Nach
den Wahlen
Parteien, Gewerkschaften, Innenpolitik

Mit
dem Wahlsieg von Schwarz-Gelb liegt ein Wahlergebnis auf dem Tisch,
das den abhängig Beschäftigten erst einmal nichts Gutes
verspricht. Zwar wurde ein solches Ergebnis auf Grund der Umfragen
der Meinungsforscher mehr oder weniger erwartet, doch hat die desaströse
Abstrafung der SPD durch die Wähler schon überrascht.
Mehr als elf Prozent erhielt die Sozialdemokratie weniger an Stimmen
gegenüber dem Jahr 2005. Betrachtet man den Niedergang in absoluten
Zahlen über einen längeren Zeitraum, so wird der Zerfall
der SPD noch deutlicher. Im Jahr 1998, als Rot-Grün an die
Regierung kam, wählten noch 20 Millionen Wähler SPD, 2009
waren es nur noch 10 Millionen. Damit hat die SPD ihr schlechtestes
Wahlergebnis in der Nachkriegsgeschichte der BRD kassiert und so
ihren vorläufigen Tiefpunkt erreicht.
Steinmeier, Müntefering und Genossen verstanden am Wahlabend
die Welt nicht mehr und faselten das immer Gleiche: man hätte
den Wählern die eigene Politik nicht richtig vermittelt
und
man müsse jetzt das Wahlergebnis in den Gremien
gründlich analysieren. Als wenn es da etwas zu analysieren
gäbe. Die SPD hat in den zurückliegenden Jahren eine Politik
gegen ihre traditionelle Klientel gemacht. Dafür hat sie bei
dieser Wahl verdientermaßen die Rechnung bekommen. Es hat
ihr auch nicht geholfen, dass sie seit dem zurückliegenden
Jahr punktuell ihr soziales Gewissen wieder gefunden
hat. Die Forderung nach einem flächendeckenden Mindestlohn
alleine ist zu wenig, wenn man weder Hartz IV revidieren will, noch
bereit ist den Renteneintritt mit 67 zurückzunehmen. Es ist
daher die logische Konsequenz, dass ein großer Teil ihrer
ehemaligen Stammwählerschaft zur Partei DIE LINKE abwandert
ist und ein noch größerer Teil am Wahlsonntag zu Hause
blieb. Mit 72 Prozent erreichte auch die Wahlbeteiligung ihren vorläufigen
Tiefpunkt und war für die Sozialdemokratie geradezu tödlich.
Aber auch die Unionsparteien mussten kräftig Federn lassen.
CDU/CSU erhielten das zweitschlechteste Wahlergebnis seit ihrer
Gründung. Sie lagen bei gerade mal 33,8 Prozent. In absoluten
Zahlen sind das 1,3 Millionen Stimmen, die ihnen verloren gingen.
Geschockt über das Ergebnis waren auch die CSU-Oberen in München.
Nur 42,6 Prozent der Stimmen fielen auf die CSU, die in der Vergangenheit
Bayern immer als ihren Erbhof betrachtet hat. Und nun das! Das schlechteste
Ergebnis seit 1949! Die Unionsparteien haben heute nur noch eine
Mehrheit bei den über 60jährigen. Hier holte die Union
42 Prozent. Sie bleibt aber in allen anderen Altersgruppen unter
ihrem Gesamtresultat. Verloren hat sie auch bei Wählern aus
dem christlichen Arbeitnehmerlager. Unter den Gewerkschaftsmitgliedern
lag der Stimmenanteil für die beiden Unionsparteien bei 24
Prozent.
Gewinner FDP
Eindeutiger Gewinner im bürgerlichen Lager ist die FDP. Sie
gewann 1,7 Millionen Stimmen, im Vergleich zu den Wahlen 2005, hinzu.
Auf den ersten Blick erscheint es widersinnig, dass ausgerechnet
die Partei des reinen Neoliberalismus derartige Stimmenzuwächse
erzielt. Aber offensichtlich haben diese Wähler die FDP nicht
nur in ihrer ideologischen Ausrichtung gesehen, sondern sehr pragmatisch,
als eine Partei, die ihnen persönlichen Nutzen bringt. Westerwelles
Steuern runter und mehr Markt hat zum einen
jene Teile des Kleinbürgertums angesprochen, die durch die
Wirtschaftskrise zunehmend unter Druck geraten. Dazu gehören
inzwischen auch abhängig Beschäftigte, die sich selbst
dem so genannten Mittelstand zurechnen. Eine Wahlanalyse der IG
Metall brachte zu Tage, dass insgesamt neun Prozent der Gewerkschaftsmitglieder,
davon 11 Prozent Arbeiter, die Liberalen gewählt haben. Ganz
konkret verspricht sich dieser Teil der Wählerschaft mehr
Netto vom Brutto, wie es von der FDP versprochen wurde. Nur
mit deren Politik sehen sie die Möglichkeit, ihren unsicher
gewordenen und gefährdeten Lebensstandard aufrechtzuerhalten.
Von infratest dimap gibt es eine wenige Wochen alte Meinungsumfrage
zum Gerechtigkeitsempfinden der Menschen in der BRD. Es ist interessant,
dass die Hälfte der FDP-Anhänger die Verhältnisse
im Land als eher ungerecht empfindet. Sie sehen sich
selbst als Leistungsträger in der Gesellschaft,
die mehr und mehr, ohne Eigenverschulden, auf die Verliererstraße
gedrängt werden. Bei ihnen zeigt die mehr als 20 Jahre andauernde
ideologische Lufthoheit des Neoliberalismus besondere Wirkung. Für
sie ist tatsächlich der Kapitalismus, das Ende aller
Geschichte. Aber das gilt leider nicht nur für diesen
Personenkreis. Trotz der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1929
kann sich eine Mehrheit in allen gesellschaftlichen Klassen, auch
in der Arbeiterklasse, nicht vorstellen, dass es zum Kapitalismus
eine Alternative gibt. Deshalb kann in ihren Augen auch diese Krise
nur mit Hilfe der Marktwirtschaft überwunden werden. Aufgrund
solcher Wählerüberlegungen haben die Parteien, bei denen
die größte marktwirtschaftliche Kompetenz vermutet wird,
die besseren Chancen gewählt zu werden. Und diese Kompetenz
hat für 55 Prozent der Wähler die FDP, gefolgt von der
CDU mit 53 Prozent. Zum andern hat die FDP natürlich auch nach
wie vor die entsprechende Unterstützung aus den Kreisen ihrer
traditionellen Klientel. Jener Klasse, die von der neoliberalen
Umverteilungspolitik der vergangenen Jahre am stärksten profitiert
hat und die jetzt ihre Vermögenspositionen mit Zähnen
und Klauen verteidigt. Für diese Kreise kommt nur die Abwälzung
der Krisenlasten auf die abhängig Beschäftigten in Frage.
Und sie sind davon überzeugt, dass die FDP dafür sorgen
wird.
Der Göttinger Politologe Franz Walter wird dazu im Sozialismus
(10/09) folgendermaßen zitiert:
Geht eine Epoche zu Ende, implodiert ein politisches oder
soziales System übrig bleiben immer auch die Nutznießer
des Überkommenen, die sich dann besonders eng um die politische
Prätorianergarde der alten Herrschaftsideologie scharen.
Doch wie zu sehen ist, sind es nicht nur die Nutznießer, die
sich um die FDP scharen, sondern auch die potentiellen Verlierer
der Krise. Diese Schichten könnten, wenn sie von der FDP- Politik
enttäuscht werden und das kommt zwangsläufig
das Potential für eine neue Rechtsbewegung bilden, wie wir
das aus der Geschichte oder aus anderen europäischen Ländern
kennen. Nach links werden sie sich in dem Fall sicher nicht orientieren.
Zunehmende Widersprüche zunehmende Polarisierung
Die Bundestagswahl 2009 bedeutet aber zunächst einmal die Zunahme
der politischen Polarisierung in den kommenden Monaten und Jahren.
Die Verluste von SPD und Union zeigen, dass der klassenübergreifende
Charakter der so genannten Volksparteien zunehmend verloren geht.
Beide Blöcke werden weiter erodieren, weil die über Jahrzehnte
praktizierte Klassenkooperation des rheinischen Kapitalismus abhängig
ist von den realen Verteilungsspielräumen im System. Durch
die Finanz- und Wirtschaftskrise sind diese Spielräume aber
schlicht nicht mehr vorhanden. Gleichgültig, wie die Koalitionsvereinbarung
zwischen Union und FDP am Ende aussieht, sicher wird sein, dass
die Republik und die Bundesregierung vor heftigen Verteilungsauseinandersetzungen
stehen. Diese Auseinadersetzungen werden nicht nur Regierung, parlamentarische
und außerparlamentarische Opposition betreffen, sondern auch
das bürgerliche Lager selbst. Zu groß sind dort die widersprüchlichen
Erwartungshaltungen der verschiedenen bürgerlichen und kleinbürgerlichen
Fraktionen. Und zu groß sind die Probleme vor denen diese
neue Regierung steht. Die Staatsverschuldung ist gigantisch und
wird in Zukunft weiter anwachsen. Die Arbeitslosigkeit wird in den
nächsten Monaten drastisch steigen und wie es mit der Konjunkturentwicklung
weiter geht weiß im Grunde niemand. Zwar gibt es jede Menge
Konjunkturgesundbeter in den Wirtschaftsverbänden und Instituten.
Doch gehen deren Phantastereien, dass die Weltwirtschaft vor einem
Aufschwung steht, mehr auf das Konto Liebe, Glaube, Hoffnung,
als auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zurück. Wahrscheinlicher
ist, dass sich die Krise spürbar verschärft und sich noch
über Jahre hinzieht.
Vielleicht auch deshalb meldet das Kapital über seine Verbände
jetzt so schnell seine Forderungen an die zukünftige Regierung
an. Die Berliner Zeitung hat unmittelbar nach der Wahl, die Wünsche
der Kapitalisten zusammengetragen. Unisono fordern die Herren Präsidenten
der verschiedenen Kapitalverbände Steuersenkungen für
die Unternehmen auf allen Ebenen. Jetzt müsse alles getan werden,
um Deutschland nachhaltig aus der Krise zu führen, meint beispielsweise
der VDMA-Präsident Manfred Wittgenstein und fordert: eine
Steuerstrukturreform zur Stärkung der Unternehmen sei genauso
notwendig wie die gesetzliche Verankerung betrieblicher Bündnisse
für Arbeit. In der Deutschen Industrie- und Handelskammer
(DIHK) ist man der Auffassung, dass ganz oben auf der Agenda ebenfalls
die kurzfristige Korrektur der Unternehmens- und Erbschaftssteuer
stehen muss. Das Wahlergebnis sei ein klares Votum für
mutige Reformen, meint man dort.
Der Forderungskatalog ließe sich beliebig weiter fortsetzen.
Besonders phantasievoll ist er allerdings nicht. Sein Kredo ist:
Profitsteigerung, Profitsteigerung, Profitsteigerung! Mehr Profite
durch Steuersenkungen für die Kapitalisten und mehr Profit
durch Lohn- und Sozialabbau. Eigentlich ist das alles wie gehabt,
doch jetzt sehr viel drastischer als unter Rosa-Schwarz.
Natürlich ist den Kapitalisten klar, dass das Thema Steuersenkungen
bei der aktuellen staatlichen Finanzlage ein schwieriges Feld ist,
das sich nur schwer beackern lässt. Man macht sich in diesen
Kreisen deshalb auch Gedanken zur Gegenfinanzierung. So wurde vom
DIHK die Erhöhung der Mehrwertsteuer um sechs Prozentpunkte
ins Spiel gebracht, die das erforderliche Geld in die leeren Haushaltskassen
spülen soll. Auch lieb gewonnene Staatsausgaben
bei Sozialtransfers ebenso wie bei Subventionen und Förderprogrammen
müssen daher im Zweifel jetzt in Frage gestellt werden.
Dann soll der Mittelstand entlastet werden, unter anderem über
die Senkung der Lohnnebenkosten. In der Arbeitslosenversicherung
und bei den Berufsgenossenschaften sollen in Zukunft die so genannten
versicherungsfremden Leistungen über Steuern finanziert werden.
Alle diese Forderungen decken sich mit der konservativ/liberalen
Parteiprogrammatik. Mit neoliberalen Mitteln soll die Krise überwunden
werden, was heißt: weitere Umverteilung von Unten nach Oben.
Entlastung der Besitzenden und Belastung der Besitzlosen mit Massensteuern
und Sozialabbau. Verbunden soll das werden mit grundlegenden gesellschaftlichen
Strukturveränderungen, welche die Vermögens- und Herrschaftsansprüche
der bürgerlichen Klasse auf Dauer sichern. Als Beispiel sei
hier die Forderung genannt, die betrieblichen Bündnisse für
Arbeit, gesetzlich zu verankern. Eine Forderung, die in der Gesellschaft,
wahrscheinlich nicht einmal in den Betrieben, für eine richtig
große Aufregung sorgen würde, die aber die gesellschaftlichen
Kräfteverhältnisse maßgeblich zu Gunsten des Kapitals
verändern würde, sollte sie Realität werden. Schon
unter Schröder wurde das Thema diskutiert. Um aber den Konflikt
mit den Gewerkschaften zu vermeiden, ließ man es schließlich
wieder fallen. Diese Hemmschwelle wird es unter Schwarz-Gelb nicht
mehr geben. Würde die Forderung realisiert, könnten die
Kapitalisten innerhalb kürzester Zeit bestehende Tarifverträge
aushebeln und die Gewerkschaften entscheidend schwächen. Dass
sie nicht vor der Erpressung und Nötigung von Betriebsräten
und Belegschaften zurückschrecken, haben sie in der zurückliegenden
Zeit mehr als einmal demonstriert.
Das schlimmste kommt noch
Aber so schlimm wird´s schon nicht kommen. Das
ist wenigstens die dominierende Auffassung in der Bevölkerung.
Nur noch 28 Prozent der Bundesbürger sind der Meinung, dass
das Schlimmste der Krise noch bevorstehe. Im Frühjahr des Jahres
waren es noch 42 Prozent gewesen. Der Meinungsumschwung verwundert
nicht. Ist doch die Krise für sehr viele Menschen noch nicht
real spürbar. Fast ist sie wie ein Phantom. Ständig wird
von ihr geredet, doch die Mehrheit hat sie noch nicht kennen gelernt.
Das ist auch der Grund, dass Ängste und Pessimismus schwinden,
dass, bei denen die es haben, Kauflaune eintritt und sich allgemein
Optimismus breit macht.
Das kommt nicht von ungefähr. Daran wurde intensiv gearbeitet.
Und sie haben es gut gemacht, die Medienvertreter in den Agenturen
der ökonomisch und politisch Herrschenden. Ihnen ist gelungen,
die Krise klein zu reden und zu verharmlosen. Verging doch in den
zurückliegenden Monaten fast kein Tag mit positiven Meldungen,
dass es wieder aufwärts geht, dass man die Krise im Griff habe.
Bereits im Mai dieses Jahres meldete die Financial Times Deutschland
(FTD), dass der Absturz der Konjunktur gestoppt sei und dass sich
weltweit die Anzeichen mehrten für ein baldiges Ende des konjunkturellen
Absturzes. An allen Ecken und Enden sieht man jetzt, dass
die Weltwirtschaft nicht weiter abstürzt, zitiert die
FTD Dirk Schumacher, den Chefvolkswirt von Goldman Sachs. Allerdings
wäre es auch mehr als verwunderlich, wenn momentan die Weltwirtschaft
weiter ins bodenlose abstürzen würde. Immerhin wurden
weltweit Konjunkturprogramme in Dollar-Billionenhöhe aufgelegt.
Kleinlaut zitiert deshalb auch die FTD die Skeptiker unter den Ökonomen.
Die Börsen feiern derzeit ein konjunkturelles Strohfeuer,
sagt beispielsweise ein Ökonom von Unicredit. Laufen
diese aus, fällt die Weltwirtschaft zurück in die Rezession.
Ähnlich sieht es auch der Internationale Währungsfond.
In diesem wird bezweifelt, dass es schnell zu einer Erholung kommt.
Jetzt nach der Bundestagswahl wird allerdings Fraktur geredet. Ein
Bericht in der FTD kurz vor der Wahl veröffentlicht, klingt
deshalb recht glaubhaft, wonach es eine Art Stillhalteabkommen
zwischen Industrie und Regierung gab. Danach plant die Wirtschaft
für die Zeit nach der Bundestagswahl einen Jobkahlschlag. Darüber
sollten die Wähler vor der Wahl möglichst nichts erfahren.
Den MAN-Vorstandsvorsitzenden zitiert die FTD mit den Worten: Nach
der Wahl wird sich die Botschaft ändern. Das ist ganz normal.
Ob es nun ein förmliches Stillhalteabkommen gab oder nicht,
ist im Grunde gleichgültig. Es würde lediglich die Verkommenheit
der Bourgeoisie im Umgang mit der eigenen Verfassung noch deutlicher
machen als sie schon ist. Für den politisch Interessierten
war unabhängig davon klar, dass nach den Wahlen auf allen Ebenen
Einschnitte erfolgen.
Auf jeden Fall meldet die FAZ bereits am 28. September Die
Kurzarbeit hat ihren Zenit überschritten, der Stellenabbau
sei schon im Gange. Danach planen nach einer Umfrage dieser Zeitung,
von den großen Industrieunternehmen 38 Prozent, die Kurzarbeit
im letzten Quartal zurückzufahren. Diese Entwicklung wird sich
dann im nächsten Jahr verstärkt fortsetzen, wenn für
die Mehrheit der Kurzarbeiter die derzeitige Kurzarbeitsregelung
von 24 Monaten ausläuft. Dann wird die Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit
münden. Allerdings ist es fraglich, ob die Kapitalisten solange
mit Entlassungen warten. Für sie sind Entlassungen allemal
billiger als eine Belegschaft in Kurzarbeit zu halten. Rücksicht
auf das Wahlverhalten ihrer Beschäftigten brauchen sie auch
nicht mehr nehmen. Diese haben ihre Stimme schließlich für
die nächsten fünf Jahre abgegeben. Deshalb werden diese
Wirtschaftskrise und ihre Folgen auch für die Mehrheit der
abhängig Beschäftigen, die sich bislang in relativer Sicherheit
gewiegt haben, in Kürze sehr konkret. Die Arbeitslosigkeit
wird massiv ansteigen. Die Bundesagentur rechnet im kommenden Jahr
mit bis zu fünf Millionen Arbeitslosen. Mit ihren Konjunkturstützungsprogrammen
und der Ausweitung der Kurzarbeitsmöglichkeit auf zwei Jahre
hat die Bundesregierung erreicht, dass neben der Exportkonjunktur,
nicht auch noch die Binnenkonjunktur völlig abstürzt.
Das war mehr wahltaktischen Überlegungen geschuldet als ökonomischer
Vernunft. Diese Konjunkturstütze aber ist bei einem massiven
Anstieg der Massenarbeitslosigkeit stark gefährdet. Eine steigende
Arbeitslosenzahl führt zwangsläufig zu einem weiteren
Nachfrageausfall und verstärkt alle ökonomischen und haushaltspolitischen
Probleme, die bereits heute schon gigantisch sind. Die Krise entwickelt
eine zusätzliche negative Dynamik. Abhilfe würde nur ein
kräftiges Wirtschaftswachstum bringen. Doch das ist nicht in
Sicht. Nach Berechnungen der Bundesregierung wird das Bruttoinlandsprodukt
(BIP) in diesem Jahr um ca. sechs Prozent unter dem Niveau des Jahres
2008 liegen. Das ist ein gewaltiger Rückgang. Und er ist doppelt
so hoch wie in den USA. Übertroffen wird er innerhalb der G7-Industriestaaten
nur noch von Japan. Dort schrumpfte die Wirtschaft im Jahr 2008
um 8,3 Prozent.
Jetzt rächt sich die jahrelange Exportweltmeisterschaft Deutschlands.
Auf Kosten der Binnennachfrage wurden die Exportanteile deutlich
gesteigert. Zustande kam das durch Lohnabbau, Verschlechterung der
Arbeitsbedingungen und Sozialabbau. Gelernt aus den negativen Erfahrungen
haben die Herrschenden und bürgerlichen Politiker allerdings
nichts. Nach wie vor ist für sie die Pflege der Exportindustrie
die Voraussetzung einer wirtschaftlichen Erholung. Aber auch Merkel
und Westerwelle werden merken, dass sie einer Schimäre aufgesessen
sind. Im Sozialismus 10/09 schreibt Joachim Bischoff richtig:
Die Erwartung nach der Krise an den Exportboom der Vorjahre
anknüpfen zu können, ist irreal. Die Asymmetrie der Handelsstrukturen
auf dem Weltmarkt mit den USA als consumer of last resort
und Deutschland, China und Japan als profitierende Exportnationen
wird nicht zu rekonstruieren sein. (
) Deutschland wird auch
in Europa
die Erfahrung machen, dass sich die von der Krise
gebeutelten Nachbarn nicht auf Dauer zu Opfern einer deutschen beggar
my neighbour policy machen lassen.
Deindustrialisierung droht
Was das in der bundesrepublikanischen Realität bereits heute
und noch mehr morgen bedeutet, ist in den Medien selten zu lesen.
Doch vor kurzem brachte die TAZ eine Reportage über die Situation
in Baden-Württemberg. Hier gibt es besonders viele exportabhängige
Unternehmen, neben der dominierenden Automobil- und Zulieferindustrie.
Im Moment ist der deutsche Südwesten die Region, die am härtesten
von der Krise getroffen ist. Die Wirtschaftsleistung wird in diesem
Jahr deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegen, nämlich
bei runden minus acht Prozent. Entlassungen, Kurzarbeit, Insolvenzen:
In Baden-Württemberg geht es dem einstmals höchst erfolgreichen
Mittelstand an den Kragen, schreibt die TAZ. Dann berichtet
sie aus der IGM-Verwaltungsstelle Esslingen und zitiert deren Bevollmächtigten
Sieghard Bender. Von den 130 Unternehmen in der Verwaltungsstelle,
geht es gerade einmal 10 Prozent gut. Rund die Hälfte davon
ist, wird sich die Lage nicht ändern, in ihrer Existenz bedroht.
Das gilt besonders für die Betriebe des Maschinenbaus, sowie
der Kfz-Zulieferindustrie. Die vielen kleinen mittelständischen
Betriebe sind dabei das eigentliche Problem. Bis zu 90 Prozent sind
dort laut TAZ die Aufträge weg gebrochen. Daher geht ihnen
nach monatelanger Durststrecke langsam aber sicher das Geld aus.
Sie können nicht wie die Konzerne Daimler, Porsche oder Bosch
aus eigener Finanzkraft die Krisenzeit überbrücken; sie
brauchen von den Banken Liquiditätskredite. Aber die bekommen
sie nicht. Die Großen kriegen Kredite und die Kleinen
verhungern, sagt Gunter Ketterer, ein Maschinenbaufabrikant
aus der Region. Ja, so sind sie die Gesetze des freien kapitalistischen
Marktes. Das führt zu Konsequenzen. Und Bender ist sich sicher,
dass nach der Wahl die Konkurse beginnen. Die IG Metall fordert
deshalb eine aktive Strukturpolitik mit einem Regionalfond von 500
Mio. Euro. Damit sollen Mittelständler gerettet werden und
eine Deindustrialisierung der Region verhindert werden. Bender war
lange Jahre für die IG Metall in Chemnitz. Wenn er also von
Deindustrialisierung spricht, dann weiß er was das ist. Aber
die Politik will von den IGM-Vorschlägen nichts wissen. Auch
das ist eine Erfahrung aus dem Osten.
Sicherlich ist die Lage nicht in allen Bundesländern und Regionen
gleich trübe und direkt vergleichbar, doch wenn man die Situation
der Schlüsselbranche Metall- und Elektroindustrie generell
betrachtet, so lässt sich die Momentaufnahme aus Esslingen
mehr oder weniger auf alle Industriezentren in der BRD übertragen.
So beschreibt der IGM-Vorstand die Situation in seinem Wirkungsbereich
folgendermaßen: Seit Mai 2008 gehen immer weniger Aufträge
ein. So brach in den ersten beiden Monaten 2009 der Auftragseingang
im Vergleich zum Januar und Februar 2008 um 40 Prozent ein. Aus
dem Ausland gingen 33 Prozent weniger Bestellungen ein. Die Auslandsaufträge
schrumpften um 45 Prozent.
Im Überblick entwickelten sich die Branchen folgendermaßen:
In der Kfz-Industrie ging die Produktion um 44 Prozent zurück.
In der Stahlindustrie wurde 34 Prozent weniger Stahl erzeugt. Die
Unternehmen, die Metallerzeugnisse herstellen, meldeten ein Minus
von 29 Prozent und die Elektroausrüster einen Rückgang
von 27 Prozent. Im Maschinenbau ging die Produktion um 23, bei den
Herstellern von Datenverarbeitungsgeräten, Elektronik und Optik
um acht Prozent zurück.
Diese Situationsbeschreibung deckt sich wahrlich nicht mit der Schönfärberei,
die für die Öffentlichkeit betrieben wird. Von wegen:
Licht am Ende des Tunnels. Und von wegen: die Konjunktur springt
gerade wieder an! Wie die Analyse der IG Metall zeigt, ist die Autoindustrie
am stärksten von der Krise betroffen. 44 Prozent Produktionsrückgang
sind kein Pappenstil. Zwar hat die Abwrackprämie dem einen
und anderen Konzern geholfen nicht ganz ins Bodenlose zu fallen.
Aber jetzt nach dem Auslaufen des Programms wird die Ernüchterung
umso größer sein. Konnte die Abwrackprämie schon
den Exporteinbruch nicht auffangen, reißt das Auslaufen der
Prämie jetzt ein zusätzliches Loch in die Absatzzahlen
der Automobilkonzerne. Die Automobilbranche ist in Deutschland und
Europa nicht nur irgendeine Branche. Sie ist die zentrale Schlüsselindustrie,
an der neben der Kfz-Zulieferindustrie auch erhebliche Teile der
Grundstoffindustrien, wie Stahl und Chemie, der Spezialmaschinenbau
und große Bereiche des Dienstleistungssektors hängen.
Seit Jahren ist in Europa die Nachfrage nach Autos rückläufig.
Die Kapazitäten konnten nur durch den Export in die USA und
die Schwellenländer einigermaßen ausgelastet werden.
Dazu muss man wissen, dass die deutsche Automobilindustrie 70 Prozent
ihrer Fahrzeuge ins Ausland verkauft. Kommt diese Nachfrage jetzt
zum Stillstand hat das weit reichende Konsequenzen für die
deutsche und europäische Industrie. Jetzt werden die bestehenden
Überkapazitäten in der Branche deutlicher sichtbar. Von
der IG Metall wird eingeschätzt, dass diese weltweit zwischen
15 und 25 Prozent liegen. Und erst wenn das darin investierte Kapital
durch die Krise vernichtet ist, kann es zur wirtschaftlichen Erholung
kommen. Kurzfristig wird das allerdings nicht der Fall sein. Was
aber dann? Bis zum heutigen Zeitpunkt ist es bei den Stammbelegschaften
nicht zu Entlassungen im größeren Stil gekommen. Das
geschah nicht zuletzt durch weitgehende Zugeständnisse der
Betriebsräte und der IG Metall an die Konzerne. In einem Interview
mit der Zeit formuliert das der Daimler-Betriebsratsvorsitzende
Erich Klemm, folgendermaßen: Den großen Personalabbau
sehe ich nicht. Ich gehe nach wie vor davon aus, dass wir bis zum
Ende der Krise mit den Instrumenten der Kurzarbeit und des Beschäftigungssicherungstarifvertrags,
der etwa Arbeitszeitverkürzungen ermöglicht, unsere Stammbelegschaft
halten können. Am Beispiel Daimler heißt das für
die Stammbelegschaft, dass sie für den Konzern blutet. Anfang
September wurde dort vereinbart, dass die Löhne und Gehälter
der Beschäftigten gekürzt werden. Rund 60.000 Angestellte
werden 8,75 Prozent weniger verdienen, mit der Zusage (vorerst)
nicht entlassen zu werden. Runde 1,6 Milliarden Euro will der Konzern
auf diese Weise einsparen. Die Leiharbeiter sind von der Maßnahme
nicht betroffen. Sie befinden sich schon seit Monaten unter der
Betreuung der Arbeitsagentur.
Daimler steht mit diesem Beispiel nicht alleine. Das was dort geschieht
ist heute Praxis in praktisch allen größeren Industriebetrieben.
Und nicht nur bei den Großen. Nach einer Umfrage des, zur
Hans-Böckler-Stiftung gehörenden, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
Instituts, gibt es in jedem vierten Betrieb, der über 20 Beschäftigte
und einen Betriebsrat hat, eine Beschäftigungsgarantie.
Der Preis dafür sind unbezahlte Mehrarbeit, weniger, oder kein
Urlaubs- und Weihnachtsgeld, oder gleich direkte Lohnkürzungen.
Beschäftigungsgarantie eine Illusion
Dabei wird bei diesen Beschäftigungsgarantien gar
nichts garantiert. In allen Vereinbarungen gibt es Klauseln, die
Entlassungen ermöglichen, wenn sich die wesentlichen
Grundannahmen, verändern. Und die verändern sich
ständig. Das wird inzwischen wohl auch der IG Metall klar.
Auf einer Automobil- und Zuliefererkonferenz im März des Jahres
geht IGM-Vorsitzender Berthold Huber selbst davon aus, dass Dramatisches
geschieht. Er führt dort aus, dass es bis jetzt wegen der IG
Metall nicht zu großen Entlassungswellen gekommen sei, aber,
so Huber, wenn ich die Berichte aus den Unternehmen richtig
deute, könnte sich das ab Sommer drastisch ändern.
Huber erkennt richtig, dass mit der Abwrackprämie und der verlängerten
Kurzarbeitsdauer Zeit gewonnen (wurde) und nicht mehr.
Das ist offensichtlich die Revision seiner anfänglichen Fehleinschätzung,
dass durch die Finanzkrise, die Realwirtschaft nur am Rande getroffen
wird. Noch während der Metall-Tarifrunde 2008 wurde von Huber
die Aussage gemacht: Krise? ich sehe keine Krise!. Doch
dieser Fehleinschätzung ist nicht nur er aufgesessen. Das dachten
zu der Zeit auch Betriebsräte und ganze Belegschaften. Aber
jetzt werden sie allesamt von der Realität geweckt. Jetzt kommt
auf die Belegschaften, auch auf die der großen Konzerne, einiges
zu. Das große Jammern und Zähneklappern beginnt. Und
je länger die Krise andauert, desto schlimmer wird es.
Sozialabbau und Widerstand
Die Bundesregierung wird in diesem Prozess nur noch die von der
Krise und der eigenen Ideologie Getriebene sein. Insgesamt klafft
zwischen den projektierten Ausgaben der öffentlichen Hand und
deren Einnahmen in den Jahren 2009 bis 2013 eine Lücke in Höhe
von 511 Mrd. Euro (Sozialismus 10/2009 S.7). Zum Vergleich: die
Einnahmen der öffentlichen Haushalte betrugen laut statistischem
Bundesamt im Jahr 2008 245,1 Mrd. Euro. Das heißt, dass die
Regierung keinerlei finanziellen Spielraum für die aktive Gestaltung
der Politik haben wird, zumal der Krieg in Afghanistan vor einer
Expansion steht und seine Kosten unkalkulierbar werden könnten.
Selbst ihre eigene Klientel wird sie dann nur beschränkt bedienen
können. Wenn sie auf keinen massiven Widerstand trifft heißt
das, dass der Sozialstaat weitgehend geschliffen wird. Es ist dann
damit zu rechnen, dass die Leistungen bei der Bundesagentur für
Arbeit und den Krankenkassen massiv eingeschränkt werden. Dass
es zu einseitigen Beitragserhöhungen der Sozialversicherungen
kommt. Dass die Renten weiter gekürzt werden und dass man mit
Privatisierungsmaßnahmen die Krankheits- und Altersvorsorge
den Finanzmärkten übergibt. Das alles bei gleichzeitiger
massiver Erhöhung der Massen- und Verbrauchssteuern.
Doch so reibungslos wird das allerdings nicht ablaufen. Da wären
zuerst einmal die Gewerkschaften, die eine solche Politik bei Strafe
ihres Untergangs nicht akzeptieren können. Sie werden die Zerstörung
der sozialen Errungenschaften nicht kommentar- und widerstandslos
hinnehmen können. Die Frage allerdings ist, wie weit ihr Widerstandswille
reicht. Sie sind allesamt nach wie vor auf grenzenlose Sozialpartnerschaft
fixiert. Zwar haben Sommer und auch andere Gewerkschafter vor einer
schwarz-gelben Koalition gewarnt und eine solche als die denkbar
schlechteste Option bezeichnet. Aber Sommer musste noch am Wahlabend
betonen, dass er zur Kanzlerin Vertrauen hätte, schließlich
hätte sie vor der Wahl erklärt, dass sie den Kündigungsschutz
nicht antasten würde. Darüber hinaus sprach er sich für
eine produktive Zusammenarbeit mit der neuen schwarz-gelben Regierung
aus, wobei er sie allerdings vor einer arbeitnehmerfeindlichen Politik
warnte. Auch IG Metallchef Huber ließ von sich hören.
Deutschland ist immer dann gut gefahren, wenn Kooperation
und nicht Konfrontation die Politik beherrschte. Gemeinsam mit den
Arbeitnehmern müssen jetzt Lösungen gefunden werden für
die dringendsten Probleme. Und er kündigte an, dass die
IG Metall mit der neuen Regierung die Kooperation suchen werde,
auch wenn das aufgrund der Beteiligung der FDP schwieriger werde.
Eine Verschärfung von Konflikten zwischen Unternehmern und
Beschäftigten unter der neuen Regierungskonstellation erwartet
der IG-Metall-Vorsitzende nicht. Er rechne nicht per se
damit, so Huber auf die entsprechende Frage am Montag nach der Wahl
im ZDF-Morgenmagazin. So spricht ein wahrer sozialdemokratischer
Arbeiterführer.
Es mag sein, dass ein Teil der Zusammenarbeitsangebote der Gewerkschaften
taktischer Natur sind. Dass sie gemacht werden, um auf dem Verhandlungswege
wenigstens das Schlimmste zu verhindern. Aber war das schon bei
den sozialdemokratischen Freunden nicht möglich, so wird es
unter der jetzigen Konstellation erst recht nicht möglich sein.
Ein Teil der Gewerkschaftsführungen, und dazu gehört auch
Huber, hofft darüber hinaus, dass die Krise klassenübergreifend
mit der Vernunft der entsprechenden politischen Akteure gesteuert
werden kann. So hat beispielsweise Huber auf der besagten Automobilkonferenz
der IG Metall durchaus vernünftige Vorschläge gemacht,
die die Strukturkrise in dieser Schlüsselbranche zumindest
mildern würde. Im Einzelnen soll folgendes geschehen: Die
Errichtung eines öffentlich Beteiligungsfonds für die
produzierende Wirtschaft, und die stärkere Ausrichtung des
Insolvenzrechts an der Fortführung des Betriebs. Dazu gehört,
dass der Staat jetzt massiv in die Bereiche investiert, in denen
sich die Zukunft unserer Wirtschaft und Gesellschaft entscheidet.
Das sind: Öffentliche Infrastruktur, Bildung, Forschung und
Entwicklung, Innovation und ökologischer Umbau.
Und Huber meint weiter: Deshalb brauchen zukunftsfähige
Betriebe der produzierenden Wirtschaft staatliche Absicherung und
einen Schutzschirm, wenn es hagelt. Und wir brauchen eine Renaissance
einer aktiven Industrie- und Strukturpolitik. Deshalb unser Vorschlag
eines Fonds für öffentliche Beteiligungen. Natürlich:
Das erfordert enorme Finanzmittel. Deshalb müssen hohe Einkommen
und Vermögen wieder stärker zur Finanzierung öffentlicher
Aufgaben herangezogen werden. Das geht nur, wenn Steueroasen ausgetrocknet
werden. Nicht nur wir sind gefordert. Es ist eine ureigene Aufgabe
des Staates, den notwendigen Strukturwandel sozial, demokratisch
und ökologisch zu gestalten. Wir können es nicht nur den
Unternehmen und dem Markt überlassen. Ich fordere deshalb die
Bundesregierung auf, zusammen mit den Gewerkschaften, den Industrie-Verbänden
und den Unternehmen Zukunftsszenarien zu erarbeiten. Wir wollen
nicht nur auf Krisen reagieren, sondern vorausschauend Entwicklungswege
gestalten.
Soweit Berthold Huber, Vorsitzender der IG Metall. Die zentrale
Botschaft zur Umsetzung seiner vernünftigen und
staatstragenden Vorschläge ist: wir machen das ganz große
Bündnis für Arbeit. Sozusagen eine klassenübergreifende
Arbeitsgemeinschaft auf Staatsebene zur Lösung des Krisenproblems.
Huber übersieht allerdings, dass seine Vorschläge teilweise
ganz klar die Klasseninteressen der Kapitalisten berühren und
er außerdem damit einige heilige Kühe des Neoliberalismus
schlachten will. Selbst wenn sich seine Gegner auf seinen Vorschlag
einlassen würden, würde nichts dabei herauskommen, wenn
er selbst nichts weiter einbringt, als die reine Vernunft der IG
Metall.
Denn noch immer ist es so: Rechtsfragen sind Machtfragen und diese
klärt man nicht am Verhandlungstisch, sondern auf der Straße.
Doch davor hat der Apparat Angst. Unter dem Eindruck der Krise befürchtet
man, dass sich mobilisierte Belegschaften nicht mehr steuern lassen.
Das aber würde, so meint man in den Führungsebenen, der
eigenen Reputation schaden und den gewerkschaftlichen Einfluss in
Wirtschaft, Staat und Gesellschaft mindern. Für die Gewerkschaften
gibt es deshalb keine Alternative zur Sozialpartnerschaft. Vielleicht
wird aber der Krisenverlauf die Führungen der Gewerkschaften
zu einer anderen Einsicht zwingen. Es ist davon auszugehen, dass
in den nächsten Monaten heftige Angriffe auf die Gewerkschaften
aus dem Unternehmerlager kommen. Es werden die Kapitalisten sein,
die die Sozialpartnerschaft aufkündigen. Mit Sicherheit werden
sie versuchen auf breiter Front Tarifverträge auszuhebeln oder
auf andere Art die Belegschaften angreifen. Die Forderung der Unternehmer
an die neue Bundesregierung, die betrieblichen Bündnisse
für Arbeit juristisch abzusichern, kommt nicht von ungefähr.
Für das Kapital ist die Krise die Chance, mit dem Sozialklimbim,
der sich in den zurückliegenden Jahren angesammelt hat, aufzuräumen.
Wenn es dazu kommt, ist nicht zu erwarten, dass die Belegschaften
überall die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen ohne Widerstand
hinnehmen. Auch die Gewerkschaften, besonders auf den örtlichen
Ebenen, werden nicht umhinkommen Gegendruck zu organisieren und
Abwehrkämpfe zu führen. Aufgrund der verschärften
Krisensituation kommt es auch verstärkt zu Insolvenzen, Betriebsschließungen
und Verlagerungen. Man kann davon ausgehen, dass es in manchen dieser
Fälle zu spektakuläreren Auseinandersetzungen kommt, die
in ihrem Verlauf radikaler sind, als wir es bislang gewohnt sind.
Das hat weniger mit dem Willen zum Klassenkampf einer Belegschaft
zu tun, sondern eher mit der Verzweiflung der Betroffenen, die eigene
Existenz zu verteidigen.
Der Wert solcher Kämpfe ist, dass sich die Betroffenen ihrer
eigenen gesellschaftlichen Stellung bewusst werden. Sie nehmen sich
selbst als Klasse wahr. Und das ist die Voraussetzung, dass sich
Klassenbewusstsein bildet.
In der Vergangenheit gab es verschiedene große Streiks und
Betriebsbesetzungen. Zum Beispiel bei Krupp in Rheinhausen, der
Betriebsbesetzung der Kalikumpel im Eichsfeld, die Betriebsbesetzung
bei LIP in Frankreich oder auch der militant geführte große
Bergarbeiterstreik in England. Diese Kämpfe wurden beispielhaft
für sozialen Widerstand und Solidarität und hatten Bedeutung
über die nationalen Grenzen hinaus.
Wenn solche Kämpfe in einer Krise wie der jetzigen geführt
werden, besteht die Chance für eine soziale Widerstandsbewegung,
die über die direkt Betroffenen hinausgeht und auch andere
Krisenopfer integriert.
Nur eine breite soziale Widerstandsbewegung, die auch die Antiatomkraft-
und Friedensbewegung einschließt, kann die Macht aufbauen,
die erforderlich ist um die neoliberale Hegemonie zu brechen. Allerdings
kann sie sich in ihrer Zielstellung nicht damit begnügen, den
abgewirtschafteten kapitalistischen Status quo wieder herzustellen.
Es ist unumgänglich in der Bewegung Alternativen zum Kapitalismus
zu entwickeln. Das wird nicht leicht werden in einem sozialen Bündnis
hierzu Konsens herzustellen. Das gilt insbesondere für die
Gewerkschaften. Sommer will, wie er es in einem Interview ausdrückte,
die Renaissance der sozialen Marktwirtschaft und Huber
die Rückbesinnung auf den rheinischen Kapitalismus westdeutscher
Prägung. Diese Positionen zeigen, welche Illusionen man
sich in den Gewerkschaftsvorständen immer noch über die
aktuellen Zustände macht. Illusionen über den Verlauf
und Charakter der Krise und auch über die eigene Rolle die
man in diesem Prozess spielt.
Die nächsten Monate werden zeigen, dass es ein Widerstandspotential
gibt. Wahrscheinlich wird es seine eigene Dynamik entwickeln. Doch
ist kaum anzunehmen, dass bereits Schlussfolgerungen gezogen werden,
die über die jetzige Wirtschaftsordnung hinausgehen.
Das kann nur von den schwachen Kräften der Linken geleistet
werden. Sie hat keine andere Wahl. Sie muss die Diskussion über
Alternativen des Kapitalismus in eine solche Bewegung tragen.
10. Sept.2009
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Ein
weiteres Kapitel der Parteigeschichte im langen Weg des Niedergangs
SPD
2010 Schuld und Sühne
Dass
die Regierungsübernahme von SPD und Grünen 1998
nur mit schmerzlichen sozialpolitischen Einschnitten enden konnte,
musste jeder kritische Zeitgenosse mit einigen historischen Kenntnissen
befürchten. Leitete die Bildung der Großen Koalition Ende
1966 aus CDU/CSU und SPD über in eine Modernisierung der bundesdeutschen
Gesellschaft durch eine liberalisierte Gesetzgebung, Ausbau und Öffnung
des Bildungswesens, sollte das keynesianisch inspirierte Instrumentarium
der Globalsteuerung hinfort der Krisenanfälligkeit
des Konjunkturverlaufs entgegensteuern und eine Notstandsgesetzgebung
für den Fall des Falles das Grundgesetz von 1949 jetzt für
den Ausnahmezustand tauglich machen. Um darin souverän zu bleiben,
benötigte die herrschende Eigentumsordnung des Privatbesitzes
an Produktionsmitteln einen legitimierenden Handlungsrahmen. Die Akzeptanz
repressiver Gewalt in Vorwegnahme etwaiger Bürgerkriegszustände
zur Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse war für die
Parteiführung der SPD kein Tabubruch. Mit den Namen Ebert und
Noske verbindet sich die seit 1918/19 mit Hilfe reaktionärer
Freikorps unter Beweis gestellte Vaterlandstreue oder
Verantwortung für das Ganze.*) Der historische Verweis
lässt die Grundlinien des spezifischen SPD-Reformismus durchscheinen:
Um mehrheitsfähig zu werden und zu bleiben, kann solcherart Partei
ohne massenhafte Bestätigung durch lohnabhängige Wähler
nicht existieren und nur durch positiv erfahrenen sozialpolitischen
Fortschritt ihre dauerhafte Bindung gewährleisten. Verlieren
die Wachstumsimpulse der kapitalistischen Ökonomie an selbstinduzierter
Kraft, tritt alsbald der prokapitalistische Grundcharakter dieser
Partei offen in den Vordergrund: Wenn zusätzliche staatliche
Nachfragestimulation in wachsende staatliche Verschuldung ohne wachstumsgestützte
Aussicht auf baldigen Schuldenabbau mündet, zudem die fortschreitende
Produktivität dann auch noch für ein wachsendes Heer überschüssiger
Arbeitskräfte sorgt, deren Versorgung mit Transferleistungen
bei gleichzeitigem Beitragsausfall die Kassen der lohnbasierten Sozialversicherungszweige
mehr und mehr beansprucht, ist der angebotstheoretische Paradigmenwechsel
zur Kostensenkung bei Löhnen und Gewinnsteuern nicht mehr weit,
um nur die Profite zu begünstigen. In dieser Situation befand
sich nach 1980 die sozialdemokratisch dominierte Bundesregierung unter
Kanzler Helmut Schmidt. Bei einer Bruttolohnquote von 73,6 % vom Volkseinkommen
1981 (1970: 65,6 %) wurde es trotz begonnener Beschneidung des sozialstaatlichen
Wildwuchses so lautete der SPD-Jargon für
den wirtschaftsliberalen Partner FDP höchste Zeit, mit der CDU/CSU
die Beseitigung von Investitionshemmnissen des BRD-Kapitals
ab Ende 1982 entschiedener anzugehen. Sechzehn Jahre später machte
der neue SPD-Kanzler Schröder nicht dort weiter, wo Parteigenosse
Helmut Schmidt aufhörte, sondern wo Helmut Kohl noch zögerte.
Der Leitbegriff Reform als Modernisierung
des zu fett gewordenen Wohlfahrtsstaates hin zum verschlankten
Wettbewerbsstaat, der vom Kapital geringere Abgabenquoten einfordert,
galt nun zuallererst für einen von breitem ideologischen Trommelfeuer
(Generationenlast durch demografischen Wandel)
unterstützten Angriff auf die sicher gewähnte Höhe
der Rentenbemessung zukunftiger Rentnerjahrgänge. In der folgenden
Legislaturperiode ab 2002 ging es mit der Abschaffung der Arbeitslosenhilfe
rigoros den Langzeiterwerbslosen an den Kragen. Aus Lohnersatzbeziehern
(Alhi) wurden ab 2005 Sozialfürsorgeempfänger, beschönigend
Arbeitslosengeld II-Bezieher tituliert. Diese bewusst separiert vollzogene
gezielte soziale Degradation bestimmter Segmente der Wahlbevölkerung
musste im nachhinein CDU-Kanzler Kohl als letzten gutmütigen
Patron des bundesdeutschen Sozialstaates erscheinen lassen. Obwohl
sein CDU-Sozialminister Norbert Blüm sich selbst am Ende seiner
Amtszeit der vorgenommenen Leistungseinschnitte von jährlich
etwa neunzig Milliarden DM im Sozialetat rühmte, fiel es diesem
hinterher nicht schwer, mit guten Argumenten als Barrikadenkämpfer
des alten BRD-Sozialstaats auftzutreten. Seinem Ausruf Die Rente
ist sicher fehlte nur die Konsequenz: Wenn Ihr sie Euch
durch konsequente Massenaktionen und nicht die Wahl der falschen Parteien
sichert!
Hätte die SPD/Grünenkoalition nach 1998 länger als
eine Legislaturperiode durchgehalten, wenn sie sofort zu Beginn mit
Verteuerungen bzw. Verschlechterungen in der Gesundheitspolitik aufgewartet
hätte? Wohl kaum. Ein reduzierter Leistungskatalog und das Steuerungsinstrument
einer von den Arztpraxen eingetriebenen vierteljährlichen Konsultationsgebühr
von zehn Euro lassen jeden fragen, wem er das zu verdanken hat. Das
merkwürdigerweise mit Steuermilliarden geförderte stufenweise
Zwangssparen von schließlich vier Prozent des Einkommens für
die Riesterrente in Regie von Finanzkonzernen mögen viele nicht
als Enteignung empfinden. Aber es soll eine Lohnsenkung
zugunsten der Unternehmer kompensieren, die bei gesetzlicher Rentenkürzung
ihre Lohnsumme reduzieren, weil der kollektiv verwaltete Lohnbestandteil
Rentenbeitrag nicht über zwanzig Prozent steigen soll. Und wenn
dann noch die Rentenanwartschaft auf mehr Beitragsjahre bis zum 67
Lebensjahr gestreckt wird, fällt der Rentenanspruch um so geringer
aus, je früher man aus dem Arbeitsleben ausscheidet. Für
die meisten ist inzwischen spätestens nach 63 Lebensjahren der
Übergang in die Altersrente angesagt. Wer da nicht kontinuierlich
und einigermaßen tariflich gut verdient hat, ist eher arm dran.
Das sind bereits diejenigen Teilzeitbeschäftigten, deren Zahl
seit Inkrafttreten des zweiten Gesetzes für moderne Dienstleistungen
am Arbeitsmarkt seit 2003 innerhalb von fünf Jahren von mehr
als zehn Millionen auf über zwölf Millionen anstieg.**)
Die Zerlegung von Vollzeitstellen in Minijobs erspart erhebliche Sozialbeiträge
und weitete den Niedriglohnsektor aus. Weil Vollzeitstellen nicht
mehr zu finden sind, wird Teilzeitbeschäftigung besonders in
Ostdeutschland zwangsläufig eine gängige Erwerbsform, obwohl
zwei Drittel der Teilzeitbeschäftigten dort lieber Vollzeit arbeiten
würden (siehe DGB info-service einblick 8/09). Unverhohlene Reduktion
der Menschen auf möglichst billige ökonomische Grössen,
die dafür noch dankbar sein sollen diesem Menschenbild
der sozialdemokratischen Modernisierer versagten sich nach 2000 wachsende
Anteile der über zwanzig Millionen SPD-Wähler von 1998.
Wo aber noch mehr als zwei Drittel aller Beschäftigten eine normale
Vollzeitbeschäftigung ausüben, dürften Bedenken und
Ängste älterer Jahrgänge vor Dauererwerbslosigkeit
(Hartz IV) und unzureichender Altersrente im Vordergrund stehen. Die
Hauptgründe der Wahlniederlage bestätigte dann auch der
hessische SPD-Generalsekretär Michael Roth am 29.9.09 in der
Frankfurter Rundschau: Ich würde zu Hartz IV noch die Rente
mit 67 hinzufügen. Sein abgestrafter Kanzlerkandidat und
neuer SPD-Fraktionschef im Bundestag Frank-Walter Steinmeier ist eher
stolz auf das, was die SPD geleistet hat. Wie er sich
rechtfertigt, zeigt die Antwort auf die Frage in der FR vom 17.10.09:
Ihr künftiger Parteivize Wowereit fordert die Rücknahme
der Rente mit 67, auch, wie er sagt, wenn wissenschaftlich
oder mathematisch etwas anderes geboten wäre. F.-W.
Steinmeier: Wir dürfen den Menschen nichts vormachen. Die
Menschen leben länger, bekommen länger Rente, und weniger
Junge zahlen in die Rentenkasse ein. Das ist Mathematik und die schlichte
Wahrheit. Oder nur die Halbwahrheit, um solche politischen Zwecklügen
zu kaschieren? Fragen wir eher, wieviel vom jährlichen Gesamtprodukt
wem zufließt. Nimmt das ab, bloß weil die Vollzeitbeschäftigten
im wiedervereinigten Deutschland seit 1991 von 29,6 Millionen bis
2008 auf 23,8 Millionen abnahmen, die Teilzeitbeschäftigung jedoch
gleichzeitig von 5,5 Millionen auf 12,1 Millionen anstieg? Müssen
deshalb die Zuflüsse in die Rentenkasse abnehmen und zu kleineren
Portionen gestreckt werden, wenn Billigjobs mit geringen Sozialabgaben
politisch gewollt Vollzeitarbeitsplätze ersetzen? Wie kommt es,
dass im gleichen Zeitraum das Bruttoinlandsprodukt von 1,5 Billionen
Euro auf 2,49 Billionen Euro anstieg, obwohl das gesamtwirtschaftliche
Arbeitsvolumen von damals bis heute von 59,8 auf 57,7 Milliarden Arbeitsstunden
aufgrund wachsender Produktivität absank und dennoch die feststellbaren
Netto-Unternehmens- und Vermögenseinkommen von 289 Milliarden
Euro auf 567 Milliarden Euro anwuchsen? Ein auf Dauer stets wachsendes
gesellschaftliches Gesamtprodukt soll nicht mehr als die zwanzig Milliarden
Euro pro Monat hergeben, welche die Rentenzahlungen derzeit abfordern?***)
Denjenigen nehmen, die mehr brauchen und denjenigen noch mehr zuschanzen,
die damit nur ihre Vermögenstitel und Gewinnansprüche erhöhen:
Was hat das noch mit sozialer und demokratischer Politik dem Wort
nach zu tun? Der Niedergang auf 23 % bei 9,989 Millionen Wählerstimmen
(2005 ca. 16,195 Millionen) könnte auch als eher glimpflich gelten
in Anbetracht der sozialen Auswirkungen der Politik gegen lohnabhängige
Wähler, den die Schröder/Müntefering/Steinmeier-SPD
einschlug.
Bundespolitisch ist die SPD nun auf eine politische Grösse ähnlich
wie in den fünfziger Jahren der BRD zurückgeworfen. Um den
Absturz nicht unbedingt stimmig, aber weitaus unbefangener als andere
Sozialdemokraten zu erklären, sprach Gesine Schwan in der Berliner
Zeitung vom 10.10.09 u.a. folgendes an: (
) Das Hauptziel
der SPD, die Gerechtigkeit, ist in der Zeit der westlichen demokratischen
Nationalstaaten recht gut verwirklicht worden. Aber seit dem Ende
der 70-er Jahre, seit dem Schub der ökonomischen Globalisierung
und erst recht seit dem Ende des Ost-West-Konflikts, gab es nicht
mehr die Bedrohung, dass wir in einer Diktatur enden, wenn wir die
Demokratie nicht auch sozial stärken. Damit begann der Zeitgeist
der Deregulierung, der dann der SPD in der Regierungsverantwortung
Wege nahe gelegt hat, die heute negative Folgen haben. (
) Das
Kennzeichen der ökonomischen Deregulierung war ein Geist der
alles durchwirkenden Konkurrenz überall, in der Wirtschaft,
in der Wissenschaft, in der Bildung. (
) Und diese Entsolidarisierung
der Gesellschaft hat die SPD nicht deutlich genug bekämpft, sondern
hat im Gegenteil sogar noch mitgemacht, in der Bildungspolitik und
indem sie de facto die Arbeitslosigkeit zum Ergebnis individuellen
Versagens erklärt hat. (
) Deswegen müssen wir jetzt
auch überprüfen, wie die sogenannte Agenda-Politik mit unserer
historischen Mission zu legitimieren war und heute noch ist. Und was
von dieser Legitimation uns möglicherweise dazu führt, an
der Agenda-Politik etwas zu verändern.
Während in der Grossen Koalition nach 2005 die SPD den beschrittenen
Weg in der Gesundheits-, der Renten- und Verkehrspolitik (Plan zum
Verkauf von Aktienpaketen der Bahn-AG an der Börse) zusammen
mit der CDU klammheimlich fortsetzte, versuchte eine mehrheitliche
Strömung der hessischen SPD mit ihrer Vorsitzenden Andrea Ypsilanti
auf der Landesebene durch mehr bildungspolitische Chancengleichheit
und einen Umstieg zu effizienterer Energiepolitik einen Seitenausbruch
links vom kapitalfrommen SPD-Kurs. Mit dem Konzept soziale Moderne****)
erlangte Anfang 2008 die SPD dort wieder 37,6 % der abgegebenen Stimmen.
Doch das von der Parteiführung abgenötigte Versprechen,
keine Koalition mit der Linkspartei (5,1 %) einzugehen, die dadurch
unter die Fünfprozenthürde gedrückt werden sollte,
nutzte der rechte Parteiflügel mit Unterstützung der Medien
zur politischen wie persönlichen Demontage der Spitzenkandidatin,
sodass kein Regierungswechsel zustande kam. In Folge servierte das
Spitzen-Duo Müntefering/Steinmeier den Parteivorsitzenden Kurt
Beck gleich mit ab. Er konnte nicht einsehen, Koalitionen mit der
Linkspartei im Westen zu verweigern, wo sie im Osten längst zum
politischen Alltag gehören. Dieses Platzhirschgehabe formaler
Diktate, Parteienkonkurrenz von links aus dem parlamentarischen Revier
zu quetschen, verfehlte schon beim Aufkommen der Grünen
in den achtziger Jahren das Ziel. Die Methode, mit Ausgrenzung und
Diffamierung trotz schlechter Politik möglichst viel Mandate
einzusacken, um reichlich Parteikarrieren und Finanzierungszuflüsse
offen zu halten, erhielt am 27. September 2009 ihre Quittung: Die
Zahl der Bundestagsmandate der SPD verengte sich von 222 auf 146!
Dieser Umstand wird die Fraktionsdisziplin der Davongekommenen und
Verbliebenen gewiss nicht lockern.
Der SPD-Parteitag in Dresden Mitte November wich dann auch nicht von
der Grundlinie der Regierungsjahre seit 1998 ab. Es rückten jüngere
Personen in die erste Reihe, denen eben nicht nur politische Hehlerei
aus dieser Zeit nachzusagen ist. Vor allem weiter koalitionsfähig
nach rechts bleiben dieser Perspektive stehen höhere Hartz-IV-Regelsätze
für Kinder, erweiterte Schonvermögen und längere Bezugsdauer
von Arbeitslosengeld I für Ältere nicht entgegen. Ansonsten
wenig neues, was der jetzige Vorsitzende Sigmar Gabriel dem Tagesspiegel
vom 28.11.09 mitteilte: Das Hauptproblem in unserem Land ist
die seit Jahren sinkende Investitionsquote. Steuerliche Vorteile müssen
den Unternehmen Anreize geben, mehr zu investieren. Das schafft Arbeitsplätze.
Auch der Staat muss seine Investitionen eher noch ausbauen.
Mit einer Schuldenbremse im Grundgesetz, für die sich die SPD
eben gerade hergab? Und das niedrigere Unternehmenssteuern Arbeitsplätze
schaffen dieses Erfolgsrezept findet ja seit 30
Jahren tüchtig Anwendung. Im Hinblick auf die Bankenpolitik wurde
Genosse Gabriel richtig heftig: Eigentum verpflichtet, sagt
das Grundgesetz. Das sollten wir mit Gesetzen konkretisieren. Wir
kommen nicht weiter, wenn der Staat kein scharfes Schwert hat. Der
Staat muss es ja nicht benutzen, aber er muss zeigen, welche Mittel
er einsetzen wird, wenn sich der Bankensektor weiterhin so gemeinwohlschädigend
verhält.
Noch klammern sich weite Teile der bundesdeutschen politischen Linken
an die Hoffnung, aus dem Ergebnis der anstehenden Landtagswahlen in
Nordrhein-Westfalen eine SPD/Grüne/Linkspartei-Koalition als
Etappensieg auf dem Weg zur Regierungsübernahme auch im Bund
zu bilden. Zwei Hartz-IV-Parteien sollen zusammengehen mit einer Partei,
die ihr neoreformistisches Profil über die Sozialpolitik von
SPD und Grünen herausbildete.*****) Wenn auch kryptisch zugespitzt,
weist der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker
in der FR vom 9.11.09 bestimmten Parteien einen anderen Stellenwert
in ihrer Funktion zu: Die sozialdemokratische Partei ist die
älteste Partei in Deutschland. Während ihrer gesamten Geschichte
hat es immer Fragen nach der Entwicklung ihres linken Flügels
gegeben. Das war schon in der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik
so. Die zukünftige Aufgabe der SPD ist es, Wähler in Richtung
Mitte zu finden. Das ist wichtiger als weitere 20 Jahre darüber
nachzudenken, dass es alle möglichen Wurzeln in der Linken gibt,
die wir nur mit den Buchstaben SED verstehen. Diese Aufforderung,
alle möglichen Strömungen der Linken unter dem Dach der
Linkspartei zu domestizieren nach 1945 wurde ja von der KPD
im Osten und von der SPD im Westen fast alles aufgesogen ist
ein intelligenter Wunsch, die schärfer hervortretenden Klassenunterschiede
über das parlamentarische Parteiengefüge im Zaum zu halten.
Die bürgerliche Hegemonie des herrschenden prokapitalistischen
Interessenblocks lässt sich so weder infragestellen noch aufbrechen.
Der Unmut der unter Druck geratenen Bevölkerungsteile äussert
sich vor allem in Wahlenthaltung. Die betriebene Sozialstaatsdemontage
findet in enttäuschter Abwendung von der SPD, aber auch der CDU/CSU
ihren Ausdruck. Die Distanz zur Linkspartei dürfte im Westen
eher sozio-kulturelle Gründe haben. Ihre Aktivisten agieren aus
einer Randszene heraus eher als Verliererpartei. Was könnte wenigstens
Anteile des Nichtwählerblocks hindern, sich einem Programm für
eine erneuerte soziale Republik zuzuwenden, das durch ein fortschrittliches
Arbeitszeitgesetz mittels kurzer Vollzeit für alle (sechs Stunden
täglich ohne Lohnverlust) mehr Beschäftigungschancen eröffnet
und damit die Produktivkraftentwicklung endlich wieder mehr gesellschaftlich
nützlich umsetzt? Sichere Daseinsvorsorge im Alter, bei Krankheit
und Erwerbsausfall kann nur ein regulierter Gesamtarbeiter garantieren,
indem alle Erwerbsfähigen unter angeglichenen Zeitstrukturen
ihren Platz finden. Passiv dem Aufwachsen einer SPD zuzuschauen, die
den Leuten wieder was vormacht, ist Zeitvergeudung, bevor die rötlich-grün
schillernden politischen Seifenblasen zerplatzen und die Resignation
innerhalb der auf Lohnerwerb angewiesenen Bevölkerung weiter
um sich greift.
*)
Hierzu stets empfehlenswert: Sebastian Haffner, Die deutsche Revolution
1918/19,
Rowohlt TB Reinbek 2007, 253 S., 8.90 Euro
**)
Mehr darüber: DGB Positionen + Hintergründe Nr. 8/Februar
2008
Bereich Gleichstellungs- und Frauenpolitik/Mini-Jobs im Widerstreit
politischer Interessen
***) Obwohl gerade die Niedrigstrentner es nötig hätten,
würde eine monatliche Rentenerhöhung um hundert Euro etwa
zwei Milliarden Euro zusätzlich erfordern (24 Mrd. jährlich).
Eine einprozentige Beitragserhöhung würde dafür ausreichen.
****) Dennoch ist das alles nicht besonders links. In
einem Interview des Freitag vom 12.11.09 lehnte Andrea
Ypsilanti die Forderung nach der 30-Stunden-Woche ab. Ich denke,
dass man mit solchen Festlegungen auch nicht viel weiter kommt. Wir
brauchen flexible Konzepte, Jahres- und Lebensarbeitszeitkonten und
dergleichen. An gleicher Stelle favorisierte sie die solidarische
Bürgerversicherung, eine Art Krankenvolksversicherung im
Kapitalismus, in die alle einzahlen sollen. Versicherungskonzerne
und diejenigen, die solche Versicherung nicht brauchen, werden es
zu verhindern wissen. Den Glauben an Luftschlösser verbreiten
und den Finanzierungsproblemen der gesetzlichen Krankenversicherung
tatenlos zuschauen, ist schlicht fahrlässig. Nur mehr Beitragszahler
erhöhen sofort die Geldzuflüsse dies aber setzt generelle
Arbeitsumverteilung voraus, die zu mehr Vollzeitbeschäftigung
führt.
*****) Die Grünen stehen mitte-links. Aber wir lassen uns
im Bundestag nicht so einfach in ein rot-rot-grünes Oppositionslager
einordnen. Wir sind eine eigenständige Partei und machen eine
eigenständige grüne Politik. Die Verstaatlichungspolitik
und die unbezahlbaren Versprechungen der Linken machen wir nicht mit.
Andererseits gibt es zum Beispiel in der Atom-, Umwelt- und Sozialpolitik
natürlich auch viele Übereinstimmungen. Bärbel
Höhn, Vize-Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, in:
Berliner Zeitung vom13.10.2009
04.12.2009/Projekt Arbeiterpartei
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Bundestagswahlen
2009:
Die
Klassengesellschaft bestätigt die Klassenverhältnisse
Neunzehn
Jahre nach dem Anschluss der DDR erfolgt die sechste Bundestagswahl
im tiefsten konjunkturellen Einbruch der Weltwirtschaft seit achtzig
Jahren. Wo bald zwanzig Prozent der Haushalte unterhalb oder an der
statistischen Armutsgrenze mit kargen staatlichen Transferleistungen
oder unterbezahlten Jobs irgendwie ihre Lebensführung meistern,
bewirkt das nach über dreißig Jahren Eingewöhnung
an einen Erwerbslosensockel von zehn Prozent der erwerbsfähigen
Bevölkerung öffentlich wenig Aufregung. Üppige staatliche
Finanzhilfen wie Bürgschaften an vom Zusammenbruch bedrohte Banken,
gestreckte Kurzarbeitsregelungen im verarbeitenden Gewerbe, Kaufprämien
für PKW-Neuzulassungen und Nachfrage schaffende Investitionsvorhaben
im öffentlichen Sektor ergeben bislang eine Lage, in der Stammbelegschaften
vorerst von Entlassungen verschont blieben. Verabschieden aus den
Industriebetrieben mussten sich 163 000 Leiharbeiter. Fast jeder vierte
Zeitbeschäftigte geriet wieder in die Obhut der Arbeitsagenturen.
Am 12.06.09 kam das Handelsblatt zu folgender Bewertung: Ein
Blick auf frühere Krisen zeigt, dass die Unternehmen auch im
Abschwung nach der Jahrtausendwende ihre Kosten erst zeitverzögert
in den Griff bekamen. 2001 sanken bei den Dax-Konzernen die Nettogewinne
um 54 Prozent, die Umsätze aber nur um rund sechs
Prozent. Obwohl in den beiden folgenden Krisenjahren die Umsätze
bei den meisten Firmen stagnierten oder sogar weiter fielen, legten
die Gewinne 2002 durchschnittlich um 35 und 2003 um weitere 15 Prozent
zu. Verantwortlich waren neben der niedrigen Ausgangsbasis, die sich
die Unternehmen durch Milliardenabschreibungen geschaffen hatten,
Rationalisierungen, Entlassungen und Standortverlagerungen in andere
Länder. Ähnliches dürfte auch jetzt wieder bevorstehen.
Zwar hatte Siemens-Vorstandschef Peter Löscher beim Job-Krisengipfel
im Kanzleramt einen Kündigungsverzicht angeboten. Doch Bundeskanzlerin
Angela Merkel hatte darauf längst nicht alle Dax-Konzerne einschwören
können. Spätestens nach der Bundestagswahl im September
dürften die Unternehmen ihre bisherige Rücksicht auf die
Politik aufgeben.
Um die aktuelle Situation mit ihren klassenpolitischen Auswirkungen
einschätzen zu können, ist ein kurzer Rückblick angebracht.
Wenngleich es die CDU/FDP-Regierung unter Kanzler Kohl nach 1983 vermochte,
vorher erreichte sozialstaatliche Leistungen abzubauen und Unternehmens-
wie Vermögensgewinne steuerlich zu begünstigen, stellte
sie das gesetzliche Altersrentensystem wie die Erwerbslosenunterstützung
in ihrer herkömmlichen Funktion der Lebensstandardsicherung und
paritätischen Finanzierungsweise nicht in Frage. Dennoch blieb
die Wirkung nicht aus: 1982 noch mit 73,2 Prozent ausgewiesen, gelang
bis 1990 die Reduktion der Bruttolohnquote des Volkseinkommens auf
67,8 Prozent. Die Unternehmens- und Vermögenseinkommensquote
kletterte in diesen acht Jahren von 26,6 Prozent wieder hinauf zu
30,6 Prozent bereits am Ende von vierzig Jahren BRD-West.
Erst die aus dem Verdruss über sechzehn Jahre Kohl-Regierung
entstandene Wählerstimmung kreditierte 1998 dem Regierungsbündnis
aus SPD und Grünen die Wahlperiode, in der mit der Einführung
der Riesterrente, dem Ersatz bruttolohnbasierter Rentenanteile
durch private Sparleistungen, faktisch die Agenda-Politik zugunsten
niedrigerer Lohnstückkosten der Unternehmen noch mehr forciert
wurde. Nur noch mit knapper Mehrheit im Amt belassen, führte
nach 2002 die Regierung unter SPD-Kanzler Schröder den nächsten
Schlag jetzt gegen das bewährte System der Erwerbslosenversicherung:
Begrenzung des Bezugs von Arbeitslosengeld auf ein Jahr, danach Abschieben
der Erwerbslosen in ein steuerfinanziertes, rigide wie demütigend
erdachtes Fürsorgesystem (Hartz IV), um die nach vorheriger Verdiensthöhe
berechnete steuerfinanzierte Lohnersatzleistung Arbeitslosenhilfe
für Langzeiterwerbslose zu erledigen. Kanzler Schröders
Spruch es gibt kein Recht auf Faulheit sollte nun, obwohl
akzeptable Stellenangebote fehlten, vermeintlich bequem gewordenen
Erwerbslosen bei der Arbeitssuche mehr Elan verleihen. Denn erreichte
ein Beschäftigter vor seiner Entlassung z.B. etwa einen Nettoverdienst
nahe bei 2 000 Euro, konnte er bis Ende 2004 als Arbeit suchender
Arbeitslosenhilfebezieher mit der monatlichen Lohnersatzleistung Arbeitslosenhilfe
von etwas über 1 000 Euro plus Versicherungszuschlägen rechnen.
Auf ein annehmbares Stellenangebot zu hoffen und sich nicht auf zudem
unsichere Stellenangebote weit unter dem vormaligen Verdienst einzulassen,
ist in solcher Situation nur rationell. Einen unsicheren Job für
nur 1 000 Euro anzunehmen bedeutete im übrigen bei erneuter Entlassung
in der Folge eine fast halbierte Erwerbslosenunterstützung.
Neben der erwarteten Einsparung von Transfergeldern verfolgte die
Einführung des an der Sozialhilfe orientierten Arbeitslosengeldes
II (Hartz IV) die Absicht, den längst existierenden Niedriglohnbereich
im Dienstleistungsgewerbe noch weiter und auf andere Branchen auszudehnen,
um damit einer allgemeinen Senkung des historisch erreichten Werts
der Arbeitskraft näher zu kommen. In einem Interview des Spiegel-Spezial
5/2008 bemerkte dazu der Präsident des Münchner Ifo-Instituts,
Hans-Werner Sinn: Lohnersatzleistungen, von der Sozialhilfe
über die Arbeitslosenhilfe bis zur Frührente, wirken wie
ein Mindestlohn. Die Gelder fließen, wenn man nicht arbeitet,
und sie versiegen, wenn man es tut. Deshalb braucht man mindestens
soviel Lohn, wie der Staat fürs Nichtstun zahlt. Die Leistungen
wurden seit Willy Brandt immer mehr ausgebaut, mit dramatischen Konsequenzen
für den Arbeitsmarkt. Von Boom zu Boom ging die westdeutsche
Sockelarbeitslosigkeit um 800 000 hoch. Diese Gesetzmäßigkeit
wurde mit der Agenda 2010 durchbrochen.
Spiegel: Wie das?
Sinn: Die Agenda hat den deutschen Mindestlohn durch zwei Maßnahmen
verringert: Erstens wurde die Arbeitslosenhilfe gestrichen und zweitens
ein Lohnzuschusssystem eingeführt, die Aufstockung bei Hartz
IV. Beides hat die Lohnansprüche gesenkt. Je mehr Zuschuss man
vom Staat kriegt, desto kleiner kann der Lohn sein. Als Folge dieser
Reformen entstand ein Niedriglohnsektor. Und deshalb ist erstmals
seit 1970 vom einen zum anderen Aufschwung die westdeutsche Sockelarbeitslosigkeit
nicht um 800 000 Personen gestiegen, sondern um 300 000 gesunken.
Das macht in der Summe eine Verbesserung von 1,1 Millionen Stellen
wegen der Agenda 2010. Diese Trendumkehr ist ein Riesenerfolg.*
Für wen? Dass in West wie Ost und dort noch radikaler mehrer
Millionen Industriearbeitsplätze allein seit 1990 durch Betriebsverschlankung,
Schließung oder Verlagerung verschwanden, scheint den Angebotstheoretiker
Sinn nicht zu irritieren. Ist erst der Lohn niedrig genug, ist auch
Arbeit da, sprich ein Arbeitskraftnutzer, der sich vom
Arbeiter womöglich noch Lohnanteile aus steuerfinanzierten Staatszuschüssen
mitbringen lässt. So kommt dann auch ein Profit rein. Dieser
Entwicklung setzten die Vorstände in den DGB-Gewerkschaften mit
ihren SPD-Mitgliedsbüchern in den Westentaschen außer hochgezogenen
Augenbrauen nichts entgegen. Ja sie finanzierten noch mit Gewerkschaftsgeldern
seit der Großdemo in Bonn 1996 bis 2002 Wahlkampfunterstützung
für Rot-Grün. Über die Folgen beschwert
sich heute Amelie Buntenbach, seit 2006 im DGB-Bundesvorstand, in
der Berliner Zeitung vom 07.09.2009 und fordert ein befristetes
Überbrückungsgeld, das verhindern soll, dass Arbeitslose
nach einem Jahr in Hartz IV abgedrängt werden (
). Das Geld
soll während der Krise im Anschluss an das Arbeitslosengeld I
in gleicher Höhe für zunächst zwölf Monate gezahlt
werden. (
) Es ist schlimm genug, dass Beschäftigte wegen
der Finanzmarktspekulationen arbeitslos werden. Es muss aber alles
dafür getan werden, dass ihnen Hartz IV erspart bleibt und sie
schnell wieder Arbeit finden. Dafür braucht es keinen künstlichen
Druck. Im Gegenteil: Die verschärfte Zumutbarkeit für Arbeitslose
hat ja dazu geführt, dass viele in Jobs gezwungen werden, von
denen sie nicht leben können und die zudem wegen der Aufstockung
auf Hartz-IV-Niveau die Sozialkassen belasten.
Die Reihenfolge der Rentenabsenkung und Abschaffung der Arbeitslosenhilfe
kam nicht von ungefähr. Denn es betraf ja nicht unmittelbar die
Masse derjenigen, die voll im Berufsleben stehen, und
ihre tariflich abgesicherten Normalarbeitsverhältnisse sicher
wähnen. Rentner und Hartz IV? Das sind immer die anderen. Dennoch
verweisen neueste Umfragen auf große Angst vor steigender
Arbeitslosigkeit bei zwei von drei Befragten, obschon eigener Arbeitsplatzverlust
nur jeden zweiten direkt ängstigt. In den Haushalten mit einem
Hauptverdiener-Nettoeinkommen von 2 000 Euro und mehr sorgen sich
nur noch sechzehn Prozent um die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes.
Dass die Politiker mit den Problemen überfordert sind, auch keine
Partei ein plausibles Konzept für die Wirtschafts- und Finanzpolitik
hat, dieser Ansicht ist jeder zweite. Hoffnungen auf weiteres Wirtschaftswachstum
durch Umstieg auf neuartige Produkte, Appelle an den schnödesten
Eigennutz mit Steuersenkungsversprechen, sogar eingegrenzte Gehälter
für Top-Manager sollen die Wahlberechtigten der sogenannten Mehrheitsgesellschaft
veranlassen, erneut die Parteien zu wählen, deren Politik die
Verhältnisse hervorrufen, die Skepsis und Angst erzeugen. Alle
Landtagswahlen wie die Europawahl in diesem Jahr belegen einen stabilen
Zuspruch zur CDU um die fünfunddreißig Prozent, während
die anderen Parteien SPD/Grüne/FDP versehen mit der Akzeptanz
oder Unabdingbarkeit des Privateigentums an Produktionsmitteln sowie
der dazu passenden NATO-Treue, genannt Grundkonsens, zusammen weitere
fünfzig Prozent Wählerzustimmung erwarten dürfen. Zudem:
Die Wahlpräferenzen von Gewerkschaftsmitgliedern in Westdeutschland
belegen nach wie vor mit etwa 35 Prozent eine starke Bindung an die
SPD, wobei auch die Präferenz für die CDU mit über
25 Prozent nicht übersehen werden darf (siehe DGB-Info-service
einblick 1,11,15/09). Bei allen Vorbehalten im einzelnen (drei von
vier Wahlberechtigten lehnen das deutsche militärische Engagement
in Afghanistan ab mit welcher Konsequenz?) gelingt der Masse
der Wähler nicht die Vermittlung, dass die Verkünder von
Wohlstandsteilhabe durch Wachstum letztlich hohen Profit für
eine Minderheit meinen und die Rahmenbedingungen mit allen destruktiven
wie sozial erniedrigenden Folgewirkungen schaffen, damit es so bleibt.
Die Frage: Wie zufrieden sind sie mit der Demokratie in der
Bundesrepublik und dem ganzen politischen System? die der Spiegel
17/08 für seine Titelgeschichte Wie ticken die Deutschen
stellen ließ, bejahten 12% der Männer mit sehr
(Frauen 6%). Einigermaßen zufrieden sind Männer
noch mit 54% (Frauen 65%), während sich 34% der Männer (Frauen
29%) auf die Antwort gar nicht festlegten. Nur Ignoranten
dürften die Korrelation zum Stellenwert der Parteien, der Akzeptanz
der Verhältnisse aber auch dem Ausmaß der zunehmenden Wahlenthaltung
übersehen.**
Wozu sich daher über das Ergebnis einer jüngst von der gewerkschaftsnahen
Hans-Böckler-Stiftung initiierten Studie wundern, derzufolge
abzüglich der Schulden die Deutschen über 6,6 Billionen
Euro Privatvermögen verfügen? Doch vom privaten Geldvermögen
besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung fast ein Viertel,
das reichste Zehntel sogar 61 Prozent. 2002 waren es der Studie zufolge
noch weniger als 58 Prozent. Über mindestens 222 000 Euro verfügt
jedes Individuum in dieser Bevölkerungsschicht. Gezählt
wurden Geld, Immobilien und Sachmittel ohne Auto, Hausrat und
gesetzliche Rentenansprüche (Der Tagesspiegel 22.01.2009).
Alles Gerede von mehr Bankenaufsicht und stärkerer Regulierung
der Abläufe an den Finanzmärkten darf nicht von der fälligen
Überproduktionskrise ablenken, deren konjunktureller Einbruch
vordergründig als Folge überdrehter Spekulationsgeschäfte
und skrupellosen Weiterreichens von Anlagerisiken erscheinen soll.
Im Rückgang der Kapazitätsauslastung des verarbeitenden
Gewerbes allein in Deutschland von 86,1% im April auf 71,4% im Juni
kommt die Dramatik des Auftragsrückganges im Maschinenbau so
gar nicht zur Geltung. Dort traten zum Vorjahr Auftragseinbrüche
von über 40% im ersten Halbjahr 2009 ein. Mit noch effektiverem
Kapitaleinsatz bei der Produktionsmittelausstattung und weniger Beschäftigten
geht es in den nächsten Konjunkturzyklus. Für dessen Verlauf
mag die skeptische Voraussage des Vorstandsvorsitzenden des Spezialchemie-Konzerns
Lanxess in Leverkusen, Axel C. Heitmann, zutreffen: Wir
sind alle gut beraten, dass diese Krise länger dauert, als wir
bisher angenommen haben. Alle müssen lernen, mit den gegebenen
Verhältnissen zu Recht zu kommen, statt zu früh in Optimismus
zu schwelgen. Aus meiner Sicht gibt es keine Indikatoren dafür,
dass diese Krise früher beendet ist. Sie wird eher später
überwunden sein. Danach wird sich die Wettbewerbslandschaft verändert
haben. Wir werden mit anderen Wachstumsraten auf einer niedrigeren
Basis zu leben haben. (FAZ, 30.6.09)
Um dann in der Konkurrenz zu bestehen, kann nur erhöhte Arbeitsproduktivität
zu Kostpreisen führen, die Absatz und Gewinn garantieren. Die
Steigerung der Bruttowertschöpfung setzt sich auf neuer Stufe
fort unter oben genannten angstbesetzten Bedingungen. Die Überarbeit
des beschäftigten Teils der Arbeiterklasse schwellt die Reihen
ihrer Reserve, während umgekehrt der vermehrte Druck, den die
letztere durch ihre Konkurrenz auf die erstere ausübt, diese
zur Überarbeit und Unterwerfung unter die Diktate des Kapitals
zwingt. Die Verdammung eines Teils der Arbeiterklasse zu erzwungnem
Müßiggang durch Überarbeit des andren Teils und umgekehrt,
wird Bereicherungsmittel des einzelnen Kapitalisten und beschleunigt
zugleich die Produktion der industriellen Reservearmee auf einem dem
Fortschritt der gesellschaftlichen Akkumulation entsprechenden Maßstab.
(Karl Marx, Das Kapital Bd. I, MEW 23, S.665 f.) In der widersprüchlichen
Einheit von Kapital und Lohnarbeit kollidieren daher gleichfalls Produktivkräfte
und Produktionsverhältnisse.***
In Anbetracht der Tatsache einer seit fünf Jahren bei etwas mehr
als dreiundzwanzig Millionen stagnierenden Zahl von Vollzeitbeschäftigten
in Deutschland käme es darauf an, wie Marx weiter ausführt,
allgemein die Arbeit auf ein rationelles Maß zu
beschränken, um den von ihm beschriebenen Effekt aufzuheben.
Trotz tariflich kürzerer Arbeitszeit wird hierzulande im Schnitt
wieder über vierzig Wochenstunden pro Beschäftigtem gearbeitet.
Hier hätte eine gesellschaftliche Linke einzugreifen. Allein
das Zusammenfinden in Initiativkreisen zur Aneignung und öffentlichen
Darstellung von Argumenten für einen Neuen Normalarbeitstag von
sechs Stunden wäre ein ermutigender Ansatz. Aber was geschieht
momentan in den Zirkeln mit der relativ größten Reichweite
in die Gesellschaft? Um der gewiss schwierigen, aber notwendigen direkten
Auseinandersetzung für täglich spürbare Erleichterungen
im Alltagsleben auszuweichen, die nur durch tägliche Arbeitszeitverkürzung
eintreten können, tischen neoreformistische Kräfte aus dem
Apparat der IG Metall und der Linkspartei altbackene und fragwürdige
Mitbestimmungs-**** wie Kapitalbeteiligungskonzepte auf, die politisch
Interessierten wie desorientierten Lohnempfängern Trost in der
Zukunft verheißen sollen. IG Metall-Chef Huber verkündet
im stern 37/2009: (...) Wer Anteile hat, kann in einem Unternehmen
mehr beeinflussen. (
) Heute prägt viele Menschen nicht
mehr ein Klassenbewusstsein. Der Kapitalismus hat sich geändert.
Es gibt nicht mehr nur ein oben und unten. Um erfolgreich Kämpfe
zu führen, müssen wir unsere Mitglieder überzeugen:
Warum gehen wir auf die Straße? Arbeitnehmerbeteiligung ist
das große Thema geworden. Ob Kollege Huber seine Illusionen
lange pflegen kann, hängt von den Unternehmern ab. Eher amüsiert
verwahrte sich Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser in
einem taz-Interview am 4.9.09 gegen solche Übersteigerungen
und falsche Selbsteinschätzung. Weiter erklärte
er: Eine Marktwirtschaft beruht auf privatem Eigentum und unternehmerischem
Freiraum. Daraus ergibt sich für Unternehmer und Arbeitnehmer
eine Rollenverteilung. (...) Aber mit einem anonymen, kollektivierten
Beteiligungsfonds, der von Funktionären verwaltet wird, entsteht
ein Interessensblock, der zu einer schleichenden Politisierung von
Unternehmen führen kann. Ein Arbeiter ohne Klassenbewusstsein
bleibt ein Arbeiter. Aber darf sich ein Unternehmer, der es bleiben
will, kein Klassenbewusstsein leisten?
Zu einer öffentlich breit wahrnehmbaren Reflexion oder Zuspitzung
auf die hier ausgeführten gesellschaftlichen Grundfragen scheint
es im Bundestagswahlkampf 2009 nicht mehr zu kommen. Mehrheitlich
fand auf dem Wahlparteitag der Linkspartei ein Antrag auf Einführung
des 6-Stundentags keine Zustimmung. Selbst die SPD war da schon einmal
weiter. Haben die ehemaligen Sozialdemokraten in der Linkspartei
das Berliner Grundsatzprogramm der SPD von 1989 schon vergessen? Unter
der Überschrift Arbeitszeitverkürzung Beitrag
zu Vollbeschäftigung und Zeitsouveränität heißt
es dort: Wir wollen die Steigerung der Produktivität zur
Verkürzung der Arbeitszeit nutzen, wobei kürzere Arbeitszeit
nicht automatisch kürzere Maschinenlaufzeit bedeutet. Arbeitszeitverkürzung
ist auch in Zukunft ein wesentlicher Beitrag für mehr Lebensqualität.
Sie verringert die Belastung der Erwerbsarbeit und schafft Raum für
notwendige Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit, gibt
Zeit für Muße, kulturelle und soziale Aktivität. Sie
schafft Arbeitsplätze. Kürzere Arbeitszeiten sind erst recht
nötig, wenn Erwerbsarbeit allen Frauen und Männern zugänglich
wird. Soll die partnerschaftliche Teilung der häuslichen Arbeit
gelingen, muß die tägliche Arbeitszeit verringert werden.
Daher streben wir den sechsstündigen Arbeitstag in der 30-Stunden-Woche
als Regel an. Aber die Zeiten werden härter, und so versteckt
sich die Linkspartei in ihrem Wahlprogramm gleich realpolitisch hinter
den Gewerkschaften, die inzwischen nicht stärker geworden sind:
(
)gesetzliche Höchstarbeitszeit senken auf regelmäßig
40 Stunden pro Woche; die 35-Stunden-Woche und weitere tarifliche
Arbeitszeitverkürzungen mit vollem Lohnausgleich mit den Gewerkschaften
durchsetzen. Damit es im Land gerecht zugeht? könnte
man mit dem Leitspruch fragen, der die Wahlplakate der Linkspartei
ziert. Aber solche Parolen tragen nicht zur Aufklärung über
gesellschaftliche Machtverhältnisse und Abhängigkeiten bei.
Denn diese bedingen ja die Ursachen der als ungerecht empfundenen
Zustände und sind kenntlich zu machen, um sie abzuschaffen. Wenn
jeder Sitz mehr für die Linkspartei im Bundestag ein Sitz weniger
für die anderen ist, mag das vordergründig überzeugend
klingen. Aber hatte das Zweckbündnis der Gründung dieser
Partei die Absicht, als Arzt am Krankenbett einer offen prokapitalistisch
ermattenden SPD zu wirken? Oskar Lafontaine erklärte in der FR
vom 2.9.09: Es ist nicht unser Ziel, die SPD klein zu kriegen.
Unser Ziel ist es, sie dazu anzuhalten, sich zu re-sozialdemokratisieren.
Das heißt, sie muss erkennen, dass ein Sozialstaat, der verlässlich
soziale Sicherheit gibt, die Lebensgrundlage für den Großteil
der Menschen hierzulande ist. Wenn der Bestand des Sozialstaates
von der Fortexistenz der SPD abhängt, ist weiter schlimmes zu
befürchten. Jegliche Partei, die als Spitze einer Bewegung einen
Ausweg aus dem Kapitalismus bahnen will, muss im Rahmen kapitalistischer
Produktionsweise konsequent sozialstaatlich agieren, um seine Grenzen
für die Lohnabhängigen erfahrbar zu machen. Die Linkspartei
will darüber erklärtermaßen nicht hinausgehen. Es
kommt letztlich nicht auf Wahlentscheidungen an, sondern diejenigen
zu sammeln und zu formieren, die weitergehen wollen. Weil sie erkannt
haben, dass ein besseres Leben in der kapitalistischen Produktionsweise
für die Lohnabhängigen nicht mehr zu erwarten ist.
10. Sept.2009
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Hilflos
gegen die Krise

Die Regierungen
haben erwartungsgemäß die Banken- und Finanzmarktkrise
nicht im Griff. Schlimmer noch: Zur Quantität des in toxischen
Papieren angelegten fiktiven Kapitals im globalen Geldmarkt gibt es
immer noch (Stand Mai 2009) keine verlässlichen Angaben. Wir
kennen den Wert der Finanzanlagen in den Bilanzen der Banken nicht.
sagte das frühere Vorstandsmitglied der Bank of England, Professor
Charles Goodhart, in einem Interview mit Die Zeit vom 5. Mai 2009.
Dabei dürfte dieser Insider und jetzige Pensionär sich doch
jetzt äußern.
Die Folgen
für die reale Produktion zeichnen sich nun immer deutlicher ab.
1-
Kapitalvernichtung und Arbeitslosigkeit am Beispiel Autoindustrie
(Vorbemerkung:
Ich konzentriere mich im folgenden auf Beispiele aus Deutschland und
den USA, da eine Ausweitung auf andere Länder und Regionen zu
ausführlich werden würde.)
Die
Branche hat in den zurückliegenden fetten Jahren enorme Überkapazitäten
aufgebaut. Die müssen jetzt an die geschrumpfte Nachfrage angepasst
werden. (Fiat-Chef Marchionne lt. Spiegel 22/2009, S. 28)
Das Bruttoinlandsprodukt
Deutschlands ist im 1. Quartal 2009 um 3,8 % gegen das 4. Quartal
2008 gesunken. Die Wirtschaftsinstitute sagen für das ganze Jahr
2009 eine Abnahme von 6-7 % voraus. Von derartigen quantifizierten
Voraussagen ist zwar nicht viel zu halten, die bürgerlichen Ökonomen
haben gerade in der neoliberalen Ära fast immer geirrt; doch
daß die Rezession noch bedeutend fortschreiten wird, ist nach
den gegenwärtig erkennbaren Entwicklungen kaum zu bezweifeln
(siehe Grafiken auf dieser Seite).
Die Überkapazitäten
in der Autoindustrie führten nicht nur General Motors und Chrysler
in die Insolvenz (nach US-Recht, Chapter 11), sie haben auch schwerwiegende
Auswirkungen auf die Zulieferindustrie, und sie werden zu einer Neuformierung
der Konzerne nicht nur aber auch in dieser Branche führen müssen.
Überakkumulation
auf Kreditbasis führte zu Überkapazitäten (vgl. Arsti
Nr. 163, S. 1 ff.), zu in großen Teilen nicht verwertbarem Kapital,
das nur zusammen mit den zugehörigen Arbeitsplätzen
vernichtet werden kann. Eine Anpassung, d. h. eine Verdoppelung
der Nachfrage an die Produktionsmöglichkeiten, z. B. durch Abwrackprämie
oder entsprechendes für die teureren Segmente würde auch
die Regierungen finanziell überfordern von den ökologischen
Auswirkungen zu schweigen. Natürlich spielt sich dieser Prozeß
nicht gleichmäßig über alle Branchen, Länder
und Konzerne und deren Zulieferer ab. Noch ist nur in einzelnen Fällen
erkennbar, welche Firmen (bis auf vielleicht die Markennamen) ausscheiden
werden.
Für
das Herauslösen von Opel aus dem GM-Konzern wird einige Zeit
gebraucht werden. Die USA und Deutschland werden beträchtliche
Mengen an Staatsgeldern dafür ausgeben müssen. Der angebliche
Investor Magna scheint eher die Rolle des Strohmanns für die
russische Sberbank und den Autokonzern Gaz in Nischnij Nowgorod zu
spielen. Doch egal welche Summen die Steuerzahler, d. h. vorwiegend
die Arbeiterklasse, in den neuen Konzern investieren müssen;
egal welchen Lohnverzicht die Konzerne den Lohnarbeitern abpressen:
An Kapitalvernichtung und damit Massenentlassungen wird kein Weg vorbei
führen.
Der Erhalt
der Opel-Standorte ist nur ein Scheingefecht, mit dem
Ministerpräsidenten und Berthold Huber, IGM-Vorsitzender, beschäftigt
werden. Ob nun eins oder zwei der deutschen Werke stillgelegt, oder
ob durch Produktionsverlagerungen Kapazitäten in vier deutschen
Standorten vernichtet werden, ist ein politisches, d. h. taktisches
Problem. Langfristig werden Arbeitsplätze nach Russland verlagert
werden, Gaz soll auf niedrigem technischen Niveau produzieren. Die
Löhne sind erheblich geringer als in Deutschland.
Die Vernichtung
von Arbeitsplätzen und der Druck auf das Lohnniveau werden auch
bei Opel unabwendbare Folgen sein. Zusätzlich sollen 10 % des
Kapitals von Händlern und Beschäftigten aufgebracht werden,
d. h. Löhne werden nicht ausgezahlt sondern einbehalten und in
Kapitalanteile umgewandelt. Ob das eine gute Sparanlage für die
Lohnabhängigen wird? Im ganzen also Lohnverzicht, Übereignung
von Steuergeld an private Konzerne. Erhöhung von Massensteuern,
Kürzungen bei Sozialausgaben und Renten werden die Folge sein,
wenn der Wahlkampf erst vorüber sein wird.
Nicht
nur Großfirmen wie Arcandor und Banken stellen Ansprüche
auf Kapitalhilfen und/oder Bürgschaften an den Staat. In der
Öffentlichkeit weniger beachtet sind auch Mittel- und Kleinunternehmen
auf der Bettelliste. Mitte Mai waren es rund 1100 Firmen. Die Gründe
sind unterschiedlich. Wenn es nur Liquiditätsprobleme sind, könnten
staatliche Subventionen zum Erhalt von Kapital und Arbeitsplätzen
beitragen. Wenn Überproduktion der Grund der Schwierigkeiten
ist, dann werden staatliche Zuschüsse oder Bürgschaften
Arbeitsplatzabbau bestenfalls hinauszögern. So werden Zwischenfinanzierungen
die Karstadt Kaufhäuser nur dann retten, wenn die Umsätze
erheblich gesteigert werden. Danach sieht es aber nicht aus, weil
der Massenkonsum ebenfalls schrumpft.
Weniger
Produktion führt nicht allein zu Produktionsverminderung bei
den direkten Zulieferern der Autoindustrie, sie führt auch zu
geringerer Stahlproduktion, zu weniger Transportkapazität auf
Straßen, Schienen und Meeren, damit zu nicht ausgelasteten Werften,
LKW- und Bahnfabriken usw.
Export
Die exponierte
Position Deutschlands als Exportweltmeister zeigt ihre
Schattenseiten. Der größere Teil der Exporte aus Deutschland
(Autos ausgenommen) sind Investitionsgüter. Durch Rationalisierung
und moderate Lohnpolitik, d. h. kapitalhörige und
von Neoliberalismus angekränkelte Gewerkschaften blieben die
Lohnstückkosten in Deutschland nahezu konstant. Das schuf Wettbewerbsvorteile
und schlug sich in Produktionssteigerungen nieder. Diese Politik rächt
sich nun doppelt: Einmal in Überkapazitäten; zum andern
in geringer Konsumtionsfähigkeit bei den Massen der Lohnabhängigen.
Bei der global einsetzenden Rezession brach der Export im letzten
Quartal 2008 ein. Im Maschinenbau betrug der Rückgang im April
2009 58 %. Große Kapazitäten bei Werkzeugmaschinenherstellern
liegen vermutlich für lange Zeiträume brach.
Diese
Branche ist so eindeutig exportabhängig, daß selbst eine
höhere Nachfrage aus dem Inland (wo sollte die aber herkommen?)
keine Auslastung bringen könnte. Ob technologische Vorteile der
deutschen Herstellerfirmen die Krise überdauern werden, ist nicht
sicher.
Ein Teil
der Abnehmerländer, der in geringerem Maße von der Krise
betroffen ist (Indien, China), kann nur einen kleinen Teil der Kapazitäten
in Produktion halten.
Zusätzlich
droht die Gefahr des Protektionismus. Alle Regierungen haben zuletzt
auf dem G20-Gipfel in London beteuert, daß sie am Freihandel
festhalten wollen. Inwieweit diese Vorsätze haltbar sind, ist
eine andere Frage. Schon jetzt intervenieren in den USA Senatoren
beider Parteien für den Schutz von Industrien in ihren Staaten.
Die Parole buy american oder buy british ist
populär.
Bisher
(Stand Ende Mai) haben nach öffentlich zugänglichen Angaben
die Maschinenherstellerfirmen keine Entlassungen bei der Stammbelegschaft
vorgenommen. Es sei zu teuer und zu langwierig nach überstandener
Krise den Bestand an qualifizierten Lohnarbeitern wieder aufzubauen,
heißt es als Begründung. Man versuche mit Kurzarbeit durchzukommen.
Weniger öffentlich wird, daß Entlassungen von Stammarbeitskräften
mit z. T. langer Betriebszugehörigkeit wegen hoher Abfindungen
und langer Kündigungsfristen teuer und langwierig sind. Wie lange
das Kapital diese Strategie durchstehen kann, bleibt abzuwarten. Nicht
zuletzt wird es von den Banken abhängen, die mit Krediten die
Auftragsflaute überbrücken müßten.
Entlassen
wurde natürlich auch in der Auto- und Exportindustrie. Zum einen
bei den insolventen Firmen; zum andern traf es Leiharbeiter und solche
in befristeten Arbeitsverhältnissen und Scheinselbständige.

Konsum
Bis vor
kurzem hieß es noch, die deutschen Verbraucher würden ihre
Konsumfreude und -gewohnheiten beibehalten. Das scheint Zweckoptimismus
gewesen zu sein. Im ersten Quartal haben die Ladenbetreiber
nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 3,1 % weniger umgesetzt
als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Konsumforscher befürchten,
daß sich die Kauflaune angesichts steigender Arbeitslosenzahlen
weiter eintrüben wird. (lt. SZ v. 5. Mai 09)
Daß
der Gesamtkonsum im 1. Quartal 2009 noch leicht zunahm, liegt an subventionierten
Käufen von Autos gegen Abwrackprämien im Segment preiswerter
Kleinwagen.
Die alte
Gesetzmäßigkeit des Krisenablaufs setzt sich auch in dieser
Beziehung durch. Entlassungen und Lohnkürzungen u. a. durch Kurzarbeit
senken die Masseneinkommen, die Umsätze der Konsumgüterproduktion
sinken und damit setzt sich die Überproduktionskrise auch in
diesen Teil der Produktion (Abteilung 2) fort und wirkt zurück
auf Abteilung 1 (Produktionsmittelherstellung).
Auch
die Konjunkturprogramme zur Unterstützung der Nachfrage, vor
allem die Abwrackprämie vermochten das vielleicht
etwas einzuschränken aber nicht aufzuhalten. Außerdem wird
es sich bei einem großen Teil der Autokäufe gegen Prämie
um vorgezogenen Konsum handeln. Dafür werden künftig weniger
Autos gekauft.
Es ist
zu erwarten, daß die Arbeitslosigkeit weiter steigen wird. Die
ersten Massenentlassungen sind bereits angekündigt: Schaeffler/Continental,
Thyssen/Krupp, Karman u. v. a. werden tausende Lohnarbeiter auf die
Straße setzen. Inwieweit die berechtigte Angst der noch ungekündigten
Arbeiter und Angestellten weitere Konsumzurückhaltung und höhere
Sparneigung verursachen wird, ist, wie alle mit Psychologie zusammenhängenden
Probleme, schwer einzuschätzen.
2.
Finanzmarkt
wie das zinstragende Kapital überhaupt die Mutter aller verrückten
Formen ist, so daß z. B. Schulden in der Vorstellung des Bankiers
als Waren erscheinen können (Marx, Kapital Bd. 3, Kap.
29)
Banken
und andere Finanzinstitute halten weiter mit Krediten zurück.
Das hat unmittelbare und mittelbare Folgen für die Realwirtschaft:
Akkumulation
in der realen Wirtschaft wird in normalen Zeiten ganz oder teilweise
über Kredit finanziert. Ohne Kredit sind sie nicht möglich.
Dasselbe gilt für die Finanzierung von Großprojekten oder
für Zwischenfinanzierungen. Das mag sich z. Zt. noch nicht so
auswirken, weil bei Umsatzrückgängen ohnehin weniger Kapital
akkumuliert wird, aber längerfristig hält es die Akkumulation
in engen Grenzen.
Der gesamte
Handel erfordert laufend Kreditvorgänge. Wenn der Produktionsbetrieb
an den Zwischenhändler liefert, entsteht in der Regel ein Kredit
usw. Kreditzurückhaltung macht selbst normale Lieferungen schwierig.
Die Geschäftsabwicklung wird schwierig, teuer und unsicher.
Ein großer
Teil des Umsatzes an langfristigen Konsumgütern wird durch Konsumentenkredite
finanziert. Diese sind z. Zt. sehr viel schwieriger und teurer zu
bekommen. Auch das trägt zu rückläufigem Konsum bei.
Der Staat
muß also den Banken und anderen Finanzdienstleistern helfen,
das Kreditgeschäft wieder in Schwung zu bringen wenn das
kapitalistische Gesellschaftssystem beibehalten werden und wieder
funktionieren soll. Was wie eine Hilfe aussieht, bringt eher die Macht
des Finanzkapitals zum Ausdruck. Weil ohne das Finanzkapital nichts
geht, muß die Gesellschaft diesem zu Willen sein. Das wird brutal
ausgenutzt. Die Bourgeoisie und ihre Politiker sind gezwungen, die
Steuergelder der Arbeiterklasse zum Ausgleich der Fehlspekulationen
heranzuziehen.
An der
Macht des Finanzkapitals ändert sich auch durch die Verstaatlichungen
nichts. Da geschieht nichts anderes, als daß die Gesellschaft
völlig zugrunde gerichtete Finanzinstitute zu überhöhten
Preisen kaufen muß.
Die Menge
an Schrottpapieren kann niemand genau nennen, deshalb
weiß auch keine Bank, ob ein Kredit forderndes Unternehmen oder
eine andere Bank nicht schon überschuldet, eigentlich insolvent
ist. Nicht nur untereinander haben die Banken berechtigtes Mißtrauen.
Auch das produzierende Kapital bekommt weniger Kredit.
Vor allem
kleine Mittelständler oder neue Unternehmen klagen darüber,
daß sie keine Kredite bzw. nur zu schlechten Bedingungen und
hohen Zinsen bekommen.
Zu einem
Teil ist die Unsicherheit erklärbar. Immer mehr Anleihen, die
vorher als sicher und wenig spekulativ galten, werden nun zweifelhaft,
weil die Schuldner u. a. durch die Überproduktionskrise in Schwierigkeiten
kommen. Hier schlägt die Entwicklung in der realen Wirtschaft
auf das Geldkapital zurück.
Rating-Agenturen
Die Rolle
der rating Agenturen ist immer noch wichtig und verheerend. Hatten
diese mit übertrieben positiven Bewertungen maßgeblich
zum Aufbau der Blase der subprime-Papiere beigetragen,
so reagieren sie jetzt mit zum Teil abrupten Herabstufungen und verschärfen
damit die Finanzkrise. Ob diesen ratings wirklich noch Analysen zugrunde
liegen, darf bezweifelt werden. Jedenfalls sind vor allem die drei
großen Agenturen (Standard & Poors, Moodys und Fitch)
zu Antreibern unrealistischer Entwicklungen in beiden Richtungen geworden
und weit entfernt davon Schuldtitel und andere Derivate objektiv zu
bewerten.
Bewertungsfragen
Trotz
aller objektiven Gründe bleiben die Schätzungen über
die Höhe der toxischen Wertpapiere stark unterschiedlich.
Finanzminister Steinbrück nannte in der Diskussion um Bad
Banks einen Gesamtbetrag von 250 Mrd. Euro für die deutschen
Finanzdienstleister. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht
(Bafin) kommt auf 816 Mrd. Euro. Die Finanzinstitute können oder
wollen offenbar die Summe ihrer faulen Kredite nicht angeben.
Ähnliches
wird aus den USA berichtet. Der Stress-Test der US-Banken
ergab nur rd. 75 Mrd. $ an Trash-Anleihen. Das wäre
nicht viel. Fachleute zweifeln diese Ergebnisse aber massiv an.
Zu den
neuen Erscheinungen der aktuellen Finanzkrise gehört, daß
dank der Deregulierung die in den Bilanzen der Banken aufgeführten
Werte nicht mehr viel mit den tatsächlichen Vermögensverhältnissen
und damit den Risiken der Unternehmen zu tun haben. Das verstärkt
natürlich noch zusätzlich Mißtrauen und Verunsicherung.
Marxisten
dürfte das weniger überraschen: Auch da wo der Schuldschein
das Wertpapier nicht wie bei den Staatsschulden rein
illusorisches Kapital vorstellt, ist der Kapitalwert dieses Papiers
rein illusorisch. Man hat vorhin gesehn, wie das Kreditwesen assoziiertes
Kapital erzeugt. Die Papiere gelten als Eigentumstitel, die dies Kapital
vorstellen. Die Aktien von Eisenbahn-, Bergwerks- Schiffahrts- etc.
Gesellschaften stellen wirkliches Kapital vor, nämlich das in
diesen Unternehmungen angelegte und fungierende Kapital oder Geldsumme,
welche von den Teilhabern vorgeschossen ist, um als Kapital in solchen
Unternehmungen verausgabt zu werden. Wobei keineswegs ausgeschlossen
ist, daß sie auch bloßen Schwindel vorstellen. Aber dieses
Kapital existiert nicht doppelt, einmal als Kapitalwert der Eigentumstitel
(
) und das andre Mal als das in jenen Unternehmungen wirklich
angelegte oder anzulegende Kapital. (Marx, Kapital Bd. 3, Kap.
29). Der Fortschritt gegenüber Marx Zeit besteht
darin, daß bei Derivaten und anderen intelligenten Finanzprodukten
das fiktive Kapital nicht nur doppelt sondern mehrfach zu existieren
scheint.
In Deutschland
ist die Hypo Real Estate soweit bis jetzt bekannt der größte
Pool an Müllpapier. Wirtschaftler und Politiker schätzen
sie als too big to fail ein also zu groß
um sie pleite gehen zu lassen, weil sie sonst andere Firmen, denen
sie Geld schuldet, ebenfalls in die Insolvenz reißen würde.
Der Fall Lehman Brothers in den USA, wo dieser Effekt ja tatsächlich
eintrat, wird als warnendes Beispiel genannt.
Der Steuerzahler,
d. h. im wesentlichen die Arbeiterklasse, wird diese Spekulationsverluste
übernehmen müssen. Die Diskussion um Bad Banks,
mit denen dasselbe für die anderen Finanzinstitute vorgenommen
werden soll, ist z. Zt. noch nicht abgeschlossen. Es sollen solche
Institute für jede einzelne Bank, die das in Anspruch nehmen
will oder muß, gegründet werden. Die Finanzierung, d. h.
den Kauf der faulen Papiere zu Buchwerten mit einem Abschlag von 10
% übernimmt der Staat über staatlich verbürgte Anleihen.
Die jeweiligen Banken müssen Gebühren zahlen. Wenn sie das
nicht können, dürfen keine Dividenden ausgeschüttet
werden. Die Bad Banks müssen langfristig versuchen,
möglichst viel der faulen Papiere noch zu Geld zu machen. Wie
viel das sein wird, das wagt niemand zu schätzen. Die Aktion
soll maximal 20 Jahre laufen. Wenn am Ende ein Verlust
bleibt, was sehr wahrscheinlich ist, soll die ursprüngliche Besitzerin
dafür in mehrjährigen Raten haften. Das sind Vorstellungen,
die noch nicht Gesetz sind. Ob es bei diesen Vorstellungen bleibt,
halte ich für unwahrscheinlich. Nicht nur im Bundestag sondern
vor allem in den Lobbies ist noch nichts entschieden.
Daß
die Verursacher der Fehlspekulation wenigstens teilweise und der Möglichkeit
nach für die Folgen herangezogen werden, könnte einem Linken
ja noch gefallen. Es liegt mir fern, diese Leute zu bedauern. Doch
ob solche sauberen Banken dann noch Geldkapital bekommen
werden um Kredite zu geben oder Großprojekte zu finanzieren,
erscheint mir fraglich.
Manches
deutet darauf hin, daß dann wieder der Staat das fehlende Eigenkapital
zuschießen muß. Dafür werden außer bei der
HRE und der Commerzbank noch bei anderen Banken Aktien vom Steuerzahler
übernommen. Unter Verstaatlichung hatte ich mir anderes vorgestellt.
Ein gutes Geschäft wird es sicher nicht. Welche Summen an Steuergeld
dies erfordern wird, ist zur Zeit nicht absehbar.
Auch
die Verschärfung der Basel-II-Abkommen, nach dem Banken für
Kredite je nach deren Bonität (die aber wieder durch ratings
bestimmt wird) einen festen Anteil an Eigenkapital halten müssen,
führt vielleicht zu mehr Sicherheit und größerer Vorsicht
der Banken bei der Kreditvergabe, doch sie schränkt die Kreditvolumina
ein, was durch verstaatlichte Banken verhindert werden
soll.
3.
Folgen der Krise für die 3. Welt
Die Globalisierung,
verstanden als Übernahme neoliberaler Grundsätze durch die
Entwicklungsländer, führt jetzt viele dieser Länder
in die Katastrophe. Die Subsistenzwirtschaft in zahlreichen Ländern
wurde weiter zurückgedrängt, weil WTO, Weltbank und der
IWF in der Vergangenheit die Vergabe von Krediten von Auflagen abhängig
machten, die diese Länder in die Weltwirtschaft integrieren sollten.
Das sollte die wenig industrialisierten Länder zu Wohlstand führen
und den Abstand der Lebensstandards zu den industrialisierten Ländern
verringern.
Doch
die Länder, die dieser Politik folgten, und statt einheimischer
Lebensmittel cash crops, d. h. Weltmarktprodukte liefern
wollten, werden nun durch die fallenden Rohstoffpreise ruiniert. Für
390 Millionen der ärmsten Afrikaner werde sich das Einkommen
um 20 % reduzieren. Die Konsequenz: Hunger, der Millionen von Kindern
auf Jahre kaum reversible Schäden zufügt. (lt. Sozialismus
4/2009, S. 35)
Bei jeder
Rezession werden weniger Erze, Energie, Baumwolle, Nahrungs- und Genußmittel
(Kaffee, Kakao usw.) nachgefragt, weil die Industrie bei fallender
Produktion weniger von diesen Rohstoffen benötigt und die Massenkaufkraft
auch für Genußmittel weniger Absatz zuläßt.
Entsprechend
können die betroffenen Länder vor allem Afrikas auch weniger
Nahrung, Medikamente, Textilien usw. einführen. Sie werden sich
sogar weiter einschränken müssen, auch weil für die
Importeure weniger Kredit zur Verfügung steht.
Auch
in der Wirtschaftsgeschichte der Industrieländer gibt es Beispiele
dafür, daß bei unterbrochener Zufuhr aus Ländern mit
Monostrukturen Krisen sowohl in den Herstellungs- wie in den Abnehmerländern
ausbrachen wie z. B. bei der Baumwollkrise ab 1861 in Großbritannien
und den amerikanischen Südstaaten. Ähnliches droht, wenn
auch in anderer Erscheinungsform, in Afrika.
Der Nahrungsmangel
nimmt zu, die Zahl unterernährter Menschen wächst.
Bei Fortdauer
der Krise in den entwickelten Ländern wird sich die Situation
verschlimmern, weil immer weniger Nahrung importiert werden kann.
Zusätzlich
werden Arbeitsimmigranten, deren Überweisungen an ihre Familien
in den jeweiligen Heimatländern zu deren Lebensunterhalt oder
sogar zum Aufbau bescheidener Gewerbebetriebe beitrugen, zurückgeschickt
oder arbeitslos.

4.
Globale Bekämpfung der Krise
Die Regierungschefs
der 20 wichtigsten Staaten (?) waren sich Anfang April einig. Die
Unternehmen, vor allem der Finanzwirtschaft, müssen wieder stärker
kontrolliert werden. Die Off shore Steuerparadiese mit geringer bzw.
ganz fehlender Aufsicht über die Bilanzen ihrer Briefkastenfirmen
werden abgeschafft. Na prima!
Leider
können Gesetze für eine Re-regulierung der Finanzaufsicht
nicht von internationalen Konferenzen, und seien sie noch so hochrangig
besetzt, beschlossen werden; sie müssen von den jeweiligen Nationalstaaten
in Gesetzesform gebracht und vor allem international aufeinander abgestimmt
werden. Das wäre ein Jahrhundertwerk.
Es wurden
Reformkommissionen eingerichtet von denen man seither nichts mehr
gehört hat. Das ist kein Wunder bei dieser überaus umfangreichen
und komplizierten Materie.
Schon
bei der Konferenz in London zeichneten sich zwei recht unterschiedliche
Tendenzen ab. Die angelsächsischen Länder zogen liberalere,
die kontinentaleuropäischen strengere und präzisere Regeln
für die Kontrolle von Banken vor. Osteuropäische Länder
schlagen sich auf die Seite der USA und Großbritannien. Abgestimmte
Gesetze sind aber bei einer globalisierten Finanzwirtschaft unbedingt
notwendig, weil die Spekulanten sie sonst durch Wechsel von einem
zum anderen Finanzplatz umgehen werden. Schon jetzt drohen Banker
mit der Verlagerung des Finanzplatzes London nach Asien.
Es ist
vom heutigen Stand aus unmöglich vorherzusagen ob vom G20- und
von den diversen EU-Gipfeln überhaupt etwas herauskommen wird
außer Showbusiness. Auch die Pläne der EU haben wenig Aussicht
auf Erfolg: Der west-östliche Widerstand zeigt schon jetzt
erste Erfolge: Eine schlagkräftige europäische Aufsichtsbehörde
dürfte es in Zukunft kaum geben. (Spiegel 23/2009, S. 73)
Die Finanzwelt scheint auch vorerst wenig beunruhigt zu sein. Die
deutschen Bilanzierungsgesetze sehen nach wie vor alle Möglichkeiten
vor, mit denen Unternehmer ihre wahre finanzielle Situation verschleiern
oder wenigstens beschönigen können. Der Neoliberalismus
ist offenbar etwas schweigsamer geworden; er ist aber weiterhin mächtig.
Der Bekämpfung
der Off shore Steuerparadiese war dagegen glänzender Erfolg beschieden:
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD) sollte eine Liste erstellen, die Steueroasen rücksichtslos
an den Pranger stellen würde. Die Liste war schnell fertig. Sie
enthielt kein einziges Land: Wer gegenüber der OECD beteuerte,
sich künftig an die internationalen Verabredungen halten zu wollen,
wurde spontan in den Kreis der vermeintlich Geläuterten aufgenommen.
spottet selbst der Spiegel (16/2009, S. 72), der bis vor kurzem selbst
stramm neoliberale Standpunkte vertrat.
5.
Deutsche Konjunkturprogramme
Die wesentlichen
bereits beschlossenen Gesetze und wem sie hauptsächlich zugute
kommen, haben wir in Arsti 163, S. 7, Grafik 4 aufgeführt. Sie
belaufen sich nach staatlichen Angaben auf rd. 82,5 Mrd. Euro. Dazu
kommen Bürgschaften in Höhe von rd. 100 Mrd. Letztere dürften
wegen angekündigten weiteren Hilfen für Banken und Industriebetriebe
(Opel, Schaeffler usw.) noch deutlich ansteigen. Wieviel dieser Bürgschaften
ausgabewirksam werden, ist nicht abzusehen.
In den
nächsten Wochen muß die Bundesregierung einen zweiten Nachtragshaushalt
mit neuerlicher Schuldenaufnahme vorlegen. Das dürfte nicht der
letzte Nachtragshaushalt bleiben. Es ist die höchste Nettoverschuldung
seit Bestehen der Bundesrepublik. Weil der erhöhten Geldmenge
kein Gleichwertiges an Waren, an Wert, gegenüber steht, sind
inflationäre Entwicklungen in der Zukunft nicht auszuschließen.
Auch die Sozialkassen rutschen immer tiefer in die Miesen, weil Beitragseinnahmen
geringer und Ausgaben tendenziell höher werden.
Dabei
ist die Bundesrepublik bei der EZB und international noch kreditwürdig.
Sie muß nur Zinsen in Höhe von wenig über 3 % bezahlen.
Andere EU-Länder sind schlechter dran. Griechenland z. B. zahlt
über 6 %. Ungarn konnte keine Kredite von Banken mehr bekommen
und mußte vom IWF gerettet werden (siehe Grafik 3).
Auch
Staaten können zahlungsunfähig werden. Sie müssen dann
ihre Schulden streichen oder mindern, ihre Gläubiger also ganz
oder teilweise enteignen (aber ohne Entschädigung). Im letzten
Jahrhundert kam das in Deutschland zweimal vor.
Dergleichen
steht bei uns derzeit noch nicht vor der Tür. Es sollte aber
festgehalten werden, daß auch Staatsbankrotte zum Kapitalismus
gehören. Schuldenmacher sollten das bedenken.
Programme
und Wahlkampf
Die Zahl
der Vorschläge zur Beseitigung der Krise und der Vermeidung von
Massenentlassungen ist unübersehbar (siehe auch Grafik 4). Daher
nur einige Beispiele:
Die Parteien
fordern Steuersenkungen. Dabei ist der Staat jetzt schon überschuldet.
Das Steuersystem ist zweifellos zu kompliziert und ungerecht. Steuerreform
war bisher immer ein Schlachtfeld für die Lobby. Alle Reformen
bis heute machten das System noch unübersichtlicher und ungerechter.
Herr
Hundt, Arbeitgeberpräsident, fordert Entlastung der Unternehmen
von Sozialbeiträgen. Kollege Huber, IGM-Vorstand, fordert einen
staatlichen Fonds in Höhe von 100 Mrd. Euro aus dem Unternehmen,
die Entlassungen planen (oder dies vorgeben), subventioniert werden
sollen. Herr Hundt und Kollege Berthold übersehen, daß
die Überkapazitäten dadurch nicht geringer werden. Entlassungen
werden also nicht vermieden sondern höchstens hinausgeschoben.
Es gibt
zweifellos auch Reformen, die vom Standpunkt der Arbeiterklasse positiv
zu bewerten und zu unterstützen sind. Das gilt vor allem für
die Verlängerung der Kurzarbeit auf jetzt 24 Monate. Auch das
wird den Abbau von Überproduktion nicht verhindern, sie aber
für einen großen Teil der Betroffenen erträglicher
machen. Dasselbe gilt für andere Vorschläge der Gewerkschaften.
Rückführung des Renteneintrittsalters auf 65 Jahre oder
weniger, Verbesserung der Möglichkeiten für Altersteilzeit
usw.
Aber
daß Überproduktionskrisen zur Vernichtung von Kapital und
zu Arbeitslosigkeit führen, ist eines der unvermeidbaren Ergebnisse
des kapitalistischen Produktionsverhältnisses.
Stand:
2. 6. 2009
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Bundestagswahl


Fast
gleichzeitig mit der Bundestagswahl am 27. September erscheint die
Herbst-Nummer der Arbeiterstimme. Wir können also die politischen
Geschehnisse bis dahin nicht mehr behandeln. Da bleibt uns nur eine
kurze Betrachtung aus heutiger Sicht, vier Monate vorher. Dabei kann
sich durch die Zuspitzung der Weltwirtschafts- und Finanzkrise noch
manches ändern.

Als Marxisten
wissen wir, dass sich durch Wahlen in der bürgerlichen Gesellschaft
nichts grundlegendes ändern wird, weder an den Macht- und Ausbeutungsverhältnissen
zwischen der herrschenden Kapitalistenklasse und den ausgebeuteten
Lohnabhängigen, noch kommen solche Wahlen wirklich demokratisch
zustande, angesichts der Medienmacht und des Geldeinsatzes der systemtragenden
Klasse und ihrer Parteien.
Doch obwohl sich die Parteien politisch immer mehr einander angleichen,
gibt es noch gewisse Unterschiede, den Traditionen und der jeweiligen
Klientel angepasst, wo über die leeren Versprechen hinaus deren
Interessen vertreten werden. Obwohl gerade unter Krisenbedingungen
die ungünstigen Verhältnisse den Spielraum der Parteien
einengen und alle potentiellen Regierungsparteien die Krisenlasten
auf die Massen abwälzen werden, wird das Wahlergebnis den Rahmen
für zukünftige gesellschaftliche und gewerkschaftliche Auseinandersetzungen
neu abstecken. In den zwar schwindenden, aber trotzdem noch vorhandenen
Unterschieden der Parteien liegt die aktuelle Bedeutung von Wahlen,
die wir trotz der generellen Rechtstendenz beachten und nützen
sollten.
Verschleiern, verschieben
Im Mai ergaben die Umfragen zur Wahl, trotz Wirtschaftskrise, ein
sich wenig änderndes Bild: CDU/CSU 37%, SPD 27%, FDP 13%, Grüne
9%, Die Linke 10%. Die restlichen 4% entfallen auf kleinere Parteien
und auf Rechtsradikale. Sollte die Krise sich dramatisch verschärfen
und vor allem die Arbeitslosigkeit zunehmen, wird das größeren
Einfluss auf das Wahlergebnis haben. Es ist frappierend, dass ein
beträchtlicher Teil der Menschen den Ernst der Lage noch nicht
erkannt hat, was eben erst der eigenen Erfahrung bedarf. Das ist auch
der Grund, wenn immer noch vom Kaufrausch bestimmter Kreise
berichtet wird. Viele rechnen auch mit einer baldigen Besserung der
Lage. Die etablierten Parteien versuchen trotz des anwachsenden finanziellen
Desasters, die Tatsachen zu verschleiern und davon abzulenken, dass
das dicke Ende erst noch kommt, wenn die Konjunkturprogramme, Staatsgarantien,
Bankstützungen und Haushaltsdefizite zur Zahlung fällig
werden. Die lohnabhängigen Massen und kleinen Leute werden, den
Machtverhältnissen nach, die größten Opfer für
das Fiasko des kapitalistischen Systems aufgebürdet bekommen.
Vorläufig hat die Große Koalition es verstanden, die Menschen
relativ ruhig zu halten und ihnen mit einer Anzahl Maßnahmen
Sand in die Augen zu streuen: sage und schreibe fünf Milliarden
Euro wurden für die Auto-Abwrackprämie zur Verfügung
gestellt, was großen Anklang fand. Eine, wenn auch geringe,
Rentenerhöhung wurde beschlossen (die der Staat Jahre danach
wieder verrechnet), ebenso eine Rentengarantie (für die sich
wohl niemand verbürgen wird). Das Kindergeld wurde erhöht,
die alte Entfernungspauschale gilt wieder, eine 10-Milliarden-Steuersenkung
wurde angekündigt. Während den Kommunen bereits das Steueraufkommen
wegbricht, beschließt die Bundesregierung Konjunkturpakete,
z.B. zwei Milliarden für Bayern. Das Kurzarbeitergeld (auf das
eine Million Menschen angewiesen ist) wurde auf 24 Monate verlängert.
Dies beschert der Bundesagentur ein riesiges Loch, das die Beitragszahler
später wieder füllen müssen. Die Münchner Regierung
hat nun für Bayerns Beamte die 40-stündige Arbeitszeit um
zwei Stunden verkürzt, um den Gleichstand mit den Angestellten
wieder herzustellen. Ein weiterer populistischer Akt bestand darin,
das Nichtrauchergesetz in Bayern wieder zu lockern. Man merkt, die
CSU hatte Angst, bei der Europawahl die 5%-Hürde nicht zu überspringen;
dabei fallen dann die gesundheitspolitischen Argumente unter den Tisch.
Insgesamt ist es der Berliner CDU/CSU-SPD-Regierung schon gelungen,
mit kleinen Wohltaten davon abzulenken, dass nach der
Bundestagswahl der bittere große Zahltag beginnt. Fraglich ist,
ob sie das noch monatelang durchhalten kann. Momentan überwiegt
noch die Meinung in der Bevölkerung, die Regierung könne
die Krise in den Griff bekommen. So sind 63 Prozent für die von
der Union propagierte Steuersenkung, 33% sind dagegen. Dabei liegen
gewaltige Zahlen auf dem Tisch, wenn sie auch bei weitem nicht das
ganze Ausmaß der Finanzkrise widerspiegeln. Nach Steinbrück
steigt die Nettokreditaufnahme 2009 auf 50 Milliarden Euro und 2010
auf 80 Milliarden. Bis 2013 wird die Gesamtverschuldung des Staates
auf zwei Billionen Euro angestiegen sein. Die Steuereinnahmen könnten
bis dorthin um 350 Milliarden Euro geschrumpft sein, bei gleichzeitigen
Mehrausgaben durch Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und vermehrte Zuschüsse
an die Bundesagentur für Arbeit (20 Milliarden erwartetes Defizit).
Gibt es auch gegen Betriebsschließungen, Entlassungen und gegen
die Art der Krisenbewältigung durch die Politik hin
und wieder Widerstand und Demonstrationen, so herrschen doch mehrheitlich
immer noch Ignoranz, Fatalismus und ein Bewußtsein der Alternativlosigkeit
vor. Leider geht auch die Losung Das ist nicht unsere Krise
daneben, denn ausbaden müssen wir sie. Auch sollte es nicht heißen:
Dieser Kapitalismus muss weg, sondern: Der Kapitalismus
muss weg. Es gilt aufzuklären, dass die Ursache für
diese große Krise im System liegt und nicht nur in einigen Fehlern
des Systems. Nachdem auch der Bankier Josef Ackermann äußerte,
dass wir in vielen Ländern soziale Spannungen bekommen
könnten, ist Kanzlerin Merkels Protestschrei gegen die bloße
Einschätzung, soziale Unruhen würden drohen, verstummt.
Nach einer Umfrage haben 72% davor Angst, 54 Prozent hielten soziale
Spannungen für möglich, ein Drittel sagte sogar, sie würden
sich daran beteiligen. Doch mit der gegenwärtigen Stimmung hat
das noch nichts zu tun, dafür ist die Situation noch nicht herangereift.
So gibt es auch nicht die massenhafte Empörung und Militanz,
die eine soziale Bewegung ausmacht. Wenn nicht Unerwartetes geschieht,
kann zur Bundestagswahl keine Partei auch nicht Die Linke
mit der Rückenstärkung durch eine soziale Bewegung antreten.
Wenige Großdemonstrationen und einige Streiks reichen dazu nicht
aus. So wird die Bundestagswahl wohl im Zeichen der Weltwirtschaftskrise
stehen, jedoch nicht von deren wirklichem Ausmaß und Wucht bestimmt
sein.
Nach der völkerrechtswidrigen Aggression gegen Jugoslawien, unter
der Verantwortlichkeit von SPD und Grünen, führt nun Deutschland
seit mehreren Jahren Krieg in Afghanistan. Trotz Verschärfung
der Lage, mehr deutschen Toten und keinerlei Aussicht auf ein Ende,
stehen alle Bundestagsparteien außer der Linken
für eine Fortsetzung an der Seite der USA. Für die Bevölkerung
wird dieser Krieg am Hindukusch weitgehend als eine Art Polizeiaktion
dargestellt, daher reagiert sie mit wenig eigener Betroffenheit. Der
Einfluss auf die Wahlen ist deshalb gering, was bei der deutschen
Vergangenheit kein gutes Zeichen für die Befindlichkeit der bundesrepublikanischen
Gesellschaft ist. Sollte durch die Ereignisse selbst die Kriegsgegnerschaft
anwachsen, so ist es wie mit den drohenden sozialen Unruhen:
Die Innere Aufrüstung ist längst im Gange, Schäuble
sei Dank! Die Zugriffe auf Daten, die Verschärfung der Versammlungsgesetze,
die Übergriffe der Polizei bei Demonstrationen, die Aufrüstung
der Polizei mit noch moderneren Waffen (Taser), der Einsatz der Bundeswehr
im Inneren wie beim Obama-Besuch, die Ausspähung der Beschäftigten
in den Großbetrieben
Die Liste ließe sich fortsetzen!
Die Verantwortlichen von Union, SPD und FDP stehen zu diesen teils
illegalen Praktiken, während sie die Bürgerrechte anlässlich
des 60. Jahrestages der Grundgesetzerklärung wohlfeil im Munde
führen.
Zwei Varianten bürgerlicher Herrschaft
Der Wahlgang im September wird bestimmt werden vom Fortgang der Krise
und vom Zustand der Parteien. Schon heute ist sicher, dass keine Partei
die absolute Mehrheit erreichen wird. Sicher ist auch, dass es keine
linke Koalition geben wird. Abzusehen ist, dass zwei Koalitionsmöglichkeiten
das Wahrscheinlichste sind: 1. Die Fortsetzung der Großen Koalition
CDU/CSU und SPD. 2. Eine Rechtskoalition zwischen CDU/CSU und FDP.
Das könnte eine ausgesprochen reaktionäre Ära bedeuten.
Erinnert sei z.B. an die Kirchhoff-Merkel-Pläne. Eine Rechtskoalition
würde den Ausstieg aus der Atomenergie rückgängig
machen. Die Pläne zur weiteren Entsolidarisierung der Krankenversicherung
liegen bereits auf dem Tisch.
Gleich, welche Koalition an die Regierung kommt, sie findet, durch
die Krisenfolgen bestimmt, äußerst ungünstige Verhältnisse
vor, mit wenig Spielraum. Das Eintreiben der Krisenkosten wird an
erster Stelle stehen und die Adressaten stehen auch schon fest, ganz
im Sinne der besitzbürgerlichen Parteien. Trotz allem gibt es
zwischen den Parteien noch politische Unterschiede. Die so genannten
Volksparteien müssen noch gewisse Rücksichten nehmen, um
ihr Wählerpotential nicht zu sehr zu verprellen. Da kommt es
auf die Stärke des Widerstands an, gegen die Krisenabwälzung
auf die Massen. Bei der SPD muss zumindest teilweise noch Rücksicht
auf betriebliche und gewerkschaftliche Belange genommen werden, auch
wenn die eisernen Ketten mit den Gewerkschaften starke Brüche
aufweisen. Die SPD muss sozialpolitisch auch die Konkurrenz von links
fürchten. Nachdem die Grünen eine Ampelkoalition ablehnen,
sind sie so oder so auf die Oppositionsbänke verwiesen. Dasselbe
gilt für Die Linke, da sie von der SPD als Koalitionspartner
auf Bundesebene abgelehnt wird. Ein Sozialdemokrat als eventueller
Regierungschef ist damit von vornherein ausgeschlossen, solange dieses
Tabu gilt.
Die politischen Unterschiede zwischen den etablierten Parteien sind
immer weniger prägnant und ihre Politik wird allzu oft von pragmatischen
Erwägungen bestimmt. Bei den Volksparteien kommt dies auch daher,
dass im Zeitalter der Moderne ihre Milieus wegbrechen; bei der SPD
die Arbeiterschaft, bei der Union die Bauern und die kirchlichen Bindungen.
FDP und Grüne werben gleichermaßen um das gutsituierte
Bildungsbürgertum und geben vor, Bürgerrechte zu vertreten.
Die CDU als stärkste Partei der BRD hatte Lehren aus ihren Verlusten
bei der letzten Bundestagswahl gezogen. Der angekündigte scharfe
Rechtsruck á la Kirchhoff-März-Merkel hatte sie damals
um den Wahlsieg gebracht. So wird der CDU in der Großen Koalition
nun eine gewisse Sozialdemokratisierung nachgesagt. Zusammen mit der
CSU ist sie immer noch die Partei der klein- und großbürgerlichen
Interessen, mit beträchtlicher Wählerzahl bei Arbeitern
und Angestellten. Die Interessensgegensätze entladen sich zur
Zeit in der Steuerkakophonie. Der CDU-Wirtschaftsflügel baut
auf ein Bündnis mit der FDP und fordert den Wegfall der Erbschaftsteuer
und des Solidaritätsbeitrags. Mittelstand und Unternehmen müssten
um 40 Milliarden steuerlich entlastet werden. Da dies nur auf Kosten
der Lohn-und Gehaltsabhängigen und der Transferbezieher ginge,
wäre das nur in einer schwarz-gelben Koalition durchzusetzen.
Von der wären auch weitere Angriffe auf die Gesundheits- und
Rentenpolitik zu erwarten. Das schließt natürlich nicht
aus, dass auch eine erneuerte Große Koalition, angetrieben vom
Krisendesaster versuchen würde, Verschlechterungen, besonders
sozialpolitischer Art durchzusetzen. Denn wie man es auch dreht und
wendet, jede neue Regierung steht unter dem Diktat der kapitalistischen
Systemkrise. Die teueren Konjunkturprogramme und Bankenrettungsmanipulationen
werden zwar die nächste Blase nicht vermeiden, drücken nun
aber wie ein Alb auf das Land. Um eine Inflation zu verhindern, müssten
die Steuern und Abgaben gewaltig erhöht werden. Das würde
aber einer Konjunkturerholung den Garaus machen. Es liegt auf der
Hand, dieser Widerspruch ist systembedingt. Politisch steht fest:
Die nächste Regierung egal wie sie zusammengesetzt
ist muss den sozialen Bluthund machen (Robert Kurz im
Freitag). Eigentlich bräuchte sich keine Partei darum reißen,
wenn es nicht auch darum ginge, die neue Umverteilungsphase klassenmäßig
durchzudrücken. Schon die Forderungen zur nochmaligen Erhöhung
der Mehrwertsteuer zeigen, wohin die antisoziale Reise geht.
Besonders bei der FDP überschattet der Drang zur Regierungsbeteiligung
alles andere. Es ist grotesk, die Brandstifter des zügellosen
Neoliberalismus sind die wahlpolitischen Nutznießer der davon
herrührenden Wirtschaftskrise geworden, obwohl ihre Ideologie
so offensichtlich bankrott ging. Das Hauptziel der FDP ist die Fortsetzung
der neoliberalen Politik mit einigen Bemäntelungen und unter
vorübergehender Hinnahme keynesianistischer Einsprengsel. So
sammeln sie nun jene ein, vor allem von der Union, die an den alten
Ellenbogenverhältnissen der Deregulierung, der Privatisierung
und am ungezähmten Marktradikalismus festhalten wollen, denen
alle anderen Bundestagsparteien sozial- und wirtschaftspolitisch zu
liberal sind. Möchtegern-Außenminister Westerwelle sitzt
mit dieser Ausrichtung in seiner Partei fest im Sattel. Das Koalitionsvorhaben
mit der Union ist so gut wie abgemacht.
Die Grünen im Abseits
Die Grünen haben inzwischen ein festes Wählerpotential.
Es ist dort üblich, sich in der Opposition weiter links zu geben,
statt wie zu unseligen Schröder-Zeiten die Kriegsfurie auf Jugoslawien
loszulassen. Was ihre ökologischen Anliegen betrifft, so wurde
manches davon, teils nur verbal, auch von anderen Parteien übernommen.
Bei besserverdienenden Schichten steht sie in Konkurrenz zur feindlichen
FDP. Gegen den Afghanistankrieg macht sich nun eine breitere Stimmung
bemerkbar. Die Grünen wären bereit, im Herbst mit der SPD
zu koalieren, was aber stimmenmäßig nicht ausreichen wird.
Eine Ampelkoalition, bei der sie nur Anhängsel wären, lehnen
sie ab. Bemerkenswert, dass die Grünen eine Verteufelung der
Partei Die Linke nicht mitmachen. Bei den letzten Wahlen profitierten
die GRÜNEN vom Niedergang der SPD. Dieses Potential dürfte
nun ausgeschöpft sein.
Scheinbewegung der SPD nach links
Bei der SPD wird der Slogan von der Neuen Mitte nicht
mehr benutzt. Er hatte sich als Phrase entpuppt. Müntefering
und Steinbrück wollen nun das Kunststück fertig bringen,
an der Agenda 2010 festzuhalten, an Hartz IV und an der Rente mit
67 und gleichzeitig, sich sozialer zu geben, damit ihnen nicht noch
mehr Stammwähler davonlaufen. Mit Mindestlohn, mehr Gerechtigkeit
(!) und Mitbestimmung wird ihnen das nur sehr begrenzt gelingen. Auch
die SPD-Linke mit Andrea Nahles an der Spitze hält an der Schröder-Politik
fest und mit ihrem neuen Projekt Gute Gesellschaft kann
sie keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken angesichts der tatsächlichen
SPD-Politik. Die Jahrzehnte des Rechtsschwenks, in der die SPD ihre
Seele verkaufte, (Schröder: Man kann nicht gegen
das Kapital regieren), sind nicht vergessen. Die Stammwähler
blieben deswegen scharenweise zu Hause, die Mitgliederschaft halbierte
sich, die Landtagswahlen wie in NRW gingen verloren, in Bayern blieben
18% und in Sachsen gar nur noch 9 Prozent. Heute könnte man sagen,
die SPD besteht eigentlich aus mehreren Parteien, von Steinmeier über
Schreiner bis zum üblen Kahrs vom rechten Seeheimer Kreis. Doch
die Netzwerker und Rechten in der New-SPD haben längst die meisten
Posten besetzt und bestimmen mit Müntefering und Steinbrück
die Parteipolitik. Mit auf ihr Betreiben ist auch das Projekt Ypsilanti
in Hessen gescheitert. Sie halten am Afghanistan-Krieg fest; wie lange
noch, bis zum Rückzug? In 10 Jahren? Mindestlöhne, Bürgerversicherung
usw., mit welchem Koalitionspartner kann da was zustande kommen, doch
nicht mit der von ihnen begehrten FDP? Mit dem Verdikt, im Bund kein
Bündnis mit der Linken, gerät die SPD ins Aus oder unterwirft
sich der CDU/CSU. In den Gewerkschaften und Betrieben ist die SPD
zwar noch verankert, doch das ehemals eiserne Band ist durch ihre
Politik zerbrochen. Linke und Grüne haben in den Gewerkschaften
ein Stück aufgeholt. Mit Wahlkampf-Geldzuweisungen der Gewerkschaften
an die SPD dürfte es nun schwieriger geworden sein. Für
die Forderung der SPD: Zurück zur Sozialen Marktwirtschaft,
gibt es im krisengeschüttelten Kapitalismus keine reale Grundlage
mehr.
Auch eine angeschlagene NPD bleibt eine Gefahr
Bei der Bundestagswahl treten auch rechtsradikale Gruppen und Parteien
an. Doch trotz des Umschlags der Wirtschaftskrise in eine soziale
Krise ist nicht damit zu rechnen, dass die NPD als größtes
faschistisches Gebilde die 5 Prozent Klausel überspringt und
in den Bundestag einziehen kann. Sie hat zwar Schwerpunktgebiete,
besonders im Osten, wo sie bereits das gesellschaftliche Leben beeinflusst
und ihre Gegner terrorisiert. Trotz ihrer anhaltenden Gewaltexzesse
ist dies jedoch noch nicht zur allgemeinen Erscheinung geworden. Auch
ihr Konzept, sich als soziale Biedermänner zu gebärden,
findet mancherorts Anklang. Alarmierend ist die Lage schon angesichts
von 5.000-6.000 nationalen autonomen Gewalttätern
und den ständigen Aggressionen, von Gräfenberg bis zur Sächsischen
Schweiz. Selbst gewerkschaftliche Demonstrationszüge werden mittlerweile
angegriffen, Gegner im Internet gebrandmarkt. Meist richtet sich das
Verhalten von Polizei und Justiz gegen die antifaschistischen Demonstranten
statt gegen die Nazis. Politisch ernst könnte es werden, wenn
die Arbeitslosigkeit und die Armut so groß werden, dass sich
auch Deutsche verstärkt um unqualifizierte Arbeitsplätze
bemühen müssen. Manche von ihnen werden dann in ausländischen
Arbeitskräften noch mehr Konkurrenten sehen, die ihnen die Arbeitsplätze
wegnehmen. Momentan ist die NPD organisatorisch und finanziell angeschlagen.
Trotzdem: Die faschistische Gefahr ist in Deutschland immer latent!
Unterstützt Die Linke!
Ein Zurück zur sozialen Marktwirtschaft gibt es auch für
die Linkspartei nicht, selbst wenn ein Teil von ihr das will. Auch
für sie gilt: mit keynesianischen Mitteln kann man die Krise
nicht lösen. Organisatorisch hat sich die Partei Die Linke durch
den Zusammenschluss von PDS und WASG gefestigt, sie ist nun auch im
Westen etabliert. Die aktiven Mitglieder der Linksjugend haben sich
z.B. innerhalb eines Jahres von 2400 auf 3400 erhöht. Mit der
Zunahme der Mandate und der damit zu vergebenden Posten haben sich
freilich auch die parteiinternen Diadochenkämpfe dem in den anderen
Parteien üblichen Gerangel angenähert. Politisch ist Die
Linke eine Union verschiedener linker Richtungen.
Reformer, Reformisten, Linkssozialdemokraten, Sozialisten und Marxisten
streiten für ihre Positionen. Noch ist die Zahl der Eintritte
größer, als die der Austritte und Überläufer.
Die Europaabgeordnete Sylvia Kaufmann ist nun zur SPD übergetreten.
Die verschiedenen Strömungen stehen manchmal in harten Auseinandersetzungen.
Wesentlich ist, dass der kommunistischen Minderheit und den anti-kapitalistischen
Kräften die Möglichkeiten für politische Arbeit in
der Partei und nach außen bleiben. Das Sagen und das Geld aber
hat der Apparat, der Posten zu vergeben hat und immer auf Regierungsbeteiligungen
schielt. Die Koalition im Land Berlin wird weiter mitgetragen, trotz
der umstrittenen Politik und der dafür bei den letzten Wahlen
erlittenen Verluste. Insgesamt scheint sich diese Anpassungspolitik
fortzusetzen. Sie wird auch in der Anhängerschaft mitgetragen.
Das Fehlen des Drucks einer sozialen und politischen Bewegung kommt
hier deutlich zum Ausdruck.
Die Weltwirtschaftskrise hat der Linken bisher kaum besonderen Zuwachs
an Wählerstimmen gebracht. Ganz gleich, ob sie im September 9
oder 11% erringen wird: dies ist eine Größenordnung, die
immer noch wenig in Berlin bewegen kann. Die Partei hat keine Koalitionspartner
für Mehrheiten. Ihre Wähler können nicht mit der Durchsetzbarkeit
der Politik der Linken rechnen. Wichtig ist es, Druck auf SPD und
Grüne auszuüben, sie beim Wort zu nehmen und politisch bloßzustellen.
Man kann nur schätzen, aber etwa ein Drittel an Stimmen hätte
die Partei mehr, bestünde nicht in Deutschland, dem Land
der Freiheit, ein unausgesprochener Boykott der Massenmedien
gegenüber der Linken. Ob Fernsehen oder Massenpresse, meist wird
nur das Negative über die Partei gebracht und ihr Programm und
ihr Ziele werden verschwiegen. Ihre vielen Vorschläge und Kritiken
werden unterschlagen. Im Fernsehen gibt es nur den Oppositionsführer
Westerwelle. Im bürgerlichen Staat ist die Meinung der Herrschenden
die herrschende Meinung, wie es Karl Marx ausdrückte. Geld ist
Macht und Demokratie ist in diesem Staat nicht für alle da.
Die Linke ist keine marxistische Partei. Sie steht am linken Flügel
des bürgerlichen Staates. Wir hoffen, dass sie von aufkommenden
sozialen Bewegungen politisch und praktisch befruchtet wird. Wir gehen
davon aus, dass sie weiterhin demokratische und soziale Rechte verteidigt
und imperialistische Kriege bekämpft. Das Parlament kann dafür
als Tribüne der Propaganda genutzt werden. Wir werden die Partei
Die Linke verteidigen, aber auch kritisieren, wo es notwendig ist.
Zur Bundestagswahl 2009 treten wir ein für eine kritische Unterstützung
der Partei Die Linke.
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Zyklische
Krise oder Zeitenwende?
Das dicke Ende kommt erst noch!
Das System wankt, lautete die Überschrift der Börsenzeitung vom 30. September. Noch ist das Finanzsystem zwar nicht gefallen. Doch es wankt. Und es droht die Realwirtschaft zu erschüttern. Das Blatt der deutschen Hochfinanz warnte vor Verhältnissen wie 1931, vor politischer und wirtschaftlicher Destabilisierung.
Es war die Rede von der Kernschmelze im Finanzsystem und dass sie gerade noch verhindert werden konnte, obwohl das längst noch nicht sicher ist. Panik und Ratlosigkeit hatte das Heer von Wirtschaftswissenschaftlern, Politikern und Bankmanagern erfasst, die nicht wahrhaben wollten, dass die Finanzakkumulation weltweit nicht mehr funktionierte. Das neoliberale Weltbild brach erst mal zusammen und man scherte sich nicht mehr um das Geschwätz von gestern. Wer nicht eingeschworen war auf das Verdikt Der Markt regelt alles galt ja bisher schon fast als Verfassungsfeind.
Selbst die zuständigen internationalen Institutionen der kapitalistischen Welt wie IWF und Weltbank, aber auch die Deutsche Bundesbank, waren nicht in der Lage, Vorwarnung zu geben, auch nicht angesichts der Aufblähung des Geldvolumens auf fast das Zehnfache des realen Wirtschaftsvolumens. Börsenjobber, Aktienbesitzer, Banker und Politiker waren wie von einem Rausch befallen, aus Geld noch viel mehr Geld machen zu können. Das beste Beispiel ist der deutsche Großkapitalist und Pharma-Unternehmer Merckle, der noch Monate nach dem Kladderadatsch mit VW-Aktien spekulierte und dadurch 400 Millionen Euro verloren haben soll. Dann hatte er noch die bodenlose Frechheit, zur Rettung seiner dadurch bedrohten Firmen vom Staat Hilfe zu verlangen.
Wenn man von der antikapitalistischen Publizistik absieht, so hatten nur wenige erkannt, welche Folgen die Aufblähung der Aktien- und Immobilienvermögen und die Vermehrung der Kreditderivate um das 30fache seit 2001 nach sich ziehen würde. Dabei war das Platzen der New-Economy Blase (zwei Trillionen Dollar) erst einige Jahre her. Gehört es doch zu den Gesetzmäßigkeiten des kapitalistischen Systems, dass immer wieder riesige Mengen überschüssigen Kapitals nach einer maximalen Rendite suchen und es damit zum Ausbruch systemeigener Widersprüche kommen kann. (Zu den ökonomischen Ursachen der Krise verweisen wir auf die letzten Nummern der Arbeiterstimme Nr. 161, Nr. 159 und Nr. 157.)
Von unerwarteter Seite war die Entwicklung klar erkannt worden: Vom reichsten Mann der Welt, dem Großkapitalisten Warren Buffet, Berater von Obama vor und nachder Präsidentenwahl. Buffet hatte sich gerade jetzt, zum Höhepunkt der Krise, die größte US-Bank Goldman Sachs einverleibt. Für ihn war die riesige Menge an Finanzderivaten, die das sechsfache (!) des Weltsozialprodukts ausmachten, längst Grund genug Alarm zu schlagen. Bush, Green-span und Paulson reagierten jedoch nicht. Für den Oberkapitalisten Buffet waren diese Spekulationsderivate finanzielle Massenvernichtungswaffen, die eine Megakatastrophe auslösen könnten. Ein Linker könnte es nicht drastischer schildern. Wie Dominosteine brechen nun Grundpfeiler für die Funktionsfähigkeit des kapitalistischen Systems weg. Die globalisierte Weltwirtschaft gebiert die globale Krise.
Zuerst hieß es, es sei ja nur eine Immobilienkrise hauptsächlich in den USA und die berühre Deutschland kaum. Vom kapitalistischen System sprach außer den Linksradikalen kaum jemand. Bundeskanzlerin Merkel wies im Fernsehen Diskutanten brüsk zurück, wenn sie vom Kapitalismus sprachen. In Deutschland bestehe doch die soziale Marktwirtschaft, behauptete, wenig wissenschaftlich, die Regierungschefin, die als Studierte und ehemalige FDJ-Funktionärin bestimmt schon mal was vom Kapitalismus gehört hatte.
Inzwischen hatte sich die Grundstückskrise auf andere Länder ausgeweitet, vor allem auf England und Spanien. Sie entwickelte sich zur weltweiten Finanzkrise mit Bankenpleiten, Kreditsperre, Börsencrash und Massenentlassungen. In Verkennung der Lage meinte der Macher, Finanzminister Steinbrück, zuerst noch: Die Finanzmarktkrise ist vor allem ein amerikanisches Problem. Nicht lange darauf waren nicht nur die Wall Street und London die Brennpunkte. Der Sturm erstreckte sich über die ganze Welt, ob Deutschland oder Japan, Russland oder Brasilien. Niemand unter den Verantwortlichen zweifelte mehr daran, dass es sich um die schlimmste Krise seit der Großen Depression der dreißiger Jahre handelte, ein Zusammenfallen von zyklischer Krise und Systemkrise. In den 200 Jahren der Ausbreitung des Kapitalismus hat es immer in gewissen Abständen Wirtschaftskrisen gegeben, besonders im 19. Jahrhundert, bis dann im 20. Jahrhundert die Weltwirtschaftskrise 1929 Tod und Verderben brachte. Krisen sind eben nicht allein das Ergebnis gewagter Spekulationen, sondern systemeigen. Die fünf Rezessionsjahre der Bundesrepublik mit einem Rückgang des BIP erstmals 1967 0,3%, 1975 0,9%, 1982, 1993 0,8% und 2003 0,2% waren weniger einschneidend. Freilich, wer vor 1967 wie die Linken behaupteten, es gäbe im kapitalistischen System wieder antagonistische Krisen, wurde verlacht und als Idiot verunglimpft.
Die neueste Losung der Neoliberalen: Staatsbankrotte abwenden, Banken und Konzerne mit Steuergeldern stützen!
Einige Staaten hat die Finanzkrise besonders schwer getroffen. Island steht vor dem Ruin und die Menschen müssen nicht nur um ihre Rentenkasse bangen. Der IWF musste zwei Milliarden Dollar bereitstellen. Auch Ungarn steht vor dem Staatsbankrott und erhielt 20 Milliarden Euro Notkredit, die Ukraine 13 Milliarden. In Indien ist die Börse allein im Oktober um 40% abgestürzt und es wird befürchtet, dass die Rezession ein Viertel aller Arbeitsplätze kosten wird. In Brasilien stürzte die Währung ab, der Real verlor ein Drittel gegenüber dem Dollar. Der Finanzcrash hat auch Pakistan hart getroffen. Das Land mit 160 Millionen Einwohnern steht vor dem finanziellen Zusammenbruch. Daraufhin hat der IWF acht Milliarden Dollar zugesagt. Selbst in der Schweiz verfinsterten sich die Mienen. Bei UBS, dem größten Vermögensverwalter der Welt, ist nun Singapur der größte Einzelaktionär. Der Schweizer Staat ist mit 3,9 Milliarden Euro in die Bank eingestiegen und sichert faule Wertpapiere mit 62 Milliarden Franken ab. Unter den europäischen Industriestaaten ist Frankreich mit der Verstaatlichung von Banken am weitesten gegangen, was jedoch mit dem Beginn einer Vergesellschaf-tung nichts zu tun hat. Auch China ist als Teil der kapitalistischen Weltwirtschaft von der Krise betroffen. Um dem Rückgang der Zuwachsraten zu begegnen, hat die Staatsführung ein großes Konjunkturprogramm von 600 Milliarden Dollar angekündigt, das sich u.a. auch auf den Eisenbahnsektor bezieht. Bei ihrem Besuch in Peking war Kanzlerin Merkel überzeugt, dass China seinen Beitrag zur Stabilisierung der Weltwirtschaft leisten wird, hat es doch die größten Währungsreserven der Welt im Wert von zwei Billionen Dollar. Es gilt bereits als ausgemacht, dass China, im Besitz von US-Schatzanleihen in Höhe von mehreren hundert Milliarden Dollar, diese nicht abrupt abziehen wird. Das liegt auch im eigenen Interesse Chinas.
Nicht nur eine zyklische Krise, aber auch kein Untergang des Kapitalismus
Die dominierende Weltmacht USA ist in einer Sackgasse. Ihre Regierungen haben die Zukunft verpfändet, nicht zuletzt, weil sie die Welt mit Kriegen überzogen. Allein für die letzten Kriege gegen den Irak und gegen Afghanistan sollen bis Oktober des Jahres 1,1 Billionen Dollar aufgewandt worden sein. Das Rüstungsbudget stieg jährlich um 11 bis 16%. Andererseits sanken die Reallöhne von 1979 bis 2000 um 5%, während sich die Produktivität um 37% erhöhte. Ein ökonomisches Ungleichgewicht, das sich rächen musste.
Die Immobilienkrise in den USA war der Anfang. Inzwischen sollen Hypotheken in Höhe von 500 Milliarden Dollar faul sein. Fünf Millionen Häuser stehen zum Verkauf. Ganze Stadtviertel, wie z.B. in Cleveland verfallen. Nach einer aktuellen Studie hat der Kollaps am US-Hypothekenmarkt das Kreditvolumen allein in den USA schon jetzt um 2.000 Milliarden Dollar verringert das ist mehr als die Hälfte dessen, was die deutsche Wirtschaft in einem Jahr an Leistung erbringt.
Über die Bankenkrise, die schon im Sommer 2008 auch in Deutschland um sich griff, haben wir berichtet. Zwei Hedge-Fonds der Investmentbank Bear-Stearns, die IKB, die Sachsen LB, die Bayern LB und die West LB gerieten in Schieflage. In London stürmten die Sparer die Northern Rock Bank und die Citigroup in den USA geriet ins Wanken. Indy Mac ging in Konkurs, ebenso Mardinsa-Fadesa in Spanien. Merril Lynch war betroffen, dem Versiche-rungskonzern AIG wurde geholfen. In den USA mussten 145 Milliarden Dollar offiziell abgeschrieben werden. Weltweit sollen die Verluste der Bankenbranche 400-500 Milliarden Dollar betragen. Über die Verstaatlichung der Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac schrieben wir in der letzten Nummer der Arbeiterstimme mit der bitteren Bemerkung, dass die Regierungen keine Skrupel haben, Verluste der Banken zu sozialisieren und Gewinne zu privatisieren. Es wird geschätzt, dass die Bush-Regierung dafür 200-300 Milliarden Dollar aufwenden muss. Die Pleite der Großbank Lehman Brothers schlug weltweit Wellen, auch in Deutschland.
Die Aufzählung der betroffenen Banken braucht wohl nicht fortgesetzt zu werden, um die Dimension der Finanzkrise zu veranschaulichen. Die Geldverleihung der Banken untereinander kam zum erliegen, das Vertrauen war weg. Hätten die Staaten nicht eingegriffen, hätte die Zahlungsunfähigkeit zum allgemeinen Kollaps führen müssen. Christopher Dood von der Demokratischen Partei fand die Lage katastrophal. Man sei nur Tage von einem kompletten Zusammenbruch des Finanzsystems entfernt. Auch die fünfte Zinssenkung in wenigen Wochen durch den US-Notenbankchef Bernanke hatte nichts gebracht. Die Staatsfonds arabischer Länder hatten einen nicht unwichtigen Anteil an der Rettungsaktion für die US-Banken. So billigte der Kongress nach einigem hin und her die vorgesehene Finanzspritze über 700 Milliarden Dollar von der Bush-Regierung zum Kauf wertlos gewordener Hypothekenpapiere und vereinbarte Steuerkürzungen von 112 Milliarden Dollar für fünf Jahre. Die Schuldenlast erhöhte sich damit weiter. Das dicke Ende kommt noch, in den USA und anderswo. US-Finanzminister Paulson ließ die Katze aus dem Sack: Der Steuerzahler wird letztendlich immer zur Kasse gebeten werden bei dem System, das wir haben. Wer soll denn sonst die Kosten tragen, wenn das System nicht stabil ist?
Das schnelle Handeln in Washington im Verein mit anderen führenden Wirtschaftsmächten hatte im Gegensatz zu 1929 die Katastrophe vorerst verhindert. Eine Krisenlösung nach den Mechanismen des kapitalistischen Systems ist das nicht, was Folgen haben wird. Geradezu rührend ist Obamas Erklärung: Es wird die Zeit kommen, in der wir diejenigen bestrafen, die dieses Feuer gelegt haben als ob die Ursache der Finanzkrise allein bei den Spekulanten gelegen hätte und ein Obama allein als Präsident solche Geschäfte weltweit verbieten könnte.
2,5 Billionen Dollar, das entspricht etwa 10% des Weltsozialprodukts, wollen die USA und die Europäer in das marode Finanzsystem pumpen. Wehe, wenn dafür die Völker die Zeche bezahlen müssen! Die Flaggschiffe des amerikanischen Kapitalismus, General Motors, Ford und Chrysler, sind bereits in Gefahr unterzugehen. Dadurch könnten drei Millionen Arbeitsplätze verloren gehen. Da retten sie auch keine 25 Milliarden Staatsknete mehr. Niemand zweifelt mehr daran, dass es über die Automobilstrukturkrise hinaus die Realwirtschaft voll erwischt hat.
Wenn der Hurrikan kommt
Die Verschuldung der Vereinigten Staaten hat ein einmaliges welthistorisches Niveau erreicht. Allein die Staatsschulden kletterten auf astronomische Höhen und betragen nun neun Billionen Dollar. Hinzu kämen im ungünstigsten Fall nochmals 3,7 Billionen Dollar aus den Übernahmeverpflichtungen von Fannie und Freddie. Die Schulden der Weltmacht Nummer 1 kommen damit 100% des US-Sozialprodukts nahe. Die Schulden von Staat, Banken, Unternehmen und Privaten zusammen machen bereits 355% des Sozialprodukts aus. Das Haushaltsdefizit Washingtons wird 2008 auf 250 Milliarden Dollar anwachsen, wozu noch einmal 100 Milliarden für Bushs Konjunkturprogramm zu rechnen sind.
Doch nun ist neue Gefahr im Verzug. Schon pumpen sich die nächsten Finanzblasen gewaltig auf, schrie Michael Krätke im Freitag vom 14.11. Ein Konglomerat aus Kreditkartenkrise, Krise der Autofinanzierer und Kreditversicherer braut sich zusammen. Auf 2,5 Billionen Dollar belaufen sich die Konsumentenschulden in den USA, also durchschnittlich 8565 Dollar pro Haushalt. Die Kreditkartenverschuldung liegt bei über 100 Milliarden Dollar. Doch die Stunde der Wahrheit steht noch aus. Das Hinausschieben lässt sich nicht endlos fortsetzen. Die Neun-Billionen-Zeitbombe tickt.
Die Nürnberger Nachrichten sehen bereits am 28. 8. im Vergleich zum drohenden Hurrikan die jetzige Krise als Windhose. Wirtschaftsredakteur Wolfgang Mayer schrieb dazu in den NN: Experten gehen davon aus, dass die gesamten Verpflichtungen zum Beispiel einschließlich der Pensionsfonds sogar die Marke von 50 Billionen Dollar übersteigen.
Das heißt: Die USA benötigen in steigendem Maße ausländisches Kapital, um das Gebäude ihrer Wirtschaft zusammenzuhalten. Fachleute errechneten, dass das Ausland pro Tag den USA zwei Milliarden Dollar leihen muss (mehr als die Hälfte davon geht für die US-Rüstungsausgaben gleich wieder weg). Durch die aktuelle Windhose verlieren die USA aber an Bonität. So stellt sich die Frage: Wie lange werden die Geldgeber der USA noch mitspielen? Wie beim echten Hurrikan weiß niemand, wohin er dreht, und ob die Mauern des Gebäudes wirklich halten.
Man kann davon ausgehen, dass durch die Staatseingriffe und Rettungspakete die Stabilität der Währungen erschüttert wird. Der Kurs des Dollars wird weiter sinken. Es ist wohl kein Zufall, dass die USA die Kennziffern zur Inflation, zu der im Umlauf befindlichen Geldmenge, nicht mehr veröffentlichen. Zumindest für jeden älteren Deutschen ist der Begriff Währungsreform ein Schreckenswort.
Man braucht keine Berichte der US-Geheimdienste, um zu erkennen, dass sich die politische und wirtschaftliche Bedeutung der USA in der Welt durch das Finanz- und Wirtschaftsdesaster vermindern wird, wie auch der US-Dollar sein starke Rolle verlieren wird. Es war schon lange im Gange, dass Länder wie China, Indien, Brasilien und Russland dafür an wirtschaftlicher und weltpolitischer Bedeutung gewinnen.
Der G-20 Währungsgipfel: Nur ein vager Fahrplan
Um in Zukunft Turbulenzen auf dem Weltfinanzmarkt zu vermeiden, jagt eine Konferenz die andere: Zuerst in Sao Paulo, dann die der 27 EU-Länder in Brüssel und schließlich die G-20 in Washington. Das derzeitige System sei wie ein Kartenhaus zusammengestürzt und am meisten müssten die armen Länder unter der Krise leiden, mahnte Lula da Silva. In Brüssel fanden die Regierungschefs große Worte über Kontrolle, Aufsicht und Regulierung, die man installieren wolle. Steueroasen wolle man austrocknen, Hedge-Fonds unter Aufsicht stellen und Rating-Agenturen an die Leine legen, für mehr Transparenz sorgen und einheitliche Bilanzregeln einführen. Die Franzosen wollten noch weiter gehen, doch Angela Merkel blockte ab: Wir wollen keine europäische Wirtschaftsregierung.
Auf dem G 20-Gipfel in Washington wurden kleinere Brötchen gebacken. Da gab es Differenzen zwischen Europäern und Nordamerikanern. Bush betonte wieder mal den Segen des freien Marktes und wandte sich gegen Handelsbarrieren. Bis zum Frühjahr soll einiges unter Federführung des IWF zustande kommen. Trotz Grundsatzerklärungen ist schleierhaft, wie das wirkungsvolle Regelwerk an Kontrollmechanismen durchgesetzt werden soll. Die meisten Beobachter waren sich einig: Ein vager Fahrplan voller Absichtserklärungen, dessen Umsetzung völlig offen sei.
In Deutschland die Ruhe vor dem Sturm?
Zur ersten Stütze warf die EZB 200 Milliarden Euro an kurzfristigen Krediten auf den Geldmarkt. Wie andere europäische Staaten auch (z.B. Großbritannien 640 Mrd. !, Österreich 100 Mrd. !) legte die deutsche Regierung ein Rettungspaket in Höhe von 500 Milliarden Euro auf. Davon musste die Hypo Real Estate mit 50 Milliarden gerettet werden. Verschiedene Landesbanken folgten, dann die Commerzbank mit 8,2 Milliarden Euro. Die HSH Nordbank beantragte eine Staatsbürgschaft von 30 Milliarden Euro usw. Bei manchen Banken droht es ein Fass ohne Boden zu werden. Sieben Billionen Dollar werden bereits genannt, die Zentralbanken und Regierungen bereitstellten. Nicht mal die Hälfte der Verluste sei abgeschrieben worden. Für die 900 Millionen Hungernden in der Welt ist nicht mal eine Milliarde Dollar übrig gewesen
Auch in Deutschland ist das Mißverhältnis mit den Händen zu greifen. Auf der einen Seite scheinen die Milliarden keine Rolle mehr zu spielen. Auf der anderen Seite wird bekannt, dass der Arbeiterführer, Ministerpräsident Rüttgers, gerade aus Einsparungsgründen eine Million Obdachlosenhilfe in NRW für 2009 gestrichen hat.
Derweil ließen sich die Kanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück als die großen Macher in den Medien feiern. Doch kommt es nicht einer Verschleuderung von Volksvermögen gleich, wenn sie die riesigen Bürgschaften ohne entsprechende Gegenleistung ausgeben? Außer der Linken gibt es wenige, die das kritisieren und Gegenvorschläge anmelden. Der Bremer Wirtschaftsprofessor Huffschmid forderte richtigerweise: Man hätte auch sagen müssen: Gut, dann verstaatlichen wir eben die Banken zu 20 oder 25 Prozent und sichern uns damit den vollen Einfluss auf ihre Geschäftspolitik.
Unehrlich war auch die Garantieerklärung für die Sparer durch die CDU-Vorsitzende Merkel. Wir haben noch Blüms Die Renten sind sicher im Ohr. Genauso sicher sind die Spargelder eben so lange noch was da ist. Der aufgestellte Haushaltsplan des Finanzministeriums ist ebenso unehrlich, wenn er die Erhöhung der Neuverschuldung mit nur acht Milliarden Euro mehr angibt. Was Finanzkrise und Konjunkturprogramm mehr erfordern, ist überhaupt nicht abzusehen. Was noch vor Monaten abgestritten wurde, ist nun eingetreten: Die Krise hat auf die Realwirtschaft übergegriffen. Nicht nur die strukturell kranke Autoindustrie ist im scharfen Niedergang. Nun hat es auch die Chemieindustrie und die Werftindustrie gepackt. Weitere Branchen werden folgen. Die BRD als Exportland wird es besonders spüren, da die weltweite Gleichzeitigkeit der Krise Exportauswege versperrt. In Deutschland rächt sich nun die Vernachlässigung des Binnenmarktes. Als einziges Land in der Kern-EU blieben in der BRD jahrelang Reallohnerhöhungen aus und damit der Kaufkraftzuwachs.
Nachdem auf breiter Front die erst emporgeschossenen Rohstoffpreise, inklusive Öl- und Gaspreise, in den Keller gefallen sind, geht bei den Wirtschaftswissenschaftlern die Angst vor einer Deflation um, die sich in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts so verheerend auswirkte. Die Keynesianer fordern es schon lange, Parteien und Regierung waren sich nun einig: auch Berlin muss ein Konjunkturprogramm auflegen. Sie ließen sich auch nicht davon abbringen, als bekannt wurde, dass Präsident Bushs groß angelegte Verteilung im Wert von 125 Milliarden Euro an US-Haushalte glatt verpufft war. Was blieb waren neue Schulden. Die Maßnahmen in Deutschland zur Konjunkturförderung belaufen sich auf etwa 30 Milliarden Euro. Zeitungen, wie die NN, schrieben vom Placebo-Paket.
Die Bevölkerung in Deutschland hat die Weltfinanzkrise eigentlich ohne große Erregung aufgenommen. Auch der Skandal um Bankstützungen und Milliardenbürgschaften wurde weithin nicht als solcher empfunden. Die meisten Menschen meinen zudem, die Finanzkrise sei schon am Abklingen und sie brächte keine weiteren großen Folgen. Dass die Zeche einmal zu zahlen sein wird, mit Sozialabbau und Kürzungen in allen Bereichen, dazu fehlen Kenntnisse und Phantasie. Die Parteien halten sich noch zurück und suchen, möglichst ungeschoren über die nächste Bundestagswahl zu kommen. Der schon von der Krise beeinflusste Metall-Lohnabschluß, der nur etwa die Hälfte der geforderten 8% brachte, scheint ebenso ohne großen Aufruhr hingenommen zu werden.
Direkt betroffen von der Wirtschaftskrise ist nur eine Minderheit, wenn auch die Angst um den Arbeitsplatz zugenommen hat. Nachdem die Aktienkurse absackten und der Dax-Index seit Jahresanfang 50% verlor, hatten etwa 15% der Bevölkerung Geld verloren. Vor allem Rentner waren betroffen. Selbst die Renten- und Unfallversicherer waren durch die Lehman Brothers Pleite betroffen. In vielen deutschen Städten, die einst mit dem Cross-Border-Leasing-Steuerdreh Millionen einheimsten, geht die Angst um, da ihre amerikanischen Partner krisengeschädigt sind. Von der Pflicht zum Rückkauf ihrer U-Bahnen und Kanalisationen unter besonderen Umständen wollten die Stadtkämmerer einst nichts wissen. Vielleicht war es auch zuviel, die 1000-Seiten-Verträge zu lesen.
Ablenkungsmanöver
Die Zeitungen und Zeitschriften waren voll von Leserbriefen zum Finanzdebakel. Die meisten jedoch gaben nicht dem ganz normalen Kapitalismus die Schuld, dessen Krisen jahrhundertelang Zusammenbrüche, Elend und Kriege erzeugten. Sie stürzten sich auf die angeblich angloamerikanische Version des Raubtierkapitalismus und möchten die soziale Marktwirtschaft wiederhaben; als ob dies wahlweise zu haben wäre und nicht von den weltweiten Bedingungen abhinge. Viele wähnten sich im Tollhaus, als die Exzesse bekannt wurden, mit der fremden Welt der Derivate, Leerverkäufe, Hedgefonds usw. Die Finanzkrise wäre jedoch auch ohne diese üblen Börsenjobber ausgebrochen, da die Blasen immer größer wurden vielleicht etwas später. Den Regierungen und Parteien, die dieses menschenverachtende kapitalistische System tragen, kommt natürlich die Suche nach den Sündenböcken entgegen. Dadurch werden die Fragen nach dem herrschenden Gesellschaftssystem nicht zu drängend. Sind die Spekulanten schuld, kann man ablenken und sich den Unmut noch zunutze machen. Regierungen und Parteien verschweigen außerdem, dass sie im letzten Jahrzehnt den Spekulationsgeschäften erst den Weg bereitet haben. Gerade die Bundeskanzlerin, die sich nun als Retterin geriert, hat vor vier Jahren als Oppositionsführerin die vom Bundestag beschlossenen Gesetze zur Verschärfung der Finanzaufsicht im Bundesrat scheitern lassen. Zudem hat die CDU/CSU/SPD-Koalition noch Anfang 2008 Regelungen über weitere Steuervergünstigungen für Private-Equity-Firmen und Hedgefonds verabschiedet. Die Heuschrecken (Müntefering) durften sich freuen. Gerade die vorherige Regierung SPD/Grüne stand für Deregulie-rung. So wurden Verbriefungen zugelassen, und die Steuerfreiheit für Veräußerungsgewinne eingeführt. Wie man sieht, es gibt durchaus auch Schuldige an den Exzessen, im politi-schen Lager und bei den Banken und Managern.
Es ist in der Tat ein Skandal und bezeichnend für die Raffgier der besitzenden Klasse, welche Gewinne und Managerbezüge auf Kosten ihrer Lohnarbeitskräfte abgezwackt werden. In den USA hat sich kürzlich der Nobelpreisträger Paul Krugman darüber empört: Niemand verstehe, wenn der bestbezahlte Hedgefonds-Manager an der Wall Street in einem Jahr mehr verdiene als alle Lehrer New Yorks zusammen in drei Jahren.
Auch in Deutschland gibt es diese maßlosen Managerbezüge mit dem provokativ-frechen Ackermann an der Spitze. Für wie dumm müssen jene Bankmanager das Volk halten, wenn sie erst durch den Staat mit Milliarden-Bürgschaften vor der Pleite gerettet sich aufregen, weil ihr Einkommen auf lächerliche 500.000 Euro im Jahr begrenzt werden soll.
So richtig es ist, gegen solche Zustände anzukämpfen, so falsch wäre es, sich von der Hauptursache der Finanzkrise ablenken zu lassen, dem kapitalistischen System selbst.
Die Hochfinanz diktiert
Nach marxistischer Ansicht sind die bürgerlichen Regierungen die Geschäftsführer der herrschenden Klasse. Sie haben deren Interessen politisch zu vermitteln, notfalls Kompromisse zu schließen und die wahren Absichten zu vertuschen. Das war schon unter Helmut Schmidt und Kohl so, noch ausgeprägter bei Schröder und nun bei Angela Merkel. Was sich aber jetzt abspielte zur Bewältigung der Finanzkrise, kommt einer direkten Diktatur der Hochfinanz gleich, die eventuell für eine ganze Dekade unser Leben vorbestimmen kann. Die Summen, die nun zum Tragen kommen, sind so gigantisch, dass ein Kurswechsel nahezu ausgeschlossen scheint. In The Nation stellte kürzlich Robert Scharrer den autoritären Staat in Aussicht, die Übernahme des Staates durch die Unternehmen.
Es ist bezeichnend für die Missachtung der Demokratie und des Parlamentarismus, wenn die Bundesregierung statt deren Vertreter und statt unabhängiger Fachleute die Abgesandten der großen Banken in den Krisenstab beruft.
Untergrabung der Demokratie
Winfried Wolf schrieb dazu eine längere Betrachtung im Novemberheft der DFG-Zeitschrift Zivilcourage wovon wir einen Auszug bringen:
(
) Und das ist nicht anders in diesen Tagen und Wochen: Hinter der Bundeskanzlerin als Rezitatorin steht ein kleiner Kreis von Bankern und Finanzleuten, die wiederum eng mit dem vernetzt sind, was hierzulande als Hochfinanz bezeichnet wird. Die Süddeutsche Zeitung spricht am 13. Oktober von einem sechsköpfigen Komitee zur Rettung der deutschen Banken, bestehend aus dem Bundesbank-Chef Axel Weber, dem Präsidenten der Finanzaufsicht Bafin, Jochen Sanio, dem Deutsche-Bank-Chef, Josef Ackermann, dem Finanzminister Peer Steinbrück mit seinem Staatssekretär Jörg Asmussen und dem Abteilungsleiter Wirtschaft im Kanzleramt, Jens Weidmann. Diese Sechserbande erarbeitet seit Mitte September alle Krisenpläne. Dieser kleine Männerkreis entwickelte vor allem den 500-Milliarden-Euro-Plan, der, zu Wochenbeginn am 13. Oktober von der Kanzlerin vorgestellt, noch Ende derselben Woche von Bundestag und Bundesrat beschlossen und vom Bundespräsidenten mit Gesetzeskraft verkündet wurde. Noch nie in der deutschen Geschichte gab es eine derart weitreichende Finanzoperation zugunsten der Reichen, Besitzenden und Spekulierenden und noch nie in der Geschichte deutscher bürgerlicher Demokratie wurde ein derartig eingreifender Plan binnen einer Woche durch alle gesetzgebenden Instanzen gepeitscht.
Dieses strikt antidemokratische Grundverständnisist derzeit weltweit zu beobachten. Es wird in Section 8 des US-amerikanischen 700-Milliarden-Dollar-Plans zur Rettung der US-Finanzinstitute besonders verdeutlicht; dieser Plan wurde im übrigen von Finanzminister Henry (Hank) Paulson erarbeitet, einem Mann, der mehr als zwei Jahrzehnte führend für die größte US-amerikanische Investmentbank Goldman Sachs tätig war und hundertfacher Dollarmillionär ist. Danach können alle Entscheidungen des Finanzministeriums in Verfolgung dieses Gesetzes (...) von keinem Gericht und von keiner Regierungsbehörde eingesehen oder angefochten werden. Das heißt: Entscheidungen über eine der größten Umverteilungsaktionen in der US-Geschichte, werden von einer kleinen Gruppe von Menschen entschieden. Die Entscheidungen werden zur Erhöhung der US-Staatsschuld führen, mit der 300 Millionen Menschen auf Jahrzehnte belastet werden. Es entscheidet eine kleine Gruppe, die in enger Verbindung mit den Top-Finanzinstituten steht. Was dabei wer wie entschieden hat, soll von niemandem angefochten werden können. In den Worten des Ökonomen Nouriel Roubini von der New York University, der bereits 2006 den Finanzkrach vorhergesagt hatte: Da sagt dieser Paulson: Glaubt mir, ich werde alles richtig machen, wenn ich die absolute Kontrolle bekomme. Aber wir leben doch nicht in einer Monarchie!
Tatsächlich sind die Regierungsform und die Handlungsweise, die in der gegenwärtigen Krise vorherrschen, absolutistisch und autokratisch. In der Zeit des Absolutismus wurde die Macht der Alleinherrscher von Gott, einer nicht hinterfragbaren Instanz, abgeleitet. Die moderne Begründung für den aktuellen Absolutismus besteht in Verweisen auf Sachzwängedie schnelle Entscheidungen erforderten und die objektiv nicht in Frage gestellt werden könnten.
Ein ergänzender Verweis auf Gott kann allerdings auch hier nicht schaden. Auf die Frage eines Kongressabgeordneten, was passieren würde, wenn Paulsons Banken-Rettungs-Plan im Parlament abgelehnt werde, antwortete Paulson: Dann Gnade uns Gott!
Doch die Dromokratie, die Herrschaft der Geschwindigkeit, als Gegensatz zur Demokratie, die auch ausreichend Zeit für Entscheidungen verlangt, ist eine bewusst herbeigeführte. Bis vor wenigen Jahren mussten weltweit Hypothekenkredite in den Büchern und Bilanzen der die Kredite vergebenden Institute bleiben; sie durften nicht weiterverkauft und schon gar nicht mit dubiosen anderen Papieren gebündelt und verschnürt und internationalisiert werden. Indem man diese Regulierung aufgab und den Hypothekenmarkt umfassend deregulierte, schuf man erst das Diktat von Markt und Geschwindigkeit.
Historische Ausblicke
Gefahr der Rechtsentwicklung: Dabei stehen wir erst am Anfang der Krise. Und damit auch erst am Anfang der sozialen Folgen derselben. Wenn der US-Finanzminister Henry Paulson vor der Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, am 25. September auf die Knie fiel und bettelte, diese möge doch für eine Kongress-Mehrheit für den 700-Milliarden-Dollar-Plan sorgen, so lässt sich dies zunächst unter der Rubrik Gutes amusement verbuchen. Die Demokratin Pelosi agierte in diesem Fall auf den Republikaner Paulson mit dem Satz: Ich wusste gar nicht, dass sie katholisch sind! Tatsächlich durfte dann der US-Kongreß (er hatte in einer ersten Abstimmung den Paulson-Plan vor allem mit republikanischen Stimmen abgelehnt!), solange unter dem Druck der Märkte abstimmen, bis eine demokratisch-republikanische Mehrheit erzwungen war.
Doch das Amusement hält sich in Grenzen. Denn es geht ja keineswegs nur ein US-Finanzminister in die Knie. Das System wankt mit dieser schlichten Zeile war der Leitartikel der Börsen-Zeitung am 30. September überschrieben. (
) In dem etwas breiter angelegten Großbürgerblatt Frankfurter Allgemeine Zeitung fand sich am 4. Oktober ein Artikel, der das Ende der Ära Bush mit der Finanzmarktkrise in einem Zusammenhang sieht und weitreichende politische Konsequenzen, eine drohende allgemeine Rechtsentwicklung, beschreibt: Der Entzug dieses Fluchtpunktes (des Urvertrauens in die demokratischen Garantien; d. Verf.) ist, wie man an Russland und China sieht, keineswegs das Ende des Kapitalismus. Es droht vielmehr die dauerhafte Spaltung und Regression von Demokratie und Kapitalismus.
Der bereits zitierte Artikel in der Börsen-Zeitung bringt auch gleich einen direkten Bezug auf die fatale deutsche Geschichte: Denn es hilft ja nichts, sich selbst und der Öffentlichkeit etwas vorzumachen man ist geneigt, 1931 zu assoziieren: Liquiditätskrise der Danatbank, Run auf die Banken, Notregime für das Kreditgewerbe (
) politische und wirtschaftliche Destabilisierung.
Das Aufbrechen der neuen weltweiten Krise findet vor dem Hintergrund von Aufrüstung und neuen Kriegen statt. Da gibt es weiter den Irak-Krieg, auch wenn er aktuell in der Öffentlichkeit kaum mehr beachtet wird. Für die Menschen in der Region wird er weiterhin als ein Krieg des Westens um die Kontrolle über die Rohstoffe in der Region des Mittleren und Nahen Ostens gesehen und dies zu Recht. Da gibt es den Krieg in Afghanistan. So gut wie alle westlichen Regierungen und beide US-Präsidentschaftskandidaten plädieren dafür, diesen Krieg zu intensivieren. Inmitten der Debatten über die Eindämmung der neuen Finanz- und Weltwirtschaftskrise ließ die CDU/CSU-SPD-Regierung die Ausweitung des deutschen Militäreinsatzes am Hindukusch beschließen obgleich mehr als zwei Drittel der Bevölkerung diesen Einsatz ablehnen.
Eine Reihe einzelner Maßnahmen und Beschlüsse verdeutlichen die zunehmende Militarisierung der deutschen Politik. Da wurde in diesem Jahr erstmals das Gelöbnis deutscher Soldaten zum Sengen und Brennen vor dem Reichstagsgebäude abgenommen. Da trat inmitten der Krisenbekämpfungsdebatten, am 11. Oktober , der Stiftungserlass zur Verleihung des neu gegründeten Ehrenkreuzes der Bundeswehr für Tapferkeit, sprich: das Eiserne Kreuz Reloaded, in Kraft.
Bezeichnend war schließlich, dass die große Koalition Anfang Oktober als eines ihrer nächsten Vorhaben beschloss, noch in dieser Legislaturperiode die gesetzlichen Grundlagen für einen erweiterten Einsatz der Bundeswehr im Inneren zu schaffen (
). Offiziell ist die Rede davon, dass die Bundeswehr im Fall von Katastrophen und Terrorangriffen im Inneren eingesetzt werden darf. Kaum verhohlen wird bereits diskutiert, dass der entsprechende Gesetzes-Artikel und die damit verbundenen Grundgesetz-Änderungen auch großzügiger ausgelegt, dass dann die Bundeswehr bei Großveranstaltungen und inneren Unruhen eingesetzt werden kann. Der Beschluss der großen Koalition erfolgte just zum Auftakt der neuen weltweiten Krise.
Dass der Plan wegen Bedenken aus der SPD-Fraktion zunächst aufgeschoben wurde, ändert nichts an den grundsätzlichen Absichten von CDU/CSU und SPD-Fraktionsspitze.
Wir erinnern daran: Es war die große Koalition der Jahre 1966 bis 1969, die die ersten gesetzlichen Grundlagen für einen Einsatz der Bundeswehr im Inneren beschloss. Die damalige CDU/CSU-SPD-Koalition unter Kurt-Georg Kiesinger (CDU) und Willy Brandt (SPD) beschloss 1968/69 die Notstandsgesetze, die erstmals einen Bundeswehr-Einsatz im Inneren unter spezifischen Bedingungen erlaubten womit ein allgemeiner Konsens der BRD aufgegeben wurde, wonach aufgrund der Erfahrungen mit dem Faschismus die Bundeswehr nie und nimmer im Inneren eingesetzt werden darf. Die damaligen Kommentatoren sahen Ende der 1960er Jahre in diesen Verfassungsänderungen eine Art regierungsamtliches Resumee der ersten westdeutschen Nachkriegsrezession, zu der es 1966/67 gekommen war. Auch hier gab es also einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftskrise und Militarisierung just so, wie er bei den aktuellen Vorhaben der Bundesregierung existiert.
Auch der Sparkurs, den die Bundesregierungen in jüngerer Zeit betrieben haben und den Finanzminister Steinbrück (der jetzt plötzlich die Spendierhosen anhat), personifiziert, steht in einem engen Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise und mit Rüstung und Militarisierung. Mit den unzähligen Kürzungsmaßnahmen und Sparhaushalten zu Lasten der Bevölkerung wurden gewaltige Beträge der öffentlichen Hand entzogen u.a. durch Steuerreformen und Steuersenkungen. Damit wurde die Massennachfrage reduziert, wodurch sich Krisentendenzen verschärften und Arbeitsplätze abgebaut wurden.
Gleichzeitig blieben die gewaltigen eingesparten Summen bei den großen Konzernen und Banken oder sie gelangten in spezifische Kapitalsammelstellen. Ein großer Teil dieser Gelder wurde dann in spekulative Geschäfte investiert was zu den verschiedenen Spekulationsblasen und damit zum Ausgangspunkt der aktuellen Krise führte. Ein anderer Teil wanderte in den Rüstungssektor, dem er seit vielen Jahren Extraprofite beschert. Die wachsende Arbeitslosigkeit und die verbreitete Armut u.a. durch Hartz IV wiederum leisteten einen Beitrag dafür, dass sich immer mehr Menschen gegen entsprechende Bezahlung für Bundeswehrauslandseinsätze bereit finden.
Ausgaben für Rüstung und für Banken-Rettung drei Forderungen:
Die unvorstellbaren Summen, die aktuell für die Rettung der Banken ausgegeben werden sollen, lauten wie folgt: In den USA beträgt das Bankenrettungspaket rund 700 Milliarden US-Dollar, in Deutschland sind es rund 500 Milliarden Euro oder 675 Milliarden Dollar. Zusammen werden also allein in diesen zwei Ländern bis zu 1.400 Milliarden US-Dollar zur Rettung von Finanzinstituten ausgegeben. Diese unvorstellbaren Summen sollen den angeschlagenen Finanzinstituten weitgehend ohne Gegenleistung gewährt werden.
Die erste daraus resultierende Forderung muss lauten: In dem Maß, wie der Staat und wie die Steuerzahlenden der skrupellosen Finanzbranche unter die Arme greifen, müssen die entsprechenden Institute in direktes öffentliches Eigentum überführt werden. Nur so gibt es die Chance, dass eine Wiederholung des Desasters ausgeschlossen und eine wirksame Kontrolle im Finanzsektor erreicht werden kann.
Nun kann man die genannten Summen mit allerlei vergleichen; sie entspricht zum Beispiel rund acht Prozent des Bruttoinlandproduktes der beiden Länder. In unserem Zusammenhang drängt sich jedoch ein anderer Vergleich auf: Die Summe der Bankenrettungsprogramme ent-spricht auch rein zufällig(?) den Rüstungsausgaben. 2007 wurden laut des schwedischen Forschungsinstituts Sipri weltweit 1.340 Milliarden US-Dollar für Rüstung ausgegeben. Im aktuellen Krisenjahr soll der Betrag nochmals höher liegen. Konkretisiert nur auf Nordamerika (USA und Kanada) und Europa: In diesen zwei Regionen des Kapitalismus werden aktuell rund 1.500 Milliarden US-Dollar zur Rettung der Banken investiert. In denselben Regionen werden 800 Milliarden US-Dollar oder gut halb so viel für Rüstung ausgegeben. Im ersten Fall handelt es sich um einen einmaligen Betrag. Im zweiten Fall jedoch um einen jährlich wiederkehrenden Betrag.
Unsere zweite Forderung muss lauten: Nicht die Steuerzahler dürfen zur Kasse gebeten werden. Notwendig ist eine Konversion der Rüstungsausgaben; die staatlichen Ausgaben für Krieg und Zerstörung müssen für ein Konjunkturprogramm der westlichen Industrieländer zum nachhaltigen Umbau der Wirtschaft umgemünzt werden. Damit wiederum könnte man den öffentlichen und demokratischen Einfluss in der gesamten Wirtschaft ausbauen.
Schließlich und drittens eine Forderung, die derzeit niemand stellt, die jedoch tagesaktuell ist: Die kapitalistische Wirtschaftsweise muss grundsätzlich in Frage gestellt werden. Ja, sie wird in diesen Wochen objektiv durch die Ereignisse in Frage gestellt. Derzeit ist immer wieder die Rede davon, dass das Vertrauen gestört sei. In der Finanzwelt müsse das Vertrauen wieder hergestellt werden. Das ist absurd, eine Argumentation wie im Tollhaus. Tatsächlich wird derzeit Tag für Tag das Vertrauen in eine Wirtschaftsweise zerstört, die nach den Gesetzmäßigkeiten eines Spielcasinos funktioniert und bei der die wenigen Spieler als Einsatz das Wohlergehen von Hunderten Millionen Menschen geben. Nun sollen mit den Banken-Rettungsprogrammen und mit dem Geld der Steuerzahlenden dieses System ein weiteres Mal gerettet und den Spielern gesagt werden: Faites votre jeux Auf ein weiteres Mal!
Wann, wenn nicht jetzt, steht die Forderung auf der Tagesordnung: Ya basta es reicht! Eine andere Welt ist möglich. Doch dafür ist eine grundsätzlich andere Ökonomie als die kapitalistische nötig!
Winfried Wolf ist Chefredakteur von Lunapark21 Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie und Mitglied der DFG-VK
Die kulturelle Hegemonie des Kapitalismus schwindet
Als die Sowjetunion zusammenbrach, ein Staat, der in 70 schwierigen Jahren zumindest sozialistische Grundlagen gelegt hatte, schien für viele der Siegeszug des Kapitalismus unaufhaltsam und eine Welt ohne Feinde und Kriege der Lohn der Wende. Heute, fast 20 Jahre nach dem Umbruch, steht die kapitalistische Welt vor dem Abgrund und keiner weiß, was noch kommt. Hoffnungen, die Illusionen waren, sind zugrunde gegangen. Noch ist es nicht das Ende dieses Ausbeutersystems, das die Menschen und die Natur zerstört. Es kann trotz Absturz und Chaos schon deswegen nicht das Ende sein, da nicht mal mehr Anfänge einer Alter-native vorhanden sind. Das System hat mit Brot und Spielen und auch mit Gewalt den subjektiven Faktor verseucht, der für eine revolutionäre Alternative in Frage käme die Arbeiterklasse. Da bedarf es langer Zeit mühseligen Neuaufbaus und von Kämpfen, deren Niederlagen neues Bewußtsein schaffen könnten.
Die Krise des kapitalistischen Systems und die Folgen, die die Massen sozial und politisch zu tragen haben, begünstigen erste Denkänderungen, Voraussetzungen auch für machtpolitische Neuanfänge. Der Begriff Kapitalismus ist nicht mehr mit der Hoffnung auf persönlichen Aufstieg verbunden, der Begriff Sozialismus bei vielen nicht mehr so verpönt, wie er es in der Vergangenheit war. Wenn es auch noch keine reale Kraft ist, manche Menschen machen sich wieder Gedanken über Krisen, Kriege und ihre Ursachen, trotz der Meinungsmanipulation durch die Medien. Manches, was bisher als Gewissheit galt, kommt ins Wanken.
Die Selbstregulierung der Wirtschaft hat versagt ist nun die Erkenntnis von Joseph Stieglitz, dem Wirtschaftspapst der USA. Der Chef der Deutschen Bank, Ackermann, der bisher nassforsch die Krise herunterredete, muß nun gestehen: Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskräfte der Märkte. Der Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, Wolfgang Schmieg vollzieht eine Kehrtwende: Das neoliberale Wirtschaftskonzept ist gescheitert. Auch Redakteur Jungkunz hat neue Erkenntnisse: Gegen diese Gier lassen sich kaum Regeln finden; sie gehört zu den Antriebskräften des Kapitalismus und wurde vom homo ökonomikus verinnerlicht, Geiz ist geil, war so ein Spruch, der das Ausstechen anderer, die Maximierung des eigenen Profits zum quasi sportlichen Ziel erklärte. Die Frankfurter Rundschau wundert sich, wie wenig es braucht, um das ganze Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Andere wie die jordanische Königin Rania (!) fordern eine Humanisierung der Globalisierung. Deutschlands Bundespräsident spielt den Überraschten: Die internationalen Finanzmärkte hätten sich zu einem Monster entwickelt, das in die Schranken gewiesen werden muss. Wir stehen am Beginn einer neuen Epoche erkannte Umwelt-Staatssekretär Michael Müller, der neben der Finanzkrise die Hungerkrise, die Umweltkrise und die Energiekrise aufführte. In 40 Ländern hätte es deswegen schon Aufstände gegeben. Zhu Min, der stellvertretende Direktor der chinesischen Staatsbank sagt voraus, dass in einem Zeitraum von 8 12 Monaten der Finanzkrise wirtschaftlicher und politischer Aufruhr folgen werde. Als Marginalie kann gelten, dass es in einigen chinesischen Dörfern zur Rekollektivierung gekommen ist diesmal freiwillig.
Das kapitalistische Gesellschaftsmodell galt all die Jahre als unbestritten bei der großen Mehrheit der Bevölkerung. Was politischer Überzeugungsarbeit der wenigen unermüdlichen Sozialisten in der BRD nicht gelang und gelingen konnte, haben nun die harten Tatsachen fertig gebracht: das bisherige Weltbild vom Kapitalismus zu erschüttern. Viele machen nun Front gegen den Raubtierkapitalismus, weil sie glauben, Reformen und Regulierungen könnten das System wieder verbessern. Manche linke Intellektuelle meinen, der Kapitalismus habe die kulturelle Hegemonie bereits eingebüßt. Das dürfte etwas voreilig sein und wir müssen wohl noch allerhand erleben und tun, um dieses Ziel zu erreichen.
Es gibt einige kleine Zeichen, die belegen, dass auch geistig etwas in Bewegung gekommen ist. Die britische Times z.B. machte eine Umfrage: Was Karl Marx right? 48% antworteten mit yes. In Ostdeutschland startete die Super Illu eine Umfrage. 52% der Befragten meinten, die Marktwirtschaft sei untauglich und habe abgewirtschaftet. 43% wünschten sich sogar ein sozialistisches Wirtschaftssystem zurück, weil das die kleinen Leute vor Ungerechtigkeiten schützt (NN, 13.10.2008). Aus Hollywood wurde berichtet, im dortigen Kulturbetrieb sei die Kapitalismuskritik allgegenwärtig. In der ARD war kürzlich eine Maischberger-Diskussions-Sendung angesagt: Marx hatte recht gebt uns den Sozialismus zurück. Der Berliner Dietz-Verlag berichtete, der Umsatz des ersten Bandes von Marx Kapital habe sich verdreifacht.
Die Kirchen hatten schon immer einen Riecher, wenn die Zeiten wechselten, einmal um nicht selber in einen Niedergang zu stark hineingezogen zu werden, zum anderen, um aus einer neuen Lage für sich das Beste zu machen. So nennt der Erzbischof von York die Finanzspekulanten schlicht Bankräuber. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Zollitsch, prangerte an: Unvorstellbare Summen Geld zerplatzten derzeit wie eine Luftblase, weil diejenigen, die entscheiden, nicht für die Folgen ihres Tuns einstehen, nicht dafür haften müssen. Wo die Gier nach dem schnellen Geld größer sei als das Verantwortungsbewusstsein, da gerate die Welt schnell aus den Fugen. Man fragt sich da doch, auf welchem Planeten die Kirchen-Hierarchie bisher gelebt hat. Auch der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, erschrickt: Der Abgrund ist offensichtlich sehr, sehr tief. Ein Kapitalismus ohne ethischen und rechtlichen Ordnungsrahmen sei menschenfeindlich.
Nachdem die Krisenentwicklung selbst den Theorien von Karl Marx, den man in den letzten Jahrzehnten wie einen toten Hund behandelte, recht gegeben hat, sind die Epigonen der bestehenden Gesellschaftsordnung bestrebt, rechtzeitig die Konsequenzen aus seinen Theorien abzuwehren. Man kann Marx loben und gleichzeitig versuchen, ihn zu verfälschen, d.h. ihn zu entschärfen. In der neuen Enzyklika des Papstes Benedikt XVI. würdigt dieser Karl Marx, vor allem dessen sozialrevolutionären Ansatz für mehr Gerechtigkeit und verdammt gleichzeitig die fürchterlichen Irrwege der Kommunisten. Der Bischof Marx erinnerte im Oktober an den Philosophen Karl Marx der heute genauso recht hat, wie vor 100 Jahren. Er meinte, die katholische Soziallehre hat die Erkenntnisse von Karl Marx mit aufgenommen und steht auf dessen Schultern. Er unterstrich auch die Bedeutung des Sozialismus-Theoretikers bei der Analyse der Lage. So kann man Geschichte verbiegen, wobei darauf nur jene hereinfallen, die die hasserfüllte Feindschaft gerade der katholischen Kirche gegen alle sozialistischen Bestrebungen in der Vergangenheit vergessen haben.
Der geistige Kampf muss weitergeführt werden, nur so kann wieder einmal die Umsetzung in politische Kraft erfolgen.
November 2008
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