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Deutungen
und Spurensuche zwischen Honduras und hierzulande
Darf
in Lateinamerika wieder
geputscht werden?
Warum
lohnt sich ein Blick auf die Homepage der Friedrich-Naumann-Stiftung
für die Freiheit(FNS) um etwas über die aktuelle Entwicklung
in Lateinamerika zu erfahren?
Da heißt es erst mal ganz allgemein und unverfänglich: Mit
allen Kräften für eine liberale Welt: Dafür ist die Friedrich-Naumann-Stiftung
für die Freiheit im Rahmen ihrer internationalen Arbeit in aller
Welt im Einsatz. Wir fördern den Aufbau demokratischer, marktwirtschaftlicher
und rechtsstaatlicher Strukturen, damit immer mehr Menschen in liberalen,
demokratischen Gesellschaften leben können. Das Kern anliegen der
Stiftungsarbeit im Inland und international ist die Verwirklichung von
Freiheit und Verantwortung. In diesem Sinne unterstützen wir unsere
Partner weltweit bei der Erarbeitung individueller Problemlösungen.
Wie die Unterstützung bei individuellen Problemlösungen im
Sinne der FNS aussehen kann, dafür steht das mittel amerikanische
Land Honduras, ein Fleck dieser Erde, der in der gängigen Medienwelt
in der Regel nicht vorkommt. Die Partner der FNS sind in der liberalen
Internationale organisiert. Gesteuert wird die FNS von Deutschland aus
und sie lässt sich als FDP nahe Stiftung bezeichnen, was den Sachverhalt
beschönigt, denn es gibt eine inhaltliche wie personelle Identität
mit der FDP. Nur finanzieren lässt sie sich wie die übrigen
Parteistiftungen auch über Steuermitteln und das nicht zu
knapp. In Lateinamerika ist die bedeutendste und erfolgreichste Partnerorganisation
der FNS die Partido Liberal de Honduras, die seit 2005 mit
Manuel Zelaya als Präsidenten die Regierung stellt. Aber das ist
inzwischen für die FNS bzw. die FDP ziemlich kompliziert. Denn
das Land verfügt seit Ende Juni über zwei Präsidenten,
einen gewählten und einen sog. de-facto Präsidenten und beide
sind Mitglieder dieser liberalen Partei.
Putsch
mit legalem Anstrich
Bereits in den Nachtstunden des 28. Juni waren Einheiten des honduranischen
Militärs in die Residenz des Präsidenten Manuel Zelaya eingedrungen
und hatten ihn noch im Schlafanzug um der Demütigung die
Krone aufzusetzen - auf den US-amerikanischen Luftwaffenstützpunkt
Soto Cano Air Base in Palmerola verbracht und von dort aus nach Costa
Rica ausgeflogen. Diese Air Base, die 1981 unter dem US-Präsidenten
Reagan in Betrieb genommen worden war, um die gegen Nicaragua operierenden
Contra-Banden zu steuern, ist illegal, da die Verfassung die ständige
Präsenz ausländischer Streitkräfte im Land verbietet.
Um dem Putsch einen legalen Anstrich zu geben, verlas man im Parlament
ein gefälschtes Rücktrittsgesuch und ließ den Parlamentspräsidenten,
den Transportunternehmer Roberto Micheletti, der in der Partido Liberal
ein parteiinterner Widersacher Zelayas ist, zum Interimspräsidenten
wählen. Weltweite Empörung war die Folge. Nicht so bei unserem
FNS/FDP-Repräsentanten in der Hauptstadt Tegucigalpa, dem Regionaldirektor
Christian Lüth. In einem Bericht aus aktuellem Anlass
fasste er die wesentliche Aussage vorab zusammen: Honduras` abgesetzter
Präsident Mel Zelaya sieht sich als Opfer eines von langer Hand
geplanten Militärputsches. Dabei ist es mehr als fraglich, ob der
Machtwechsel in Honduras überhaupt etwas mit einem Militärputsch
zu tun hat. Lüth hätte auch ganz kurz und lapidar schreiben
können: Der Staatsstreich war gar kein Militärputsch. Denn
Herr Lüth ist mehr als nur ein kommentierender Beobachter der dramatischen
Vorgänge. Harald Neuber wies am 7. Juli auf einige Details hin,
die eine aktive Verstrickung der Stiftung in die Putschvorbereitung
erkennen lassen: Nach dem Sturz Zelayas wurde deutlich, dass die
liberale Organisation weitaus tiefer in den Putsch verstrickt ist, als
bisher bekannt war. Auf der Internetseite der FNS berichtet eine lokale
Mitarbeiterin, Rosbinda Sabillón, von dem Aufbau der Jugendorganisation
Generación por el cambio (Generation für den
Wandel). Mit Hilfe der Naumann-Stiftung hätten die jugendlichen
Aktivisten vor dem Umsturz auf dem Zentralplatz von Tegucigalpa im Rahmen
einer politischen Aktion die 479 Artikel der geltenden Verfassung verlesen.
Das Event war als Protest gegen die erwogene Änderung des Grundgesetzes
geplant und wurde von vornherein von aggressiver Rhetorik der
Stiftung flankiert: Von jetzt an wird die Bevölkerung den
Mut haben zu sagen, dass der von uns allen gewählte Präsident
Manuel Zelaya (
) ein Vaterlandsverräter ist, schrieb
FNS-Mitarbeiterin Sabillón über die Politaktion.
Zelaya:
Vom Mann der FDP zur Unperson
Zelaya hat in honduranischen FDP nahen Kreisen nicht immer als Vaterlandsverräter
gegolten. Sonst hätte ihm die FDP während seiner Präsidentschaftskandidatur
nicht den deutschen Politikberater Peter Schröder zur Seite gestellt.
Schröder, der von 1971 bis 1982 für die FDP tätig gewesen
war, bekleidete zuletzt in der Bundesgeschäftsstelle die nicht
unbedeutende Position eines Abteilungsleiters. Nach Angaben der Stiftung
waren die FDP-Leute im Wahlkampf so aktiv, dass lt. der bereits erwähnten
Rosbinda Sabillon im Parlament 39 durch die FDP-Stiftung geschulte Abgeordnete
vertreten waren und vier Minister sowie vier stellvertretende Minister
über eine enge Stiftungsanbindung verfügten. Hätte es
in Honduras keinen Putsch gegeben, wären diese Aktivitäten
einer relativ kleinen deutschen Partei wohl kaum ans Licht der Öffentlichkeit
gelangt. Wie kam es nun zum Zerwürfnis zwischen den deutschen Freidemokraten
und dem honduranischen Präsidenten Zelaya? Marina Schuster, MdB
und Fachsprecherin der FDP für Globalisierungspolitik erklärt
es so: Zu Beginn seiner Regierungszeit hatte Zelaya (
) auch
die Unterstützung der Liberalen in Deutschland. Allerdings wandelte
sich der Regierungsstil bereits nach kurzer Zeit von einer liberalen
zu einer linksorientierten Politik. Der Präsident versuchte anfangs
mit Ländern wie den USA zu kooperieren, wandte sich aber immer
stärker seinen lateinamerikanischen linksregierten Nachbarn zu.
Das kann eine so bedeutende Partei wie die FDP nicht durchgehen lassen!
Auch der ehemalige FDP-Vorsitzende und jetzige Chef der Naumann-Stiftung,
Wolfgang Gerhard, nahm sich der Sache an und meinte herausgefunden zu
haben, Präsident Zelaya habe verfassungswidrig versucht sich eine
zweite Amtszeit zu sichern, und behauptete, dieser habe in Honduras
seine moralische Autorität verloren. Weil aber die
FNS und mit ihr die FDP wegen der Rechtfertigung des Putsches immer
mehr Kritik auf sich zog und damit auch der neue deutsche Außenminister
Westerwelle beschädigt werden konnte, lud die FNS für den
5. August sog. Experten zur aktuellen politischen Krise in Honduras
nach Berlin im Bemühen um mehr Objektivität und eine
differenziertere Darstellung der Ereignisse. Die geladenen Gäste,
sämtlich uneingeschränkte Befürworter des Putsches, die
nicht einmal in den USA ein Einreise-Visum erhalten hätten, repräsentierten
die beiden führenden Parteien PL und PN und den sog. Privatsektor.
Somit war die herrschende Oligarchie dreifach vertreten. Für Ausgewogenheit
sollte der offizielle Menschenrechtsbeauftragte von Honduras dienen.
Er wies, wie nicht anders zu erwarten war, den Vorwurf systematischer
Menschenrechtsverletzungen durch die Regierung Micheletti entschieden
zurück. Wäre er eingeladen worden, wenn er das nicht
getan hätte? Einer der Moderatoren des Gesprächs war Christian
Lüth.
Der
holländische Pirat
Wie ausgewogen das Verhältnis der Liberalen zu den Vorgängen
in Honduras ist, zeigte sich zuletzt, als zwei Wochen vor der Präsidentenwahl
in Honduras der Putschpräsident Micheletti zu einem der Vizepräsidenten
des internationalen Zusammenschlusses der liberalen Parteien gewählt
wurde. Das Ergebnis der Wahl wurde ihm vom Präsidenten dieser Internationale,
dem Niederländer Hans van Baalen mitgeteilt, nachdem dieser das
Nachbarland Nicaragua gezwungenermaßen hatte verlassen müssen.
Van Baalen soll sich massiv in die Innenpolitik Nicaraguas eingemischt
und bei einem Gespräch mit hochrangigen Militärs die Möglichkeiten
eines Putsches ausgelotet haben. Zumindest wurde das von Präsident
Ortega so interpretiert und zum Anlass genommen, den holländischen
Piraten des Landes verweisen zu lassen. (Bedreigt, beschimpft,
uitgemaakt vor Hollandse piraat. HvB). Anlässlich einer Debatte
im Europaparlament bestätigte die deutsche FDP-Abgeordnete Gesine
Meißner nicht nur die Stoßrichtung der Gespräche, indem
sie äußerte: Es wurde gesagt, dass Herrn van Baalen
vorgeworfen worden ist, jetzt über einen Staatsstreich diskutiert
haben zu sollen, und deswegen wurde er des Landes verwiesen.(...) Das
ist, wenn es in der Öffentlichkeit geschieht, in keinster Weise
ja, das ist doch so! das ist doch nichts, wo man sagen
kann, deshalb muss jemand des Landes verwiesen werden, nur weil diskutiert
wird! Auch in den Niederlanden ist der Europaabgeordnete der Liberalen
Van Baalen seit Jahren kein Unbekannter. Er war lt. jW vom 20.11.09
in seiner Studentenzeit offenbar Anhänger der Neo-Nazi-Partei
Nederlandse Volks-Unie und musste einmal den gerade errungenen
Sitz im niederländischen Parlament aufgeben, da eine frühere
Faszination für Nazi-Deutschland bekannt wurde.
Ignacio Ramonet, Direktor der Zeitung Le Monde Diplomatique, weist Unterstellungen,
wie sie vom Spitzenpersonal der FDP in die Welt gesetzt werden, glaubwürdig
zurück, indem er die Faktenlage benennt: Manuel Zelaya hat
keinen einzigen Artikel der Verfassung verletzt oder übertreten.
Er hat auch kein Referendum organisiert. Noch wollte er sein Mandat,
das am 27.Januar 2010 abläuft, verlängern. Seine Absicht war
es, ein unverbindliches Plebiszit zu starten und die Bürger seines
Landes zu fragen: Sind Sie einverstanden, dass bei den allgemeinen Wahlen
Ende November 2009 eine vierte Wahlurne aufgestellt wird, mit der entschieden
werden könnte, ob eine Verfassungsgebende Versammlung einberufen
werden soll mit dem Auftrag, eine neue Verfassung auszuarbeiten.
(Freitag, 20.8.09) Zelaya hatte nie vor, zu den geplanten Wahlen im
November 2009 selbst als Kandidat anzutreten. Erfolgte also der Putsch
wegen einer Frage, deren Beantwortung verhindert werden sollte? Natürlich
nicht. Warum wurde dann wirklich geputscht? Ramonet: Weil Honduras
noch immer Eigentum von etwa 15 reichen Familien ist, die praktisch
alles kontrollieren, von der Exekutive angefangen über das Parlament
bis hin zur Justiz.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der Korrespondent der Süddeutschen
Zeitung, Peter Burghardt: Eine Elite von rechtskonservativen Geschäftsleuten
klammert sich an ihre Interessen, der Transportunternehmer Micheletti
ist ihr Strohmann und Zelaya ihr Feind. (SZ, 29.9.09) Als Präsident
hatte sich Zelaya zum Reformer entwickelt, der die feudale Rückständigkeit
des Landes beseitigen wollte, den Mindestlohn von 126 Euro auf 202 Euro
angehoben hatte und die Privatisierung bremste. Er legte sich mit Bananen-
und Pharmakonzernen an. Letzteren passte es ganz und gar nicht, dass
ein Vertrag über die Lieferung von Generika mit Kuba abgeschlossen
wurde. Für die für jegliche Veränderung abgeneigte Oligarchie
wurde er zum Klassenverräter. Der Beitritt zu Petrocaribe und zur
Bolivarianischen Allianz für die Völker unseres America (ALBA)
war der endgültige und unverzeihliche Sündenfall. Der Beitritt
war nicht zuletzt die Folge eines Konfliktes zwischen der Regierung
und dem Oligopol der Ölkonzerne Chevron, Exxon Mobil, Shell und
Dippsa. Die Regierung hatte auf das Mittel einer öffentlichen Ausschreibung
zurückgegriffen und sich deswegen den Vorwurf eingehandelt, gegen
die Spielregeln der Marktwirtschaft verstoßen zu haben.
Und wie bewerten zwei weitere Stiftungen den Putsch?
Ähnlich wie bei der Naumann Stiftung erfolgte die Wertung des Vorgangs
durch den Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), die den CDU-Standpunkt
vertritt. Die KAS hat im Unterschied zur FNS kein Büro in Tegucigalpa.
Deshalb äußerte sich der Vertreter aus der Niederlassung
in Guatemala namens Tjark Marten Egenhoff. Er schrieb am 29. Juni in
einem Bericht über den Umsturz, der Nationalkongress in Tegucigalpa
habe in einem Ausdruck von Geschlossenheit über jegliche
Parteigrenzen hinweg den Weg für eine neue Regierung unter (
)
Micheletti freigemacht. Dass dissidenten Abgeordneten die Teilnahme
an der Sitzung verwehrt wurde, ist nicht bis zu Herrn Egenhoff durchgedrungen.
In diesem Zusammenhang lohnt es sich, den Bericht mit dem der an der
SPD orientierten Friedrich-Ebert-Stiftung zu vergleichen. Eine Sarah
Ganter, die SPD Frau vor Ort, stellt unter der Überschrift Ein
Putsch ist ein Putsch ist ein Putsch: Hintergründe
des gewaltsamen Umsturzes in Honduras unmissverständlich
fest: Die gewaltsame Absetzung des honduranischen Präsidenten
durch das Militär entspricht einem Staatsstreich und ist als solcher
zu verurteilen. Aus juristischer Sicht sei das Verhalten
des Putschpräsidenten Micheletti und seiner Anhänger
nicht zu rechtfertigen. Außerdem sei der Putsch nicht
nur durch juristische Unzulässigkeit gekennzeichnet, er stelle
sich auch aus politischer Sicht als hochgradig ungeschickt dar.
Hätte eine geschicktere Vorgehensweise der Zelaya gegner somit
das Placet der Sozialdemokratie bekommen? Vermutlich ja, denn in der
Gegnerschaft zum Projekt ALBA sind sich die deutschen Stiftungen einig.
Was wiederum nicht verwundern sollte, denn in der Zielrichtung unterscheidet
sich das Wirken der drei Parteistiftungen in Honduras wie
in anderen lateinamerikanischen Ländern nicht wesentlich. Sie arbeiten
in der täglichen Praxis eng zusammen und verstehen sich als Wegbereiter
und Türöffner des deutschen Kapitals in diesen Ländern.
Bevorzugt pflegen sie den Kontakt zu politischen Kräften aus dem
konservativ bzw. wirtschaftsliberalen Lager und geraten deshalb schon
mal in engeren Kontakt mit politischen Gruppierungen, die einem Militärputsch
gegen eine fortschrittliche Regierung das Wort reden und Taten folgen
lassen. So war im April 2002 beim beinahe erfolgreichen Umsturzversuch
gegen Präsident Chavez auch die Partei Primero Justicia involviert,
die seit 2001 von der Kanrad-Adenauer-Stiftung gefördert wurde.
Falsch wäre es jedoch, diesen Stiftungen generell eine Vorliebe
zu dieser Form von Regime Change zu unterstellen. Die Realität
ist komplizierter. Sie hätten schon lieber, dass der demokratische
Schein gewahrt wird. Was aber auch nicht zu übersehen ist: Im ausführlichen
Bericht über den Putsch von Sarah Ganter findet sich keine Äußerung,
die als Sympathie für den gestürzten Präsidenten interpretiert
werden könnte. Ihre Sorge gilt dem Umstand, dass die Ereignisse
der vergangenen Wochen das Vertrauen in die staatlichen Institutionen
nachhaltig zerstört haben. Denn durch ihr Vorgehen habe die
honduranische De-facto-Regierung das Land destabilisiert, alle zuvor
vorhandenen internationalen Sympathien verspielt und Honduras in die
internationale Isolation geführt. Der Putsch kam insofern
auch ungünstig, weil sich die Verhandlungen der zentralamerikanischen
Staaten mit der EU um ein Assoziierungsabkommen in einer entscheidenden
Phase befanden und sich für die EU durch eine Intervention der
nicaraguanischen Regierung und den Wahlsieg der salvadorenischen Linksfront
FMLN komplizierter gestalteten als ursprünglich angenommen. (vgl.
ARSTI Nr.164, S.15 ff) Ob nun der Putsch das Vordringen der EU in Mittelamerika
behindern sollte, ist derzeit nicht zu belegen.
Undurchsichtige Rolle der USA
Was die Rolle der US-Behörden beim Putsch betrifft, gibt es divergierende
Einschätzungen. Der Journalist und Anthropologe Leo Gabriel, der
Ende Juli als Vertreter des Weltsozialforums an einer Menschenrechtsmission
in Honduras teilgenommen hat, erwähnt eine Begegnung mit dem US-Botschafter
in Honduras: Als der US-amerikanische Botschafter Hugo Llorens,
ein in Miami aufgewachsener Exilkubaner, den Namen seines Vorgängers
John Negroponte hört, verdreht er die Augen. John Negroponte war
lange Jahre Botschafter in Tegucigalpa und hat von dort aus während
der 80er Jahre den schmutzigen Krieg gegen die zentralamerikanischen
Revolutionäre organisiert. (
) Jetzt aber sei alles anders
geworden, sagt Llorens und fügt mit einem breiten Grinsen hinzu:
Ich freue mich über die Proteste da draußen, denn es
kommt nicht oft vor, dass wir dieselben Ziele haben wie die Demonstranten.
Tatsächlich haben die USA unter Präsident Barack Obama nicht
nur die Militärhilfe, sondern inzwischen auch sämtliche Nettozahlungen
für das Putschregime eingestellt und versichert, dass sie die bevorstehenden
Präsidentschaftswahlen nicht anerkennen werden, wenn Präsident
Zelaya nicht zurückkehrt.
Leo Gabriel neigt der Einschätzung zu, die man häufiger bei
kritischen Journalisten antrifft, die US-Administration sei in zwei
Fraktionen zu unterteilen. Die Obama-Leute, die mit Putschstrategien
nichts am Hut hätten und eine aus der Republikanerzeit noch vorhandene
Clique um John Negroponte, die die neue Lateinamerikapolitik des Präsidenten
zu boykottieren versuche.
Dieser Einschätzung widerspricht z.B. die US-Juristin venezolanischer
Abstammung, Eva Golinger, die sich seit dem Putsch gegen Chavez im Jahr
2002 intensiv mit Einmischungsversuchen der US-Administration in lateinamerikanischen
Ländernbeschäftigt. Für sie gilt: Der Botschafter
der USA in Tegucigalpa, Hugo Llorens, koordinierte den Sturz des Präsidenten
Manuel Zelaya, gemeinsam mit dem Lateinamerika-Beauftragten in Außenministerium,
Thomas Shannon, und John Negroponte, der zur Zeit Berater der Außenministerin
Hillary Clinton ist.
Hugo Llorens Acosta, noch vor der Revolution in Kuba geborener Exilkubaner,
der 1981 von der Chase Manhatten Bank in New York für delikate
Aufgaben auf dem diplomatischen Parkett rekrutiert worden ist, sollte
nicht unterschätzt werden. Erst im September 2008 ist er zum Botschafter
in Honduras ernannt worden. Während des Putsches gegen Chavez 2002
war er Chefberater des US-Präsidenten für Venezuela.
Eva Golinger führt weiter aus: Niemand bezweifelt die Verwicklung
Washingtons in den Staatsstreich. (
) Viele Analysten, Intellektuelle
oder sogar Präsidenten haben sie benannt. Die Mehrheit stimmt jedoch
darin überein, die Obama-Regierung zu entschuldigen. Sie habe keine
Rolle beim Putsch gespielt. Verantwortlich wären weiterhin die
Hardliner der Bush-Regierung, die immer noch in den Fluren des Weißen
Hauses ein- und ausgehen. Es ist richtig, dass diese Hardliner und die
Protagonisten von Staatstreichen und Sabotageaktionen in Lateinamerika
auch dieses Mal beteiligt waren. Es gibt aber auch umfangreiche Beweise,
die auf die Rolle der Obama-Regierung hinweisen.
Es würde hier zu weit führen, auf die angeführten Beweise
einzugehen. Nachzulesen sind sie unter Washington und der Honduras-Putsch:
Die Fakten (Portal amerika 21.de)
Maurice Lemoine weist in Le Monde diplomatique auf einen weiteren Aspekt
hin, der eine gewisse Plausibilität hat: Wer im Oval Office
sitzt, hat noch lange nicht alle Bereiche der Regierung und alle widerstreitenden
Interessen in der Außenpolitik unter Kontrolle.
Deutsche Medien unterstützen den Putsch
Neben dem Vertreter der Friedrich-Naumann- Stiftung, der vor Ort agiert,
hat die Putschjunta in Deutschland eine mediale Sympathisantenszene,
die von Anfang an klar Partei ergriffen hat: Diese reicht von der FAZ
über die Welt, von der Berliner Morgenpost bis zur B.Z. Zu einem
Hauptfeind haben sie sich den venezolanischen Staatschef Chavez erkoren
und alle Entwicklungen in und um Lateinamerika herum werden danach beurteilt
wie sie zu Chavez stehen. Für die Chavez Schublade ist etwa in
der FAZ-Redaktion eine Hildegard Stausberg zuständig. Ihr Schreibtisch
steht in der Hauptstadt und nennen darf sie sich Diplomatische
Korrespondentin im Ressort Außenpolitik. Bereits zwei Tage
nach dem Putsch kommentierte sie diesen unter der Überschrift:
Das Märchen vom Staatsstreich in Honduras. Damit war
eigentlich alles gesagt bzw. geschrieben könnte man meinen.
Aber weit gefehlt. Die Frau schaut hinter die Kulissen: Mit Hilfe
seines engen Freundes Hugo Chávez hat Honduras Präsident
Manuel Zelaya sich zum Opfer eines Militärputsches stilisiert.
Doch die Wahrheit ist eine andere. Zelaya war es, der Schritt für
Schritt auf einen Verfassungsbruch und einen Staatsstreich zusteuerte.
Es gab keinen Staatsstreich. Es gab auf Geheiß des Parlaments
die gewaltsame Entfernung eines Präsidenten, der Schritt
für Schritt auf Verfassungsbruch und Staatsstreich zusteuerte.
Dieser Präsident war Manuel Zelaya, ein enger Freund von Hugo Chávez.
Wo es ums politische Zündeln geht, ist Chávez unübertroffen.
Und auch seine Alliierten verstehen dies glänzend und sind untereinander
aufs engste vernetzt. So ermöglichen sie jetzt Zelaya, sich auf
internationaler Bühne medienwirksam in eine Opferrolle hineinzusteigern.
Wer die Lage nicht kennt, fällt darauf rein. (30.6.09) Und
ein weiterer Kommentar von ihr endet: In Honduras steht mehr auf
dem Spiel als die Zukunft einer Bananenrepublik: Es geht darum, ob Hugo
Chavez ein weiteres Land unter seine Kontrolle bekommt. Dies gilt es
zu verhindern. Und wie man inzwischen weiß, darf das Verhindern
in Honduras wie anderswo auch die Ermordung unliebsamer Personen einschließen.
Natürlich arbeitet Frau Stausberg eng mit Informanten vor Ort zusammen.
In ihrem Märchenkommentar bezieht sie sich na auf wen schon?
natürlich auf Christian Lüth, Vertreter der Friedrich-Naumann-Stiftung
in Tegucigalpa, der es über glaubwürdige d.h. der FNS nahestehende
Informanten erfahren haben will, dass die wachsende Gewalttätigkeit
in den Straßen von Honduras eindeutig von den Zelayaanhängern
ausgehe. Im Gespräch mit WELT ONLINE soll er geäußert
haben: Diese schießen auf die Polizisten, nicht umgekehrt,
das hat es so noch nie gegeben; schon längst spekulieren hiesige
Medien, dass Agitatoren aus Venezuela und Kuba dahinterstehen.
Auf Herrn Lüth und Frau Stausberg ist also Verlass, wenn es gilt,
Fakten für die eigenen Zwecke zurechtzubiegen. Wie Frau Stausberg
journalistische Fähigkeiten zu bewerten sind, zeigt ein Vorfall
aus dem Jahr 2006. Damals hatte sie einen Bericht über sog. Ausschreitungen
in der mexikanischen Provinz Oaxaca verfasst und darin vier Tote erwähnt
unter ihnen ein amerikanischer Mitarbeiter einer sich mit Indianerfragen
beschäftigenden nordamerikanischen NGO, Indymedia. Nun ist
aber Indymedia die gängige Abkürzung von Independent Media
Center und hat nicht im entferntesten etwas mit Stausbergs Indianern
zu tun. Eine Bezeichnung übrigens, die als rassistisch gilt, seit
sich diese Völker als indigene oder Indigenas verstehen.
Ein
Ausweg für Honduras in Sicht?
Präsident Zelaya befindet sich seit dem 21. September 86
Tage nach dem Putsch in Tegucigalpa in der brasilianischen Botschaft.
Michelettis Putschtruppe war von dieser Entwicklung völlig überrascht
worden. Die erst nach Stunden einsetzenden Reaktionen, die von einer
Falscheinschätzung der Situation geprägt waren, richteten
sich sowohl gegen die brasilianische Botschaft, die u.a. mit Giftgas
und Ultraschall-Lärmgeräten angegriffen worden sein soll,
wie auch gegen den Massenwiderstand der Bevölkerung. Schließlich
griff man zum Mittel der Verhängung des Ausnahmezustandes für
45 Tage. Am 28. September attackierten Spezialeinheiten den Radio Globo
sowie den TV-Sender Canal 36 und schalteten sie aus. Die Pattsituation
sollte schließlich durch Gespräche zwischen den Delegationen
beider Konfliktparteien aufgelöst werden. Ein Unterfangen, das
scheitern musste, weil die Putschisten eine Verzögerungstaktik
verfolgten und zu keinerlei substantiellen Zugeständnissen bereit
waren. Am 29. November, genau fünf Monate nach der gewaltsamen
Entfernung des Präsidenten Zelaya, fanden unter massivem Einsatz
von Militär und Polizeikräften Wahlen des Präsidenten,
der Bürgermeister und Abgeordneten für die Nationalversammlung
statt. Der Kandidat der Nationalen Partei, der Großgrundbesitzer
Porfirio Lobo, der zwar mal in Moskau studiert hatte, aber ein Bourgeois
geblieben ist, machte das Rennen. Weniger als 30 Prozent der rund 4,5
Millionen Abstimmungsberechtigten sollen sich beteiligt haben. Allerdings
haben nur die USA, Panama, Costa Rica, Peru und Kolumbien den Abstimmungsprozess
anerkannt und ein gewisser Dr. Harald Klein, der für die Friedrich-Naumann-Stiftung
vor Ort war. In einem Interview mit Hildegard Stausberg ließ er
sich befragen: Herr Klein, waren diese Wahlen fair und sauber?
Und darauf konnte vom freien Stiftungsdemokraten nur eine Antwort kommen:
Ja, das waren transparente, faire und saubere Wahlen. (WELT-Online
vom 30.11.09) Keine guten Aussichten für die Bevölkerungsmehrheit
in Honduras!
Überarbeitete und aktualisierte Fassung des Referats von der Jahreskonferenz
hd., Stand: 1.12.09
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Der
Durchbruch der BNP

Unter
der Führung von Nick Griffin ist in den letzten Jahren der Einfluß
der BNP (British National Party) gewachsen. Mit den Kreistagswahlen
und der Europawahl vom 4. Juni hatte die BNP ihren Durchbruch. Sie gewann
einen Sitz im Kreistag von Lancashire und Sitze im Europaparlament in
Nordwestengland und in Yorkshire. Die BNP hat jetzt auch ungefähr
60 Gemeinderatssitze. Ende 2007 hatte sie 10.000 Mitglieder. Vor kurzem
wurde eine Mitgliederliste der BNP veröffentlicht illegal
beschafft die 11.600 Mitglieder aufwies, einschließlich
eines Angehörigen des House of Lords, also des britischen Oberhauses.
Dieser Aufstieg der BNP verlangt nach einer Erklärung.
Der Faschismus begann in Großbritannien mit Oswald Mosleys New
Party, einer Abspaltung von der Labour Party, wegen deren Unwillen,
während der ökonomischen Krise von 1931 irgend etwas gegen
die Massenarbeitslosigkeit zu unternehmen. Die Labour-Regierung kürzte
sogar die Arbeitslosenentschädigung. Ramsey McDonald verließ
die Partei und führte, zusammen mit einigen Unterstützern,
eine Nationale Koalition an. Mosleys Partei wurde bald zur
British Union of Fascists. Er bewunderte und kopierte Mussolini, seine
BUF wurde größtenteils von ihm finanziert bis zum Aufstieg
von Hitler an die Macht, als Mosley seine Gefolgschaft übertrug,
den Antisemitismus übernahm und die Juden anzugreifen begann, speziell
im Londoner East-End.
Mosley wurde unterstützt von bestimmten Zeitungen und Elementen
in der herrschenden Klasse, die Mussolini und Hitler bewunderten wegen
ihrer Unterdrückung der Kommunistischen Gefahr und
der Aktivitäten der Gewerkschaften. Aber der Faschismus wurde in
Großbritannien nicht benötigt, da die Kommunisten keine Bedrohung
darstellten und die Gewerkschaften seit dem Ende des 1. Weltkriegs bis
zum Generalstreik von 1926 eine Niederlage nach der anderen erlitten
hatten; der Aufstieg der Labour Party wurde unterbrochen durch den Verrat
von McDonald & Co.
Mosley wurde während des Krieges von 1939 bis 1945 interniert,
er begann seine Aktivitäten aber wieder in den Nachkriegsjahren
des Mangels und des Wiederaufbaus, nur dass er jetzt Einwanderer aus
Westindien im Blickfeld hatte, die herübergebracht worden waren,
um Lücken in der Arbeiterschaft zu füllen. Aber die verschiedenen
faschistischen Gruppierungen blieben marginal bis zum Aufkommen der
National Front in den 70er Jahren, die sich auf Einwanderer vom indischen
Subkontinent einschossen. Diese waren geholt worden, um in der Textilindustrie
zu arbeiten oder sie waren aus den frisch unabhängig gewordenen
früheren britischen Kolonien in Ostafrika hinausgeworfen worden.
Die Letzteren waren qualifizierte Arbeiter oder Fachleute aus der Mittelklasse,
nicht ungebildete Bauern, wie es die Ersteren oft waren.
Die National Front wurde von der Linken bekämpft mit der Anti-Nazi
League und Rock Against Racism, die von vielen der besten Bands und
Musiker unterstützt wurden. Sie nutzten die Musik, um den jungen
Leuten eine Botschaft zu senden. Zu dieser Zeit war das British Movement
eine kleine extrem gewalttätige Neonazi-Gruppe. Die National Front
zersplitterte letztendlich und der Aufstieg von Thatchers aggressiver
rechtsgerichteter Politik machte die Tory-Partei attraktiv für
manchen rechtsgerichteten Nationalisten und Rassisten.
Thatchers Ansichten und besonders ihre Anti-EU-Position, verbunden mit
der desaströsen Einführung einer Poll Tax (Kopfsteuer), der
mit einer massenhaften Zahlungsverweigerungsbewegung begegnet wurde,
führte zu ihrer Absetzung. Seit damals haben nachfolgende Führer
der Tories darum gekämpft, die Partei von einem Standort ganz rechts
im politischen Spektrum zurück ins Zentrum zu bringen und der letzte,
David Cameron, bemüht sich, dass sie mehr wie Blairs New Labour
wird. Auf diese Weise ist Raum für eine rechtsgerichtete nationalistische
und rassistische Partei entstanden. Das British Movement wurde zur BNP.
Nick Griffin änderte ihr Image, indem er sich der älteren
Neonazi-Führer entledigte, und er warf die alte politische Nazi-Last
über Bord, um respektabel zu erscheinen.
Da New Labour Thatchers Wirtschaftspolitik fortsetzt und sich bemüht,
attraktiv für soziale Schichten zu werden, die normalerweise Tories
wählten, hat sich Labour seiner traditionellen Anhängerschaft
entfremdet. Dann kam im Laufe des Jahres heraus, dass sich Abgeordnete
Häuser gekauft, sie ausgestattet haben und allgemein ihre Spesenzulagen
mißbrauchten, um in Saus und Braus zu leben. Die Details wurden
Tag für Tag im Daily Telegraph veröffentlicht, bevor sie zensiert
werden konnten. So fanden die Wahlen am 4. Juni in einer Situation der
Unzufriedenheit mit New Labour sowie der Auswirkungen der Banken- und
Finanzkrise statt; übertroffen wurde das alles noch durch die Empörung
über korrupte Praktiken der Parlamentarier.
Eine hohe Zahl von Stimmenthaltungen führte zu einem Kollaps der
Unterstützung für Labour. Sie verloren die Mehrheit in den
letzten vier Kreistagen (county councils), in de-nen sie noch eine hatten.
Labour landete auf dem dritten Platz hinter den Tories und den Liberaldemokraten.
Bei der Wahl zum Europäischen Parlament wurde Labour Dritter hinter
den Tories und der anti-europäischen UKIP (UK Independence Party).
Für die Europawahlen ist das Land in Regionen aufgeteilt, in denen
die Parteien mit Listen antreten. Im Gegensatz zu anderen Wahlen wird
hier ein Proportionalsystem angewandt. So schaffte es die BNP, dass
Nick Griffin in Nordwest-England gewählt wurde und ein anderer
alter Nazi, Andrew Brons, in Yorkshire. Die Wahlbeteiligung lag nur
bei 35 Prozent. Von diesen erhielt Griffin 8 Prozent und Brons 9,8 Prozent.
Landesweit erhielt die BNP 6,2 Prozent, sie erhielt insgesamt 943.598
Stimmen. Die Gesamtzahl der Stimmen für die BNP in den zwei Regionen,
wo sie Sitze errang, war niedriger als bei der letzten Wahl, aber wegen
der niedrigen Wahlbeteiligung ausreichend, um diese Mandate zu erringen.
Landesweit aber stieg die Anzahl der Stimmen für die BNP um 1,3
Prozent an.
Die BNP hat sich in bestimmten Städten in Lancashire im Nordwesten
von England, wo jahrhundertelang Baumwolle hergestellt wurde, eine Basis
geschaffen. Wie der Kohlebergbau und die Metallindustrie, ist auch diese
Industrie verschwunden. Die einheimische Arbeiterklasse fühlt sich
von Labour betrogen und die BNP kann auf Moslems vom indischen Subkontinent
als das Problem zeigen heute steht der Islam im Brennpunkt der
rechtsgerichteten Rassisten. Während des Wahlkampfs gab es viele
Aktivitäten gegen die BNP von anti-rassistischen Organisationen,
den Gewerkschaften, wie auch von religiösen Führern. Alle
großen Parteien warnten vor der BNP. Die Medien berichteten viel
darüber und verdeutlichten, dass die BNP eine gefährliche
faschistische Organisation ist. Dies war vermutlich auch in der Gegend
von Barnsley in Yorkshire der Fall und in anderen Teilen des Landes,
wo die BNP eine Basis aufgebaut hat. Aber es schien nicht zu wirken.
Seit den Wahlen fand eine Diskussion unter antifaschistischen und antirassistischen
Aktivisten statt über die Notwendigkeit, neue Wege zur Bekämpfung
der BNP zu finden. Sie Nazis zu nennen, Belege aus der Vergangenheit
für das gewalttätige Benehmen von Griffin und anderen Prominenten
der BNP herauszustellen, ihre Leugnung des Holocaust usw., das ist nicht
genug. Aufgrund ihres neuen, respektablen Images glauben die Wähler
das nicht oder in anderen Fällen interessiert es sie nicht. Die
meisten Wähler der BNP, sogar einige ihrer Abgeordneten, sind ehemalige
Wähler von Labour, manchmal ehemalige Mitglieder. Daher kann eine
Taktik, den Menschen zu erzählen, sie sollten Labour wählen,
nicht funktionieren, wenn sie Labour die Schuld für ihre Probleme
geben. Es muß eine Alternative zu Labour auf der Linken geben;
aber diejenigen, die es gibt, sind nicht glaubwürdig. Gegenwärtig
gibt es mindestens drei antirassistische Organisationen; die Schaffung
einer vereinigten Organisation wäre ein Anfang. Die bestehenden
Alternativen zu Labour auf der Linken sind entweder undemokratisch,
wie Arthur Scargills SLP, oder sie haben sich gespalten, wie die SSP
in Schottland und Respect. In wenigen Monaten werden Wahlen zum Unterhaus
stattfinden; sollte Labour zermalmt werden, wie es sicher der Fall sein
wird, besteht die Möglichkeit, dass sie auseinander bricht, weil
sie unter New Labour zu einer leeren Hülle geworden ist, von oben
gesteuert, ohne Beteiligung der Mitglieder. Die Gewerkschaftsführer
halten den Schlüssel zur Zukunft in der Hand kann Labour
wieder aufgerichtet werden oder fangen wir wieder mit einer neuen Partei
an?
m.j. (17.11.09)
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Nicaragua:
Pragmatismus oder Verrat?
Wie
fortschrittlich
ist die sandinistische Regierung?

Wer
sich derzeit in linken bzw. links-alternativen Medien über die
aktuelle Politik der nicaraguanischen Regierung kundig machen will,
stößt auf Einschätzungen, die sich zum Teil heftig widersprechen.
Das hängt vor allem mit der Person des Präsidenten Daniel
Ortega zusammen, über den sich trefflich streiten lässt. Während
manche Berichterstatter das caudillohafte Gebaren des Präsidenten
als eher marginal klein reden, gehen andere so weit, dass sie von Verrat
sprechen, einem Verrat Ortegas und seiner dominanten Ehefrau Rosario
Murillo an den Prinzipien der sandinistischen Revolution.
Erstere Position wird etwa von Wolfgang Herrmann, der als offizieller
Berater der DDR von 1985 bis 1988 in Nicaragua tätig war, im Rotfuchs
(Aug. 2009) vertreten. Im Abspann seines Artikels heißt es ziemlich
lapidar: Zu Daniel Ortega. Er mag in Nicaragua nicht von allen
geliebt werden. Er verdient jedoch Respekt, hat er doch die FSLN über
die schwersten Jahre gebracht. Er bestimmte maßgeblich ihre strategische
Linie. (S.21) Die Argumentationsweise erinnert in gewisser Hinsicht
daran, wie manche mit der Stalinproblematik umgehen. Man müsste
nur Ortega durch Stalin und Nicaragua bzw. die FSLN durch Sowjetunion
ersetzen.
Die krasseste Gegenposition wird in der der antideutschen Strömung
nahestehenden iz3w von Roger Burbach, dem Direktor des Center of the
Study of the Americas (CENSA)), formuliert. Für ihn ist Ortega
ein Verräter an der sandinistischen Bewegung. Sein abschließender
Satz lautet: Aber Ortegas Verrat ist eine politische Tragödie
für alle, die auf der ganzen Welt ihre Hoffnung auf eine partizipatorische
Demokratie in Nicaragua setzen.(313/S.11) Im Umkehrschluss könnte
man den Gedanken weiterführen zu der Überlegung: Vielleicht
gibt es nicht zuletzt deshalb keine partizipatorische Demokratie in
Nicaragua, weil diejenigen auf der ganzen Welt, die sich
so etwas für Nicaragua erhoffen, selber in ihren Ländern nicht
viel auf den Weg bringen.
kein Journalismus mehr
Zu den Journalisten, die Präsident Ortega in ihren Artikeln schonungslos
abstrafen, gehört Toni Keppeler, der unter anderem für die
TAZ, die Weltwoche und diverse andere Publikationen schreibt. Er versteht
es, auf die Erwartungen der jeweiligen Leserschaft einzugehen und variiert
insofern seine Wortwahl. Seine Spezialität ist die Demontage lateinamerikanischer
Revolutionsgrößen, indem er den Eindruck erweckt, die jeweilige
Persönlichkeit würde dem Anspruch eines wahrhaften Revolutionärs
nicht oder nicht mehr gerecht, sei also schon ziemlich vertrottelt.
Das liest sich dann im Stern so:
Er schaut nicht mehr wie damals neugierig durch dicke Brillengläser
in die Welt und drängt nach vorn. Nein, er ist inzwischen 62, trägt
längst Kontaktlinsen und kneift die müden Augen zu immer schmaleren
Schlitzen zusammen. Wenn er geht oder steht, dann wirkt er eher unbeholfen
und ein bisschen angestrengt. Und wenn er spricht, ist sein Redefluss
so zäh und schleppend, dass seine Zuhörer befürchten
müssen, er schlafe gleich ein.
Noch einen Schritt weiter ging er im Juli dieses Jahres im Rheinischen
Merkur, wo er Ortega Charakterzüge des Schlächters Somoza
anheim stellt: Ihm werfen heute selbst ehemalige Parteifreunde
vor, er habe inzwischen ähnlich selbstherrliche Züge wie der
einst von ihm gestürzte Somoza.
In ähnlicher Manier watschte er Tomas Borge, das einzige überlebende
Gründungsmitglied der FSLN ab. Für Keppeler ist er der
inzwischen leicht senile ehemalige Innenminister
, der sein Gnadenbrot
im diplomatischen Dienst erhält. Das ist so infam, dass sich
eine Kommentierung erübrigt.
Auch Che Guevara bekommt sein Fett ab. Die 40. Wiederkehr der Ermordung
des Revolutionärs war der TAZ eine Beilage wert und Keppeler durfte
kräftig zulangen: Ernesto Guevara war kein angenehmer Mensch.
Er war neben allen Verdiensten als Guerillero eitel, launisch
und autoritär.(9.10.07) Natürlich werden die Verdienste
als Guerillero nicht näher ausgeführt. Sie scheinen
den taz-Schreiber auch nicht zu interessieren. Dafür breitet er
seine Aversionen gegen den Menschen Guevara in aller Unappetitlichkeit
aus. Tote können sich nicht wehren.
Der Gerechtigkeit halber möchte ich nicht unerwähnt lassen,
dass Keppeler gelegentlich recht nützliche Artikel schreibt, so
z.B. über die Auswirkungen der Privatisierung des chilenischen
Rentensystems und ähnliche Themen.
Die Auseinandersetzung mit Journalisten wie Toni Keppeler oder dem Lateinamerikakorrespondenten
der Süddeutschen Zeitung, Peter Burghardt, (früher Sportreporter)
ist deswegen von Bedeutung, weil diese hierzulande großen Einfluss
auf die Meinungsbildung über gesellschaftliche Entwicklungen in
Lateinamerika ausüben. Was Burghardt betrifft, äußerte
sich unlängst im Internet einer, der seine Berichterstattung schon
über längere Zeit kritisch verfolgt: Das ist kein Journalismus
mehr, sondern bestenfalls noch rückgratlose Hofberichterstattung.(suedwatch.de)
Aber zurück zu Nicaragua. In der aktuellen Auseinandersetzung um
die Politik der Ortegaregierung beteiligt sich Ralf Leonhard, zwischen
1982 und 1996 als Reporter u.a. für die taz in Nicaragua mit einer
problematischen Argumentation, indem er den Vorwurf der Korruption erhebt,
aber keine eindeutigen Fakten dafür anführen kann, es vielmehr
beim Verdacht bewenden lassen muss: Ortega finanziert sein Sozialprogramm
mit venezolanischen Petrodollars, die nicht in das ordentliche Budget
eingehen, sondern getrennt und ohne jede Transparenz verwaltet werden.
Der Verdacht, dass davon ein Teil in die Kassen der Familie Ortega fließt,
kann nicht überprüft werden. Doch der einst völlig mittellose
Guerillero, der 30 Jahre lang nichts anderes als Politik gemacht hat,
ist heute ein vermögender Mann mit Beteiligungen in allen möglichen
einträglichen Unternehmungen.
Diesen Hinweis findet man häufiger. Nützlich wäre es,
wenn mal jemand die Vermögensverhältnisse annähernd konkretisieren
würde. Dabei sind die moralisch-ethischen Eskapaden Ortegas und
seiner Familie im weiteren Sinne der Bereich, in dem sich die Nicararaguaexperten
noch am ehesten verständigen können. Dazu gehört, dass
seit 1998 ein Stillhalteabkommen zwischen Ortega und dem damaligen Präsidenten
Arnoldo Aleman existiert, weil beide Strafverfolgung zu befürchten
hatten. Bei Aleman handelte es sich um den Tatbestand der Unterschlagung
von Hilfsgeldern in Millionenhöhe im Zusammenhang mit dem Hurrikan
Mitch. Bei Ortega gings um einen Vergewaltigungsvorwurf seiner
Stieftochter.
Weitgehend einig ist man sich auch in der Verurteilung eines Vorgangs,
der mit Ortegas taktischen Überlegungen zu tun hat. Noch vor der
letzten Wahl hatten sandinistische Abgeordnete der Regierung die Mehrheit
für ein umfassendes Abtreibungsverbot verschafft. Dieser Schachzug,
der nicht nur viele aktive Frauen in Nicaragua zu massiven Protesten
veranlasste, sollte die katholische Kirchenhierarchie eine traditionelle
Verbündete konterrevolutionärer Gruppen der 80er Jahre
mit der FSLN versöhnen. Die Winkelzüge und Wendungen der FSLN-Spitze
in den letzten Jahren sind ein Thema für sich. Die gängigen
Erklärungsversuche dafür greifen in der Regel zu kurz.
Dieter Müller, Medico Regionalvertreter in Mittelamerika,
setzt früher und umfassender an: Man sollte mit den Erklärungsversuchen
früher beginnen. Die sandinistische Befreiungsbewegung hatte vor
1979 jahrelang im Untergrund agiert. Sie war, wie andere Bewegungen
der Nationalen Befreiung auch, notwendigerweise eine politischmilitärische
Kaderorganisation, keine basisdemokratische Vereinigung, somit im Kern
autoritär strukturiert. Der von außen aufgezwungene Contra-Krieg
stärkte diese Logik rasch wieder und verankerte sie auch bei vielen,
die nicht unmittelbar am Befreiungskampf beteiligt waren. Hinzu kommt,
dass die nicaraguanische Gesellschaft selbst über Jahrhunderte
extrem autoritär geprägt war: Patriarchale Strukturen, semifeudalistische
Systeme, die konservativen und liberalen Caudillos, externe Interventionen
und eine über die Maßen einflussreiche Kirche hatten eine
autoritäre Gesellschaft in Zement gegossen, noch dazu unter Berufung
auf göttliche Vorsehung. Unter dem wachsenden Einfluss der USA
wandelte sich das in eine Form von resignierendem Pragmatismus,
der, so der nicaraguanische Soziologe Pérez Baltodano, nichts
anderes sei als die säkularisierte Form der Vorsehung. Politik
und Wirtschaft, aber auch Familie und Erziehung haben dies bis heute
perpetuiert. (Rundschreiben 02/2009)
Aus diesen Quellen speist sich die aktuelle politische Gemengelage.
Ein
kurzer Blick zurück
Als 20 Jahre nach dem siegreichen Einmarsch der kubanischen Revolutionstruppen
in Havanna am 19.Juli 1979 die KämpferInnen der FSLN unter der
schwarz-roten Fahne die Hauptstadt Managua besetzten, konnten sie nicht
ahnen, dass ihnen schon bald unter der Regie der US-Regierung ein neuer
Krieg mit zigtausenden Toten aufgezwungen würde. Aus der Euphorie
der ersten Monate entwickelte sich ein langwieriger Zermürbungskrieg,
der den Wiederaufbau des Landes verhinderte. Große Teile der Bevölkerung
wollten aus der Kriegsfalle heraus, was schließlich 1990 bei den
Wahlen als Mehrheit für eine bürgerliche Opposition zum Ausdruck
kam.
Die Folgen aus der Abwahl der Sandinisten fasste Hernando Calvo Ospina
in Le Monde diplomatique vom 16.7.2009 wie folgt zusammen: Mit
Violeta Chamorro hielt der Neoliberalismus in Nicaragua Einzug
zum Vorteil vor allem US-amerikanischer, aber auch europäischer
und asiatischer Konzerne. Öffentliche Güter wurden verschleudert,
die Spekulation blühte. In nur wenigen Jahren, sagt
Orlando Nuñez, haben diese Leute die ohnehin schwache Mittelschicht
im Land so gut wie eliminiert und den vielen Kleinbetrieben auf dem
Land und in den Städten den Boden entzogen. Sie haben Nicaragua
in seine bisher schlimmste wirtschaftliche, soziale und finanzielle
Krise gestürzt. Unter den Präsidenten Violeta Chamorro,
Arnoldo Alemán und Enrique Bolaños gingen die meisten
Errungenschaften der Revolution zum Teufel. Die Löhne schrumpften
auf Grund der Inflation um ein Drittel, die Arbeitslosigkeit erreichte
45 Prozent, die Verarmung zog immer weitere Kreise.
Vor diesem Hintergrund, auch wegen der Zersplittertheit der Oppositionsgruppierungen
und als Ergebnis einer recht kontrovers bewerteten Taktik gelang es
Ortega nach mehreren Anläufen mit nur 38 Prozent der Stimmen in
die Regierung zurückzukehren.
Erste Schritte
Die ersten Schritte der neuen Regierung knüpften an die 80er Jahre
an. Ein Bündel von Sofortmaßnahmen sollte schnelle Verbesserungen
bringen. Ein zentraler Pfeiler sollte die Bildung sein. So bekamen etwa
die Studierenden die Immatrikulationsgebühren erlassen. Mit kubanischer
Hilfe wurde ein Alphabetisierungsprogramm gestartet. Inzwischen ist
es nach zwei Jahren erfolgreich abgeschlossen. Erst kürzlich gab
man bekannt, dass die Analphabetenrate von 21 Prozent auf 3,56 Prozent
zurückgegangen ist. Lt. UNESCO gilt ein Land mit vier Prozent als
voll alphabetisiert. Als weiteres Bildungsziel werde bis 2015 der Besuch
aller SchülerInnen bis zur 6. Klasse realisiert, so der Bildungsminister
anlässlich des Abschlusses der Alphabetisierungskampagne.
Für den überwiegenden Teil der Bevölkerung ist die generelle
Abschaffung von Gebühren im Bildungs- und Gesundheitswesen (Grundversorgung)
ein erheblicher Fortschritt und führt weg von den bisher vorherrschenden
neoliberalen Konzepten. Betrachtet man im Vergleich dazu die aktuellen
politischen Eiertänze um die Einführung eines stattlichen
Gesundheitswesens in den USA, sind die Maßnahmen der nicaraguanischen
Regierung als mutig zu bezeichnen.
Ein weiterer Pfeiler ist das Programm gegen den Hunger, in dessen ersten
Phase an 15 000 Familien eine Kuh, ein Schwein, zehn Hühner, ein
Hahn und Saatgut ausgegeben wurde. Das Programm ist vor allem dort erfolgreich,
wo die Bevölkerung im antisomozistischen Widerstand politisches
Bewusstsein und durch die sandinistische Landreform Eigeninitiative
entwickelt hat. Als Sofortmaßnahme gegen den Hunger ist auch ein
Programm zu verstehen, das Millionen Kinder in den Schulen täglich
mit einer unentgeltlichen Mahlzeit versorgt. Zukunftsweisend ist eine
Initiative zur Verringerung der Abhängigkeit des Landes von Nahrungsmittelimporten.
Dazu vergibt die Regierung Land und Kredite an kleine und mittlere Produzenten
zu niedrigen Zinsen. Da in ganz Mittelamerika Frauen mit Kindern häufig
auf sich allein gestellt sind, weil die Männer sie verlassen haben
oder im Ausland zu arbeiten gezwungen sind, werden von Frauen verwaltete
Kooperativen eingerichtet. Die Frauen erhalten eine Ausbildung und ein
Startkapital in Form von Saatgetreide, Schweinen und Kühen. Vom
Darlehen müssen sie nur 20 Prozent zurückzahlen. Außerdem
vergibt der Staat Kredite zu 5 Prozent Zinsen, während auf dem
sog. freien Kapitalmarkt 25 Prozent üblich sind.
Da Nicaragua das zweitärmste Land Lateinamerikas ist, wären
die verschiedenen Programme zur Verbesserung der Lage der ärmsten
Teile der Bevölkerung aus den laufenden Staatshaushalten nicht
zu finanzieren.
Beitritt zur ALBA-TCP
Eine realistische Perspektive ergab sich durch den von der Opposition
scharf kritisierten Beitritt zur ALBA-TCP (Bolivarianische Allianz für
die Völker unseres Amerika Handelsvertrag der Völker)
und zum Petrocaribe-Abkommen. Auf dem 5. Gipfeltreffen der ALBA im April
2007 also kurz nach dem Beitritt wurden Kooperationsabkommen
vor allem im Energiesektor beschlossen, von dem auch Nicaragua profitiert.
So erhält das Land von Venezuela Erdöl deutlich unter dem
Weltmarktpreis. Außerdem werden neue Raffinerien gebaut und bestehende
erweitert. Beim 6. Gipfeltreffen vereinbarten die Teilnehmerstaaten
die Gründung einer eigenen Bank, die banco del ALBA/banco del sur.
Ein wichtiger Schritt hin zu einer gemeinsamen Währung, dem Sucre.
Die Bank und die gemeinsame Währung werden es dem von Weltbank
und IWF extrem abhängigen Land ermöglichen, die Folgen der
aktuellen Weltwirtschaftskrise in den Griff zu bekommen und sich schrittweise
von der Knebelung durch die internationalen Finanzmärkte zu lösen.
Dass ein erheblicher Teil der Finanzmittel von der ALBA nicht auf staatliche
Konten geht, wird von Kritikern bemängelt. Andererseits haben die
Sandinisten keine Mehrheit im Parlament. Es könnte ein kluger Schachzug
des Führungspersonals der FSLN sein, die Mittel über eigene
Kanäle zu verteilen. Das Instrument dafür sind die Räte
der Bürgermacht, die von W. Herrmann als Organe der
direkten Demokratie bezeichnet werden. Ortega initiierte sie durch
einen präsidentialen Erlass am Parlament vorbei. Ob der Vorwurf
der Intransparenz berechtigt ist, kann von hier aus nicht geklärt
werden. Bei den heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der sandinistischen
Bewegung, zwischen Mitgliedern der FSLN und des MRS (Bewegung der sandinistischen
Erneuerung) und zwischen einzelnen Personen sind mehrere Aspekte zu
berücksichtigen, was hier nur stichpunktartig möglich ist:
Nicaragua hat mit knapp über 5 Millionen Einwohnern nur etwa die
Hälfte der Bevölkerung Bayerns. 90 Prozent der Nicas leben
in der Pazifikregion. Die politischen Akteure kennen sich nur zu genau
mit ihren Stärken und Schwächen. Der Sandinismus vereint unterschiedlichste
politische Auffassungen von SozialdemokratInnen und diversen marxistischen
Tendenzen. Es gibt auch einen bedeutenden christlichen Flügel.
Die Basis der Sandinisten hat hohe Erwartungen an ihre Regierung.
Enttäuschungen bleiben nicht aus. Das Elend hatte vor allem im
Norden des Landes eine ungeheure Dimension erreicht. Vieles müsste
sofort und gleichzeitig angepackt werden. Die derzeitige Regierung,
die nur zum Teil sandinistisch ist, steht immerhin an der Seite der
fortschrittlichen lateinamerikanischen Regierungen. Darüber gibt
es keinen Zweifel. Das sozialpolitische Programm ist an den Interessen
der ärmeren Schichten orientiert, was auch von Kritikern nicht
bestritten wird. Das personelle Ausbluten der zu einer parlamentarischen
Partei mutierten sandinistischen Bewegung an der Spitze und damit verbunden
die Machtverschiebung hin auf die Person des Daniel Ortega kann für
das politische Projekt gefährlich werden. Schon die nächste
Wahl könnte durch einen Zusammenschluss der Opposition das Aus
für Ortega und die Sandinisten bedeuten. An der Realisierung arbeiten
nicht zuletzt deutsche Parteienstiftungen intensiv. So ist z.B. das
auf Initiative der Naumann-Stiftung Ende 2003 gegründete Liberale
Netzwerk Lateinamerikas (RELIAL) auch in Nicaragua aktiv. Sollte
hierzulande die nächste Regierung eine schwarz-gelbe sein, könnten
die konsequenten Neoliberalen der FDP ihre imperialistische Wühlarbeit
in Ländern wie Nicaragua und Honduras noch offensiver betreiben.
Auch auf EU-Ebene sind die politischen Kräfte am Werk, die die
sandinistische Regierung zu Fall bringen wollen. So hat die EU im Jahr
2008 ihre für Nicaragua vorgesehenen Budgethilfen in Höhe
von 60 Mio. Dollar nicht ausgezahlt mit weitreichenden Folgen für
das Bildungs- und Gesundheitssystem. Die Fraktion der Linkspartei setzt
sich für eine Aufhebung der Sanktion ein. Ob sie Erfolg haben wird,
steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest
Stand: 5.9.2009, hd
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Dunkle
Wolken an Zentralamerikas Horizont
Was
bringt ein Freihandelsabkommen mit der EU?

In dem im
Jahr 2000 in Lissabon von den europäischen Staats- und Regierungschefs
verabschiedeten Programm, der sog. Lissabon-Agenda, war als Ziel definiert
worden, die EU innerhalb von zehn Jahren zum wettbewerbsfähigsten
und dynamischten, wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu machen.
Bei diesem Vorhaben grenzte sich die EU sehr bewusst von den USA mit dem
Anspruch eines Neoliberalismus mit menschlichem Antlitz ab,
was immer man darunter verstehen mag. Letztlich geht es um eine Weltmarktstrategie,
die sich bisher im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) wegen des
massiven Widerstands der Länder des Südens nicht realisieren
ließ. Der EU-Handelskommissar Peter Mandelson drückte es so
aus:Es geht darum, den europäischen Unternehmen (...) Zugang
zu weltweiten Märkten und das sichere Operieren auf selbigen zu ermöglichen.
Seit 2002 wird im Rahmen von Wirtschaftspartnerschaftsabkommen der EU
(EPAs Economic Partnership Agreement) mit 78 Staaten (davon die
Mehrzahl ehemalige europäische Kolonien in Afrika, der Karibik und
im Südpazifik) verhandelt. 39 dieser Staaten gelten nach UNO-Kriterien
als zur Gruppe der ärmsten Staaten der Erde zählend.
Die EU verlangt von den AKP-Staaten (AKP: Die Gruppe der afrikanischen,
karibischen und pazifischen Staaten), dass sie ihre Märkte für
europäische Produkte öffnen, die Importzölle senken und
Subventionen streichen. Dahinter verbergen sich strategische Zielsetzungen:
Es wird eine europäische Vormachtstellung auf Wachstumsmärkten
angestrebt. Des weiteren soll die Versorgung der europäischen Industrie
mit Rohstoffen gesichert werden. Und schließlich sollen nicht-tarifäre
Handelshemmnisse (so etwa umwelt- und menschenrechtliche Standards) beseitigt
werden.
Wenn äußerst ungleiche Partner miteinander verhandeln, sind
Ergebnisse, die die Interessen beider Seiten gleichermaßen berücksichtigen,
wohl kaum zu erwarten. Die meisten AKP-Staaten sehen ihre Perspektiven
realistisch und weigern sich bisher, diese Wirtschaftsabkommen zu unterzeichnen,
Erst 15 Staaten haben ratifiziert. Die ehemalige Kultusministerin von
Mali, Aminata Traore, verwendete einen drastischen Vergleich: Für
uns sind diese Abkommen die Massenvernichtungswaffen Europas. Denn,
Europa schickt uns seine Hühnerbeine, seine Gebrauchtwagen,
seine abgelaufenen Medikamente und seine ausgelatschten Schuhe, und weil
eure Reste unsere Märkte überschwemmen, gehen unsere Handwerker
und Bauern unter. Da das Exportvolumen der AKP-Staaten in keinem
Verhältnis zu den europäischen Einfuhren steht, haben sie deutlich
höhere Lasten zu tragen, ohne erkennbar zu profitieren. Diese Form
der Öffnung bedroht den Agrarbereich und die einheimische Produktion
der abhängigen Länder existentiell.
Assoziierungsabkommen mit Zentralamerika
Seit zwei
Jahren verhandelt nun die EU nach den Vorgaben der Wirtschaftspartnerschaftsabkommen
mit den fünf zentralamerikanischen Staaten Costa Rica, El Salvador,
Guatemala, Honduras und Nicaragua. Nicht dabei sind Belize, die ehemalige
Kolonie Britisch-Honduras, und Panama. Bis dato wurden folgende Verhandlungsergebnisse
erzielt: Die EU akzeptierte den freien Zugang für 8930 Produkte aus
Zentralamerika zum EU-Markt, während die Zentralamerikaner die Streichung
der Importzölle von 80 Prozent der Produkte aus der EU zubilligten.
Sie lehnten jedoch eine Zollsenkung bei Milch und anderen von der EU hochsubventionierten
Exportgütern ab. Soweit der Stand nach sechs Verhandlungsrunden.
Aber um welche Größenordnungen handelt es sich eigentlich?
Das bisherige Handelsvolumen mit Zentralamerika macht gerade mal 0,3 Prozent
der europäischen Exporte aus. Bei den Importen sieht es mit 0,35
Prozent ähnlich aus. Und da von den Importen in die EU ein 30 prozentiger
Anteil auf Kaffee entfällt, reduziert sich der übrige Warenanteil
noch einmal erheblich. Da mag es schon verwundern, warum trotzdem so hart
verhandelt wird. An der Attraktivität des zentralamerikanischen Marktes
kann es nicht liegen, wenn die EU auf einen möglichst raschen Abschluss
orientiert. Es muss andere Gründe geben, die den US-amerikanischen
Hinterhof für die EU interessant erscheinen lassen. Der Hauptgrund
dürfte CAFTA sein. Vor drei Jahren ist nämlich ein Freihandelsvertrag
zwischen den USA und Zentralamerika in Kraft getreten, das Central America
Free Trade Agreement, auch als DR-Cafta bezeichnet. Und so fordert man
die Gleichstellung mit diesem Vertrag: EU-Unternehmen sollen die gleichen
Vorteile in Anspruch nehmen können, wie US-amerikanische Konzerne,
die sog. CAFTA-Parität. Mit dem CAFTA-Vertrag wird der Wirtschaftsverbund
(sprich die Freihandelszone) zwischen Kanada, USA und Mexiko, das NAFTA
(North American Free Trade Agreement) bis an die Grenze Südamerikas
erweitert. Da gleichzeitig Verhandlungen mit südamerikanischen Staaten
mit der Perspektive laufen, den gesamten Kontinent in eine riesige Freihandelszone
zu verwandeln, musste diese Entwicklung die EU auf den Plan rufen. Dass
mittlerweile vielfältige Integrationsbestrebungen in Lateinamerika
unter Federführung des bolivarianischen Venezuela den Interessen
des US-Imperialismus in die Quere kommen und seinen weitreichenden Plänen
Grenzen setzen, kann der EU einerseits gelegen kommen, andererseits erwächst
damit auch den Europäern eine ernstzunehmende Konkurrenz. Jedenfalls
kommt die EU nicht umhin, stärkere Präsenz zu zeigen und politisch-strategische
Interessen anzumelden wie etwa der Zugang europäischer Konzerne
zu neuen Märkten und staatlichen Ausschreibungen, um die Absicherung
von Investitionen europäischer Konzerne und die Nutzung und Ausbeutung
von natürlichen Ressourcen
in Zentralamerika.(S. Lüddecke,
AK Mai 09)
Die fünf zentralamerikanischen Länder könnten sich so auf
längere Sicht als Zwischenstation von zollbegünstigten Waren
der EU-Konzerne für den US-Markt eignen. Die Rechnung geht aber nur
dann auf, wenn CAFTA-Parität erreicht wird, eine zentrale Forderung
der EU-Verhandlungskommission. Verhandelt wird in 14 Untergruppen, wobei
sich allein 12 Untergruppen mit dem Thema Handel beschäftigen und
nur je eine Gruppe mit den Themen politischer Dialog und Zusammenarbeit.
EU genau so hart wie die USA
Der honduranische Abgeordnete von der Linkspartei DU, Marvin Ponce, kommentiert
die Verhandlungsführung: Ich will nicht ungerecht sein: Die
EU ist im Umgang flexibler oder normaler, respektgeleiteter
als die USA, aber wenn es bei den Verhandlungen ums Eingemachte geht,
also um die kommerziellen Aspekte des Abkommens, zeigt sich die EU genau
so hart wie die USA. Zum Eingemachten gehören die Regelungen
zum Schutz geistigen Eigentums, der Handel mit Dienstleistungen und Investitionen.
Die Festschreibung der Regelungen würde sich sehr negativ auf die
kleinbäuerliche Landwirtschaft, die soziale Situation, den Umweltschutz
und die Umsetzung der Menschenrechte auswirken. Hinsichtlich der Landwirtschaft
merkt Marvin Ponce, der auch honduranische Kleinbauern vertritt, an: Unsere
Bauernorganisationen wollen, dass Landwirtschaft gar nicht ins Verhandlungspaket
kommt.
Doch da läuft etwas falsch: Politisch geht es dahin,
dass die Bauern und Bäuerinnen sich in eine Art MaquilaarbeiterInnen
für saubere Luft verwandeln. Wir sollen unsere Landwirtschaftsflächen
verringern, um sog. biologische Korridore zu schaffen. Und als Hauptknackpunkt
sieht Ponce, der schon die Verhandlungen zu CAFTA kritisch begleitet hat,
dass USA und EU beide über eine hochsubventionierte Landwirtschaft
verfügen. Es sei, so Ponce, nicht einzusehen, dass nun ausgerechnet
eine arme Region wie Zentralamerika sich der Konkurrenz hochsubventionierter
Agrarkonzerne aus den USA oder aus der EU aussetzen soll. Seine
Forderung lautet: Getreide, Mais, Reis, Fleisch, Geflügel,
Obst und Gemüse, die die Basis der Wirtschaft unserer Region bilden,
müssten vielmehr geschützt werden. Denn die Folgen sind unweigerlich
das Verschwinden der Landwirtschaft, hohe Arbeitsplatzverluste, Migration
vom Land in die Stadt und von dort weiter ins Ausland. Diese Entwicklung
wird von den bourgeoisen Regierungen der Region nicht als Problem gesehen,
sind doch die Remesas, die Geldüberweisungen der MigrantInnen in
den zentralamerikanischen Ländern der bedeutendste Wirtschaftsfaktor,
versorgen die Staaten mit Devisen und tragen zur Stabilisierung der Zahlungsbilanz
bei.
Raul Gutierrez schreibt dazu in der jungen Welt vom 15.4.09: El
Salvador gehört zu den Staaten, für die die Überweisungen
der Arbeitsmigranten essentielle Bedeutung haben. Nach Angaben der Zentralbank
beliefen sich diese Transfers im zurückliegenden Jahr auf umgerechnet
3,79 Milliarden USD, das entspricht 17,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.
Die größten Beträge überwiesen Migranten aus den
USA, wo 90 Prozent der 2,9 Millionen im Ausland lebenden Salvadorianer
untergekommen sind. Wie unsicher gerade in der aktuellen Weltwirtschaftskrise
die Remesas sind, zeigt der Einbruch der Auslandsüberweisungen im
Januar um 9 Prozent (im Vergleich mit dem Vormonat). Remesas tragen zur
Überbrückung der ärgsten Not bei, lösen aber keine
strukturellen Probleme El Salvadors, das kaum über eigene Industrie
verfügt. 60 Prozent der Remesas werden in Supermärkte wie Wal-Mart
getragen und fließen somit wieder zurück nach USA, Asien oder
Europa. Auch in El Salvador haben die neoliberalen Konzepte ihre Spuren
hinterlassen: Billiglohn-Zulieferbetriebe (sog. Maquiladoras) und exportorientierte
Agrarmonokulturen prägen mittlerweile die Ökonomie des Landes.
Die USA und EU-Assoziierungs (Freihandels) abkommen ändern nichts
an dieser Fehlentwicklung. Vielmehr wird der eingeschlagene Weg vertieft.
Antonio Saca, dem Präsidenten El Salvadors, war es gerade noch gelungen,
den Zustand der Staatsfinanzen bis zur Wahl im März zu verschleiern.
Und da er abgewählt wurde, ist die desolate Finanzlage des kleinen
Staates nicht mehr sein Problem. Und auch nicht das seiner Partei, der
ARENA, die als Interessenvertreterin der einheimischen Bourgeoisie und
der internationalen Konzerne das Land 20 Jahre lang wirtschaftsliberal
dahin brachte, wo es heute steht, nämlich ganz unten.
Wenn im Juni zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine linksorientierte
Regierung die Amtsgeschäfte übernimmt, tritt sie ein schweres
Erbe an. Der erfolgreiche Kandidat der ehemaligen Guerillaorganisation
FMLN (Nationale Befreiungsfront Farabundo Marti), Mauricio Funes, steht
vor einem Berg von Problemen.
Nach wie vor sind in El Salvador die Spuren des von 1980 bis 92 dauernden
Bürgerkrieges präsent. Eine bewaffnete Klassenauseinandersetzung,
bei der 75.000 Menschen starben, 6.000 spurlos verschwanden und 40.000
zu Invaliden wurden. Wenn auch 1992 die militärischen Auseinandersetzungen
beendet werden konnten, blieb die strukturelle Gewalt, die nicht zuletzt
in der Perspektivlosigkeit großer Teile der Jugend zum Ausdruck
kommt. Folgen sind brutalisierte Jugendbanden (sog. Maras) und eine der
höchsten Mordraten der Welt mit 61 Morden je 100.000 Einwohner pro
Jahr. Vergleichbar die Lage im Nachbarland Guatemala mit 55 Morden. Ob
es der neuen Regierung angesichts des hinterlassenen Finanzdesasters gelingen
wird, die versprochenen 200.000 neuen Arbeitsplätze bereitzustellen,
die die Jugendlichen von der Straße wegbringen sollen, ist ungewiss,
solange ein ungefährer Überblick über die Staatsfinanzen
fehlt. Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte Lateinamerikas, dass
eine linke Partei bzw. Bewegung unter miesesten Bedingungen die Staatsgeschäfte
übernimmt. Zwar dürfte für die Umsetzung des Programms
der FMLN-Regierung noch etwas übrig sein von zwei Krediten aus dem
Jahr 2008 einmal über 500 Millionen USD von der Weltbank und
weitere 450 Millionen von der Interamerikanischen Entwicklungsbank
aber es sind letztlich Kredite, die zurückbezahlt werden müssen,
Gelder, die die Abhängigkeit weiter erhöhen.
Völlig offen ist, wie sich die neue Regierung zum bisherigen Ergebnis
des EU-Freihandelsabkommen verhalten wird.

wo der Hai die Sardinen frisst
Am 1.April verließ Nicaragua die Handelsgespräche in Tegucigalpa,
Honduras. Nicaraguas Konferenzteilnehmer verlangten ein Moratorium, als
sie keine Unterstützung für ihren Vorschlag zur Einrichtung
eines Gemeinsamen Fonds, der dazu dienen würde, das Problem der Ungleichgewichte
zwischen den Regionen anzugehen, erhielten. Verschiedene Nachrichtenquellen
beschrieben den Fond auf unterschiedliche Art und Weise.In einem Artikel
hieß es, dass Nicaragua einen Fond von 78 Milliarden USD vorgeschlagen
habe, in den die EU 90% und die mittelamerikanischen Länder 10% einbezahlensollten.
Laut dieser Lesart hätten sich dem die Funktionäre von Costa
Rica widersetzt. In einem anderen Artikel jedoch hieß es, dass die
Nicaraguaner die Gespräche verlassen hätten, nachdem man ihnen
nicht die Zeit zu Verfügung gestellt hätte, um einen Vorschlag
für einen Fond von 38-51 Milliarden USD zu erläutern.. Nicaraguas
Vize-Außenminister Manuel Coronel sagte, dass, wenn die EU und Costa
Rica gegen einen Entwicklungsfond seien, um die Ungleichgewichte zwischen
den Regionen anzugehen, die Verhandlungen in Gespräche für ein
reines Handelsabkommen verwandelt würden, und es wäre kein Assoziierungsabkommen
mit politischen Elementen und Beistandskomponenten, wie am Anfang des
Prozesses versprochen worden sei. Coronel bemerkte weiter, dass die mittelamerikanischen
Länder, bevor sie dem Abkommen mit den Vereinigten Staaten beigetreten
seien, einen Handelsüberschuss mit den USA von 1 Milliarde USD gehabt
hätten. Jetzt, nach drei Jahren CAFTA, hätten sie ein Handelsdefizit
mit den USA von 1,5 Milliarden USD. Präsident Daniel Ortega sagte:
Die EU will ein Freihandelsabkommen aufoktroyieren, wo der Hai die
Sardinen frisst. Er fügte hinzu, dass er seine Delegation angewiesen
habe, die Gespräche zu verlassen, weil er gerechten Handel
wolle, nicht freien Markthandel, der die Großen begünstigt.
Ortega wurde unterstützt vom Obersten Rat Privater Unternehmer (COSEP).
aber es tut sich was in El Salvador
Vor der Wahl musste Mauricio Funes immer wieder seine (angeblichen) Differenzen
mit der Politik von Chavez in den Vordergrund stellen, da ihn die ARENA-Leute
als Handlanger des Venezolaners denunzierten. Manche Linke auch hierzulande
äußerten sich deshalb eher abfällig über den Sozialdemokraten
Funes, der sich in der Öffentlichkeit als Sympathisant des Brasilianers
Lula bezeichnet hatte. Mit welcher Infamie es die FMLN im Wahlkampf zu
tun hatte, zeigt folgende Formulierung in einer Umfrage, die von der Hans-Seidl-Stiftung
der CSU finanziert wurde: Wen würden Sie wählen, wenn
Ihnen bewiesen würde, daß der Kandidat der FMLN, Mauricio Funes,
das Land kommunistisch umwälzen, das Privateigentum abschaffen, die
Kinder sozialistisch indoktrinieren, die Beziehungen zu den USA abbrechen
und eine autoritäre Regierung errichten will?
Genügend SalvadorianerInnen waren dann doch nicht so bescheuert,
wie von der CSU-Stiftung unterstellt, beantworteten die Frage durch eine
Stimmabgabe für die FMLN und Funes traf sich noch vor seinem Amtsantritt
mit Hugo Chavez in Caracas, wobei dieses Treffen von Bebachtern als herzlich
geschildert wurde.
Das Gespräch zwischen Chavez und Funes, der mit einer Delegation
von Wirtschaftsexperten angereist war, diente der Abklärung möglicher
Kooperationen. Zur weiteren Konkretisierung wurde eine Kommission eingerichtet,
welche die Details ausarbeiten soll. Das Interesse von Funes gilt dabei
der Möglichkeit, Öl-Importe auf staatlicher Ebene abzuwickeln.
So soll das bereits mit FMLN-Kommunen bestehende Erdölprogramm PetroCaribe
entsprechend erweitert werden. In dieses Programm sind bereits die zentralamerikanischen
Staaten Guatemala, Nicaragua, Panama und Honduras integriert. Im Blickfeld
möglicher Verträge stehen auch landwirtschaftliche Projekte
und medizinischer Austausch. Zur Frage, ob sich El Salvador ALBA, der
2004 von Venezuela und Kuba ins Leben gerufenen Wirtschaftsgemeinschaft
Bolivarische Alternative für die Völker unseres Amerikas,
anschließen wird, ist derzeit nicht zu beantworten. Sicherlich würde
jeder Schritt hin zur stärkeren Einbindung in den lateinamerikanischen
Integrationsprozess die Perspektiven für die ökonomisch schwachen
zentralamerikanischen Länder erweitern und die Abhängigkeit
von den Freihandelsabkommen mit USA und EU verringern. Es gibt durchaus
Licht am Horizont, vor allem, wenn sich das gesellschaftliche Kräfteverhältnis
in diesen Staaten weiter nach links verschiebt. Dass hier auch Rückschläge
zu verzeichnen sind, zeigt das Ergebnis der Präsidentenwahl in Panama,
wo die Linke nicht angetreten ist.
Stand: Mai 09
hd.
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Kolumbien:
Neue Achse Berlin Bogota?
Verstärkte
Reisediplomatie, ökonomische Begehrlichkeiten und
repressive Rahmenbedingungen

Der Kolumbienartikel
in der letzten Ausgabe der Arsti endete mit einem deprimierenden Ausblick.
Der kolumbianischen Regierung unter Präsident Alvaro Uribe ist es während des Jahres immer wieder gelungen, trotz massiver Verstrickungen in den Sumpf des Paramilitarismus, den Guerillaverbänden der FARC-EP durch das Eindringen in die Führungsebene und durch gezielte Mordanschläge schwere Verluste zuzufügen. Vor allem die spektakuläre Befreiungsaktion von Ingrid Betancourt zusammen mit einer Gruppe von weiteren Gefangenen der FARC-EP verschaffte dem angeschlagenen Präsidenten weltweit Popularität. Dass diese Aktion weitere Gespräche zur Lösung der Gefangenenfrage unmöglich macht und somit das Schicksal hunderter Gefangener ungelöst bleibt, geriet in den Hintergrund. Ebenso wurde der strikte Kriegskurs des Uriberegimes kaum ernsthaft hinterfragt, dafür aber als erfolgreich dargestellt und damit legitimiert. Hätte Frau Betancourt zusätzlich zu ihren vielen Ehrungen als Krönung noch den Friedensnobelpreis bekommen, wovon sie fest überzeugt war (eine entsprechende Presseerklärung hatte sie bereits verschicken lassen), hätte sich Uribe in ihrem Glanz sonnen können. Diese Peinlichkeit ist der Welt zumindest erspart geblieben.
Merkel reist an
Aufgewertet fühlen durfte sich Uribe nicht zuletzt durch den Besuch der deutschen Bundeskanzlerin im Mai dieses Jahres. Auf dem Weg von Brasilien über Peru nach Mexiko hat sie als erste deutsche Regierungschefin Bogota einen Besuch abgestattet.
Uribe bedankte sich bei der anschließenden Pressekonferenz artig für die dringend benötigte Unterstützung durch Merkels Besuch, schließlich hat sie ja die Nachbarländer Venezuela und Ecuador dafür links liegen gelassen: „Wir erhalten seitens der deutschen Regierung große politische Unterstützung, und zwar aufgrund der Klarheit der Frau Bundeskanzlerin in Hinsicht auf den Terrorismus. (…) Das ist wirklich exemplarisch. Es ist unsere wichtigste Unterstützung, dass diese klare Politik gegenüber dem Terrorismus festgelegt wird.“
Nur wenige Wochen nach der Grenzverletzung im März gegenüber Ecuador, mit der sich Kolumbien in der Region isoliert hatte, musste der Besuch der Bundeskanzlerin wie ein Befreiungsschlag wirken. Denn Merkel stellte nicht den Grenzverletzer an den Pranger. Vielmehr stellte sie klar, wer sich in ihren Augen in der Region problematisch verhält: „Es ist wichtig, dass die Nachbarn (gemeint sind Venezuela und Ecuador) am Kampf gegen den Terrorismus teilnehmen.“ Die Konrad Adenauer Stiftung (KAS) ebenso wie die Friedrich Ebert Stiftung in Bogota deutlich präsent wertete die Merkelreise in ihrem Monatsbericht wie folgt: „In einer Zeit, in der Kolumbien die größten Fortschritte in der Überwindung des … Binnenkonflikts macht, sandte die Bundeskanzlerin ein konstruktives und wichtiges Signal.“. Wie deutlich diese „größten Fortschritte“ konkret aussehen, ist einem aktuellen Bericht (Oktober 2008) von Amnesty International zu entnehmen. Im vergangenen Jahr seien mindestens 1.400 Zivilisten und damit 100 mehr als im Vorjahr durch politisch motivierte Gewalt getötet worden, heißt es in der Studie der Menschenrechtsorganisation unter dem Titel: „Lasst uns in Frieden! Zivilisten im Fadenkreuz des bewaffneten inneren Konflikts in Kolumbien“. Die Zahl der Verschwundenen sei von 180 vor zwei Jahren auf 190 im vergangenen Jahr angestiegen. Auch die Zahl der Flüchtlinge innerhalb des Landes stieg nach Angaben von Amnesty von 220.000 im Jahre 2006 auf 305.000 im vergangenen Jahr. Amnesty kritisiert die Sprachregelung der Regierung, wonach es in Kolumbien keinen Bürgerkrieg gebe, sondern nur einen „Krieg gegen den Terrorismus“, oder dann einen „Krieg gegen den Drogenhandel“; unter diesen Titeln erhalte Kolumbien auch umfangreiche Militärhilfe, namentlich von den USA. Dabei bestehe aber die Gefahr, dass die Menschenrechte ausgeschaltet würden, zumal der Präsident selbst keinen Hehl mache aus seiner Verachtung für Menschenrechtsaktivisten.
Ob die Bundeskanzlerin über die reale Menschenrechtslage in Kolumbien informiert ist, sei dahingestellt. Sie muss zumindest wissen, mit wem sie es zu tun hat und was sie sagt. Unterwegs ist sie zuvörderst als Repräsentantin einer ökonomischen Großmacht mit der Zielrichtung, noch bessere Bedingungen für die Verwertung des Kapitals aus dem Standort Deutschland zu erreichen. Weil die kolumbianische Regierung eine wirtschaftsliberale Politik verfolge, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Land als privilegierten wirtschaftlichen Partner der EU bezeichnet. Als Grundlage für ihre Einschätzung benutzt sie z.B. das Grundsatzpapier der Lateinamerika Initiative der Deutschen Wirtschaft (LAI) „Boomregion Lateinamerika: Potenziale, Risiken und Trends für die Deutsche Wirtschaft“. Dieses Papier wurde extra vor ihrer Reise und für sie verfasst.
Dass Kolumbien zunehmend in den Fokus deutscher Kapitalinteressen gerät, zeigt auch ein weiterer hochrangiger Besuch: Ole von Beust in seiner Funktion als amtierender Bundesratspräsident traf sich im Oktober mit Staatspräsident Alvaro Uribe. Hauptgesprächgegenstand war natürlich die Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen und das Voranbringen eines Freihandelsabkommens mit der EU. Von Beust zeigte sich beeindruckt: „Der Präsident ist ein sehr freundlicher, charmanter und beeindruckender Mann“. Dies dürfte auch zutreffen, wenn bei den Gesprächen die Geschäfte im Mittelpunkt stehen und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ausgeklammert werden. Weniger erfreulich war für Uribe ein Besuch einen Monat vorher in Washington verlaufen. Bei einem Gespräch mit Barak Obama merkte der künftige Präsident an, die fehlenden Garantien zur Überwindung der Arbeitskonflikte und die Zunahme der Angriffe auf Gewerkschafter seien für ihn ein Grund, unter seiner Regierung das Freihandelsabkommen nicht zu unterzeichnen.
Skandalöse Verbrechen des Militärs
Ein sehr konkretes Beispiel „für die größten Fortschritte in der Überwindung des Binnenkonflikts“(KAS) um es zynisch auszudrücken lieferte erst vor wenigen Wochen ein Skandal, der ein bezeichnendes Licht auf die Handlungsweise der kolumbianischen Armee, die militärische Führung, die verantwortliche Regierung und damit auch auf Uribe wirft. Was war geschehen? Im Januar 2008 meldeten Familien aus der Stadt Soacha, einem Vorort von Bogota, etwa 20 Jugendliche als vermisst. Im August wurden elf dieser Jugendlichen von Mitarbeitern einer Spezialeinheit der Staatsanwaltschaft, die sich mit der Identifizierung von in Massengräbern verscharrten Unbekannten beschäftigt, gefunden: Hunderte Kilometer von Bogota entfernt, in der Nähe der venezolanischen Grenze.
Nachdem sich die Medien des Falles angenommen hatten, sah sich der Verteidigungsminister Santos veranlasst, eine Kommission einzusetzen, die zwar nicht einer krassen Menschenrechtsverletzung nachgehen sollte, sondern vielmehr aufzudecken hatte, wo sich die undichte Stelle im Militärapparat befindet. Trotz dieser Vorgabe war der Bericht der Untersuchungskommission derart entlarvend, dass Präsident Uribe und Verteidigungsminister Santos noch am gleichen Tag die Absetzung von 27 Militärs veranlassten, darunter drei Generäle. Ebenso demissionierte General Mario Montoya, Oberbefehlshaber des Militärs als Verantwortlicher. Er hatte erst 2006 das Kommando über die Streitkräfte übernommen. Seitdem erzielten die Truppen größere Erfolge gegen die Verbände der FARC-EP. Montoya gilt auch als Architekt der gewaltlosen Befreiung von Ingrid Betancourt Anfang Juli.
Die ermordeten Jugendlichen waren nur die Spitze des Eisbergs. Wie die „Koordinationsgruppe Kolumbien Europa USA“ in einer Pressekonferenz erläuterte, hat die Hinrichtung von Zivilisten durch die kolumbianische Armee System. Untersuchungen gegen 3000 Militärs wegen extralegaler Hinrichtungen sollen bei der Staatsanwaltschaft anhängig sein. Zwischen 2002 und 2007 seien bisher 955 Fälle dieser Exekutionen registriert worden. Das wäre eine Steigerung von fast 70 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum davor. Nach einem Bericht der kolumbianischen Wochenzeitung Semana gibt es bei den extralegal Hingerichteten des Militärs mehrere Opfergruppen. Darunter sind Jugendliche aus den Armenvierteln der Metropolen, politische bzw. soziale Aktivisten, als Unterstützer der Guerilla Verdächtige und Drogenabhängige. Da Regierung und Militärführung mit Geldprämien für die Denunzierung von vermutlichen Rebellen werben, den Kommandanten die Mentalität des „Body count“ durch schnellere Beförderung schmackhaft machen und diese wiederum unteren Dienstgraden zusätzliche Urlaubstage für das Abliefern getöteter Personen gewähren, kann mit Fug und Recht von erwünschten Handlungen ausgegangen werden. Handlungsbedarf sah die politische Führung in Bogota vor allem wegen der Ankündigung aus Washington, die Militärhilfe zu kürzen. Zwar fällt die für 2009 bereits beschlossene Unterstützung nur unerheblich geringer als die Jahre vorher aus, aber die Amtsübernahme durch Obama lässt für 2010 nichts Gutes ahnen und die sich abzeichnende schwere Wirtschaftskrise dürfte den Spielraum für die Obama Administration zusätzlich einschränken. Schließlich wird die Umsetzung eines Freihandelsabkommens im US-Kongress durch die Mehrheit der Demokraten blockiert, solange miese Nachrichten über die Menschenrechtslage veröffentlicht werden.
Massenproteste überziehen das Land
Im vierten Quartal des Jahres 2008 kam es in vielen Teilen des Landes zu Massenprotesten. Am 23. Oktober führten u.a. der größte Gewerkschaftsdachverband CUT und Fecode, die Gewerkschaft der LehrerInnen einen landesweiten eintägigen Streik durch. An den Großkundgebungen beteiligten sich nach Gewerkschaftsangaben etwa 400.000 Menschen, die bessere Arbeitsbedingungen und ein Ende der Kriminalisierung der sozialen Bewegungen durch die Uribe- Regierung forderten. Mit den gewerkschaftlichen Massenaktionen sollte auch der Streik der Zuckerrohrarbeiter im Südwesten des Landes unterstützt werden. Am 15. September hatten in den Provinzen Cauca und Valle de Cauca mehr als 10.000 Zuckerrohrarbeiter die Arbeit unbefristet niedergelegt und 13 Plantagen besetzt. Sie forderten direkte Arbeitsverträge und eine menschenwürdige Entlohnung. Während die Plantagenbesitzer nicht zuletzt durch Biotreibstoffe Profit in historischem Ausmaß machen, bleiben den Arbeitern Hungerlöhne und sieben Mal vierzehn Stunden Arbeit die Woche.
Die Zuckerrohrarbeiter streiken für fundamentale Arbeitsrechte. Seit sie in sog. Kooperativen „ausgelagert“ wurden, gelten die Arbeiter als Selbstständige ohne Anspruch auf jedwede Art von Sozialleistung. Sie werden nach „Marktpreisen“ bezahlt, die von den Plantagenbesitzern diktiert werden. Der Streik wird von internationalen BeobachterInnen des Red de Hermandad (Netz der Brüderlichkeit und Solidarität mit Kolumbien) begleitet. Bereits Anfang Oktober ist die deutsche Menschenrechtsaktivistin Friederike Müller festgenommen worden, als sie eine Demonstration der streikenden ZuckerrohrarbeiterInnen in Cali begleitete. Friederike Müller wurde anschließend ausgewiesen, zudem wurde ein siebenjähriges Wiedereinreiseverbot gegen sie verhängt. Präsident Uribe verteidigte die Repressionsmaßnahme in äußerst aggressiver Form.
Was haben die gewerkschaftlich organisierten Zuckerrohrarbeiter bisher erreicht? Nach 56 Streiktagen haben die Zuckerrohrschneider ihren Streik beendet: mit beachtlichen Erfolgen, aber ohne das von den Unternehmen aufgezwungene System der kooperativen Kontraktarbeit beseitigen zu können. Deutliche Lohnerhöhungen, Reduzierung der täglichen Arbeitszeit und Verbesserung der arbeitsmedizinischen Versorgung das sind für das Leben der Arbeiter und ihrer Familien wichtige Erfolge, die nur durch äußerste Entschlossenheit zu erreichen waren. Aber die Abschaffung des Systems der sog. Kooperativen grundlegendes Ziel des Streiks gelang nicht.
Am 15. Oktober meldeten vor allem die alternativen Medien, dass im Südwesten Kolumbiens, also in der Gegend, in der die Zuckerrohrarbeiter streikten, sich auch die Indigenas zu massiven Protesten zusammenfanden. Sie wehrten sich gegen Bestrebungen der Regierung, ihren Grund und Boden an Konzerne zu übertragen, wozu gerade gesetzliche Grundlagen geschaffen wurden. Die Proteste richteten sich auch gegen das Freihandelsabkommen mit den USA und gegen den Plan Colombia u.a. wegen der Besprühung der Felder mit Pflanzengiften. Die Indigenas blockierten die zentrale Fernstraße von Popayan nach Cali und forderten mit dieser Aktion ein Gespräch mit dem Präsidenten Uribe, unter dessen Amtszeit bisher etwa 1000 Indigenas Mordanschlägen zum Opfer gefallen sein sollen. Aus Polizeikreisen wurden die an der Straßensperrung beteiligten Indigenas beschuldigt, mit den FARC-EP zusammenzuarbeiten. Die Polzei ging in üblicher Manier gegen die Blockade mit Tränengas und Schüssen vor. Es kam auf Seiten der Indigenas zu Toten und Schwerverletzten. Spiegel-Online nahm am 16. Oktober den Konflikt zum Anlass, die Vorgänge in Kolumbien auf einen ebenso einfachen wie falschen Nenner zu bringen. Das liest sich dann so: „In Kolumbien tobt ein Krieg mit zwei Fronten: Die reguläre Armee kämpft gleichzeitig gegen rechte Paramilitärs und gegen die linksgerichtete Guerilla. Unschuldig zwischen den Fronten: die kolumbianischen Indios.“ Diese Art der Berichterstattung ist symptomatisch, sofern überhaupt aus Kolumbien berichtet wird.
Sofern berichtet wird, spielen die (Des-)Informationen der Konrad Adenauer-Stiftung (KAS) und der Friedrich Ebert-Stiftung eine wichtige Rolle. Sie liefern nicht nur Informationen, vielmehr tragen sie dazu bei, dass sich die Verhältnisse des Landes in eine für die Interessen deutscher Konzerne günstigen Richtung entwickeln. Gleiches gilt für die Tätigkeit dieser Stiftungen in Venezuela:
„Die US-amerikanische Rechtsanwältin und Publizistin Eva Golinger (‚Kreuzzug gegen Venezuela. Der Chávez-Code‘) hat Einrichtungen und Organisationen aus den USA, Deutschland, Spanien und Kanada vorgeworfen, sich massiv in den Wahlkampf zu den gestrigen Regionalwahlen in Venezuela eingemischt und so massgeblich zum Erfolg der Opposition in Caracas, dem Bundesstaat Miranda und anderen Regionen beigetragen zu haben. Namentlich nannte sie die US-Einrichtungen USAID, NED, Freedom House sowie die internationalen Institute der Demokraten und Republikaner, die deutschen Parteistiftungen Konrad Adenauer (KAS) und Friedrich Ebert (FES) sowie die spanische FAES und die kanadische FOCAL.“ (24.11.08)
Aus: Arbeiterstimme 161, Herbst 2008:
Kolumbien:
Schwierige Zeiten für die Guerilla Politische Lösung in weiter Ferne
In der Arsti Nr.156 (Sommer 2007) Todesschwadronen hinter demokratischer Fassade und linker Widerstand sollte aufgezeigt werden, wie einerseits die auf die Person des Präsidenten Uribe ausgerichtete Regierung in Bogota immer mehr im Sumpf des Paramilitarismus versinkt, die Klassenkämpfe trotz widrigster Bedingungen zunehmen und die bewaffneten Organisationen des Widerstandes (FARC-EP und ELN) sich zwar weiterhin außerhalb der Zentren behaupten können, ohne aber einer politischen Lösung näher zu kommen. Der Artikel endete mit dem Hinweis auf eine ominöse Ankündigung des Präsidenten Uribe, die inhaftierten KämpferInnen der Guerilla würden bis zum 7. Juni 07 freigelassen werden. Die Ankündigung musste zu Spekulationen Anlass geben, war es doch Uribes bei jeder Gelegenheit bekräftigte Absicht gewesen, die Guerilla militärisch zu vernichten. Es sollte etwa ein Jahr vergehen, bis sich die Nebel endgültig lichteten und die wahren Absichten des kolumbianischen Regierungshandelns erkennbar wurden. Von einer einseitigen Freilassung der gefangenen Guerilleros war nie mehr die Rede, wenn auch weiterhin diffuse Signale für Verhandlungen zu vernehmen waren. Die Aufrüstung des Militärs wurde forciert und der Kampf gegen die Guerilla verschärft, vor allem in den Gebieten, in denen die FARC-EP ihre Gefangenen für einen Austausch bereit hielt. Die Bedrohung für diese Gefangenen nahm dadurch erheblich zu
Juli 07: Venezuelas Regierung will behilflich sein
Im Juli wurden die Gespräche zwischen der kolumbianischen Regierung und der Nationalen Befreiungsarmee (ELN) in Havanna ergebnislos abgebrochen. Der ELN-Vertreter Pablo Beltran führte das Scheitern auf die Weigerung der Regierung zurück, die Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der Demokratie in den Mittelpunkt zu stellen und sah das Interesse der Regierung nur an der Demobilisierung des ELN und letztlich an seiner Auflösung. Während die Gespräche noch im Gange waren, hatte der venezolanische Präsident Chavez der internationalen Öffentlichkeit einen Vorschlag präsentiert, der die FARC-EP wieder in eine konkrete Verhandlungsposition bringen sollte. Er hatte für den Austausch der Gefangenen von Regierung und FARC-EP sein Land als neutralen Ort angeboten. Ein erstes Treffen zwischen Vertretern der Guerilla und Chavez kam allerdings nicht zustande, weil sich die kolumbianischen Regierung weigerte, auch die an die USA ausgelieferten FARC-Kommandanten Ricardo Palmera (Simon Trinidad) und Anayibe Rojas (Sonia) auf die Verhandlungsliste zu setzen. Den FARC-EP wird oft vorgehalten, sie hätten in der Vergangenheit nicht genügend flexibel auf Verhandlungsangebote reagiert und mehr auf militärische Erfolge gesetzt. Dabei darf nicht vergessen werden, dass für die FARC-EP die Freilassung der gefangenen KämpferInnen stets ein zentrales Anliegen sein musste und gerade in diesem Punkt sich die verschiedenen Regierungen wenig zugänglich gezeigt hatten. Erschwert werden Verhandlungen vor allem auch wegen der Nichtanerkennung der Guerillaverbände als politische Organisationen. Seit der Einbeziehung Kolumbiens in den weltweiten Krieg gegen den Terror sieht sich Uribe in seiner kriegerischen Haltung bestärkt. Er weiß sich gestützt von den USA und der EU. Als EU-Chefdiplomat Javier Solana im Januar dieses Jahres Uribe traf, bekräftigte er die bisherige Praxis und lehnte eine Streichung der FARC-EP von der sog. Terrorliste ab. Außerdem sagte er Uribe die volle Unterstützung der EU beim Kampf gegen den Terrorismus in Kolumbien zu. (jW 23.1.08)
Chavez dagegen forderte die Anerkennung der Guerillagruppen als tatsächliche Armeen.., die ein politisches Ziel verfolgen.
Ein doppeltes Spiel von Anfang an?
Waren Präsident Uribe und die hinter ihm stehenden gesellschaftlichen Kräfte zu Verhandlungen bereit? Heute kann man die Frage eindeutig beantworten: Sie waren es nicht, auch wenn es andere Signale gab. So etwa als Chavez und die linksliberale kolumbianische Senatorin Piedad Cordoba mit einer Vermittlung in Sachen Gefangenenaustausch beauftragt wurden. Parallel dazu liefen nämlich Störaktionen. So wurden im November 2007 Kuriere der FARC-EP, die Videobänder für Chavez bei sich hatten, verhaftet. Dass Uribe von Anfang an ein doppeltes Spiel getrieben hat, wurde endgültig klar, als er am 21. November Chavez und Cordoba per Pressemitteilung das Mandat wieder entzog. Auf Ersuchen von Angehörigen führte Chavez seine Vermittlungstätigkeit weiter und orientierte nun auf eine Freilassung ohne Gegenleistung, um Uribe in Zugzwang zu bringen und der Weltöffentlichkeit zu zeigen, wer von den Akteuren welche Rolle spielt.
Im Ergebnis dieser Bemühungen kündigten die FARC-EP die Übergabe einer Gruppe von Gefangenen an, wobei die Aktion durch die bereits erwähnten verstärkten Kampfhandlungen seitens des Militärs verzögert wurde. Trotz dieser ungünstigen Bedingungen übergaben die FARC-EP schließlich Clara Rojas, Assistentin der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt und die vormalige Parlamentsabgeordnete Consuelo Gonzalez an das Rote Kreuz. Das gefilmte Übergabeszenario sollte später vom kolumbianischen Militärgeheimdienst für eine perfide Inszenierung anderer Art kopiert werden.
Die FARC-EP demonstrierten mit der Übergabe ohne Gegenleistung ihre Bereitschaft zu weiteren Freilassungen und verschafften Chavez die Anerkennung als erfolgreicher Vermittler. Für die Regierung in Bogota war jetzt Propaganda angesagt. Unter der Federführung der CIA mit der Losung Eine Million Stimmen gegen die FARC wurde weltweit für den 4. Februar zu Kundgebungen gegen die FARC mobilisiert. Selbst der Dachverband der Paramilitärs, AUC, war eingebunden. Als für den 6. März von der Linken, von Menschenrechts- und Opferverbänden sowie von Teilen der Gewerkschaften ebenfalls eine Demonstration angekündigt wurde, erklärte ein Regierungssprecher diese als FARC-Veranstaltung, was für die Teilnahmewilligen Lebensgefahr signalisieren sollte.
März 2008: Mord als Mittel staatlichen Handeln
Dass die kolumbianische Regierung bei der Bekämpfung der Guerillaorganisationen im wahrsten Sinne des Wortes keine Grenzen kennt und nicht einmal vor einer groben Verletzung des Völkerrechts zurückschreckt, zeigte sich in der Nacht vom 1. auf den 2. März dieses Jahres. Ein gemeinsamer Angriff von Luftwaffe und Heer jenseits der kolumbianischen Grenze auf dem Gebiet Ecuadors auf ein Feldlager der FARC-EP endete mit einem Massaker. Ziel war Raul Reyes, Sprecher der FARC-EP und in der Hierarchie der Organisation die Nummer 2. Mit ihm wurden über 20 Guerilleros und zufällige Besucher aus verschiedenen Ländern kaltblütig ermordet. Der Leichnam des Kommandanten wurde nach Bogota verschleppt. Die Präzision der Angriffe deutete auf die Mithilfe der USA. Ein hochrangiger Vertreter des kolumbianischen Verteidigungsministeriums bestätigte die Vermutung: Wir gewinnen den Krieg gegen die FARC dank der USA, da sie uns jetzt Informationen übermitteln, die sie früher zurückhielten.
Fidel Castro fasste die wesentlichen Details des Überfalls in knapper Form zusammen: Die Bombardierung eines Lagers auf ecuadorianischem Territorium, in dem kolumbianische Guerillakämpfer und junge Besucher verschiedener Nationalitäten übernachteten,
unter Anwendung US-amerikanischer Technologie, die Okkupation des Gebiets, Gnadenschüsse auf Verwundete und die Verschleppung von Leichnamen als Teil des terroristischen Planes der Regierung der USA, stießen die Welt ab.
Mit dem 59 jährigen Reyes verlor die Guerilla eine kaum ersetzbare Persönlichkeit mit langjährigen Erfahrungen, was Verhandlungen und internationale Kontakte betrifft. 1997 war er in Costa Rica zu einem Treffen mit US-Vertretern zusammengekommen. Reyes Laptop, auf den es der Militärgeheimdienst abgesehen hatte, sollte in der Regierungspropaganda der folgenden Monate eine nicht unerhebliche Rolle spielen.
Der Angriff auf Reyes musste als eindeutige Absage an Verhandlungslösungen gewertet werden. Aber es steckte noch mehr dahinter. Harald Neuber kommentierte: Bei der kolumbianischen Intervention in Ecuador ging es
nicht nur um die Sabotage der zunehmend erfolgreichen Politik des Dialogs mit den kolumbianischen Rebellen, wie sie von Venezuela, Ecuador und anderen Staaten
praktiziert wird. Der Angriff war auch ein Testlauf für künftige Aggressionen des letzten US-Verbündeten in Südamerika gegen die linksgerichteten Staaten der Region. (jW, 5.3.08) In den folgenden Tagen spitzte sich die Lage an den Grenzen Kolumbiens bedrohlich zu. Peter Burghardt kommentierte die Situation in der Süddeutschen Zeitung: Nun haben Ecuador und Venezuela ihre diplomatischen Beziehungen zu Kolumbien abgebrochen und schicken Truppen an die Grenzen. Der latente Zwist im Dickicht der Nachbarländer eskaliert. Bisher blieb es bei Drohgebärden und Muskelspielen. Doch auf einmal wird eine Kriegsgefahr heraufbeschworen, und dies gleich an zwei Fronten. (SZ, 5.3.08) Wie schließlich in den darauffolgenden Wochen die Eskalation zurückgefahren und die drohende militärische Auseinandersetzung abgewendet wurde, kann in diesem Beitrag nicht in der erforderlichen Ausführlichkeit dargestellt werden. Festzuhalten ist aber, dass letztlich die Regierungen von Ecuador und Venezuela auf der diplomatischen Bühne zumindest als politische Gewinner aus dem Konflikt herausgingen und Kolumbiens Präsident Uribe eine einstimmige Kritik der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) einstecken musste.
Die Guerilla bekommtss knüppeldick
Während sich die heftigen Auseinandersetzungen in der nördlichen Andenregion auf zwischenstaatlicher Ebene wieder beruhigten, sollte der Monat März noch weitere üble Überraschungen für die FARC-EP bereithalten. Nur wenige Tage nach Raul Reyes Ermordung fiel Ivan Rios, Kommandant aus der Führungsebene, einem Komplott zum Opfer. Er wurde von einem seiner eigenen Leibwächter, der dafür 2,7 Millionen US-Dollar Kopfgeld von Regierungseite bekommen haben soll, erschossen.
Nur zwei Monate später stellte sich Nelly Avila Morena alias Karina, die nach der Ermordung Ivan Rios die Guerilla in der Region Antioquia übernommen hatte, den Behörden. Kurz vorher hatte der Verteidigungsminister den Tod des Chefcomandante der FARC-EP, Pedro Antonio Marin, bekannt gegeben. So erfuhr die Öffentlichkeit vom Ableben des legendären Gründers der größten Guerillaorganisation Kolumbiens nicht von der FARC-EP selbst, was wiederum Spekulationen über die Art seines Todes nährte. War der meistgejagte Guerillero nach Che Guevara etwa durch eine Militäraktion getötet worden? Um Gerüchten dieser Art den Boden zu entziehen, erläuterte das Sekretariat der FARC-EP die Umstände seines Todes. Über Telesur hieß es, Marulanda sei im Kreis seiner Gefährten am 26. März an einem Herzinfarkt gestorben. Sein Nachfolger sei der theoretische Kopf der FARCEP, der 59- jährige Guillermo Leon Saenz alias Alfonso Cano. Der Anthropologe Cano, der aus der städtischen Mittelschicht stammt, gilt als intellektuell versiert. Ob nun Cano mehr auf eine politische Lösung des Konflikts orientieren kann als sein Vorgänger, wird eher von der Gegenseite zu beantworten sein. Und diese hat sich entschieden und bleibt dabei: Eine Offensive der Armee in Zentralkolumbien, die weiter anhält und bisher zehn Todesopfer forderte, soll laut Regierungsangaben das Ziel haben, den neuen FARC-Chef zur Strecke zu bringen. (ND, 27.5.08)
Während in der ersten Hälfte des Jahres 2008 das kolumbianische Militär mit voller Unterstützung aus aus Washington ohne Rücksicht auf das Leben der von den FARC-EP in Gewahrsam gehaltenen Gefangenen die Kämpfe ausweitete, bereitete der Militärgeheimdienst eine Aktion vor, die nicht nur die internationale Regenbogenpresse in helles Entzücken versetzen sollte.
Juli 2008: Lässt James Bond grüßen?
Etwa um die Mittagszeit landet ein weiß lackierter Helikopter russischer Bauart in einer Lichtung des dicht bewaldeten Dschungels der Provinz Guaviare. Wenige Minuten später hebt die Maschine wieder ab und hat 15 Personen zusätzlich an Bord. Was sich zwischen Landung und Start abgespielt hat, wird von den unmittelbar und mittelbar Beteiligten unterschiedlich dargestellt. Unbestritten ist: Der Hubschrauberbesatzung wurde von einem Guerillakommando der FARC-EP eine Gruppe von Gefangenen übergeben. Darunter befanden sich die prominente Franco-Kolumbianerin Ingrid Betancourt und drei US-Militärberater. Der Ablauf war zunächst von Regierungsseite als filmreife Action à la James Bond dargestellt worden. Schon bald kamen aber Zweifel auf. Ein Schweizer Radiosender berichtete von 20 Millionen Dollar Lösegeld, die geflossen sein sollen. Wochen später ergaben die nach und nach durchsickernden Details ein ganz neues Bild. Inhaftierte Mitglieder der FARC-EP sagten aus, die Soldaten, die die Besatzung des Helikopters bildeten und mit Che Guevara T Shirts verkleidet waren, hätten sich als Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes und des lateinamerikanischen Fernsehsenders Telesur getarnt. Laut CNN habe ein verkleideter Geheimdienstoffizier einen weißen Umhang mit dem Roten Kreuz und dem Schriftzug getragen. Diese Version wurde von Uribe und dem Verteidigungsminister Santos schließlich bestätigt. Ob US-amerikanische und israelische Geheimdienstspezialisten mitwirkten, ist anzunehmen, aber noch nicht zu beweisen. Uribes Regierung musste klar sein: Nach dieser hinterhältigen Aktion war jegliche Grundlage für Verhandlungen mit den FARC-EP bezüglich Freilassung weiterer Gefangener entfallen. Das Sekretariat des Generalstabs der Guerillaorganisation führte in einem Kommunique vom 5.Juli die erfolgreiche Flucht von 15 Kriegsgefangenen auf Verrat zurück. Sie sei die direkte Konsequenz einer verwerflichen Haltung von Cesar und Enrique, die ihre revolutionäre Verpflichtung und das in sie gesetzte Vertrauen verraten hätten. Diese Version ließen die beiden Beschuldigten über ihren Anwalt zurückweisen. Sie hätten kein Geld erhalten und die Befreiung sei einzig eine Operation des Militärgeheimdienstes gewesen. Günter Pohl schreibt in der UZ vom 11. Juli: So oder so: in keinem Fall ist die Version des Militärcoups richtig. Die von fast allen Regierungen sowie deren Medienlandschaft begrüßte gewaltlose Befreiung ist eine konsequente Weiterführung der Politik der Limitierung der kolumbianischen Gefangenendramatik auf den Fall Betancourt, bei dem die Bourgeoisie erstmals mit Recht an ihre eigene Verletzlichkeit erinnert war und die leider seit Monaten auch von den Regierungen der Nachbarländer bedient wird einzig Daniel Ortega hatte die Courage, an die Tausenden von linken politischen Gefangenen in Kolumbiens Knästen zu erinnern.
Einen Tag nach der spektakulären Geheimdienstoperation meldete sich auch Fidel Castro zu Wort. Die bürgerliche Medienmeute zitierte genüsslich einige seiner Anmerkungen, die in der Tat als deutliche Kritik an Praktiken der FARC-EP zu verstehen sind: Zivilisten mussten niemals entführt und die Soldaten nicht als Gefangene im Regenwald gehalten werden. Das waren objektiv grausame Taten. Kein revolutionäres Vorhaben konnte sie rechtfertigen. Castro stellte diese Kritik in einen Kontext, der von den Agenturen nicht zur Kenntnis genommen wurde. Er führte nämlich weiter aus; Wir beobachten mit Sorge, wie der Imperialismus versucht, das, was in Kolumbien passiert ist, auszunutzen, um seine entsetzlichen Genozide an anderen Völkern zu verdecken und zu rechtfertigen, die internationale Aufmerksamkeit von seinen interventionistischen Plänen in Venezuela und Bolivien sowie der Präsenz der IV. Flotte abzulenken. Um Missverständnissen vorzubeugen, ergänzte er zwei Tage später seine Ausführungen dahingehend, dass er die Option des bewaffneten Kampfes der FARC-EP nicht in Frage stellen wollte: Ich lege niemandem nahe, die Waffen niederzulegen. Diejenigen, die dies in den letzten 50 Jahren getan haben, haben dies nicht überlebt. Damit distanzierte sich Castro ob mit Absicht sei dahingestellt von einer Aufforderung , die Chavez bereits im Juni in seiner sonntäglichen Fernsehsendung an den neuen Kommandanten der FARC-EP gerichtet hatte. Alfonso Cano solle den bewaffneten Kampf einstellen, denn: Heutzutage ist eine bewaffnete Guerillabewegung nicht mehr zeitgemäß. Der ecuadorianische Präsident Corea hatte sich Chavez Appell, der auch die Freilassung der Gefangenen durch die FARC-EP beinhaltete, angeschlossen. Chavez und Corea wurden dafür von vielen Linken in Lateinamerika kritisiert. Verständlich ist der Schwenk der beiden Präsidenten aus der Zuspitzung der Bedrohungslage durch die USA, die ihre Militärbasis aus dem ecuadorianischen Manta nach Zentralkolumbien oder sogar in eine Grenzregion zu Venezuela, der einzigen Gegend, die den Einsatz von Panzern zulässt und nahe an den westlichen Ölfeldern liegt, verlegen wollen und damit in Verbindung mit der 4. Flotte Venezuela militärisch in die Zange nehmen könnten.
Deprimierender Ausblick
Nach der gelungenen politischen und medialen Vermarktung von Frau Betancourt (die unappetitlichen Details werden als bekannt vorausgesetzt) in ihrer Rolle im Kampf gegen den Terror, die sich im Sinne der Auftraggeber optimal in Szene zu setzen wusste (inklusive Papstbesuch), ist Kolumbien wieder weitgehend aus den Medien verschwunden. Dass Präsident Uribe im August vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss erscheinen musste, um mit Bestechungsvorwürfen im Zusammenhang mit seiner Wiederwahl konfrontiert zu werden, interessierte den Medienmainstream nicht besonders. Dagegen begleitete man aufmerksam gezielt gestreute Hinweise aus Geheimdienstkreisen, die Verbindungen vom Laptop des Kommandanten Raul Reyes zu europäischen Politikern der Linken von Spanien über Italien ( Rifondazione Comunista ) bis zur deutschen Linkspartei belegen sollten. Über den tatsächlichen Zustand der FARCEP nach den schwerwiegenden Verlusten auf der Führungsebene gibt es nur Vermutungen. Über Desertionen in größerem Ausmaß wurde gemunkelt. Wie dem auch sei, den FARC-EP wird derzeit keine Alternative zum Weiterkämpfen ermöglicht. Nachdem sich die Regierung mehr denn je einer politischen Lösung des Konflikts verweigert, die USA und die EU diese Haltung weiterhin unterstützen, gibt es keinen Grund zur Hoffnung. Auch die deutsche Regierung trägt ihren Teil zur Verschärfung des Konflikts bei.
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Das rote Mandarinat
Zum Charakter der chinesischen Gesellschaft
Vorbemerkung: Nicht alle Schlußfolgerungen in nachstehendem Artikel kann die Redaktion teilen. Die gelegentlich provokanten aber historisch belegten Thesen wollen wir aber unseren Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten.

Seit einiger Zeit wird eine lebhafte Debatte um China jüngst im ND 15.8.) geführt, und das ist gut so. Damit wird eine wirtschaftliche Großmacht an der vierten oder fünften (je nach Zählung) Stelle in der Welt und ein an Bedeutung wachsender weltpolitischer Akteur in den Blick genommen.
Meistens werden allerdings zwei wichtige Momente der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft ausgeblendet: die historische Geschiebefracht des mit ca. 3000 Jahren ältesten noch existierenden Reiches der Welt und der gesellschaftliche und politische Charakter des heutigen Chinas. Beides hängt miteinander zusammen und prägt sich in der dominierenden Rolle des roten Mandarinats im gegenwärtigen Übergang aus. Mandarine, ein Sanskrit-malaiisch-portugiesischer Mischausdruck bezeichnet die (konfuzianisch) gelehrten Beamten, die Rückgrat und Führungsschicht des traditionellen Chinas bildeten, das erst 1911 sein Ende fand. Es war allerdings alles andere als statisch gewesen, sondern durchlebte einen permanenten Zyklus aus Kontinuität und oft revolutionärem Bruch, dessen Leitsymbol die friedliche und gerechte Regierung des Kaisers über seine zu 95 % aus Bauern bestehenden Untertanen darstellte; war sie vernachlässigt, wurde sie gewaltsam von unten wieder hergestellt, ohne dass (mit der Ausnahme der Taiping-Revolte im 19.Jh.) die Herrschaft des Himmels je als solche in Frage gestellt worden wäre. Es gab wohl eine Kaufmannsklasse, doch war sie stets politisch subaltern geblieben. So konnte sie auch nach der Revolution von 1911 nicht als Träger einer bürgerlich-demokratischen Entwicklung Chinas dienen. Die nachfolgende korrupte und verheerende Herrschaft der Kuomintang, die japanische Aggression und der jahrelange Bürgerkrieg der Kommunisten mit beiden, endeten 1948 mit dem Sieg der Revolution., vollbracht durch die Bauern mit einem kleinen Anteil Arbeiter und (führender) Intellektueller.
Während die Mao-Zeit als rote Version der kaiserlichen Autokratie auftrat und vergeblich mit ungeheuren Kosten einen chinesischen Sozialismus aus dem Boden zu stampfen versuchte, ist das Land seit Deng Xiaoping vor 30 Jahren in einen Reformkurs eingeschwenkt. Dieser verdankte sich zwei fundamentalen Aufgaben: Er hatte die Produktivkräfte zu entfesseln, um das Massenelend im Land zu beseitigen und zweitens eine good governance mit einem Mindestmaß an Partizipation seitens des Volkes entfalten. Ist es möglich, die Etappe der bürgerlichen Umwälzung der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse in einem zurück gebliebenen Land zu überspringen und sogleich mit dem Aufbau des Sozialismus zu beginnen? Die Antworten darauf fielen sehr unterschiedlich aus. Immerhin galt es, die Industrielle Revolution in Europa, die 250 Jahre gedauert und ungeheure Opfer erfordert hatte, im Zeitraffer durchzuführen. Die stalinistische und maoistische Version blieben in Verbrechen und Ineffizienz stecken.
Es ging darum, in einer primären Akkumulation überhaupt erst die Grundlagen für einen historischen Aufschwung des Volkswohlstands zu schaffen. Allerdings, schrieb Marx, sind die Methoden der ursprünglichen Akkumulation alles andere als idyllisch... Sie bilden den historischen Scheidungsprozeß von Produzent und Produktionsmittel...Die Expropriation des ländlichen Produzenten, des Bauern, von Grund und Boden bildet die Grundlage des ganzen Prozesses. Ihre Geschichte nimmt in verschiedenen Ländern verschiedene Färbung an... (Das Kapital I, MEW 23, S.742 pass.) und gilt nicht nur für den Kapitalismus. China (wie auch Indien) dominierten zwar um 1800 die Manufakturproduktion und den Handel in der Welt, aber kraft der industriekapitalistischen Entwicklung im Westen gerieten sie ins Hintertreffen.
Die europäischen Gesellschaften gingen ins Rennen, das sie politisch mit dem aufgeklärten Absolutismus, ökonomisch mit dem Merkantilismus und sozial mit der bürgerlichen Revolution sowie der Bauernbefreiung zu lösen versuchten. Diese verwandelte die gebundenen Subjekte in freie Objekte und Lieferanten von Arbeitskräften für die sich entwickelnde kapitalistische Marktproduktion. Vor einer analogen Aufgabe steht heute China. Sich das Mehrprodukt der Bauern und der Arbeiter anzueignen, um die gesellschaftliche Entwicklung zu ermöglichen, ist eine Sache, die Form, in der das geschieht, eine andere. Meine Behauptung lautet: Der Prozeß steht in China unter der Ägide des aufgeklärten Absolutismus (Parole: Alles für, nichts durch das Volk!) eines roten Mandarinats. Inwieweit dieses willens und fähig ist, die angesprochene historische Aufgabe in einem dramatischen Wettlauf mit der Zeit, dem Bevölkerungsdruck und der Konkurrenz seitens der überlegenen kapitalistischen Länder auf angemessene Weise, d.h. möglichst schnell, reguliert und unter minimierten sozialen, politischen und ökologischen Kosten wahrzunehmen, das sollte die Meßlatte des Urteils bilden.
Der Sprung des Tigers
Alle wissen und reden von der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung Chinas in den letzten 15 Jahren. Doch ist es vor allem Wachstum im technisch einfachen Billiglohnbereich und ist exportgetrieben. Die Kehrseiten liegen in Überkapazitäten und notleidenden Krediten, maroden Staatsunternehmen und einem wenig wirksamen Bankensektor. Premier Wen Jinbao selbst bezeichnete das exorbitante Wirtschaftswachstum als in Wirklichkeit unausgeglichen, unkoordiniert, instabil und nicht nachhaltig. Vollkommen ungeklärt sind auch die Rolle der wachsenden Privatwirtschaft, der Privatisierung des Finanzsektors, abnehmender Kapitalverkehrskontrollen und der möglichen Freigabe des Wechselkurses.
Stofflich bildet Energie die Achillesferse des Aufschwungs. Zwar wird sie meist aus Kohle gewonnen mit den entsprechenden Kosten an Menschenleben (mangelnde Arbeitssicherheit) und in der Umwelt. Die Ölimporte stammen vorwiegend aus der Golfregion, und es ist abzusehen, dass China beim Machtpoker um afrikanisches oder zentralasiatisches Öl mitzuspielen gedenkt. Dadurch sowie durch die (meist in US-Schatzbriefen angelegten) strategischen Devisenreserven von mehr als einer Billion Euro ist China ein Bestandteil der Welt geworden (Yu-run Lian). Das drückt sich u.a. durch den Eintritt in die Regelsysteme des internationalen Handels wie IMF, Weltbank und schließlich WTO aus, die nun auch dem chinesischen Einfluß offen stehen.
Chinas Entwicklung ist nicht als sozialistische Gegenbewegung zur kapitalistischen Globalisierung zu begreifen, vielmehr als Versuch die Bedingungen zur Integration in den Weltmarkt selbst mit zu beeinflussen und ihn zur Zündung einer eigenständigen Industrialisierung zu nutzen, schreibt Mario Candeias zu recht. (ND, 15.8.2008) Die asymmetrische Supermacht (Joshua Cooper) ist vor allem für Entwicklungs- und Schwellenländer attraktiv. Peking bemüht sich in strategischer Konkurrenz zu den Amerikanern um regionale Kooperationen in Mittelasien und Nahost.
Die Politik der Staats- und Parteiführung sieht sich noch immer mit den vier Modernisierungen Deng Xiaopings in der Pflicht. Sie hat den Klassenkampf aufgegeben zugunsten der Entwicklung einer harmonischen Gesellschaft. Der party state fungiert als Kommandozentrale der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung sowie als nationale Klammer in einem Vielvölkerstaat. Es ist schlechterdings undenkbar, wie die gesellschaftlichen Probleme derzeit anders gelöst werden könnten. Aber seit der Einführung der Wirtschaftsreformen, der Privatisierung von unten und eines regionalen Multilateralismus, den zunehmenden Wahlen auf unterer Ebene, des ansatzweisen Aufbaus eines Rechtssystems steigen die Partizipation und die Transparenz der Regierungstätigkeit. Es muß offen bleiben, welche Folgen das für Machtstrukturen und Steuerungsfähigkeit hat. Kommt ein fragmentierter Autoritarismus (Heberer)? Nach wie vor muß und will der Staat sozialregulierend tätig sein. Die vermutlich bis 2013 im Amt befindliche Regierung Wen strebt eine Erhöhung der Energieeffizienz um 20 % und eine streng umgesetzte Umweltgesetzgebung an. Vor allem soll bis dahin allen Chinesen eine kostenlose Schulbildung, soziale Grundsicherung und Krankenversorgung garantiert werden. Die Teilprivatisierung des Staatsapparats sowie die neue Bourgeoisie im Sinokapitalismus (Bodo Zeuner) könnten den wohlmeinenden Regierungsabsichten einen Strich durch die Rechnung machen.
Es braucht nicht zu verwundern, dass die sog. externen Kosten des Aufschwungs nicht ausbleiben. Es sind dies vor allem drei: der Bauer, die Natur und der Konsument. Eine neue Mittel- und Oberklasse macht sich breit. Zu zahlen haben in erster Linie die Bauern. Die rücksichtslose Industrialisierung schädigt nachhaltig die Umwelt. Mindestens scheint sich auf dem Gebiet der Verrechtlichung der Sozialbeziehungen und konflikte etwas zu tun (vgl. Rolf Geffken, ND 11.3.2006), nachdem die Kulturrevolution hier praktisch ein Nichts hinterlassen hatte. Entgegen weit verbreiteter Ansicht ist China das streikfreudigste Land der Welt. Ein neues Arbeitsgesetz verbessert die Vertrags- und Abfindungslage der (Wander)Arbeiter. Das ist umso wichtiger, als immer weniger von ihnen in staatlichen Betrieben mit eiserner Reisschüssel arbeiten. Ein Sozialversicherungssystem steckt noch in den Anfängen.
Es ist zweifellos ein riskanter Ritt, auf den sich der chinesische Tiger eingelassen hat. Die Führung selbst steuert, wie es scheint, einen entschlossenen Reformkurs mit sozialen und ökologischen Korrekturen. Im Auftrag der KP ist ein von ihren Intellektuellen verfasster Bericht Der Sturm der Festung. Ein Forschungsbericht über die politische Systemreform nach dem 17. Parteitag erschienen und hat in diesem Jahr für Aufsehen gesorgt und reißenden Absatz gefunden. Das Dokument fordert einen Rückbau der staatlichen Macht und ihre Neuverteilung unter zivilgesellschaftlichen Akteuren. Ganz im Stil der philosophischen Debatte des aufgeklärten Absolutismus in Europa verlangen sie die Teilung der drei Gewalten im Staat. Die Pressefreiheit sei ebenso unverzichtbar wie künftige Wahlen zum Volkskongreß, der als Parlament mit einer zweiten Kammer agieren solle. Zunächst soll es eine moderne Zivilgesellschaft geben und erst später eine reife Demokratie, analog zur Wirtschaftsentwicklung, wo es zunächst zum kleinen Wohlstand und dann zum großen komme. Das shi (Mandarinat) wird das zu beweisen haben.
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Islamisten, Nationalisten, Neoliberale
Die Türkei nach den Wahlen
Die Türkei hat gewählt das Parlament und dieses wiederum den Staatspräsidenten. Die Ergebnisse sind bekannt, die konservativ/neoliberale AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) siegte haushoch und stellt nun auch das Staatsoberhaupt. Sie ist mittlerweile nicht nur auf dem Land, sondern bis auf wenige Ausnahmen auch in allen Metropolen der Türkei die stärkste politische Partei geworden. Selbst in kurdischen Regionen ist es ihr meist gelungen die kurdische Bürgerrechtsbewegung zu überflügeln.
Den Wahlen vorangegangen war eine Staatskrise, die dadurch ausgelöst worden war, daß die Wahl des Kandidaten der AKP für das Amt des Staatspräsidenten durch ein Gerichtsurteil für nichtig erklärt worden war. Neuwahlen wurden beschlossen, mit enttäuschendem Ausgang für die sogenannten Sozialdemokraten von der CHP (Republikanische Volkspartei), die Generäle und die sonstige Staatsbürokratie.
Tatsächlich gibt es zwischen den bürgerlichen Parteien nur geringe politische Unterschiede. Alle wollen/müssen die IWF-Programme durchführen, alle sind sich darin einig die Arbeiterbewegung mit allen Mitteln nieder zu halten.
Wer und was ist die AKP?
Die AKP ist die neoliberale Partei der neuen, anatolischen, islamisch gefärbten türkischen Bourgeoisie und eine Abspaltung der Wohlfahrtspartei. Diese Richtung in der türkischen Parteienlandschaft war in den 70ern des letzten Jahrhunderts vor allem in der Provinz verankert. Ihr Gründer und außerdem der Ziehvater des heutigen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan war Necmettin Erbakan. In Anlehnung an den islamischen Glauben, wetterte er gegen Zins und freie Marktwirtschaft und trat für eine gerechte Ordnung ein. Mitte der 90er Jahre gewann die Wohlfahrtspartei Erbakans über 20% der abgegebenen Stimmen und wurde stärkste Kraft.
Die 90er Jahre waren in der Türkei vor allem geprägt von Krieg und Vertreibung in Kurdistan, diversen Banken- und Finanzskandalen und ungeklärten politischen Morden, verübt von einem üblen Bündnis aus ehemaligen Grauen Wölfen, der daraus entstandenen Mafia und staatlichen Sicherheitskräften.
Die Wohlfahrtspartei versuchte im Vertrauen auf ihren Wahlerfolg die Gesellschaft nach ihrem Weltbild islamischer zu gestalten. Dies abenteuerliche Unterfangen wurde schon bald beendet: Das Militär ließ ein paar Panzer auffahren und Erbakan erkannte den Ernst der Lage und trat zurück. 2001 spaltete sich ein Teil der vor allem jüngeren Kader ab und gründete die heutige AKP. Die Wohlfahrtspartei wurde verboten und ihre Nachfolgepartei dümpelt heute bei 2%.
Die AKP definiert sich selbst als eine konservative Partei und ist bedacht darauf sich vom politischen Islam zu distanzieren. Sie versucht ihr Image in der Öffentlichkeit dadurch zu verbessern, dass sie führende Positionen mit Jungmanagern oder jungen Frauen ohne Kopftuch, erfolgreich und unabhängig zu besetzen. Auch viele enttäuschte Ex-Linke und Bürgerlich-Liberale haben in der AKP eine neue Heimat gefunden. In dem neu gewählten Parlament ist in der AKP-Fraktion der Frauenanteil am höchsten. Natürlich existiert innerhalb der AKP weiterhin ein reaktionär-islamischer Flügel. Diese Fraktion ist aber auf Führungsebene relativ bedeutungslos. Die Parteiführung ist stramm neoliberal, wobei sie sich mittelfristig in den Widersprüchen verschiedener Erwartungen verfangen wird: Ihre Wählerschaft besteht aus städtischer und ländlicher Armut, religiös oder auch nicht, die von ihr soziale Reformen und die Verbesserung ihrer materiellen Lage erwarten.
Niederlage der Putschisten
Der Wahlerfolg der AKP hat mehrere Ursachen. In den Jahren 1999 bis 2001 durchlebte die türkische Wirtschaft eine schwere Krise. Durch die Liberalisierung der Märkte, den Abbau von Schutzzöllen und erleichterten Kapitalverkehr brachen etliche Klein- und Mittelbetriebe zusammen. Mitte 2000 erschütterten dazu eine Reihe Bankenzusammenbrüche den Finanzmarkt. 18 Banken wurden unter staatliche Kontrolle gestellt, die türkische Lira um 40 Prozent abgewertet, das Bruttoinlandsprodukt ging um zehn Prozent zurück. Der Staat stand kurz vor dem Bankrott und war nur durch massive IWF-Kredite zahlungsfähig. Die Kosten der Bankenkrise beliefen sich für die Steuerzahler auf ca. 44 Milliarden Dollar. Die Inflationsrate betrug zwischen 1990 und 2000 durchschnittlich 75,2 Prozent und noch 2001 68.5 %. Die Löhne im privaten Sektor sanken von 1998 bis Anfang 2003 um fast 20 Prozent, die Arbeitslosigkeit stieg allein zwischen Sommer 2000 und 2001 um eine Million. Wenn man berücksichtigtt, daß schon zwischen 1991 und 1995 die abhängig Beschäftigten einen Rückgang der Reallöhne um 58 Prozent im Privatsektor und um 41 Prozent im Staatssektor hinnehmen mussten, kann man die Dimension der Verarmung erahnen.
Die bis dahin im Parlament vertretenen Parteien hatten jegliche Basis in der Bevölkerung verloren und galten als unfähig und korrupt beides stimmte.
Bei den Parlamentswahlen im November 2002 gewann die neugegründete AKP auf Anhieb 34 Prozent der Stimmen, die CHP knapp 20%. Wegen der bestehenden 10%-Hürde, waren 45 Prozent der abgegebenen Stimmen nicht im Parlament vertreten. Die in der Folgezeit einsetzende allmähliche Stabilisierung der Wirtschaft wurde als Verdienst der AKP angesehen.
Seit Oktober 2005 laufen die Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der Europäischen Union. Dafür mußten einige Grundbedingungen erfüllt werden, unter anderem die Anerkennung der Existenz der nationalen und religiösen Minderheiten in der Türkei. Die vorsichtigen Reformen des Strafrechts der Regierung Erdogan wurden von Anfang an von der CHP wütend bekämpft. Die CHP, nach Eigendefinition eine sozialdemokratische Partei hat sich vor allem unter ihrem aktuellen Parteivorsitzenden Deniz Baykal (übrigens einer der stellvertretenden Vorsitzenden der Sozialistischen Internationale) immer mehr nach rechts entwickelt. Sie ist extrem nationalistisch und antidemokratisch. Ihre antiimperialistische Terminologie unterscheidet sich nur geringfügig von der faschistischen MHP.
Dieser parlamentarische- und der rechte Flügel der außerparlamentarischen Opposition setzten zunehmend auf die nationalistische Karte. Die Beerdigungen der im Krieg gegen die PKK getöteten Soldaten gerieten regelmäßig zu nationalistischen Kundgebungen, an denen Faschisten, sozialdemokratische Politiker und hohe Militärs teilnahmen. Die Propaganda dieser Nationalisten beschränkte sich nicht nur auf dem Ruf nach Rache für die getöteten Soldaten, sie beschuldigte auch die kurdische Bürgerrechtsbewegung der verlängerte Arm der PKK zu sein. Ergebnis ist seit 2005 eine Zunahme der Anschläge auf die Parteibüros der Kurdenparteien und die Häufung politischer Morde und Lynchversuche des Pöbels an Kurden in den türkischen Städten. Auch die Ermordung des armenischen Intellektuellen Hrant Dink und christlicher Geistlicher in den vergangenen Jahren müssen in diesem Zusammenhang gesehen werden.
Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund stand nun die Wahl des neuen Staatspräsidenten an. Als klar wurde, daß die AKP zu keinerlei Kompromissen bereit war und den eigenen Kandidaten zum Staatsoberhaupt wählen würde, mobilisierten die CHP, verschiedene Frauenorganisationen, kemalistische Vereine und diverse nationalistisch-faschistoide Organisationen unter wohlwollender Beobachtung und mit freundlicher Unterstützung der Generalität gegen den politischen Islam und für Laizismus. Im April 2007 beteiligten sich Abermillionen in westtürkischen Städten an Kundgebungen. Obwohl diese Kundgebungen nach außen den kruden türkischen Nationalismus sichtbar machten auch hiesige Medien zeigten die Bilder riesiger roter Meere aus türkischen Fahnen waren die Gründe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer recht unterschiedlich. Auffällig war die große Beteiligung der (türkischen, städtischen) Frauen, die sich tatsächlich vor einer Islamisierung der Gesellschaft fürchten.
In dieser Stimmung wurde boykottiert von der CHP im Parlament im dritten Wahlgang der Kandidat der AKP Abdullah Gül zum Staatspräsidenten gewählt. In der Nacht vor dem letzten Wahlgang veröffentlichte die Armeeführung ein Kommunique auf ihrer Website, in dem sie vor der Islamisierung der Gesellschaft warnte und bekräftigte die Armee stünde weiterhin bereit den säkularen Charakter der Republik zu verteidigen. Diese Veröffentlichung wurde so verstanden wie sie gemeint war: Als Androhung eines Putsches. Das von der CHP angerufene Verfassungsgericht knickte ein und erklärte den Wahlvorgang zum Staatspräsidenten für nicht verfassungskonform. In dieser Lage herrschte Einigkeit darüber, die Parlamentswahlen vorzuziehen.
Die CHP erhoffte sich von ihrer nationalistischen und säkularen Orientierung einen erheblichen Stimmenzuwachs. Doch die nationalistische Stimmungsmache half nur der faschistischen MHP (Partei der Nationalistischen Bewegung), sie erhielt 14,2 Prozent der abgegebenen Stimmen, die CHP kam knapp auf 20,9% und das auch nur deshalb, weil sie mit einer anderen national-sozialdemokratischen Partei, der DSP Demokratische Linkspartei, eine Listenverbindung einging. Die Wählerinnen und Wähler wählten AKP, weil sie an eine Islamisierung der Gesellschaft nicht glauben (bzw. ein kleiner Teil sich vielleicht genau das erhofft) und über das Verhalten des Militärs und der nationalistischen Parteien entsetzt waren. Die AKP hätte diesen Erfolg ohne die Einmischung des Militärs und ohne die nationalistische Mobilisierung der Sozialdemokraten niemals erreicht. Viele Stammwähler der CHP wendeten sich von ihr angeekelt ab.
Laizismus und Religion in der Türkei
Die Religion spielte in der Türkei bis vor kurzem in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Ein Grund mag darin liegen, daß der Volksislam nicht zu besonderer Frömmigkeit und Radikalität neigt. Zum anderen sahen die Republikgründer die Ursache der Unterentwicklung des Osmanischen Reiches unter anderem im Islam. Dies und einige mißglückte Aufstände mit religiösen Motiven bestärkte die kemalistische Elite in ihrem Misstrauen gegen den Islam. Sie schafften das Kalifat, die oberste Autorität im Islam, 1924 ab. Abgesehen von tragischen Witzfiguren wie dem Kalifen von Köln ist die islamische Welt seitdem ohne Oberhaupt. Auch Religionsunterricht gab es bis zum Putsch 1980 in den Schulen nur als Wahlfach. In den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurde sogar zum Entsetzen der Gläubigen der Ruf des Muezzins in arabisch (Sprache des heiligen Buches, vergleichbar dem Lateinischen im Christentum) verboten. Stattdessen mussten sich die Gläubigen nun in profanem Türkisch anhören, daß sie sich schleunigst in die Moscheen begeben sollten. Die Kaftane der Vorbeter wurden als Berufsbekleidung bezeichnet, deren Tragen außerhalb der Gebetshäuser verboten war.
Die andere Seite des türkischen Laizismus besteht darin, daß der türkische Staat ein Amt für Religiöse Angelegenheiten unterhielt und unterhält, mit tausenden, staatlich bezahlten (sunnitischen) Geistlichen, staatlich bezahlten Moscheen usw. Nach dem Putsch 1980 wurde der Islam als gesellschaftliches Gegengift gegen linke Bewegungen eingesetzt. Jeder neugegründete Stadtteil bekam noch vor dem Schulgebäude seine Moschee, Religionsunterricht wurde Pflichtfach und überall wurden theologische, islamische Gymnasien für den geistlichen Nachwuchs errichtet. Ihre Absolventen bekamen Zugang zu den Universitäten. Der Laizismus der alten Eliten bestand darin, nur die sunnitische Spielart des Islam zuzulassen, sie gleichzeitig zu kontrollieren und islamische Bewegungen von der Staatsmacht fern zu halten.
Und die Linke?
Die Linke war nicht in der Lage sich als Alternative zu den bürgerlichen Parteien darzustellen. Bis kurz vor den Wahlen gab es Auseinandersetzungen darüber in welcher Form man sich daran beteiligen soll. Die kurdische DTP (Partei der demokratischen Gesellschaft), die Partei der Arbeit (EMEP) und die Partei der sozialistischen Demokratie (SDP) einigten sich darauf gemeinsame, unabhängige Kandidaten aufzustellen, um so die 10-Prozent-Hürde zu umgehen. Die ÖDP (Partei der Freiheit und der Solidarität) beteiligte sich an diesem Bündnis nur partiell, nämlich dort wo sie selbst den unabhängigen Kandidaten stellte, ansonsten trat sie mit ihren eigenen Listen an. Die TKP (Kommunistische Partei der Türkei) ging eigene Wege und kandidierte in der ganzen Türkei alleine.
Die Ernüchterung war groß: Von über 35 Millionen abgegebenen Stimmen erhielt die türkische Linke gemeinsam mit der kurdischen DTP unter zwei Millionen! Die Unabhängigen zogen zwar in Fraktionsstärke ins Parlament ein, doch das Ergebnis blieb weit unter den Erwartungen. Mit ein Grund dafür war sicherlich neben den Konkurrenzkandidaturen die nur auf nationale Identität abgestellte Politik der kurdischen DTP. Es ist offensichtlich, dass dieser Politikansatz, der noch in 90ern Millionen von Anhängern hatte, gescheitert ist. Aber auch die sozialistische Linke muß aus dieser Niederlage ihre Lehren ziehen.
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Die Deutsche Linkeund die chilenische Erfahrung
Eine Sammelrezension -
In der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift wurden am Ende des Artikels zum 30. Jahrestag des Militärputsches in Chile einige der Probleme formuliert die sich aus dieser Geschichte für die sozialistische Linke ergeben. Sie wird darauf Antworten finden müssen, wenn der zukünftige Kampf für eine andere Gesellschaftsordnung erfolgreicher verlaufen soll. Für diese Ausgabe wurde ein Text angekündigt, in dem untersucht werden sollte, ob sich die deutsche Linke diesen Fragen stellt und welche Antworten sie gefunden hat. Dieses Versprechen kann leider nicht eingelöst werden. Es gab anläßlich des Jahrestages viele Beiträge die auch Lehren aus der Geschichte ziehen wollten. Meist lief es aber darauf hinaus, aufs neue die Positionen zu präsentieren, mit denen die jeweilige Strömung schon das Projekt der Unidad Popular begleitet hat. Einen selbstkritischen Text, der die eigene Position mit dem realen Geschehen vergleicht, hat es bei der organisationsgebundenen Presse nicht gegeben. Im folgenden Text wird auf einige Beiträge hingewiesen, die dem Rezensenten positiv oder negativ aufgefallen sind. Abschließend findet der Leser eine Entgegnung auf eine zentrale Aussage von Winfried Wolf, die sich in seinem Blick auf die bürgerlichen Medien findet.
Die nicht zu überblickende Zahl von Artikeln zum Thema Chile zeigt, daß die Linke in Deutschland noch nicht so tief gesunken ist, wichtige Ereignisse einfach zu vergessen. Aufgrund der Doppelbedeutung die das Datum 11. September inzwischen hat, zeigt sich daran ein noch vorhandener Selbstbehauptungswille. Er kann vielleicht dazu beitragen, daß sie eines Tages lernt ihre Schwächen zu überwinden. Dieses zahlreiche Erinnern hat noch einen weiteren Aspekt, der vielen nicht bewußt sein wird. Die Autoren erkennen damit an, wenn auch auf indirekte Weise, daß Allende ein aufrechter und verdienter sozialistischer Genosse war. Auf diesen Punkt muß extra hingewiesen werden, da in vielen Texten Allendes Integrität in Frage gestellt wird. Es werden einzelne Zitate und Handlungen aufgeführt, mit denen dann bewiesen wird wie naiv Allende gewesen sein soll. Dabei wird in keiner Weise bedacht, ob er in seiner Funktion als Präsident überhaupt anders reden und handeln konnte. Das Problem, mit dem sich jeder sozialistische Betriebsrat herumschlagen muß, machte auch Allende und der Unidad Popular zu schaffen. Das Verbinden des aktuell Machbaren mit dem sozialistischen Ziel der Überwindung des Kapitalismus. Das wahrscheinlich widerwärtigste Beispiel findet sich in der Nr. 101 der Zeitschrift Avanti. Dort wird Allende doch tatsächlich unterstellt, ein Vertreter des kleinen und mittleren Kapitals gewesen zu sein. Damit diese Aussage dem Rezensenten überhaupt geglaubt wird, hier der Originalwortlaut: Der größere Teil der chilenischen Kapitaleigner, die kleinen und mittleren UnternehmerInnen, wollten aber von einer gesteigerten Kaufkraft der ArbeiterInnen profitieren. Für die Schaffung eines eigenen chilenischen Marktes brauchten sie einen starken Bündnispartner Allende hatte das Vertrauen der ArbeiterInnenklasse und schien daher genau der Richtige für diesen Job. Ging es Allende also um den Aufbau des Sozialismus oder um die Schaffung eines Unternehmer-freundlichen Klimas in Chile? In seinen Reden konnte er noch gleichzeitig die Träume der UnternehmerInnen und der ArbeiterInnen nähren. Bald zeigte sich aber, auf wessen Seite er wirklich stand. Zwei Absätze weiter findet sich dann die Seite auf der er angeblich stand: In vielen Fällen besetzten ArbeiterInnen ihren Betrieb, um die Verstaatlichung herbeizuführen. Allendes Antwort: Die Fabriken wurden von der Polizei geräumt und an ihre Besitzer zurückgegeben. Selbstverständlich wird diese Behauptung in keiner Weise belegt. Es ist wahrscheinlich, daß die Polizei damals besetzte Fabriken geräumt hat. Aber kann man dann Allende die Schuld dafür geben? Chile war ein Rechtsstaat. Der Besitzer wird sich also an ein bürgerliches Gericht gewandt haben. Mit dem so erwirkten Räumungstitel wird ihm die Polizei geholfen haben, wieder die Verfügungsgewalt über seinen Besitz zu erlangen. Also ein ganz normaler Vorgang in dem ein Eingreifen des Präsidenten nicht vorgesehen ist. Man muß so formal argumentieren, um den Schwachsinn der gegen Allende gerichteten Vorwürfe herauszuarbeiten. Ein Präsident kann einen bürgerlichen Staatsapparat nur in dem Maße bewegen, wie die einzelnen Menschen, die diesen Apparat bilden, bereit sind zu folgen. Konservative Richter werden sich nicht auf die Bitte eines sozialistischen Präsidenten auf revolutionäre Positionen begeben. Sie werden, wenn überhaupt, nur entsprechende Gesetze umsetzen. Dieser Sachverhalt sollte auch dem Autor von Avanti bekannt sein. Er müßte also erklären, wie Allende zu den passenden Gesetzen hätte kommen können. Doch diese Mühe macht er sich nicht! Wenden wir uns der UZ zu. Welcher Teufel hat eigentlich die Redaktion geritten, daß sie am 5. September einen Text zu den letzten Minuten von Allende veröffentlichte? Dort wird behauptet, daß er in einem Schußwechsel mit einer Militärpatrouille starb. Zu diesem Thema hätte sie besser ihren Interviewpartner Mario Berrios Miranda, laut UZ Repräsentant der KP Chiles in Deutschland und nach antifa Vertreter der Chile Freundschaftsgesellschaft Salvador Allende e.V., befragt. Berrios neigt zwar zu Übertreibungen, wie man an seinem Text in der August/September Ausgabe der antifa (Hg. VVN-BdA) sehen kann, er kennt aber die Grenzen solchen Verhaltens. Er spricht dort ganz allgemein vom Putsch in Chile der zum Tod des Präsidente Salvador Allende ... führte. Mit dieser Formulierung kann einem dann nicht ein Interviewschnipsel mit Luis Corvalan, damals Generalsekräter der chilenischen KP, vorgehalten werden. Dort äußert sich dieser folgendermaßen: Nicht das ich für Selbstmord bin aber er hat sich das sehr gut überlegt und eine moralische Lektion erteilt. In einem Vers von Ernesto Cardenal heißt es: Sie glauben daß sie ihn getötet haben in Wahrheit haben sie einen Samen in die Erde gelegt. Zugunsten der UZ-Redaktion ließe sich sagen, daß man von Corvalan gegenwärtig in Deutschland auch die gegenteilige Auffassung lesen kann. Im Buch Der andere 11. September, Herausgegeben von Klaus Huhn, findet sich in seinem Vorwort: ... an dem in Santiago de Chile der vom Volk gewählte Präsident Salvador Allende Gossens ermordet worden war. Jetzt ist die Frage, redet Corvalan mal so und mal anders oder wurde er falsch Übersetzt? Die Frage, wie Allende letztendlich gestorben ist, kann von Deutschland aus gegenwärtig nicht abschließend beantwortet werden. Die präsentierten Zeugen wiedersprechen sich gravierend. Dennoch muß man feststellen, daß die Tendenz in diese Richtung weist. Das braucht für die Linke nicht peinlich zu sein. Jeder sozialistische Kämpfer hat das Recht, sich durch einen Selbstmord einem schmerzhaftem Tod zu entziehen. Allende, der aus einer bürgerlichen Familie stammte, wußte wie ihn seine Klasse haßte. Da ist es nur verständlich, wenn er sich der Rache entzogen hat. Einem Tode wie ihn zum Beispiel Victor Jara erleiden mußte. Ein Beispiel für eine gute Behandlung des Themas Unidad Popular liefert Helma Chrenko im Freitag vom 5. September ab. Sie beschreibt aus linker Sicht den in Chile stattgefundenen sozialen Prozeß. Dabei werden alle wichtigen gesellschaftlichen Strömungen benannt und die aufgetretenen Probleme beschrieben. Auch schildert sie recht gut die Widersprüche in denen Allende agieren mußte. Einerseits das Wissen, welche Veränderungen zum Erreichen einer gerechten Gesellschaft notwendig sind, andererseits das Gebunden sein an den vorhandenen Konstitutionellen Rahmen und die Schwäche ihn zu verändern. Daraus zieht sie die Schlußfolgerung: Nicht Waffen für das Volk gegen eine professionelle Armee, wie manche später schlussfolgerten, sondern die Vermeidung einer solchen Polarisierung - auch um den Preis eines zeitweilig verlangsamten Wandels-, das wurde möglicherweise zur Schlüsselfrage für Sein oder Nichtsein der Unidad Popular und des demokratischen Sozialismus in Chile. Die einzige Schwäche des Textes ist folgendes. Sie schreibt daß die Regierung Allende ihren Stimmenanteil von 1970 bis 1973 von 36,3 auf 43,4 Prozent steigern konnte. Das ist so pauschal nicht richtig. Dieser Argumentation wird weiter unten im Zusammenhang mit dem Beitrag von Winfried Wolf widersprochen. Doch hat das keinen Einfluß auf die Berechtigung ihres Resümees sondern untermauert es noch. In den Tagen rund um den Jahrestag widmeten sich auch die bürgerlichen Medien dem Thema. Ihre Beiträge waren von unterschiedlicher Qualität. Einige hatten das Ziel angebliche Mythen zu zerstören. Dabei war ihr Ziel nur die Diskreditierung Allendes und die Entlastung der imperialistischen Länder von ihrem Teil der Schuld am Militärputsch. Diese Stellungnahmen waren der Auslöser für eine Erwiderung von Winfried Wolf in der junge Welt vom 20./21. September. Unter dem Titel Chile, 11. September - Legenden und Lehren legt er seine Sicht der Dinge dar. Der Text hat Substanz, weißt aber trotzdem einige Fehler auf. Zu den Nebensächlichen gehört, daß die Sozialistische Republik von 1932 nur 12 Tage, und nicht 100 wie er meint, gedauert hat. Neben vielem zutreffendem schreibt Wolf: Eine bis heute aufrecht erhaltene Legende lautet: Die Unidad Popular hatte für ihre Politik keine Mehrheit; Allende sei schließlich nur mit einer relativen Mehrheit gewählt worden. Dem setzt er entgegen: Tatsächlich konnte die Unidad Popular ihre Basis, soweit in Wahlen meßbar, kontinuierlich ausbauen. Schauen wir uns also seine Argumente im Einzelnen an. Er führt die bekannten Wahlergebnisse für die UP in der Zeit von 1970 bis 1973 an. Er beginnt also mit 36,3% für Allende bei der Präsidentschaftswahl, führt die Kommunalwahl von 1971 mit 51% an und landet bei der Parlamentswahl von 1973 wo die UP 44% erzielen konnte. Seine Zahlen (In der Fachliteratur kann man leicht differierende Angaben finden, der Rezensent stützt sich bei seinen Angaben auf Nohlen.) zeigen bei einer oberflächlichen Bewertung, daß die UP ihren Einfluß gerade nicht kontinuierlich ausbauen konnte! Das setzt aber voraus, daß man bereit ist, Äpfel mir Birnen zu Vergleichen. Es ist gewagt, Kommunalwahlen mit Parlamentswahlen zu vergleichen, da die Wähler da durchaus unterschiedliches Wahlverhalten an den Tag legen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Vergleich der Präsidentschaftswahl mit der Parlamentswahl. Nach der Logik von Wolf müßte man bei der für Allende erfolgreichen Wahl von einer Niederlage für die UP sprechen. Sie hatte 1970 im Vergleich zur Parlamentswahl von 1969 über 7% verloren. Da das berechtigter Weise niemand so sieht, kann man nur die Wahlergebnisse der Parlamentswahlen von 1969 und 1973 vergleichen um Veränderungen im Gesellschaftlichen Rückhalt der UP zu erkennen. Die Zahlen lagen für die UP 1969 bei 44% und 1973 bei 43,4%. Man kann also feststellen, daß ihr ihre Anhänger treu geblieben sind. Die Regierung Allende hat, bei allen Schwierigkeiten und unterschiedlichen Ansichten innerhalb der UP, ihre Wähler nicht enttäuscht. Indizien für eine Verbreiterung der gesellschaftlichen Basis bieten diese Zahlen leider nicht. Die Frage des gesellschaftlichen Rückhalts der UP ist deshalb wichtig, da daran die Rechten die Schuld der Linken an der Katastrophe des Putsches festzumachen suchen. Doch auf die verfahrene Situation wollte Allende mit einer Volksabstimmung über sein Programm reagieren. Das hätte bei der zu erwartenden Niederlage ermöglicht, auf erklärbare Weise zurückzutreten. In den tendenziellen Worten der Süddeutschen Zeitung vom 15. September: Der Präsident habe den Generälen versprochen, das Referendum am 10. September anzukündigen. Pinochet bat demnach um zwei Tage Aufschub. Zeit, in der er selbst die gewaltsame Regierungsübernahme vorbereiten konnte. Man kann also feststellen, daß die Rechte gar kein Interesse an einer demokratischen Beendigung des Projektes von Allende hatte. Sie hat ihm dazu einfach keine Zeit gelassen. Demnach hat sie die gesamte Verantwortung für den Putsch und die verübten Verbrechen zu tragen. Eine andere Frage ist die Bewertung des damaligen Verhaltens der verschiedenen Linken Strömungen. Da muß natürlich geprüft werden, welche Positionen der Linken geholfen und welche geschadet haben. Hier vertritt Wolf indirekt die Positionen der damaligen Linksradikalen. Doch meint die Bezeichnung Linksradikal hier nicht den MIR, er war so realistisch das er sich einem von Allende eingeleiteten Rückzug wohl widerwillig angeschlossen hätte, sondern Teile der Sozialistischen Partei. Für sie steht der Name Carlos Altamirano. Er erklärte noch kurz vor dem Putsch: Chile wird sich in ein neues heldenhaftes Vietnam verwandeln, wenn die Aufrührerischen sich des Landes bemächtigen wollen. Der Putsch kann nicht mit einem Dialog bekämpft werden. Er muß mit der Kraft des Volkes, mit der Organisation der Arbeiterklasse niedergedrückt werden. Diese Position unterstützt Wolf wenn er formuliert: Es war Allende, der während des Putsch-Versuchs vom 29. Juni 1973 erfolgreich zu Betriebsbesetzungen aufrief; diese erwiesen sich als sinnvolle Gegenmaßnahmen gegen den Aufmarsch der Reaktion. Fatal hingegen waren vor allem das Zurückweichen der UP und deren Maßnahmen gegen Linke wie beispielsweise das Gesetz über Waffenkontrolle vom Juli 1973, mit dem faktisch die radikale Linke (MIR) und Arbeiter in besetzten Betrieben entwaffnet wurden. Das klingt eingängig und würde Allende und der UP die innerlinke Schuld am Putsch zuweisen. Doch ist an seinem Zitat nicht viel richtig. Dem Rezensent ist kein Aufruf von Allende zu Betriebsbesetzungen bekannt. Abgesehen davon ist der Putschversuch von noch loyalen Truppenteilen niedergeschlagen worden, nicht durch die Aktion der Arbeiterklasse! Und was sollen die Maßnahmen der UP gegen Linke gewesen sein? Das Gesetz über Waffenkontrolle ganz bestimmt nicht! Der Entwurf war von der Nationalpartei dem Parlament vorgelegt worden in dem die Rechte und die Christdemokraten die Mehrheit besaßen. Bei der Abstimmung stimmte dann ein Teil der Parlamentarier der UP und auch Allende dem Gesetz zu. Sie haben damit gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Es war von Anfang an klar, daß bei den gegebenen Mehrheitsverhältnissen das Gesetz nicht zu verhindern war. Daraus eine Stoßrichtung von Allende gegen seine eigene Basis ableiten zu wollen geht fehl. Eher zeigt das Beispiel des Waffenkontrollgesetzes wie Vernünftig die Position der chilenischen KP war. Ihre Parole war: Das Erreichte sichern! Sie wollte eine Verständigung mit den Christdemokraten herbeiführen. Das wäre zwar nicht besonders revolutionär gewesen hätte aber eventuell den Putsch und damit die Zerschlagung der linken Strukturen verhindert. Manuel Cabiese Donoso, er hatte früher eine wichtige Position im MIR inne und ist im heutigen Chile links der Concertación* zu finden, antwortet in einem Interview mit der junge Welt vom 30./31. August auf die Frage nach den gemachten Fehlern: Die Überschätzung der revolutionären Möglichkeiten, die sich in den siebziger Jahren in Chile und Lateinamerika eröffneten. Damit ging die Überbewertung der eigenen Kräfte und eine arrogante Einstellung einher, die weder der Wirklichkeit der MIR noch der Linken im Allgemeinen entsprach. An einer anderen Stelle äußert er: Aber um gerade nicht wieder eine Niederlage zu erleiden, müssen wir eine politisch-soziale Bewegung aufbauen, die ideologisch breite Bevölkerungssektoren inklusive der Streitkräfte vertritt. Hinsichtlich der chilenischen Streitkräfte klingt das etwas seltsam. Diese Aussage ist aber nur im lateinamerikanischen Kontext zu verstehen. Das Scheitern des Putsches gegen Chaves in Venezuela hat gerade viele Chilenen mächtig beeindruckt. Trotzdem ist es nicht verkehrt die venezolanischen Erfahrungen auszuwerten. Hinsichtlich dessen ist es zweifelhaft, ob man dann der UP wirklich pauschal eine falsche Analyse der militärischen Frage vorwerfen sollte wie Wolf es tut. Übrigens hat Chile eine Wehrpflichtigenarmee und keine Berufsarmee wie er in diesem Zusammenhang behauptet. Abschließend ist leider festzuhalten das sich die Linke in ihrer Gesamtheit im Rahmen des Gedenkens an den Putsch nicht mit Ruhm bekleckert hat. Gerade für Organisationen und Autoren die sich dem wissenschaftlichen Sozialismus verpflichtet fühlen muß das peinlich sein. Zeigt es doch wie weit Anspruch und Realität auseinander klaffen.
* Concertación = Die regierende Koalition aus im wesentlichen Sozialistischer und Christdemokratischer Partei.
Quellen: Dieter Nohlen Chile - Das sozialistische Experiment Hamburg 1973 D. García u. O. Sola (Hg.) Salvador Allende Das Ende einer Ära Berlin 1998
Wilfried Huismann Verrat in Santiago - Wer erschoss Salvador Allende?
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