Ein
Element des gesellschaftlichen Fortschritts oder eine Bremse bei
der Herausbildung von Klassenbewußtsein?
Gedanken zur Entwicklung
der Partei Die Linke
Eigentlich
findet unsere Diskussion über die Partei Die Linke
zu einem ungünstigen Zeitpunkt statt. Wir stehen kurz vor
dem Parteitag, erfahren erst morgen das Ergebnis der Landtagswahl
in Nordrhein-Westfahlen, dem auch bundesweite Bedeutung zukommt
(Bundesrat). Zum anderen hat die Programmdiskussion erst begonnen,
die eineinhalb Jahre dauern soll. Eine Mitgliederurwahl hat gerade
84,5% für eine Doppelspitze gebracht. Da sich nur 48% der
Mitglieder beteiligt haben, offenbart das ein Desinteresse. Die
neuen Parteivorsitzenden Gesine Lötsch und Klaus Ernst müssen
erst noch gewählt werden. Es ist also einiges im Fluss. Doch
Oskar Lafontaine ist kaum zu ersetzen. Wenn es um den Zustand
und die Perspektive der Partei Die Linke geht, dann
spielt ihre Einbettung in die geschichtlichen und aktuellen Bezüge
keine geringe Rolle. Über 20 Jahre ist es nun her, dass die
DDR und SED untergingen und die PDS entstand. Was mit dem Anschluss
der DDR an die BRD begann, hat bis heute noch nicht zum sozialen
Gleichstand an das BRD-Niveau geführt. Dadurch besteht die
politische und gesellschaftliche Sonderrolle der neuen Bundesländer
fort und damit werden auch Regionalinteressen aufrechterhalten.
Die Weltwirtschaftskrise verschärft diese Unterschiede noch.
PDS und nun Die Linke haben darin eine der Grundlagen ihrer Existenz.
In Krisenzeiten vergleicht die Bevölkerung die Zustände
mit denen in der untergegangenen DDR. Dieser fällt, je mehr
Zeit vergeht nicht immer zum Nachteil des Vergangenen aus. Für
viele damals unerwartet senden neue Kriege ihren Schrecken aus.
(Jugoslawienkrieg, Afghanistankrieg) Außer der Linken hatten
alle etablierten Parteien die Aggressionspolitik unterstützt.
Die Sozialdemokratie natürlich wie gewohnt dabei. Ein weiteres
Element für die deutschen Sonderbedingungen zur Entstehung
einer relevanten linken Partei war der Rechtsschwenk der regierenden
Sozialdemokraten und der Grünen mit verursacht durch den
sozialen Strukturwandel. Alles zusammen gab Raum für eine
neue Partei links von der SPD. Maßgebend dafür war
auch der Anstieg der Dauerarbeitslosen und Leiharbeiter, die Zementierung
von Hartz IV und die Entstehung eines Prekariats. Die Finanzkrise
und die ideologische Erschütterung des Neoliberalismus haben
ebenso ihren Teil zu den Erfolgen der Linkspartei beigetragen,
wie auch die Zuspitzung des Afghanistankrieges.
Vor diesem Hintergrund gelang 2008, trotz manchen Gerangels, die
Vereinigung von PDS und WASG zur Partei Die Linke. In der Folge
konnte sie organisatorisch die Grünen überflügeln
und wurde viertgrößte Partei. Bei der Bundestagswahl
2009 erreichte sie mit 11,9% (2005 8,7%) der abgegebenen Stimmen
5 Millionen Wähler und konnte 76 Abgeordnete nach Berlin
entsenden. Die Linke ist nun in allen sechs ostdeutschen Landtagen
und in sechs der zehn westdeutschen Landtage vertreten. In Berlin
und Brandenburg sitzt sie in Koalitionsregierungen mit der SPD.
Den größten Erfolg im Westen erzielte sie im Saarland
mit 21,3%, wobei die Hälfte ihrer Wähler damit mehr
die Zustimmung zu Oskar Lafontaine als zur Linkspartei ausdrückte.
Die PDS war in früheren Zeiten dort mit 0,4% untergegangen.
Die Partei Die Linke hat nun 75.000 Mitglieder (1995 hatte die
PDS noch 113.000 Mitglieder). Schlossen sich 2008 bei der Vereinigung
65.000 Mitglieder aus dem Osten mit etwa 6.000 aus dem Westen
zusammen, so hat sich das Verhältnis nun stark geändert:
Aus der ehemaligen DDR stammen jetzt nur noch 50.000 Mitglieder,
in Westdeutschland jedoch ist die Zahl der Mitglieder auf 25.000
angewachsen. In NRW zum Beispiel hat sich die Zahl der Mitstreiter
in den letzten zwei Jahren auf 8.580 verdoppelt. Bei der letzten
Kommunalwahl gelang der Linkspartei dort der Durchbruch bei den
Stadt- und Kreisräten mit 150 Mandaten. Selbst in Rheinland-Pfalz
konnte die Linke das Landtagswahlergebnis auf 9,4% erhöhen.
Bei der Neuwahl in Hessen konnte sie, trotz des Debakels mit Ypsilanti,
erneut die 5%-Hürde nehmen. In Hamburg zählt die Linke
nun 1.400 Mitglieder und hat die Grünen damit überflügelt.
In manchen anderen Ländern, wie in Bayern, ist die Linkspartei
weniger verankert.
Die Linke ist keine Arbeiterpartei, weder von der Mitgliedschaft
noch von der Wählerschaft her. So wählten bei der letzten
Landtagswahl im Saarland nur jede dritte Arbeiterin und Arbeiter
die Linkspartei, in Thüringen waren es nur 29%. In Sachsen
muss es schwerwiegende Gründe gegeben haben, dass nur 18%
der Arbeiterschaft für die Linkspartei votierten aber
40% für die CDU!
Bei den Arbeitslosen ist die Lage ähnlich: 46% an der Saar
stimmten für die Linkspartei, in Thüringen und Sachsen
nur jeder Dritte. An den sozialen Programmpunkten kann es nicht
gelegen haben. Auch werden die gewerkschaftlichen Forderungen
weitgehend von der Linkspartei unterstützt.
Es wird geschätzt, dass die Partei nun über 2.000 Funktions-
und Mandatsträger hat; diese verfügen über besonderes
politisches Gewicht.
Von den Hauptamtlichen bedienen 63 die Zentrale und 133 sind in
den Ländergeschäftsstellen beschäftigt. Das Personal
der Parteizeitung Neues Deutschland, über deren
mangelnde Linksausrichtung manche Mitglieder nur noch den Kopf
schütteln, ist nicht eingerechnet. Die Kassenverwaltung der
Linkspartei konnte 2008 über ca. 24 Millionen Euro verfügen.
Das war wichtig, mussten doch der steigende Aufwand für die
Wahlkämpfe finanziert werden und gleichzeitig der weitere
Aufbau der Parteistrukturen in ganz Deutschland. 40% der Einnahmen
entstammten den Mitgliedsbeiträgen (durchschnittlich 10,80
€ monatlich pro Person), 600.000 € waren Spenden, der
Rest Staatsgelder. Allein die Höhe der Personalausgaben in
Höhe von 8,5 Millionen € machte 37% aus. Spenden aus
der Wirtschaft und vom Großkapital, die vor allem den Rechtsparteien
einen Vorsprung verschaffen, werden von der Linkspartei grundsätzlich
abgelehnt sie hätte auch von dort kaum welche zu erwarten.
In der Vergangenheit war die PDS immer mehr zur Rentnerpartei
geworden. Das hat sich, vor allem seit der Vereinigung, geändert.
Die Partei Die Linke hat seit ihrer Gründung 25.000 Mitglieder
dazugewonnen, etwa 20.000 aus dem Westen und 5.000 aus dem Osten,
einschließlich Berlin. Somit hat ein Drittel der Gesamtmitglieder
keine Wurzeln in den Vorgängergruppierungen mehr, weder aus
der PDS noch aus der WASG. Das dürfte die linksozialdemokratische
Tendenz in der Partei stärken. Das Durchschnittsalter der
neuen Mitglieder ist auf 37 Jahre gesunken, der Rentneranteil
der Neuen liegt bei 5% und hat sich von 2007 bis 2009 halbiert.
Doch nur noch 36% der Neumitglieder sind lohnabhängig Beschäftigte,
der Arbeitslosenanteil beträgt 17,5%. Beim Frauenanteil der
Neuen hapert es gewaltig; mit 26% schaut es schlechter aus als
bei allen anderen Parteien.
Wesentlich ist, die neuen Mitglieder sind jünger. Damit ist
die gefährliche Schwund-Tendenz vorerst mal überwunden.
Derzeit ist die Linkspartei die einzige Partei mit Mitgliederzuwachs.
Dass es dabei bleibt hängt natürlich zum großen
Teil von der Aktivität der Parteimitglieder und der politischen
Linie der Partei selbst ab.
So ist der Zuwachs der Jüngeren auch nicht vom Himmel gefallen,
er ist Ausdruck des außerparlamentarischen Wirkens in Universitäten,
Schulen, sozialen Bewegungen und des entschiedenen Kampfes gegen
das immer frecher werdende Auftreten der Neonazis. Das Anwachsen
des linken Studentenverbandes SDS und der Aufschwung
der Linksjugend solid sind Ergebnis davon. Letztere
verfügt nun, nach eigenen Angaben, über 4.000 Mitglieder
und über mehr als 190 aktive Basisgruppen.
Sie sollen als Brücke zwischen der Partei und den Protesten
auf der Straße fungieren. Die Bundessprecherin Franziska
Stier stellt fest: Wir haben ein Ausnahmejahr hinter uns.
Die Aktivität des Verbandes hat 2009/2010 nie gekannte Ausmaße
erreicht.
Ohne die erfolgreiche Westausdehnung und die Vereinigung mit der
WASG, ohne den großen Einsatz von Oskar Lafontaine, hätte
die PDS den Durchbruch zur bundesweiten Kraft nicht geschafft.
Im Gegenteil, denn die PDS war nicht nur auf dem Weg des Abstiegs,
sondern des existenzbedrohenden Absturzes. Überalterung,
Mitgliederschwund und der Rückgang der Aktivitäten machte
Mitte der neunziger Jahre der PDS zu schaffen. Wenn wir heute
von der Halbierung der SPD durch ihren Rechtskurs sprechen, so
ist den Wenigsten bewusst, dass es nach dem Abflauen der Hartz
IV-Bewegung auch eine Halbierung der Mitgliedschaft der PDS gegeben
hat. Die PDS hatte 1995 noch 113.000 Mitglieder. In den folgenden
zehn Jahren, bis 2005, verlor die Partei 55.000 Mitglieder und
konnte nur noch einen Stand von 58.000 aufweisen! Die Gründe
dafür lagen nicht nur im Generationenwechsel, sondern hatten
auch politische Ursachen. An erster Stelle stand die Enttäuschung
vieler Mitglieder und Wähler über das verloren gegangene
Profil während der Beteiligung an mehreren Länder-Koalitionsregierungen.
Es entstand der Eindruck, das Besetzen von Regierungsposten und
die Anpassungspolitik seien wichtiger als der Kampf gegen die
soziale Umverteilung von unten nach oben.
Auch jetzt, als Partei Die Linke, kommt der Zuwachs nicht so sehr
aus den Bundesländern des Ostens. Prozentuale Erfolge bei
Wahlen sind nicht immer absolute Erfolge. Der zahlenmäßige
Rückgang an Wählerstimmen dort ist nicht zu übersehen,
es gab eine Abwanderung ins Lager der Nichtwähler. In den
Ortsverbänden zum Beispiel wird geklagt wieder haben
wir bei Wahlen 3% verloren. Wieso haben wir diesmal
beim Frauentag keine roten Nelken überreicht? Wir
dürfen uns nicht nur vor den Wahlen um die Menschen kümmern,
sondern auch unter der Zeit. Im Leitungskörper
gibt es zuviel Streit. Wir bräuchten besseres
Werbematerial! Man sieht, auch an der Basis wird die Debatte
oberflächlich geführt. Auch im Vogtland fürchtet
man ein Ansteigen der Berliner Verhältnisse und
fordert eine Einstellung des Zickenkrieges. Es würden
zu wenig die existentiellen Fragen der Mehrheit der Bevölkerung
in den Mittelpunkt gestellt. Wenn der Personal- und Verfahrensstreit
nicht aufhöre, würde sich der Abwärtstrend bei
den Wahlen durchsetzen.
Viele kritisierende Mitglieder verkennen jedoch, dass hinter den
Streitereien hauptsächlich politische Meinungsverschiedenheiten
stecken, die unbedingt an- oder ausdiskutiert werden müssten.
Die einen sind von grundsätzlicher Art, die anderen haben
praktische politische Bezüge. Die Partei Die Linke wird nur
dann politisch relevant bleiben, wenn sie sich weiterhin als Union
unterschiedlicher politischer linker Kräfte versteht und
die Mitglieder das auch akzeptieren. Das heißt, manche von
ihnen müssten auf den Versuch eines Umfunktionierens
verzichten. Das soll nicht heißen, dass sie sich einer Werbung
für ihre Linie enthalten müssten. Andererseits müsste
es klare Grenzen geben auch in der Art und Weise der Bekämpfung
gegensätzlicher Auffassungen. Ein uferloser Pluralismus führt
zur Beliebigkeit und zerstört das Profil. Es gibt also ein
sowohl als auch. Dieses Kunststück zu vollziehen, wird Aufgabe
der Programmdiskussion, die nun ansteht.
In der Partei arbeiten gegenwärtig verschiedene Gruppierungen
und Richtungen mit: Linkssozialdemokratische Reformer, Reformisten,
Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten u.v.m. Sie sammeln sich
in verschiedenen Gruppen wie in der Sozialistischen Linken, der
Kommunistischen Plattform, in den Antikapitalistischen Linken,
in der Linksjugend, in der Emanzipatorischen Linken, den Gewerkschaftslinken,
dem Marxistischen Forum, in der Gruppe BAK Shalom usw.
Es wäre jedoch ein Missverständnis, anzunehmen, die
Masse der Mitglieder würden irgendeiner dieser Richtungen
angehören. Es wird geschätzt, dass etwa 90% der Mitglieder
ungebunden sind und von Mal zu Mal entscheiden. Nach Angabe der
Zeitschrift avanti sollen 80% aus dem trotzkistischen
Spektrum in der Linkspartei aufgegangen sein. Eine revolutionäre
Tendenz verfolgt nur eine kleine Minderheit. Aus der Partei Die
Linke kann sich auch keine kommunistische Partei entwickeln. Dafür
fehlen die Bedingungen, auch eingedenk des gegenwärtigen
Zustands der deutschen Gesellschaft, nicht nur wegen der bestehenden
Parteipolitik und Parteistruktur der Linken. So hat Die Linke
auch keine Betriebs- und Stadtteilgruppen aufgebaut, wie früher
die kommunistischen Parteien. Es gibt in Deutschland, zumindest
in diesem Stadium, keine relevante politische und soziale Bewegung
als Antrieb für die Partei. In Folge der kapitalistischen
Krise weicht die große Mehrzahl der Arbeiter und Arbeiterinnen,
sowie der Gewerkschafter, vor der Offensive von Kapital und Kabinett
zurück. Auch der Trick der Regierung Merkel, die Kurzarbeit
auszuweiten, trägt ihre Früchte.
Verkommenheit der bürgerlichen Demokratie
Seit dem Bestehen der PDS und der Partei Die Linke sind diese
und ihre Repräsentanten einem Kesseltreiben von rechts ausgesetzt,
das keine Lüge, Verdrehung und Manipulation scheut. Daran
beteiligen sich nicht nur die etablierten Parteien, natürlich
einschließlich der Sozialdemokraten, sondern, wie in einem
Einheitskartell, die im Schlepptau des Kapitals befindlichen Medien.
Da wird jede Auseinandersetzung, die es auch in anderen Parteien
gibt, zum garstigen Streit hochstilisiert und wenn die Presse
der Rundfunk und das Fernsehen überhaupt etwas über
die Linke bringt, ist dies meist von negativer Art. Die Linke
macht ständig Vorschläge und kritisiert sachlich die
Politik der Regierung Merkel, doch, wenn man von den Talk-Runden
absieht, wird die Partei in den Medien ausgesprochen boykottiert.
Die anderen kleine Parteien, die Grünen und die FDP werden
ständig zitiert, die Linkspartei scheint es gar nicht zu
geben. Umso perfider wird nach den letzten Stasispitzeln und IMs
gesucht, wobei manche zur DDR-Zeit vielleicht erst 20 Jahre alt
waren. Diskreditierung und Verketzerung führender Persönlichkeiten
waren und sind an der Tagesordnung, wobei der Vorwurf des Populismus
noch das harmloseste ist. Selbst Heiko Maas schrieb in der ZEIT
vom populistischen Sozialismus. Besonders Lafontaine
war im Fadenkreuz. Oskar der Brandstifter wurde er
im Express diffamiert, oder Oskar Xiaoping.
Für die WELT ist er der Demagoge aus dem Saarland.
Diese Tonlage prägen viele Artikel vor allem in der Springer-Presse
und diese zielen auch auf Gysi, Bisky und andere Spitzenkräfte
der Linkspartei.
Diffamierung und Boykott sind eigentlich ein Zeichen, dass der
davon betroffene Gegner politisch wirksam ist. Sie sind auch ein
Beweis, dass die Meinungsfreiheit in diesem Land nichts gilt.
So sehen in Deutschland eben die Vorkämpfer der Demokratie
aus
Vor allem mit dem Totschweigen haben die bürgerlichen Medien
erreicht, dass die Linkspartei nicht noch mehr Wähler und
Anhänger, vor allem aus dem Kreis der bisherigen Nichtwähler,
gewinnen konnte. Um unter solch erschwerten Bedingungen nicht
an Zahl und politischer Bedeutung zu verlieren, ist die Partei
gezwungen, noch bestehende Schwachstellen möglichst bald
anzugehen. Das Bemühen, mit eigenen regionalen Parteiblättern
den bürgerlichen Tageszeitungen etwas entgegenzusetzen, zeitigt
aber nennenswerte Wirksamkeit nur unter ostdeutschen Bedingungen,
und kann das Fernsehmonopol natürlich nicht beseitigen. Im
Westen ist man auf das Verteilen von Propagandamaterial angewiesen,
das meist nur jene erreicht, die es anfordern. Selbst stärker
an die Öffentlichkeit zu treten, ist auch eine Frage der
finanziellen Mittel. Die Lösung politischer Schwachstellen
ist nun unumgänglich geworden. Sie könnten unter den
Parolen stehen:
Von
der bodenlosen Pluralität zu mehr Verbindlichkeit. Für
eine bessere Streitkultur!
Interne Machtkämpfe gibt es in anderen Parteien auch. Noch
weniger als diese kann es sich aber Die Linke leisten, wenn Personaldebatten
herabsetzend und über die Medien geführt werden, die
der Partei eigentlich feindlich gegenüberstehen. Einige Beispiele
in jüngster Zeit können das illustrieren: Als der Entwurf
des Parteiprogramms bekannt wurde, sahen sich einige führende
Realpolitiker bemüßigt, gleich von vornherein
die Diskussion darüber in ihre Richtung zu lenken. Der Vorsitzende
der Linken in Sachsen, Andre Hahn, glaubte gleich, in der Leipziger
Volkszeitung das aufgeschreckte Besitzbürgertum beruhigen
zu müssen: Eine massenweise Verstaatlichung von Unternehmen
wird es nicht geben. Aufs Glatteis ging der Bundesgeschäftsführer
der Partei, Bartsch, in der Mitteldeutschen Zeitung:
Der Entwurf wird verbessert werden, meinte er. Und
so, als könnte er es allein bestimmen: Am Ende wird
das Programm ein anderes sein. Ein anderes,
basta! Als Lafontaine ihm widersprach, ging er ihn übel an,
was ihn dann den Bundesgeschäftsführerposten kostete.
Postengerangel und politischer Streit sind auch in den Landesverbänden
gang und gäbe, wie kürzlich in Bayern, als der Landesvorsitzende
Zega mit der Vorstandschaft in Streit geriet. Er warf dem kommenden
Parteivorsitzenden Klaus Ernst u. a. vor, sein Benehmen sie gutsherrlich.
Die Parteivorsitzenden Bisky und Lafontaine hatten im März
einen Brief an die Mitglieder gerichtet: Wir haben in diesen
Tagen lernen müssen, dass der Vereinigungsprozess unserer
jungen Partei noch nicht so weit vorangeschritten ist, wie wir
uns das alle wünschen. Oskar Lafontaine moniert ständig,
dass es am Profil der Partei mangele. Die Programmdiskussion soll
die Vereinheitlichung vorantreiben. Wenn strikte Verbindlichkeit
durchgesetzt werden soll, müsste letzten Endes bei dem heterogenen
Charakter der Partei eine Minderheit sich anpassen oder ausscheiden.
Bei dem bestehenden Kräfteverhältnis ist das zu bezweifeln.
Vermutlich bleibt mit einer Kompromisslösung das Ganze auf
halbem Wege stecken. Doch auch wenn es so kommt, wird die Programmentscheidung
in der Partei eine gewisse Zäsur bedeuten.
Von
der Unklarheit zur Klarheit
Es haben immer mehr Funktionäre und aktive Mitglieder der
Partei erkannt, dass Die Linke nur mit Klarheit und verbindlichen
Gemeinsamkeiten eine erfolgreiche Zukunft haben kann. Es gab zwar
bisher schon Programmpunkte, doch waren sie zu wenig diskutiert
und akzeptiert, sie waren auch nicht ausreichend. Ihre Verbindlichkeit
wurde nicht immer durchgesetzt. Nach dem designierten neuen Vorsitzenden
Klaus Ernst gäbe es 90% Gemeinsamkeiten in der Partei. Das
ist doch zu bezweifeln. Sehen wir uns einige Hauptpunkte an. Bezüglich
des strategischen Zieles der Linkspartei, in Deutschland einen
Politikwechsel herbeizuführen, gibt es weithin Übereinstimmung.
Nur eine Minderheit der Aktiven hält daran fest, Die Linke
solle als bloße Protest- und Oppositionspartei das Endziel
Sozialismus als Hauptaufgabe begreifen. Ein Politikwechsel ist
dem Kräfteverhältnis nach nur möglich, wenn die
Linke sich an der Regierung beteiligt und dafür genügend
Koalitionspartner findet. Auf Länderebene hat sie welche
gefunden und wird weitere finden. Die Möglichkeit eines Politikwechsels
bezieht sich aber hauptsächlich auf die Bundesebene. Der
Streit, der sich darüber entzündet hat, ist m.E. unnütz.
Denn selbst wenn die Wähler zahlenmäßig die Möglichkeit
dafür gäben, bleibt es inhaltlich eine Illusion, es
sei denn, die Linke gibt sich in solchen Koalitionsverhandlungen
nahezu selbst auf. Die Quittung von den Linkswählern würde
auf dem Fuß folgen. Die SPD macht nun (auch unter dem Druck
der Linkspartei) wieder etwas mehr auf sozial und gibt vor, sich
vom Afghanistankrieg ein Stück weit zu distanzieren. Ein
Ottmar Schreiner hat mit dem Segen der Parteizentrale wieder volle
Säle. Das alles jedoch kann verbal bleiben, die SPD braucht
es vorerst nicht zu beweisen. Die Erfahrungen der Wähler
mit diesen Sozialdemokraten in der Regierung ist jedoch eine andere!
Als Koalitionspartner müssten Grüne und SPD sich ändern,
um Zugeständnisse grundsätzlicher Art zu machen, was
für lange Zeit ausgeschlossen erscheint. NATO und Kriegspolitik
sind für beide Parteien nicht verhandelbar, die Herrschaft
des Wirtschafts- und Finanzkapitals nicht antastbar. Da fragt
man sich schon, was soll denn das ganze Theater. Es sei denn,
die Realpolitiker der Linken Ramelow, Bartsch, Höhn,
Birke, Korte, Liebich, Brie usw., gingen mit ihrem Anpassungskurs
aufs Ganze.
So bliebe der Linken nur die Regierungsbeteiligung auf Länderebene.
Da gibt es zwei Richtungen, darüber wird noch heftig gestritten
werden. Die Einen gieren nach Posten und Einfluss und wollen hier
und heute etwas bewirken und das sehen auch viele Mitglieder so.
Sie werden sich billig verkaufen sie haben sich ja auch
schon billig verkauft in den Koalitionen mit der SPD in Berlin,
in Brandenburg, in Mecklenburg-Vorpommern und vor Jahren mit ihrer
Tolerierungspolitik in Sachsen-Anhalt. Über den Berliner
Sündenfall ist viel geschrieben worden. Daher nur ein paar
Beispiele: Eine rosarote Koalitionsregierung privatisiert über
100.000 Wohnungen und sogar Krankenhäuser. Dem Sachzwang
folgend, schloss sie Schulen und andere Einrichtungen und strich
sogar das Blindengeld. In Berlin gibt es nun Zehntausende 1-Euro-Jobber,
usw. Aus dem Arbeitgeberverband trat die Stadt kurzerhand aus
Bahn frei für Dumpinglöhne.
Der Parteivorsitzende Lafontaine stellte klar: Ich bin für
Regierungsbeteiligung, wenn wir im Sinne unserer Programmatik
die Politik verändern. Er stellte fest, er hätte
in Brandenburg den Koalitionsvertrag nicht unterschrieben, weil
die Haltehürden nicht eingehalten wurden: Kein weiterer
Sozialabbau, kein weiterer Personalabbau im Öffentlichen
Dienst und keine weitere Privatisierung. Er sprach sich
gegen den Verzicht auf Einfluss bei Bundesrat-Entscheidungen aus.
Das Recht auf politischen Streik müsse erkämpft werden.
Auf kommunalpolitischer Ebene verfährt Die Linke mit Koalitionen
längst pragmatisch. In Chemnitz, Zwickau, Magdeburg und Cottbus
paktiert sie sogar mit der CDU. Es ist kein Zufall, dass die schärfste
Kritik an den Verstaatlichungsplänen des Programmentwurfs
(PE) aus den unbedingt nach Regierungsbeteiligung strebenden Landesverbänden
kommt. Die Sucht nach Anerkennung und nach Gleichberechtigung
wird in der Linkspartei immer stärker.
Die Noch- vorsitzenden Bisky und Lafontaine haben schon abgebremst:
Der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte. Wir
werden uns nicht den Wirtschaftsmächten unterwerfen.
Doch die Systemfrage stellen auch sie nicht. Ihr Kampf gilt den
Auswüchsen, dem Raubtierkapitalismus. Der Neoliberalismus
soll bekämpft werden, die Krise mit keynesianischer Wirtschaftspolitik.
Lafontaine hatte vier Kernforderungen herausgestellt,
die richtig sind, die aber auch durchaus ein Sozialdemokrat in
der Opposition unterschreiben könnte: Hartz IV abwählen,
Mindestlohn jetzt, gegen die Rente ab 67, Raus aus Afghanistan.
Zusätzliche Punkte sind z.B. die 30-Stunden-Woche, das unbegrenzte
Streikrecht, die Millionärssteuer, die Verstaatlichung von
Großbanken und Energieunternehmen. Wie man das erreichen
will, auch die Mitarbeitergesellschaft, ist nur vage
angesprochen: durch demokratische Wahlen
So ist es kein
Wunder, dass der Klassenkampf und die Rolle des Staates, die Herrschaftsstruktur
des Kapitals außen vor bleiben, auch im PE. Imperialismus
und Repression im Inneren werden wohl benannt, doch in ihrer Bedeutung
verkannt. Die wahren Herrscher, das Industrie- und Finanzkapital,
wird sicherlich nicht friedlich zusehen, wie die neuen Eigentumsformen
der Linkspartei, unter denen das Privateigentum nicht mehr
die Dominanz habe, durchgesetzt werden. Früher hieß
das Aufstand, heute heißt es Abwahl
(!) wird in Verkennung aller geschichtlichen Erfahrungen und aktuellen
Geschehnisse verkündet. Im PE sind die neuen Eigentumsformen
vage angegeben als genossenschaftlich, kommunal und staatlich.
Dass allein der erfolgreiche Klassenkampf als revolutionärer
Akt die Vergesellschaftung der Produktionsmittel durchsetzen kann
und dass dies Ziel und Aufgabe einer sozialistischen Partei sein
müsste danach sucht man vergebens.
Der PE ist linker geworden, als viele befürchteten.
Und er erkennt auch die ökologischen Gefahren eines Weiterwurstelns.
Manche Mitglieder haben sich schon zum Entwurf geäußert,
u.a. Anton Latzo, Eckehard Lieberam, Jochen Traut. Sie nennen
einige wichtige Thesen, die noch zu behandeln wären:
Die Klassenstruktur unserer Gesellschaft.
Der Zustand des subjektiven Faktors.
Die Stabilität der gegenwärtigen Herrschaftskonstellation
zu Gunsten des Kapitals.
Das Verhältnis von außerparlamentarischem gegenüber
dem parlamentarischen Kampf.
Der Stellenwert der Machtfrage in einem Übergangsprogramm
zu einer neuen Gesellschaft des demokratischen Sozialismus über
die Demokratisierung der Wirtschaft hinaus.
Der Charakter bzw. die verborgene Grundlage"
der gegenwärtigen Großkrise des Kapitalismus als Krise
des Systems.
Die wohl allzu positive Einschätzung der EU und ihrer
Politik angesichts der Militarisierung und neoliberalen Ausrichtung
dieser Organisation.
Sie sprechen von jenen in der Partei, denen der PE zu weit links
ist, Stellenweise zu wenig lebensnah: Es wird
nicht leicht sein, sie daran zu hindern, dem Entwurf die radikaldemokratische
Schärfe zu nehmen. Noch ungleich kniffliger aber ist die
Aufgabe (wenn denn der Entwurf in seiner Grundausrichtung zum
Programm wird), aus einer Partei, deren BerufspolitikerInnen
zum Teil bereits ihren Frieden mit dem gesellschaftlichen status
quo gemacht haben, eine sozialistische Kampfpartei auf dem Niveau
eines solchen Kampfprogramms zu machen.
In dem PE werden die Kampfeinsätze der Bundeswehr entschieden
abgelehnt. Es scheint jedoch, als würden Gregor Gysi und
der zuständige Bundestagsabgeordnete Schäfer in der
Frage von Auslandseinsätzen schwankend werden. Doch die Debatte
um den Programmentwurf hat erst begonnen. Es bleibt abzuwarten,
welche Kräfte sich letztendlich durchsetzen.
Die Gründer der Partei Die Linke wollten 2007 Barrikaden
gegen die neoliberale Offensive errichten. Die Partei sollte
zum Zentrum von Gegenwehr werden, zum parlamentarischen
Arm der außerparlamentarischen Opposition. Dort, wo die
Partei mitregiert, ist nichts daraus geworden. Sie ließ
sich einbinden in die angeblichen Gesetzmäßigkeiten
des Neoliberalismus und in die eines krisengeschüttelten
Kapitalismus. Der parlamentarische Kretinismus macht sich breit.
Andererseits wird der Anpassungskurs durch die gegenläufige
allgemein-politische Entwicklung gebremst werden, stehen wir doch
mitten in der zweiten Finanzkrise, die zur Krise der EU sich auszuweiten
droht. Dazu rückt der Zahltag für die Wirtschaftskrise
I immer näher. Die Werktätigen werden sich wehren, die
Verhältnisse noch instabiler werden. Eine Linkspartei, die
darauf nicht reagiert, macht sich wieder überflüssig.
Ausgeschlossen ist auch nicht eine politische Zuspitzung, welche
die Partei radikalisiert. Eine marxistische Partei wird daraus
nicht. Ihr Vorhandensein ist auch kein erneuter Start zu
einer sozialistischen Umgestaltung, wie kürzlich der
trotzkistische Funke meinte.
Hans Modrow, einst SED-Bezirksleiter und späterer DDR-Ministerpräsident,
hob kürzlich hervor, dass die deutsche Linkspartei in Europa
einmalig sei. Wenn man Vergleiche zieht mit den politischen Zuständen
in europäischen Ländern, die vor dem Zusammenbruch des
Realsozialismus eine kämpferische Arbeiterbewegung und eine
militante Kommunistische Partei hatten, muss man ihm zustimmen.
Was sich in Italien abspielt, ist erschütternd; aber auch
in Spanien, Frankreich, Österreich usw. schaut es schlecht
aus. Und wer hätte in Deutschland vor 15 Jahren vorausgesagt,
dass eine linke Partei sich erfolgreich entwickeln könnte?
Dass über die Rosa-Luxemburg-Stiftung breite Aufklärung
im sozialistischen Sinn betrieben werden kann? Dass die Gewerkschaften
zumindest wieder einen Arm im Parlament haben, auch die Friedensbewegung?
Wenn Die Linke die außerparlamentarische Opposition nicht
ausreichend stützen und aktivieren kann, liegt das nicht
nur an ihr, sondern am mangelnden Klassenbewusstsein der Massen.
Die Verantwortlichen der Rosa-Luxemburg-Stiftung haben sich kürzlich
einen Fauxpas geleistet, der jedem Begriff von Meinungsfreiheit
ins Gesicht schlägt, als sie die Veranstaltung mit Norman
Finkelstein über die verheerende rechtsradikale Politik der
israelischen Regierung durch Verbot auffliegen ließen. Das
war glatte Zensur und eine Schande für die Linkspartei.
Der politische Charakter der Linkspartei ist zwiespältig.
Einerseits hält sie progressives Denken und Handeln aufrecht,
tritt in der Regel für die sozialen Belange der Massen ein,
ist sie die einzige Anti-Kriegspartei im Lande. Als Partei kann
sie die gesellschaftlichen Missstände anprangern oder zumindest
manche zur Sprache bringen, was nicht wäre, wenn es sie nicht
gäbe. Sie kann auch manches ändern oder abmildern, da
sie allein in ihrer Funktion als Wahlkonkurrenz Druck auf andere
Parteien, vor allem auf die SPD, ausübt. Andererseits trägt
auch Die Linke dazu bei, die tatsächliche Lage zu verschleiern
und lenkt die Massen von den wahren Gründen ab und verschweigt
den einzigen Ausweg, der aus dem Irrsinn von Konjunktur-Krise-Krieg
führt: den Sozialismus. Wer nur die Auswüchse des Kapitalismus
bekämpft, verhindert die Erkenntnis, dass die Wurzel des
Übels das System selbst ist, das beseitigt werden muss.
Wer die wirkliche Rolle des bürgerlichen Staates als ideeller
Gesamtkapitalist verschweigt und unterschlägt, dass dieser
Staat die Klassenherrschaft mit allen Mitteln, auch mit Gewalt,
versuchen wird, durchzusetzen, der züchtet die Illusion des
Stimmzettels. Der schlägt den Massen die einzige Waffe aus
der Hand, alles von Grund auf zu ändern: das Mittel des Klassenkampfes.
Insofern trägt die Linkspartei zu Verwirrung und Zwietracht
bei.
Mag das unter den heutigen unreifen Verhältnissen noch nicht
so relevant sein, bei der Zunahme stärkerer Bewegungen würden
die Gegensätze zu den revolutionären Positionen relevant.
Ein gewisses Konkurrenzverhältnis zu den verbliebenen kommunistischen
Kleingruppen besteht darin, dass die Linkspartei Kräfte von
ihnen abgezogen hat, die dort nun fühlbar fehlen.
Es geht nicht um jene, die halb resignierend inaktiv geworden
waren und bei der Linkspartei reaktiviert worden waren. Doch die
an sich schon schrumpfenden marxistischen Kleingruppen, aber auch
die DKP, haben Mitstreiter verloren, die sie im Rahmen der eigenen
Organisation dringend weiter gebraucht hätten. Da wir überzeugt
sind, dass das Weiterbestehen marxistischer Kader notwendig ist,
damit der revolutionäre Funke nicht erlischt und die Entstehung
von Klassenbewusstsein entsprechender Förderung bedarf, brauchen
wir jede Genossin und jeden Genossen selbst. Das verbindet sich
mit der Aufgabe, in der Partei Die Linke noch vorhandene marxistische
Kreise zu stärken und nach Möglichkeit für uns
zu gewinnen. Wir hatten bisher die Linkspartei bei Wahlen und
ihren Aktivitäten immer kritisch unterstützt und werden
das auch weiterhin tun. An unserem alten kommunistischen Selbstverständnis
brauchen wir nichts zu ändern, das bestätigen die Ereignisse
dieser Tage eindringlich.
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Der
demokratische Sozialismus eine Worthülse?
Anmerkungen zum Programmentwurf der Partei DIE LINKE
Es
ist meine Pflicht, schrieb Marx im Mai 1875 an Bracke, ein
nach meiner Überzeugung durchaus verwerfliches und die Partei
demoralisierendes Programm (gemeint ist das Gothaer Programm der
SPD, G.A.) auch nicht durch diplomatisches Stillschweigen anzuerkennen.
Jeder Schritt wirklicher Bewegung, fuhr er fort, ist
wichtiger als ein Dutzend Programme. (Marx/Engels, Ausgewählte
Briefe)
Ein linkes Programm ist an die gesellschaftliche Bewegung anzubinden
und nicht umgekehrt. Des weiteren hat es die soziale, wirtschaftliche
und politische Realität wie das herrschende Bewusstsein mindestens
in Umrissen zu benennen. Ein gewisses Maß an theoretischer
Triftigkeit sollte es nicht vermissen lassen. Schließlich
ist anzugeben, an welchen Bruchstellen linke Aktivitäten greifen
können und über die Verteidigung des Istzustandes bzw.
Sozialreform in die sozialistische Richtung weisen. Die den Programmentwurf
durchaus markierenden antikapitalistischen Aussagen bleiben dabei
stehen.
Die Autoren machen sich leider nicht die Mühe, die obwaltenden
Bedingungen zu skizzieren. Dabei ist das für jeden Ansatz linker
Politik unverzichtbar. Für die BRD und weithin die westliche
Welt muss gelten, dass das Kapital im wesentlichen unangefochten
im Sattel sitzt und die Lohnarbeiter sowie andere abhängige
Schichten sich damit wohl oder übel arrangieren. Trotz allen
Murrens und gelegentlich aufflackernden Widerstands haben sie ein
entpolitisiertes Bewusstsein. Die Arbeiterklasse an sich ist meilenweit
davon entfernt, zur Klasse für sich zu werden. Sie weiß
sehr wohl, dass sie im historischen und internationalen Vergleich
trotz aller Unbill relativ gut da steht, hat insofern mehr zu verlieren
als ihre Ketten. Eine nach vorn drängende Bewegung in ihr ist
nur in einer Minderheit auszumachen. Was sich sonst in der Gesellschaft
umtut, ist um single point-issues gruppiert, von wenigen
Ausnahmen wie Attac und eben DIE LINKE abgesehen. Der Programmentwurf
nimmt nicht einmal das wenige, was ihm der gesellschaftliche Prozeß
zuspielt, auf und flüchtet daher in die Ausmalung idealer Zustände,
der jede/r Linke und sogar Linksliberale zustimmen kann. Mehr noch,
er versucht, den hochgemuten Schein der bürgerlichen Gesellschaft
gegen sie zu wenden vermutlich in der Hoffnung, dass dies
der Köder sei, an dem sich die Fische festbeissen.
Ich möchte Revue passieren lassen, wie schwachbrüstig
die theoretisch-politische Grundlage ist, auf die sich der Programmentwurf
stützt. Er bezieht sich weit weniger auf Marx als auf die französischen
Sozialisten des 18. Jh.s, Wilhelm Weitling, Rudolf Hilferding und
Viktor Agartz. Das ist keine Geschmacksfrage, sondern eine des Tiefgangs.
So werden weder der Staat als politische Formation noch sein Verhältnis
zur Ökonomie in den Blick genommen. Die Machtfrage, vor der
früher oder später jede sozialistische Bewegung steht,
wird mit Begriffen wie Zurückdrängung oder
Überwindung der Kapitalherrschaft mehr vernebelt
als geklärt. Überhaupt ist im Programmentwurf das Politische
in der Dialektik von Unterdrückung und Befreiung unterbelichtet,
wie auch zentrale Fragen etwa des brisanten Verhältnisses von
Individuum und Kollektiv gar nicht erst auftauchen.
Die
kleinen und doch wichtigen Differenzen: Erster Durchgang
Schon auf S. 3 heißt es: Die ungebändigte Freiheit
der Finanzhaie bedeutet Unfreiheit für die Mehrheit der Menschen
ein sprachlich und sachlich hinkender Satz. Der Verdacht
drängt sich auf und wird im folgenden mehrfach bestätigt,
dass es nicht um die gewöhnliche und alltägliche Ausbeutung
im Kapitalismus geht, sondern um seine neoliberalen Auswüchse,
die es zu bekämpfen gelte. Diese verschärfen die Lage
der abhängig Erwerbstätigen, wohl wahr, aber jene geht
darin nicht auf. So bleibt auch die postulierte nachhaltige
Entwicklung anstelle profitorientierten Wachstums trotz aller
Wortkaskaden merkwürdig blass. Der nachfolgenden Auflistung
der Ziele der LINKEN kann man ohne weiteres zustimmen, Wichtiges
und Richtiges ist darin angepeilt. Das gilt auch für den historischen
Abschnitt. Ob es allerdings die Friedensbewegung war, welche die
Blockkonfrontation des Kalten Krieges aufweichte, ist wohl doch
etwas hoch gehängt. Die Zeilen über den Sozialismus in
der SU und DDR eiern um die historischen Bedingungen, unter denen
er belastet und gewagt war, herum. Was als Lehre und Substanz dieser
Erfahrungen anzusehen ist, wird nicht gesagt. Stattdessen wird eine
Gesellschaft im Einklang mit der Natur, die sich auf Freiheit und
Gleichheit gründet, eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung
in den Himmel sozialistischer Träume gehängt. (S. 5)
In den Ausführungen zur Wirtschaftskrise kriegen Finanzkapital
und Neoliberalismus ihr Fett ab. Es stimmt, dass sich das anlagesuchende
Kapital vermehrt in die Finanzmärkte wirft und damit ein dramatisches
Übergewicht gegenüber dem realwirtschaftlichen Kapital
erhält. Nicht jede Vermehrung des leihbaren Geldkapitals
zeigt wirkliche Kapitalakkumulation oder Erweiterung des Reproduktionsprozesses
an. (Marx, Kapital III,502). Seine anscheinend selbsttätige
Bewegung ist nur möglich und nötig, weil das Kapital in
seiner ständigen Vergrößerung an die Grenze der
zahlungsfähigen Nachfrage stößt und somit in die
Krise samt den bekannten Folgen gerät, die vom spekulativen
Kapital und seinen hoch geschraubten Renditeerwartungen ausgelöst
und verschärft, aber nicht hergestellt wird. Es ist daher auch
nicht der Neoliberalismus, der eine Krise der Zivilisation
(S. 7) bewirkt; vielmehr begleitet diese den Kapitalismus von Anbeginn.
Die Staaten und die Weltgesellschaft bleiben Geisel der Vermögensbesitzer
und Spekulanten (S. 7) das waren sie allerdings auch
schon vorher im normalen industriellen Kapitalismus
und werden es auch im postmodernen sein, wenn ihnen nicht gegen
das gewöhnliche und spekulative Kapital aufgeholfen wird. Das
trifft ebenfall auf die kapitalistische Inwertsetzung natürlicher
Ressourcen zu, die sich Monsieur le Capital von Madame
la Terre aneignet. Nach dem Programmentwurf ist es übrigens
die ökologische Malaise, welche die Systemfrage
(S.8) stellt, nicht etwa die Destruktivität des Kapitalismus
als Produktionsform überhaupt. Es ist daher auch kein Zufall,
dass die entfremdeten und teilweise elenden Arbeits- und Lebensbedingungen
der arbeitenden Bevölkerung im Visier der demokratischen Sozialisten
gar nicht erst auftauchen.
Diese benennen ihre Vorstellungen vom 21. Jh., die um die Veränderung
der Eigentumsverhältnisse und eine radikale Erneuerung
der Demokratie (S.9) kreisen. Ich muß und will es mir
hier ersparen, auf die Vorschläge im einzelnen einzugehen.
Ihre Realisierung wird von vielen kleinen und großen
Reformschritten, von Brüchen und Umwälzungen von revolutionärer
Tiefe gekennzeichnet. Das hätte man schon gern etwas
genauer gewusst! Im folgenden (S. 10-17) wimmelt es nur von floskelhaften
Schlagworten, deren beliebteste demokratisch, öffentlich
und gerecht sind, ohne dass auch nur einmal ausgeführt
wird, was das inhaltlich bedeutet und wie es vor sich geht. Diese
Wunschliste kann im Grunde jede/r Progressive unterschreiben, ohne
dass er damit schlauer wäre.
Merkwürdigerweise erscheint nicht einmal in Ansätzen eines
der zentralen Probleme des zeitgenössischen und wahrscheinlich
zukünftigen Kapitalismus, die der Programmentwurf entweder
ausblendet oder bieder arbeitsorientiert beantwortet. Das ist erstens
das Recht auf Faulheit (Lafargue gegen Marx) oder, vornehmer
ausgedrückt, das Recht auf Muße und selbstbestimmte Tätigkeit.
Das ist zweitens die vermutlich nicht umkehrbare Entwicklung, dass
im hochproduktiven Kapitalismus eine relativ schrumpfende Erwerbsbevölkerung
einen mindestens konstanten Anteil Erwerbsloser alimentiert. Darin
zeigt sich nichts weniger als die strukturelle Krise der kapitalistischen
Produktionsverhältnisse. In dem Maße aber, wie
die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung
des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit
und dem Quantum angewandter Arbeit, als von der Macht der Agentien,
die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden...und
die selbst wieder in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren
Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt
vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie.
(Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 592)
In beiden Momenten liegt ein systemsprengendes Potential.
Der letzte Abschnitt Gemeinsam für einen Politikwechsel
und eine bessere Gesellschaft (17f.) kann nach dem Gesagten
keine großen Überraschungen mehr bergen. Man strebe ein
breites gesellschaftliches Bündnis gegen Neoliberalismus und
Kapitalherrschaft an und trete für eine linke demokratische,
soziale, ökologische und friedliche Politik zur solidarischen
Umgestaltung der Gesellschaft ein. Es ist unklar, an wen man
damit wie anknüpfen will und bleibt schließlich an der
Entwicklung von langfristigen Reformalternativen hängen.
Letztendlich geht es dem Programmentwurf genau darum: den Sozialstaat
wieder zu gewinnen und auszubauen, ohne auch nur ein Wort darüber
zu verlieren, dass er sich einer spezifischen historisch-politischen
Konstellation verdankte, die sich heute in ihr Gegenteil verkehrt
hat und nur wenn überhaupt mit einer gewaltigen
Kraftanstrengung wieder herzustellen wäre. Der postulierte
Druck außerparlamentarischer Bewegungen auf linke Parlamentarier
ist allerdings nicht zu sehen. Diese agieren weitgehend allein im
parlamentarischen Raum und es ist noch gar nicht ausgemacht,
dass er sie nicht schlucken wird. Das System, um Goethes Faust
zu zitieren, hat einen großen Magen, der auch
bereits die Grünen verdaut. So bleibt letztendlich offen, was
das heisst: Gemeinsam können wir dieses Land verändern
und eine bessere Gesellschaft aufbauen. (S. 18)
Postmoderne
Jakobiner: Zweiter Durchgang
Wann hätten sich Kapitalismus und bürgerliche Demokratie
je durch ihren idealen Schein, wie ihn etwa Herr Köhler verbreitet,
von ihren alltäglichen und strategischen Interessen abhalten
lassen? Sie akzeptieren ihn, so lange er ihre Kreise nicht stört
und ihnen obendrein höhere Weihen verleiht. Wenn sich allerdings
ökonomische und politische Krisen auch nur am Horizont abzeichnen,
können sie sehr ungemütlich werden, wie ihre Geschichte
und heutige Politik weidlich beweist. Gleichwohl ist es richtig,
an den hehren Postulaten des Grundgesetzes fest zu halten, obgleich
diese (vgl. Verbot des Angriffskriegs und das Asylrecht) immer wieder
durchlöchert werden. Es liegt in dieser Konfrontation durchaus
ein systemüberschreitendes Moment, wie Rosa Luxemburg betonte:
Denn eine wirkliche soziale Demokratie ist nur im Sozialismus möglich
und muss erkämpft werden. Das Grundgesetz wie bürgerliche
Verfassungen überhaupt ist daher bloß Ausgangs-, nicht
Endpunkt der sozialistischen politischen Bewegung.
Wohin es führt, wenn man die Idee einer Sache für die
Wirklichkeit hält, lässt sich in der Geschichte besichtigen.
Die französischen radikalen Republikaner Sansculottes
oder Jakobiner gedachten, die Losungen der Revolution kompromisslos
durchzusetzen. Sie endeten im egalistischen Terror und schließlich
in den Putschplänen Babeufs. Die Produktionsverhältnisse
waren ihnen nicht im Blick. Diese betraten dann in Gestalt der bonapartistischen
Bourgeoisie die Bühne. Ähnliches gilt für die mexikanische
Revolution oder den Februarumsturz 1917 in Russland. Es ist noch
gar nicht ausgemacht, wohin der Hase der LINKEN läuft. Entweder
will er sich nur an den Futterrüben des wie immer gewandelten
herrschenden politischen Systems gütlich tun, oder er wagt
sich ins Freie des sozialistischen Aufbruchs, wie das Andrej Platonov
für die frühe Sowjetunion meisterhaft beschrieb. Der ist
freilich voller Wagnisse und Untiefen. Wer indes als Sozialist die
kapitalistische Produktions-, Konsum- und Legitimationsmaschine
unterschätzt und mit einem Salto im vorgestellten Wunschland
landen will, den bestraft das Leben.
Gerhard
Armanski
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Dresden
2010 Sie kamen nicht durch!
Ein
Erlebnisbericht
Am
13. Februar 2010 sollte anlässlich des 65. Jahrestages der
Bombardierung Dresdens ein Trauermarsch, organisiert
von der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland, stattfinden.
Gerechnet wurde zur Feier des Tages mit bis zu 8000
Neonazis aus dem In- und Ausland.
Aber sie kamen nicht durch!
Zu verdanken ist das dem Bündnis Dresden Nazifrei.
Nachdem jahrelang von zivilgesellschaftlichem Engagement in Dresden
nichts zu sehen war, schaffte es das Bündnis, bürgerliche
Organisationen und autonome Antifa mit einem von allen getragenen
Aktionskonsens auf die Straße zu bringen. Als Mittel des zivilen
Ungehorsams wurden Massenblockaden gewählt, von denen keine
Gewalt ausgehen würde.
Primäres Ziel war es, den Aufmarsch der Rechten nicht stattfinden
zu lassen; die Kritik am Gedenken, geprägt durch Opfermythos,
muß an anderer Stelle stattfinden!
Ob die Menschenkette von OB Orosz (CDU) zu Einem von Beiden beitrug,
darf bezweifelt werden. Auch wenn fast 10.000 Menschen dort versammelt
waren von denen einige danach zu den Blockaden wollten, aber von
Beamten daran gehindert wurden, stand doch das Gedenken und der
Schutz ihrer Altstadt im Vordergrund.
Gegen das Bündnis gerichtete Repressionen wenige Wochen zuvor,
wie das Beschlagnahmen von Werbematerial und Sperrung der Webseite,
führte nicht zur erhofften Spaltung von guten und bösen
Gegendemonstranten, im Gegenteil eine große Solidarisierungswelle
setzte ein. Mehr als 600 Organisationen und 2000 Privatpersonen
traten als Unterstützter auf. Viele dachten sich jetzt
erst recht! und buchten sich in einen der mehr als 200 Busse
aus ganz Deutschland nach Dresden ein.
Andere kamen mit dem Zug oder dem eigenen Auto, was nicht ohne Risiko
war, wie man sich noch an Angriffe auf den Gewerkschaftsbus vom
Vorjahr erinnern kann. Das Verfahren hierzu wurde übrigens
pünktlich zum Jahrestag eingestellt!
Wir aus Berlin starteten in einem Konvoi mit 27 Bussen, um kurz
vor Dresden mit den anderen Konvois aus Mecklenburg-Vorpommern und
Sachsen-Anhalt, angewachsen auf 40 Busse, bangend der eventuellen
Polizeikontrollen, gemeinsam in die Dresdner Innenstadt zu fahren.
Aber das frühe Aufstehen hatte sich gelohnt, wir wurden nicht
aufgehalten und konnten fast direkt zu unserem Blockadepunkt am
Neustädter Bahnhof gebracht werden. Dort an der Hansastraße
liessen wir uns nieder und blieben!
Sämtliche Menschenansammlungen auf Neustädter Seite waren
im Vorfeld verboten worden, aber bereits ab 9:00 Uhr morgens starteten
erste Blockadeversuche, eintreffende Busladungen stießen dazu,
sportive Kleingruppen in der Umgebung taten ihr übriges, um
die knapp 5700 Polizeibeamten aus dem gesamten Bundesgebiet bei
Laune zu halten. Dies muß explizit erwähnt werden, da
eben vielfältigste Widerstandsformen abseits der Blockaden
zu deren Gelingen beitrugen. Ob es die ein oder andere brennende
Mülltonne oder zwei Blockaden auf den Gleisen waren, die Kräfte
der eh schon überforderten Beamten wurden aufgerieben und sie
konnten nicht zur Räumung der Blockaden eingesetzt werden!
Abgesehen davon gab es auch Nazigruppen, die auf eigene Faust unterwegs
waren, wodurch es zu einigen tätlichen Angriffen auf Passanten
und Beamte kam. Zwischen einer dieser Gruppen und aktiven Antifaschisten
kam es zu direkten Auseinandersetzungen, bei denen keinerlei Beamte
anwesend waren.
Trotzdem darf man der Einsatzleitung unterstellen, eher deeskalierend
vorgegangen zu sein. Dafür sprechen auch die Zahlen: 29 polizeiliche
Gewahrsamnahmen, 27 leicht Verletzte.
Ob die kurz vorher von Sachsens Innenminister eingekauften Pepperguns,
aus den USA stammende Pistolen für den personenbezogenen Einsatz
von Pfefferspray, zum Einsatz kamen, entzieht sich meiner Kenntnis,
einige Kleinblockaden durften trotz der eisigen Temperaturen Wasserwerfereinsätze
über sich ergehen lassen.
Die Demosanitäter sprachen sonst von den üblichen Verletzungen
durch Schlagstockeinsätze und Tränengas.
Erst gegen 14:00 Uhr war dann der größte Teil der ca.
6400 Nazis am Neustädter Bahnhof angelangt. In einigen Blockaden
befand sich Politprominenz, wie z.B. Bodo Ramelow, welche als Verhandler
mit der Polizei auftraten. Die Stunden in der Kälte wurden
durch mobile Volksküchen und Musik aus dem Lautsprecherwagen
erhellt, die Stimmung war durchweg gut. Außerordentlich wichtig
war auch das gute Netz vor Ort zum Informationsaustausch! Ob der
freie Radiosender ColoRadio, der live von den Blockaden
berichtete, das Infotelefon, Twitter oder Liveticker- man wusste
immer ob der Lage Bescheid und konnte sich entsprechend verhalten.
Als um 17:00 Uhr endlich von der Einsatzleitung verkündet wurde,
dass der Aufmarsch nicht stattfinden kann, da die Sicherheit
für die Aufzugsteilnehmer nicht zu gewährleisten war,
brach Jubel aus!
Im Nachhinein wurde auch bestätigt, Ursache waren zahlreiche
Blockaden an der Aufzugstrecke. (Polizeibericht Sachsen 13.2.10)
Das Pack wurde also über den Dammweg, allerdings mit Zwischenkundgebung,
zurück zu ihren Bussen am Stadtrand geleitet, von denen einige
für die Heimfahrt aber nicht mehr geeignet waren.
Die Blockaden wurden mit einer lauten Spontandemonstration durch
die Altstadt aufgelöst, die Berliner Reisegruppe durfte noch
eine Stunde Extraaussicht auf die Elbe genießen, ob zu irgendjemandes
Sicherheit oder als Schikane weiß man nicht.
Frustrierte Neonazis zogen am späteren Abend durch diverse
Orte, in Pirna zerstörten sie das dortige SPD Büro, in
Magdeburg gab es einen Angriff auf das libertäre Zentrum mit
einem Schwerverletzten.
Wir erreichten drei Stunden später müde, aber glücklich
die Hauptstadt.
Die Mainstreampresse beschränkte sich anfangs darauf Bilder
der Menschenkette zu zeigen, noch weiter ging der mdr-sachsen: überschattet
wurde das Gedenken von Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten
der rechts- und linksextremen Szene.
Resumee: Erfolg brachte die breite Bündnisarbeit und die großartige
Organisation durch sämtliche lokale Gruppen im Vorfeld! Und
natürlich die knapp 12.000 Menschen, die trotz der Kälte
ausharrten!
Auf Naziseiten wird bereits für den Aufmarsch 2011 mobilisiert,
doch davor kommt der 1. Mai in Berlin- Widerstand muß praktisch
sein!
S.
Quellen:
Indymedia.org, junge Welt, Freie-radios.net Beitrag 32238, mdr-sachsen
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Zwanzig
Jahre danach
Es war ein Tag der
überaus festlichen Reden

Es
war schon schwer zu ertragen, in welcher Form und mit welchem Propagandaaufwand,
die staatstragenden Akteure der BRD in diesem Jahr die Novemberereignisse
in der DDR vor 20 Jahren feierten. Wochenlang vorher wurde die Öffentlichkeit,
in allen Fernsehkanälen und Rundfunkanstalten, mit Dokumentationen
über den Unrechtsstaat DDR, über seine Stasi,
oder über die Misswirtschaft der sozialistischen Planwirtschaft
aufgeklärt. Ehemalige Dissidenten und
selbsternannte Bürgerrechtler kamen zu Wort und
brachten ihre Genugtuung über den Fall der Mauer und das Ende
der DDR zum Ausdruck. Es war wohl kein Zufall, dass diejenigen die
damals eine bessere DDR wollten, jedoch keineswegs den Sozialismus
abschaffen, kaum zu Wort kamen. Das konnte nicht erwartet werden
und eine differenzierte Betrachtung der DDR war auch nicht gefragt.
Ging es bei diesem Unternehmen doch einmal mehr um die Delegitimierung
der DDR. Deshalb war viel von Freiheit und Demokratie und dem Glück
der friedlichen Revolution die Rede.
Den Vogel schoss dabei Bundespräsident Köhler in Leipzig
ab. In seiner Rede anlässlich der Großdemonstration der
70.000 am 9. Oktober 1989, die den Verfallsprozess der DDR maßgeblich
vorantrieb, meinte Köhler:
Als Pfarrer Christian Führer am 9. Oktober nach dem allwöchentlichen
Montagsgebet die Türen der Nikolaikirche öffnete, da war
der Vorplatz schwarz vor Menschen.
Da waren 70.000. Sie mussten
mit dem Schlimmsten rechnen, denn es gab klare Drohungen. Zeugenaussagen
und Dokumente belegen: In den Betrieben wurden die Belegschaften
angewiesen, die Innenstadt zu meiden, denn da werde Blut fließen.
In den Schulen wurde den Kindern gesagt: Geht nicht in die Stadt
heute, da könnte etwas Schlimmes passieren. Das
Wort von der chinesischen Lösung machte die Runde.
Vor der Stadt standen Panzer, die Bezirkspolizei hatte Anweisung,
auf Befehl ohne Rücksicht zu schießen. Die Herzchirurgen
der Karl-Marx-Universität wurden in der Behandlung von Schussverletzungen
unterwiesen, und in der Leipziger Stadthalle wurden Blutplasma und
Leichensäcke bereitgelegt.
Hier zeigt sich, dass blinder Antikommunismus wirklich blind macht.
Denn nichts stimmte an Köhlers Beitrag, was in den Folgetagen
zumindest in Sachsen zu erregten Diskussionen führte. Weder
gab es Schießbefehle, noch standen vor der Stadt Panzer, noch
wurden Blutplasma und Leichensäcke in einer Stadthalle bereitgelegt,
die es in Leipzig gar nicht gibt. Peinlich, peinlich. Auf Köhlers
Internetseite kann man jetzt lesen, dass er seine Behauptungen einer
Broschüre entnommen habe, über die der Autor nach der
peinlichen Rede des Bundespräsidenten festgestellt hat: er
habe für diese Angaben noch keine ausreichenden Belege, es
sei weitere Forschung nötig. Doch gesagt ist gesagt!
Die
Bourgeoisie feiertihren Sieg
Es
war die Feier der internationalen Bourgeoisie über ihren
Sieg über den Sozialismus. Den Höhepunkt bildete schließlich
die Veranstaltung am 9. November in Berlin. Gut gelaunt und
tief gerührt, wie die Sächsische Zeitung (SZ) schrieb,
feierte Berlin mit Andachten, Aktionen und einer großen Zahl
prominenter Gäste aus aller Welt den Jahrestag des Mauerfalls.
Mit dabei, natürlich, die antikommunistischen Leuchttürme
Lech Walesa und seine deutschen Freunde Biermann, Klier, Stephan
Krawczyk (im MDR sprach dieser über seine Freude über
unsere demokratische Marktwirtschaft) und Andere. Es
war ein Tag der überaus festlichen Reden, schrieb die
SZ und zitiert die Kanzlerin: Den Mauerfall nannte Merkel
das Ergebnis einer langen Geschichte von Unfreiheit und Kampf
gegen Unfreiheit. Solche Reden gehen offensichtlich
ans Gemüt, denn, so die SZ, so mancher Besucher wischte
sich verstohlen Tränen der Rührung aus den Augen.
Zehntausende Besucher sollen es laut der Medien in Berlin gewesen
sein. Und wenn man die Parteilichkeit der bürgerlichen Medien
kennt, kann man sich vorstellen, dass die Zahlen bei einer so erhebenden,
nationalen Veranstaltung eher schön als real gerechnet sind.
Im Klartext heißt das: die Begeisterung hielt sich in Grenzen.
Ein Wunder ist das nicht. Die tatsächliche Stimmungslage im
Osten deckt sich halt nicht mit der offiziell dargestellten
Freude der herrschenden Klasse über ihren Triumph.
In
der Sächsischen Zeitung gibt es in den Sonnabendausgaben eine
Rubrik Leserforum, in der ein bestimmtes, vorgegebenes
Thema diskutiert wird. Im Oktober war das Thema: Herbst ´89
Was ist daraus geworden?. Es gab daraufhin so viele
Leserzuschriften, dass der Abdruck auf zwei Ausgaben verteilt werden
musste. Von den fast 40 Leserbriefen äußerte sich nur
einer positiv zu der stattgefundenen Entwicklung und der
stammte von einem zugezogenen Westdeutschen. Alle anderen waren
gekennzeichnet von tiefer Enttäuschung bis zur Ablehnung der
bestehenden politischen Verhältnisse. Sicher, ein Leserforum
drückt nicht repräsentativ die Stimmungslage aus. Doch
weit weg davon ist sie im aktuellen Falle aber nicht. Die Volkssolidarität
gibt seit 1990 einen Sozialreport mit Fakten und Daten zur
sozialen Lage in den neuen Bundesländern heraus. Im Sozialreport
2008 wird das in den Leserbriefen zum Ausdruck gekommene Stimmungsbild
ganz klar unterstrichen. Danach sagen etwa 40 Prozent der Ostdeutschen,
die beste Zeit in ihrem Leben sei ihr Leben in der DDR gewesen.
28 Prozent betrachten sich als die Verlierer der deutschen Einheit.
Und lediglich 23 Prozent erklären, dass sie sich als richtige
Bürger der BRD fühlen, d.h. 75 Prozent sehen sich als
Bürger zweiter Klasse. Und etwa 11 Prozent wollten im Jahre
2008 sogar die DDR wiederhaben.
Das
Roll Back
Das
hat Gründe, die nichts mit DDR-Nostalgie zu tun haben, wie
es bürgerliche Medien zu erklären versuchen, sondern vielmehr
damit, dass die Ostdeutschen den Kapitalismus in der brutalst möglichen
Form kennen lernen mussten. Sie waren in die Wiedervereinigung mit
der Erwartung getaumelt, dass es rasch zu einer Angleichung des
Lebensstandards an den des Westens kommt. Hatte doch Kohl getönt:
Niemand wird es schlechter gehen, aber vielen besser!.
Die Realität sah dann allerdings völlig anders aus. Es
erfolgte das totale Roll back auf jedem politischen und wirtschaftlichen
Gebiet. Der Anschluss bedeutete die Unterwerfung der DDR-Bevölkerung
unter das Regime der BRD, wobei viele Maßnahmen weniger der
Angleichung an die BRD-Verhältnisse geschuldet waren, sondern
vielmehr der Rache der Herrschenden für eine 40 Jahre dauernde,
eigenständige, nichtkapitalistische Entwicklung.
Der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit wurde erklärt,
der Niedergang der Ostökonomie rühre mit daher, dass die
DDR und ihre Wirtschaft im Grunde pleite gewesen seien. Diese Behauptung
gehört allerdings, wie so vieles im Zusammenhang mit der DDR,
in den Bereich der Legenden. Nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank
betrug die Nettoverschuldung der DDR Ende 1989 19,9 Milliarden D-Mark,
also nicht einmal 10 Milliarden Euro. Angesichts der heutigen Staatsverschuldung
der BRD ein geradezu lächerlicher Betrag. Trotzdem spricht
Bundespräsident Köhler, in einer seiner vielen Reden in
diesen Tagen, von den enormen Auslandsschulden der DDR.
Der eigentliche Kollaps erfolgte allerdings erst nach dem Anschluss
an die BRD, als über Nacht die DDR-Wirtschaft dem DM-Wirtschaftsraum
preisgegeben wurde.
Man kann hier nur jenen Wirtschaftswissenschaftlern Recht geben,
die diesen Sachverhalt verglichen mit einem Auto-Rennen zwischen
Trabi und Porsche. Die Wirtschaft im Osten war der des Westens hoffnungslos
unterlegen. Nicht nur, weil die Produktivität der meisten Betriebe
deutlich niedriger war als in den vergleichbaren Westbetrieben,
sondern auch, weil die betriebliche Organisationsstruktur der
einer zentralen Planwirtschaft, und nicht einer kapitalistischen
Konkurrenzwirtschaft entsprach. Die Folge davon war, dass die Produktion
in den folgenden Jahren stark zurückging und in manchen Branchen
fast, oder ganz zum Erliegen kam. So betrug die Industrieproduktion
1994 beispielsweise nur noch 39 Prozent gegenüber 1989. Einbrüche
in solch dramatischer Höhe gab es weder nach dem ersten Weltkrieg
noch nach dem zweiten. Dass im Anschlussgebiet trotzdem alles weitgehend
friedlich blieb, lag an den gewaltigen finanziellen Mitteln, die
man zur sozialen Befriedung ins Land pumpte.
Die Konsequenzen dieser Politik waren trotzdem nicht zu übersehen
und für die Menschen spürbar: Massenarbeitslosigkeit in
noch nicht gekanntem Maße, Preissteigerungen, Mieterhöhungen
und nicht zuletzt Eigentumsrückforderungen bundesrepublikanischer
Fabrik- und Hausbesitzer. Gleichzeitig betrieb die Treuhandanstalt
(THA) die Privatisierung des Industrie-Volksvermögens in einer
Art und Weise, die man heute als die größte Umverteilungsaktion
in der Geschichte des deutschen Volkes bezeichnen kann. Zu Spottpreisen
wurden Betriebe, mit allen Anlagen und Immobilien, zu Privatbesitz
von westlichen Klein- und Großkapitalisten. Die Zusage gegenüber
der THA, die Belegschaft in einer gewissen Höhe, ein oder zwei
Jahre weiter zu beschäftigten, reichte aus, um manchmal für
die symbolische eine Mark Immobilien in Millionenhöhe zu erwerben.
Die Betriebe, die nicht den Gefallen des westlichen Kapitals fanden,
wurden stillgelegt, liquidiert und abgewickelt. Überhaupt:
Abgewickelt wurde fast alles. Angefangen bei Betrieben, Sporteinrichtungen,
Polikliniken, Bildungs- und Forschungseinrichtungen, bis hin zu
Kindertagesstätten und Betriebskindergärten. Alles, was
irgendwie mit dem DDR-Sozialismus zu tun hatte und war es
noch so sinnvoll wurde geschliffen. Lediglich das DDR-Ampelmännchen
ließ man bestehen. Zur weiteren Ernüchterung der Menschen
trugen auch die ihnen gegenüber gezeigte Respektlosigkeit und
Arroganz des West-Aufbaupersonals bei, das sich nicht
selten wie Besatzungstruppen einer siegreichen Armee aufführte.
Das Resultat dieser Politik ist, dass heute, gemessen an dem was
war, die Landschaften im Osten nicht blühend wie versprochen,
sondern weitgehend deindustrialisiert sind. Das erklärt mehr
die Stimmungslage und Befindlichkeit im Osten als alle Analysen
bürgerlicher Politologen, Soziologen, Ökonomen und Pfaffen.
Konterrevolution und Implosion
Die DDR als sozialistischer Staat entstand nicht nach einer siegreichen
Revolution, sondern aufgrund taktischer Überlegungen, basierend
auf den nationalen Interessen der Sowjetunion. Unmittelbar nach
dem Sieg über den Faschismus setzte zwischen den einstigen
Alliierten der kalte Krieg ein, der jederzeit in einen
heißen Krieg umschlagen konnte. Aus diesem Grunde war die
Sowjetunion (SU) daran interessiert, vor dem eigenen Territorium
eine Sicherheitszone zu schaffen. Alle osteuropäischen Länder
im Einflussbereich der SU wurden deshalb aufgrund ihrer Initiative
sozialistisch. Für den Aufbau des Sozialismus war alleine das
schon eine denkbar schlechte Voraussetzung. Für den sozialistischen
Aufbau ist die entscheidende Frage, ob die Arbeiterklasse aktiv
ihren Staat gestaltet und ebenso aktiv zugunsten des Sozialismus
eingreift. Wird die Revolution jedoch durch eine Besatzungsarmee
importiert und nicht aus eigener Kraft errungen, kommt es zu einer
ablehnenden, passiven Haltung der Klasse und nicht zur erhofften
Mobilisierung. Mit Ausnahme der damaligen SBZ und Tschechoslowakei
waren die anderen osteuropäischen Länder hauptsächlich
durch den Agrarbereich geprägt, mit einer nur schwachen Arbeiterbewegung.
Die kommunistischen oder sozialistischen Parteien dieser Länder
waren so allesamt von der SU abhängig und hielten sich kritiklos
an deren politische Vorgaben. Das machte die Ausgangslage für
eine sozialistische Entwicklung ebenfalls nicht besser. Im Übrigen
galt das eingeschränkt auch für die damalige SBZ. Auch
sie befand sich im mehr agrarisch geprägten Teil Deutschlands.
Positiv sehen muss man allerdings, dass es aufgrund der Erfahrungen
mit dem Hitlerfaschismus nach 1945 in der Bevölkerung in allen
Besatzungszonen in Deutschland durchaus Sympathien für den
Sozialismus gab. Trotzdem war die Lage aber in sich widersprüchlich.
Ein nicht geringer Teil der Bevölkerung hatte sich mit den
Nazis eingelassen und hatte den Faschismus mitgetragen. Die Jugend,
durch die Nazis sozialisiert, war rassistisch und antikommunistisch.
Es gab tiefe Ressentiments gegen die Russen und alle
Vorurteile schienen dann durch das Auftreten und die Politik der
Besatzungsmacht bestätigt. Der Osten Deutschlands und später
die DDR, wurden nämlich durch die SU, im Gegensatz zum Westen,
konsequent zu Reparationsleistungen herangezogen, was natürlich
spürbare Auswirkungen auf die Versorgungslage der Bevölkerung
hatte.
Das war im Osten Deutschlands also die Ausgangslage für den
Versuch den Sozialismus aufzubauen. Und die war denkbar schlecht.
Die Mehrheit der entscheidenden Klasse, die Arbeiterschaft, stand
ihrem eigenen Staat weitgehend passiv und auch oppositionell gegenüber.
Zum ersten Mal zeigte sich das offen in dem Aufstand am 17. Juni
1953. Nur mit Hilfe der SU konnte die SED ihre Position behaupten.
Einen maßgeblichen Beitrag für die krisenbehaftete Entwicklung
der DDR leistete zweifellos auch der westdeutsche Staat mit breiter
Unterstützung aller anderen imperialistischen Staaten. Von
Seiten der BRD wurde solange die DDR bestand alles getan um diese
zu destabilisieren. Dabei wurden so ziemlich alle schmutzigen Mittel
des kalten Krieges eingesetzt. Der entscheidende Hebel
aber war die Stärke der westdeutschen Ökonomie. Trotz
immenser Anstrengungen seitens der DDR und der anderen sozialistischen
Staaten die Entwicklung der Produktivkräfte voranzutreiben,
blieb der sozialistische Block gegenüber dem kapitalistischen
Westen ökonomisch deutlich im Hintertreffen. Für die DDR
hatte das weit reichende Auswirkungen. Die eigene Bevölkerung
hatte durch Fernsehen, Rundfunk und verwandtschaftliche Beziehungen
in den Westen ständig das westliche Schaufenster
mit seinen kapitalistischen Verlockungen vor Augen.
Dadurch wurden Begehrlichkeiten geweckt, die die DDR-Ökonomie
nicht befriedigen konnte. Zwar wurde in der Dekade zwischen 1960
und 1970 versucht ökonomische Reformen, welche die Versorgungslage
verbessern sollten, durchzusetzen, doch scheiterten diese aus den
besagten Gründen der fehlenden Akzeptanz der Bevölkerung
und der Arbeiterklasse. An Stelle einer lebendigen sozialistischen
Demokratie machte sich Bürokratismus, Opportunismus und Dogmatismus
breit. Alle Versuche der Partei in der Arbeiterklasse eine Massenbasis
für den Sozialismus zu finden wurden so konterkariert.
Der Mauerbau und die zunehmende Repression war die notwendige Konsequenz,
die sich aus dieser Gesamtsituation ergab. Den Kommunisten in der
DDR blieb, aufgrund der inneren politischen Isoliertheit und der
von außen kommenden politisch-ideologischen Konfrontation,
oft nur die Möglichkeit auf Tagesnotwendigkeiten zu reagieren;
die Not zu wenden. Da blieb nur wenig Spielraum für
marxistisches Schöpfertum. Eine andere Politik hätte die
Kapitulation vor dem Imperialismus bedeutet, wie die Ereignisse
nach dem 9. November 1989 beweisen. So hat man weiter vor sich hingewurstelt,
versucht den Staus quo zu halten und damit in Kauf genommen, dass
sich die Stimmung im Land weiter verschlechterte. In einem Leserbrief
an Neues Deutschland drückt ein Leser das folgendermaßen
aus:
Wir hatten in der DDR vieles erreicht. Eines aber nicht: Der
Bevölkerung all die Dinge im ausreichenden Maße anzubieten,
die das Leben angenehmer machen. Und genau davon haben wir uns in
den späten 80ern immer weiter entfernt. Die bekannten Versorgungslücken.
Während der aus gewerkschaftlichen Schulen der sozialistischen
Arbeit und dem Parteilehrjahr bekannte absterbende und
verfaulende Kapitalismus gesehen im Westfernsehen
immer Neues und immer Schöneres und das auch noch im Überfluss
anzubieten hatte. Die waren genau damit Sieger im ökonomischen
Systemwettstreit.
Bekanntlich wurde Freiheit und Demokratie
in den montäglichen DDR- Abendhimmel gerufen. Auch Reisefreiheit.
Dorthin, wo Bosch-Bohrhammer, Commodore C64 oder Videorecorder zum
Kauf auslagen, blieb unausgesprochen.
Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt. Mit der Öffnung
der Mauer am 9. November 1989 war das Ende der DDR eingeleitet.
Innerhalb Jahresfrist implodierte der sozialistische Staat, wie
auch die anderen sozialistischen Staaten. Der Sieg des Imperialismus
stand damit fest. Seine auf ökonomischer Überlegenheit
basierende Konterrevolution hat das sozialistische Lager letzten
Endes zertrümmert. Das waren die objektiven Gründe und
weniger die zweifellos vorhandenen Demokratiedefizite.
Lupenreine Demokraten
Bei den Feierlichkeiten vor dem Brandenburger Tor gaben sich die
international vereinigten Bourgeois als lupenreine Demokraten. Sie
feierten ihre Freiheit. Sie feierten die Freiheit ihr Kapital seit
zwanzig Jahren auch im Osten ungehemmt verwerten zu können.
Verpackt wurde ihre Freude darüber mit dem hehren Werte
der Demokratie. Das hört sich gut an und das macht was her,
wenn die Merkel darüber schwadroniert und meint, dass der Mauerfall
das Ergebnis einer langen Geschichte von Unfreiheit und Kampf
gegen Unfreiheit sei.
Was Merkel dabei nicht sieht, bzw. wegen ihres Klassendenkens nicht
sehen kann, ist, dass die umfassende Unternehmerfreiheit, die heute
besteht, gleichzeitig die soziale Unfreiheit für die ganz große
Mehrheit der Menschen in der kapitalistischen Welt voraussetzt.
Verwischt wird dieser Widerspruch allerdings durch den Umstand,
dass die bürgerliche Freiheit dem Einzelnen in großem
Maße freie Bewegung gewährt. Sichtbar wird die soziale
Unfreiheit für die Mehrheit der in Abhängigkeit gehaltenen
Menschen deshalb erst dann, wenn durch tiefe ökonomische Krisen
deren eigene Existenz infrage gestellt ist und die bürgerliche
Ideologie ihre Zusagen an Freiheit, Demokratie und Wohlstand nicht
mehr halten kann. Der Marxist Leo Kofler hat das in einem Aufsatz
so formuliert: Die bürgerliche Demokratie ist nur eine
Form, hinter deren goldgelbem Aufputz sich die Diktatur der Bourgeoisie
verbirgt, jederzeit bereit, offen hervorzubrechen, wenn ein ernster
Schritt von der bloß formalen zur sozialen Freiheit hin getan
werden soll, d.h. ein Schritt, der das bürgerliche freiheitsfeindliche
Monopol an den Produktionsmitteln zu erschüttern droht
(Leo Kofler: Warum ich Marxist geblieben bin. 1988).
Mit äußerster Brutalität und Gewalt ist die Bourgeoisie,
seit Anbeginn ihrer Geschichte, immer gegen diejenigen vorgegangen,
die von ihr die soziale Freiheit einklagen wollten. Da war dann
Schluss mit Demokratie und Menschenrechten! Mit solchen Betriebsunfällen
der Geschichte gehen bürgerliche Kreise im Nachhinein
sehr verständnisvoll und nachsichtig um. Da ist man dann schnell
bereit Schlussstriche zu ziehen. So konnten beispielsweise bereits
zwanzig Jahre nach der Zerschlagung des Hitler-Faschismus der KZ-Baumeister
Lübke Bundespräsident, ein im Goebbels´schen Propagandaapparat
dienender Mann namens Kiesinger Bundeskanzler und der Nazihenker
Filbinger Ministerpräsident werden. Weniger Toleranz dagegen
bringt man gegenüber der Linken auf. Da ist man über jede
linke Vergangenheit auf das Äußerste empört. Da
gibt es auch keine Verjährungsfristen und Gnade.
Und deshalb fordern aktuell auch lupenreine Demokraten in Brandenburg
den Rücktritt von zwei Landtagsabgeordneten der Partei Die
Linke wegen ihrer angeblichen Stasi-Verstrickungen.
Das darf einen aber nicht wundern. Sie können schlichtweg nicht
aus ihrer bourgeoisen Haut. Sie offenbaren aber damit das, was bürgerliche
Doppelmoral und bürgerliche Demokratieauffassung bedeutet.
Demokratie und Sozialismus
Der real existierende Sozialismus scheiterte, weil er es nicht schaffte,
die Produktivkräfte in einer den hoch entwickelten imperialistischen
Ländern überlegenen Qualität zu entwickeln. Diese
Schwäche führte objektiv zur Deformation des Sozialismus,
zu dem sich die Träger der gesellschaftlichen Veränderung,
die Arbeiterklasse, mehrheitlich distanziert verhielten. Eine reale,
lebendige Demokratie mit einer neuen Qualität, in der die Werktätigen
über ihre Angelegenheiten individuell und kollektiv tatsächlich
und nicht nur formal entscheiden, kam so nicht zustande. Die historischen
Ursachen, in Bezug auf die DDR, wurden ansatzweise beschrieben.
In modifizierter Form sind sie auch auf alle anderen sozialistischen
Länder übertragbar. Da es der SED, wie allen anderen sozialistischen/kommunistischen
Parteien, nicht möglich war grundlegende Reformen bei der Entwicklung
der Produktivkräfte und der Gesellschaftsgestaltung durchzuführen,
war die Niederlage auf Dauer unvermeidbar.
Rosa Luxemburg war es, die die Ziele und Werte der kommunistischen
Bewegung formulierte: Freiheit ohne Gleichheit ist Ausbeutung.
Gleichheit ohne Freiheit ist Unterdrückung. Ohne Sozialismus
keine Demokratie und ohne Demokratie kein Sozialismus.
Dieses Postulat muss für Kommunisten in Zukunft uneingeschränkte
Gültigkeit haben. Ohne die schöpferische, demokratische
Mitwirkung der entscheidenden Klasse wird es keinen Sozialismus
geben. Das muss als Lehre aus dem ersten großen Menschheitsversuch
die Ausbeutergesellschaften zu überwinden gezogen werden. Aber
auch das hat nach wie vor Gültigkeit: die Aufhebung des Widerspruchs
zwischen der formalen Demokratie und der wirklichen, sozialen Demokratie
bedeutet die Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft. Das wird
sich diese nicht ohne aggressiven Widerstand gefallen lassen. Es
wird eine Revolution erforderlich sein. Eine Revolution, nach der
eine Merkel und Co. nicht mehr triumphieren dürften.
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Studentenproteste
im Herbst 2009
Audimaxismus gegen
Ökonomisierung

Im
Herbst und Winter 2009 fanden die seit Jahrzehnten größten
Studierendenproteste in Deutschland, in Österreich und der
Schweiz statt. Sie richteten sich gegen die Studiengebühren,
gegen die Bolognareform und die Hochschulgesetzgebung. Aber sie
waren Ausdruck gegen einen Trend, der alle gesellschaftlichen Bereich
betrifft: Die Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche.
Am
9. Dezember 2009 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung
ein großes Porträt von Professor Wolfgang Herrmann. Der
Chef der Technischen Universität München (TUM) oder Der
unternehmerischen Universität so ihr vielsagender
Slogan war mit viel Text und einem großen Foto bedacht
worden, das ihn jovial und gönnerhaft auf einen Flügel
gestützt zeigte. Grund dieser ungewöhnlich intensiven
Würdigung der SZ: Das CSU-Mitglied Herrmann war am Vortag mit
dem Titel des Hochschulmanagers des Jahres, geehrt und
damit zum Sieger in einem Wettbewerb gekürt worden, der regelmäßig
von der Financial Times Deutschland ausgelobt wird. Diese zweifelhafte
Auszeichnung wird jenem Uni-Chef zugedacht, dem es am besten gelungen
ist, seine Institution nach neoliberalen Kriterien zu einem Unternehmen
umzubauen.
Die Zeitungsseite war damit auch fast schon gefüllt, Platz
blieb nur noch für eine Spalte, in der ein resignierter Bernd
Huber, Chef der anderen großen Münchner Exzellenzuniversität,
seiner Enttäuschung darüber Ausdruck verlieh, dass die
Audimax-Besetzer das Angebot der Ludwig-Maximilians-Universität
(LMU) abgelehnt hatten.
Die Studierenden hatten den größten Hörsaal der
LMU am 11. November besetzt, um ihren Protest gegen die unzumutbaren
Studienbedingungen in den im Zuge des sogenannten Bolognaprozesses
eingeführten Bachelor- und Masterstudiengängen und gegen
die Studiengebühren zu unterstreichen.
Ein Rückblick: Bereits im Sommer vergangenen Jahres kam es
zu vereinzelten Protestkundgebungen; im Oktober war dann die Besetzung
des Audimax der Universität Wien am 22. Oktober Fanal eines
heißen Herbstes: Die Proteste der Studierenden
breiteten sich in ganz Österreich, in Deutschland und schließlich
in der Schweiz aus. Nahezu an jeder Hochschule kam es zu Besetzungen
und Protesten; in Frankfurt wurde das besetzte Casino
der Universität gewaltsam von der Polizei geräumt. Es
gab Verletzte und schlechte Presse, die Hochschulleitung um Werner
Müller-Esterl stellte Strafanzeige gegen die Studierenden.
Besetzungen über längere Zeit gab es unter anderem auch
an den Universitäten in Tübingen, Heidelberg, Berlin,
Hamburg oder Göttingen.
Am längsten harrten die Studierenden in Bayern und vor allem
an der LMU aus: Erst am 28. Dezember wurden die letzten 20 Besetzter
darunter allerdings nur sieben Studenten gewaltlos
von der Polizei aus dem Audimax geführt: Das vergleichsweise
weitreichende Angebot der Unileitung um Bernd Huber, das unter anderem
die sofortige Bereitstellung von Mitteln aus der Körperschaft
in Höhe von 500.000 Euro zur Verbesserung der Lehrsituation,
die Einführung einer verfassten Studierendenschaft auf Basis
einer Erprobungsklausel sowie umfassende Nachbesserungen bei den
neuen Bachelor- und Masterstudiengängen vorsah, lehnten die
Besetzer ab und entschieden sich, das Audimax weiter besetzt zu
halten. Ihr Argument: Die LMU sei nicht nur Exzellenzuniversität,
sondern durch die Aktionen der Weißen Rose im Dritten Reich
auch ein Ort und damit Symbol des gewaltlosen Widerstandes. Die
Studierendenvertretung der LMU war zwar gewillt, mit der Hochschulleitung
zu reden, jedoch wurden sie im Plenum, dem auch Studierende von
anderen Hochschulen sowie Schüler angehörten, überstimmt.
Das war vermutlich ein Fehler: Man hätte einem Dialog mit der
Hochschulleitung, zustimmen sollen die ihrerseits natürlich
nur Angebote auf Basis ihrer Möglichkeiten machen konnte
um den Protest daraufhin in andere Institutionen zu tragen: ins
Wissenschaftsministerium etwa, wo erst im vergangenen Jahr der hochschulpolitische
Dilettantismus in Gestalt des Zahnarztes Wolfgang Heubisch (FDP)
Einkehr gehalten hat. Oder eben an die TUM, die wie keine zweite
Hochschule in Bayern ebenfalls großen Symbolcharakter hat
nämlich für die Umwandlung von Universitäten
in Unternehmen und damit für die Ökonomisierung von Bildung
und Forschung übrigens ein zentraler Aspekt der Proteste.
Die TUM blieb jedoch von den Protesten nahezu unbehelligt. Mit ihrer
Besetzung hätte die mediale Aufmerksamkeit, die auf dem Höhepunkt
der Proteste intensiv und überwiegend wohlwollend war, möglicherweise
hochgehalten werden können. Nach Ablehnung des Angebots kurz
vor den Feiertagen kippte die Stimmung in den Medien gegen die Studierenden,
diese wurden unter anderem der mangelnden Dialogbereitschaft beschuldigt.
So resümierte nach der Räumung der LMU auch der Sprecher
der Landes-ASten-Konferenz, Malte Pennekamp, im Münchner Merkur:
Mit der Räumung des Audimax der LMU haben die Besetzungen
in Bayern vorläufig ein sehr unrühmliches
Ende gefunden. Ob sie im neuen Jahr noch einmal an Fahrt gewinnen,
bleibt abzuwarten schließlich wird jetzt nicht protestiert,
sondern intensiv für Prüfungen gelernt, denn der Zeitdruck,
zumal in den neuen Studiengängen, ist enorm.
Diese Studiengänge standen denn auch im Fokus des Bildungsstreiks
neben anderen Punkten und Forderungen, wie Studiengebühren
oder den Änderungen des Hochschulgesetzes, die dem Primat der
Wirtschaft ein stärkeres Gewicht an den Universitäten
in Bayern einräumen. An dieser Stelle lohnt es sich, noch einmal
den größten Stein des Anstoßes, nämlich
den sogenannten Bolognaprozess in den Blick zu nehmen.
Bildung in Zeiten von Bologna

Der Bolognaprozess, den man in Hinblick auf seine Zielsetzung zum
gegenwärtigen Zeitpunkt größtenteils als gescheitert
betrachten darf, gilt als eine der umfassendsten Hochschulreformen
in Deutschland und Europa. 1999 wurde er in der gleichnamigen italienischen
Universitätsstadt auf den Weg gebracht. Damals trafen sich
dort die Bildungsminister von 29 europäischen Staaten mit dem
Ziel, einen einheitlichen europäischen Hochschulraum
zu schaffen. Kernforderung: ein zweistufiges System von international
kompatiblen und in Struktur und Qualität vergleichbaren Studienabschlüssen
auf Basis von Bachelor- und Masterstudiengängen, die nach einem
europaweit einheitlichen Punktesystem, dem sogenannten ECT-System
(European Credit Transfer System) bewertet werden. Für Deutschland
hieß das die sukzessive Abschaffung der alten durchaus
bewährten Magister- und Diplomstudiengänge zugunsten
der stark verschulten, weil modularisierten Bachelor- und Masterstudiengänge
innerhalb einer Dekade, denn die erste Phase des Prozesses mit der
Etablierung von Bachelorangeboten soll 2010 abgeschlossen sein.
Mittlerweile können sich Abiturientinnen und Abiturienten an
Universitäten und Fachhochschulen hierzulande nur mehr für
die neuen Bachelor-Studiengänge bewerben Einschreibungen
in den alten sind seit dem Wintersemester 2009/2010 nicht mehr möglich.
Damit hat Deutschland punktgenau den Prozess erfüllt
mit verheerenden Folgen, die selbst von Experten des
politischen Establishments nicht bestritten werden: So sprach die
Ministerin Schavan verniedlichend von handwerklichen Fehlern,
die sie natürlich sofort an die Unis delegierte. Dagegen fällt
ein im Februar dieses Jahres vorgelegtes Gutachten der aus Wirtschafts-
und Sozialwissenschaftlern bestehenden Expertenkommission EFI, die
seit 2006 die Bundesregierung in Sachen Innovationen, Wissenschaft
und Forschung berät, in puncto Bologna deutlich ernüchternder
aus: Eine Hoffnung, die sich Deutschland mit der Bolognareform verband,
war die Senkung der Studienabbrecherzahlen und die Neugestaltung
der Curricula. Dieses Ziel wurde nicht erreicht: Weder wurden die
bestehenden Studieninhalte geändert, sondern in erster Linie
nur auf sechs Semester so lange soll das berufsqualifizierende
Bachelorstudium dauern heruntergebrochen, ergo die Studienpläne
entsprechend überfrachtet. Noch wurden die Abbrecherzahlen
signifikant gesenkt. Auch die Erwartung, Kinder aus finanziell schlechter
gestellten Elternhäusern würden sich vermehrt für
die deutlich kürzeren Studiengänge erwärmen, ist
nicht erfüllt worden. Und vor allem wurde ein wichtiges Ziel
bisher nicht erreicht: Die viel beschworene Mobilität der Studierenden,
an Universitäten im Ausland zu studieren. Vielmehr, so die
EFI-Studie, sinken der Anteil sowie die absolute Zahl der seit 2002
kontinuierlich. Auch die Hochschulinformationssysteme GmbH in Hannover
ein halbstaatliches Beratungs- und Softwareunternehmen für
Hochschulen hat in einer 2009 durchgeführten Studie
die Mobilität deutscher Studierender untersucht: im Gegensatz
zu rund 49 Prozent Magister-Studierender, die im vergangenen Jahr
im Ausland studierten und immerhin 35 Prozent bei den Diplomstudiengängen,
verbrachten nur 15 Prozent der Bachelorstudenten an Universitäten
im Ausland. Selbst wenn man berücksichtigt, dass zum Zeitpunkt
der Untersuchung die Studiengänge nicht vollständig umgestellt
waren, weist der Trend in Richtung Abnahme der Mobilität. Wie
soll sie auch steigen, wenn der Studienplan kaum Zeit mehr lässt,
Erfahrungen außerhalb der Heimatuniversität zu sammeln?
Insgesamt sind am Ende des sechssemestrigen Bachelor-Studiums 180
ECTS-Punkte vorzuweisen, also 30 pro Semester. Der Aufwand hierfür
ist etwa vergleichbar mit einer 40-Stundenwoche bei sechs Wochen
Urlaub. Wir reden hier also, wie es in einer Broschüre über
das Bachelorstudium an der LMU heißt, von einem akademischen
Fulltime-Job für drei Jahre. Die früheren Studiengänge
ließen genügend Freiraum für ein Auslandssemester,
die Arbeit neben dem Studium, und nicht zuletzt für die Nutzung
von Weiterbildungs- oder Hochschulsportangeboten.
65 Prozent aller Studierenden arbeiten neben dem Studium, rund ein
Drittel von ihnen muss es, da sie sonst nicht studieren könnten.
Und dies besonders in Städten wie München, Stuttgart,
Köln oder Düsseldorf, die mit ihren vergleichsweise hohen
Lebenshaltungskosten das Studium zu einer echten finanziellen Herausforderung
machen, welche durch die in den meisten Bundesländern übliche
Erhebung von Studiengebühren zusätzlich verschärft
wird. Zeitlich gespart werden muss aufgrund der eng getakteten Studienstruktur
demnach an anderer Stelle, zum Beispiel beim Hochschulsport, der
verschiedene Freizeitangebote bereithält. Bislang hat niemand
die Auswirkungen der Reform für diese sekundären, aber
nichtsdestoweniger wichtigen Rekreationsangebote rund um das Studium
untersucht; Angebote, die sich früher eines regen Zulaufs erfreuten.
Mittlerweile kann man sich jedoch bei der Bewerbung für einen
früher sehr schnell ausgebuchten Segeljollenkurs auf dem Starnberger
See Zeit lassen, denn bis kurz vor Beginn sind immer noch Plätze
frei.
Während die studentischen Freizeitangebote unter mangelnder
Nachfrage leiden und vielleicht auch Konsequenzen für
die in den Einrichtungen Beschäftigten zeitigen genießen
andere Einrichtungen im Verlauf der Einführung der neuen Studiengänge
regen Zulauf, nämlich die psychosozialen Beratungsstellen der
Studentenwerke: Stellvertretend lohnt wieder ein Blick auf München,
wo die Beratungsleistung signifikant zugenommen hat von rund
66.000 Ratsuchenden 2007 auf etwa 80.000 im Jahr 2008 eine
Steigerung von rund einem Fünftel. Und dabei kann man für
München die finanzielle Belastungskomponente weitgehend unberücksichtigt
lassen, da nach einer Befragung des Studentenwerks rund 90 Prozent
der Studierenden aus reichen oder halbwegs solventen Elternhäusern
kommen. Das Studentenwerk führt diesen Anstieg der Ratsuchenden
übrigens dezidiert auf die erheblich gewachsenen Belastungen
bei den neuen Bachelor-Studiengängen zurück.
Ziel des Bolognaprozesses ist die den Bedürfnissen der Wirtschaft
angepasste Verkürzung der Studienzeiten und der frühere
Berufseintritt, also eine im Neusprech des Kapitals effizientere
Humankapitalproduktion. Der Bamberger Soziologe Richard
Münch, der sich in verschiedenen Publikationen kritisch mit
dem Bolognaprozess auseinandergesetzt hat, bringt dessen Ausrichtung
auf den Punkt: Der Bologna-Prozess propagiert eine generalisierbare
Ausbildung, die soziale Inklusion des Individuums wird in der transnationalen
Wissensgesellschaft nicht mehr durch die Zugehörigkeit zu Familie
und Berufsgruppe und entsprechende verbandliche oder gewerkschaftliche
Organisation gewährleistet, sondern durch seine individuelle
Behauptung auf dem Arbeitsmarkt.
Demnach ist denn auch der ganze Prozess darauf ausgerichtet, akademische
Bildung in Europa nicht länger als eine Art kollektives Gut
der Gesellschaft verfügbar, sondern es zu einem Individualgut
zu machen bzw., ihm gleichsam den Warencharakter aufzuzwängen:
Nach dieser Logik sind die ECTS-Punkte auch wie der Euro
eine Währung, nach der Bildungsleistungen
innerhalb des europäischen Hochschulraums gehandelt
werden können. Jedenfalls theoretisch, denn die gegenseitige
Anerkennung von Studienleistungen ist auch nach der EFI-Studie
nach wie vor Zukunftsmusik.
Im Bachelorstudium sollen hier weicht die Realität allerdings
vom Wunschdenken ab standardisierte Kompetenzen vermittelt
werden, die international vergleichbar Türen zum reichhaltigen
Arbeitsmarkt innerhalb der EU und darüber hinaus öffnen.
Nur einem kleinen Teil der Bachelorabsolventen nach Schätzungen
etwa 20 Prozent soll die andere Tür in die vertiefenden
Masterstudiengänge offen stehen, die auf den Bachelor aufbauend
in etwa dem Äquivalent des früheren Magister- oder Diplomstudiums
entsprechen. Diese 20 Prozent werden vor allem jene sein, die sich
die (bis dahin wahrscheinlich deutlich angehobenen) Studiengebühren
leisten können: Für die Habenichtse bleibt, wenn überhaupt,
nur der Bachelor und damit das, was Wolfgang Lieb, Staatssekretär
im NRW-Wissenschaftsministerium, den zertifizierten Studienabbruch
nennt.
New Public Management
Flankiert
wird der größte Umbau der deutschen Hochschullandschaft
durch die Einführung des sogenannten New Public Managements,
kurz NPM, also der Übernahme privatwirtschaftlicher Managementpraktiken
im öffentlichen Sektor und damit auch an den Hochschulen. Hier
zeigt sich ein weiteres Instrument der Ausrichtung von Hochschulen
nach marktwirtschaftlichem Vorbild. An die Stelle der freien Forschung
treten Zielvereinbarungen mit Erfolgskontrolle, die über Zuteilung
von Mitteln entscheiden. Folgen sind unter anderem die Entprofessionalisierung
von Professoren und die Etablierung einer Auditgesellschaft, in
der die wissenschaftliche Tätigkeit von Berichtspflicht an
die Hochschulleitung und ständige Evaluationen strapaziert
wird. In Bayern wie auch in anderen Bundesländern wird die
Einführung von NPM durch die Änderungen des Hochschulgesetzes
im Jahr 2006 signalisiert. Kerninhalte der Novelle: Entmachtung
der universitätsinternen Gremien zugunsten von Hochschulleitung
und Hochschulrat. Letzterer, früher vor allem Beratungsgremium
der Hochschulleitung, verabschiedet nun laut Hochschulgesetz, Artikel
26, als Aufsichtsorgan nicht nur die Grundordnung einer Universität
und wählt das Präsidium. Er beschließt unter anderem
auch über den von der Erweiterten Hochschulleitung aufgestellten
Entwicklungsplan der Hochschule, über (
)
Vorschläge zur Gliederung der Hochschule in Fakultäten
oder über die Einrichtung, Änderung und Aufhebung
von Studiengängen. (Dass gerade bei letzterem die geisteswissenschaftlichen
Fächer lang- oder sogar mittelfristig den Kürzeren ziehen,
da sie in der Regel keine unmittelbar ökonomisch nutzbaren
und renditeträchtigen Ergebnisse hervorbringen, liegt auf der
Hand.)
Die Namen der externen Mitglieder des Hochschulrats, zu dem auch
acht Mitglieder des akademischen Senats gehören, liest sich
wie das Who-is-Who der neoliberalen Elite: Mitglieder des Hochschulrats
der TUM sind unter anderem Susanne Klatten/Altana AG, Norbert Reithofer/BMW-Vorstandsvorsitzender
oder Otto Wiesheu/Vorstandsmitglied der Deutschen Bahn.
Der Hochschulratsvorsitzende der LMU ist Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvorsitzender
der Münchener Rück AG, zu seinen Mitgliedern gehört
unter anderem der Unternehmensberater Roland Berger. Bei anderen
Universitäten ist es eine ähnlich illustre Gesellschaft,
vielleicht etwas regionaleren Zuschnitts.
Die Ökonomisierung an den Hochschulen in Form des Bolognaprozesses
oder NPM durchdringt diese genau wie alle anderen gesellschaftlichen
Bereiche: Schulen, die öffentliche Verwaltung, öffentliche
Versorgungsleistungen etc. Diese Entwicklung wird an den Hochschulen
absehbar zu einer, wie Pierre Bourdieu es nennt, Untergrabung
des intellektuellen Feldes und damit zu einer Erodierung wissenschaftlicher
Vielfalt in Forschung und Lehre führen. Diesem Trend entgegenzusteuern
hatten sich die Protestierenden auf die Fahnen geschrieben und es
ist sehr zu hoffen, dass sie aus möglichen Fehlern gelernt
haben und sich im kommenden Semester erneut mobilisieren können,
um gegen diese Bildungspolitik mit aller Vehemenz anzugehen. Sie
haben es angekündigt, aber leicht wird es nicht, denn klar
ist, dass sich ein Graben durch die Reihen der Studierenden zieht,
dass die überbordende Medienberichterstattung von den Protesten
ein schiefes Bild erzeugt hat: Die Protestierenden wurden aktiv
nur von einem Bruchteil der Studierenden unterstützt und teilweise
sogar durch angehende Betriebswirte, Juristen oder Burschenschaftler
als künftige Exponenten der Hochschuldemontage attackiert.
Genaue Zahlen gibt es nicht, aber man schätzt den Anteil der
wirklich in die Proteste und Streiks involvierten Studierenden und
auch Schüler auf zehn Prozent. Die anderen funktionieren bereits
in dem neuen System und sehen zu, dass sie sich schnellstmöglich
durch den überfrachteten Bachelor quälen. Bis jetzt hat
sich von den von Politik und Hochschulen versprochenen Änderungen
bei den neuen Studiengängen so gut wie nichts getan; hier und
da wurde vielleicht die Regelungsdichte etc entschärft etc.
Ändern an dem Trend der verflachenden Ökonomisierung wird
es nichts. Zu hoffen bleibt, dass die kritischen Studierenden ihre
Proteste wieder aufnehmen und sich nicht entmutigen lassen, diesen
Entwicklungen entgegenzutreten und das sie den Protest vor allem
auch in andere gesellschaftliche Bereiche hineintragen. Denn eines
ist klar: Der Umbau der Gesellschaft betrifft alle.
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90.
Jahrestag des Kapp-Lüttwitz-Putsches
Rote
Ruhrarmee
Vom
13. bis 17. März 1920 versuchte eine konterrevolutionäre
Militärclique, die Errungenschaften der deutschen Novemberrevolution
rückgängig zu machen und eine Militärdiktatur zu
errichten. Der unmittelbare Anlass war die Umsetzung von Entmilitarisierung
in der Folge des Friedensvertrags von Versailles. Die Anführer
des Putsches waren Wolfgang Kapp (1858-1922, proklamierter Putschkanzler),
ein hoher kaisertreuer Verwaltungsbeamter und zuletzt Generallandschaftsdirektor
in Königsberg und der ehemalige General Walther von Lüttwitz
(1859-1942), unterstützt von Erich Ludendorff (1865-1937),
ebenfalls General des I. Weltkrieges, Erster Generalquartiermeister
und Stellvertreter Paul von Hindenburgs. Ludendorff betätigte
sich schon frühzeitig in der völkischen Bewegung, nahm
1923 am Hitlerputsch teil, war Reichstagsabgeordneter der Deutschvölkischen
Freiheitspartei und Mitbegründer des Tannenbergbunds.
Die meisten Putschisten waren aktive oder ehemalige Angehörige
des deutschen Heeres, insbesondere der Marine-Brigade Ehrhardt
aus Döberitz. Unterstützung fanden die Putschisten in
den etwa 120 Freikorps (von denen viele als Ausdruck ihrer völkischen
Gesinnung ein weiß gemaltes Hakenkreuz am Helm trugen),
bei Beamtenapparat, Reichswehr, Polizei, Justiz, Kaisertreuen,
Deutschnationaler Volkspartei (DNVP) und Teilen der rechtsliberalen
Deutschnationalen Volkspartei (DVP), wie dem als Kultusminister
vorgesehen Pfarrer und späteren Propagandisten der nationalsozialistischen
Deutschen Christen Gottfried Traub (1869-1956). Im
Hintergrund wirkten die Großindustriellen Ernst von Borsig,
Emil Kirdorf und Hugo Stinnes.
Der Putsch richtete sich gegen die Republik und die Weimarer
Koalition, getragen von SPD, katholischer Zentrumspartei
und linksliberaler Deutscher Demokratischer Partei (DDP) unter
der Regierung Gustav Bauer (1870-1944, SPD, vom 21. Juni 1919
bis zum 26. März 1920 Reichskanzler). Jeder Widerstand gegen
die Putschistenregierung sollte mit der Todesstrafe geahndet werden.
Der Kapp-Lüttwitz-Putsch zwang die Reichsregierung zur Flucht
nach Dresden und, einen Tag später, nach Stuttgart. Lüttwitz
hatte den Reichspräsidenten Friedrich Ebert (1871-1925, SPD)
zum Rücktritt aufgefordert. Anfänglich verharmlosten
Reichswehrminister Gustav Noske (1868-1946, SPD), Reichspräsident
und Regierung den Putsch. Die Reichsregierung bemühte sich,
den Abbau der bewaffneten Gegenkräfte hinauszuzögern,
denn sie sah in der Reichswehr immer noch einen Garanten gegen
die heftigen sozialen Unruhen im Reich. Mit der Flucht der Regierung
riefen SPD- und USPD-Parteivorstand am Vormittag des 13. März
zum Generalstreik auf, dem sich der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund
(ADGB) und die Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltengewerkschaften
(AfA) anschlossen. Die noch recht einflussarme Kommunistische
Partei Deutschlands (KPD) sprach sich ebenso gegen den Putsch
aus, glaubte aber, die Massen seien auf Grund des bisherigen Noske-Terrors
nicht zur Verteidigung der Bauer-Regierung bereit. Sie forderte
die Proletarier zunächst auf, mit der Teilnahme an Aktionen
noch zu warten. Die Partei hatte sich kurz vorher von ihrer linksradikalen
Fraktion getrennt und war dadurch in ihrer Handlungsfähigkeit
stark geschwächt. In vielen Orten waren die Ausgeschlossenen
die Mehrheit der Parteimitglieder gewesen. Am 14. März korrigierte
die KPD ihre Haltung und rief zur Beteiligung am Generalstreik
auf, da sich schon einzelne Bezirke der Partei führend am
Streik und der Volksbewaffnung beteiligten.
In einer Besprechung zwischen Minister Gustav Noske, dem Chef
der Reichswehr, Generalmajor Reinhardt, und General Hans von Seeckt
sprachen sich nun regierungstreue Militärs gegen die Putschisten
aus.
Der Generalstreik fand innerhalb der Arbeiterschaft ein breites
Echo. Es sollte der größte in der deutschen Geschichte
werden, mit über 12 Millionen teilnehmenden organisierten
Arbeitern. Es wurde die bisher größte Einheitsfrontaktion
der deutschen Werktätigen.
An vielen Orten kam es zu bewaffneten Kämpfen mit Opfern.
Die Dynamik war so stark, dass in Thüringen, Sachsen und
im Ruhrgebiet große Teile der Verteidiger der Republik dazu
übergingen, den Generalstreik in eine zweite Revolution überzuleiten.
Es bildeten sich spontan bewaffnete Formationen, die etwa im Ruhrgebiet
bis zu 120.000 Bewaffnete umfassten.
Am 17. März flohen die führenden Putschisten ins Ausland.
Sie wurden übrigens nie zur Rechenschaft gezogen. Im Jahr
1925 erfolgte eine Amnestie.
Rote
Ruhrarmee
Dass
der Staatsapparat gegenüber den Putschisten versagte und
die Arbeiter die Verteidigung der Republik in die eigenen Hände
nehmen mussten, stellte die Machtfrage neu. Schon am 13. März
1920 kam es im Ruhrgebiet zu ersten Demonstrationen; allein in
Bochum mit 20.000 Teilnehmern. Am 14. März 1920 trafen sich
in Elberfeld Vertreter von USPD, SPD und KPD und beschlossen ein
spontanes Bündnis gegen die Putschisten. Sie verfassten einen
gemeinsamen Aufruf zur Erringung der politischen Macht durch
die Diktatur des Proletariats. Im Rahmen des machtvoll einsetzenden
Generalstreiks übernahmen Arbeitervertreter im regionalen
Maßstab die Regierungsgewalt als Vollzugsräte.
Eine führende Rolle spielten die Mitglieder der USPD, teilweise
der KPD, deren linke Abspaltung KAPD und der anarcho-syndikalistischen
Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD).
Die bewaffneten Kräfte bildeten die Rote Ruhrarmee,
deren Stärke auf mindestens 50.000 kämpfende Angehörige
geschätzt wurde (ermittelt aufgrund der später abgegebenen
Gewehre). Es gelang ihr binnen kürzester Zeit, die bewaffneten
Ordnungskräfte im Revier zu besiegen. Am 17. März griffen
deren Einheiten bei Wetter das Freikorps Lichtschlag unter Hauptmann
Hasenclever an, einem Anhänger der Kapp-Lüttwitz-Putschisten.
Sie erbeuteten Geschütze, nahmen 600 Freikorpsangehörige
gefangen und besetzten die Stadt Dortmund. Am 20. März 1920
bildete sich in Essen der Zentralrat der Arbeiterräte. Eine
weitere Zentrale gab es in Hagen. Am 24. März wurde die Zitadelle
Wesel angegriffen. Gleichzeitig beteiligten sich am Generalstreik
mehr als 300.000 Bergarbeiter, das waren rund 75 % der Belegschaften.
Im von der USPD dominierten östlichen Ruhrgebiet organisierte
und bewaffnete sich die Arbeiterschaft frühzeitiger, beschränkte
sich aber häufig in ihren bewaffneten Aktionen auf die Wiederherstellung
einer handlungsfähigen Reichsregierung. Im westlichen Ruhrgebiet
dominierten linkere Kräfte, Kommunisten und Syndikalisten,
die mit dem Aufstand weitergehende Ziele verfolgten. Die Linken
eroberten zeitweise auch Düsseldorf und Elberfeld. Bis Ende
März war das ganze Ruhrgebiet erobert.
Auf der Bielefelder Konferenz vom 23./24. März gelang es
dem Reichskommissar für Rheinland-Westfalen, Carl Severing
(1875-1952, SPD, später Reichsinnenminister), die Führungen
von SPD, USPD und Gewerkschaften durch weitgehende Zugeständnisse
(die allerdings später nicht eingehalten wurden) zum Abbruch
der Kämpfe zu bewegen. Am 2. April marschierte eine Übermacht
von Reichswehreinheiten ins Ruhrgebiet ein, um den Aufstand niederzuschlagen.
Empörenderweise befanden sich unter diesen Truppen gerade
auch Einheiten, die noch Tage zuvor den Putsch unterstützt
hatten, wie etwa die Marine-Brigade von Loewenfeld.
Der weiße Terror richtete sich erbarmungslos gegen die aufständischen
Arbeiter. Unterm Standrecht erfolgten Todesurteile und Massenerschießungen.
Wer bewaffnet festgenommen wurde, wurde sofort erschossen, auch
wenn er schwer verletzt war. Erst an der Ruhr musste die Reichswehr
halt machen, weil britische Besatzungstruppen diese Verletzung
des Versailler Vertrags nicht erlaubten. Am Ende der Kämpfe
waren unter den Aufständischen mehr als 2.000 Tote zu beklagen.
Reichswehr und Freikorps verloren nur etwa 273.
Reichstagswahlen
Juni 1920
Bei
der folgenden Reichstagswahl am 6. Juni 1920 verlor die Weimarer
Koalition ihre bisherige absolute Mehrheit. Am stärksten
waren die Verluste bei SPD (von 37,9% auf 21,6%), DDP (von 18,5%
auf 8,3%) und Zentrum (von 19,7% auf 13,6%). Gewonnen hatten USPD
(von 7,6% auf 17,9 (stärkste Partei in Teilen von Ruhrgebiet
und Mitteldeutschland) und KPD (auf 2,1%). Aber auch die rechten
Parteien legten beträchtlich zu: DNVP (von 13,3% auf 15,1%)
und DVP (von 4.4% auf 13,9%).
Vergleich:
1920 und 1933
Eine
einig handelnde Arbeiterklasse konnte in Deutschland die Errichtung
einer Militär-Diktatur verhindern. Für die Errichtung
einer sozialistischen Räterepublik fand sich noch keine Mehrheit,
auch nicht für das Erkennen des Verrats der rechten sozialdemokratischen
Führung. Trotzdem wurde die bürgerliche Republik erfolgreich
verteidigt. Wie August Thalheimer in seiner frühzeitigen
Faschismusanalyse betonte, gelte es, die bürgerliche Demokratie
als den besten Kampfboden für den Sozialismus
gegen ihre Zerstörung zu verteidigen. Dies war 1920 angesichts
der Stärke der Reaktion ein großer Erfolg. Die junge
KPD überwand ihre sektiererischen Fehler und legte v.a. durch
ihre erstmalige Beteiligung an Parlamentswahlen die Basis für
ihre Vereinigung mit dem linken Flügel der USPD im Dezember
1920 zur nunmehrigen Massenpartei Vereinigte Kommunistische
Partei (VKPD) unter dem gemeinsamen Vorsitz von Paul Levi
und Ernst Däumig. Leider währte diese Phase nur kurze
Zeit, schon im Februar 1921 traten beide aus Kritik an der Offensivstrategie
zurück und verließen die Partei.
Es stellt sich natürlich die Frage, warum eine Einheitsfront
wie gegen den Kapp-Lüttzwitz-Putsch im Januar 1933 gegen
Hitler nicht zustande kommen konnte.
1920 setzten noch maßgebliche Teile der Monopolbourgeoisie
auf die Weimarer Koalition und erhofften sich ihre Ziele gemeinsam
mit den europäischen bürgerlichen Mächten zu erreichen.
Nach dem verlorenen imperialistischen Krieg waren sie noch zu
schwach gegenüber den Entente-Mächten.
Nach dem Wiedererstarken des deutschen Imperialismus und nach
der Weltwirtschaftskrise 1928/29 wechselte deren Strategie. Die
Bildung der Harzburger Front am 11. Oktober 1931 fasste
konkret als Ziel die Beseitigung der Weimarer Republik und die
Errichtung der offenen terroristischen Diktatur des Finanzkapitals.
Die Harzburger Front war ein Zusammenschluss von DNVP, Stahlhelm,
Reichslandbund, Alldeutschem Verband, Teilen der DVP (aus diesen
Kreisen kamen Alfred Hugenberg, Franz Seldte, Rüdiger Graf
von der Goltz, Heinrich Claß, Reichswehrgeneral Hans von
Seeckt, führende Vertreter des Monopolkapitals, des Junkertums
und der Militärclique, wie Rudolf Blohms, Eberhard Graf von
Kalckreuth, Ernst Poesgens, der ehemaligen Reichsbankpräsidenten
Hjalmar Schacht, Max von Trotta, der Großindustrielle Ernst
Brandi) und von Hitlers NSDAP. Es war jene das Programm des extremsten
Flügels der imperialistisch-militaristischen Reaktion: Zerschlagung
der Arbeiterorganisationen, völlige Beseitigung aller demokratischen
Rechte, Sicherung der Monopolprofite, Aufrüstung und Krieg.
Der NSDAP gelang es schließlich, sich gegen die Konkurrenten
durchzusetzen und zum Favoriten von Wirtschaft und Industrie zu
werden. Bedeutende Wirtschaftsbosse, wie Fritz Thyssen und Albert
Vögler, finanzierten die Nazipartei. Im Gegensatz zu 1920
trat die Reaktion jetzt auf in Form einer faschistische Massenpartei,
die sich einer sozialen und nationalen Demagogie, aber auch des
Straßen-terrors bediente. Noch bis zur Weltwirtschaftskrise
war die NSDAP eine Splitterpartei (Reichstagswahl 1928: 2,6%).
Die großen Wahlerfolge erzielte die NSDAP erst nach 1930
und durch den Niedergang der bürgerlichen Parteien. Mit der
Machtübertragung am 30. Januar 1933 an die NSDAP gelangte
das aggressive Programm des deutschen Imperialismus zur Verwirklichung.
Die politische Linke und die Arbeiterbewegung kamen zu groben
Fehleinschätzungen. Die SPD verharmloste die faschistische
Gefahr und war antikommunistisch eingestellt. Sie glaubte bei
der Verteidigung der Republik an die Zuverlässigkeit der
Staatsorgane, obwohl große Teile der Beamtenschaft, von
Polizei, Justiz und Militär republikfeindlich eingestellt
waren. Ausgerechnet in dem ehemaligen Weltkriegsgeneral Paul von
Hindenburg glaubten sie, einen Schutzwall gegen Hitler
zu sehen und machten ihn zu ihrem Reichspräsidentenkandidaten.
Zudem schloss die SPD ihre linken und antimilitaristischen Mitglieder
aus, die sich dann im Herbst 1931 in der neu gegründeten
Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) zusammenfanden.
Die KPD stand ab 1928/29 verschärft unter einem ultralinken
Einfluß, bekämpfte die SPD als Sozialfaschisten,
schwächte die freien Gewerkschaften durch ihre RGO-Politik
und trug erheblich zur Spaltung der Arbeiterkulturbewegung und
Arbeitersportler bei. Kommunisten, die sich gegen diese sektiererische
Politik wehrten und stattdessen gemeinsam gegen den Faschismus
kämpfen wollten, wurden zu Tausenden ausgeschlossen. Diese
fanden sich dann zur KPD-Opposition zusammen. Hätten SPD
und KPD auf die Vorschläge zur Bildung einer antifaschistischen
Einheitsfront von SAPD und KPD-O gehört, hätte vielleicht
eine Chance zu einer Wiederholung des Erfolgs vom März 1920
bestanden. Der Aufstieg Hitlers wäre aufhaltsam gewesen.
Stattdessen bestanden die Illusionen, dass Hitler bald abwirtschaften
würde und ein Überwintern möglich wäre.
Eine fatale Verharmlosung und Fehleinschätzung. So aber unterlag
die deutsche Arbeiterbewegung 1933 kampflos und war angesichts
des unerwarteten und sofort einsetzenden brutalen Terrors der
Faschisten überrumpelt und ohnmächtig.
Gedenken
an die Kämpfe des Jahres 1920
Zur
Erinnerung an die Kämpfe des März 1920 und deren Opfer
gibt es einige Gedenkstätten, z.B. die Gedenktafel Denkmal
der Märzgefallenen von Walter Gropius aus dem Jahr
1922 auf dem Historischen Friedhof in Weimar für eine Arbeiterin
und acht Arbeiter, Gedenktafeln im Steinbruch des Galgenberges
in Halle (Saale), auf dem Friedhof Stöcken in Hannover (Abteilung
64 A: 1-8 und 13) für 14 Opfer des Kapp-Putsches, Gedenktafeln
am Bahnhof der Stadt Wetter (Ruhr), am ehemaligen Standort des
Rathauses Schöneberg am Berliner Kaiser-Wilhelm-Platz, in
Berlin-Köpenick für Alexander Futran auf dem Futran-Platz,
ein Gedenkstein im Friedhof Bochum-Werne und im Bochum-Laerer
Park Dannenbaumstraße, ein Mahnmal im Nordbahnhof in Dortmund,
Gedenksteine und -tafel auf dem Ehrenfriedhof an der Königshöhe
in Wuppertal-Elberfeld, am Rathausportal in Suhl, im Waldgebiet
Haard in Haltern, in Zickra in Berga (Elster), vor dem Schloß
Gottorf in Schleswig, an der Schule Woellmerstraße in Hamburg-Heimfeld,
in der Dr.-Külz-Straße in Riesa. Denkmale stehen in
Wetter (Ruhr), Essen, Haltern, Dinslaken, Wesel, Voerde und anderen
Orten, zum Gedenken an die Niederschlagung des Aufstands und an
standrechtliche Erschießungen.
Die Märzkämpfe des Jahres 1920 fanden auch literarische
Verarbeitungen, in die vielfach persönliche Erlebnisse einflossen:
Hans Marchwitza: Sturm auf Essen (1928), Karl Grünberg: Brennende
Ruhr - Roman aus der Zeit des Kapp-Putsches. (Neuauflage Berlin
1997), Kurt Kläber: Barrikaden an der Ruhr (1925), Otto Hennicke:
Die Rote Ruhrarmee. Gewehre in Arbeiterhand (1956).
Heiner Jestrabek
Weiterführende
Literatur: Erhard Lucas, Ludger Fittkau, Angelika Schlüter:
Ruhrkampf 1920: Die vergessene Revolution. Ein politischer Reiseführer
(Klartext Verlag, 1990) und Erhard Lucas: Märzrevolution
1920. 3 Bände, Verlag Roter Stern Frankfurt/Main 19731978).
Eine besonders gelungene Würdigung der Revolutionäre
gelang in dem Musiksampler aus dem Jahr 2006: Die Grenzgänger
& Frank Baier: 1920 Lieder der Märzrevolution.
Die CD enthält 21 Titel, mehr als 75 Minuten Spielzeit, in
einer Schmuckausgabe mit Papp-Schuber und einem 68-seitigen Booklet
mit vielen Fotos, allen Texten und Hintergrundinformationen. (ISBN
3-9810110-0-7)
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Nach
den Wahlen
Parteien, Gewerkschaften, Innenpolitik

Mit
dem Wahlsieg von Schwarz-Gelb liegt ein Wahlergebnis auf dem Tisch,
das den abhängig Beschäftigten erst einmal nichts Gutes
verspricht. Zwar wurde ein solches Ergebnis auf Grund der Umfragen
der Meinungsforscher mehr oder weniger erwartet, doch hat die desaströse
Abstrafung der SPD durch die Wähler schon überrascht.
Mehr als elf Prozent erhielt die Sozialdemokratie weniger an Stimmen
gegenüber dem Jahr 2005. Betrachtet man den Niedergang in absoluten
Zahlen über einen längeren Zeitraum, so wird der Zerfall
der SPD noch deutlicher. Im Jahr 1998, als Rot-Grün an die
Regierung kam, wählten noch 20 Millionen Wähler SPD, 2009
waren es nur noch 10 Millionen. Damit hat die SPD ihr schlechtestes
Wahlergebnis in der Nachkriegsgeschichte der BRD kassiert und so
ihren vorläufigen Tiefpunkt erreicht.
Steinmeier, Müntefering und Genossen verstanden am Wahlabend
die Welt nicht mehr und faselten das immer Gleiche: man hätte
den Wählern die eigene Politik nicht richtig vermittelt
und
man müsse jetzt das Wahlergebnis in den Gremien
gründlich analysieren. Als wenn es da etwas zu analysieren
gäbe. Die SPD hat in den zurückliegenden Jahren eine Politik
gegen ihre traditionelle Klientel gemacht. Dafür hat sie bei
dieser Wahl verdientermaßen die Rechnung bekommen. Es hat
ihr auch nicht geholfen, dass sie seit dem zurückliegenden
Jahr punktuell ihr soziales Gewissen wieder gefunden
hat. Die Forderung nach einem flächendeckenden Mindestlohn
alleine ist zu wenig, wenn man weder Hartz IV revidieren will, noch
bereit ist den Renteneintritt mit 67 zurückzunehmen. Es ist
daher die logische Konsequenz, dass ein großer Teil ihrer
ehemaligen Stammwählerschaft zur Partei DIE LINKE abwandert
ist und ein noch größerer Teil am Wahlsonntag zu Hause
blieb. Mit 72 Prozent erreichte auch die Wahlbeteiligung ihren vorläufigen
Tiefpunkt und war für die Sozialdemokratie geradezu tödlich.
Aber auch die Unionsparteien mussten kräftig Federn lassen.
CDU/CSU erhielten das zweitschlechteste Wahlergebnis seit ihrer
Gründung. Sie lagen bei gerade mal 33,8 Prozent. In absoluten
Zahlen sind das 1,3 Millionen Stimmen, die ihnen verloren gingen.
Geschockt über das Ergebnis waren auch die CSU-Oberen in München.
Nur 42,6 Prozent der Stimmen fielen auf die CSU, die in der Vergangenheit
Bayern immer als ihren Erbhof betrachtet hat. Und nun das! Das schlechteste
Ergebnis seit 1949! Die Unionsparteien haben heute nur noch eine
Mehrheit bei den über 60jährigen. Hier holte die Union
42 Prozent. Sie bleibt aber in allen anderen Altersgruppen unter
ihrem Gesamtresultat. Verloren hat sie auch bei Wählern aus
dem christlichen Arbeitnehmerlager. Unter den Gewerkschaftsmitgliedern
lag der Stimmenanteil für die beiden Unionsparteien bei 24
Prozent.
Gewinner FDP
Eindeutiger Gewinner im bürgerlichen Lager ist die FDP. Sie
gewann 1,7 Millionen Stimmen, im Vergleich zu den Wahlen 2005, hinzu.
Auf den ersten Blick erscheint es widersinnig, dass ausgerechnet
die Partei des reinen Neoliberalismus derartige Stimmenzuwächse
erzielt. Aber offensichtlich haben diese Wähler die FDP nicht
nur in ihrer ideologischen Ausrichtung gesehen, sondern sehr pragmatisch,
als eine Partei, die ihnen persönlichen Nutzen bringt. Westerwelles
Steuern runter und mehr Markt hat zum einen
jene Teile des Kleinbürgertums angesprochen, die durch die
Wirtschaftskrise zunehmend unter Druck geraten. Dazu gehören
inzwischen auch abhängig Beschäftigte, die sich selbst
dem so genannten Mittelstand zurechnen. Eine Wahlanalyse der IG
Metall brachte zu Tage, dass insgesamt neun Prozent der Gewerkschaftsmitglieder,
davon 11 Prozent Arbeiter, die Liberalen gewählt haben. Ganz
konkret verspricht sich dieser Teil der Wählerschaft mehr
Netto vom Brutto, wie es von der FDP versprochen wurde. Nur
mit deren Politik sehen sie die Möglichkeit, ihren unsicher
gewordenen und gefährdeten Lebensstandard aufrechtzuerhalten.
Von infratest dimap gibt es eine wenige Wochen alte Meinungsumfrage
zum Gerechtigkeitsempfinden der Menschen in der BRD. Es ist interessant,
dass die Hälfte der FDP-Anhänger die Verhältnisse
im Land als eher ungerecht empfindet. Sie sehen sich
selbst als Leistungsträger in der Gesellschaft,
die mehr und mehr, ohne Eigenverschulden, auf die Verliererstraße
gedrängt werden. Bei ihnen zeigt die mehr als 20 Jahre andauernde
ideologische Lufthoheit des Neoliberalismus besondere Wirkung. Für
sie ist tatsächlich der Kapitalismus, das Ende aller
Geschichte. Aber das gilt leider nicht nur für diesen
Personenkreis. Trotz der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1929
kann sich eine Mehrheit in allen gesellschaftlichen Klassen, auch
in der Arbeiterklasse, nicht vorstellen, dass es zum Kapitalismus
eine Alternative gibt. Deshalb kann in ihren Augen auch diese Krise
nur mit Hilfe der Marktwirtschaft überwunden werden. Aufgrund
solcher Wählerüberlegungen haben die Parteien, bei denen
die größte marktwirtschaftliche Kompetenz vermutet wird,
die besseren Chancen gewählt zu werden. Und diese Kompetenz
hat für 55 Prozent der Wähler die FDP, gefolgt von der
CDU mit 53 Prozent. Zum andern hat die FDP natürlich auch nach
wie vor die entsprechende Unterstützung aus den Kreisen ihrer
traditionellen Klientel. Jener Klasse, die von der neoliberalen
Umverteilungspolitik der vergangenen Jahre am stärksten profitiert
hat und die jetzt ihre Vermögenspositionen mit Zähnen
und Klauen verteidigt. Für diese Kreise kommt nur die Abwälzung
der Krisenlasten auf die abhängig Beschäftigten in Frage.
Und sie sind davon überzeugt, dass die FDP dafür sorgen
wird.
Der Göttinger Politologe Franz Walter wird dazu im Sozialismus
(10/09) folgendermaßen zitiert:
Geht eine Epoche zu Ende, implodiert ein politisches oder
soziales System übrig bleiben immer auch die Nutznießer
des Überkommenen, die sich dann besonders eng um die politische
Prätorianergarde der alten Herrschaftsideologie scharen.
Doch wie zu sehen ist, sind es nicht nur die Nutznießer, die
sich um die FDP scharen, sondern auch die potentiellen Verlierer
der Krise. Diese Schichten könnten, wenn sie von der FDP- Politik
enttäuscht werden und das kommt zwangsläufig
das Potential für eine neue Rechtsbewegung bilden, wie wir
das aus der Geschichte oder aus anderen europäischen Ländern
kennen. Nach links werden sie sich in dem Fall sicher nicht orientieren.
Zunehmende Widersprüche zunehmende Polarisierung
Die Bundestagswahl 2009 bedeutet aber zunächst einmal die Zunahme
der politischen Polarisierung in den kommenden Monaten und Jahren.
Die Verluste von SPD und Union zeigen, dass der klassenübergreifende
Charakter der so genannten Volksparteien zunehmend verloren geht.
Beide Blöcke werden weiter erodieren, weil die über Jahrzehnte
praktizierte Klassenkooperation des rheinischen Kapitalismus abhängig
ist von den realen Verteilungsspielräumen im System. Durch
die Finanz- und Wirtschaftskrise sind diese Spielräume aber
schlicht nicht mehr vorhanden. Gleichgültig, wie die Koalitionsvereinbarung
zwischen Union und FDP am Ende aussieht, sicher wird sein, dass
die Republik und die Bundesregierung vor heftigen Verteilungsauseinandersetzungen
stehen. Diese Auseinadersetzungen werden nicht nur Regierung, parlamentarische
und außerparlamentarische Opposition betreffen, sondern auch
das bürgerliche Lager selbst. Zu groß sind dort die widersprüchlichen
Erwartungshaltungen der verschiedenen bürgerlichen und kleinbürgerlichen
Fraktionen. Und zu groß sind die Probleme vor denen diese
neue Regierung steht. Die Staatsverschuldung ist gigantisch und
wird in Zukunft weiter anwachsen. Die Arbeitslosigkeit wird in den
nächsten Monaten drastisch steigen und wie es mit der Konjunkturentwicklung
weiter geht weiß im Grunde niemand. Zwar gibt es jede Menge
Konjunkturgesundbeter in den Wirtschaftsverbänden und Instituten.
Doch gehen deren Phantastereien, dass die Weltwirtschaft vor einem
Aufschwung steht, mehr auf das Konto Liebe, Glaube, Hoffnung,
als auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zurück. Wahrscheinlicher
ist, dass sich die Krise spürbar verschärft und sich noch
über Jahre hinzieht.
Vielleicht auch deshalb meldet das Kapital über seine Verbände
jetzt so schnell seine Forderungen an die zukünftige Regierung
an. Die Berliner Zeitung hat unmittelbar nach der Wahl, die Wünsche
der Kapitalisten zusammengetragen. Unisono fordern die Herren Präsidenten
der verschiedenen Kapitalverbände Steuersenkungen für
die Unternehmen auf allen Ebenen. Jetzt müsse alles getan werden,
um Deutschland nachhaltig aus der Krise zu führen, meint beispielsweise
der VDMA-Präsident Manfred Wittgenstein und fordert: eine
Steuerstrukturreform zur Stärkung der Unternehmen sei genauso
notwendig wie die gesetzliche Verankerung betrieblicher Bündnisse
für Arbeit. In der Deutschen Industrie- und Handelskammer
(DIHK) ist man der Auffassung, dass ganz oben auf der Agenda ebenfalls
die kurzfristige Korrektur der Unternehmens- und Erbschaftssteuer
stehen muss. Das Wahlergebnis sei ein klares Votum für
mutige Reformen, meint man dort.
Der Forderungskatalog ließe sich beliebig weiter fortsetzen.
Besonders phantasievoll ist er allerdings nicht. Sein Kredo ist:
Profitsteigerung, Profitsteigerung, Profitsteigerung! Mehr Profite
durch Steuersenkungen für die Kapitalisten und mehr Profit
durch Lohn- und Sozialabbau. Eigentlich ist das alles wie gehabt,
doch jetzt sehr viel drastischer als unter Rosa-Schwarz.
Natürlich ist den Kapitalisten klar, dass das Thema Steuersenkungen
bei der aktuellen staatlichen Finanzlage ein schwieriges Feld ist,
das sich nur schwer beackern lässt. Man macht sich in diesen
Kreisen deshalb auch Gedanken zur Gegenfinanzierung. So wurde vom
DIHK die Erhöhung der Mehrwertsteuer um sechs Prozentpunkte
ins Spiel gebracht, die das erforderliche Geld in die leeren Haushaltskassen
spülen soll. Auch lieb gewonnene Staatsausgaben
bei Sozialtransfers ebenso wie bei Subventionen und Förderprogrammen
müssen daher im Zweifel jetzt in Frage gestellt werden.
Dann soll der Mittelstand entlastet werden, unter anderem über
die Senkung der Lohnnebenkosten. In der Arbeitslosenversicherung
und bei den Berufsgenossenschaften sollen in Zukunft die so genannten
versicherungsfremden Leistungen über Steuern finanziert werden.
Alle diese Forderungen decken sich mit der konservativ/liberalen
Parteiprogrammatik. Mit neoliberalen Mitteln soll die Krise überwunden
werden, was heißt: weitere Umverteilung von Unten nach Oben.
Entlastung der Besitzenden und Belastung der Besitzlosen mit Massensteuern
und Sozialabbau. Verbunden soll das werden mit grundlegenden gesellschaftlichen
Strukturveränderungen, welche die Vermögens- und Herrschaftsansprüche
der bürgerlichen Klasse auf Dauer sichern. Als Beispiel sei
hier die Forderung genannt, die betrieblichen Bündnisse für
Arbeit, gesetzlich zu verankern. Eine Forderung, die in der Gesellschaft,
wahrscheinlich nicht einmal in den Betrieben, für eine richtig
große Aufregung sorgen würde, die aber die gesellschaftlichen
Kräfteverhältnisse maßgeblich zu Gunsten des Kapitals
verändern würde, sollte sie Realität werden. Schon
unter Schröder wurde das Thema diskutiert. Um aber den Konflikt
mit den Gewerkschaften zu vermeiden, ließ man es schließlich
wieder fallen. Diese Hemmschwelle wird es unter Schwarz-Gelb nicht
mehr geben. Würde die Forderung realisiert, könnten die
Kapitalisten innerhalb kürzester Zeit bestehende Tarifverträge
aushebeln und die Gewerkschaften entscheidend schwächen. Dass
sie nicht vor der Erpressung und Nötigung von Betriebsräten
und Belegschaften zurückschrecken, haben sie in der zurückliegenden
Zeit mehr als einmal demonstriert.
Das schlimmste kommt noch
Aber so schlimm wird´s schon nicht kommen. Das
ist wenigstens die dominierende Auffassung in der Bevölkerung.
Nur noch 28 Prozent der Bundesbürger sind der Meinung, dass
das Schlimmste der Krise noch bevorstehe. Im Frühjahr des Jahres
waren es noch 42 Prozent gewesen. Der Meinungsumschwung verwundert
nicht. Ist doch die Krise für sehr viele Menschen noch nicht
real spürbar. Fast ist sie wie ein Phantom. Ständig wird
von ihr geredet, doch die Mehrheit hat sie noch nicht kennen gelernt.
Das ist auch der Grund, dass Ängste und Pessimismus schwinden,
dass, bei denen die es haben, Kauflaune eintritt und sich allgemein
Optimismus breit macht.
Das kommt nicht von ungefähr. Daran wurde intensiv gearbeitet.
Und sie haben es gut gemacht, die Medienvertreter in den Agenturen
der ökonomisch und politisch Herrschenden. Ihnen ist gelungen,
die Krise klein zu reden und zu verharmlosen. Verging doch in den
zurückliegenden Monaten fast kein Tag mit positiven Meldungen,
dass es wieder aufwärts geht, dass man die Krise im Griff habe.
Bereits im Mai dieses Jahres meldete die Financial Times Deutschland
(FTD), dass der Absturz der Konjunktur gestoppt sei und dass sich
weltweit die Anzeichen mehrten für ein baldiges Ende des konjunkturellen
Absturzes. An allen Ecken und Enden sieht man jetzt, dass
die Weltwirtschaft nicht weiter abstürzt, zitiert die
FTD Dirk Schumacher, den Chefvolkswirt von Goldman Sachs. Allerdings
wäre es auch mehr als verwunderlich, wenn momentan die Weltwirtschaft
weiter ins bodenlose abstürzen würde. Immerhin wurden
weltweit Konjunkturprogramme in Dollar-Billionenhöhe aufgelegt.
Kleinlaut zitiert deshalb auch die FTD die Skeptiker unter den Ökonomen.
Die Börsen feiern derzeit ein konjunkturelles Strohfeuer,
sagt beispielsweise ein Ökonom von Unicredit. Laufen
diese aus, fällt die Weltwirtschaft zurück in die Rezession.
Ähnlich sieht es auch der Internationale Währungsfond.
In diesem wird bezweifelt, dass es schnell zu einer Erholung kommt.
Jetzt nach der Bundestagswahl wird allerdings Fraktur geredet. Ein
Bericht in der FTD kurz vor der Wahl veröffentlicht, klingt
deshalb recht glaubhaft, wonach es eine Art Stillhalteabkommen
zwischen Industrie und Regierung gab. Danach plant die Wirtschaft
für die Zeit nach der Bundestagswahl einen Jobkahlschlag. Darüber
sollten die Wähler vor der Wahl möglichst nichts erfahren.
Den MAN-Vorstandsvorsitzenden zitiert die FTD mit den Worten: Nach
der Wahl wird sich die Botschaft ändern. Das ist ganz normal.
Ob es nun ein förmliches Stillhalteabkommen gab oder nicht,
ist im Grunde gleichgültig. Es würde lediglich die Verkommenheit
der Bourgeoisie im Umgang mit der eigenen Verfassung noch deutlicher
machen als sie schon ist. Für den politisch Interessierten
war unabhängig davon klar, dass nach den Wahlen auf allen Ebenen
Einschnitte erfolgen.
Auf jeden Fall meldet die FAZ bereits am 28. September Die
Kurzarbeit hat ihren Zenit überschritten, der Stellenabbau
sei schon im Gange. Danach planen nach einer Umfrage dieser Zeitung,
von den großen Industrieunternehmen 38 Prozent, die Kurzarbeit
im letzten Quartal zurückzufahren. Diese Entwicklung wird sich
dann im nächsten Jahr verstärkt fortsetzen, wenn für
die Mehrheit der Kurzarbeiter die derzeitige Kurzarbeitsregelung
von 24 Monaten ausläuft. Dann wird die Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit
münden. Allerdings ist es fraglich, ob die Kapitalisten solange
mit Entlassungen warten. Für sie sind Entlassungen allemal
billiger als eine Belegschaft in Kurzarbeit zu halten. Rücksicht
auf das Wahlverhalten ihrer Beschäftigten brauchen sie auch
nicht mehr nehmen. Diese haben ihre Stimme schließlich für
die nächsten fünf Jahre abgegeben. Deshalb werden diese
Wirtschaftskrise und ihre Folgen auch für die Mehrheit der
abhängig Beschäftigen, die sich bislang in relativer Sicherheit
gewiegt haben, in Kürze sehr konkret. Die Arbeitslosigkeit
wird massiv ansteigen. Die Bundesagentur rechnet im kommenden Jahr
mit bis zu fünf Millionen Arbeitslosen. Mit ihren Konjunkturstützungsprogrammen
und der Ausweitung der Kurzarbeitsmöglichkeit auf zwei Jahre
hat die Bundesregierung erreicht, dass neben der Exportkonjunktur,
nicht auch noch die Binnenkonjunktur völlig abstürzt.
Das war mehr wahltaktischen Überlegungen geschuldet als ökonomischer
Vernunft. Diese Konjunkturstütze aber ist bei einem massiven
Anstieg der Massenarbeitslosigkeit stark gefährdet. Eine steigende
Arbeitslosenzahl führt zwangsläufig zu einem weiteren
Nachfrageausfall und verstärkt alle ökonomischen und haushaltspolitischen
Probleme, die bereits heute schon gigantisch sind. Die Krise entwickelt
eine zusätzliche negative Dynamik. Abhilfe würde nur ein
kräftiges Wirtschaftswachstum bringen. Doch das ist nicht in
Sicht. Nach Berechnungen der Bundesregierung wird das Bruttoinlandsprodukt
(BIP) in diesem Jahr um ca. sechs Prozent unter dem Niveau des Jahres
2008 liegen. Das ist ein gewaltiger Rückgang. Und er ist doppelt
so hoch wie in den USA. Übertroffen wird er innerhalb der G7-Industriestaaten
nur noch von Japan. Dort schrumpfte die Wirtschaft im Jahr 2008
um 8,3 Prozent.
Jetzt rächt sich die jahrelange Exportweltmeisterschaft Deutschlands.
Auf Kosten der Binnennachfrage wurden die Exportanteile deutlich
gesteigert. Zustande kam das durch Lohnabbau, Verschlechterung der
Arbeitsbedingungen und Sozialabbau. Gelernt aus den negativen Erfahrungen
haben die Herrschenden und bürgerlichen Politiker allerdings
nichts. Nach wie vor ist für sie die Pflege der Exportindustrie
die Voraussetzung einer wirtschaftlichen Erholung. Aber auch Merkel
und Westerwelle werden merken, dass sie einer Schimäre aufgesessen
sind. Im Sozialismus 10/09 schreibt Joachim Bischoff richtig:
Die Erwartung nach der Krise an den Exportboom der Vorjahre
anknüpfen zu können, ist irreal. Die Asymmetrie der Handelsstrukturen
auf dem Weltmarkt mit den USA als consumer of last resort
und Deutschland, China und Japan als profitierende Exportnationen
wird nicht zu rekonstruieren sein. (
) Deutschland wird auch
in Europa
die Erfahrung machen, dass sich die von der Krise
gebeutelten Nachbarn nicht auf Dauer zu Opfern einer deutschen beggar
my neighbour policy machen lassen.
Deindustrialisierung droht
Was das in der bundesrepublikanischen Realität bereits heute
und noch mehr morgen bedeutet, ist in den Medien selten zu lesen.
Doch vor kurzem brachte die TAZ eine Reportage über die Situation
in Baden-Württemberg. Hier gibt es besonders viele exportabhängige
Unternehmen, neben der dominierenden Automobil- und Zulieferindustrie.
Im Moment ist der deutsche Südwesten die Region, die am härtesten
von der Krise getroffen ist. Die Wirtschaftsleistung wird in diesem
Jahr deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegen, nämlich
bei runden minus acht Prozent. Entlassungen, Kurzarbeit, Insolvenzen:
In Baden-Württemberg geht es dem einstmals höchst erfolgreichen
Mittelstand an den Kragen, schreibt die TAZ. Dann berichtet
sie aus der IGM-Verwaltungsstelle Esslingen und zitiert deren Bevollmächtigten
Sieghard Bender. Von den 130 Unternehmen in der Verwaltungsstelle,
geht es gerade einmal 10 Prozent gut. Rund die Hälfte davon
ist, wird sich die Lage nicht ändern, in ihrer Existenz bedroht.
Das gilt besonders für die Betriebe des Maschinenbaus, sowie
der Kfz-Zulieferindustrie. Die vielen kleinen mittelständischen
Betriebe sind dabei das eigentliche Problem. Bis zu 90 Prozent sind
dort laut TAZ die Aufträge weg gebrochen. Daher geht ihnen
nach monatelanger Durststrecke langsam aber sicher das Geld aus.
Sie können nicht wie die Konzerne Daimler, Porsche oder Bosch
aus eigener Finanzkraft die Krisenzeit überbrücken; sie
brauchen von den Banken Liquiditätskredite. Aber die bekommen
sie nicht. Die Großen kriegen Kredite und die Kleinen
verhungern, sagt Gunter Ketterer, ein Maschinenbaufabrikant
aus der Region. Ja, so sind sie die Gesetze des freien kapitalistischen
Marktes. Das führt zu Konsequenzen. Und Bender ist sich sicher,
dass nach der Wahl die Konkurse beginnen. Die IG Metall fordert
deshalb eine aktive Strukturpolitik mit einem Regionalfond von 500
Mio. Euro. Damit sollen Mittelständler gerettet werden und
eine Deindustrialisierung der Region verhindert werden. Bender war
lange Jahre für die IG Metall in Chemnitz. Wenn er also von
Deindustrialisierung spricht, dann weiß er was das ist. Aber
die Politik will von den IGM-Vorschlägen nichts wissen. Auch
das ist eine Erfahrung aus dem Osten.
Sicherlich ist die Lage nicht in allen Bundesländern und Regionen
gleich trübe und direkt vergleichbar, doch wenn man die Situation
der Schlüsselbranche Metall- und Elektroindustrie generell
betrachtet, so lässt sich die Momentaufnahme aus Esslingen
mehr oder weniger auf alle Industriezentren in der BRD übertragen.
So beschreibt der IGM-Vorstand die Situation in seinem Wirkungsbereich
folgendermaßen: Seit Mai 2008 gehen immer weniger Aufträge
ein. So brach in den ersten beiden Monaten 2009 der Auftragseingang
im Vergleich zum Januar und Februar 2008 um 40 Prozent ein. Aus
dem Ausland gingen 33 Prozent weniger Bestellungen ein. Die Auslandsaufträge
schrumpften um 45 Prozent.
Im Überblick entwickelten sich die Branchen folgendermaßen:
In der Kfz-Industrie ging die Produktion um 44 Prozent zurück.
In der Stahlindustrie wurde 34 Prozent weniger Stahl erzeugt. Die
Unternehmen, die Metallerzeugnisse herstellen, meldeten ein Minus
von 29 Prozent und die Elektroausrüster einen Rückgang
von 27 Prozent. Im Maschinenbau ging die Produktion um 23, bei den
Herstellern von Datenverarbeitungsgeräten, Elektronik und Optik
um acht Prozent zurück.
Diese Situationsbeschreibung deckt sich wahrlich nicht mit der Schönfärberei,
die für die Öffentlichkeit betrieben wird. Von wegen:
Licht am Ende des Tunnels. Und von wegen: die Konjunktur springt
gerade wieder an! Wie die Analyse der IG Metall zeigt, ist die Autoindustrie
am stärksten von der Krise betroffen. 44 Prozent Produktionsrückgang
sind kein Pappenstil. Zwar hat die Abwrackprämie dem einen
und anderen Konzern geholfen nicht ganz ins Bodenlose zu fallen.
Aber jetzt nach dem Auslaufen des Programms wird die Ernüchterung
umso größer sein. Konnte die Abwrackprämie schon
den Exporteinbruch nicht auffangen, reißt das Auslaufen der
Prämie jetzt ein zusätzliches Loch in die Absatzzahlen
der Automobilkonzerne. Die Automobilbranche ist in Deutschland und
Europa nicht nur irgendeine Branche. Sie ist die zentrale Schlüsselindustrie,
an der neben der Kfz-Zulieferindustrie auch erhebliche Teile der
Grundstoffindustrien, wie Stahl und Chemie, der Spezialmaschinenbau
und große Bereiche des Dienstleistungssektors hängen.
Seit Jahren ist in Europa die Nachfrage nach Autos rückläufig.
Die Kapazitäten konnten nur durch den Export in die USA und
die Schwellenländer einigermaßen ausgelastet werden.
Dazu muss man wissen, dass die deutsche Automobilindustrie 70 Prozent
ihrer Fahrzeuge ins Ausland verkauft. Kommt diese Nachfrage jetzt
zum Stillstand hat das weit reichende Konsequenzen für die
deutsche und europäische Industrie. Jetzt werden die bestehenden
Überkapazitäten in der Branche deutlicher sichtbar. Von
der IG Metall wird eingeschätzt, dass diese weltweit zwischen
15 und 25 Prozent liegen. Und erst wenn das darin investierte Kapital
durch die Krise vernichtet ist, kann es zur wirtschaftlichen Erholung
kommen. Kurzfristig wird das allerdings nicht der Fall sein. Was
aber dann? Bis zum heutigen Zeitpunkt ist es bei den Stammbelegschaften
nicht zu Entlassungen im größeren Stil gekommen. Das
geschah nicht zuletzt durch weitgehende Zugeständnisse der
Betriebsräte und der IG Metall an die Konzerne. In einem Interview
mit der Zeit formuliert das der Daimler-Betriebsratsvorsitzende
Erich Klemm, folgendermaßen: Den großen Personalabbau
sehe ich nicht. Ich gehe nach wie vor davon aus, dass wir bis zum
Ende der Krise mit den Instrumenten der Kurzarbeit und des Beschäftigungssicherungstarifvertrags,
der etwa Arbeitszeitverkürzungen ermöglicht, unsere Stammbelegschaft
halten können. Am Beispiel Daimler heißt das für
die Stammbelegschaft, dass sie für den Konzern blutet. Anfang
September wurde dort vereinbart, dass die Löhne und Gehälter
der Beschäftigten gekürzt werden. Rund 60.000 Angestellte
werden 8,75 Prozent weniger verdienen, mit der Zusage (vorerst)
nicht entlassen zu werden. Runde 1,6 Milliarden Euro will der Konzern
auf diese Weise einsparen. Die Leiharbeiter sind von der Maßnahme
nicht betroffen. Sie befinden sich schon seit Monaten unter der
Betreuung der Arbeitsagentur.
Daimler steht mit diesem Beispiel nicht alleine. Das was dort geschieht
ist heute Praxis in praktisch allen größeren Industriebetrieben.
Und nicht nur bei den Großen. Nach einer Umfrage des, zur
Hans-Böckler-Stiftung gehörenden, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
Instituts, gibt es in jedem vierten Betrieb, der über 20 Beschäftigte
und einen Betriebsrat hat, eine Beschäftigungsgarantie.
Der Preis dafür sind unbezahlte Mehrarbeit, weniger, oder kein
Urlaubs- und Weihnachtsgeld, oder gleich direkte Lohnkürzungen.
Beschäftigungsgarantie eine Illusion
Dabei wird bei diesen Beschäftigungsgarantien gar
nichts garantiert. In allen Vereinbarungen gibt es Klauseln, die
Entlassungen ermöglichen, wenn sich die wesentlichen
Grundannahmen, verändern. Und die verändern sich
ständig. Das wird inzwischen wohl auch der IG Metall klar.
Auf einer Automobil- und Zuliefererkonferenz im März des Jahres
geht IGM-Vorsitzender Berthold Huber selbst davon aus, dass Dramatisches
geschieht. Er führt dort aus, dass es bis jetzt wegen der IG
Metall nicht zu großen Entlassungswellen gekommen sei, aber,
so Huber, wenn ich die Berichte aus den Unternehmen richtig
deute, könnte sich das ab Sommer drastisch ändern.
Huber erkennt richtig, dass mit der Abwrackprämie und der verlängerten
Kurzarbeitsdauer Zeit gewonnen (wurde) und nicht mehr.
Das ist offensichtlich die Revision seiner anfänglichen Fehleinschätzung,
dass durch die Finanzkrise, die Realwirtschaft nur am Rande getroffen
wird. Noch während der Metall-Tarifrunde 2008 wurde von Huber
die Aussage gemacht: Krise? ich sehe keine Krise!. Doch
dieser Fehleinschätzung ist nicht nur er aufgesessen. Das dachten
zu der Zeit auch Betriebsräte und ganze Belegschaften. Aber
jetzt werden sie allesamt von der Realität geweckt. Jetzt kommt
auf die Belegschaften, auch auf die der großen Konzerne, einiges
zu. Das große Jammern und Zähneklappern beginnt. Und
je länger die Krise andauert, desto schlimmer wird es.
Sozialabbau und Widerstand
Die Bundesregierung wird in diesem Prozess nur noch die von der
Krise und der eigenen Ideologie Getriebene sein. Insgesamt klafft
zwischen den projektierten Ausgaben der öffentlichen Hand und
deren Einnahmen in den Jahren 2009 bis 2013 eine Lücke in Höhe
von 511 Mrd. Euro (Sozialismus 10/2009 S.7). Zum Vergleich: die
Einnahmen der öffentlichen Haushalte betrugen laut statistischem
Bundesamt im Jahr 2008 245,1 Mrd. Euro. Das heißt, dass die
Regierung keinerlei finanziellen Spielraum für die aktive Gestaltung
der Politik haben wird, zumal der Krieg in Afghanistan vor einer
Expansion steht und seine Kosten unkalkulierbar werden könnten.
Selbst ihre eigene Klientel wird sie dann nur beschränkt bedienen
können. Wenn sie auf keinen massiven Widerstand trifft heißt
das, dass der Sozialstaat weitgehend geschliffen wird. Es ist dann
damit zu rechnen, dass die Leistungen bei der Bundesagentur für
Arbeit und den Krankenkassen massiv eingeschränkt werden. Dass
es zu einseitigen Beitragserhöhungen der Sozialversicherungen
kommt. Dass die Renten weiter gekürzt werden und dass man mit
Privatisierungsmaßnahmen die Krankheits- und Altersvorsorge
den Finanzmärkten übergibt. Das alles bei gleichzeitiger
massiver Erhöhung der Massen- und Verbrauchssteuern.
Doch so reibungslos wird das allerdings nicht ablaufen. Da wären
zuerst einmal die Gewerkschaften, die eine solche Politik bei Strafe
ihres Untergangs nicht akzeptieren können. Sie werden die Zerstörung
der sozialen Errungenschaften nicht kommentar- und widerstandslos
hinnehmen können. Die Frage allerdings ist, wie weit ihr Widerstandswille
reicht. Sie sind allesamt nach wie vor auf grenzenlose Sozialpartnerschaft
fixiert. Zwar haben Sommer und auch andere Gewerkschafter vor einer
schwarz-gelben Koalition gewarnt und eine solche als die denkbar
schlechteste Option bezeichnet. Aber Sommer musste noch am Wahlabend
betonen, dass er zur Kanzlerin Vertrauen hätte, schließlich
hätte sie vor der Wahl erklärt, dass sie den Kündigungsschutz
nicht antasten würde. Darüber hinaus sprach er sich für
eine produktive Zusammenarbeit mit der neuen schwarz-gelben Regierung
aus, wobei er sie allerdings vor einer arbeitnehmerfeindlichen Politik
warnte. Auch IG Metallchef Huber ließ von sich hören.
Deutschland ist immer dann gut gefahren, wenn Kooperation
und nicht Konfrontation die Politik beherrschte. Gemeinsam mit den
Arbeitnehmern müssen jetzt Lösungen gefunden werden für
die dringendsten Probleme. Und er kündigte an, dass die
IG Metall mit der neuen Regierung die Kooperation suchen werde,
auch wenn das aufgrund der Beteiligung der FDP schwieriger werde.
Eine Verschärfung von Konflikten zwischen Unternehmern und
Beschäftigten unter der neuen Regierungskonstellation erwartet
der IG-Metall-Vorsitzende nicht. Er rechne nicht per se
damit, so Huber auf die entsprechende Frage am Montag nach der Wahl
im ZDF-Morgenmagazin. So spricht ein wahrer sozialdemokratischer
Arbeiterführer.
Es mag sein, dass ein Teil der Zusammenarbeitsangebote der Gewerkschaften
taktischer Natur sind. Dass sie gemacht werden, um auf dem Verhandlungswege
wenigstens das Schlimmste zu verhindern. Aber war das schon bei
den sozialdemokratischen Freunden nicht möglich, so wird es
unter der jetzigen Konstellation erst recht nicht möglich sein.
Ein Teil der Gewerkschaftsführungen, und dazu gehört auch
Huber, hofft darüber hinaus, dass die Krise klassenübergreifend
mit der Vernunft der entsprechenden politischen Akteure gesteuert
werden kann. So hat beispielsweise Huber auf der besagten Automobilkonferenz
der IG Metall durchaus vernünftige Vorschläge gemacht,
die die Strukturkrise in dieser Schlüsselbranche zumindest
mildern würde. Im Einzelnen soll folgendes geschehen: Die
Errichtung eines öffentlich Beteiligungsfonds für die
produzierende Wirtschaft, und die stärkere Ausrichtung des
Insolvenzrechts an der Fortführung des Betriebs. Dazu gehört,
dass der Staat jetzt massiv in die Bereiche investiert, in denen
sich die Zukunft unserer Wirtschaft und Gesellschaft entscheidet.
Das sind: Öffentliche Infrastruktur, Bildung, Forschung und
Entwicklung, Innovation und ökologischer Umbau.
Und Huber meint weiter: Deshalb brauchen zukunftsfähige
Betriebe der produzierenden Wirtschaft staatliche Absicherung und
einen Schutzschirm, wenn es hagelt. Und wir brauchen eine Renaissance
einer aktiven Industrie- und Strukturpolitik. Deshalb unser Vorschlag
eines Fonds für öffentliche Beteiligungen. Natürlich:
Das erfordert enorme Finanzmittel. Deshalb müssen hohe Einkommen
und Vermögen wieder stärker zur Finanzierung öffentlicher
Aufgaben herangezogen werden. Das geht nur, wenn Steueroasen ausgetrocknet
werden. Nicht nur wir sind gefordert. Es ist eine ureigene Aufgabe
des Staates, den notwendigen Strukturwandel sozial, demokratisch
und ökologisch zu gestalten. Wir können es nicht nur den
Unternehmen und dem Markt überlassen. Ich fordere deshalb die
Bundesregierung auf, zusammen mit den Gewerkschaften, den Industrie-Verbänden
und den Unternehmen Zukunftsszenarien zu erarbeiten. Wir wollen
nicht nur auf Krisen reagieren, sondern vorausschauend Entwicklungswege
gestalten.
Soweit Berthold Huber, Vorsitzender der IG Metall. Die zentrale
Botschaft zur Umsetzung seiner vernünftigen und
staatstragenden Vorschläge ist: wir machen das ganz große
Bündnis für Arbeit. Sozusagen eine klassenübergreifende
Arbeitsgemeinschaft auf Staatsebene zur Lösung des Krisenproblems.
Huber übersieht allerdings, dass seine Vorschläge teilweise
ganz klar die Klasseninteressen der Kapitalisten berühren und
er außerdem damit einige heilige Kühe des Neoliberalismus
schlachten will. Selbst wenn sich seine Gegner auf seinen Vorschlag
einlassen würden, würde nichts dabei herauskommen, wenn
er selbst nichts weiter einbringt, als die reine Vernunft der IG
Metall.
Denn noch immer ist es so: Rechtsfragen sind Machtfragen und diese
klärt man nicht am Verhandlungstisch, sondern auf der Straße.
Doch davor hat der Apparat Angst. Unter dem Eindruck der Krise befürchtet
man, dass sich mobilisierte Belegschaften nicht mehr steuern lassen.
Das aber würde, so meint man in den Führungsebenen, der
eigenen Reputation schaden und den gewerkschaftlichen Einfluss in
Wirtschaft, Staat und Gesellschaft mindern. Für die Gewerkschaften
gibt es deshalb keine Alternative zur Sozialpartnerschaft. Vielleicht
wird aber der Krisenverlauf die Führungen der Gewerkschaften
zu einer anderen Einsicht zwingen. Es ist davon auszugehen, dass
in den nächsten Monaten heftige Angriffe auf die Gewerkschaften
aus dem Unternehmerlager kommen. Es werden die Kapitalisten sein,
die die Sozialpartnerschaft aufkündigen. Mit Sicherheit werden
sie versuchen auf breiter Front Tarifverträge auszuhebeln oder
auf andere Art die Belegschaften angreifen. Die Forderung der Unternehmer
an die neue Bundesregierung, die betrieblichen Bündnisse
für Arbeit juristisch abzusichern, kommt nicht von ungefähr.
Für das Kapital ist die Krise die Chance, mit dem Sozialklimbim,
der sich in den zurückliegenden Jahren angesammelt hat, aufzuräumen.
Wenn es dazu kommt, ist nicht zu erwarten, dass die Belegschaften
überall die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen ohne Widerstand
hinnehmen. Auch die Gewerkschaften, besonders auf den örtlichen
Ebenen, werden nicht umhinkommen Gegendruck zu organisieren und
Abwehrkämpfe zu führen. Aufgrund der verschärften
Krisensituation kommt es auch verstärkt zu Insolvenzen, Betriebsschließungen
und Verlagerungen. Man kann davon ausgehen, dass es in manchen dieser
Fälle zu spektakuläreren Auseinandersetzungen kommt, die
in ihrem Verlauf radikaler sind, als wir es bislang gewohnt sind.
Das hat weniger mit dem Willen zum Klassenkampf einer Belegschaft
zu tun, sondern eher mit der Verzweiflung der Betroffenen, die eigene
Existenz zu verteidigen.
Der Wert solcher Kämpfe ist, dass sich die Betroffenen ihrer
eigenen gesellschaftlichen Stellung bewusst werden. Sie nehmen sich
selbst als Klasse wahr. Und das ist die Voraussetzung, dass sich
Klassenbewusstsein bildet.
In der Vergangenheit gab es verschiedene große Streiks und
Betriebsbesetzungen. Zum Beispiel bei Krupp in Rheinhausen, der
Betriebsbesetzung der Kalikumpel im Eichsfeld, die Betriebsbesetzung
bei LIP in Frankreich oder auch der militant geführte große
Bergarbeiterstreik in England. Diese Kämpfe wurden beispielhaft
für sozialen Widerstand und Solidarität und hatten Bedeutung
über die nationalen Grenzen hinaus.
Wenn solche Kämpfe in einer Krise wie der jetzigen geführt
werden, besteht die Chance für eine soziale Widerstandsbewegung,
die über die direkt Betroffenen hinausgeht und auch andere
Krisenopfer integriert.
Nur eine breite soziale Widerstandsbewegung, die auch die Antiatomkraft-
und Friedensbewegung einschließt, kann die Macht aufbauen,
die erforderlich ist um die neoliberale Hegemonie zu brechen. Allerdings
kann sie sich in ihrer Zielstellung nicht damit begnügen, den
abgewirtschafteten kapitalistischen Status quo wieder herzustellen.
Es ist unumgänglich in der Bewegung Alternativen zum Kapitalismus
zu entwickeln. Das wird nicht leicht werden in einem sozialen Bündnis
hierzu Konsens herzustellen. Das gilt insbesondere für die
Gewerkschaften. Sommer will, wie er es in einem Interview ausdrückte,
die Renaissance der sozialen Marktwirtschaft und Huber
die Rückbesinnung auf den rheinischen Kapitalismus westdeutscher
Prägung. Diese Positionen zeigen, welche Illusionen man
sich in den Gewerkschaftsvorständen immer noch über die
aktuellen Zustände macht. Illusionen über den Verlauf
und Charakter der Krise und auch über die eigene Rolle die
man in diesem Prozess spielt.
Die nächsten Monate werden zeigen, dass es ein Widerstandspotential
gibt. Wahrscheinlich wird es seine eigene Dynamik entwickeln. Doch
ist kaum anzunehmen, dass bereits Schlussfolgerungen gezogen werden,
die über die jetzige Wirtschaftsordnung hinausgehen.
Das kann nur von den schwachen Kräften der Linken geleistet
werden. Sie hat keine andere Wahl. Sie muss die Diskussion über
Alternativen des Kapitalismus in eine solche Bewegung tragen.
10. Sept.2009
zur
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Ein
weiteres Kapitel der Parteigeschichte im langen Weg des Niedergangs
SPD
2010 Schuld und Sühne
Dass
die Regierungsübernahme von SPD und Grünen 1998
nur mit schmerzlichen sozialpolitischen Einschnitten enden konnte,
musste jeder kritische Zeitgenosse mit einigen historischen Kenntnissen
befürchten. Leitete die Bildung der Großen Koalition Ende
1966 aus CDU/CSU und SPD über in eine Modernisierung der bundesdeutschen
Gesellschaft durch eine liberalisierte Gesetzgebung, Ausbau und Öffnung
des Bildungswesens, sollte das keynesianisch inspirierte Instrumentarium
der Globalsteuerung hinfort der Krisenanfälligkeit
des Konjunkturverlaufs entgegensteuern und eine Notstandsgesetzgebung
für den Fall des Falles das Grundgesetz von 1949 jetzt für
den Ausnahmezustand tauglich machen. Um darin souverän zu bleiben,
benötigte die herrschende Eigentumsordnung des Privatbesitzes
an Produktionsmitteln einen legitimierenden Handlungsrahmen. Die Akzeptanz
repressiver Gewalt in Vorwegnahme etwaiger Bürgerkriegszustände
zur Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse war für die
Parteiführung der SPD kein Tabubruch. Mit den Namen Ebert und
Noske verbindet sich die seit 1918/19 mit Hilfe reaktionärer
Freikorps unter Beweis gestellte Vaterlandstreue oder
Verantwortung für das Ganze.*) Der historische Verweis
lässt die Grundlinien des spezifischen SPD-Reformismus durchscheinen:
Um mehrheitsfähig zu werden und zu bleiben, kann solcherart Partei
ohne massenhafte Bestätigung durch lohnabhängige Wähler
nicht existieren und nur durch positiv erfahrenen sozialpolitischen
Fortschritt ihre dauerhafte Bindung gewährleisten. Verlieren
die Wachstumsimpulse der kapitalistischen Ökonomie an selbstinduzierter
Kraft, tritt alsbald der prokapitalistische Grundcharakter dieser
Partei offen in den Vordergrund: Wenn zusätzliche staatliche
Nachfragestimulation in wachsende staatliche Verschuldung ohne wachstumsgestützte
Aussicht auf baldigen Schuldenabbau mündet, zudem die fortschreitende
Produktivität dann auch noch für ein wachsendes Heer überschüssiger
Arbeitskräfte sorgt, deren Versorgung mit Transferleistungen
bei gleichzeitigem Beitragsausfall die Kassen der lohnbasierten Sozialversicherungszweige
mehr und mehr beansprucht, ist der angebotstheoretische Paradigmenwechsel
zur Kostensenkung bei Löhnen und Gewinnsteuern nicht mehr weit,
um nur die Profite zu begünstigen. In dieser Situation befand
sich nach 1980 die sozialdemokratisch dominierte Bundesregierung unter
Kanzler Helmut Schmidt. Bei einer Bruttolohnquote von 73,6 % vom Volkseinkommen
1981 (1970: 65,6 %) wurde es trotz begonnener Beschneidung des sozialstaatlichen
Wildwuchses so lautete der SPD-Jargon für
den wirtschaftsliberalen Partner FDP höchste Zeit, mit der CDU/CSU
die Beseitigung von Investitionshemmnissen des BRD-Kapitals
ab Ende 1982 entschiedener anzugehen. Sechzehn Jahre später machte
der neue SPD-Kanzler Schröder nicht dort weiter, wo Parteigenosse
Helmut Schmidt aufhörte, sondern wo Helmut Kohl noch zögerte.
Der Leitbegriff Reform als Modernisierung
des zu fett gewordenen Wohlfahrtsstaates hin zum verschlankten
Wettbewerbsstaat, der vom Kapital geringere Abgabenquoten einfordert,
galt nun zuallererst für einen von breitem ideologischen Trommelfeuer
(Generationenlast durch demografischen Wandel)
unterstützten Angriff auf die sicher gewähnte Höhe
der Rentenbemessung zukunftiger Rentnerjahrgänge. In der folgenden
Legislaturperiode ab 2002 ging es mit der Abschaffung der Arbeitslosenhilfe
rigoros den Langzeiterwerbslosen an den Kragen. Aus Lohnersatzbeziehern
(Alhi) wurden ab 2005 Sozialfürsorgeempfänger, beschönigend
Arbeitslosengeld II-Bezieher tituliert. Diese bewusst separiert vollzogene
gezielte soziale Degradation bestimmter Segmente der Wahlbevölkerung
musste im nachhinein CDU-Kanzler Kohl als letzten gutmütigen
Patron des bundesdeutschen Sozialstaates erscheinen lassen. Obwohl
sein CDU-Sozialminister Norbert Blüm sich selbst am Ende seiner
Amtszeit der vorgenommenen Leistungseinschnitte von jährlich
etwa neunzig Milliarden DM im Sozialetat rühmte, fiel es diesem
hinterher nicht schwer, mit guten Argumenten als Barrikadenkämpfer
des alten BRD-Sozialstaats auftzutreten. Seinem Ausruf Die Rente
ist sicher fehlte nur die Konsequenz: Wenn Ihr sie Euch
durch konsequente Massenaktionen und nicht die Wahl der falschen Parteien
sichert!
Hätte die SPD/Grünenkoalition nach 1998 länger als
eine Legislaturperiode durchgehalten, wenn sie sofort zu Beginn mit
Verteuerungen bzw. Verschlechterungen in der Gesundheitspolitik aufgewartet
hätte? Wohl kaum. Ein reduzierter Leistungskatalog und das Steuerungsinstrument
einer von den Arztpraxen eingetriebenen vierteljährlichen Konsultationsgebühr
von zehn Euro lassen jeden fragen, wem er das zu verdanken hat. Das
merkwürdigerweise mit Steuermilliarden geförderte stufenweise
Zwangssparen von schließlich vier Prozent des Einkommens für
die Riesterrente in Regie von Finanzkonzernen mögen viele nicht
als Enteignung empfinden. Aber es soll eine Lohnsenkung
zugunsten der Unternehmer kompensieren, die bei gesetzlicher Rentenkürzung
ihre Lohnsumme reduzieren, weil der kollektiv verwaltete Lohnbestandteil
Rentenbeitrag nicht über zwanzig Prozent steigen soll. Und wenn
dann noch die Rentenanwartschaft auf mehr Beitragsjahre bis zum 67
Lebensjahr gestreckt wird, fällt der Rentenanspruch um so geringer
aus, je früher man aus dem Arbeitsleben ausscheidet. Für
die meisten ist inzwischen spätestens nach 63 Lebensjahren der
Übergang in die Altersrente angesagt. Wer da nicht kontinuierlich
und einigermaßen tariflich gut verdient hat, ist eher arm dran.
Das sind bereits diejenigen Teilzeitbeschäftigten, deren Zahl
seit Inkrafttreten des zweiten Gesetzes für moderne Dienstleistungen
am Arbeitsmarkt seit 2003 innerhalb von fünf Jahren von mehr
als zehn Millionen auf über zwölf Millionen anstieg.**)
Die Zerlegung von Vollzeitstellen in Minijobs erspart erhebliche Sozialbeiträge
und weitete den Niedriglohnsektor aus. Weil Vollzeitstellen nicht
mehr zu finden sind, wird Teilzeitbeschäftigung besonders in
Ostdeutschland zwangsläufig eine gängige Erwerbsform, obwohl
zwei Drittel der Teilzeitbeschäftigten dort lieber Vollzeit arbeiten
würden (siehe DGB info-service einblick 8/09). Unverhohlene Reduktion
der Menschen auf möglichst billige ökonomische Grössen,
die dafür noch dankbar sein sollen diesem Menschenbild
der sozialdemokratischen Modernisierer versagten sich nach 2000 wachsende
Anteile der über zwanzig Millionen SPD-Wähler von 1998.
Wo aber noch mehr als zwei Drittel aller Beschäftigten eine normale
Vollzeitbeschäftigung ausüben, dürften Bedenken und
Ängste älterer Jahrgänge vor Dauererwerbslosigkeit
(Hartz IV) und unzureichender Altersrente im Vordergrund stehen. Die
Hauptgründe der Wahlniederlage bestätigte dann auch der
hessische SPD-Generalsekretär Michael Roth am 29.9.09 in der
Frankfurter Rundschau: Ich würde zu Hartz IV noch die Rente
mit 67 hinzufügen. Sein abgestrafter Kanzlerkandidat und
neuer SPD-Fraktionschef im Bundestag Frank-Walter Steinmeier ist eher
stolz auf das, was die SPD geleistet hat. Wie er sich
rechtfertigt, zeigt die Antwort auf die Frage in der FR vom 17.10.09:
Ihr künftiger Parteivize Wowereit fordert die Rücknahme
der Rente mit 67, auch, wie er sagt, wenn wissenschaftlich
oder mathematisch etwas anderes geboten wäre. F.-W.
Steinmeier: Wir dürfen den Menschen nichts vormachen. Die
Menschen leben länger, bekommen länger Rente, und weniger
Junge zahlen in die Rentenkasse ein. Das ist Mathematik und die schlichte
Wahrheit. Oder nur die Halbwahrheit, um solche politischen Zwecklügen
zu kaschieren? Fragen wir eher, wieviel vom jährlichen Gesamtprodukt
wem zufließt. Nimmt das ab, bloß weil die Vollzeitbeschäftigten
im wiedervereinigten Deutschland seit 1991 von 29,6 Millionen bis
2008 auf 23,8 Millionen abnahmen, die Teilzeitbeschäftigung jedoch
gleichzeitig von 5,5 Millionen auf 12,1 Millionen anstieg? Müssen
deshalb die Zuflüsse in die Rentenkasse abnehmen und zu kleineren
Portionen gestreckt werden, wenn Billigjobs mit geringen Sozialabgaben
politisch gewollt Vollzeitarbeitsplätze ersetzen? Wie kommt es,
dass im gleichen Zeitraum das Bruttoinlandsprodukt von 1,5 Billionen
Euro auf 2,49 Billionen Euro anstieg, obwohl das gesamtwirtschaftliche
Arbeitsvolumen von damals bis heute von 59,8 auf 57,7 Milliarden Arbeitsstunden
aufgrund wachsender Produktivität absank und dennoch die feststellbaren
Netto-Unternehmens- und Vermögenseinkommen von 289 Milliarden
Euro auf 567 Milliarden Euro anwuchsen? Ein auf Dauer stets wachsendes
gesellschaftliches Gesamtprodukt soll nicht mehr als die zwanzig Milliarden
Euro pro Monat hergeben, welche die Rentenzahlungen derzeit abfordern?***)
Denjenigen nehmen, die mehr brauchen und denjenigen noch mehr zuschanzen,
die damit nur ihre Vermögenstitel und Gewinnansprüche erhöhen:
Was hat das noch mit sozialer und demokratischer Politik dem Wort
nach zu tun? Der Niedergang auf 23 % bei 9,989 Millionen Wählerstimmen
(2005 ca. 16,195 Millionen) könnte auch als eher glimpflich gelten
in Anbetracht der sozialen Auswirkungen der Politik gegen lohnabhängige
Wähler, den die Schröder/Müntefering/Steinmeier-SPD
einschlug.
Bundespolitisch ist die SPD nun auf eine politische Grösse ähnlich
wie in den fünfziger Jahren der BRD zurückgeworfen. Um den
Absturz nicht unbedingt stimmig, aber weitaus unbefangener als andere
Sozialdemokraten zu erklären, sprach Gesine Schwan in der Berliner
Zeitung vom 10.10.09 u.a. folgendes an: (
) Das Hauptziel
der SPD, die Gerechtigkeit, ist in der Zeit der westlichen demokratischen
Nationalstaaten recht gut verwirklicht worden. Aber seit dem Ende
der 70-er Jahre, seit dem Schub der ökonomischen Globalisierung
und erst recht seit dem Ende des Ost-West-Konflikts, gab es nicht
mehr die Bedrohung, dass wir in einer Diktatur enden, wenn wir die
Demokratie nicht auch sozial stärken. Damit begann der Zeitgeist
der Deregulierung, der dann der SPD in der Regierungsverantwortung
Wege nahe gelegt hat, die heute negative Folgen haben. (
) Das
Kennzeichen der ökonomischen Deregulierung war ein Geist der
alles durchwirkenden Konkurrenz überall, in der Wirtschaft,
in der Wissenschaft, in der Bildung. (
) Und diese Entsolidarisierung
der Gesellschaft hat die SPD nicht deutlich genug bekämpft, sondern
hat im Gegenteil sogar noch mitgemacht, in der Bildungspolitik und
indem sie de facto die Arbeitslosigkeit zum Ergebnis individuellen
Versagens erklärt hat. (
) Deswegen müssen wir jetzt
auch überprüfen, wie die sogenannte Agenda-Politik mit unserer
historischen Mission zu legitimieren war und heute noch ist. Und was
von dieser Legitimation uns möglicherweise dazu führt, an
der Agenda-Politik etwas zu verändern.
Während in der Grossen Koalition nach 2005 die SPD den beschrittenen
Weg in der Gesundheits-, der Renten- und Verkehrspolitik (Plan zum
Verkauf von Aktienpaketen der Bahn-AG an der Börse) zusammen
mit der CDU klammheimlich fortsetzte, versuchte eine mehrheitliche
Strömung der hessischen SPD mit ihrer Vorsitzenden Andrea Ypsilanti
auf der Landesebene durch mehr bildungspolitische Chancengleichheit
und einen Umstieg zu effizienterer Energiepolitik einen Seitenausbruch
links vom kapitalfrommen SPD-Kurs. Mit dem Konzept soziale Moderne****)
erlangte Anfang 2008 die SPD dort wieder 37,6 % der abgegebenen Stimmen.
Doch das von der Parteiführung abgenötigte Versprechen,
keine Koalition mit der Linkspartei (5,1 %) einzugehen, die dadurch
unter die Fünfprozenthürde gedrückt werden sollte,
nutzte der rechte Parteiflügel mit Unterstützung der Medien
zur politischen wie persönlichen Demontage der Spitzenkandidatin,
sodass kein Regierungswechsel zustande kam. In Folge servierte das
Spitzen-Duo Müntefering/Steinmeier den Parteivorsitzenden Kurt
Beck gleich mit ab. Er konnte nicht einsehen, Koalitionen mit der
Linkspartei im Westen zu verweigern, wo sie im Osten längst zum
politischen Alltag gehören. Dieses Platzhirschgehabe formaler
Diktate, Parteienkonkurrenz von links aus dem parlamentarischen Revier
zu quetschen, verfehlte schon beim Aufkommen der Grünen
in den achtziger Jahren das Ziel. Die Methode, mit Ausgrenzung und
Diffamierung trotz schlechter Politik möglichst viel Mandate
einzusacken, um reichlich Parteikarrieren und Finanzierungszuflüsse
offen zu halten, erhielt am 27. September 2009 ihre Quittung: Die
Zahl der Bundestagsmandate der SPD verengte sich von 222 auf 146!
Dieser Umstand wird die Fraktionsdisziplin der Davongekommenen und
Verbliebenen gewiss nicht lockern.
Der SPD-Parteitag in Dresden Mitte November wich dann auch nicht von
der Grundlinie der Regierungsjahre seit 1998 ab. Es rückten jüngere
Personen in die erste Reihe, denen eben nicht nur politische Hehlerei
aus dieser Zeit nachzusagen ist. Vor allem weiter koalitionsfähig
nach rechts bleiben dieser Perspektive stehen höhere Hartz-IV-Regelsätze
für Kinder, erweiterte Schonvermögen und längere Bezugsdauer
von Arbeitslosengeld I für Ältere nicht entgegen. Ansonsten
wenig neues, was der jetzige Vorsitzende Sigmar Gabriel dem Tagesspiegel
vom 28.11.09 mitteilte: Das Hauptproblem in unserem Land ist
die seit Jahren sinkende Investitionsquote. Steuerliche Vorteile müssen
den Unternehmen Anreize geben, mehr zu investieren. Das schafft Arbeitsplätze.
Auch der Staat muss seine Investitionen eher noch ausbauen.
Mit einer Schuldenbremse im Grundgesetz, für die sich die SPD
eben gerade hergab? Und das niedrigere Unternehmenssteuern Arbeitsplätze
schaffen dieses Erfolgsrezept findet ja seit 30
Jahren tüchtig Anwendung. Im Hinblick auf die Bankenpolitik wurde
Genosse Gabriel richtig heftig: Eigentum verpflichtet, sagt
das Grundgesetz. Das sollten wir mit Gesetzen konkretisieren. Wir
kommen nicht weiter, wenn der Staat kein scharfes Schwert hat. Der
Staat muss es ja nicht benutzen, aber er muss zeigen, welche Mittel
er einsetzen wird, wenn sich der Bankensektor weiterhin so gemeinwohlschädigend
verhält.
Noch klammern sich weite Teile der bundesdeutschen politischen Linken
an die Hoffnung, aus dem Ergebnis der anstehenden Landtagswahlen in
Nordrhein-Westfalen eine SPD/Grüne/Linkspartei-Koalition als
Etappensieg auf dem Weg zur Regierungsübernahme auch im Bund
zu bilden. Zwei Hartz-IV-Parteien sollen zusammengehen mit einer Partei,
die ihr neoreformistisches Profil über die Sozialpolitik von
SPD und Grünen herausbildete.*****) Wenn auch kryptisch zugespitzt,
weist der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker
in der FR vom 9.11.09 bestimmten Parteien einen anderen Stellenwert
in ihrer Funktion zu: Die sozialdemokratische Partei ist die
älteste Partei in Deutschland. Während ihrer gesamten Geschichte
hat es immer Fragen nach der Entwicklung ihres linken Flügels
gegeben. Das war schon in der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik
so. Die zukünftige Aufgabe der SPD ist es, Wähler in Richtung
Mitte zu finden. Das ist wichtiger als weitere 20 Jahre darüber
nachzudenken, dass es alle möglichen Wurzeln in der Linken gibt,
die wir nur mit den Buchstaben SED verstehen. Diese Aufforderung,
alle möglichen Strömungen der Linken unter dem Dach der
Linkspartei zu domestizieren nach 1945 wurde ja von der KPD
im Osten und von der SPD im Westen fast alles aufgesogen ist
ein intelligenter Wunsch, die schärfer hervortretenden Klassenunterschiede
über das parlamentarische Parteiengefüge im Zaum zu halten.
Die bürgerliche Hegemonie des herrschenden prokapitalistischen
Interessenblocks lässt sich so weder infragestellen noch aufbrechen.
Der Unmut der unter Druck geratenen Bevölkerungsteile äussert
sich vor allem in Wahlenthaltung. Die betriebene Sozialstaatsdemontage
findet in enttäuschter Abwendung von der SPD, aber auch der CDU/CSU
ihren Ausdruck. Die Distanz zur Linkspartei dürfte im Westen
eher sozio-kulturelle Gründe haben. Ihre Aktivisten agieren aus
einer Randszene heraus eher als Verliererpartei. Was könnte wenigstens
Anteile des Nichtwählerblocks hindern, sich einem Programm für
eine erneuerte soziale Republik zuzuwenden, das durch ein fortschrittliches
Arbeitszeitgesetz mittels kurzer Vollzeit für alle (sechs Stunden
täglich ohne Lohnverlust) mehr Beschäftigungschancen eröffnet
und damit die Produktivkraftentwicklung endlich wieder mehr gesellschaftlich
nützlich umsetzt? Sichere Daseinsvorsorge im Alter, bei Krankheit
und Erwerbsausfall kann nur ein regulierter Gesamtarbeiter garantieren,
indem alle Erwerbsfähigen unter angeglichenen Zeitstrukturen
ihren Platz finden. Passiv dem Aufwachsen einer SPD zuzuschauen, die
den Leuten wieder was vormacht, ist Zeitvergeudung, bevor die rötlich-grün
schillernden politischen Seifenblasen zerplatzen und die Resignation
innerhalb der auf Lohnerwerb angewiesenen Bevölkerung weiter
um sich greift.
*)
Hierzu stets empfehlenswert: Sebastian Haffner, Die deutsche Revolution
1918/19,
Rowohlt TB Reinbek 2007, 253 S., 8.90 Euro
**)
Mehr darüber: DGB Positionen + Hintergründe Nr. 8/Februar
2008
Bereich Gleichstellungs- und Frauenpolitik/Mini-Jobs im Widerstreit
politischer Interessen
***) Obwohl gerade die Niedrigstrentner es nötig hätten,
würde eine monatliche Rentenerhöhung um hundert Euro etwa
zwei Milliarden Euro zusätzlich erfordern (24 Mrd. jährlich).
Eine einprozentige Beitragserhöhung würde dafür ausreichen.
****) Dennoch ist das alles nicht besonders links. In
einem Interview des Freitag vom 12.11.09 lehnte Andrea
Ypsilanti die Forderung nach der 30-Stunden-Woche ab. Ich denke,
dass man mit solchen Festlegungen auch nicht viel weiter kommt. Wir
brauchen flexible Konzepte, Jahres- und Lebensarbeitszeitkonten und
dergleichen. An gleicher Stelle favorisierte sie die solidarische
Bürgerversicherung, eine Art Krankenvolksversicherung im
Kapitalismus, in die alle einzahlen sollen. Versicherungskonzerne
und diejenigen, die solche Versicherung nicht brauchen, werden es
zu verhindern wissen. Den Glauben an Luftschlösser verbreiten
und den Finanzierungsproblemen der gesetzlichen Krankenversicherung
tatenlos zuschauen, ist schlicht fahrlässig. Nur mehr Beitragszahler
erhöhen sofort die Geldzuflüsse dies aber setzt generelle
Arbeitsumverteilung voraus, die zu mehr Vollzeitbeschäftigung
führt.
*****) Die Grünen stehen mitte-links. Aber wir lassen uns
im Bundestag nicht so einfach in ein rot-rot-grünes Oppositionslager
einordnen. Wir sind eine eigenständige Partei und machen eine
eigenständige grüne Politik. Die Verstaatlichungspolitik
und die unbezahlbaren Versprechungen der Linken machen wir nicht mit.
Andererseits gibt es zum Beispiel in der Atom-, Umwelt- und Sozialpolitik
natürlich auch viele Übereinstimmungen. Bärbel
Höhn, Vize-Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, in:
Berliner Zeitung vom13.10.2009
04.12.2009/Projekt Arbeiterpartei
zur
Startseite
Bundestagswahlen
2009:
Die
Klassengesellschaft bestätigt die Klassenverhältnisse
Neunzehn
Jahre nach dem Anschluss der DDR erfolgt die sechste Bundestagswahl
im tiefsten konjunkturellen Einbruch der Weltwirtschaft seit achtzig
Jahren. Wo bald zwanzig Prozent der Haushalte unterhalb oder an der
statistischen Armutsgrenze mit kargen staatlichen Transferleistungen
oder unterbezahlten Jobs irgendwie ihre Lebensführung meistern,
bewirkt das nach über dreißig Jahren Eingewöhnung
an einen Erwerbslosensockel von zehn Prozent der erwerbsfähigen
Bevölkerung öffentlich wenig Aufregung. Üppige staatliche
Finanzhilfen wie Bürgschaften an vom Zusammenbruch bedrohte Banken,
gestreckte Kurzarbeitsregelungen im verarbeitenden Gewerbe, Kaufprämien
für PKW-Neuzulassungen und Nachfrage schaffende Investitionsvorhaben
im öffentlichen Sektor ergeben bislang eine Lage, in der Stammbelegschaften
vorerst von Entlassungen verschont blieben. Verabschieden aus den
Industriebetrieben mussten sich 163 000 Leiharbeiter. Fast jeder vierte
Zeitbeschäftigte geriet wieder in die Obhut der Arbeitsagenturen.
Am 12.06.09 kam das Handelsblatt zu folgender Bewertung: Ein
Blick auf frühere Krisen zeigt, dass die Unternehmen auch im
Abschwung nach der Jahrtausendwende ihre Kosten erst zeitverzögert
in den Griff bekamen. 2001 sanken bei den Dax-Konzernen die Nettogewinne
um 54 Prozent, die Umsätze aber nur um rund sechs
Prozent. Obwohl in den beiden folgenden Krisenjahren die Umsätze
bei den meisten Firmen stagnierten oder sogar weiter fielen, legten
die Gewinne 2002 durchschnittlich um 35 und 2003 um weitere 15 Prozent
zu. Verantwortlich waren neben der niedrigen Ausgangsbasis, die sich
die Unternehmen durch Milliardenabschreibungen geschaffen hatten,
Rationalisierungen, Entlassungen und Standortverlagerungen in andere
Länder. Ähnliches dürfte auch jetzt wieder bevorstehen.
Zwar hatte Siemens-Vorstandschef Peter Löscher beim Job-Krisengipfel
im Kanzleramt einen Kündigungsverzicht angeboten. Doch Bundeskanzlerin
Angela Merkel hatte darauf längst nicht alle Dax-Konzerne einschwören
können. Spätestens nach der Bundestagswahl im September
dürften die Unternehmen ihre bisherige Rücksicht auf die
Politik aufgeben.
Um die aktuelle Situation mit ihren klassenpolitischen Auswirkungen
einschätzen zu können, ist ein kurzer Rückblick angebracht.
Wenngleich es die CDU/FDP-Regierung unter Kanzler Kohl nach 1983 vermochte,
vorher erreichte sozialstaatliche Leistungen abzubauen und Unternehmens-
wie Vermögensgewinne steuerlich zu begünstigen, stellte
sie das gesetzliche Altersrentensystem wie die Erwerbslosenunterstützung
in ihrer herkömmlichen Funktion der Lebensstandardsicherung und
paritätischen Finanzierungsweise nicht in Frage. Dennoch blieb
die Wirkung nicht aus: 1982 noch mit 73,2 Prozent ausgewiesen, gelang
bis 1990 die Reduktion der Bruttolohnquote des Volkseinkommens auf
67,8 Prozent. Die Unternehmens- und Vermögenseinkommensquote
kletterte in diesen acht Jahren von 26,6 Prozent wieder hinauf zu
30,6 Prozent bereits am Ende von vierzig Jahren BRD-West.
Erst die aus dem Verdruss über sechzehn Jahre Kohl-Regierung
entstandene Wählerstimmung kreditierte 1998 dem Regierungsbündnis
aus SPD und Grünen die Wahlperiode, in der mit der Einführung
der Riesterrente, dem Ersatz bruttolohnbasierter Rentenanteile
durch private Sparleistungen, faktisch die Agenda-Politik zugunsten
niedrigerer Lohnstückkosten der Unternehmen noch mehr forciert
wurde. Nur noch mit knapper Mehrheit im Amt belassen, führte
nach 2002 die Regierung unter SPD-Kanzler Schröder den nächsten
Schlag jetzt gegen das bewährte System der Erwerbslosenversicherung:
Begrenzung des Bezugs von Arbeitslosengeld auf ein Jahr, danach Abschieben
der Erwerbslosen in ein steuerfinanziertes, rigide wie demütigend
erdachtes Fürsorgesystem (Hartz IV), um die nach vorheriger Verdiensthöhe
berechnete steuerfinanzierte Lohnersatzleistung Arbeitslosenhilfe
für Langzeiterwerbslose zu erledigen. Kanzler Schröders
Spruch es gibt kein Recht auf Faulheit sollte nun, obwohl
akzeptable Stellenangebote fehlten, vermeintlich bequem gewordenen
Erwerbslosen bei der Arbeitssuche mehr Elan verleihen. Denn erreichte
ein Beschäftigter vor seiner Entlassung z.B. etwa einen Nettoverdienst
nahe bei 2 000 Euro, konnte er bis Ende 2004 als Arbeit suchender
Arbeitslosenhilfebezieher mit der monatlichen Lohnersatzleistung Arbeitslosenhilfe
von etwas über 1 000 Euro plus Versicherungszuschlägen rechnen.
Auf ein annehmbares Stellenangebot zu hoffen und sich nicht auf zudem
unsichere Stellenangebote weit unter dem vormaligen Verdienst einzulassen,
ist in solcher Situation nur rationell. Einen unsicheren Job für
nur 1 000 Euro anzunehmen bedeutete im übrigen bei erneuter Entlassung
in der Folge eine fast halbierte Erwerbslosenunterstützung.
Neben der erwarteten Einsparung von Transfergeldern verfolgte die
Einführung des an der Sozialhilfe orientierten Arbeitslosengeldes
II (Hartz IV) die Absicht, den längst existierenden Niedriglohnbereich
im Dienstleistungsgewerbe noch weiter und auf andere Branchen auszudehnen,
um damit einer allgemeinen Senkung des historisch erreichten Werts
der Arbeitskraft näher zu kommen. In einem Interview des Spiegel-Spezial
5/2008 bemerkte dazu der Präsident des Münchner Ifo-Instituts,
Hans-Werner Sinn: Lohnersatzleistungen, von der Sozialhilfe
über die Arbeitslosenhilfe bis zur Frührente, wirken wie
ein Mindestlohn. Die Gelder fließen, wenn man nicht arbeitet,
und sie versiegen, wenn man es tut. Deshalb braucht man mindestens
soviel Lohn, wie der Staat fürs Nichtstun zahlt. Die Leistungen
wurden seit Willy Brandt immer mehr ausgebaut, mit dramatischen Konsequenzen
für den Arbeitsmarkt. Von Boom zu Boom ging die westdeutsche
Sockelarbeitslosigkeit um 800 000 hoch. Diese Gesetzmäßigkeit
wurde mit der Agenda 2010 durchbrochen.
Spiegel: Wie das?
Sinn: Die Agenda hat den deutschen Mindestlohn durch zwei Maßnahmen
verringert: Erstens wurde die Arbeitslosenhilfe gestrichen und zweitens
ein Lohnzuschusssystem eingeführt, die Aufstockung bei Hartz
IV. Beides hat die Lohnansprüche gesenkt. Je mehr Zuschuss man
vom Staat kriegt, desto kleiner kann der Lohn sein. Als Folge dieser
Reformen entstand ein Niedriglohnsektor. Und deshalb ist erstmals
seit 1970 vom einen zum anderen Aufschwung die westdeutsche Sockelarbeitslosigkeit
nicht um 800 000 Personen gestiegen, sondern um 300 000 gesunken.
Das macht in der Summe eine Verbesserung von 1,1 Millionen Stellen
wegen der Agenda 2010. Diese Trendumkehr ist ein Riesenerfolg.*
Für wen? Dass in West wie Ost und dort noch radikaler mehrer
Millionen Industriearbeitsplätze allein seit 1990 durch Betriebsverschlankung,
Schließung oder Verlagerung verschwanden, scheint den Angebotstheoretiker
Sinn nicht zu irritieren. Ist erst der Lohn niedrig genug, ist auch
Arbeit da, sprich ein Arbeitskraftnutzer, der sich vom
Arbeiter womöglich noch Lohnanteile aus steuerfinanzierten Staatszuschüssen
mitbringen lässt. So kommt dann auch ein Profit rein. Dieser
Entwicklung setzten die Vorstände in den DGB-Gewerkschaften mit
ihren SPD-Mitgliedsbüchern in den Westentaschen außer hochgezogenen
Augenbrauen nichts entgegen. Ja sie finanzierten noch mit Gewerkschaftsgeldern
seit der Großdemo in Bonn 1996 bis 2002 Wahlkampfunterstützung
für Rot-Grün. Über die Folgen beschwert
sich heute Amelie Buntenbach, seit 2006 im DGB-Bundesvorstand, in
der Berliner Zeitung vom 07.09.2009 und fordert ein befristetes
Überbrückungsgeld, das verhindern soll, dass Arbeitslose
nach einem Jahr in Hartz IV abgedrängt werden (
). Das Geld
soll während der Krise im Anschluss an das Arbeitslosengeld I
in gleicher Höhe für zunächst zwölf Monate gezahlt
werden. (
) Es ist schlimm genug, dass Beschäftigte wegen
der Finanzmarktspekulationen arbeitslos werden. Es muss aber alles
dafür getan werden, dass ihnen Hartz IV erspart bleibt und sie
schnell wieder Arbeit finden. Dafür braucht es keinen künstlichen
Druck. Im Gegenteil: Die verschärfte Zumutbarkeit für Arbeitslose
hat ja dazu geführt, dass viele in Jobs gezwungen werden, von
denen sie nicht leben können und die zudem wegen der Aufstockung
auf Hartz-IV-Niveau die Sozialkassen belasten.
Die Reihenfolge der Rentenabsenkung und Abschaffung der Arbeitslosenhilfe
kam nicht von ungefähr. Denn es betraf ja nicht unmittelbar die
Masse derjenigen, die voll im Berufsleben stehen, und
ihre tariflich abgesicherten Normalarbeitsverhältnisse sicher
wähnen. Rentner und Hartz IV? Das sind immer die anderen. Dennoch
verweisen neueste Umfragen auf große Angst vor steigender
Arbeitslosigkeit bei zwei von drei Befragten, obschon eigener Arbeitsplatzverlust
nur jeden zweiten direkt ängstigt. In den Haushalten mit einem
Hauptverdiener-Nettoeinkommen von 2 000 Euro und mehr sorgen sich
nur noch sechzehn Prozent um die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes.
Dass die Politiker mit den Problemen überfordert sind, auch keine
Partei ein plausibles Konzept für die Wirtschafts- und Finanzpolitik
hat, dieser Ansicht ist jeder zweite. Hoffnungen auf weiteres Wirtschaftswachstum
durch Umstieg auf neuartige Produkte, Appelle an den schnödesten
Eigennutz mit Steuersenkungsversprechen, sogar eingegrenzte Gehälter
für Top-Manager sollen die Wahlberechtigten der sogenannten Mehrheitsgesellschaft
veranlassen, erneut die Parteien zu wählen, deren Politik die
Verhältnisse hervorrufen, die Skepsis und Angst erzeugen. Alle
Landtagswahlen wie die Europawahl in diesem Jahr belegen einen stabilen
Zuspruch zur CDU um die fünfunddreißig Prozent, während
die anderen Parteien SPD/Grüne/FDP versehen mit der Akzeptanz
oder Unabdingbarkeit des Privateigentums an Produktionsmitteln sowie
der dazu passenden NATO-Treue, genannt Grundkonsens, zusammen weitere
fünfzig Prozent Wählerzustimmung erwarten dürfen. Zudem:
Die Wahlpräferenzen von Gewerkschaftsmitgliedern in Westdeutschland
belegen nach wie vor mit etwa 35 Prozent eine starke Bindung an die
SPD, wobei auch die Präferenz für die CDU mit über
25 Prozent nicht übersehen werden darf (siehe DGB-Info-service
einblick 1,11,15/09). Bei allen Vorbehalten im einzelnen (drei von
vier Wahlberechtigten lehnen das deutsche militärische Engagement
in Afghanistan ab mit welcher Konsequenz?) gelingt der Masse
der Wähler nicht die Vermittlung, dass die Verkünder von
Wohlstandsteilhabe durch Wachstum letztlich hohen Profit für
eine Minderheit meinen und die Rahmenbedingungen mit allen destruktiven
wie sozial erniedrigenden Folgewirkungen schaffen, damit es so bleibt.
Die Frage: Wie zufrieden sind sie mit der Demokratie in der
Bundesrepublik und dem ganzen politischen System? die der Spiegel
17/08 für seine Titelgeschichte Wie ticken die Deutschen
stellen ließ, bejahten 12% der Männer mit sehr
(Frauen 6%). Einigermaßen zufrieden sind Männer
noch mit 54% (Frauen 65%), während sich 34% der Männer (Frauen
29%) auf die Antwort gar nicht festlegten. Nur Ignoranten
dürften die Korrelation zum Stellenwert der Parteien, der Akzeptanz
der Verhältnisse aber auch dem Ausmaß der zunehmenden Wahlenthaltung
übersehen.**
Wozu sich daher über das Ergebnis einer jüngst von der gewerkschaftsnahen
Hans-Böckler-Stiftung initiierten Studie wundern, derzufolge
abzüglich der Schulden die Deutschen über 6,6 Billionen
Euro Privatvermögen verfügen? Doch vom privaten Geldvermögen
besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung fast ein Viertel,
das reichste Zehntel sogar 61 Prozent. 2002 waren es der Studie zufolge
noch weniger als 58 Prozent. Über mindestens 222 000 Euro verfügt
jedes Individuum in dieser Bevölkerungsschicht. Gezählt
wurden Geld, Immobilien und Sachmittel ohne Auto, Hausrat und
gesetzliche Rentenansprüche (Der Tagesspiegel 22.01.2009).
Alles Gerede von mehr Bankenaufsicht und stärkerer Regulierung
der Abläufe an den Finanzmärkten darf nicht von der fälligen
Überproduktionskrise ablenken, deren konjunktureller Einbruch
vordergründig als Folge überdrehter Spekulationsgeschäfte
und skrupellosen Weiterreichens von Anlagerisiken erscheinen soll.
Im Rückgang der Kapazitätsauslastung des verarbeitenden
Gewerbes allein in Deutschland von 86,1% im April auf 71,4% im Juni
kommt die Dramatik des Auftragsrückganges im Maschinenbau so
gar nicht zur Geltung. Dort traten zum Vorjahr Auftragseinbrüche
von über 40% im ersten Halbjahr 2009 ein. Mit noch effektiverem
Kapitaleinsatz bei der Produktionsmittelausstattung und weniger Beschäftigten
geht es in den nächsten Konjunkturzyklus. Für dessen Verlauf
mag die skeptische Voraussage des Vorstandsvorsitzenden des Spezialchemie-Konzerns
Lanxess in Leverkusen, Axel C. Heitmann, zutreffen: Wir
sind alle gut beraten, dass diese Krise länger dauert, als wir
bisher angenommen haben. Alle müssen lernen, mit den gegebenen
Verhältnissen zu Recht zu kommen, statt zu früh in Optimismus
zu schwelgen. Aus meiner Sicht gibt es keine Indikatoren dafür,
dass diese Krise früher beendet ist. Sie wird eher später
überwunden sein. Danach wird sich die Wettbewerbslandschaft verändert
haben. Wir werden mit anderen Wachstumsraten auf einer niedrigeren
Basis zu leben haben. (FAZ, 30.6.09)
Um dann in der Konkurrenz zu bestehen, kann nur erhöhte Arbeitsproduktivität
zu Kostpreisen führen, die Absatz und Gewinn garantieren. Die
Steigerung der Bruttowertschöpfung setzt sich auf neuer Stufe
fort unter oben genannten angstbesetzten Bedingungen. Die Überarbeit
des beschäftigten Teils der Arbeiterklasse schwellt die Reihen
ihrer Reserve, während umgekehrt der vermehrte Druck, den die
letztere durch ihre Konkurrenz auf die erstere ausübt, diese
zur Überarbeit und Unterwerfung unter die Diktate des Kapitals
zwingt. Die Verdammung eines Teils der Arbeiterklasse zu erzwungnem
Müßiggang durch Überarbeit des andren Teils und umgekehrt,
wird Bereicherungsmittel des einzelnen Kapitalisten und beschleunigt
zugleich die Produktion der industriellen Reservearmee auf einem dem
Fortschritt der gesellschaftlichen Akkumulation entsprechenden Maßstab.
(Karl Marx, Das Kapital Bd. I, MEW 23, S.665 f.) In der widersprüchlichen
Einheit von Kapital und Lohnarbeit kollidieren daher gleichfalls Produktivkräfte
und Produktionsverhältnisse.***
In Anbetracht der Tatsache einer seit fünf Jahren bei etwas mehr
als dreiundzwanzig Millionen stagnierenden Zahl von Vollzeitbeschäftigten
in Deutschland käme es darauf an, wie Marx weiter ausführt,
allgemein die Arbeit auf ein rationelles Maß zu
beschränken, um den von ihm beschriebenen Effekt aufzuheben.
Trotz tariflich kürzerer Arbeitszeit wird hierzulande im Schnitt
wieder über vierzig Wochenstunden pro Beschäftigtem gearbeitet.
Hier hätte eine gesellschaftliche Linke einzugreifen. Allein
das Zusammenfinden in Initiativkreisen zur Aneignung und öffentlichen
Darstellung von Argumenten für einen Neuen Normalarbeitstag von
sechs Stunden wäre ein ermutigender Ansatz. Aber was geschieht
momentan in den Zirkeln mit der relativ größten Reichweite
in die Gesellschaft? Um der gewiss schwierigen, aber notwendigen direkten
Auseinandersetzung für täglich spürbare Erleichterungen
im Alltagsleben auszuweichen, die nur durch tägliche Arbeitszeitverkürzung
eintreten können, tischen neoreformistische Kräfte aus dem
Apparat der IG Metall und der Linkspartei altbackene und fragwürdige
Mitbestimmungs-**** wie Kapitalbeteiligungskonzepte auf, die politisch
Interessierten wie desorientierten Lohnempfängern Trost in der
Zukunft verheißen sollen. IG Metall-Chef Huber verkündet
im stern 37/2009: (...) Wer Anteile hat, kann in einem Unternehmen
mehr beeinflussen. (
) Heute prägt viele Menschen nicht
mehr ein Klassenbewusstsein. Der Kapitalismus hat sich geändert.
Es gibt nicht mehr nur ein oben und unten. Um erfolgreich Kämpfe
zu führen, müssen wir unsere Mitglieder überzeugen:
Warum gehen wir auf die Straße? Arbeitnehmerbeteiligung ist
das große Thema geworden. Ob Kollege Huber seine Illusionen
lange pflegen kann, hängt von den Unternehmern ab. Eher amüsiert
verwahrte sich Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser in
einem taz-Interview am 4.9.09 gegen solche Übersteigerungen
und falsche Selbsteinschätzung. Weiter erklärte
er: Eine Marktwirtschaft beruht auf privatem Eigentum und unternehmerischem
Freiraum. Daraus ergibt sich für Unternehmer und Arbeitnehmer
eine Rollenverteilung. (...) Aber mit einem anonymen, kollektivierten
Beteiligungsfonds, der von Funktionären verwaltet wird, entsteht
ein Interessensblock, der zu einer schleichenden Politisierung von
Unternehmen führen kann. Ein Arbeiter ohne Klassenbewusstsein
bleibt ein Arbeiter. Aber darf sich ein Unternehmer, der es bleiben
will, kein Klassenbewusstsein leisten?
Zu einer öffentlich breit wahrnehmbaren Reflexion oder Zuspitzung
auf die hier ausgeführten gesellschaftlichen Grundfragen scheint
es im Bundestagswahlkampf 2009 nicht mehr zu kommen. Mehrheitlich
fand auf dem Wahlparteitag der Linkspartei ein Antrag auf Einführung
des 6-Stundentags keine Zustimmung. Selbst die SPD war da schon einmal
weiter. Haben die ehemaligen Sozialdemokraten in der Linkspartei
das Berliner Grundsatzprogramm der SPD von 1989 schon vergessen? Unter
der Überschrift Arbeitszeitverkürzung Beitrag
zu Vollbeschäftigung und Zeitsouveränität heißt
es dort: Wir wollen die Steigerung der Produktivität zur
Verkürzung der Arbeitszeit nutzen, wobei kürzere Arbeitszeit
nicht automatisch kürzere Maschinenlaufzeit bedeutet. Arbeitszeitverkürzung
ist auch in Zukunft ein wesentlicher Beitrag für mehr Lebensqualität.
Sie verringert die Belastung der Erwerbsarbeit und schafft Raum für
notwendige Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit, gibt
Zeit für Muße, kulturelle und soziale Aktivität. Sie
schafft Arbeitsplätze. Kürzere Arbeitszeiten sind erst recht
nötig, wenn Erwerbsarbeit allen Frauen und Männern zugänglich
wird. Soll die partnerschaftliche Teilung der häuslichen Arbeit
gelingen, muß die tägliche Arbeitszeit verringert werden.
Daher streben wir den sechsstündigen Arbeitstag in der 30-Stunden-Woche
als Regel an. Aber die Zeiten werden härter, und so versteckt
sich die Linkspartei in ihrem Wahlprogramm gleich realpolitisch hinter
den Gewerkschaften, die inzwischen nicht stärker geworden sind:
(
)gesetzliche Höchstarbeitszeit senken auf regelmäßig
40 Stunden pro Woche; die 35-Stunden-Woche und weitere tarifliche
Arbeitszeitverkürzungen mit vollem Lohnausgleich mit den Gewerkschaften
durchsetzen. Damit es im Land gerecht zugeht? könnte
man mit dem Leitspruch fragen, der die Wahlplakate der Linkspartei
ziert. Aber solche Parolen tragen nicht zur Aufklärung über
gesellschaftliche Machtverhältnisse und Abhängigkeiten bei.
Denn diese bedingen ja die Ursachen der als ungerecht empfundenen
Zustände und sind kenntlich zu machen, um sie abzuschaffen. Wenn
jeder Sitz mehr für die Linkspartei im Bundestag ein Sitz weniger
für die anderen ist, mag das vordergründig überzeugend
klingen. Aber hatte das Zweckbündnis der Gründung dieser
Partei die Absicht, als Arzt am Krankenbett einer offen prokapitalistisch
ermattenden SPD zu wirken? Oskar Lafontaine erklärte in der FR
vom 2.9.09: Es ist nicht unser Ziel, die SPD klein zu kriegen.
Unser Ziel ist es, sie dazu anzuhalten, sich zu re-sozialdemokratisieren.
Das heißt, sie muss erkennen, dass ein Sozialstaat, der verlässlich
soziale Sicherheit gibt, die Lebensgrundlage für den Großteil
der Menschen hierzulande ist. Wenn der Bestand des Sozialstaates
von der Fortexistenz der SPD abhängt, ist weiter schlimmes zu
befürchten. Jegliche Partei, die als Spitze einer Bewegung einen
Ausweg aus dem Kapitalismus bahnen will, muss im Rahmen kapitalistischer
Produktionsweise konsequent sozialstaatlich agieren, um seine Grenzen
für die Lohnabhängigen erfahrbar zu machen. Die Linkspartei
will darüber erklärtermaßen nicht hinausgehen. Es
kommt letztlich nicht auf Wahlentscheidungen an, sondern diejenigen
zu sammeln und zu formieren, die weitergehen wollen. Weil sie erkannt
haben, dass ein besseres Leben in der kapitalistischen Produktionsweise
für die Lohnabhängigen nicht mehr zu erwarten ist.
10. Sept.2009
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Hilflos
gegen die Krise

Die Regierungen
haben erwartungsgemäß die Banken- und Finanzmarktkrise
nicht im Griff. Schlimmer noch: Zur Quantität des in toxischen
Papieren angelegten fiktiven Kapitals im globalen Geldmarkt gibt es
immer noch (Stand Mai 2009) keine verlässlichen Angaben. Wir
kennen den Wert der Finanzanlagen in den Bilanzen der Banken nicht.
sagte das frühere Vorstandsmitglied der Bank of England, Professor
Charles Goodhart, in einem Interview mit Die Zeit vom 5. Mai 2009.
Dabei dürfte dieser Insider und jetzige Pensionär sich doch
jetzt äußern.
Die Folgen
für die reale Produktion zeichnen sich nun immer deutlicher ab.
1-
Kapitalvernichtung und Arbeitslosigkeit am Beispiel Autoindustrie
(Vorbemerkung:
Ich konzentriere mich im folgenden auf Beispiele aus Deutschland und
den USA, da eine Ausweitung auf andere Länder und Regionen zu
ausführlich werden würde.)
Die
Branche hat in den zurückliegenden fetten Jahren enorme Überkapazitäten
aufgebaut. Die müssen jetzt an die geschrumpfte Nachfrage angepasst
werden. (Fiat-Chef Marchionne lt. Spiegel 22/2009, S. 28)
Das Bruttoinlandsprodukt
Deutschlands ist im 1. Quartal 2009 um 3,8 % gegen das 4. Quartal
2008 gesunken. Die Wirtschaftsinstitute sagen für das ganze Jahr
2009 eine Abnahme von 6-7 % voraus. Von derartigen quantifizierten
Voraussagen ist zwar nicht viel zu halten, die bürgerlichen Ökonomen
haben gerade in der neoliberalen Ära fast immer geirrt; doch
daß die Rezession noch bedeutend fortschreiten wird, ist nach
den gegenwärtig erkennbaren Entwicklungen kaum zu bezweifeln
(siehe Grafiken auf dieser Seite).
Die Überkapazitäten
in der Autoindustrie führten nicht nur General Motors und Chrysler
in die Insolvenz (nach US-Recht, Chapter 11), sie haben auch schwerwiegende
Auswirkungen auf die Zulieferindustrie, und sie werden zu einer Neuformierung
der Konzerne nicht nur aber auch in dieser Branche führen müssen.
Überakkumulation
auf Kreditbasis führte zu Überkapazitäten (vgl. Arsti
Nr. 163, S. 1 ff.), zu in großen Teilen nicht verwertbarem Kapital,
das nur zusammen mit den zugehörigen Arbeitsplätzen
vernichtet werden kann. Eine Anpassung, d. h. eine Verdoppelung
der Nachfrage an die Produktionsmöglichkeiten, z. B. durch Abwrackprämie
oder entsprechendes für die teureren Segmente würde auch
die Regierungen finanziell überfordern von den ökologischen
Auswirkungen zu schweigen. Natürlich spielt sich dieser Prozeß
nicht gleichmäßig über alle Branchen, Länder
und Konzerne und deren Zulieferer ab. Noch ist nur in einzelnen Fällen
erkennbar, welche Firmen (bis auf vielleicht die Markennamen) ausscheiden
werden.
Für
das Herauslösen von Opel aus dem GM-Konzern wird einige Zeit
gebraucht werden. Die USA und Deutschland werden beträchtliche
Mengen an Staatsgeldern dafür ausgeben müssen. Der angebliche
Investor Magna scheint eher die Rolle des Strohmanns für die
russische Sberbank und den Autokonzern Gaz in Nischnij Nowgorod zu
spielen. Doch egal welche Summen die Steuerzahler, d. h. vorwiegend
die Arbeiterklasse, in den neuen Konzern investieren müssen;
egal welchen Lohnverzicht die Konzerne den Lohnarbeitern abpressen:
An Kapitalvernichtung und damit Massenentlassungen wird kein Weg vorbei
führen.
Der Erhalt
der Opel-Standorte ist nur ein Scheingefecht, mit dem
Ministerpräsidenten und Berthold Huber, IGM-Vorsitzender, beschäftigt
werden. Ob nun eins oder zwei der deutschen Werke stillgelegt, oder
ob durch Produktionsverlagerungen Kapazitäten in vier deutschen
Standorten vernichtet werden, ist ein politisches, d. h. taktisches
Problem. Langfristig werden Arbeitsplätze nach Russland verlagert
werden, Gaz soll auf niedrigem technischen Niveau produzieren. Die
Löhne sind erheblich geringer als in Deutschland.
Die Vernichtung
von Arbeitsplätzen und der Druck auf das Lohnniveau werden auch
bei Opel unabwendbare Folgen sein. Zusätzlich sollen 10 % des
Kapitals von Händlern und Beschäftigten aufgebracht werden,
d. h. Löhne werden nicht ausgezahlt sondern einbehalten und in
Kapitalanteile umgewandelt. Ob das eine gute Sparanlage für die
Lohnabhängigen wird? Im ganzen also Lohnverzicht, Übereignung
von Steuergeld an private Konzerne. Erhöhung von Massensteuern,
Kürzungen bei Sozialausgaben und Renten werden die Folge sein,
wenn der Wahlkampf erst vorüber sein wird.
Nicht
nur Großfirmen wie Arcandor und Banken stellen Ansprüche
auf Kapitalhilfen und/oder Bürgschaften an den Staat. In der
Öffentlichkeit weniger beachtet sind auch Mittel- und Kleinunternehmen
auf der Bettelliste. Mitte Mai waren es rund 1100 Firmen. Die Gründe
sind unterschiedlich. Wenn es nur Liquiditätsprobleme sind, könnten
staatliche Subventionen zum Erhalt von Kapital und Arbeitsplätzen
beitragen. Wenn Überproduktion der Grund der Schwierigkeiten
ist, dann werden staatliche Zuschüsse oder Bürgschaften
Arbeitsplatzabbau bestenfalls hinauszögern. So werden Zwischenfinanzierungen
die Karstadt Kaufhäuser nur dann retten, wenn die Umsätze
erheblich gesteigert werden. Danach sieht es aber nicht aus, weil
der Massenkonsum ebenfalls schrumpft.
Weniger
Produktion führt nicht allein zu Produktionsverminderung bei
den direkten Zulieferern der Autoindustrie, sie führt auch zu
geringerer Stahlproduktion, zu weniger Transportkapazität auf
Straßen, Schienen und Meeren, damit zu nicht ausgelasteten Werften,
LKW- und Bahnfabriken usw.
Export
Die exponierte
Position Deutschlands als Exportweltmeister zeigt ihre
Schattenseiten. Der größere Teil der Exporte aus Deutschland
(Autos ausgenommen) sind Investitionsgüter. Durch Rationalisierung
und moderate Lohnpolitik, d. h. kapitalhörige und
von Neoliberalismus angekränkelte Gewerkschaften blieben die
Lohnstückkosten in Deutschland nahezu konstant. Das schuf Wettbewerbsvorteile
und schlug sich in Produktionssteigerungen nieder. Diese Politik rächt
sich nun doppelt: Einmal in Überkapazitäten; zum andern
in geringer Konsumtionsfähigkeit bei den Massen der Lohnabhängigen.
Bei der global einsetzenden Rezession brach der Export im letzten
Quartal 2008 ein. Im Maschinenbau betrug der Rückgang im April
2009 58 %. Große Kapazitäten bei Werkzeugmaschinenherstellern
liegen vermutlich für lange Zeiträume brach.
Diese
Branche ist so eindeutig exportabhängig, daß selbst eine
höhere Nachfrage aus dem Inland (wo sollte die aber herkommen?)
keine Auslastung bringen könnte. Ob technologische Vorteile der
deutschen Herstellerfirmen die Krise überdauern werden, ist nicht
sicher.
Ein Teil
der Abnehmerländer, der in geringerem Maße von der Krise
betroffen ist (Indien, China), kann nur einen kleinen Teil der Kapazitäten
in Produktion halten.
Zusätzlich
droht die Gefahr des Protektionismus. Alle Regierungen haben zuletzt
auf dem G20-Gipfel in London beteuert, daß sie am Freihandel
festhalten wollen. Inwieweit diese Vorsätze haltbar sind, ist
eine andere Frage. Schon jetzt intervenieren in den USA Senatoren
beider Parteien für den Schutz von Industrien in ihren Staaten.
Die Parole buy american oder buy british ist
populär.
Bisher
(Stand Ende Mai) haben nach öffentlich zugänglichen Angaben
die Maschinenherstellerfirmen keine Entlassungen bei der Stammbelegschaft
vorgenommen. Es sei zu teuer und zu langwierig nach überstandener
Krise den Bestand an qualifizierten Lohnarbeitern wieder aufzubauen,
heißt es als Begründung. Man versuche mit Kurzarbeit durchzukommen.
Weniger öffentlich wird, daß Entlassungen von Stammarbeitskräften
mit z. T. langer Betriebszugehörigkeit wegen hoher Abfindungen
und langer Kündigungsfristen teuer und langwierig sind. Wie lange
das Kapital diese Strategie durchstehen kann, bleibt abzuwarten. Nicht
zuletzt wird es von den Banken abhängen, die mit Krediten die
Auftragsflaute überbrücken müßten.
Entlassen
wurde natürlich auch in der Auto- und Exportindustrie. Zum einen
bei den insolventen Firmen; zum andern traf es Leiharbeiter und solche
in befristeten Arbeitsverhältnissen und Scheinselbständige.

Konsum
Bis vor
kurzem hieß es noch, die deutschen Verbraucher würden ihre
Konsumfreude und -gewohnheiten beibehalten. Das scheint Zweckoptimismus
gewesen zu sein. Im ersten Quartal haben die Ladenbetreiber
nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 3,1 % weniger umgesetzt
als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Konsumforscher befürchten,
daß sich die Kauflaune angesichts steigender Arbeitslosenzahlen
weiter eintrüben wird. (lt. SZ v. 5. Mai 09)
Daß
der Gesamtkonsum im 1. Quartal 2009 noch leicht zunahm, liegt an subventionierten
Käufen von Autos gegen Abwrackprämien im Segment preiswerter
Kleinwagen.
Die alte
Gesetzmäßigkeit des Krisenablaufs setzt sich auch in dieser
Beziehung durch. Entlassungen und Lohnkürzungen u. a. durch Kurzarbeit
senken die Masseneinkommen, die Umsätze der Konsumgüterproduktion
sinken und damit setzt sich die Überproduktionskrise auch in
diesen Teil der Produktion (Abteilung 2) fort und wirkt zurück
auf Abteilung 1 (Produktionsmittelherstellung).
Auch
die Konjunkturprogramme zur Unterstützung der Nachfrage, vor
allem die Abwrackprämie vermochten das vielleicht
etwas einzuschränken aber nicht aufzuhalten. Außerdem wird
es sich bei einem großen Teil der Autokäufe gegen Prämie
um vorgezogenen Konsum handeln. Dafür werden künftig weniger
Autos gekauft.
Es ist
zu erwarten, daß die Arbeitslosigkeit weiter steigen wird. Die
ersten Massenentlassungen sind bereits angekündigt: Schaeffler/Continental,
Thyssen/Krupp, Karman u. v. a. werden tausende Lohnarbeiter auf die
Straße setzen. Inwieweit die berechtigte Angst der noch ungekündigten
Arbeiter und Angestellten weitere Konsumzurückhaltung und höhere
Sparneigung verursachen wird, ist, wie alle mit Psychologie zusammenhängenden
Probleme, schwer einzuschätzen.
2.
Finanzmarkt
wie das zinstragende Kapital überhaupt die Mutter aller verrückten
Formen ist, so daß z. B. Schulden in der Vorstellung des Bankiers
als Waren erscheinen können (Marx, Kapital Bd. 3, Kap.
29)
Banken
und andere Finanzinstitute halten weiter mit Krediten zurück.
Das hat unmittelbare und mittelbare Folgen für die Realwirtschaft:
Akkumulation
in der realen Wirtschaft wird in normalen Zeiten ganz oder teilweise
über Kredit finanziert. Ohne Kredit sind sie nicht möglich.
Dasselbe gilt für die Finanzierung von Großprojekten oder
für Zwischenfinanzierungen. Das mag sich z. Zt. noch nicht so
auswirken, weil bei Umsatzrückgängen ohnehin weniger Kapital
akkumuliert wird, aber längerfristig hält es die Akkumulation
in engen Grenzen.
Der gesamte
Handel erfordert laufend Kreditvorgänge. Wenn der Produktionsbetrieb
an den Zwischenhändler liefert, entsteht in der Regel ein Kredit
usw. Kreditzurückhaltung macht selbst normale Lieferungen schwierig.
Die Geschäftsabwicklung wird schwierig, teuer und unsicher.
Ein großer
Teil des Umsatzes an langfristigen Konsumgütern wird durch Konsumentenkredite
finanziert. Diese sind z. Zt. sehr viel schwieriger und teurer zu
bekommen. Auch das trägt zu rückläufigem Konsum bei.
Der Staat
muß also den Banken und anderen Finanzdienstleistern helfen,
das Kreditgeschäft wieder in Schwung zu bringen wenn das
kapitalistische Gesellschaftssystem beibehalten werden und wieder
funktionieren soll. Was wie eine Hilfe aussieht, bringt eher die Macht
des Finanzkapitals zum Ausdruck. Weil ohne das Finanzkapital nichts
geht, muß die Gesellschaft diesem zu Willen sein. Das wird brutal
ausgenutzt. Die Bourgeoisie und ihre Politiker sind gezwungen, die
Steuergelder der Arbeiterklasse zum Ausgleich der Fehlspekulationen
heranzuziehen.
An der
Macht des Finanzkapitals ändert sich auch durch die Verstaatlichungen
nichts. Da geschieht nichts anderes, als daß die Gesellschaft
völlig zugrunde gerichtete Finanzinstitute zu überhöhten
Preisen kaufen muß.
Die Menge
an Schrottpapieren kann niemand genau nennen, deshalb
weiß auch keine Bank, ob ein Kredit forderndes Unternehmen oder
eine andere Bank nicht schon überschuldet, eigentlich insolvent
ist. Nicht nur untereinander haben die Banken berechtigtes Mißtrauen.
Auch das produzierende Kapital bekommt weniger Kredit.
Vor allem
kleine Mittelständler oder neue Unternehmen klagen darüber,
daß sie keine Kredite bzw. nur zu schlechten Bedingungen und
hohen Zinsen bekommen.
Zu einem
Teil ist die Unsicherheit erklärbar. Immer mehr Anleihen, die
vorher als sicher und wenig spekulativ galten, werden nun zweifelhaft,
weil die Schuldner u. a. durch die Überproduktionskrise in Schwierigkeiten
kommen. Hier schlägt die Entwicklung in der realen Wirtschaft
auf das Geldkapital zurück.
Rating-Agenturen
Die Rolle
der rating Agenturen ist immer noch wichtig und verheerend. Hatten
diese mit übertrieben positiven Bewertungen maßgeblich
zum Aufbau der Blase der subprime-Papiere beigetragen,
so reagieren sie jetzt mit zum Teil abrupten Herabstufungen und verschärfen
damit die Finanzkrise. Ob diesen ratings wirklich noch Analysen zugrunde
liegen, darf bezweifelt werden. Jedenfalls sind vor allem die drei
großen Agenturen (Standard & Poors, Moodys und Fitch)
zu Antreibern unrealistischer Entwicklungen in beiden Richtungen geworden
und weit entfernt davon Schuldtitel und andere Derivate objektiv zu
bewerten.
Bewertungsfragen
Trotz
aller objektiven Gründe bleiben die Schätzungen über
die Höhe der toxischen Wertpapiere stark unterschiedlich.
Finanzminister Steinbrück nannte in der Diskussion um Bad
Banks einen Gesamtbetrag von 250 Mrd. Euro für die deutschen
Finanzdienstleister. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht
(Bafin) kommt auf 816 Mrd. Euro. Die Finanzinstitute können oder
wollen offenbar die Summe ihrer faulen Kredite nicht angeben.
Ähnliches
wird aus den USA berichtet. Der Stress-Test der US-Banken
ergab nur rd. 75 Mrd. $ an Trash-Anleihen. Das wäre
nicht viel. Fachleute zweifeln diese Ergebnisse aber massiv an.
Zu den
neuen Erscheinungen der aktuellen Finanzkrise gehört, daß
dank der Deregulierung die in den Bilanzen der Banken aufgeführten
Werte nicht mehr viel mit den tatsächlichen Vermögensverhältnissen
und damit den Risiken der Unternehmen zu tun haben. Das verstärkt
natürlich noch zusätzlich Mißtrauen und Verunsicherung.
Marxisten
dürfte das weniger überraschen: Auch da wo der Schuldschein
das Wertpapier nicht wie bei den Staatsschulden rein
illusorisches Kapital vorstellt, ist der Kapitalwert dieses Papiers
rein illusorisch. Man hat vorhin gesehn, wie das Kreditwesen assoziiertes
Kapital erzeugt. Die Papiere gelten als Eigentumstitel, die dies Kapital
vorstellen. Die Aktien von Eisenbahn-, Bergwerks- Schiffahrts- etc.
Gesellschaften stellen wirkliches Kapital vor, nämlich das in
diesen Unternehmungen angelegte und fungierende Kapital oder Geldsumme,
welche von den Teilhabern vorgeschossen ist, um als Kapital in solchen
Unternehmungen verausgabt zu werden. Wobei keineswegs ausgeschlossen
ist, daß sie auch bloßen Schwindel vorstellen. Aber dieses
Kapital existiert nicht doppelt, einmal als Kapitalwert der Eigentumstitel
(
) und das andre Mal als das in jenen Unternehmungen wirklich
angelegte oder anzulegende Kapital. (Marx, Kapital Bd. 3, Kap.
29). Der Fortschritt gegenüber Marx Zeit besteht
darin, daß bei Derivaten und anderen intelligenten Finanzprodukten
das fiktive Kapital nicht nur doppelt sondern mehrfach zu existieren
scheint.
In Deutschland
ist die Hypo Real Estate soweit bis jetzt bekannt der größte
Pool an Müllpapier. Wirtschaftler und Politiker schätzen
sie als too big to fail ein also zu groß
um sie pleite gehen zu lassen, weil sie sonst andere Firmen, denen
sie Geld schuldet, ebenfalls in die Insolvenz reißen würde.
Der Fall Lehman Brothers in den USA, wo dieser Effekt ja tatsächlich
eintrat, wird als warnendes Beispiel genannt.
Der Steuerzahler,
d. h. im wesentlichen die Arbeiterklasse, wird diese Spekulationsverluste
übernehmen müssen. Die Diskussion um Bad Banks,
mit denen dasselbe für die anderen Finanzinstitute vorgenommen
werden soll, ist z. Zt. noch nicht abgeschlossen. Es sollen solche
Institute für jede einzelne Bank, die das in Anspruch nehmen
will oder muß, gegründet werden. Die Finanzierung, d. h.
den Kauf der faulen Papiere zu Buchwerten mit einem Abschlag von 10
% übernimmt der Staat über staatlich verbürgte Anleihen.
Die jeweiligen Banken müssen Gebühren zahlen. Wenn sie das
nicht können, dürfen keine Dividenden ausgeschüttet
werden. Die Bad Banks müssen langfristig versuchen,
möglichst viel der faulen Papiere noch zu Geld zu machen. Wie
viel das sein wird, das wagt niemand zu schätzen. Die Aktion
soll maximal 20 Jahre laufen. Wenn am Ende ein Verlust
bleibt, was sehr wahrscheinlich ist, soll die ursprüngliche Besitzerin
dafür in mehrjährigen Raten haften. Das sind Vorstellungen,
die noch nicht Gesetz sind. Ob es bei diesen Vorstellungen bleibt,
halte ich für unwahrscheinlich. Nicht nur im Bundestag sondern
vor allem in den Lobbies ist noch nichts entschieden.
Daß
die Verursacher der Fehlspekulation wenigstens teilweise und der Möglichkeit
nach für die Folgen herangezogen werden, könnte einem Linken
ja noch gefallen. Es liegt mir fern, diese Leute zu bedauern. Doch
ob solche sauberen Banken dann noch Geldkapital bekommen
werden um Kredite zu geben oder Großprojekte zu finanzieren,
erscheint mir fraglich.
Manches
deutet darauf hin, daß dann wieder der Staat das fehlende Eigenkapital
zuschießen muß. Dafür werden außer bei der
HRE und der Commerzbank noch bei anderen Banken Aktien vom Steuerzahler
übernommen. Unter Verstaatlichung hatte ich mir anderes vorgestellt.
Ein gutes Geschäft wird es sicher nicht. Welche Summen an Steuergeld
dies erfordern wird, ist zur Zeit nicht absehbar.
Auch
die Verschärfung der Basel-II-Abkommen, nach dem Banken für
Kredite je nach deren Bonität (die aber wieder durch ratings
bestimmt wird) einen festen Anteil an Eigenkapital halten müssen,
führt vielleicht zu mehr Sicherheit und größerer Vorsicht
der Banken bei der Kreditvergabe, doch sie schränkt die Kreditvolumina
ein, was durch verstaatlichte Banken verhindert werden
soll.
3.
Folgen der Krise für die 3. Welt
Die Globalisierung,
verstanden als Übernahme neoliberaler Grundsätze durch die
Entwicklungsländer, führt jetzt viele dieser Länder
in die Katastrophe. Die Subsistenzwirtschaft in zahlreichen Ländern
wurde weiter zurückgedrängt, weil WTO, Weltbank und der
IWF in der Vergangenheit die Vergabe von Krediten von Auflagen abhängig
machten, die diese Länder in die Weltwirtschaft integrieren sollten.
Das sollte die wenig industrialisierten Länder zu Wohlstand führen
und den Abstand der Lebensstandards zu den industrialisierten Ländern
verringern.
Doch
die Länder, die dieser Politik folgten, und statt einheimischer
Lebensmittel cash crops, d. h. Weltmarktprodukte liefern
wollten, werden nun durch die fallenden Rohstoffpreise ruiniert. Für
390 Millionen der ärmsten Afrikaner werde sich das Einkommen
um 20 % reduzieren. Die Konsequenz: Hunger, der Millionen von Kindern
auf Jahre kaum reversible Schäden zufügt. (lt. Sozialismus
4/2009, S. 35)
Bei jeder
Rezession werden weniger Erze, Energie, Baumwolle, Nahrungs- und Genußmittel
(Kaffee, Kakao usw.) nachgefragt, weil die Industrie bei fallender
Produktion weniger von diesen Rohstoffen benötigt und die Massenkaufkraft
auch für Genußmittel weniger Absatz zuläßt.
Entsprechend
können die betroffenen Länder vor allem Afrikas auch weniger
Nahrung, Medikamente, Textilien usw. einführen. Sie werden sich
sogar weiter einschränken müssen, auch weil für die
Importeure weniger Kredit zur Verfügung steht.
Auch
in der Wirtschaftsgeschichte der Industrieländer gibt es Beispiele
dafür, daß bei unterbrochener Zufuhr aus Ländern mit
Monostrukturen Krisen sowohl in den Herstellungs- wie in den Abnehmerländern
ausbrachen wie z. B. bei der Baumwollkrise ab 1861 in Großbritannien
und den amerikanischen Südstaaten. Ähnliches droht, wenn
auch in anderer Erscheinungsform, in Afrika.
Der Nahrungsmangel
nimmt zu, die Zahl unterernährter Menschen wächst.
Bei Fortdauer
der Krise in den entwickelten Ländern wird sich die Situation
verschlimmern, weil immer weniger Nahrung importiert werden kann.
Zusätzlich
werden Arbeitsimmigranten, deren Überweisungen an ihre Familien
in den jeweiligen Heimatländern zu deren Lebensunterhalt oder
sogar zum Aufbau bescheidener Gewerbebetriebe beitrugen, zurückgeschickt
oder arbeitslos.

4.
Globale Bekämpfung der Krise
Die Regierungschefs
der 20 wichtigsten Staaten (?) waren sich Anfang April einig. Die
Unternehmen, vor allem der Finanzwirtschaft, müssen wieder stärker
kontrolliert werden. Die Off shore Steuerparadiese mit geringer bzw.
ganz fehlender Aufsicht über die Bilanzen ihrer Briefkastenfirmen
werden abgeschafft. Na prima!
Leider
können Gesetze für eine Re-regulierung der Finanzaufsicht
nicht von internationalen Konferenzen, und seien sie noch so hochrangig
besetzt, beschlossen werden; sie müssen von den jeweiligen Nationalstaaten
in Gesetzesform gebracht und vor allem international aufeinander abgestimmt
werden. Das wäre ein Jahrhundertwerk.
Es wurden
Reformkommissionen eingerichtet von denen man seither nichts mehr
gehört hat. Das ist kein Wunder bei dieser überaus umfangreichen
und komplizierten Materie.
Schon
bei der Konferenz in London zeichneten sich zwei recht unterschiedliche
Tendenzen ab. Die angelsächsischen Länder zogen liberalere,
die kontinentaleuropäischen strengere und präzisere Regeln
für die Kontrolle von Banken vor. Osteuropäische Länder
schlagen sich auf die Seite der USA und Großbritannien. Abgestimmte
Gesetze sind aber bei einer globalisierten Finanzwirtschaft unbedingt
notwendig, weil die Spekulanten sie sonst durch Wechsel von einem
zum anderen Finanzplatz umgehen werden. Schon jetzt drohen Banker
mit der Verlagerung des Finanzplatzes London nach Asien.
Es ist
vom heutigen Stand aus unmöglich vorherzusagen ob vom G20- und
von den diversen EU-Gipfeln überhaupt etwas herauskommen wird
außer Showbusiness. Auch die Pläne der EU haben wenig Aussicht
auf Erfolg: Der west-östliche Widerstand zeigt schon jetzt
erste Erfolge: Eine schlagkräftige europäische Aufsichtsbehörde
dürfte es in Zukunft kaum geben. (Spiegel 23/2009, S. 73)
Die Finanzwelt scheint auch vorerst wenig beunruhigt zu sein. Die
deutschen Bilanzierungsgesetze sehen nach wie vor alle Möglichkeiten
vor, mit denen Unternehmer ihre wahre finanzielle Situation verschleiern
oder wenigstens beschönigen können. Der Neoliberalismus
ist offenbar etwas schweigsamer geworden; er ist aber weiterhin mächtig.
Der Bekämpfung
der Off shore Steuerparadiese war dagegen glänzender Erfolg beschieden:
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD) sollte eine Liste erstellen, die Steueroasen rücksichtslos
an den Pranger stellen würde. Die Liste war schnell fertig. Sie
enthielt kein einziges Land: Wer gegenüber der OECD beteuerte,
sich künftig an die internationalen Verabredungen halten zu wollen,
wurde spontan in den Kreis der vermeintlich Geläuterten aufgenommen.
spottet selbst der Spiegel (16/2009, S. 72), der bis vor kurzem selbst
stramm neoliberale Standpunkte vertrat.
5.
Deutsche Konjunkturprogramme
Die wesentlichen
bereits beschlossenen Gesetze und wem sie hauptsächlich zugute
kommen, haben wir in Arsti 163, S. 7, Grafik 4 aufgeführt. Sie
belaufen sich nach staatlichen Angaben auf rd. 82,5 Mrd. Euro. Dazu
kommen Bürgschaften in Höhe von rd. 100 Mrd. Letztere dürften
wegen angekündigten weiteren Hilfen für Banken und Industriebetriebe
(Opel, Schaeffler usw.) noch deutlich ansteigen. Wieviel dieser Bürgschaften
ausgabewirksam werden, ist nicht abzusehen.
In den
nächsten Wochen muß die Bundesregierung einen zweiten Nachtragshaushalt
mit neuerlicher Schuldenaufnahme vorlegen. Das dürfte nicht der
letzte Nachtragshaushalt bleiben. Es ist die höchste Nettoverschuldung
seit Bestehen der Bundesrepublik. Weil der erhöhten Geldmenge
kein Gleichwertiges an Waren, an Wert, gegenüber steht, sind
inflationäre Entwicklungen in der Zukunft nicht auszuschließen.
Auch die Sozialkassen rutschen immer tiefer in die Miesen, weil Beitragseinnahmen
geringer und Ausgaben tendenziell höher werden.
Dabei
ist die Bundesrepublik bei der EZB und international noch kreditwürdig.
Sie muß nur Zinsen in Höhe von wenig über 3 % bezahlen.
Andere EU-Länder sind schlechter dran. Griechenland z. B. zahlt
über 6 %. Ungarn konnte keine Kredite von Banken mehr bekommen
und mußte vom IWF gerettet werden (siehe Grafik 3).
Auch
Staaten können zahlungsunfähig werden. Sie müssen dann
ihre Schulden streichen oder mindern, ihre Gläubiger also ganz
oder teilweise enteignen (aber ohne Entschädigung). Im letzten
Jahrhundert kam das in Deutschland zweimal vor.
Dergleichen
steht bei uns derzeit noch nicht vor der Tür. Es sollte aber
festgehalten werden, daß auch Staatsbankrotte zum Kapitalismus
gehören. Schuldenmacher sollten das bedenken.
Programme
und Wahlkampf
Die Zahl
der Vorschläge zur Beseitigung der Krise und der Vermeidung von
Massenentlassungen ist unübersehbar (siehe auch Grafik 4). Daher
nur einige Beispiele:
Die Parteien
fordern Steuersenkungen. Dabei ist der Staat jetzt schon überschuldet.
Das Steuersystem ist zweifellos zu kompliziert und ungerecht. Steuerreform
war bisher immer ein Schlachtfeld für die Lobby. Alle Reformen
bis heute machten das System noch unübersichtlicher und ungerechter.
Herr
Hundt, Arbeitgeberpräsident, fordert Entlastung der Unternehmen
von Sozialbeiträgen. Kollege Huber, IGM-Vorstand, fordert einen
staatlichen Fonds in Höhe von 100 Mrd. Euro aus dem Unternehmen,
die Entlassungen planen (oder dies vorgeben), subventioniert werden
sollen. Herr Hundt und Kollege Berthold übersehen, daß
die Überkapazitäten dadurch nicht geringer werden. Entlassungen
werden also nicht vermieden sondern höchstens hinausgeschoben.
Es gibt
zweifellos auch Reformen, die vom Standpunkt der Arbeiterklasse positiv
zu bewerten und zu unterstützen sind. Das gilt vor allem für
die Verlängerung der Kurzarbeit auf jetzt 24 Monate. Auch das
wird den Abbau von Überproduktion nicht verhindern, sie aber
für einen großen Teil der Betroffenen erträglicher
machen. Dasselbe gilt für andere Vorschläge der Gewerkschaften.
Rückführung des Renteneintrittsalters auf 65 Jahre oder
weniger, Verbesserung der Möglichkeiten für Altersteilzeit
usw.
Aber
daß Überproduktionskrisen zur Vernichtung von Kapital und
zu Arbeitslosigkeit führen, ist eines der unvermeidbaren Ergebnisse
des kapitalistischen Produktionsverhältnisses.
Stand:
2. 6. 2009
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Bundestagswahl


Fast
gleichzeitig mit der Bundestagswahl am 27. September erscheint die
Herbst-Nummer der Arbeiterstimme. Wir können also die politischen
Geschehnisse bis dahin nicht mehr behandeln. Da bleibt uns nur eine
kurze Betrachtung aus heutiger Sicht, vier Monate vorher. Dabei kann
sich durch die Zuspitzung der Weltwirtschafts- und Finanzkrise noch
manches ändern.

Als Marxisten
wissen wir, dass sich durch Wahlen in der bürgerlichen Gesellschaft
nichts grundlegendes ändern wird, weder an den Macht- und Ausbeutungsverhältnissen
zwischen der herrschenden Kapitalistenklasse und den ausgebeuteten
Lohnabhängigen, noch kommen solche Wahlen wirklich demokratisch
zustande, angesichts der Medienmacht und des Geldeinsatzes der systemtragenden
Klasse und ihrer Parteien.
Doch obwohl sich die Parteien politisch immer mehr einander angleichen,
gibt es noch gewisse Unterschiede, den Traditionen und der jeweiligen
Klientel angepasst, wo über die leeren Versprechen hinaus deren
Interessen vertreten werden. Obwohl gerade unter Krisenbedingungen
die ungünstigen Verhältnisse den Spielraum der Parteien
einengen und alle potentiellen Regierungsparteien die Krisenlasten
auf die Massen abwälzen werden, wird das Wahlergebnis den Rahmen
für zukünftige gesellschaftliche und gewerkschaftliche Auseinandersetzungen
neu abstecken. In den zwar schwindenden, aber trotzdem noch vorhandenen
Unterschieden der Parteien liegt die aktuelle Bedeutung von Wahlen,
die wir trotz der generellen Rechtstendenz beachten und nützen
sollten.
Verschleiern, verschieben
Im Mai ergaben die Umfragen zur Wahl, trotz Wirtschaftskrise, ein
sich wenig änderndes Bild: CDU/CSU 37%, SPD 27%, FDP 13%, Grüne
9%, Die Linke 10%. Die restlichen 4% entfallen auf kleinere Parteien
und auf Rechtsradikale. Sollte die Krise sich dramatisch verschärfen
und vor allem die Arbeitslosigkeit zunehmen, wird das größeren
Einfluss auf das Wahlergebnis haben. Es ist frappierend, dass ein
beträchtlicher Teil der Menschen den Ernst der Lage noch nicht
erkannt hat, was eben erst der eigenen Erfahrung bedarf. Das ist auch
der Grund, wenn immer noch vom Kaufrausch bestimmter Kreise
berichtet wird. Viele rechnen auch mit einer baldigen Besserung der
Lage. Die etablierten Parteien versuchen trotz des anwachsenden finanziellen
Desasters, die Tatsachen zu verschleiern und davon abzulenken, dass
das dicke Ende erst noch kommt, wenn die Konjunkturprogramme, Staatsgarantien,
Bankstützungen und Haushaltsdefizite zur Zahlung fällig
werden. Die lohnabhängigen Massen und kleinen Leute werden, den
Machtverhältnissen nach, die größten Opfer für
das Fiasko des kapitalistischen Systems aufgebürdet bekommen.
Vorläufig hat die Große Koalition es verstanden, die Menschen
relativ ruhig zu halten und ihnen mit einer Anzahl Maßnahmen
Sand in die Augen zu streuen: sage und schreibe fünf Milliarden
Euro wurden für die Auto-Abwrackprämie zur Verfügung
gestellt, was großen Anklang fand. Eine, wenn auch geringe,
Rentenerhöhung wurde beschlossen (die der Staat Jahre danach
wieder verrechnet), ebenso eine Rentengarantie (für die sich
wohl niemand verbürgen wird). Das Kindergeld wurde erhöht,
die alte Entfernungspauschale gilt wieder, eine 10-Milliarden-Steuersenkung
wurde angekündigt. Während den Kommunen bereits das Steueraufkommen
wegbricht, beschließt die Bundesregierung Konjunkturpakete,
z.B. zwei Milliarden für Bayern. Das Kurzarbeitergeld (auf das
eine Million Menschen angewiesen ist) wurde auf 24 Monate verlängert.
Dies beschert der Bundesagentur ein riesiges Loch, das die Beitragszahler
später wieder füllen müssen. Die Münchner Regierung
hat nun für Bayerns Beamte die 40-stündige Arbeitszeit um
zwei Stunden verkürzt, um den Gleichstand mit den Angestellten
wieder herzustellen. Ein weiterer populistischer Akt bestand darin,
das Nichtrauchergesetz in Bayern wieder zu lockern. Man merkt, die
CSU hatte Angst, bei der Europawahl die 5%-Hürde nicht zu überspringen;
dabei fallen dann die gesundheitspolitischen Argumente unter den Tisch.
Insgesamt ist es der Berliner CDU/CSU-SPD-Regierung schon gelungen,
mit kleinen Wohltaten davon abzulenken, dass nach der
Bundestagswahl der bittere große Zahltag beginnt. Fraglich ist,
ob sie das noch monatelang durchhalten kann. Momentan überwiegt
noch die Meinung in der Bevölkerung, die Regierung könne
die Krise in den Griff bekommen. So sind 63 Prozent für die von
der Union propagierte Steuersenkung, 33% sind dagegen. Dabei liegen
gewaltige Zahlen auf dem Tisch, wenn sie auch bei weitem nicht das
ganze Ausmaß der Finanzkrise widerspiegeln. Nach Steinbrück
steigt die Nettokreditaufnahme 2009 auf 50 Milliarden Euro und 2010
auf 80 Milliarden. Bis 2013 wird die Gesamtverschuldung des Staates
auf zwei Billionen Euro angestiegen sein. Die Steuereinnahmen könnten
bis dorthin um 350 Milliarden Euro geschrumpft sein, bei gleichzeitigen
Mehrausgaben durch Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und vermehrte Zuschüsse
an die Bundesagentur für Arbeit (20 Milliarden erwartetes Defizit).
Gibt es auch gegen Betriebsschließungen, Entlassungen und gegen
die Art der Krisenbewältigung durch die Politik hin
und wieder Widerstand und Demonstrationen, so herrschen doch mehrheitlich
immer noch Ignoranz, Fatalismus und ein Bewußtsein der Alternativlosigkeit
vor. Leider geht auch die Losung Das ist nicht unsere Krise
daneben, denn ausbaden müssen wir sie. Auch sollte es nicht heißen:
Dieser Kapitalismus muss weg, sondern: Der Kapitalismus
muss weg. Es gilt aufzuklären, dass die Ursache für
diese große Krise im System liegt und nicht nur in einigen Fehlern
des Systems. Nachdem auch der Bankier Josef Ackermann äußerte,
dass wir in vielen Ländern soziale Spannungen bekommen
könnten, ist Kanzlerin Merkels Protestschrei gegen die bloße
Einschätzung, soziale Unruhen würden drohen, verstummt.
Nach einer Umfrage haben 72% davor Angst, 54 Prozent hielten soziale
Spannungen für möglich, ein Drittel sagte sogar, sie würden
sich daran beteiligen. Doch mit der gegenwärtigen Stimmung hat
das noch nichts zu tun, dafür ist die Situation noch nicht herangereift.
So gibt es auch nicht die massenhafte Empörung und Militanz,
die eine soziale Bewegung ausmacht. Wenn nicht Unerwartetes geschieht,
kann zur Bundestagswahl keine Partei auch nicht Die Linke
mit der Rückenstärkung durch eine soziale Bewegung antreten.
Wenige Großdemonstrationen und einige Streiks reichen dazu nicht
aus. So wird die Bundestagswahl wohl im Zeichen der Weltwirtschaftskrise
stehen, jedoch nicht von deren wirklichem Ausmaß und Wucht bestimmt
sein.
Nach der völkerrechtswidrigen Aggression gegen Jugoslawien, unter
der Verantwortlichkeit von SPD und Grünen, führt nun Deutschland
seit mehreren Jahren Krieg in Afghanistan. Trotz Verschärfung
der Lage, mehr deutschen Toten und keinerlei Aussicht auf ein Ende,
stehen alle Bundestagsparteien außer der Linken
für eine Fortsetzung an der Seite der USA. Für die Bevölkerung
wird dieser Krieg am Hindukusch weitgehend als eine Art Polizeiaktion
dargestellt, daher reagiert sie mit wenig eigener Betroffenheit. Der
Einfluss auf die Wahlen ist deshalb gering, was bei der deutschen
Vergangenheit kein gutes Zeichen für die Befindlichkeit der bundesrepublikanischen
Gesellschaft ist. Sollte durch die Ereignisse selbst die Kriegsgegnerschaft
anwachsen, so ist es wie mit den drohenden sozialen Unruhen:
Die Innere Aufrüstung ist längst im Gange, Schäuble
sei Dank! Die Zugriffe auf Daten, die Verschärfung der Versammlungsgesetze,
die Übergriffe der Polizei bei Demonstrationen, die Aufrüstung
der Polizei mit noch moderneren Waffen (Taser), der Einsatz der Bundeswehr
im Inneren wie beim Obama-Besuch, die Ausspähung der Beschäftigten
in den Großbetrieben
Die Liste ließe sich fortsetzen!
Die Verantwortlichen von Union, SPD und FDP stehen zu diesen teils
illegalen Praktiken, während sie die Bürgerrechte anlässlich
des 60. Jahrestages der Grundgesetzerklärung wohlfeil im Munde
führen.
Zwei Varianten bürgerlicher Herrschaft
Der Wahlgang im September wird bestimmt werden vom Fortgang der Krise
und vom Zustand der Parteien. Schon heute ist sicher, dass keine Partei
die absolute Mehrheit erreichen wird. Sicher ist auch, dass es keine
linke Koalition geben wird. Abzusehen ist, dass zwei Koalitionsmöglichkeiten
das Wahrscheinlichste sind: 1. Die Fortsetzung der Großen Koalition
CDU/CSU und SPD. 2. Eine Rechtskoalition zwischen CDU/CSU und FDP.
Das könnte eine ausgesprochen reaktionäre Ära bedeuten.
Erinnert sei z.B. an die Kirchhoff-Merkel-Pläne. Eine Rechtskoalition
würde den Ausstieg aus der Atomenergie rückgängig
machen. Die Pläne zur weiteren Entsolidarisierung der Krankenversicherung
liegen bereits auf dem Tisch.
Gleich, welche Koalition an die Regierung kommt, sie findet, durch
die Krisenfolgen bestimmt, äußerst ungünstige Verhältnisse
vor, mit wenig Spielraum. Das Eintreiben der Krisenkosten wird an
erster Stelle stehen und die Adressaten stehen auch schon fest, ganz
im Sinne der besitzbürgerlichen Parteien. Trotz allem gibt es
zwischen den Parteien noch politische Unterschiede. Die so genannten
Volksparteien müssen noch gewisse Rücksichten nehmen, um
ihr Wählerpotential nicht zu sehr zu verprellen. Da kommt es
auf die Stärke des Widerstands an, gegen die Krisenabwälzung
auf die Massen. Bei der SPD muss zumindest teilweise noch Rücksicht
auf betriebliche und gewerkschaftliche Belange genommen werden, auch
wenn die eisernen Ketten mit den Gewerkschaften starke Brüche
aufweisen. Die SPD muss sozialpolitisch auch die Konkurrenz von links
fürchten. Nachdem die Grünen eine Ampelkoalition ablehnen,
sind sie so oder so auf die Oppositionsbänke verwiesen. Dasselbe
gilt für Die Linke, da sie von der SPD als Koalitionspartner
auf Bundesebene abgelehnt wird. Ein Sozialdemokrat als eventueller
Regierungschef ist damit von vornherein ausgeschlossen, solange dieses
Tabu gilt.
Die politischen Unterschiede zwischen den etablierten Parteien sind
immer weniger prägnant und ihre Politik wird allzu oft von pragmatischen
Erwägungen bestimmt. Bei den Volksparteien kommt dies auch daher,
dass im Zeitalter der Moderne ihre Milieus wegbrechen; bei der SPD
die Arbeiterschaft, bei der Union die Bauern und die kirchlichen Bindungen.
FDP und Grüne werben gleichermaßen um das gutsituierte
Bildungsbürgertum und geben vor, Bürgerrechte zu vertreten.
Die CDU als stärkste Partei der BRD hatte Lehren aus ihren Verlusten
bei der letzten Bundestagswahl gezogen. Der angekündigte scharfe
Rechtsruck á la Kirchhoff-März-Merkel hatte sie damals
um den Wahlsieg gebracht. So wird der CDU in der Großen Koalition
nun eine gewisse Sozialdemokratisierung nachgesagt. Zusammen mit der
CSU ist sie immer noch die Partei der klein- und großbürgerlichen
Interessen, mit beträchtlicher Wählerzahl bei Arbeitern
und Angestellten. Die Interessensgegensätze entladen sich zur
Zeit in der Steuerkakophonie. Der CDU-Wirtschaftsflügel baut
auf ein Bündnis mit der FDP und fordert den Wegfall der Erbschaftsteuer
und des Solidaritätsbeitrags. Mittelstand und Unternehmen müssten
um 40 Milliarden steuerlich entlastet werden. Da dies nur auf Kosten
der Lohn-und Gehaltsabhängigen und der Transferbezieher ginge,
wäre das nur in einer schwarz-gelben Koalition durchzusetzen.
Von der wären auch weitere Angriffe auf die Gesundheits- und
Rentenpolitik zu erwarten. Das schließt natürlich nicht
aus, dass auch eine erneuerte Große Koalition, angetrieben vom
Krisendesaster versuchen würde, Verschlechterungen, besonders
sozialpolitischer Art durchzusetzen. Denn wie man es auch dreht und
wendet, jede neue Regierung steht unter dem Diktat der kapitalistischen
Systemkrise. Die teueren Konjunkturprogramme und Bankenrettungsmanipulationen
werden zwar die nächste Blase nicht vermeiden, drücken nun
aber wie ein Alb auf das Land. Um eine Inflation zu verhindern, müssten
die Steuern und Abgaben gewaltig erhöht werden. Das würde
aber einer Konjunkturerholung den Garaus machen. Es liegt auf der
Hand, dieser Widerspruch ist systembedingt. Politisch steht fest:
Die nächste Regierung egal wie sie zusammengesetzt
ist muss den sozialen Bluthund machen (Robert Kurz im
Freitag). Eigentlich bräuchte sich keine Partei darum reißen,
wenn es nicht auch darum ginge, die neue Umverteilungsphase klassenmäßig
durchzudrücken. Schon die Forderungen zur nochmaligen Erhöhung
der Mehrwertsteuer zeigen, wohin die antisoziale Reise geht.
Besonders bei der FDP überschattet der Drang zur Regierungsbeteiligung
alles andere. Es ist grotesk, die Brandstifter des zügellosen
Neoliberalismus sind die wahlpolitischen Nutznießer der davon
herrührenden Wirtschaftskrise geworden, obwohl ihre Ideologie
so offensichtlich bankrott ging. Das Hauptziel der FDP ist die Fortsetzung
der neoliberalen Politik mit einigen Bemäntelungen und unter
vorübergehender Hinnahme keynesianistischer Einsprengsel. So
sammeln sie nun jene ein, vor allem von der Union, die an den alten
Ellenbogenverhältnissen der Deregulierung, der Privatisierung
und am ungezähmten Marktradikalismus festhalten wollen, denen
alle anderen Bundestagsparteien sozial- und wirtschaftspolitisch zu
liberal sind. Möchtegern-Außenminister Westerwelle sitzt
mit dieser Ausrichtung in seiner Partei fest im Sattel. Das Koalitionsvorhaben
mit der Union ist so gut wie abgemacht.
Die Grünen im Abseits
Die Grünen haben inzwischen ein festes Wählerpotential.
Es ist dort üblich, sich in der Opposition weiter links zu geben,
statt wie zu unseligen Schröder-Zeiten die Kriegsfurie auf Jugoslawien
loszulassen. Was ihre ökologischen Anliegen betrifft, so wurde
manches davon, teils nur verbal, auch von anderen Parteien übernommen.
Bei besserverdienenden Schichten steht sie in Konkurrenz zur feindlichen
FDP. Gegen den Afghanistankrieg macht sich nun eine breitere Stimmung
bemerkbar. Die Grünen wären bereit, im Herbst mit der SPD
zu koalieren, was aber stimmenmäßig nicht ausreichen wird.
Eine Ampelkoalition, bei der sie nur Anhängsel wären, lehnen
sie ab. Bemerkenswert, dass die Grünen eine Verteufelung der
Partei Die Linke nicht mitmachen. Bei den letzten Wahlen profitierten
die GRÜNEN vom Niedergang der SPD. Dieses Potential dürfte
nun ausgeschöpft sein.
Scheinbewegung der SPD nach links
Bei der SPD wird der Slogan von der Neuen Mitte nicht
mehr benutzt. Er hatte sich als Phrase entpuppt. Müntefering
und Steinbrück wollen nun das Kunststück fertig bringen,
an der Agenda 2010 festzuhalten, an Hartz IV und an der Rente mit
67 und gleichzeitig, sich sozialer zu geben, damit ihnen nicht noch
mehr Stammwähler davonlaufen. Mit Mindestlohn, mehr Gerechtigkeit
(!) und Mitbestimmung wird ihnen das nur sehr begrenzt gelingen. Auch
die SPD-Linke mit Andrea Nahles an der Spitze hält an der Schröder-Politik
fest und mit ihrem neuen Projekt Gute Gesellschaft kann
sie keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken angesichts der tatsächlichen
SPD-Politik. Die Jahrzehnte des Rechtsschwenks, in der die SPD ihre
Seele verkaufte, (Schröder: Man kann nicht gegen
das Kapital regieren), sind nicht vergessen. Die Stammwähler
blieben deswegen scharenweise zu Hause, die Mitgliederschaft halbierte
sich, die Landtagswahlen wie in NRW gingen verloren, in Bayern blieben
18% und in Sachsen gar nur noch 9 Prozent. Heute könnte man sagen,
die SPD besteht eigentlich aus mehreren Parteien, von Steinmeier über
Schreiner bis zum üblen Kahrs vom rechten Seeheimer Kreis. Doch
die Netzwerker und Rechten in der New-SPD haben längst die meisten
Posten besetzt und bestimmen mit Müntefering und Steinbrück
die Parteipolitik. Mit auf ihr Betreiben ist auch das Projekt Ypsilanti
in Hessen gescheitert. Sie halten am Afghanistan-Krieg fest; wie lange
noch, bis zum Rückzug? In 10 Jahren? Mindestlöhne, Bürgerversicherung
usw., mit welchem Koalitionspartner kann da was zustande kommen, doch
nicht mit der von ihnen begehrten FDP? Mit dem Verdikt, im Bund kein
Bündnis mit der Linken, gerät die SPD ins Aus oder unterwirft
sich der CDU/CSU. In den Gewerkschaften und Betrieben ist die SPD
zwar noch verankert, doch das ehemals eiserne Band ist durch ihre
Politik zerbrochen. Linke und Grüne haben in den Gewerkschaften
ein Stück aufgeholt. Mit Wahlkampf-Geldzuweisungen der Gewerkschaften
an die SPD dürfte es nun schwieriger geworden sein. Für
die Forderung der SPD: Zurück zur Sozialen Marktwirtschaft,
gibt es im krisengeschüttelten Kapitalismus keine reale Grundlage
mehr.
Auch eine angeschlagene NPD bleibt eine Gefahr
Bei der Bundestagswahl treten auch rechtsradikale Gruppen und Parteien
an. Doch trotz des Umschlags der Wirtschaftskrise in eine soziale
Krise ist nicht damit zu rechnen, dass die NPD als größtes
faschistisches Gebilde die 5 Prozent Klausel überspringt und
in den Bundestag einziehen kann. Sie hat zwar Schwerpunktgebiete,
besonders im Osten, wo sie bereits das gesellschaftliche Leben beeinflusst
und ihre Gegner terrorisiert. Trotz ihrer anhaltenden Gewaltexzesse
ist dies jedoch noch nicht zur allgemeinen Erscheinung geworden. Auch
ihr Konzept, sich als soziale Biedermänner zu gebärden,
findet mancherorts Anklang. Alarmierend ist die Lage schon angesichts
von 5.000-6.000 nationalen autonomen Gewalttätern
und den ständigen Aggressionen, von Gräfenberg bis zur Sächsischen
Schweiz. Selbst gewerkschaftliche Demonstrationszüge werden mittlerweile
angegriffen, Gegner im Internet gebrandmarkt. Meist richtet sich das
Verhalten von Polizei und Justiz gegen die antifaschistischen Demonstranten
statt gegen die Nazis. Politisch ernst könnte es werden, wenn
die Arbeitslosigkeit und die Armut so groß werden, dass sich
auch Deutsche verstärkt um unqualifizierte Arbeitsplätze
bemühen müssen. Manche von ihnen werden dann in ausländischen
Arbeitskräften noch mehr Konkurrenten sehen, die ihnen die Arbeitsplätze
wegnehmen. Momentan ist die NPD organisatorisch und finanziell angeschlagen.
Trotzdem: Die faschistische Gefahr ist in Deutschland immer latent!
Unterstützt Die Linke!
Ein Zurück zur sozialen Marktwirtschaft gibt es auch für
die Linkspartei nicht, selbst wenn ein Teil von ihr das will. Auch
für sie gilt: mit keynesianischen Mitteln kann man die Krise
nicht lösen. Organisatorisch hat sich die Partei Die Linke durch
den Zusammenschluss von PDS und WASG gefestigt, sie ist nun auch im
Westen etabliert. Die aktiven Mitglieder der Linksjugend haben sich
z.B. innerhalb eines Jahres von 2400 auf 3400 erhöht. Mit der
Zunahme der Mandate und der damit zu vergebenden Posten haben sich
freilich auch die parteiinternen Diadochenkämpfe dem in den anderen
Parteien üblichen Gerangel angenähert. Politisch ist Die
Linke eine Union verschiedener linker Richtungen.
Reformer, Reformisten, Linkssozialdemokraten, Sozialisten und Marxisten
streiten für ihre Positionen. Noch ist die Zahl der Eintritte
größer, als die der Austritte und Überläufer.
Die Europaabgeordnete Sylvia Kaufmann ist nun zur SPD übergetreten.
Die verschiedenen Strömungen stehen manchmal in harten Auseinandersetzungen.
Wesentlich ist, dass der kommunistischen Minderheit und den anti-kapitalistischen
Kräften die Möglichkeiten für politische Arbeit in
der Partei und nach außen bleiben. Das Sagen und das Geld aber
hat der Apparat, der Posten zu vergeben hat und immer auf Regierungsbeteiligungen
schielt. Die Koalition im Land Berlin wird weiter mitgetragen, trotz
der umstrittenen Politik und der dafür bei den letzten Wahlen
erlittenen Verluste. Insgesamt scheint sich diese Anpassungspolitik
fortzusetzen. Sie wird auch in der Anhängerschaft mitgetragen.
Das Fehlen des Drucks einer sozialen und politischen Bewegung kommt
hier deutlich zum Ausdruck.
Die Weltwirtschaftskrise hat der Linken bisher kaum besonderen Zuwachs
an Wählerstimmen gebracht. Ganz gleich, ob sie im September 9
oder 11% erringen wird: dies ist eine Größenordnung, die
immer noch wenig in Berlin bewegen kann. Die Partei hat keine Koalitionspartner
für Mehrheiten. Ihre Wähler können nicht mit der Durchsetzbarkeit
der Politik der Linken rechnen. Wichtig ist es, Druck auf SPD und
Grüne auszuüben, sie beim Wort zu nehmen und politisch bloßzustellen.
Man kann nur schätzen, aber etwa ein Drittel an Stimmen hätte
die Partei mehr, bestünde nicht in Deutschland, dem Land
der Freiheit, ein unausgesprochener Boykott der Massenmedien
gegenüber der Linken. Ob Fernsehen oder Massenpresse, meist wird
nur das Negative über die Partei gebracht und ihr Programm und
ihr Ziele werden verschwiegen. Ihre vielen Vorschläge und Kritiken
werden unterschlagen. Im Fernsehen gibt es nur den Oppositionsführer
Westerwelle. Im bürgerlichen Staat ist die Meinung der Herrschenden
die herrschende Meinung, wie es Karl Marx ausdrückte. Geld ist
Macht und Demokratie ist in diesem Staat nicht für alle da.
Die Linke ist keine marxistische Partei. Sie steht am linken Flügel
des bürgerlichen Staates. Wir hoffen, dass sie von aufkommenden
sozialen Bewegungen politisch und praktisch befruchtet wird. Wir gehen
davon aus, dass sie weiterhin demokratische und soziale Rechte verteidigt
und imperialistische Kriege bekämpft. Das Parlament kann dafür
als Tribüne der Propaganda genutzt werden. Wir werden die Partei
Die Linke verteidigen, aber auch kritisieren, wo es notwendig ist.
Zur Bundestagswahl 2009 treten wir ein für eine kritische Unterstützung
der Partei Die Linke.
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Zyklische
Krise oder Zeitenwende?
Das dicke Ende kommt erst noch!
Das System wankt, lautete die Überschrift der Börsenzeitung vom 30. September. Noch ist das Finanzsystem zwar nicht gefallen. Doch es wankt. Und es droht die Realwirtschaft zu erschüttern. Das Blatt der deutschen Hochfinanz warnte vor Verhältnissen wie 1931, vor politischer und wirtschaftlicher Destabilisierung.
Es war die Rede von der Kernschmelze im Finanzsystem und dass sie gerade noch verhindert werden konnte, obwohl das längst noch nicht sicher ist. Panik und Ratlosigkeit hatte das Heer von Wirtschaftswissenschaftlern, Politikern und Bankmanagern erfasst, die nicht wahrhaben wollten, dass die Finanzakkumulation weltweit nicht mehr funktionierte. Das neoliberale Weltbild brach erst mal zusammen und man scherte sich nicht mehr um das Geschwätz von gestern. Wer nicht eingeschworen war auf das Verdikt Der Markt regelt alles galt ja bisher schon fast als Verfassungsfeind.
Selbst die zuständigen internationalen Institutionen der kapitalistischen Welt wie IWF und Weltbank, aber auch die Deutsche Bundesbank, waren nicht in der Lage, Vorwarnung zu geben, auch nicht angesichts der Aufblähung des Geldvolumens auf fast das Zehnfache des realen Wirtschaftsvolumens. Börsenjobber, Aktienbesitzer, Banker und Politiker waren wie von einem Rausch befallen, aus Geld noch viel mehr Geld machen zu können. Das beste Beispiel ist der deutsche Großkapitalist und Pharma-Unternehmer Merckle, der noch Monate nach dem Kladderadatsch mit VW-Aktien spekulierte und dadurch 400 Millionen Euro verloren haben soll. Dann hatte er noch die bodenlose Frechheit, zur Rettung seiner dadurch bedrohten Firmen vom Staat Hilfe zu verlangen.
Wenn man von der antikapitalistischen Publizistik absieht, so hatten nur wenige erkannt, welche Folgen die Aufblähung der Aktien- und Immobilienvermögen und die Vermehrung der Kreditderivate um das 30fache seit 2001 nach sich ziehen würde. Dabei war das Platzen der New-Economy Blase (zwei Trillionen Dollar) erst einige Jahre her. Gehört es doch zu den Gesetzmäßigkeiten des kapitalistischen Systems, dass immer wieder riesige Mengen überschüssigen Kapitals nach einer maximalen Rendite suchen und es damit zum Ausbruch systemeigener Widersprüche kommen kann. (Zu den ökonomischen Ursachen der Krise verweisen wir auf die letzten Nummern der Arbeiterstimme Nr. 161, Nr. 159 und Nr. 157.)
Von unerwarteter Seite war die Entwicklung klar erkannt worden: Vom reichsten Mann der Welt, dem Großkapitalisten Warren Buffet, Berater von Obama vor und nachder Präsidentenwahl. Buffet hatte sich gerade jetzt, zum Höhepunkt der Krise, die größte US-Bank Goldman Sachs einverleibt. Für ihn war die riesige Menge an Finanzderivaten, die das sechsfache (!) des Weltsozialprodukts ausmachten, längst Grund genug Alarm zu schlagen. Bush, Green-span und Paulson reagierten jedoch nicht. Für den Oberkapitalisten Buffet waren diese Spekulationsderivate finanzielle Massenvernichtungswaffen, die eine Megakatastrophe auslösen könnten. Ein Linker könnte es nicht drastischer schildern. Wie Dominosteine brechen nun Grundpfeiler für die Funktionsfähigkeit des kapitalistischen Systems weg. Die globalisierte Weltwirtschaft gebiert die globale Krise.
Zuerst hieß es, es sei ja nur eine Immobilienkrise hauptsächlich in den USA und die berühre Deutschland kaum. Vom kapitalistischen System sprach außer den Linksradikalen kaum jemand. Bundeskanzlerin Merkel wies im Fernsehen Diskutanten brüsk zurück, wenn sie vom Kapitalismus sprachen. In Deutschland bestehe doch die soziale Marktwirtschaft, behauptete, wenig wissenschaftlich, die Regierungschefin, die als Studierte und ehemalige FDJ-Funktionärin bestimmt schon mal was vom Kapitalismus gehört hatte.
Inzwischen hatte sich die Grundstückskrise auf andere Länder ausgeweitet, vor allem auf England und Spanien. Sie entwickelte sich zur weltweiten Finanzkrise mit Bankenpleiten, Kreditsperre, Börsencrash und Massenentlassungen. In Verkennung der Lage meinte der Macher, Finanzminister Steinbrück, zuerst noch: Die Finanzmarktkrise ist vor allem ein amerikanisches Problem. Nicht lange darauf waren nicht nur die Wall Street und London die Brennpunkte. Der Sturm erstreckte sich über die ganze Welt, ob Deutschland oder Japan, Russland oder Brasilien. Niemand unter den Verantwortlichen zweifelte mehr daran, dass es sich um die schlimmste Krise seit der Großen Depression der dreißiger Jahre handelte, ein Zusammenfallen von zyklischer Krise und Systemkrise. In den 200 Jahren der Ausbreitung des Kapitalismus hat es immer in gewissen Abständen Wirtschaftskrisen gegeben, besonders im 19. Jahrhundert, bis dann im 20. Jahrhundert die Weltwirtschaftskrise 1929 Tod und Verderben brachte. Krisen sind eben nicht allein das Ergebnis gewagter Spekulationen, sondern systemeigen. Die fünf Rezessionsjahre der Bundesrepublik mit einem Rückgang des BIP erstmals 1967 0,3%, 1975 0,9%, 1982, 1993 0,8% und 2003 0,2% waren weniger einschneidend. Freilich, wer vor 1967 wie die Linken behaupteten, es gäbe im kapitalistischen System wieder antagonistische Krisen, wurde verlacht und als Idiot verunglimpft.
Die neueste Losung der Neoliberalen: Staatsbankrotte abwenden, Banken und Konzerne mit Steuergeldern stützen!
Einige Staaten hat die Finanzkrise besonders schwer getroffen. Island steht vor dem Ruin und die Menschen müssen nicht nur um ihre Rentenkasse bangen. Der IWF musste zwei Milliarden Dollar bereitstellen. Auch Ungarn steht vor dem Staatsbankrott und erhielt 20 Milliarden Euro Notkredit, die Ukraine 13 Milliarden. In Indien ist die Börse allein im Oktober um 40% abgestürzt und es wird befürchtet, dass die Rezession ein Viertel aller Arbeitsplätze kosten wird. In Brasilien stürzte die Währung ab, der Real verlor ein Drittel gegenüber dem Dollar. Der Finanzcrash hat auch Pakistan hart getroffen. Das Land mit 160 Millionen Einwohnern steht vor dem finanziellen Zusammenbruch. Daraufhin hat der IWF acht Milliarden Dollar zugesagt. Selbst in der Schweiz verfinsterten sich die Mienen. Bei UBS, dem größten Vermögensverwalter der Welt, ist nun Singapur der größte Einzelaktionär. Der Schweizer Staat ist mit 3,9 Milliarden Euro in die Bank eingestiegen und sichert faule Wertpapiere mit 62 Milliarden Franken ab. Unter den europäischen Industriestaaten ist Frankreich mit der Verstaatlichung von Banken am weitesten gegangen, was jedoch mit dem Beginn einer Vergesellschaf-tung nichts zu tun hat. Auch China ist als Teil der kapitalistischen Weltwirtschaft von der Krise betroffen. Um dem Rückgang der Zuwachsraten zu begegnen, hat die Staatsführung ein großes Konjunkturprogramm von 600 Milliarden Dollar angekündigt, das sich u.a. auch auf den Eisenbahnsektor bezieht. Bei ihrem Besuch in Peking war Kanzlerin Merkel überzeugt, dass China seinen Beitrag zur Stabilisierung der Weltwirtschaft leisten wird, hat es doch die größten Währungsreserven der Welt im Wert von zwei Billionen Dollar. Es gilt bereits als ausgemacht, dass China, im Besitz von US-Schatzanleihen in Höhe von mehreren hundert Milliarden Dollar, diese nicht abrupt abziehen wird. Das liegt auch im eigenen Interesse Chinas.
Nicht nur eine zyklische Krise, aber auch kein Untergang des Kapitalismus
Die dominierende Weltmacht USA ist in einer Sackgasse. Ihre Regierungen haben die Zukunft verpfändet, nicht zuletzt, weil sie die Welt mit Kriegen überzogen. Allein für die letzten Kriege gegen den Irak und gegen Afghanistan sollen bis Oktober des Jahres 1,1 Billionen Dollar aufgewandt worden sein. Das Rüstungsbudget stieg jährlich um 11 bis 16%. Andererseits sanken die Reallöhne von 1979 bis 2000 um 5%, während sich die Produktivität um 37% erhöhte. Ein ökonomisches Ungleichgewicht, das sich rächen musste.
Die Immobilienkrise in den USA war der Anfang. Inzwischen sollen Hypotheken in Höhe von 500 Milliarden Dollar faul sein. Fünf Millionen Häuser stehen zum Verkauf. Ganze Stadtviertel, wie z.B. in Cleveland verfallen. Nach einer aktuellen Studie hat der Kollaps am US-Hypothekenmarkt das Kreditvolumen allein in den USA schon jetzt um 2.000 Milliarden Dollar verringert das ist mehr als die Hälfte dessen, was die deutsche Wirtschaft in einem Jahr an Leistung erbringt.
Über die Bankenkrise, die schon im Sommer 2008 auch in Deutschland um sich griff, haben wir berichtet. Zwei Hedge-Fonds der Investmentbank Bear-Stearns, die IKB, die Sachsen LB, die Bayern LB und die West LB gerieten in Schieflage. In London stürmten die Sparer die Northern Rock Bank und die Citigroup in den USA geriet ins Wanken. Indy Mac ging in Konkurs, ebenso Mardinsa-Fadesa in Spanien. Merril Lynch war betroffen, dem Versiche-rungskonzern AIG wurde geholfen. In den USA mussten 145 Milliarden Dollar offiziell abgeschrieben werden. Weltweit sollen die Verluste der Bankenbranche 400-500 Milliarden Dollar betragen. Über die Verstaatlichung der Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac schrieben wir in der letzten Nummer der Arbeiterstimme mit der bitteren Bemerkung, dass die Regierungen keine Skrupel haben, Verluste der Banken zu sozialisieren und Gewinne zu privatisieren. Es wird geschätzt, dass die Bush-Regierung dafür 200-300 Milliarden Dollar aufwenden muss. Die Pleite der Großbank Lehman Brothers schlug weltweit Wellen, auch in Deutschland.
Die Aufzählung der betroffenen Banken braucht wohl nicht fortgesetzt zu werden, um die Dimension der Finanzkrise zu veranschaulichen. Die Geldverleihung der Banken untereinander kam zum erliegen, das Vertrauen war weg. Hätten die Staaten nicht eingegriffen, hätte die Zahlungsunfähigkeit zum allgemeinen Kollaps führen müssen. Christopher Dood von der Demokratischen Partei fand die Lage katastrophal. Man sei nur Tage von einem kompletten Zusammenbruch des Finanzsystems entfernt. Auch die fünfte Zinssenkung in wenigen Wochen durch den US-Notenbankchef Bernanke hatte nichts gebracht. Die Staatsfonds arabischer Länder hatten einen nicht unwichtigen Anteil an der Rettungsaktion für die US-Banken. So billigte der Kongress nach einigem hin und her die vorgesehene Finanzspritze über 700 Milliarden Dollar von der Bush-Regierung zum Kauf wertlos gewordener Hypothekenpapiere und vereinbarte Steuerkürzungen von 112 Milliarden Dollar für fünf Jahre. Die Schuldenlast erhöhte sich damit weiter. Das dicke Ende kommt noch, in den USA und anderswo. US-Finanzminister Paulson ließ die Katze aus dem Sack: Der Steuerzahler wird letztendlich immer zur Kasse gebeten werden bei dem System, das wir haben. Wer soll denn sonst die Kosten tragen, wenn das System nicht stabil ist?
Das schnelle Handeln in Washington im Verein mit anderen führenden Wirtschaftsmächten hatte im Gegensatz zu 1929 die Katastrophe vorerst verhindert. Eine Krisenlösung nach den Mechanismen des kapitalistischen Systems ist das nicht, was Folgen haben wird. Geradezu rührend ist Obamas Erklärung: Es wird die Zeit kommen, in der wir diejenigen bestrafen, die dieses Feuer gelegt haben als ob die Ursache der Finanzkrise allein bei den Spekulanten gelegen hätte und ein Obama allein als Präsident solche Geschäfte weltweit verbieten könnte.
2,5 Billionen Dollar, das entspricht etwa 10% des Weltsozialprodukts, wollen die USA und die Europäer in das marode Finanzsystem pumpen. Wehe, wenn dafür die Völker die Zeche bezahlen müssen! Die Flaggschiffe des amerikanischen Kapitalismus, General Motors, Ford und Chrysler, sind bereits in Gefahr unterzugehen. Dadurch könnten drei Millionen Arbeitsplätze verloren gehen. Da retten sie auch keine 25 Milliarden Staatsknete mehr. Niemand zweifelt mehr daran, dass es über die Automobilstrukturkrise hinaus die Realwirtschaft voll erwischt hat.
Wenn der Hurrikan kommt
Die Verschuldung der Vereinigten Staaten hat ein einmaliges welthistorisches Niveau erreicht. Allein die Staatsschulden kletterten auf astronomische Höhen und betragen nun neun Billionen Dollar. Hinzu kämen im ungünstigsten Fall nochmals 3,7 Billionen Dollar aus den Übernahmeverpflichtungen von Fannie und Freddie. Die Schulden der Weltmacht Nummer 1 kommen damit 100% des US-Sozialprodukts nahe. Die Schulden von Staat, Banken, Unternehmen und Privaten zusammen machen bereits 355% des Sozialprodukts aus. Das Haushaltsdefizit Washingtons wird 2008 auf 250 Milliarden Dollar anwachsen, wozu noch einmal 100 Milliarden für Bushs Konjunkturprogramm zu rechnen sind.
Doch nun ist neue Gefahr im Verzug. Schon pumpen sich die nächsten Finanzblasen gewaltig auf, schrie Michael Krätke im Freitag vom 14.11. Ein Konglomerat aus Kreditkartenkrise, Krise der Autofinanzierer und Kreditversicherer braut sich zusammen. Auf 2,5 Billionen Dollar belaufen sich die Konsumentenschulden in den USA, also durchschnittlich 8565 Dollar pro Haushalt. Die Kreditkartenverschuldung liegt bei über 100 Milliarden Dollar. Doch die Stunde der Wahrheit steht noch aus. Das Hinausschieben lässt sich nicht endlos fortsetzen. Die Neun-Billionen-Zeitbombe tickt.
Die Nürnberger Nachrichten sehen bereits am 28. 8. im Vergleich zum drohenden Hurrikan die jetzige Krise als Windhose. Wirtschaftsredakteur Wolfgang Mayer schrieb dazu in den NN: Experten gehen davon aus, dass die gesamten Verpflichtungen zum Beispiel einschließlich der Pensionsfonds sogar die Marke von 50 Billionen Dollar übersteigen.
Das heißt: Die USA benötigen in steigendem Maße ausländisches Kapital, um das Gebäude ihrer Wirtschaft zusammenzuhalten. Fachleute errechneten, dass das Ausland pro Tag den USA zwei Milliarden Dollar leihen muss (mehr als die Hälfte davon geht für die US-Rüstungsausgaben gleich wieder weg). Durch die aktuelle Windhose verlieren die USA aber an Bonität. So stellt sich die Frage: Wie lange werden die Geldgeber der USA noch mitspielen? Wie beim echten Hurrikan weiß niemand, wohin er dreht, und ob die Mauern des Gebäudes wirklich halten.
Man kann davon ausgehen, dass durch die Staatseingriffe und Rettungspakete die Stabilität der Währungen erschüttert wird. Der Kurs des Dollars wird weiter sinken. Es ist wohl kein Zufall, dass die USA die Kennziffern zur Inflation, zu der im Umlauf befindlichen Geldmenge, nicht mehr veröffentlichen. Zumindest für jeden älteren Deutschen ist der Begriff Währungsreform ein Schreckenswort.
Man braucht keine Berichte der US-Geheimdienste, um zu erkennen, dass sich die politische und wirtschaftliche Bedeutung der USA in der Welt durch das Finanz- und Wirtschaftsdesaster vermindern wird, wie auch der US-Dollar sein starke Rolle verlieren wird. Es war schon lange im Gange, dass Länder wie China, Indien, Brasilien und Russland dafür an wirtschaftlicher und weltpolitischer Bedeutung gewinnen.
Der G-20 Währungsgipfel: Nur ein vager Fahrplan
Um in Zukunft Turbulenzen auf dem Weltfinanzmarkt zu vermeiden, jagt eine Konferenz die andere: Zuerst in Sao Paulo, dann die der 27 EU-Länder in Brüssel und schließlich die G-20 in Washington. Das derzeitige System sei wie ein Kartenhaus zusammengestürzt und am meisten müssten die armen Länder unter der Krise leiden, mahnte Lula da Silva. In Brüssel fanden die Regierungschefs große Worte über Kontrolle, Aufsicht und Regulierung, die man installieren wolle. Steueroasen wolle man austrocknen, Hedge-Fonds unter Aufsicht stellen und Rating-Agenturen an die Leine legen, für mehr Transparenz sorgen und einheitliche Bilanzregeln einführen. Die Franzosen wollten noch weiter gehen, doch Angela Merkel blockte ab: Wir wollen keine europäische Wirtschaftsregierung.
Auf dem G 20-Gipfel in Washington wurden kleinere Brötchen gebacken. Da gab es Differenzen zwischen Europäern und Nordamerikanern. Bush betonte wieder mal den Segen des freien Marktes und wandte sich gegen Handelsbarrieren. Bis zum Frühjahr soll einiges unter Federführung des IWF zustande kommen. Trotz Grundsatzerklärungen ist schleierhaft, wie das wirkungsvolle Regelwerk an Kontrollmechanismen durchgesetzt werden soll. Die meisten Beobachter waren sich einig: Ein vager Fahrplan voller Absichtserklärungen, dessen Umsetzung völlig offen sei.
In Deutschland die Ruhe vor dem Sturm?
Zur ersten Stütze warf die EZB 200 Milliarden Euro an kurzfristigen Krediten auf den Geldmarkt. Wie andere europäische Staaten auch (z.B. Großbritannien 640 Mrd. !, Österreich 100 Mrd. !) legte die deutsche Regierung ein Rettungspaket in Höhe von 500 Milliarden Euro auf. Davon musste die Hypo Real Estate mit 50 Milliarden gerettet werden. Verschiedene Landesbanken folgten, dann die Commerzbank mit 8,2 Milliarden Euro. Die HSH Nordbank beantragte eine Staatsbürgschaft von 30 Milliarden Euro usw. Bei manchen Banken droht es ein Fass ohne Boden zu werden. Sieben Billionen Dollar werden bereits genannt, die Zentralbanken und Regierungen bereitstellten. Nicht mal die Hälfte der Verluste sei abgeschrieben worden. Für die 900 Millionen Hungernden in der Welt ist nicht mal eine Milliarde Dollar übrig gewesen
Auch in Deutschland ist das Mißverhältnis mit den Händen zu greifen. Auf der einen Seite scheinen die Milliarden keine Rolle mehr zu spielen. Auf der anderen Seite wird bekannt, dass der Arbeiterführer, Ministerpräsident Rüttgers, gerade aus Einsparungsgründen eine Million Obdachlosenhilfe in NRW für 2009 gestrichen hat.
Derweil ließen sich die Kanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück als die großen Macher in den Medien feiern. Doch kommt es nicht einer Verschleuderung von Volksvermögen gleich, wenn sie die riesigen Bürgschaften ohne entsprechende Gegenleistung ausgeben? Außer der Linken gibt es wenige, die das kritisieren und Gegenvorschläge anmelden. Der Bremer Wirtschaftsprofessor Huffschmid forderte richtigerweise: Man hätte auch sagen müssen: Gut, dann verstaatlichen wir eben die Banken zu 20 oder 25 Prozent und sichern uns damit den vollen Einfluss auf ihre Geschäftspolitik.
Unehrlich war auch die Garantieerklärung für die Sparer durch die CDU-Vorsitzende Merkel. Wir haben noch Blüms Die Renten sind sicher im Ohr. Genauso sicher sind die Spargelder eben so lange noch was da ist. Der aufgestellte Haushaltsplan des Finanzministeriums ist ebenso unehrlich, wenn er die Erhöhung der Neuverschuldung mit nur acht Milliarden Euro mehr angibt. Was Finanzkrise und Konjunkturprogramm mehr erfordern, ist überhaupt nicht abzusehen. Was noch vor Monaten abgestritten wurde, ist nun eingetreten: Die Krise hat auf die Realwirtschaft übergegriffen. Nicht nur die strukturell kranke Autoindustrie ist im scharfen Niedergang. Nun hat es auch die Chemieindustrie und die Werftindustrie gepackt. Weitere Branchen werden folgen. Die BRD als Exportland wird es besonders spüren, da die weltweite Gleichzeitigkeit der Krise Exportauswege versperrt. In Deutschland rächt sich nun die Vernachlässigung des Binnenmarktes. Als einziges Land in der Kern-EU blieben in der BRD jahrelang Reallohnerhöhungen aus und damit der Kaufkraftzuwachs.
Nachdem auf breiter Front die erst emporgeschossenen Rohstoffpreise, inklusive Öl- und Gaspreise, in den Keller gefallen sind, geht bei den Wirtschaftswissenschaftlern die Angst vor einer Deflation um, die sich in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts so verheerend auswirkte. Die Keynesianer fordern es schon lange, Parteien und Regierung waren sich nun einig: auch Berlin muss ein Konjunkturprogramm auflegen. Sie ließen sich auch nicht davon abbringen, als bekannt wurde, dass Präsident Bushs groß angelegte Verteilung im Wert von 125 Milliarden Euro an US-Haushalte glatt verpufft war. Was blieb waren neue Schulden. Die Maßnahmen in Deutschland zur Konjunkturförderung belaufen sich auf etwa 30 Milliarden Euro. Zeitungen, wie die NN, schrieben vom Placebo-Paket.
Die Bevölkerung in Deutschland hat die Weltfinanzkrise eigentlich ohne große Erregung aufgenommen. Auch der Skandal um Bankstützungen und Milliardenbürgschaften wurde weithin nicht als solcher empfunden. Die meisten Menschen meinen zudem, die Finanzkrise sei schon am Abklingen und sie brächte keine weiteren großen Folgen. Dass die Zeche einmal zu zahlen sein wird, mit Sozialabbau und Kürzungen in allen Bereichen, dazu fehlen Kenntnisse und Phantasie. Die Parteien halten sich noch zurück und suchen, möglichst ungeschoren über die nächste Bundestagswahl zu kommen. Der schon von der Krise beeinflusste Metall-Lohnabschluß, der nur etwa die Hälfte der geforderten 8% brachte, scheint ebenso ohne großen Aufruhr hingenommen zu werden.
Direkt betroffen von der Wirtschaftskrise ist nur eine Minderheit, wenn auch die Angst um den Arbeitsplatz zugenommen hat. Nachdem die Aktienkurse absackten und der Dax-Index seit Jahresanfang 50% verlor, hatten etwa 15% der Bevölkerung Geld verloren. Vor allem Rentner waren betroffen. Selbst die Renten- und Unfallversicherer waren durch die Lehman Brothers Pleite betroffen. In vielen deutschen Städten, die einst mit dem Cross-Border-Leasing-Steuerdreh Millionen einheimsten, geht die Angst um, da ihre amerikanischen Partner krisengeschädigt sind. Von der Pflicht zum Rückkauf ihrer U-Bahnen und Kanalisationen unter besonderen Umständen wollten die Stadtkämmerer einst nichts wissen. Vielleicht war es auch zuviel, die 1000-Seiten-Verträge zu lesen.
Ablenkungsmanöver
Die Zeitungen und Zeitschriften waren voll von Leserbriefen zum Finanzdebakel. Die meisten jedoch gaben nicht dem ganz normalen Kapitalismus die Schuld, dessen Krisen jahrhundertelang Zusammenbrüche, Elend und Kriege erzeugten. Sie stürzten sich auf die angeblich angloamerikanische Version des Raubtierkapitalismus und möchten die soziale Marktwirtschaft wiederhaben; als ob dies wahlweise zu haben wäre und nicht von den weltweiten Bedingungen abhinge. Viele wähnten sich im Tollhaus, als die Exzesse bekannt wurden, mit der fremden Welt der Derivate, Leerverkäufe, Hedgefonds usw. Die Finanzkrise wäre jedoch auch ohne diese üblen Börsenjobber ausgebrochen, da die Blasen immer größer wurden vielleicht etwas später. Den Regierungen und Parteien, die dieses menschenverachtende kapitalistische System tragen, kommt natürlich die Suche nach den Sündenböcken entgegen. Dadurch werden die Fragen nach dem herrschenden Gesellschaftssystem nicht zu drängend. Sind die Spekulanten schuld, kann man ablenken und sich den Unmut noch zunutze machen. Regierungen und Parteien verschweigen außerdem, dass sie im letzten Jahrzehnt den Spekulationsgeschäften erst den Weg bereitet haben. Gerade die Bundeskanzlerin, die sich nun als Retterin geriert, hat vor vier Jahren als Oppositionsführerin die vom Bundestag beschlossenen Gesetze zur Verschärfung der Finanzaufsicht im Bundesrat scheitern lassen. Zudem hat die CDU/CSU/SPD-Koalition noch Anfang 2008 Regelungen über weitere Steuervergünstigungen für Private-Equity-Firmen und Hedgefonds verabschiedet. Die Heuschrecken (Müntefering) durften sich freuen. Gerade die vorherige Regierung SPD/Grüne stand für Deregulie-rung. So wurden Verbriefungen zugelassen, und die Steuerfreiheit für Veräußerungsgewinne eingeführt. Wie man sieht, es gibt durchaus auch Schuldige an den Exzessen, im politi-schen Lager und bei den Banken und Managern.
Es ist in der Tat ein Skandal und bezeichnend für die Raffgier der besitzenden Klasse, welche Gewinne und Managerbezüge auf Kosten ihrer Lohnarbeitskräfte abgezwackt werden. In den USA hat sich kürzlich der Nobelpreisträger Paul Krugman darüber empört: Niemand verstehe, wenn der bestbezahlte Hedgefonds-Manager an der Wall Street in einem Jahr mehr verdiene als alle Lehrer New Yorks zusammen in drei Jahren.
Auch in Deutschland gibt es diese maßlosen Managerbezüge mit dem provokativ-frechen Ackermann an der Spitze. Für wie dumm müssen jene Bankmanager das Volk halten, wenn sie erst durch den Staat mit Milliarden-Bürgschaften vor der Pleite gerettet sich aufregen, weil ihr Einkommen auf lächerliche 500.000 Euro im Jahr begrenzt werden soll.
So richtig es ist, gegen solche Zustände anzukämpfen, so falsch wäre es, sich von der Hauptursache der Finanzkrise ablenken zu lassen, dem kapitalistischen System selbst.
Die Hochfinanz diktiert
Nach marxistischer Ansicht sind die bürgerlichen Regierungen die Geschäftsführer der herrschenden Klasse. Sie haben deren Interessen politisch zu vermitteln, notfalls Kompromisse zu schließen und die wahren Absichten zu vertuschen. Das war schon unter Helmut Schmidt und Kohl so, noch ausgeprägter bei Schröder und nun bei Angela Merkel. Was sich aber jetzt abspielte zur Bewältigung der Finanzkrise, kommt einer direkten Diktatur der Hochfinanz gleich, die eventuell für eine ganze Dekade unser Leben vorbestimmen kann. Die Summen, die nun zum Tragen kommen, sind so gigantisch, dass ein Kurswechsel nahezu ausgeschlossen scheint. In The Nation stellte kürzlich Robert Scharrer den autoritären Staat in Aussicht, die Übernahme des Staates durch die Unternehmen.
Es ist bezeichnend für die Missachtung der Demokratie und des Parlamentarismus, wenn die Bundesregierung statt deren Vertreter und statt unabhängiger Fachleute die Abgesandten der großen Banken in den Krisenstab beruft.
Untergrabung der Demokratie
Winfried Wolf schrieb dazu eine längere Betrachtung im Novemberheft der DFG-Zeitschrift Zivilcourage wovon wir einen Auszug bringen:
(
) Und das ist nicht anders in diesen Tagen und Wochen: Hinter der Bundeskanzlerin als Rezitatorin steht ein kleiner Kreis von Bankern und Finanzleuten, die wiederum eng mit dem vernetzt sind, was hierzulande als Hochfinanz bezeichnet wird. Die Süddeutsche Zeitung spricht am 13. Oktober von einem sechsköpfigen Komitee zur Rettung der deutschen Banken, bestehend aus dem Bundesbank-Chef Axel Weber, dem Präsidenten der Finanzaufsicht Bafin, Jochen Sanio, dem Deutsche-Bank-Chef, Josef Ackermann, dem Finanzminister Peer Steinbrück mit seinem Staatssekretär Jörg Asmussen und dem Abteilungsleiter Wirtschaft im Kanzleramt, Jens Weidmann. Diese Sechserbande erarbeitet seit Mitte September alle Krisenpläne. Dieser kleine Männerkreis entwickelte vor allem den 500-Milliarden-Euro-Plan, der, zu Wochenbeginn am 13. Oktober von der Kanzlerin vorgestellt, noch Ende derselben Woche von Bundestag und Bundesrat beschlossen und vom Bundespräsidenten mit Gesetzeskraft verkündet wurde. Noch nie in der deutschen Geschichte gab es eine derart weitreichende Finanzoperation zugunsten der Reichen, Besitzenden und Spekulierenden und noch nie in der Geschichte deutscher bürgerlicher Demokratie wurde ein derartig eingreifender Plan binnen einer Woche durch alle gesetzgebenden Instanzen gepeitscht.
Dieses strikt antidemokratische Grundverständnisist derzeit weltweit zu beobachten. Es wird in Section 8 des US-amerikanischen 700-Milliarden-Dollar-Plans zur Rettung der US-Finanzinstitute besonders verdeutlicht; dieser Plan wurde im übrigen von Finanzminister Henry (Hank) Paulson erarbeitet, einem Mann, der mehr als zwei Jahrzehnte führend für die größte US-amerikanische Investmentbank Goldman Sachs tätig war und hundertfacher Dollarmillionär ist. Danach können alle Entscheidungen des Finanzministeriums in Verfolgung dieses Gesetzes (...) von keinem Gericht und von keiner Regierungsbehörde eingesehen oder angefochten werden. Das heißt: Entscheidungen über eine der größten Umverteilungsaktionen in der US-Geschichte, werden von einer kleinen Gruppe von Menschen entschieden. Die Entscheidungen werden zur Erhöhung der US-Staatsschuld führen, mit der 300 Millionen Menschen auf Jahrzehnte belastet werden. Es entscheidet eine kleine Gruppe, die in enger Verbindung mit den Top-Finanzinstituten steht. Was dabei wer wie entschieden hat, soll von niemandem angefochten werden können. In den Worten des Ökonomen Nouriel Roubini von der New York University, der bereits 2006 den Finanzkrach vorhergesagt hatte: Da sagt dieser Paulson: Glaubt mir, ich werde alles richtig machen, wenn ich die absolute Kontrolle bekomme. Aber wir leben doch nicht in einer Monarchie!
Tatsächlich sind die Regierungsform und die Handlungsweise, die in der gegenwärtigen Krise vorherrschen, absolutistisch und autokratisch. In der Zeit des Absolutismus wurde die Macht der Alleinherrscher von Gott, einer nicht hinterfragbaren Instanz, abgeleitet. Die moderne Begründung für den aktuellen Absolutismus besteht in Verweisen auf Sachzwängedie schnelle Entscheidungen erforderten und die objektiv nicht in Frage gestellt werden könnten.
Ein ergänzender Verweis auf Gott kann allerdings auch hier nicht schaden. Auf die Frage eines Kongressabgeordneten, was passieren würde, wenn Paulsons Banken-Rettungs-Plan im Parlament abgelehnt werde, antwortete Paulson: Dann Gnade uns Gott!
Doch die Dromokratie, die Herrschaft der Geschwindigkeit, als Gegensatz zur Demokratie, die auch ausreichend Zeit für Entscheidungen verlangt, ist eine bewusst herbeigeführte. Bis vor wenigen Jahren mussten weltweit Hypothekenkredite in den Büchern und Bilanzen der die Kredite vergebenden Institute bleiben; sie durften nicht weiterverkauft und schon gar nicht mit dubiosen anderen Papieren gebündelt und verschnürt und internationalisiert werden. Indem man diese Regulierung aufgab und den Hypothekenmarkt umfassend deregulierte, schuf man erst das Diktat von Markt und Geschwindigkeit.
Historische Ausblicke
Gefahr der Rechtsentwicklung: Dabei stehen wir erst am Anfang der Krise. Und damit auch erst am Anfang der sozialen Folgen derselben. Wenn der US-Finanzminister Henry Paulson vor der Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, am 25. September auf die Knie fiel und bettelte, diese möge doch für eine Kongress-Mehrheit für den 700-Milliarden-Dollar-Plan sorgen, so lässt sich dies zunächst unter der Rubrik Gutes amusement verbuchen. Die Demokratin Pelosi agierte in diesem Fall auf den Republikaner Paulson mit dem Satz: Ich wusste gar nicht, dass sie katholisch sind! Tatsächlich durfte dann der US-Kongreß (er hatte in einer ersten Abstimmung den Paulson-Plan vor allem mit republikanischen Stimmen abgelehnt!), solange unter dem Druck der Märkte abstimmen, bis eine demokratisch-republikanische Mehrheit erzwungen war.
Doch das Amusement hält sich in Grenzen. Denn es geht ja keineswegs nur ein US-Finanzminister in die Knie. Das System wankt mit dieser schlichten Zeile war der Leitartikel der Börsen-Zeitung am 30. September überschrieben. (
) In dem etwas breiter angelegten Großbürgerblatt Frankfurter Allgemeine Zeitung fand sich am 4. Oktober ein Artikel, der das Ende der Ära Bush mit der Finanzmarktkrise in einem Zusammenhang sieht und weitreichende politische Konsequenzen, eine drohende allgemeine Rechtsentwicklung, beschreibt: Der Entzug dieses Fluchtpunktes (des Urvertrauens in die demokratischen Garantien; d. Verf.) ist, wie man an Russland und China sieht, keineswegs das Ende des Kapitalismus. Es droht vielmehr die dauerhafte Spaltung und Regression von Demokratie und Kapitalismus.
Der bereits zitierte Artikel in der Börsen-Zeitung bringt auch gleich einen direkten Bezug auf die fatale deutsche Geschichte: Denn es hilft ja nichts, sich selbst und der Öffentlichkeit etwas vorzumachen man ist geneigt, 1931 zu assoziieren: Liquiditätskrise der Danatbank, Run auf die Banken, Notregime für das Kreditgewerbe (
) politische und wirtschaftliche Destabilisierung.
Das Aufbrechen der neuen weltweiten Krise findet vor dem Hintergrund von Aufrüstung und neuen Kriegen statt. Da gibt es weiter den Irak-Krieg, auch wenn er aktuell in der Öffentlichkeit kaum mehr beachtet wird. Für die Menschen in der Region wird er weiterhin als ein Krieg des Westens um die Kontrolle über die Rohstoffe in der Region des Mittleren und Nahen Ostens gesehen und dies zu Recht. Da gibt es den Krieg in Afghanistan. So gut wie alle westlichen Regierungen und beide US-Präsidentschaftskandidaten plädieren dafür, diesen Krieg zu intensivieren. Inmitten der Debatten über die Eindämmung der neuen Finanz- und Weltwirtschaftskrise ließ die CDU/CSU-SPD-Regierung die Ausweitung des deutschen Militäreinsatzes am Hindukusch beschließen obgleich mehr als zwei Drittel der Bevölkerung diesen Einsatz ablehnen.
Eine Reihe einzelner Maßnahmen und Beschlüsse verdeutlichen die zunehmende Militarisierung der deutschen Politik. Da wurde in diesem Jahr erstmals das Gelöbnis deutscher Soldaten zum Sengen und Brennen vor dem Reichstagsgebäude abgenommen. Da trat inmitten der Krisenbekämpfungsdebatten, am 11. Oktober , der Stiftungserlass zur Verleihung des neu gegründeten Ehrenkreuzes der Bundeswehr für Tapferkeit, sprich: das Eiserne Kreuz Reloaded, in Kraft.
Bezeichnend war schließlich, dass die große Koalition Anfang Oktober als eines ihrer nächsten Vorhaben beschloss, noch in dieser Legislaturperiode die gesetzlichen Grundlagen für einen erweiterten Einsatz der Bundeswehr im Inneren zu schaffen (
). Offiziell ist die Rede davon, dass die Bundeswehr im Fall von Katastrophen und Terrorangriffen im Inneren eingesetzt werden darf. Kaum verhohlen wird bereits diskutiert, dass der entsprechende Gesetzes-Artikel und die damit verbundenen Grundgesetz-Änderungen auch großzügiger ausgelegt, dass dann die Bundeswehr bei Großveranstaltungen und inneren Unruhen eingesetzt werden kann. Der Beschluss der großen Koalition erfolgte just zum Auftakt der neuen weltweiten Krise.
Dass der Plan wegen Bedenken aus der SPD-Fraktion zunächst aufgeschoben wurde, ändert nichts an den grundsätzlichen Absichten von CDU/CSU und SPD-Fraktionsspitze.
Wir erinnern daran: Es war die große Koalition der Jahre 1966 bis 1969, die die ersten gesetzlichen Grundlagen für einen Einsatz der Bundeswehr im Inneren beschloss. Die damalige CDU/CSU-SPD-Koalition unter Kurt-Georg Kiesinger (CDU) und Willy Brandt (SPD) beschloss 1968/69 die Notstandsgesetze, die erstmals einen Bundeswehr-Einsatz im Inneren unter spezifischen Bedingungen erlaubten womit ein allgemeiner Konsens der BRD aufgegeben wurde, wonach aufgrund der Erfahrungen mit dem Faschismus die Bundeswehr nie und nimmer im Inneren eingesetzt werden darf. Die damaligen Kommentatoren sahen Ende der 1960er Jahre in diesen Verfassungsänderungen eine Art regierungsamtliches Resumee der ersten westdeutschen Nachkriegsrezession, zu der es 1966/67 gekommen war. Auch hier gab es also einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftskrise und Militarisierung just so, wie er bei den aktuellen Vorhaben der Bundesregierung existiert.
Auch der Sparkurs, den die Bundesregierungen in jüngerer Zeit betrieben haben und den Finanzminister Steinbrück (der jetzt plötzlich die Spendierhosen anhat), personifiziert, steht in einem engen Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise und mit Rüstung und Militarisierung. Mit den unzähligen Kürzungsmaßnahmen und Sparhaushalten zu Lasten der Bevölkerung wurden gewaltige Beträge der öffentlichen Hand entzogen u.a. durch Steuerreformen und Steuersenkungen. Damit wurde die Massennachfrage reduziert, wodurch sich Krisentendenzen verschärften und Arbeitsplätze abgebaut wurden.
Gleichzeitig blieben die gewaltigen eingesparten Summen bei den großen Konzernen und Banken oder sie gelangten in spezifische Kapitalsammelstellen. Ein großer Teil dieser Gelder wurde dann in spekulative Geschäfte investiert was zu den verschiedenen Spekulationsblasen und damit zum Ausgangspunkt der aktuellen Krise führte. Ein anderer Teil wanderte in den Rüstungssektor, dem er seit vielen Jahren Extraprofite beschert. Die wachsende Arbeitslosigkeit und die verbreitete Armut u.a. durch Hartz IV wiederum leisteten einen Beitrag dafür, dass sich immer mehr Menschen gegen entsprechende Bezahlung für Bundeswehrauslandseinsätze bereit finden.
Ausgaben für Rüstung und für Banken-Rettung drei Forderungen:
Die unvorstellbaren Summen, die aktuell für die Rettung der Banken ausgegeben werden sollen, lauten wie folgt: In den USA beträgt das Bankenrettungspaket rund 700 Milliarden US-Dollar, in Deutschland sind es rund 500 Milliarden Euro oder 675 Milliarden Dollar. Zusammen werden also allein in diesen zwei Ländern bis zu 1.400 Milliarden US-Dollar zur Rettung von Finanzinstituten ausgegeben. Diese unvorstellbaren Summen sollen den angeschlagenen Finanzinstituten weitgehend ohne Gegenleistung gewährt werden.
Die erste daraus resultierende Forderung muss lauten: In dem Maß, wie der Staat und wie die Steuerzahlenden der skrupellosen Finanzbranche unter die Arme greifen, müssen die entsprechenden Institute in direktes öffentliches Eigentum überführt werden. Nur so gibt es die Chance, dass eine Wiederholung des Desasters ausgeschlossen und eine wirksame Kontrolle im Finanzsektor erreicht werden kann.
Nun kann man die genannten Summen mit allerlei vergleichen; sie entspricht zum Beispiel rund acht Prozent des Bruttoinlandproduktes der beiden Länder. In unserem Zusammenhang drängt sich jedoch ein anderer Vergleich auf: Die Summe der Bankenrettungsprogramme ent-spricht auch rein zufällig(?) den Rüstungsausgaben. 2007 wurden laut des schwedischen Forschungsinstituts Sipri weltweit 1.340 Milliarden US-Dollar für Rüstung ausgegeben. Im aktuellen Krisenjahr soll der Betrag nochmals höher liegen. Konkretisiert nur auf Nordamerika (USA und Kanada) und Europa: In diesen zwei Regionen des Kapitalismus werden aktuell rund 1.500 Milliarden US-Dollar zur Rettung der Banken investiert. In denselben Regionen werden 800 Milliarden US-Dollar oder gut halb so viel für Rüstung ausgegeben. Im ersten Fall handelt es sich um einen einmaligen Betrag. Im zweiten Fall jedoch um einen jährlich wiederkehrenden Betrag.
Unsere zweite Forderung muss lauten: Nicht die Steuerzahler dürfen zur Kasse gebeten werden. Notwendig ist eine Konversion der Rüstungsausgaben; die staatlichen Ausgaben für Krieg und Zerstörung müssen für ein Konjunkturprogramm der westlichen Industrieländer zum nachhaltigen Umbau der Wirtschaft umgemünzt werden. Damit wiederum könnte man den öffentlichen und demokratischen Einfluss in der gesamten Wirtschaft ausbauen.
Schließlich und drittens eine Forderung, die derzeit niemand stellt, die jedoch tagesaktuell ist: Die kapitalistische Wirtschaftsweise muss grundsätzlich in Frage gestellt werden. Ja, sie wird in diesen Wochen objektiv durch die Ereignisse in Frage gestellt. Derzeit ist immer wieder die Rede davon, dass das Vertrauen gestört sei. In der Finanzwelt müsse das Vertrauen wieder hergestellt werden. Das ist absurd, eine Argumentation wie im Tollhaus. Tatsächlich wird derzeit Tag für Tag das Vertrauen in eine Wirtschaftsweise zerstört, die nach den Gesetzmäßigkeiten eines Spielcasinos funktioniert und bei der die wenigen Spieler als Einsatz das Wohlergehen von Hunderten Millionen Menschen geben. Nun sollen mit den Banken-Rettungsprogrammen und mit dem Geld der Steuerzahlenden dieses System ein weiteres Mal gerettet und den Spielern gesagt werden: Faites votre jeux Auf ein weiteres Mal!
Wann, wenn nicht jetzt, steht die Forderung auf der Tagesordnung: Ya basta es reicht! Eine andere Welt ist möglich. Doch dafür ist eine grundsätzlich andere Ökonomie als die kapitalistische nötig!
Winfried Wolf ist Chefredakteur von Lunapark21 Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie und Mitglied der DFG-VK
Die kulturelle Hegemonie des Kapitalismus schwindet
Als die Sowjetunion zusammenbrach, ein Staat, der in 70 schwierigen Jahren zumindest sozialistische Grundlagen gelegt hatte, schien für viele der Siegeszug des Kapitalismus unaufhaltsam und eine Welt ohne Feinde und Kriege der Lohn der Wende. Heute, fast 20 Jahre nach dem Umbruch, steht die kapitalistische Welt vor dem Abgrund und keiner weiß, was noch kommt. Hoffnungen, die Illusionen waren, sind zugrunde gegangen. Noch ist es nicht das Ende dieses Ausbeutersystems, das die Menschen und die Natur zerstört. Es kann trotz Absturz und Chaos schon deswegen nicht das Ende sein, da nicht mal mehr Anfänge einer Alter-native vorhanden sind. Das System hat mit Brot und Spielen und auch mit Gewalt den subjektiven Faktor verseucht, der für eine revolutionäre Alternative in Frage käme die Arbeiterklasse. Da bedarf es langer Zeit mühseligen Neuaufbaus und von Kämpfen, deren Niederlagen neues Bewußtsein schaffen könnten.
Die Krise des kapitalistischen Systems und die Folgen, die die Massen sozial und politisch zu tragen haben, begünstigen erste Denkänderungen, Voraussetzungen auch für machtpolitische Neuanfänge. Der Begriff Kapitalismus ist nicht mehr mit der Hoffnung auf persönlichen Aufstieg verbunden, der Begriff Sozialismus bei vielen nicht mehr so verpönt, wie er es in der Vergangenheit war. Wenn es auch noch keine reale Kraft ist, manche Menschen machen sich wieder Gedanken über Krisen, Kriege und ihre Ursachen, trotz der Meinungsmanipulation durch die Medien. Manches, was bisher als Gewissheit galt, kommt ins Wanken.
Die Selbstregulierung der Wirtschaft hat versagt ist nun die Erkenntnis von Joseph Stieglitz, dem Wirtschaftspapst der USA. Der Chef der Deutschen Bank, Ackermann, der bisher nassforsch die Krise herunterredete, muß nun gestehen: Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskräfte der Märkte. Der Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, Wolfgang Schmieg vollzieht eine Kehrtwende: Das neoliberale Wirtschaftskonzept ist gescheitert. Auch Redakteur Jungkunz hat neue Erkenntnisse: Gegen diese Gier lassen sich kaum Regeln finden; sie gehört zu den Antriebskräften des Kapitalismus und wurde vom homo ökonomikus verinnerlicht, Geiz ist geil, war so ein Spruch, der das Ausstechen anderer, die Maximierung des eigenen Profits zum quasi sportlichen Ziel erklärte. Die Frankfurter Rundschau wundert sich, wie wenig es braucht, um das ganze Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Andere wie die jordanische Königin Rania (!) fordern eine Humanisierung der Globalisierung. Deutschlands Bundespräsident spielt den Überraschten: Die internationalen Finanzmärkte hätten sich zu einem Monster entwickelt, das in die Schranken gewiesen werden muss. Wir stehen am Beginn einer neuen Epoche erkannte Umwelt-Staatssekretär Michael Müller, der neben der Finanzkrise die Hungerkrise, die Umweltkrise und die Energiekrise aufführte. In 40 Ländern hätte es deswegen schon Aufstände gegeben. Zhu Min, der stellvertretende Direktor der chinesischen Staatsbank sagt voraus, dass in einem Zeitraum von 8 12 Monaten der Finanzkrise wirtschaftlicher und politischer Aufruhr folgen werde. Als Marginalie kann gelten, dass es in einigen chinesischen Dörfern zur Rekollektivierung gekommen ist diesmal freiwillig.
Das kapitalistische Gesellschaftsmodell galt all die Jahre als unbestritten bei der großen Mehrheit der Bevölkerung. Was politischer Überzeugungsarbeit der wenigen unermüdlichen Sozialisten in der BRD nicht gelang und gelingen konnte, haben nun die harten Tatsachen fertig gebracht: das bisherige Weltbild vom Kapitalismus zu erschüttern. Viele machen nun Front gegen den Raubtierkapitalismus, weil sie glauben, Reformen und Regulierungen könnten das System wieder verbessern. Manche linke Intellektuelle meinen, der Kapitalismus habe die kulturelle Hegemonie bereits eingebüßt. Das dürfte etwas voreilig sein und wir müssen wohl noch allerhand erleben und tun, um dieses Ziel zu erreichen.
Es gibt einige kleine Zeichen, die belegen, dass auch geistig etwas in Bewegung gekommen ist. Die britische Times z.B. machte eine Umfrage: Was Karl Marx right? 48% antworteten mit yes. In Ostdeutschland startete die Super Illu eine Umfrage. 52% der Befragten meinten, die Marktwirtschaft sei untauglich und habe abgewirtschaftet. 43% wünschten sich sogar ein sozialistisches Wirtschaftssystem zurück, weil das die kleinen Leute vor Ungerechtigkeiten schützt (NN, 13.10.2008). Aus Hollywood wurde berichtet, im dortigen Kulturbetrieb sei die Kapitalismuskritik allgegenwärtig. In der ARD war kürzlich eine Maischberger-Diskussions-Sendung angesagt: Marx hatte recht gebt uns den Sozialismus zurück. Der Berliner Dietz-Verlag berichtete, der Umsatz des ersten Bandes von Marx Kapital habe sich verdreifacht.
Die Kirchen hatten schon immer einen Riecher, wenn die Zeiten wechselten, einmal um nicht selber in einen Niedergang zu stark hineingezogen zu werden, zum anderen, um aus einer neuen Lage für sich das Beste zu machen. So nennt der Erzbischof von York die Finanzspekulanten schlicht Bankräuber. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Zollitsch, prangerte an: Unvorstellbare Summen Geld zerplatzten derzeit wie eine Luftblase, weil diejenigen, die entscheiden, nicht für die Folgen ihres Tuns einstehen, nicht dafür haften müssen. Wo die Gier nach dem schnellen Geld größer sei als das Verantwortungsbewusstsein, da gerate die Welt schnell aus den Fugen. Man fragt sich da doch, auf welchem Planeten die Kirchen-Hierarchie bisher gelebt hat. Auch der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, erschrickt: Der Abgrund ist offensichtlich sehr, sehr tief. Ein Kapitalismus ohne ethischen und rechtlichen Ordnungsrahmen sei menschenfeindlich.
Nachdem die Krisenentwicklung selbst den Theorien von Karl Marx, den man in den letzten Jahrzehnten wie einen toten Hund behandelte, recht gegeben hat, sind die Epigonen der bestehenden Gesellschaftsordnung bestrebt, rechtzeitig die Konsequenzen aus seinen Theorien abzuwehren. Man kann Marx loben und gleichzeitig versuchen, ihn zu verfälschen, d.h. ihn zu entschärfen. In der neuen Enzyklika des Papstes Benedikt XVI. würdigt dieser Karl Marx, vor allem dessen sozialrevolutionären Ansatz für mehr Gerechtigkeit und verdammt gleichzeitig die fürchterlichen Irrwege der Kommunisten. Der Bischof Marx erinnerte im Oktober an den Philosophen Karl Marx der heute genauso recht hat, wie vor 100 Jahren. Er meinte, die katholische Soziallehre hat die Erkenntnisse von Karl Marx mit aufgenommen und steht auf dessen Schultern. Er unterstrich auch die Bedeutung des Sozialismus-Theoretikers bei der Analyse der Lage. So kann man Geschichte verbiegen, wobei darauf nur jene hereinfallen, die die hasserfüllte Feindschaft gerade der katholischen Kirche gegen alle sozialistischen Bestrebungen in der Vergangenheit vergessen haben.
Der geistige Kampf muss weitergeführt werden, nur so kann wieder einmal die Umsetzung in politische Kraft erfolgen.
November 2008
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