrise ließ die CDU/CSU-SPD-Regierung die Ausweitung des deutschen Militäreinsatzes am Hindukusch beschließen – obgleich mehr als zwei Drittel der Bevölkerung diesen Einsatz ablehnen.
Eine Reihe einzelner Maßnahmen und Beschlüsse verdeutlichen die zunehmende Militarisierung der deutschen Politik. Da wurde in diesem Jahr erstmals das Gelöbnis deutscher Soldaten zum Sengen und Brennen vor dem Reichstagsgebäude abgenommen. Da trat inmitten der Krisenbekämpfungsdebatten, am 11. Oktober , der ‚Stiftungserlass‘ zur Verleihung des neu gegründeten ‚Ehrenkreuzes der Bundeswehr für Tapferkeit‘, sprich: das ‚Eiserne Kreuz Reloaded‘, in Kraft.
Bezeichnend war schließlich, dass die große Koalition Anfang Oktober als eines ihrer nächsten Vorhaben beschloss, noch in dieser Legislaturperiode die gesetzlichen Grundlagen für einen erweiterten Einsatz der Bundeswehr im Inneren zu schaffen (…). Offiziell ist die Rede davon, dass die Bundeswehr im Fall von Katastrophen und ‚Terrorangriffen‘ im Inneren eingesetzt werden darf. Kaum verhohlen wird bereits diskutiert, dass der entsprechende Gesetzes-Artikel und die damit verbundenen Grundgesetz-Änderungen auch großzügiger ausgelegt, dass dann die Bundeswehr bei ‚Großveranstaltungen‘ und inneren Unruhen eingesetzt werden kann. Der Beschluss der großen Koalition erfolgte just zum Auftakt der neuen weltweiten Krise.
Dass der Plan wegen Bedenken aus der SPD-Fraktion zunächst aufgeschoben wurde, ändert nichts an den grundsätzlichen Absichten von CDU/CSU und SPD-Fraktionsspitze.
Wir erinnern daran: Es war die große Koalition der Jahre 1966 bis 1969, die die ersten gesetzlichen Grundlagen für einen Einsatz der Bundeswehr im Inneren beschloss. Die damalige CDU/CSU-SPD-Koalition unter Kurt-Georg Kiesinger (CDU) und Willy Brandt (SPD) beschloss 1968/69 die ‚Notstandsgesetze‘, die erstmals einen Bundeswehr-Einsatz im Inneren unter spezifischen Bedingungen erlaubten – womit ein allgemeiner Konsens der BRD aufgegeben wurde, wonach aufgrund der Erfahrungen mit dem Faschismus die Bundeswehr nie und nimmer im Inneren eingesetzt werden darf. Die damaligen Kommentatoren sahen Ende der 1960er Jahre in diesen Verfassungsänderungen eine Art regierungsamtliches Resumee der ersten westdeutschen Nachkriegsrezession, zu der es 1966/67 gekommen war. Auch hier gab es also einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftskrise und Militarisierung – just so, wie er bei den aktuellen Vorhaben der Bundesregierung existiert.
Auch der Sparkurs, den die Bundesregierungen in jüngerer Zeit betrieben haben und den Finanzminister Steinbrück (der jetzt plötzlich die Spendierhosen anhat), personifiziert, steht in einem engen Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise und mit Rüstung und Militarisierung. Mit den unzähligen Kürzungsmaßnahmen und Sparhaushalten zu Lasten der Bevölkerung wurden gewaltige Beträge der öffentlichen Hand entzogen – u.a. durch ‚Steuerreformen‘ und Steuersenkungen. Damit wurde die Massennachfrage reduziert, wodurch sich Krisentendenzen verschärften und Arbeitsplätze abgebaut wurden.
Gleichzeitig blieben die gewaltigen ‚eingesparten‘ Summen bei den großen Konzernen und Banken oder sie gelangten in spezifische Kapitalsammelstellen. Ein großer Teil dieser Gelder wurde dann in spekulative Geschäfte investiert – was zu den verschiedenen Spekulationsblasen und damit zum Ausgangspunkt der aktuellen Krise führte. Ein anderer Teil wanderte in den Rüstungssektor, dem er seit vielen Jahren Extraprofite beschert. Die wachsende Arbeitslosigkeit und die verbreitete Armut u.a. durch Hartz IV wiederum leisteten einen Beitrag dafür, dass sich immer mehr Menschen gegen entsprechende Bezahlung für Bundeswehrauslandseinsätze bereit finden.
Ausgaben für Rüstung und für Banken-Rettung – drei Forderungen:
Die unvorstellbaren Summen, die aktuell für die Rettung der Banken ausgegeben werden sollen, lauten wie folgt: In den USA beträgt das Bankenrettungspaket rund 700 Milliarden US-Dollar, in Deutschland sind es rund 500 Milliarden Euro oder 675 Milliarden Dollar. Zusammen werden also allein in diesen zwei Ländern bis zu 1.400 Milliarden US-Dollar zur Rettung von Finanzinstituten ausgegeben. Diese unvorstellbaren Summen sollen den angeschlagenen Finanzinstituten weitgehend ohne Gegenleistung gewährt werden.
Die erste daraus resultierende Forderung muss lauten: In dem Maß, wie der Staat und wie die Steuerzahlenden der skrupellosen Finanzbranche unter die Arme greifen, müssen die entsprechenden Institute in direktes öffentliches Eigentum überführt werden. Nur so gibt es die Chance, dass eine Wiederholung des Desasters ausgeschlossen und eine wirksame Kontrolle im Finanzsektor erreicht werden kann.
Nun kann man die genannten Summen mit allerlei vergleichen; sie entspricht zum Beispiel rund acht Prozent des Bruttoinlandproduktes der beiden Länder. In unserem Zusammenhang drängt sich jedoch ein anderer Vergleich auf: Die Summe der Bankenrettungsprogramme ent-spricht auch – rein zufällig(?) – den Rüstungsausgaben. 2007 wurden laut des schwedischen Forschungsinstituts Sipri weltweit 1.340 Milliarden US-Dollar für Rüstung ausgegeben. Im aktuellen Krisenjahr soll der Betrag nochmals höher liegen. Konkretisiert nur auf Nordamerika (USA und Kanada) und Europa: In diesen zwei Regionen des Kapitalismus werden aktuell rund 1.500 Milliarden US-Dollar zur ‚Rettung der Banken‘ investiert. In denselben Regionen werden 800 Milliarden US-Dollar oder gut halb so viel für Rüstung ausgegeben. Im ersten Fall handelt es sich um einen einmaligen Betrag. Im zweiten Fall jedoch um einen jährlich wiederkehrenden Betrag.
Unsere zweite Forderung muss lauten: Nicht die Steuerzahler dürfen zur Kasse gebeten werden. Notwendig ist eine Konversion der Rüstungsausgaben; die staatlichen Ausgaben für Krieg und Zerstörung müssen für ein Konjunkturprogramm der westlichen Industrieländer zum nachhaltigen Umbau der Wirtschaft umgemünzt werden. Damit wiederum könnte man den öffentlichen und demokratischen Einfluss in der gesamten Wirtschaft ausbauen.
Schließlich und drittens eine Forderung, die derzeit niemand stellt, die jedoch tagesaktuell ist: Die kapitalistische Wirtschaftsweise muss grundsätzlich in Frage gestellt werden. Ja, sie wird in diesen Wochen objektiv – durch die Ereignisse – in Frage gestellt. Derzeit ist immer wieder die Rede davon, dass ‚das Vertrauen gestört‘ sei. In der Finanzwelt müsse ‚das Vertrauen wieder hergestellt‘ werden. Das ist absurd, eine Argumentation wie im Tollhaus. Tatsächlich wird derzeit Tag für Tag das Vertrauen in eine Wirtschaftsweise zerstört, die nach den Gesetzmäßigkeiten eines Spielcasinos funktioniert und bei der die wenigen Spieler als Einsatz das Wohlergehen von Hunderten Millionen Menschen geben. Nun sollen mit den Banken-Rettungsprogrammen und mit dem Geld der Steuerzahlenden dieses System ein weiteres Mal gerettet und den Spielern gesagt werden: ‚Faites votre jeux – Auf ein weiteres Mal!‘
Wann, wenn nicht jetzt, steht die Forderung auf der Tagesordnung: Ya basta – es reicht! Eine andere Welt ist möglich. Doch dafür ist eine grundsätzlich andere Ökonomie als die kapitalistische nötig!“

Winfried Wolf ist Chefredakteur von Lunapark21 – Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie und Mitglied der DFG-VK


Die kulturelle Hegemonie des Kapitalismus schwindet
Als die Sowjetunion zusammenbrach, ein Staat, der in 70 schwierigen Jahren zumindest sozialistische Grundlagen gelegt hatte, schien für viele der Siegeszug des Kapitalismus unaufhaltsam und eine Welt ohne Feinde und Kriege der Lohn der Wende. Heute, fast 20 Jahre nach dem Umbruch, steht die kapitalistische Welt vor dem Abgrund und keiner weiß, was noch kommt. Hoffnungen, die Illusionen waren, sind zugrunde gegangen. Noch ist es nicht das Ende dieses Ausbeutersystems, das die Menschen und die Natur zerstört. Es kann trotz Absturz und Chaos schon deswegen nicht das Ende sein, da nicht mal mehr Anfänge einer Alter-native vorhanden sind. Das System hat mit „Brot und Spielen“ und auch mit Gewalt den subjektiven Faktor verseucht, der für eine revolutionäre Alternative in Frage käme – die Arbeiterklasse. Da bedarf es langer Zeit mühseligen Neuaufbaus und von Kämpfen, deren Niederlagen neues Bewußtsein schaffen könnten.
Die Krise des kapitalistischen Systems und die Folgen, die die Massen sozial und politisch zu tragen haben, begünstigen erste Denkänderungen, Voraussetzungen auch für machtpolitische Neuanfänge. Der Begriff Kapitalismus ist nicht mehr mit der Hoffnung auf persönlichen Aufstieg verbunden, der Begriff Sozialismus bei vielen nicht mehr so verpönt, wie er es in der Vergangenheit war. Wenn es auch noch keine reale Kraft ist, manche Menschen machen sich wieder Gedanken über Krisen, Kriege und ihre Ursachen, trotz der Meinungsmanipulation durch die Medien. Manches, was bisher als Gewissheit galt, kommt ins Wanken.
„Die Selbstregulierung der Wirtschaft hat versagt“ ist nun die Erkenntnis von Joseph Stieglitz, dem Wirtschaftspapst der USA. Der Chef der Deutschen Bank, Ackermann, der bisher nassforsch die Krise herunterredete, muß nun gestehen: „Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskräfte der Märkte“. Der Chefredakteur der „Nürnberger Nachrichten“, Wolfgang Schmieg vollzieht eine Kehrtwende: „Das neoliberale Wirtschaftskonzept ist gescheitert“. Auch Redakteur Jungkunz hat neue Erkenntnisse: „Gegen diese Gier lassen sich kaum Regeln finden; sie gehört zu den Antriebskräften des Kapitalismus und wurde vom homo ökonomikus verinnerlicht, Geiz ist geil, war so ein Spruch, der das Ausstechen anderer, die Maximierung des eigenen Profits zum quasi sportlichen Ziel erklärte“. Die Frankfurter Rundschau wundert sich, „wie wenig es braucht, um das ganze Kartenhaus zum Einsturz zu bringen“. Andere wie die jordanische Königin Rania (!) fordern „eine Humanisierung der Globalisierung“. Deutschlands Bundespräsident spielt den Überraschten: Die internationalen Finanzmärkte hätten sich zu einem Monster entwickelt, das in die Schranken gewiesen werden muss. „Wir stehen am Beginn einer neuen Epoche“ erkannte Umwelt-Staatssekretär Michael Müller, der neben der Finanzkrise die Hungerkrise, die Umweltkrise und die Energiekrise aufführte. In 40 Ländern hätte es deswegen schon Aufstände gegeben. Zhu Min, der stellvertretende Direktor der chinesischen Staatsbank sagt voraus, dass in einem Zeitraum von 8 – 12 Monaten der Finanzkrise wirtschaftlicher und politischer Aufruhr folgen werde. Als Marginalie kann gelten, dass es in einigen chinesischen Dörfern zur Rekollektivierung gekommen ist – diesmal freiwillig.
Das kapitalistische Gesellschaftsmodell galt all die Jahre als unbestritten bei der großen Mehrheit der Bevölkerung. Was politischer Überzeugungsarbeit der wenigen unermüdlichen Sozialisten in der BRD nicht gelang und gelingen konnte, haben nun die harten Tatsachen fertig gebracht: das bisherige Weltbild vom Kapitalismus zu erschüttern. Viele machen nun Front gegen den „Raubtierkapitalismus“, weil sie glauben, Reformen und Regulierungen könnten das System wieder verbessern. Manche linke Intellektuelle meinen, der Kapitalismus habe die kulturelle Hegemonie bereits eingebüßt. Das dürfte etwas voreilig sein und wir müssen wohl noch allerhand erleben und tun, um dieses Ziel zu erreichen.
Es gibt einige kleine Zeichen, die belegen, dass auch geistig etwas in Bewegung gekommen ist. Die britische „Times“ z.B. machte eine Umfrage: „Was Karl Marx right?“ 48% antworteten mit „yes“. In Ostdeutschland startete die „Super Illu“ eine Umfrage. 52% der Befragten meinten, die Marktwirtschaft sei „untauglich“ und habe „abgewirtschaftet“. „43% wünschten sich sogar ein sozialistisches Wirtschaftssystem zurück, weil das die kleinen Leute vor Ungerechtigkeiten schützt“ (NN, 13.10.2008). Aus Hollywood wurde berichtet, im dortigen Kulturbetrieb sei „die Kapitalismuskritik allgegenwärtig“. In der ARD war kürzlich eine Maischberger-Diskussions-Sendung angesagt: „Marx hatte recht – gebt uns den Sozialismus zurück“. Der Berliner Dietz-Verlag berichtete, der Umsatz des ersten Bandes von Marx Kapital habe sich verdreifacht.
Die Kirchen hatten schon immer einen Riecher, wenn die Zeiten wechselten, einmal um nicht selber in einen Niedergang zu stark hineingezogen zu werden, zum anderen, um aus einer neuen Lage für sich das Beste zu machen. So nennt der Erzbischof von York die Finanzspekulanten schlicht „Bankräuber“. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Zollitsch, prangerte an: Unvorstellbare Summen Geld zerplatzten derzeit wie eine Luftblase, weil diejenigen, die entscheiden, nicht für die Folgen ihres Tuns einstehen, nicht dafür haften müssen. Wo die Gier nach dem schnellen Geld größer sei als das Verantwortungsbewusstsein, da gerate die Welt schnell aus den Fugen. Man fragt sich da doch, auf welchem Planeten die Kirchen-Hierarchie bisher gelebt hat. Auch der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, erschrickt: „Der Abgrund ist offensichtlich sehr, sehr tief.“ Ein Kapitalismus ohne ethischen und rechtlichen Ordnungsrahmen sei menschenfeindlich.
Nachdem die Krisenentwicklung selbst den Theorien von Karl Marx, den man in den letzten Jahrzehnten wie einen „toten Hund“ behandelte, recht gegeben hat, sind die Epigonen der bestehenden Gesellschaftsordnung bestrebt, rechtzeitig die Konsequenzen aus seinen Theorien abzuwehren. Man kann Marx loben und gleichzeitig versuchen, ihn zu verfälschen, d.h. ihn zu entschärfen. In der neuen Enzyklika des Papstes Benedikt XVI. würdigt dieser Karl Marx, vor allem dessen sozialrevolutionären Ansatz für mehr Gerechtigkeit und verdammt gleichzeitig die „fürchterlichen Irrwege der Kommunisten“. Der Bischof Marx erinnerte im Oktober an den Philosophen Karl Marx „der heute genauso recht hat, wie vor 100 Jahren“. Er meinte, die katholische Soziallehre hat die Erkenntnisse von Karl Marx mit aufgenommen und steht auf dessen Schultern. Er unterstrich auch die Bedeutung des Sozialismus-Theoretikers bei der Analyse der Lage. So kann man Geschichte verbiegen, wobei darauf nur jene hereinfallen, die die hasserfüllte Feindschaft gerade der katholischen Kirche gegen alle sozialistischen Bestrebungen in der Vergangenheit vergessen haben.
Der geistige Kampf muss weitergeführt werden, nur so kann wieder einmal die Umsetzung in politische Kraft erfolgen.

November 2008

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In einem Produktionssystem, wo der ganze Zusammenhang des Reproduktionsprozesses auf dem Kredit beruht, wenn da der Kredit plötzlich aufhört und nur noch bare Zahlung gilt, muss augenscheinlich eine Krise eintreten, ein gewaltsamer Andrang nach Zahlungsmitteln. Auf den ersten Blick stellt sich daher die ganze Krise nur als Kreditkrise und Geldkrise dar. Und in der Tat handelt es sich nur um die Konvertibilität der Wechsel in Geld. Aber diese Wechsel repräsentieren der Mehrzahl nach wirkliche Käufe und Verkäufe, deren das gesellschaftliche Bedürfnis weit überschreitende Ausdehnung schließlich der ganzen Krisis zugrunde liegt. Daneben aber stellt auch eine ungeheure Masse dieser Wechsel bloße Schwindelgeschäfte vor, die jetzt ans Tageslicht kommen und platzen; ferner mit fremden Kapital getriebne, aber verunglückte Spekulationen; endlich Warenkapitale, die entwertet oder gar unverkäuflich sind, oder Rückflüsse, die nie mehr einkommen können. Das ganze künstliche System gewaltsamer Ausdehnung des Reproduktionsprozesses kann natürlich nicht dadurch kuriert werden, dass nun etwa eine Bank, z.B. die Bank von England, in ihrem Papier allen Schwindlern das fehlende Kapital gibt und die sämtlichen entwerteten Waren zu ihren alten Nominalwerten kauft. Übrigens erscheint hier alles verdreht, da in dieser papierenen Welt nirgendwo der reale Preis und seine realen Momente erscheinen, sondern nur Barren, Hartgeld, Noten, Wechsel, Wertpapiere. Namentlich in den Zentren, wo das ganze Geldgeschäft des Landes zusammendrängt, wie London, erscheint diese Verkehrung; der ganze Vorgang wird unbegreiflich; weniger schon in den Zentren der Produktion.

MEW 25 (Das Kapital, Dritter Band) Seite 507




























































































































































Bay. Versammlungsgesetz: Es geht weiter!

Am 1. September 2006 trat die so genannte „Föderalismusreform“ bundesweit in Kraft. Neben der Zentralisierung des Gewaltenapparates erlaubt sie es unter anderem, auf Länderebene ein eigenes Versammlungsgesetz zu erlassen. Die CSU-Staatsregierung in Bayern legte im Februar 2008 einen eigenen Entwurf zu einem bayerischen Vesammlungsgesetz vor. Dieser hat es in sich! Er sieht eine weitere massive Einschränkung des demokratischen Rechts auf Versammlungsfreiheit vor und beschneidet damit die Meinungsfreiheit erheblich.
Auch bisher schon ist dieses Recht durch das (Bundes-)Versammlungsgesetz unzumutbar eingeschränkt. Versammlungen unter freiem Himmel müssen angemeldet werden. Es gibt Auflagenbescheide der Behörden, es gilt das „Schutzwaffenverbot“ (als sogenannte passive Bewaffnung gelten zum Beispiel Schienbeinschoner, Lederjacken oder andere feste Kleidung, die vor Verletzungen schützt, etc.), das „Vermummungsverbot“, das „Uniformierungsverbot“ und drei Leute sind schon eine Versammlung. All dies gilt heute bereits für Versammlungen unter freiem Himmel und darf nach dem Grundgesetz auch nur unter freiem Himmel gelten. Zudem sichert das Grundgesetz ein ausdrückliches Grundrecht auf freie Versammlung nur deutschen StaatsbürgerInnen zu.


Die Demonstration am Küchentisch
Nach dem Gesetzesentwurf der CSU-Regierung aber sollen viele dieser Einschränkungen und noch etliche weitere auch für Versammlungen in geschlossenen Räumen gelten, teilweise sogar bei nichtöffentlichen Versammlungen. Die Ausweitung des Versammlungsgesetzes auf nichtöffentliche politische Versammlungen – darunter können Beispielsweise auch Gruppen- und Bündnistreffen, Streikversammlungen, geschlossene Informationsveranstaltungen, Seminare und ähnliches fallen – stellt diese verschärft unter staatliche Kontrolle. Sie ermöglicht damit Verfolgungs- und Ordnungsbehörden noch mehr als bisher die Reglementierung und Kriminalisierung weiter Teile politischer Meinungsbildung.


Flugblattverteilen anmelden?
Der neue Gesetzesentwurf definiert „eine Zusammenkunft von mindestens zwei Personen zur gemeinschaftlichen, überwiegend auf die Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung gerichteten Erörterung oder Kundgebung“ als Versammlung. Darunter fallen schon zwei Personen, die z.B. Flugblätter verteilen, was demnach zukünftig angemeldet werden muss. Auch ist denkbar, dass damit sogar eine nichtöffentliche Diskussion von zwei Menschen gemeint ist, sofern diese eben „auf die öffentliche Meinungsbildung gerichtet“ ist.


Gesinnungs-TÜV für OrdnerInnen und VeranstalterInnen
Neu ist auch, dass von allen OrdnerInnen die Personalien angegeben werden müssen. Dies kann auch für Versammlungen in geschlossenen Räumen verlangt werden. Sowohl OrdnerInnen als auch VersammlungsleiterInnen können von der Ordnungsbehörde nach eigenem Gutdünken als „ungeeignet“ abgelehnt werden. Faktisch werden AnmelderInnen und OrdnerInnen damit einem „Gesinnungs-TÜV“ unterzogen werden. Verständlicherweise wird es viele Menschen abschrecken, sich für diese Aufgaben zur Verfügung zu stellen, wenn zu erwarten ist, dass ihre persönlichen Daten dauerhaft bei Polizei und Geheimdiensten gespeichert werden.
Die/der VersammlungsleiterIn soll außerdem per Gesetz zum verlängerten Arm der Polizei gemacht werden. Schon jetzt gibt es immer wieder Strafverfahren und gerichtliche Auseinandersetzungen um die Frage, inwieweit VersammlungsleiterInnen für die Abläufe auf einer Versammlung verantwortlich sind. Zukünftig werden sie pauschal verpflichtet, „geeignete Maßnahmen“ bereits im Vorfeld zu ergreifen, um „Gewalttätigkeiten aus der Versammlung heraus zu verhindern“. Auch hier entscheidet letztlich die Polizei, welche Maßnahmen „geeignet“ sind.


„Das ist das Gesetz, mit dem der schwarze Block verboten werden soll“ (Zitat eines Polizisten)
Das gegenwärtig gültige „Uniformierungsverbot“ in der Öffentlichkeit soll um ein sogenanntes Militanzverbot erweitert werden. Danach wäre es verboten „an einer öffentlichen oder nichtöffentlichen Versammlung in einer Art und Weise teilzunehmen, die dazu beiträgt, dass die Versammlung oder ein Teil hiervon nach dem äußeren Erscheinungsbild 1. militärisch geprägt wird oder 2. den Eindruck von Gewaltbereitschaft vermittelt und dadurch eine einschüchternde Wirkung entsteht.“ Auch hier bleibt das geplante Gesetz unkonkret und pauschal. Die Einschätzung des „äußeren Erscheinungsbildes“, des „Eindrucks von Gewaltbereitschaft“ und die „einschüchternde Wirkung“ kann natürlich nur vor Ort – und damit von der Polizei vorgenommen werden. Darunter können GewerkschafterInnen mit Streikwesten fallen, die laut und mit erhobenen Fäusten gegen ihre Entlassung protestieren und damit eventuell den Unternehmer „einschüchtern“. Oder gemeint ist der/die Jugendliche mit einem Sex-Pistols-T-Shirt, der/die laut und kämpferisch „Nazis raus“ ruft, was ein NPD-Marschierer auch als „bedrohlich“ empfinden könnte. Damit wird der ureigenste Sinn einer politischen Demonstration ad absurdum geführt, denn schließlich geht es darum, eigene Interessen kämpferisch, machtvoll und lautstark auf die Straße zu tragen.


Demo vs. Sommerschlussverkauf
Ebenso absurd ist, dass eine Versammlung zukünftig verboten werden kann, wenn sogenannte „Rechte Dritter“ unzumutbar beeinträchtigt werden. Auch mit dieser schwammigen Formulierung wird den Ordnungsbehörden Tür und Tor für Verbote unliebsamer Versammlungen geöffnet. Schließlich haben Ansammlungen von vielen Menschen immer Auswirkungen auf „Unbeteiligte“, seien es AutofahrerInnen am Samstag in der Innenstadt, die LadenbesitzerInnen am Rande einer Demonstrationsroute oder die Unternehmer, vor deren Fabrik eine Streikversammlung stattfindet.
Die bürokratischen Hürden für die Anmeldung von Versammlungen werden deutlich in die Höhe geschraubt. Gefordert werden soll demnächst eine vielseitige „Anzeige“ mit dem Ort, dem Zeitpunkt und dem Ende, dem Thema, der erwarteten Anzahl der TeilnehmerInnen, dem beabsichtigten Ablauf, der mitgeführten Gegenstände und technischen Hilfsmittel sowie persönlichen Daten von VeranstalterIn, LeiterIn und OrdnerInnen. Damit wird die jahrelange tendenziell versammlungsfeindliche und auch rechtlich umstrittene Praxis beispielsweise des KVR München per Gesetz für ganz Bayern verpflichtend. Die Frist, vor öffentlicher Bekanntgabe eine Versammlung anzumelden, soll von derzeit 48 Stunden auf bis zu 96 Stunden erhöht werden.
Erweitert werden sollen auch die Befugnisse der Polizei, Filmaufnahmen von Versammlungen anzufertigen und zu speichern. Nach dem Entwurf dürfen „Übersichtsaufnahmen“ zukünftig ganz legal für immer aufbewahrt werden, wenn sie „zur Auswertung des polizeitaktischen Vorgehens verwendet werden“.


Ganz Bayern auf der „Münchner Linie“
Diese Aufzählung der geplanten Verschärfungen ist immer noch nicht vollständig. Insgesamt entspricht der Gesetzesentwurf dem Wunschkatalog der Ordnungsbehörden und der Polizei, konkret wohl dem des Münchner Kreisverwaltungsreferates und des Münchner Polizeipräsidiums. Er soll auch heute schon praktizierte Auslegungen in Gesetzesform gießen. Der Entwurf bleibt in vielen Punkten so undeutlich, dass damit der Ermessensspielraum durch Polizei und Ordnungsämter deutlich ausgeweitet wird. Bei der zu erwartenden restriktiven Linie ist damit zu rechnen, dass künftig wohl nur noch solche Versammlungen ungestört stattfinden können, die zahm, freundlich und staatstreu darum bitten, ihre Belange vorbringen zu dürfen.

Gesetzesverschärfung gegen Nazis?
Die Staatsregierung argumentiert in der Öffentlichkeit damit, mit dem geplanten Versammlungsgesetz neonazistische Aufmärsche leichter untersagen zu können. Tatsächlich wäre das auch heute schon möglich, jedoch mangelt es am politischen Willen der Behörden. So konnten in den Jahren 2006 und 2007 die bundesweit einzigen Ersatzveranstaltungen für den andernorts verbotenen Rudolf-Heß-Marsch ausgerechnet in München stattfinden, ein Verbot wurde trotz der seit 2005 geänderten Rechtslage nicht in Betracht gezogen.
Das neue Versammlungsgesetz würde es im Gegenteil erheblich erschweren, gegen Naziaufmärsche und -veranstaltungen offen und wirkungsvoll zu demonstrieren. Das neue Gesetz würde schon Aktionen der Zivilcourage und des zivilen Ungehorsams gegen rechte Aktivitäten verbieten, selbst wenn sie im Vorfeld eines solchen Anlasses stattfinden.
Die Rote Hilfe ist schon jetzt mit einer Vielzahl an Verfahren wegen angeblicher Verstöße gegen das geltende Versammlungsgesetz konfrontiert, die immer wieder große Mengen an Geld und Anstrengungen verschlingen. Mit dem neuen Versammlungsgesetz werden diese Verfahren noch zunehmen. Die öffentliche politische Artikulation soll auch dadurch erschwert werden, dass die Kosten und Risiken für Organisationen und Einzelpersonen immer höher werden.
Sollte dieses Gesetz in Kraft treten, wird das auch Auswirkungen auf die Versammlungsfreiheit in anderen Bundesländern haben. Es ist anzunehmen, dass sich die Innenminister der Länder darauf geeinigt haben, im bekanntermaßen versammlungsfeindlichen Bayern mit absoluter Mehrheit der CSU dieses Gesetzesvorhaben durchzuführen, um es bei Erfolg auch in anderen Ländern übernehmen zu können. Umso wichtiger ist es, hier und jetzt das In-Kraft-Treten des Gesetzes zu verhindern!
Lasst uns gemeinsam den CSU-Gesetzesentwurf zur weiteren Einschränkung der Versammlungsfreiheit verhindern!
Solidarität ist eine Waffe!

Rote Hilfe, Ortsgruppe München


Die soziale Kluft wird größer


Im Juni dieses Jahres wurde der dritte Armutsbericht der Bundesregierung, im folgenden Monat dann auch der Öffentlichkeit bekannt. Die Tagesschau berichtete unter der Überschrift: „Die soziale Kluft in Deutschland wird tiefer“. Danach sind inzwischen 20 Millionen Menschen in Deutschland von Armut betroffen. Das heißt, jeder vierte Deutsche muss durch staatliche Leistungen vor dem völligen Absturz bewahrt werden. Besonders von Armut betroffen sind Alleinerziehende und Kinder. Inzwischen gelten 2,5 Millionen Kinder als arm. Das sind doppelt so viele wie im Jahr 2004.

Nach der international gängigen Definition ist arm, wer weniger als 60 Prozent eines mittleren Einkommens bezieht. Für Alleinstehende hat die Bundesregierung die Armutsgrenze auf derzeit 781 Euro festgelegt, bei einer vierköpfigen Familie auf 1640 Euro. Es fällt auf: Mit dieser 60-Prozent-Grenze geht man im Bundesarbeitsministerium offensichtlich recht locker um, dennoch im Jahr 2005 lag die Armutsgrenze im selben Bericht für Alleinstehende bei 938 Euro. Mit der realen ökonomischen Entwicklung hat das somit nichts zu tun, sondern wohl eher damit, dass man die ausgewiesene Armut in der BRD nicht noch höher ausfallen lassen wollte.

Denn glücklich waren die Regierungsakteure über ihren Bericht natürlich nicht. Obwohl manipuliert, zeigt er dennoch überdeutlich die Auswirkungen neoliberaler Politik der vergangenen Jahre. Dabei hatten diese Politiker immer das Gegenteil des jetzt vorliegenden Resultats verkündet. Nämlich, dass diese „Reformen“ Arbeitsplätze schaffen, die Sozialsysteme sichern und zu Wohlstand führen würden.

Aber die neue Armut trifft nicht nur die, mit dem von der SPD erfundenen Begriff „Prekariat“ bezeichnete Gesellschaftsgruppe, sondern bedroht inzwischen auch die Teile der abhängig Beschäftigten, die in der Vergangenheit über ein gesichertes Auskommen verfügten. Nach der bürgerlich, ideologisch definierten Bevölkerungsdifferenzierung ist das der „Mittelstand“. Ob Facharbeiter oder qualifizierter Angestellter, bei eintretender Arbeitslosigkeit beginnt auch für sie die Abwärtsspirale in Richtung Armut. Um den sozialen Abstieg zu dämpfen und die geringen Ersparnisse, die von Hartz IV gefressen würden, zu retten, sind diese Menschen deshalb zu Vielem bereit. Unter anderem auch dazu, ein prekäres Arbeitsverhältnis anzunehmen.

Über sieben Millionen Menschen erhalten deshalb inzwischen nur noch Niedrig- und Hungerlöhne. Rund drei Millionen verdienen so wenig, dass sie Anspruch auf zusätzliches Arbeitslosengeld haben. 1,3 Millionen, davon eine halbe Million in Vollzeitarbeit, machen davon Gebrauch.

Aber auch diejenigen, die ein tariflich abgesichertes Arbeitsverhältnis haben, müssen sich strecken. Über viele Jahre sind die Einkommen nominal und noch stärker natürlich real gesunken. Das gilt auch für das zurückliegende Jahr. Trotz Konjunktur setzt sich das Trauerspiel der letzten Jahre fort. Zum ersten Mal sinken die realen Löhne in einer Hochkonjunkturphase! Und auch hier trifft es das untere Viertel der Einkommenspyramide am Brutalsten. Nach Berechnungen der Wirtschaftsabteilung von ver.di sanken hier die realen Stundenlöhne in den zurückliegenden sechs Jahren um 13 Prozent!

Dabei hatte Merkel im Bundestag noch im Dezember stolz verkündet: „Der Aufschwung kommt bei den Menschen an“. Dem kann man schon zustimmen. Allerdings nicht so, wie das sie das gemeint hat. Die Feststellung gilt nur für die dünne Schicht der Bourgeoisie – für die Reichen und Superreichen. Der Rest des Volkes hat davon bis jetzt nichts gemerkt.

Im Jahr 2007 ist das Volkseinkommen um runde 74 Milliarden Euro oder 4,2 Prozent gestiegen. Es hätte also einiges verteilt werden können. Und Verteilung fand statt. Nämlich so wie schon in den vergangenen Jahren auch. 43 Milliarden nahmen sich die Kapitalisten und 30 Milliarden bekam auf die breite Masse des Volkes. Die Folge davon ist, dass die Lohnquote weiter abstürzte. Im Jahr 2007 forderten die Gewerkschaften einen „kräftigen Schluck aus der Pulle“. Und verglichen mit den Vorjahren waren die Abschlüsse auch höher als in den zurückliegenden Jahren. Im Durchschnitt lagen die Einkommenserhöhungen bei knapp drei Prozent. Aber von einer Trendwende in der Einkommensentwicklung, die manche Gewerkschaften schon verkündeten, kann beim besten Willen nicht gesprochen werden.

Inzwischen frisst die Preisentwicklung die Löhne auf. Besonders teuer sind die täglichen Ausgaben geworden. Die Fahrt zur Arbeit, Heizung und Lebensmittel werden teuerer und teuerer. Die Schuld daran tragen nicht irgendwelche anonymen Ölscheichs oder gar die Chinesen, die jetzt plötzlich soviel Milch trinken, sondern Finanzspekulanten, internationale Ölkonzerne und große Energieunternehmen. Zurzeit sieht es nicht so aus, als würde sich diese Entwicklung umkehren. Und selbst wenn sich die Preisentwicklung verlangsamen würde, würde die Durchsetzung höherer Löhne schwerer. Der Grund ist in dem sich abzeichnenden Konjunkturabschwung zu suchen, der sich durch die jüngsten Ereignisse zur Depression entwickeln kann. In solchen Phasen sind die Gewerkschaften objektiv nicht in der Lage, hohe Abschlüsse durchzusetzen. Schon jetzt predigt Gesamtmetall (und zwar vor der Finanzkrise), im Hinblick auf die Tarifrunde im Herbst in der Metall und Elektro-Industrie, Lohnzurückhaltung. Das ist ein kleiner Vorgeschmack auf die zukünftige Entwicklung, die weiter gegen die Lohnquote laufen wird und zur Senkung des Lebensstandards großer Teile der abhängig Beschäftigten führt. Die Armutsbedrohung wird also nicht verschwinden, sondern sie wird sich verallgemeinern.

Armut im Alter droht

Aber das dicke Ende kommt erst noch. „In 25 Jahren wird jeder zweite Rentner eine Rente in Höhe von Hartz IV bekommen“, prognostiziert der selbsternannte „Rentenexperte“ Meinhard Miegel vom Bonner Institut für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Absicht Miegels ist klar: Er will mit der Horrorvision den Versicherungskonzernen Anleger für eine private Altersversorgung zutreiben. Eine Änderung der neoliberalen Bonner Politik will er natürlich nicht. Deshalb ist die Armutsbedrohung der abhängig Beschäftigten durchaus real. Die Verlängerung des Renteneintrittalters auf 67 Jahre bedeutet nichts anderes als eine weitere Rentenkürzung. Die meisten Arbeiter und Angestellten halten den Arbeitsstress bereits heute gesundheitlich schon nicht bis zum 65ten Lebensjahr durch. Auch gibt es kaum noch Arbeitsplätze für Ältere. Die Unternehmer wollen „olympia­reife“ Belegschaften und drücken ältere Beschäftigte – oftmals mit Mobbing-Methoden – systematisch aus den Betrieben. Das führt dazu, dass zwei Drittel vor 65 in die Rente gehen. Und das heißt: Sie gehen mit Rentenabschlägen. Wer deshalb in Zukunft mit 63 Jahren geht, hat eine Rentenkürzung für den Rest seines Lebens in Höhe von 14,4 Prozent hinzunehmen. Aber das ist noch nicht alles. Die Bundesregierung plant darüber hinaus, dass es in den nächsten Jahrzehnten keine oder nur minimale Rentenerhöhungen geben soll. Bei optimistisch angenommenen zwei Prozent Inflation bedeutet das für die nächsten zehn Jahre, eine weitere reale Rentenkürzung von 20 Prozent.

Auffangen kann man die Rentenkürzung nur durch eine private Altersversorgung. Eine solche können sich aber heute schon Millionen von Lohn- und Gehaltsempfänger nicht leisten. Sie bekommen zu wenig Lohn. Ihre Hungerlöhne reichen nicht aus, einen Teil davon auch noch an die Versicherungskonzerne abzudrücken.

Gelingt es deshalb in den nächsten Jahren den oppositionellen Kräften in der Gesellschaft nicht, der Politik eine andere Richtung zu geben, dann wird die Miegelsche Horrorvision wahr. Dann gibt es in Deutschland eine verbreitete Altersarmut.

Das Märchen von der demographischen Notwendigkeit

Die Neoliberalen sagen: Die Einschnitte bei den Renten sind erforderlich, weil die Menschen immer länger leben und immer weniger Kinder geboren werden; also wegen der demographischen Entwicklung. Dabei spielen sie sehr bewusst mit der Naivität der Bevölkerung, die sich dann auch für die neoliberale Argumentation offen zeigt, solange der Einzelne nicht selbst direkt betroffen ist. Das Argument ist: „Heute kommen vier Erwerbstätige auf einen über 65-Jährigen. In 30 Jahren sind es nur noch zwei Erwerbstätige. Damit ist der Generationenvertrag endgültig gesprengt. Wir müssen wegen dieses Sachzwanges das Rentensystem, ja sogar den ganzen Sozialstaat umbauen!“

So reden sie, die Neoliberalen in Regierung und Parteien. Bereits im Jahr 2006 knüpfte der damalige Bundesarbeitsminister Müntefering an diese „Argumentation des gesunden Menschenverstandes“ an. Er meinte damals: „Da muss man kein Mathematiker sein, da reicht Volksschule Sauerland, um zu wissen: Wir müssen irgendetwas machen“. Dieses Geschwätz eines Arbeitsministers lässt tiefe Einblicke in das Volksschulwesen des Sauerlandes zu, das Müntefering wohl im Überfluss genossen haben muss.

Die günstigste Annahme die man in dem Zusammenhang machen kann ist: Müntefering ist einfach zu blöd, die Probleme, die sich aus der Rentenentwicklung ergeben, zu durchschauen. Die weniger günstige, jedoch wahrscheinlichere ist, dass er die Zusammenhänge sehr wohl durchschaut, aber mit dieser infamen Argumentation die Bevölkerung zu manipulieren versucht.

In der Folge wurde die Regierung aus ihrer „sozialen Verantwortung“ heraus auch aktiv. Sie hat nämlich, wie es Merkel ausdrückte, eine wirkliche Reform gemacht, die nach Merkel eine„ehrliche Politik“ charakterisiere, „weil nämlich heute schon gesagt wird, wie es im Jahr 2012 bis zum Jahr 2029 gehen wird.“

Mit dieser „ehrlichen Politik“ stürzt die neoliberale Koalition die die heutigen Rentner – und noch mehr die zukünftigen – in die Altersarmut.

Untersuchen wir einmal die Notwendigkeit einer solchen „ehrlichen Politik“ genauer: Schauen wir in die jüngere Geschichte zurück, dann werden wir feststellen, dass die Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung nichts Neues ist. Am Anfang des letzten Jahrhunderts kamen auf einen Rentner noch zwölf Beschäftigte. Das änderte sich in den Folgejahren drastisch. 1950 hatte sich dieses Verhältnis fast halbiert. Auf einen Rentner kamen nur noch sieben Erwerbstätige. Wenn das keine Verschiebungen in der Demographie sind! Und trotz dieser demographischen Belastungen war in der Nachkriegszeit der Ausbau des Sozialstaates mit seinen sozialen Sicherungssystemen, inklusive der Rentenversicherung, in vorher nicht gekannter Qualität möglich! Das hat Müntefering in seiner „Volksschule Sauerland“ offensichtlich nicht gelernt.

Der „gesunde Menschenverstand“ sagt, und daran knüpfte Müntefering ja an: „so etwas geht nicht“. Aber die 50er- und 60er-Jahre haben gezeigt, dass so etwas sehr wohl geht. Und der Grund dafür liegt in der steigenden Produktivität der menschlichen Arbeit. Von jedem Werktätigen wurden und werden von Jahr zu Jahr mehr Produkte und Werte geschaffen. Allein in den 60er-Jahren war eine Steigerung von 50 Prozent zu verzeichnen (Michael Schlecht, FR, 27. Jan. 2007). Dadurch fiel die veränderte gesellschaftliche Altersstruktur nicht mehr ins Gewicht. Die steigende Produktivität hat also den demographischen Wandel mehr als ausgeglichen, wobei noch anzumerken ist, dass in jener Zeit auch massiv die wöchentliche Arbeitszeiten verkürzt wurden.

Auch in Zukunft wird die Produktivität steigen und somit der demographische Wandel auffangbar sein. Michael Schlecht von der Wirtschaftsabteilung der Gewerkschaft ver.di machte in der FR 2007 folgend Rechnung auf: „2006 wurde im Durchschnitt je Einwohner fast 28.000 Euro Reichtum produziert. Selbst bei einem jährlichen Produktivitätsfortschritt von nur einem Prozent und anhaltend hoher Arbeitslosigkeit würde das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung bis 2030 auf 31.500 Euro steigen. Ein Plus von 13 Prozent. Der oberste Rentenkürzer der Republik – Professor Rürup – geht von einer Produktivitätssteigerung von 1,8 Prozent je Jahr in der Zukunft aus. Das würde bedeuten, würde der erarbeitete Reichtum, auf alle, vom Baby bis zum ältesten Rentner, gleichmäßig verteilt, dass im Jahr 2030 für jeden 38.000 Euro entfallen würde. Etwa 35 Prozent mehr als 2006. Trotz Demographie! Wo ist da eigentlich das Problem?“

Ja, wo ist da eigentlich das Problem? Es liegt nicht im demographischen Wandel und auch nicht in der Ökonomie. Das Problem liegt allein an der einseitigen Verteilung des erarbeiteten Reichtums zu Gunsten der Kapitalisten. Eine höhere Produktivität heißt für das Kapital ganz klar die Steigerung der Profite. Setzt die Arbeiterklasse mit ihren Gewerkschaften nur ungenügende Lohnabschlüsse durch, dann fließen diese Profite unverhältnismäßig stark den Kapitalisten zu. Es findet eine Umverteilung von unten nach oben statt, die noch zusätzlichen Schub erhält durch die neoliberale Politik des Sozialabbaus und durch Steuergeschenke an die Kapitalisten. Das genau ist in den letzten zehn Jahren im Übermaß geschehen. Bei einer wirklich aktiven Lohnpolitik sähe das Bild anders aus. Dazu nochmals Michael Schlecht: „Gelingt es, Lohnsteigerungen mindestens in Höhe des verteilungsneutralen Rahmens durchzusetzen (verteilungsneutral ist eine Lohnsteigerung in Höhe des Produktivitätszuwachses plus der Inflationsrate), könnten die Beitragssätze über die bis 2030 geplante Marke von 22 Prozent steigen. Mit höheren Löhnen und höheren Beiträgen könnten Beschäftigte und Rentner an der wachsenden Leistungsfähigkeit der Arbeit teilhaben. Genau wie in den 50er-, 60er- und auch noch 70er-Jahren. Von 1957 bis heute stiegen die Beiträge von 14 auf knapp 20 Prozent an. Der Verzicht auf die Rente mit 67 würde bis 2030 gerade einmal zu einem um 0,5 Prozentpunkte höheren Beitrag führen.“

Die Reichen werden reicher

Entscheidend für eine Veränderung der derzeitigen Zustände ist die Frage, welche Kraft die Werktätigen in der Lage sind aufzubringen, um eine Umverteilung von oben nach unten zu erzwingen. Diese Kraft war in den zurückliegenden Jahren nicht vorhanden. Die Folge davon ist nicht nur in der manifestierten Armut sichtbar, sondern auch an der Kehrseite der Armuts-Medaille, dem Reichtum in den Händen von Wenigen. So spricht der Armutsbericht der Bundesregierung von inzwischen 800.000 Einkommensmillionären (andere Einschätzungen gehen von eine Million Millionären aus), wobei die Vermögensmillionäre nicht ausgewiesen werden. Es gibt also immer mehr Reiche, die immer reicher werden. Dabei handelt es sich nicht alleine um die Manager, die im Brennpunkt einer öffentlichen Ablenkungsdiskussion stehen. Nach Berechnungen des ver.di-Vorstandes wurden allein in diesem Jahr von deutschen Aktiengesellschaften 27,2 Milliarden Euro an Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet. Soviel, wie noch nie! Eine Diskussion darüber findet öffentlich natürlich nicht statt, denn diese würde für die Bourgeoisie die Gefahr beinhalten, dass über die Vermögensverteilung in Deutschland grundsätzlich diskutiert werden könnte.

Aus diesem Grunde werden stellvertretend die Manager vorgeschoben, eine Schicht innerhalb der Kapitalistenklasse, die sich genauso hemmungslos an der Klasse der abhängig Beschäftigten bedient, wie die Bourgeoisie in ihrer Gesamtheit. Nur, bei dieser Spezies ist die Profitgier sichtbar. 5,1 Millionen Euro kassierte im Jahr 2007 im Durchschnitt jeder Vorstandsvorsitzende eines DAX-Konzerns. Alle 30 DAX-Bosse bekommen soviel, wie 4.500 ihrer Arbeiter und Angestellten. An der Spitze liegt bekanntlich Josef Ackermann von der Deutschen Bank mit 14,3 Millionen Euro.

Ein Ende der Fettlebe ist nicht abzusehen, denn die Mangergehälter sind im vergangen Jahr drastisch gestiegen und werden das wohl in der Tendenz auch in den nächsten Jahren tun. Zwölf Prozent waren es im Durchschnitt im vergangenen Jahr. Bei Infineon, Daimler, BMW, Merck und TUI waren es sogar fast 50 Prozent. In der Tat sind das schamlose Größenordnungen, vor allem, wenn man gleichzeitig die soziale Lage der Bevölkerungsmehrheit betrachtet.

Hier müsse die Politik steuernd eingreifen, fordern die Gewerkschaften. Die Politik reagierte darauf und griff mit vielen Appellen an Anstand und Moral in das Geschehen ein. Angefangen beim Bundespräsidenten, der Merkel und den Spitzen (fast) aller Parteien. Und sie überboten sich mit Vorschlägen, wie dem Problem beizukommen sei, die bei den betroffenen Managern allerdings nicht einmal ein müdes Lächeln hervorgerufen haben dürften. So zum Beispiel der Vorschlag, die Gehälter gesetzlich ab einer bestimmten Höhe zu deckeln. Ein Vorschlag, der im Widerspruch zur kapitalistischen Verfasstheit der Bundesrepublik steht und deshalb nicht ernst gewesen ist und gewesen sein kann. Geradezu lustig wirken deshalb im Moment die Schelten der Bankmanager und anderer Gierschlunde des Kapitals durch die Offiziellen der Politik.

Offensichtlich spüren sie aber die möglichen Gefahren für die Stabilität des kapitalistischen Systems durch die zunehmende Kluft zwischen unten und oben. Es müssen Nebelkerzen gesetzt werden. Nicht die kapitalistische Struktur der Gesellschaft soll als Verursacher der unsozialen Entwicklung im Brennpunkt stehen, sondern die wenigen raffgierigen Manager. Diese tragen ihre Rolle als Sündenbock mit Gelassenheit, was ihnen bei der herausragenden Bezahlung nicht schwer fallen dürfte. Das Ganze ist also nichts weiter als ein groß angelegtes Ablenkungsmanöver.

Wollte man tatsächlich etwas tun, könnte man die Spitzensteuersätze ab einem bestimmten Jahreseinkommen beispielsweise drastisch erhöhen. Eine Anhebung auf 80 Prozent hat beispielsweise „Die Linke“ gefordert. Aber das ginge wohl zu weit – schließlich soll es ja so bleiben wie es ist. Deshalb ist davon selbstverständlich nicht die Rede.

Die Rolle der Gewerkschaften

Die Gewerkschaften haben in den zurückliegenden Jahren immer wieder versucht, den Sozialabbau und die Umverteilung von unten nach oben zu bekämpfen. Erfolgreich waren sie dabei leider nicht. Auch auf ihrem Hauptbetätigungsfeld, der Tarifpolitik, sind die Erfolge dürftig. Nichts zeigt das deutlicher als die Einkommensentwicklung der letzten zehn Jahre. Diese ist, wie schon dargestellt, geprägt von Lohnstagnation und Reallohnabbau. Hinzu kommen interne Probleme, wie Mitgliederrückgang, schwindender Einfluss, selbst in großen Betrieben und die schwindende Bindekraft der Tarifverträge. Darauf wurde in den Jahreskonferenzen der zurückliegenden Jahre mehrmals eingegangen.

Die Gewerkschaften befinden sich seit Jahren in einem Erosionsprozess, der ihre Schwäche begründet und der sich beschleunigt. Aufzuhalten wäre er nur, wenn ohne politische Rücksichtnahme auf die Sozialdemokratie und bei Aufgabe ihres staatstragenden Selbstverständnisses die Interessen der Arbeiterklasse offensiv vertreten würden. Doch darauf werden wir wohl vergeblich warten. Hatte es noch während der Schröder-Regierung und in der Anfangszeit der großen Koalition zwischen den Gewerkschaften und der SPD „atmosphärische Störungen“ gegeben, die bei den Gewerkschaften zu der Tendenz geführt hat, sich von der Sozialdemokratie zu emanzipieren, so befinden sich DGB und Einzelgewerkschaften inzwischen wieder auf Schmusekurs. Das gilt besonders für die IG Metall. Das Führungsduo Huber/Wetzel betreibt eine solche Politik ganz offensichtlich. Doch dazu noch später. Erleichtert wird eine Wiederannäherung an die SPD natürlich durch deren Politik. Nachdem man sich dort, um der „Linken“ den Wind aus den Segeln zu nehmen, wieder „sozial“ gibt und die gewerkschaftliche Forderung nach der Einführung eines Mindestlohns übernommen hat, scheint für nicht wenige Führungsleute in den Gewerkschaftsvorständen, die Welt wieder im Lot zu sein.

Man weiß dabei nicht, ob die dort so dumm sind oder nur so dumm tun. Wahrscheinlich trifft beides zu. An der SPD-Spitze auf jeden Fall ist man nicht bereit, sich grundsätzlich von der Agenda 2010 zu distanzieren. Das gilt umso mehr jetzt, nachdem Kurt Beck aus dem Parteivorsitz gedrängt worden ist. Auch eine Abkehr vom rigorosen staatlichen Sparkurs ist nicht in Sicht und die Forderung nach einem Mindestlohn vertritt man nur deshalb, weil man mit der „Die Linke“ konkurriert, die mit dieser Forderung schon lange vor der SPD in die Offensive gegangen ist. Im Grundsatz soll sich nichts ändern. Die einstige Klientel der Sozialdemokratie wird weiter in die Verarmung getrieben. Damit ist aber auch der weitere Niedergang der Sozialdemokratie vorprogrammiert. Da wird ihr auch die halbherzige Unterstützung der Forderung nach einem Mindestlohn nichts nützen. Die Gewerkschaften aber werden, wenn sie wieder die alte Verbundenheit mit der SPD aufnehmen sollten, in diesen Niedergangsstrudel hineingezogen. Als hätten sie nicht schon für sich allein genug Probleme.

Da ist beispielsweise die Mitgliederentwicklung. In allen Gewerkschaften gehen in den nächsten Jahren die mitgliederstarken Jahrgänge in die Rente. Allein bei der IG Metall sind das bis zum Jahr 2012 rund 300.000 Mitglieder. Wenn es den betrieblichen Funktionären nicht gelingt, diesen Aderlass mit der Werbung neuer Mitglieder auszugleichen, kommt das einer organisationspolitischen Katastrophe gleich.

Von daher hat Huber schon Recht, wenn er davon spricht, dass die Mitgliederwerbung und die Verbesserung des Organisationsgrades die politischste Aufgabe der IG Metall sei. Es stellt sich dann allerdings die Frage nach dem „Wie“? Wie soll die politischste aller Aufgaben angegangen werden?

Darauf hat der IG Metall-Vize Detlef Wetzel eine Antwort. Man will den neoliberalen Profitsteigerungsmethoden der Kapitalisten ein neues Leitbild entgegensetzen: „Besser statt billiger“ lautet das Motto, das laut Wetzel die Betriebsräte bundesweit in die Betriebe tragen sollen. Im Tagesspiegel hat er im Mai d. J. die Vorstellungen, die sein Zuständigkeitsbereich entwickelt hat, dargestellt. „‚Wir erleben eine grundsätzliche Auseinandersetzung industrieller Strategien‘, sagt Wetzel. Auf der einen Seite arbeiteten Unternehmen hochprofitabel und schafften neue Arbeitsplätze, indem sie auf Innovationen, auf Beteiligung der Belegschaften und Kreativität setzten. Auf der anderen Seite operierten viele Unternehmen selbst in Boom-Zeiten an der Verlustgrenze und glaubten, sich nur durch harte Kostenreduzierungen oder Verlagerungen über Wasser halten zu können. Nach Wetzel sollen dann Betriebsräte ‚bei drohenden Werksschließungen‘ durch ‚faire‘ Kostenvergleiche befähigt werden, der Chefetage Alternativen zu präsentieren. Dort, wo das bereits funktioniert, sei die Resonanz in der Mitgliedschaft ‚riesig’.“

Eigentlich fällt einem dazu nicht mehr viel ein. Wetzel will natürlich mitnichten die Arbeiterklasse auf die revolutionäre Betriebsübernahme vorbereiten. Wetzel will das Gegenteil. Er will das Co-Management der Betriebsräte in absolut verschärfter Form. Wetzel sagt, dass die IG Metall in NRW sehr gute Erfahrungen damit gemacht habe. Die hat man allerdings auch anderswo gemacht. In ganz herausragender Weise hat dieses Co-Management beispielsweise im VW-Konzern funktioniert. Und mit Sicherheit war auch die Resonanz bei der VW-Belegschaft „riesig“, als sie von den Lustreisen ihres BR-Vorsitzenden Volkerts erfuhr. Nun muss die Kungelei von Betriebsräten mit Unternehmensvorständen nicht die Ausmaße der Wolfsburger Ereignisse annehmen. Aber sicher ist, dass Betriebsräte und Gewerkschafter, die Hand in Hand mit Unternehmensleitungen Strategien gegen konkurrierende Unternehmen entwickeln, objektiv gegen die Interessen der in diesen Unternehmen beschäftigten Arbeiter und Angestellten handeln. Und zwar gleichgültig, ob im Inland oder Ausland. Auch ist mehr als zweifelhaft, dass eine solche BR-Politik den eigenen Kollegen nutzt. Ein Betriebsrat und eine Gewerkschaft, der und die in die Unternehmenspolitik der Kapitalisten eingebunden ist, wird sehr viel Verständnis für die betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten der Kapitalseite aufbringen und sich bei Personaleinschnitten sicherlich nicht verweigern – solange sie sozialverträglich abgefedert sind, natürlich!

Wursteln ohne Klassenstandpunkt

Wie mit einer solchen Strategie, die den Begriff „Solidarität“ nicht kennt, neue Mitglieder gewonnen werden sollen, bleibt dem Außenstehenden verborgen. Auf die Idee, dass Menschen vielleicht schneller über eine konfliktorientierte Strategie den Weg zur Gewerkschaft finden könnten, kommt Wetzel erst gar nicht. Tröstlich ist immerhin, dass er sich laut Tagesspiegel „im Übrigen an der Seite von Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht, die kürzlich auch betont habe, ‚dass die deutsche Volkswirtschaft über eine Besser-Strategie funktioniert und nicht mit billig‘“.

Aber die Kampagne „Besser statt billiger“ ist bei Leibe kein Alleingang Wetzels. Hinter ihr steht in gleichem Maße auch der Vorsitzende Huber. Auf der Bezirkskonferenz des größten IG Metall-Bezirks NRW, hat er im August dieses Jahres in einem Grundsatzreferat sein politisches Credo abgelegt. Im Hinblick auf die alte Arbeiterbewegung führte Huber aus, „dass viele alte Gewissheiten heute nicht mehr tragen“. Damit meinte er das sozialistische Endziel. Er erklärte dann seine Erkenntnis folgendermaßen: „Die Versuche zur Errichtung nichtkapitalistischer Gesellschaften sind gescheitert.“ Er schränkte dann immerhin etwas ein und meinte: „Ich sage nicht, dass der Kapitalismus das letzte Wort der Geschichte ist. Aber: Heute geht es um etwas anderes“. Nach Huber geht es um zwei Entwicklungswege. Der erste ist der neoliberale und marktradikale Kapitalismus, der den „alten Grundkonsens der Bundesrepublik in Frage stellt“. Und der zweite Weg ist der des „Ausgleichs, der Verteilungsgerechtigkeit, der Bildung, der Innovation und der Nachhaltigkeit sowie der akzeptierten Mitbestimmung und lebendigen Demokratie.“ Nach Huber sind „beide Wege kapitalistisch. Wirtschaftlicher Erfolg ist auf beide Weisen möglich. Heute geht es darum: Welcher Weg setzt sich durch!?“

Damit ist der Weg eindeutig beschrieben, den die neue Führungsriege mit der IG Metall gehen will. Mehr als den Kapitalismus mitgestalten und von den Kapitalisten als Partner akzeptiert werden, will man nicht. Neu ist dieser Weg nicht. Auch in den 60er- und 70er-Jahren stand der Mitgestaltungsanspruch in den Programmen der Gewerkschaften. Aber immerhin verstand man sich damals als Gegenmacht zur realen Unternehmermacht. Huber und Wetzel rücken dafür heute das „Co-Managment-sein-wollen“ an die Stelle des „Gegenmacht-sein-wollen“. Der Weg ist verhängnisvoll und auch illusorisch und wird der IG Metall schaden. Es ist der Weg der IGBCE, bei der die Kooperation mit dem Klassengegner die Gewerkschaft fast bis zur Unkenntlichkeit verkommen lassen hat. Wenn Ausgleich und Kooperation mit dem Gegner im Vordergrund stehen, meidet man möglichst die Konfrontation. Dann hofft man auf die Vernunft des „Sozialpartners“ und dann glaubt man daran, mit Argumenten mehr zu erreichen als mit gewerkschaftlicher Aktion, sowohl bei den Gegnern in den Verbänden und Betrieben, als auch in Parteien und Regierung.

Zwar schließt die IG Metall-Spitze den gewerkschaftlichen Kampf nicht grundsätzlich aus. Aber wer von „akzeptierter Mitbestimmung“ und „lebendiger Demokratie“ faselt, wer Appelle an die Kapitalisten richtet, doch bitte „die Arbeitnehmer besser zu behandeln und wertzuschätzen“, wie das Wetzel getan hat, der wurstelt ohne Klassenstandpunkt vor sich hin und fährt die Karre in den Dreck.

Auch wenn Huber meint, dass „viele alte Gewissheiten heute nicht mehr tragen“, so besteht doch heute weiterhin, genauso wie gestern, der Grundwiderspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Aneignung deren Ergebnisse. Daraus leiten sich alle anderen Widersprüche, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, ab – auch die Massenarbeitslosigkeit und die neue Armut. Huber und Wetzel negieren diese wissenschaftlichen marxistischen Erkenntnisse und werden deshalb Schiffbruch erleiden.

Es geht nicht darum, den Weg der kapitalistischen Entwicklung zu beeinflussen und die zivilisiertere der beiden Möglichkeiten kritisch zu begleiten. Es geht vielmehr darum, gegen die kapitalistischen Angriffe Widerstand zu organisieren, damit sich bei den abhängig Beschäftigten Klassenbewusstsein entwickeln kann, das schließlich die Möglichkeit eröffnet, den kapitalistischen Grundwiderspruch zu überwinden.

Aber vielleicht werden schon in der kommenden Tarifrunde im Herbst die beiden auf den Boden der kapitalistischen Realität zurückgeholt. In der Beziehung ist auf die Kapitalisten meistens Verlass. In einem Interview hat Huber angekündigt, dass ein Abschluss über vier Prozent (was wiederum Reallohnverlust bedeuten würde) liegen müsse. Gesamtmetallchef Kannegießer dagegen sieht aufgrund der konjunkturellen Entwicklung kaum Spielräume. Das Handelsblatt sah deshalb schon vor dem Zusammenbruch der Finanzsysteme eine harte Tarifrunde auf die Republik zukommen. Und deshalb ist es durchaus möglich, dass die IG Metall in einen Arbeitskampf gezwungen werden könnte, was auf der einen Seite nicht die schlechteste aller Möglichkeiten, auf der anderen Seite aufgrund der heraufziehenden Krise auch nicht unproblematisch wäre.

Verwirrung auf der ganzen Linie

Die Führungen der richtungsangebenden Gewerkschaften meinen heute ihre Traditionen, ökonomische Erkenntnisse und Klassenkampfstandpunkte über Bord werfen zu müssen. Waren diese schon in früheren Jahren wenig ausgeprägt, so sind sie heute für die Gewerkschaftsspitzen obsolet.

Eine mögliche sozialistische Umgestaltung der BRD ist für einen Huber, Wetzel, Schmoldt, und wie sie alle heißen, ein unvorstellbarer Weg. Wer solcher Auffassung ist, sucht nach Alternativen. Und diese können nur noch in den Grenzen des kapitalistischen Systems liegen. Deshalb ist es für sie kein Widerspruch, wenn sie sich den Politikvorgaben der Kapitalisten anpassen und meinen, mit einem zweifelhaften „Modernismus“ und mit Co-Mangement, deren Akzeptanz zu gewinnen und wieder zu mehr Einfluss und zu mehr Mitgliedern zu gelangen.

Die Verwirrung besteht auf der ganzen Linie, denn politische Illusionen und indifferenten Standpunkte sind nicht nur auf Gewerkschaftskreise beschränkt. Sie findet man auch bei Gruppen, die sich selbst der politischen Linken zurechnen, in noch umfangreicherem Maße. Das ist auch kein Wunder, denn wenn man die marxistische Gesellschaftswissenschafte für tot erklärt hat, muss man notgedrungen die Welt neu erfinden.

Auch hier sucht man nach Ansätzen, die gesellschaftlichen Deformationen auf dem Boden und innerhalb einer kapitalistisch strukturierten Gesellschaft zu beseitigen.

Als Stichwort sei hier das bedingungslose Grundeinkommen (bGE) genannt, das sich einer breiten Diskussion erfreut. Die Linksfraktion im Bundestag teilt zwar das Ziel der Einführung eines bGE nicht, sie verfolgt das Modell der bedarfsorientierten Grundsicherung. Einzelne Abgeordnete halten aber weiter an dem bGE fest, wie zum Beispiel die stellvertretende Parteivorsitzende Katja Kipping, was zu einer regen Diskussion in der Partei „Die Linke“ führt. An der Auseinandersetzung sind führend die Strömungen „Emanzipatorische Linke“, die „Sozialistische Linke“ sowie Bundes- und Landesarbeitsgemeinschaften „Grundeinkommen“ beteiligt.

Ronald Blaschke, Philosoph und Zuarbeiter Kippings, sieht in dem bGE neben der Armutsbeseitigung vor allem das emanzipatorische Element. In einem Papier aus dem Jahre 2006 schreibt Blaschke: „Unter Emanzipation verstehe ich die fortschreitende freie (also selbst bestimmte) Verfügung aller Menschen über das eigene Leben. Ein bGE ermöglicht die weitgehende freie Verfügung aller Menschen über das eigene Leben“. Und Blaschke definiert dann auch, was er unter einem Grundeinkommen versteht, nämlich, „ein allen Menschen individuell zustehendes und garantiertes, in die Existenz sichernder Höhe (Armut verhindernd, gesellschaftliche Teilnahme ermöglichend), ohne Bedürftigkeitsprüfung (Einkommens-/Vermögensprüfung), ohne Arbeitszwang und -verpflichtung bzw. Tätigkeitszwang und -verpflichtung vom politischen Gemeinwesen ausgezahltes Grundeinkommen“. Blaschke verfolgt mit seinen Überlegungen also das Ziel, unter Fortbestand der kapitalistischen Eigentums- und Machtverhältnissen, so etwas ähnliches wie den Kommunismus einzuführen. Auf die Finanzierung des bGE geht Blaschke nicht ein. Vielleicht deshalb, weil es in der Diskussion eine Menge von Finanzierungsbeispielen gibt, die beweisen, dass ein bGE möglich ist. Zur Durchsetzung der Forderung meint er immerhin, „die praktische Einführung des bGE (wird) nicht vom Himmel fallen. Der Diskurs muss offensiv und gemeinsam mit den Menschen in unterschiedlichen Interessenlagen geführt, die Einführung des bGE politisch erkämpft werden“. Über die Frage, wie der politische Kampf dafür aussehen muss, lässt sich Blaschke in dem Papier nicht aus. Doch aus der Betrachtung des gesamten Kontextes, kann er nur meinen mit außerparlamentarischen Aktionen und parlamentarischen Mehrheiten.

Blaschke und die Vertreter des bGE sind Illusionisten. Sie haben sich in die Einzelheiten ihrer Modelle eines bGE dermaßen verrannt und geradezu verliebt, dass sie die Klassenstruktur der Gesellschaft und den Klassencharakter des Staates völlig vernachlässigen. In dem Punkt ähneln sie den historischen Frühsozialisten, die ebenfalls mit phantastischen Gesellschaftsmodellen das Proletariat und die gesamte Menschheit aus dem Elend erlösen wollten. Was daraus wurde, wissen wir heute!

Die Vertreter des bGE, und insbesondere die „Emanzipatorische Linke“, verstehen unter „bedingungslos“, dass tatsächlich alle Menschen keinerlei Arbeitszwang unterliegen dürfen.

Eine solche Forderung findet natürlich durchaus eine Resonanz bei Arbeitslosen und Hartz IV-Empfängern, die staatlicherseits mit manchmal schikanösen Methoden zur Annahme jeglicher so genannter zumutbarer Arbeit gezwungen werden. Dass ein solcher Arbeitszwang insbesondere von der Linken nicht akzeptiert werden kann und politisch mit allen Mitteln bekämpft werden muss, bedarf keiner Diskussion. Er ist nicht nur für die davon Betroffenen eine Demütigung, sondern er hat die objektive Funktion, die Arbeiterklasse zu disziplinieren, die Konkurrenz innerhalb der Klasse zu verschärfen und sie damit zu spalten. Die Hartz-Gesetze entsprechen damit ganz klar der Interessenlage der Kapitalisten. Und insoweit ist die Forderung nach Beseitigung eines solchen Arbeitszwangs für Linke natürlich eine Selbstverständlichkeit.

Die Vertreter des bGE wollen aber darüber hinaus. Sie wollen jeglichen Zwang zur Arbeit abschaffen (unter Beibehaltung der kapitalistischen Produktionsweise). Abgesehen davon, dass es in jeder Gesellschaft, auch in einer kommunistischen, den Zwang gibt, die erforderlichen Mittel zum Leben und Überleben zu erarbeiten, ist die Forderung, innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft den Zwang zur Arbeit abzuschaffen, geradezu absurd. Der Kapitalismus kann nur durch den Arbeitszwang existieren. Im Kapitalismus besteht der Zwang zur Lohnarbeit für all diejenigen, die über kein Kapital, und damit über keine Produktionsmittel verfügen. Nur mit der erzwungenen Lohnarbeit sind sie in der Lage ihre Existenz zu sichern und sich zu reproduzieren.

Ein bGE, wie es sich Blaschke und Genossen vorstellen, würde den Lebensnerv des Kapitals treffen und ist deshalb innerhalb des kapitalistischen Systems nicht durchsetzbar. Schließlich war die Voraussetzung für die Entstehung des Kapitalismus die Enteignung der Produzenten von ihren Produktionsmitteln und der daraus resultierende Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft an einen Kapitalisten. Das lässt sich innerhalb einer bürgerlichen Gesellschaft nicht ändern und schon gar nicht auf parlamentarischem Weg.

Die Forderung nach einem bGE ist nicht nur eine Illusion, sondern sie ist auch nicht förderlich für den gemeinsamen Kampf zur Abwehr der Angriffe des Kapitals. Von dieser Seite wird ständig gespalten. Man betrachte nur die regelmäßige Hetze der Kapitalistenpresse, allen voran die Bild-Zeitung. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht über die „faulen Arbeitslosen“ und die „Hartz IV-Betrüger“ geschrieben wird. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass diese Hetze bei den rückständigen Teil der Arbeiterklasse auf fruchtbaren Boden fällt. Nicht wenige übernehmen die Hetze, dass die Arbeitslosen sich auf ihre Kosten ein schönes Leben machen. Die Forderung nach einem bGE begünstigt das und natürlich auch die Möglichkeit der verschärften Hetze.

Natürlich haben die Vertreter des bGE dieses Modell aus anderen Motiven entwickelt. Aber objektiv trägt es mit zur Spaltung innerhalb der Klasse bei und schwächt diese, wenn auch nicht entscheidend.

Was nicht zu verstehen ist, ist die Ignoranz der Verfechter dieses Modells. Sie weigern sich schlichtweg zur Kenntnis zu nehmen, dass die tatsächliche Macht in der Gesellschaft die Kapitalisten haben, dass der Staat das Instrument eben dieser Klasse ist und dass die Demokratie im Land nur einen formalen Charakter hat. Sie werden wohl resistent gegenüber diesen Erkenntnissen bleiben.

Aber das ist unwichtig, denn es hat in der Zukunft keine große Bedeutung. Die heraufziehende Weltwirtschaftskrise wird die Modelle von bGE verdrängen. Die Krise wird gesellschaftspolitische Erschütterungen verursachen und Fragen aufwerfen, die für die Arbeiterklasse von existenzieller Bedeutung sind. Raum für solche Spielereien wie das bGE wird da ohnehin nicht vorhanden sein. Bleiben wird, wenn überhaupt, eine historische Randnotiz, die in wenigen Jahren vergessen sein wird.