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Selbstdarstellung der Gruppe Arbeiterstimme

 

Die Gruppe Arbeiterstimme ist eine kleine kommunistische Gruppe, die 1971 aus der Gruppe Arbeiterpolitik hervorgegangen ist. Zentrum und Redaktionssitz sind Nürnberg. Die Gruppe gibt die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift „Arbeiterstimme“ heraus. Die Gruppe Arbeiterstimme sieht sich – ebenso wie die Gruppe Arbeiterpolitik – in der Tradition der Kommunistischen Partei Opposition (KPD-O) der Weimarer Zeit. Diese entstand 1928/29 als Opposition gegen die ultralinke Politik der KPD unter der Thälmann-Führung. Die führenden Politiker und Theoretiker waren Brandler und Thalheimer, die die Einheitsfrontpolitik vertraten, während die KPD die RGO-Politik praktizierte und mit Stalins verhängnisvoller „Sozialfaschismustheorie“ die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung zementierte und damit ihre kampflose Niederlage gegen die Nazis mitverursachte. Die Gruppe Arbeiterstimme knüpft seit ihrem Bestehen an dieses geistige Erbe und damit auch an den Spartakusbund, Rosa Luxemburg und andere an. Es war stets unser Bemühen, eine selbständige marxistische Position zu beziehen, in kritischer Solidarität mit den damals im Aufbau befindlichen sozialistischen Ländern, ohne Unterordnung unter die außenpolitischen Interessen der Sowjetunion oder der Volksrepublik China. Wir bemühten uns um eine eigenständige und internationalistische Einstellung. Wir wenden uns gegen jede Art von „Erneuerung“, die auf einen Ausverkauf kommunistischer Grundsätze und Ziele hinausläuft. Als kommunistische Gruppe ist für uns die Klassenfrage und die vorgefundene gesellschaftliche Wirklichkeit der Ausgangspunkt unserer Analysen und unseres Handelns. Uns ist bewußt, daß es zur Herausbildung von Klassenbewußtsein in der deutschen Arbeiterklasse eines langen Atems bedarf. Der Zusammenbruch des Realsozialismus in der Sowjetunion, der DDR und im ehemaligen Ostblock, sowie die Rückkehr kapitalistischer und bürgerlich-„demokratischer“ Verhältnisse, hat nun eine neue Lage geschaffen. Die Erneuerung des Sozialismus war schon in den Ansätzen steckengeblieben, die Rechtskräfte triumphierten. Nicht nur die Stalinisten, sondern auch die kommunistische Bewegung allgemein haben weltweit eine schwere Niederlage erlitten. Der Imperialismus sieht sich als Sieger. Niemand kann ihm gegenwärtig ernstlich mehr ein Hindernis in den Weg legen. Doch heute gilt wieder, wie vor der russischen Oktoberrevolution: Der schlimmste Feind des Kapitalismus ist der Kapitalismus selber, mit seinen ökonomischen Widersprüchen, mit den antagonistischen Widersprüchen seines Gesellschaftssystems und den Spannungen, die sich aus dem Prozeß der Verelendung in großen Teilen der ausgebeuteten „Dritten Welt“ ergeben. Alle Kommunisten treibt die Frage um: Wie geht es nun weiter mit der Weltrevolution? Oder geht es nicht mehr weiter? Ohne Zweifel, die weltgeschichtlichen Veränderungen der jüngeren Vergangenheit haben zu einer grundlegenden Umwälzung der objektiven Kräfteverhältnisse geführt: Nur durch eine tiefgreifende Veränderung der objektiven Verhältnisse, die bis in die Metropolen reicht, kann es einmal neue revolutionäre Chancen geben. Einerseits hat der Kapitalismus trotz aller Widersprüche und Krisen seine Entfaltungsmöglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Andererseits treibt der größte Teil der Menschheit, der unterentwickelte kapitalistische Weltteil, in den ökonomischen und sozialen Niedergang. Die astronomische Höhe der Verschuldung verursacht immer schärfere Krisen in einzelnen Ländern und im internationalen Finanzsystem Aber auch die Industrieländer schieben unlösbare Finanzprobleme vor sich her, die nur solange ruhiggestellt werden können, wie noch wirtschaftliche Zuwachsraten zu erzielen sind. Um einen ökologischen Kollaps zu vermeiden, wären enorme Finanzmittel und große Umstellungen unumgänglich. Unabhängig davon bleibt die Kernfrage, ob der Kapitalismus eine große Überproduktionskrise, die einst (vor allem in den 30er Jahren) zur Geißel des Kapitalismus geworden war, auf Dauer vermeiden kann. In diesem Zusammenhang tritt eine Reihe weiterer wichtiger Fragen auf, die wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht ausreichend beantworten können: Welche Folgen hat die „Globalisierung“? Was bedeuten tendenziell Automation und technologischer Fortschritt, sowie die zunehmende Massenarbeitslosigkeit vor diesem Hintergrund? Was bedeutet die zunehmende politische Instabilität in Teilen der Welt? Welche Rückwirkungen und Wechselwirkungen gehen von den Schattenseiten kapitalistischer Entwicklung aus? Wie lange noch kann der Eintritt einer großen kapitalistischen Krise hinausgeschoben werden? Wo und inwieweit werden von eventuellen Krisenausbrüchen objektiv revolutionäre Bedingungen entstehen? In welchem Zustand sind dann die subjektiven Bedingungen? Ist eine gleichzeitige oder getrennte Krisenentwicklung wahrscheinlich? Oder hat das kapitalistische Krisenmanagement inzwischen die Macht und die Möglichkeit, die Anarchie des Marktes, den Aufruhr der Ausgebeuteten und die Gegensätze der Wirtschaftsgiganten in den Griff zu bekommen – stets eine Kettenreaktion vermeidend? Hat der Kapitalismus die Möglichkeit der Zerstörung unserer ökologischen Grundlagen Einhalt zu gebieten oder treibt er sie aus Profitinteresse weiter voran? Fragen über Fragen, die aber von Fakten und Tendenzen ausgehen, die entscheidend sein können, ob und wie der Sozialismus konkret wieder als Alternative auf die Weltbühne zurückkehrt. Erst eine verschärfte Krise des Kapitalismus könnte wieder den Boden für größere Klassenauseinandersetzungen bereiten und kann damit wieder ein Bedürfnis für sozialistische Politik schaffen. Um diese Lage dann zu nutzen und die in Bewegung Geratenen über einen ziellosen Spontaneismus hinauszuführen, ist ein aktives Eingreifen von Kommunistinnen und Kommunisten unumgänglich. Wir meinen, es gilt jetzt schon, die dazu notwendigen Kerne zu sammeln und zu qualifizieren und bei den sehr geringen Möglichkeiten von heute anzusetzen. Das langfristige Ziel ist die Herausbildung einer kommunistischen Partei auf marxistischer Grundlage, jenseits von Reformismus, Dogmatismus und Voluntarismus. Nur die Arbeiterklasse kann das revolutionäre Subjekt sein In den Arbeiterklassen der entwickelten kapitalistischen Länder – besonders in Deutschland – ist Klassenbewußtsein kaum mehr anzutreffen. Die Mehrzahl verfügt seit Jahren über einen sozialen Standard, der eine Konsumfixierung ohnegleichen gefördert hat. Presse und Fernsehen – in der Hand mächtiger Konzerne – haben nachdrücklich dazu beigetragen, die Reste von Klassendenken und Geschichtsbewußtsein zu zerstören. Die Zahl der Handarbeiterinnen und -arbeiter geht ständig zurück, die berufsmäßige Differenzierung nimmt zu. Es gibt linke Kreise, die behaupten, es gäbe keine Arbeiterklasse mehr, weil derzeit nur noch von einer Klasse an sich, aber nicht für sich gesprochen werden kann. Wir sagen: Im Verhältnis von Kapital und Arbeit hat sich trotz aller Veränderungen nichts grundsätzlich geändert. Wir verstehen heute unter Arbeiterklasse alle abhängig Beschäftigten, vom Management abgesehen. Alle Lohn- und Gehaltsabhängigen unterliegen nach wie vor der Ausbeutung und Verfügbarkeit der Diktatur des Kapitals und sind Opfer der Krisen des kapitalistischen Systems. Arbeitslosigkeit und Lohndrückerei sind die Folgen. Die gegenwärtigen Verhältnisse festzuschreiben wäre unmarxistisch. Nichts in der Welt bleibt auf Dauer wie es ist, dafür sorgen objektive Veränderungen. Diese bedürfen jedoch subjektiven Eingreifens, um in eine revolutionäre Richtung einzumünden. Man kann Klassenbewußtsein nicht künstlich schaffen, jedoch durch aktives Handeln und theoretische Bewußtmachung fördern. Darauf setzen wir langfristig. Nur durch anschwellende Klassenkämpfe kann sich wieder eine sozialistische Alternative auftun. Der gegenwärtige Niedergang der Gewerkschaften widerspiegelt die ökonomische, soziale und politische Situation. Trotzdem kommt ihnen im Prozeß der Entwicklung von Klassenkämpfen – sowohl im positiven wie im negativen Sinn – eine maßgebliche Rolle zu. Durch die Bindung an die Sozialdemokratie, die immer weiter nach rechts rückt, sind die Gewerkschaften politisch zum Anhängsel der besitzbürgerlichen Gesellschaft verkommen. Doch wir haben keine anderen Gewerkschaften als die bestehenden. Deshalb gilt es, solange dies noch sinnvoll erscheint, weiterhin in ihnen zu arbeiten und linke und kämpferische Regungen kritisch zu unterstützen. Das langfristige Ziel muß eine Umwandlung der gewerkschaftlichen Strukturen und politischen Ausrichtung sein, damit sie wieder Instrument des Klassenkampfes werden können. Das unterscheidet uns von ultralinken Gruppen, die den Doppelcharakter der Gewerkschaften nicht mehr wahrhaben wollen und darum keine Anknüpfungspunkte mehr ausmachen können. Eine Alternative können sie jedoch nicht benennen. Der Unterschied von manchen kommunistischen Kreisen zu unserer grundsätzlichen Einstellung besteht auch darin, daß wir – wie auch schon früher – bemüht sind, Illusionen zu vermeiden. Regungen in der Arbeiterschaft und in der Gesellschaft müssen realistisch beurteilt werden, um so folgenschwere Überbewertungen zu vermeiden. Wir halten marxistische Analyse als Ausgangspunkt für politische Beurteilungen für unerläßlich. Das gilt auch für das Geschehen in der Welt und für die nüchterne Einschätzung sogenannter sozialistischer Parteien in anderen Ländern. Die notwendige Aufarbeitung der Geschichte geschah bisher unzureichend. Wir wollen zumindest einen Teil dazu beitragen. In Anbetracht des Niedergangs der Linken, auch in Deutschland, sind wir vom Erreichen unserer Ziele weit entfernt. In dieser schwierigen Situation muß der Diskussions- und Klärungsprozeß innerhalb der sozialistischen Linken fortgesetzt und vertieft werden. Dabei wäre es falsch, Gegensätze zu übertünchen. Gerade heute, in einer Zeit rechtsradikaler Aggressionen und deren Unterstützung durch die sogenannte bürgerliche „Mitte“, kommt es aber auch darauf an, in sinnvollen Vorstößen oder Abwehrreaktionen eine Aktionszusammenarbeit herzustellen.
Arbeiterstimme, Juli 2002

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Ein schwerer Verlust: Peter ist tot!

Unerwartet kam die schlimme Nachricht: Unser langjähriger Freund und Genosse Peter Eberlen ist am 23. August im Alter von 70 Jahren in München verstorben. Wir waren überrascht und schockiert, hatten wir doch zusammen noch viel vor, was kurzfristige Pläne und langfristige Hoffnungen anbelangt. Peter war gerade dabei, sich an einer Reise nach China zu beteiligen, auch um auf der Jahreskonferenz der Gruppe darüber politische Schlussfolgerungen ziehen zu können. Peter wurde von der Krise des Kapitalismus, wie wir alle, in Atem gehalten und so hatte er erneut dem Drängen nachgegeben, für die Arbeiterstimme in einem Artikel dem Schwindel um die Bad Banks entgegenzutreten. Nun wird wieder einer fehlen, wenn Demonstrationen durch München ziehen, einer, der sich unzählige Male in seinem Leben schon engagiert hatte. Einer, auf den man zählen konnte, beim Kampf gegen die NATO-Kriegspolitik, bei den Auseinandersetzungen um die Rundfunkfreiheit und um das Versammlungsgesetz in Bayern; ganz zu schweigen von den gewerkschaftlichen Aktivitäten und von den Aktionen gegen sozialpolitische Streichungen. Als vor einiger Zeit die Einzelhandelskollegen im Tarifstreit in Bedrängnis kamen, trat er, obwohl in der IG Metall aktiv, an ihre Seite. Für Peter war es immer klar: Solidarität ist keine Einbahnstraße – und Solidarität kann nur im Kampf neu entstehen. Bei allen schweren politischen Enttäuschungen in seinem Leben, der historischen Niederlage des Sozialismus, den entsetzlichen „Entstellungen“, die aus dem „eigenen Lager“ kamen und bei dem Wissen um die langwierigen Schwierigkeiten bei der Erneuerung einer sozialistischen Bewegung, ist bei ihm nie das revolutionäre Feuer erloschen. Bei allen notwendigen taktischen Kompromissen hat er nie das Große und Ganze und die marxistischen Grundlagen aus dem Blick verloren. Für ihn hatte die Entwicklung von Klassenbewusstsein einen ganz wichtigen Stellenwert. Er überstand auch die böswilligen Unterstellungen jener, die sich selbst Kommunisten nannten, doch an die Stelle der lebenswichtigen Kritik Dogmatismus, Befehl und Gehorsam gesetzt hatten. So war es kein Zufall, dass er entsprechend drängte, das Buch über den Spanischen Bürgerkrieg vor einigen Jahren herauszugeben, das z.B. die wirkliche Rolle der POUM aufzeigt und die stalinistischen Verleumdungen und Verbrechen bloßstellt. Er unterstützte stets auch die einstigen Bemühungen der KPO (Kommunistischen Partei Opposition), die Klärung der Begriffe wie „Einheitsfront“ und „Volksfront“ wieder aufzunehmen.
Es mag etwa 1971 gewesen sein, als Peter mit seiner Partnerin Hilde zur „Gruppe Arbeiterstimme“ Verbindung aufnahm. Beide arbeiteten aktiv in der IG Metall, Hilde als Betriebsrätin und Peter als Vertrauensmann bei Siemens. Beide waren kritische Gewerkschafter und sie hatten allen Grund dazu. Die APO und Teile der Gesellschaft waren damals noch in Bewegung. Zwischen Gewerkschaftskritik und Gewerkschaftsfeindlichkeit war bei vielen nur ein schmaler Grat. Ihn zu beschreiten, waren sich die Gruppe und die beiden bald einig. Peter wurde darin vor allem von älteren Bremer Gewerkschaftern, dem Kreis um Schorse Stockmann, gestärkt. Hilde und Peter waren in der Basisarbeit stark verankert. Über viele Jahre hinweg hat Peter zusammen mit anderen die Stadtteilarbeit getragen und sie mit Hilfe der Westend Nachrichten untermauert. Die Interessenvertretung der „kleinen Leute“ war ihnen Herzenssache. Über die Einschätzung der aufkommenden Bürgerinitiativen der siebziger Jahre gab es in der Gruppe heiße Diskussionen, da sie unser Selbstverständnis berührten. Im Laufe der Zeit näherten sich Hilde und Peter unseren diesbezüglichen Standpunkten immer mehr an. Wir bestanden zusammen die Krise der linken Gruppen, als alle Hoffnungen auf eine auch von uns angestrebte innere Erneuerung des Sozialismus keine Grundlage mehr hatte. Der natürliche Schrumpfungsprozess der Gruppen, der daraufhin einsetzte, machte auch unserer Gruppe schwer zu schaffen. Was wir dringend nötig hatten, war die stärkere Mitarbeit engagierter und theoretisch wie praktisch beschlagener Genossinnen und Genossen. Peter wusste, dass er gefordert war und er handelte. In Referaten bei Konferenzen, Veranstaltungen und in vielen Artikeln der Arbeiterstimme konnte er nun über viele Jahre besonders seine betriebs- und gewerkschaftspolitischen Kenntnisse einbringen und beitragen, die Grundlagen der marxistischen Ökonomie zu verbreiten. Viele Leitartikel, wie zuletzt „Hilflos gegen die Krise“, stammten aus seiner Feder. Die praktische Herausgabe unserer Quartalszeitschrift war immer die Aufgabe vieler Gruppenmitglieder. Peter las Korrektur und war sehr genau. Peters Interesse für Geschichte war groß, besonders das für die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und für die der widersprüchlichen Entwicklung des Sozialismus. In seiner Besonnenheit, Beharrlichkeit und Zähigkeit war er Vorbild. Er brauchte, wie wir alle, großes Durchhaltevermögen.
Die Gruppe, in der Tradition und im Selbstverständnis der KPO stehend, war vorgewarnt, wohin stalinistische Diktaturmethoden führen können. Und doch konnten wir uns das Ausmaß der Pervertierung des Sozialismus nicht vorstellen, woran der Sozialismus letzten Endes dann zerbrochen ist.
Alles schien auf den Kopf gestellt. Im Sozialismus sollte es doch keine Herrscher und Beherrschten mehr geben. Ist es nicht nach Marx der kategorische Imperativ der Kommunisten, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist?“ Die Wirklichkeit sah ganz anders aus: Zehntausende Kommunisten wurden durch die Stalinisten verfolgt, gefoltert oder umgebracht; darunter der größte Teil der Führungsschicht.
Auch in Gruppen wie der Arbei­terstimme, wo nach den Ursachen der Deformation geforscht wurde, zeigten sich die Folgen der Enthüllungen und des Niedergangs. Austritte, Inaktivität und Verwirrung stellten sich ein. Welch einer Überzeugung und Standhaftigkeit bedurfte es, trotz allem seiner marxistischen Weltanschauung treu zu bleiben und einem Neubeginn wiederum seine Kraft zu opfern. Peter, einer der wenigen noch Vorhandenen, die der Gruppe seit der Gründungszeit Anfang der siebziger Jahre angehörten, gehörte dazu. Er wusste, gerade jetzt in der größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit 1929, muss der Kapitalismus sein wahres Gesicht zeigen. Es kam darauf an, die systembedingten Widersprüche an den Pranger zu stellen und letztlich wieder den Sozialismus als Alternative zu propagieren, in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen.
Es war ihm stets wichtig, neben der praktischen Arbeit im Münchner Stadtteil Westend, in der Gewerkschaft, im Freidenkerverband oder auch schon mal hinter dem Infostand der Roten Hilfe die theoretische Bildung der jüngeren Genossinnen und Genossen zu unterstützen und beharrlich auf die Notwendigkeit der Aneignung der marxistischen Theorie hinzuweisen. Obwohl es ihm manchmal sehr schwer fiel, mit dem „lockeren“ Umgang der Jüngeren mit Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit umzugehen, hatte er sich zu einer neuen Kapitalschulung entschlossen. Weil es notwendig war.
Vor Peter wären noch viele Aufgaben gestanden. Leider kam der Tod dazwischen. Es sagt sich so leicht: „Jeder Mensch ist zu ersetzen“, aber leider stimmt das sehr oft nicht. Wissen und Weisheit eines langen politischen Lebens lassen sich nicht herbeizaubern, die vielen Erfahrungen erst recht nicht nachholen. Wir müssen versuchen, ihn zu ersetzen, dort wo die Voraussetzungen vorhanden sind oder wo wir durch Lernen und Vermehrung unserer Aktivitäten diese Voraussetzungen selbst schaffen können. Das muß nun in dieser traurigen Stunde der Auftrag für uns sein.
Mit Peter haben wir viel verloren, als Menschen, als politischen Kopf, als Mitstreiter der „Gruppe Arbeiterstimme“ und der Linken allgemein, als unermüdlichen Kämpfer in der Arbeiterbewegung, der stets mit wachem Kopf und zugleich mit großer Besonnenheit da mitgewirkt hat, wo es um soziale Belange und um die stets bedrohte Freiheit des Geistes ging.
Darin war er uns Vorbild und er hat uns beeinflusst. Dafür danken wir ihm.

Die Urnenbeisetzung findet am 30. September um 13 Uhr im Friedhof am Perlacher Forst, Stadelheimer Straße in Obergiesing statt.

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Die Spaltung der KPO 19381

Die Spaltung geschah im Zusammenhang mit der europäischen Krise im September 1938, die zum Münchener Abkommen zwi­schen den Westmächten England/Frankreich und den Achsen­mächten Deutschland/Italien führte. Die Krise hatte die Welt an den Abgrund eines allgemeinen Krieges geführt. Sein Ausbruch wurde durch die Kompromißbereitschaft der Westmächte verhindert, eine Kompromißbereitschaft, die Hitlerdeutschland zum Vorteil gereichte. Sie resultierte in der Besetzung des Sudetenlandes und später in der der gesamten Tschechoslowakei.
Die Frage, ob der Frieden in der 2. Septemberhälfte wirklich bedroht war, gab den Anlaß zu den Auseinandersetzungen im AK und im Anschluß daran in der KPO-Emigration Frank­reichs. Über den Verlauf der Auseinandersetzungen hat das AK im Oktober 1938 eine Dokumentation mit dem Titel „Material zu den letzten innerparteilichen Vorgängen“ herausgegeben. Dort sind die KPO-Mitglieder mit ihren Vor­namen oder Decknamen angegeben. In vorliegender Schrift sind sie des besseren Verständnisses wegen mit ihren Nach­namen angegeben. Die im „Material“ erwähnten Artikel sind von A. Thalheimer verfaßt, im Einverständnis mit H. Brandler. Um Mißdeutungen vorzubeugen, erfolgt die Na­mensnennung Brandler/Thalheimer.
Im abschließenden Abschnitt hat sich der Verfasser auf eine Deutung der damaligen Auseinandersetzungen versucht, die zur Spaltung der KPO-Emigration führte.


Die Septemberkrise 1938
Der Verlauf

Die Septemberkrise wurde gegen Mitte des Monats mit ei­ner Rede Hitlers auf dem Reichsparteitag in Nürnberg ein­geleitet, die Prag leichtfertiger Kriegsvorbereitungen zieh. Die Rede löste Aufstände der Henlein-Leute in Eger und Karlsbad aus, wobei es Verletzte und Tote gab. Am 13. September verhängte Prag das Standrecht in den Grenz­bezirken, eine Maßnahme, die Hitlerdeutschland mit Kriegsvorbereitungen beantwortete. Der britische Premierminister Chamberlain wandte sich unmittelbar an Hitler mit dem Vorschlag einer persönlichen Aussprache. Die Begegnung der beiden Staatsmänner fand am 15. September auf dem Berghof Hitlers bei Berchtesgaden statt. Hitler forderte die Loslösung des Sudetengebietes von der Tschechoslowakei unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Er versprach, sich militärischer Aktionen zu enthalten, um seinem Gesprächspartner eine Rücksprache mit seinem Kabinett zu ermöglichen. Eine neue Begegnung zwischen den beiden Staatsmännern wurde in Aussicht genommen. Um die Stellung des kompromissbereiten Chamberlain in der engli­schen Öffentlichkeit zu stärken und damit seine Ziele ohne militärischen Einsatz zu erreichen, schürte Hitler die Furcht in England und Frankreich vor einem Krieg für fremde Interessen, indem er die sudetendeutschen Forde­rungen hochspielte. Ein sudetendeutsches Freikorps be­setzte die Städte Eger und Asch.
Am 22. September fand die Godesberger Konferenz zwischen Hitler und Chamberlain statt. Dieser erklärte sich im Namen der Regierungen Englands, Frankreichs und der Tschechoslowakei zu einer Auslieferung des Sudetenlandes an Hitlerdeutschland bereit, unter Voraussetzung einer internationalen Garantie für die Unabhängigkeit des Kerngebietes der Tschechoslowakei. Hitler verwarf diesen Vorschlag und stellte ein auf den 28. September befristetes Ultimatum: Die Auslieferung des Sudetenlandes zum 1. Oktober. Das Ultimatum wurde von Prag mit der Mobilmachung beantwortet. London sagte Paris englische Unterstützung zu im Falle eines deutschen Angriffes auf die Tschecho­slowakei, mit der Frankreich durch einen Militärpakt ver­bunden war. In England und Frankreich wurden Kriegsvor­bereitungen getroffen.
Am 22. September fand die Viermächtekonferenz in München statt mit den beiden Achsenmächten Deutschland - Italien auf der einen Seite und den beiden Westmächten England - Frankreich auf der anderen. Von der Konferenz waren sowohl die Tschechoslowakei ausgeschlossen, um deren Los es ging, wie die Sowjetunion, die mit Frankreich und der Tschechoslowakei durch einen Beistands- und Nichtangriffs­pakt verbunden war. Das Ergebnis der Konferenz war die Ab­tretung der sudetendeutschen Gebiete an Deutschland. Am 1. Oktober marschierten die deutschen Truppen in das Su­detengebiet ein, ohne daß die Tschechoslowakei eine Garan­tie für die Unverletzbarkeit ihres Kerngebietes erhalten hätte. Die Beteuerung Hitlers, daß die Abtretung des Sudetenlandes seine letzte Forderung gewesen sei, strafte er selbst Lügen, als die deutschen Truppen Mitte März des folgenden Jahres die gesamte Tschechoslowakei besetzten und es zum „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ erklärten.


Die Beurteilung durch das AK
Am 21. September, also noch vor der Godesberger Konferenz vom 22. September, veröffentlichte die Daily European Observations2 einen Artikel von A. Thalheimer mit der Überschrift „Zwischenbilanz“3. Der Artikel bezieht sich auf die politischen Vorgänge zwischen dem 15. und 21. September und ist im Einverständnis mit H. Brandler geschrieben, da­gegen nicht – wie sich zeigen sollte – im Einverständnis mit dem dritten AK-Mitglied, Leo Borochowicz. In seinem Artikel stellt Thalheimer die Frage, ob der Friede wirklich bedroht war und beantwortet sie dahingehend: „Das Gespenst der allgemeinen Kriegsgefahr war im selben Maße ein Er­zeugnis der englischen und französischen Regierung wie Hitlerdeutschlands und Italiens“. Die Begründung dafür: „Weil 1. die englische Bourgeoisie seit langem bereit war, die Tschechoslowakei … Hitler als Opfer hinzuwerfen, … weil 2. die französische Bourgeoisie sich nicht von Eng­land trennen wollte. – Um die Preisgabe der Tschechoslo­wakei durch den englisch-französischen Imperialismus der sogenannten öffentlichen Meinung ihrer Länder annehmbar zu machen, war es für sie nötig, ihre öffentliche Mei­nung durch das Gespenst des allgemeinen Krieges in Panik zu jagen und sie dadurch mürbe zu machen. – Die einfache Wirklichkeit ist die, dass weder Hitlerdeutschland einen allgemeinen Krieg wollte, noch dass die englische und französische Regierung bereit waren, die Tschechoslowakei gegen einen Angriff Hitlerdeutschlands zu verteidigen.“ Dieser Preisgabe habe die Großbourgeoisie zugestimmt, weil sie den Verrat an der tschechischen Nation der Re­volution vorziehe. In der Tat hatte die Großbourgeoisie Anlaß, aufgescheucht zu sein. Auf dem Höhepunkt der tschechoslowakischen Krise zwischen Godesberg und München war nach Berichten aller Augenzeugen die Mehrheit der tschecho­slowakischen Werktätigen spontan für den revolutionären Krieg an der Seite der Roten Armee der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland.4
Am 27. September veröffentlichten die Daily European Observations einen neuerlichen Artikel von A. Thalheimer, der von seinen Kritikern als im Widerspruch stehend zu seinem Artikel vom 21. September angesehen wurde. Der Artikel trägt die Überschrift: „Nach dem Ultimatum von Godesberg“ und beginnt mit dem Satz: „Die Frage: Krieg oder Frieden steht im Augenblick auf Messerschneide.“5 Die wichtige Veränderung der politischen Lage gegenüber der Vorwoche sah Thalheimer darin, daß der Konflikt nunmehr die Frage des Sudetengebietes oder Tschechoslowakei weit überschritten habe. Wenn Chamberlain von Freiheit rede, so sei es die Freiheit des englischen und französischen Imperialismus, ohne Anfechtung über sein bisheriges Herr­schaftsgebiet zu verfügen. Das Verhalten Hitlerdeutsch­lands zur SR sei der Probierstein, ob der deutsche Im­perialismus überhaupt noch zu einer Verständigung in der Frage der imperialistischen Weltherrschaft bereit sei.
Thalheimers ursprüngliche Annahme, daß es sich bei der durch Hitler heraufbeschworenen Krise und der Reaktion darauf durch die französische und englische Regierung um ein gemeinsames Manöver handle, hat sich schließlich als richtig erwiesen. Was ihn zeitweise seine Meinung ändern ließ, kann gewesen sein (außer den Risiken, die unverhüllte Kriegsdrohungen immer mit sich führen), daß die militärische und strategische Verfügung über die SR an sich schon ein erheblicher Faktor beim Kampf um die Machtgrundlagen des imperialistischen Nebenbuhlers sind. Thalheimer konnte also mit einigem Recht annehmen, daß England und Frankreich aus Gründen der Selbstbewahrung einer Auslieferung der Tschechoslowakei an Hitlerdeutsch­land nicht zustimmen konnten und daß es darüber zum Krieg kommen könne.
In einem weiteren Artikel, diesmal im Internationalen Klassenkampf (IK)6 zieht der Verfasser eine Parallele zwischen dem Vorgang, der sich im September abgespielt hat und den früheren Vorgängen in den faschistischen Län­dern. Die Bourgeoisie hat in diesen Ländern zugunsten der faschistischen Diktatur auf ihre eigene politische Macht verzichtet, um ihre ökonomische und soziale Klassenherrschaft zu erhalten, zu verlängern und zu befestigen. Jetzt hat auf internationalem Gebiete die englische und französische Bourgeoisie gewisse imperialistische Teilinteressen preisgegeben – im Interesse der Erhaltung der kapitalistischen Klassenherrschaft im Ganzen in Europa. Wenn man die imperialistischen Interessen der Bourgeoisie gleichsetzt mit dem „nationalen“ Interesse, wie die Bourgeoisie dies selbst tut, kann man auch sagen, daß sie Verrat an ihren eigenen nationalen Interessen begangen hat um des internationalen kapitalistischen Klas­seninteresses und letzten Endes auch um ihrer nationalen Klassenherrschaft willen. Der Sieg der proletarischen Re­volution in Deutschland und Italien im Gefolge einer Nie­derlage der faschistischen Regime dieser Länder im Krie­ge würde das Übergewicht der Kräfte der Revolution in Europa zur Folge haben.


Der „Krach“ im AK
Die Auseinandersetzungen wurden durch den Artikel Thalheimers vom 21. September ausgelöst. L. Borochowicz und H. Tittel brachten am 26. September einen Antrag folgen­den Inhalts im AK ein: „Das AK stellt fest, daß der Ar­tikel ‚Zwischenbilanz´ (Daily European Observations) vom 21. September, in dem die Gefahr eines allgemeinen Krieges als ein ‚Gespenst‘ bezeichnet wird, nicht die Auf­fassungen der KPD(O) über die gegenwärtige internationale Lage zum Ausdruck bringt.“ Sie stellten fest: „Diese Be­urteilung der internationalen Lage steht in einem krassen Widerspruch zur Wirklichkeit“, denn „Die Frage der Kriegs­gefahr wird nicht vom Standpunkt der objektiven Situation des niedergehenden Kapitalismus beurteilt, sondern im Lichte der subjektiven Wünsche und Absichten, die die Minister und Kapitalisten der einzelnen Länder haben oder die ihnen zugeschrieben werden.“ Die Antragsteller stell­ten weiter fest: „In der gegenwärtigen Situation ist der Artikel nicht nur theoretisch falsch, sondern bedeutet einen schweren Verstoß gegen die revolutionäre Aktionsdisziplin.“7 Sie bezogen sich dabei auf einen gleichzeitigen Aufruf der IVKO zusammen mit dem Londoner Büro8 gegen den imperialistischen Krieg.
Der Antrag Borochowicz/Tittel wurde auf einer Sitzung des AK am nächsten Tag, am 27. September, mit den Stimmen Brandlers und Thalheimers, mit 2/3 Mehrheit abgelehnt. Gleichzeitig mit dem Antrag veröffentlichte Borochowicz einen Artikel in der Arbeiterpolitik Nr. 39 unter der Überschrift „Zwischen Krieg und Frieden“.9 Ein Außenstehender hätte in dem Artikel keinen Angriff auf Brandler und Thalheimer gesehen, aber diese selbst taten es. Der Artikel wiederholte nämlich – ohne Namen zu nennen – die Argumente, die dem Antrag Borochowicz/Tittel zugrunde lagen. Die Ab­sicht dieses Artikels scheint gewesen zu sein, die Streit­fragen im AK vor das Forum der KPO-Emigration zu bringen. Das gab Brandler/Thalheimer den Anlaß, Borochowicz der Fraktionsarbeit zu zeihen und ihm die politische Kontrolle der Zeitschrift Arbeiterpolitik zu entziehen und sie Thalheimer zu unterstellen.
Am nächsten Tag, am 28. September, kam es zur Viermächtekonferenz in München. Man hätte annehmen können, daß damit die Streitfragen im AK zugunsten der Auffassung Brandler/ Thalheimers beendet waren, aber das war keineswegs der Fall. Zu der vorgesehenen AK-Sitzung am 30. September wollten Borochowicz/Tittel einen zweiten Antrag einbringen, und das aus Anlaß des Artikels „Nach dem Ultimatum von Godesberg“ vom 17. September. Die Antragsteller stellten fest, daß Thalheimers Artikel einander widersprächen, der vom 21. September (Zwischenbilanz) und der vom 27. Septem­ber (Nach dem Ultimatum von Godesberg). Sie beantragten deshalb die Aufhebung des Beschlusses der 2/3 Mehrheit des AK vom 27. September, Borochowicz die politische Kon­trolle der Arbeiterpolitik zu entziehen unter Berufung darauf, daß Thalheimer selbst durch seinen zweiten Artikel von seinem ersten abgerückt sei.
Auf der AK-Sitzung vom 30. September kam es zu keiner Behandlung dieses Antrags, denn es kam zum „Krach“. Neben den drei AK-Mitgliedern nahmen H. Tittel und H. Brechenmacher an der Sitzung teil, der letztere unbekannt in welcher Eigenschaft. Brechenmacher gehörte nicht einmal der KPO an, hatte aber mit ihr in der Illegalität zusam­mengearbeitet, bis er 1937 aufgrund einer drohenden Ver­haftung emigrieren mußte. Auf der Sitzung vertrat er den Standpunkt Brandlers und Thalheimers.10 Diese schoben die Schuld an dem Auftritt der anderen Seite zu und schlössen Borochowicz auf ein Jahr aus dem AK aus.


Die Auseinandersetzung in der KPO-Emigration
Die Auseinandersetzungen beschränkten sich nicht auf das AK, sie griffen auf die KPO-Emigration über, angefangen bei der Pariser Gruppe, der stärksten in Frankreich. Auf die Maßnahme Brandlers und Thalheimers, dem dritten AK-Mitglied, Borochowicz, die politische Kontrolle der Arbeiterpolitik zu entziehen, antworteten deren Mitarbeiter, E. Hausen (Alfred), R. Monden und Elly Brücker, daß diese Maßnahme ohne jede Rücksprache mit ihnen er­folgt sei und im krassen Widerspruch zum Prinzip des demokratischen Zentralismus stehe. „Wir beantragen daher, daß das AK den in der Frage der ‚Arpo‘ gefaßten Beschluß aufhebt.“ In einem zweiten, vom 2. Oktober datierten, Antrag führten die drei Antragsteller eine politische Frage von Bedeutung an, die des revolutionären Defaitismus, eine Frage, die bisher in der Auseinandersetzung des AK keine Rolle gespielt hatte.
Mit der steigenden Kriegsgefahr seit der Errichtung der NS-Diktatur in Deutschland war die Frage akut geworden, welche Haltung die Arbeiterklasse der verschiedenen Län­der im Kriegsfalle einzunehmen habe. Im IK vom Februar 1936 war die Frage unter dem Titel „Der imperialistische und der revolutionäre Krieg heute“ eingehend behandelt worden. (Siehe dazu auch Erwin Gräff: Die KPO und die Kriegsfrage vor Ausbruch des 2. Weltkrieges.) Der Verfasser, A. Thalheimer, hatte insbesondere derjenigen Frage seine Aufmerksamkeit zugewandt, die durch die Perspektive des „gemischten“ Krieges eine Beantwortung verlangte, d.h. des Krieges zwischen imperialistischen Mächten, in dem die Sowjetunion der Verbündete einer der beiden Mäch­tegruppen werden könnte, nämlich der Westmächte, aufgrund ihres Militärbündnisses mit Frankreich. Ausgehend davon, und später mit der Perspektive eines isolierten Krieges zwischen der Tschechoslowakei und Hitlerdeutschland vor Augen, stellte Thalheimer fest, daß die Leninsche Losung vom revolutionären Defaitismus nicht zu allen Zeiten und in allen Lagen Gültigkeit habe, daß sie der Hauptlosung der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bür­gerkrieg und den revolutionären Krieg untergeordnet sei, und daß die Losung des revolutionären Defaitismus ihre Gültigkeit verliere, „wenn sie in Widerspruch geraten wür­de zum allgemeinen revolutionären Ziel, wenn sie die Revolution schädigen würde.“11 Im IK vom Juli 1938 nahm das AK erneut Stellung zur Frage des revolutionären Defaitismus, wobei dem tschechischen Fall besondere Aufmerk­samkeit geschenkt wurde. Aufgrund seiner Verbindung mit der deutschsprachigen KPO-Gruppe des Sudetenlandes war das AK über die Stimmung im Lande gut unterrichtet. Als Zusam­menfassung des beiderseitigen Meinungsaustausches muß die abschließende Betrachtung obigen Artikels angesehen wer­den: „Der Sieg Hitlerdeutschlands würde die SR in eine faschistisch beherrschte deutsche Kolonie verwandeln. Er würde die Zerschlagung aller Arbeiterorganisationen be­deuten. Er würde bedeuten, daß zunächst der Kampf der sla­wischen Völker der SR gegen die nationale Unterdrückung durch die Deutschen alles andere überwuchern würde. Die Bedingungen für die proletarische Revolution in der SR wären nicht verbessert, sondern sie wären ungeheuer ver­schlechtert und erschwert. Der Defaitismus wäre in diesem Falle jedenfalls kein revolutionärer Defaitismus. Er ist daher abzulehnen.“12
Als Wendung bezeichneten die Antragsteller Hausen, Monden und Brücker das Aufgeben der Losung des revolutionären Defaitismus im Falle der Tschechoslowakei, eine Wendung, mit der sie sich einverstanden erklärten, um – widersprüchlich dazu – in der Absetzung von Borochowicz nur einen Vorwand für weitergehende und auf eine grundlegende Änderung der Linie der Gruppe abzielende Absichten zu sehen. Worin diese Änderung bestand, wurde nicht weiter ausgeführt.
Am 2. Oktober brachte Kuno Brandel einen Antrag beim AK ein, in dem er diesem vorwarf, die Stellungnahme der Gruppe in der Frage des revolutionären Defaitismus einer Revision unterzogen und die bisher von der Gruppe vertretene Auffassung preisgegeben zu haben, so wie sie im Aufruf des Londoner Büros und in der Broschüre „Der Krieg und die Kommunistische Internationale“ zum Ausdruck komme. Er bezog sich dann auf die gegen Borochowicz getroffenen Maßnahmen und schlug vor ihre sofortige Rückgängigmachung, eine Erweiterung des AK, in das Hausen und Tittel aufzunehmen wären und eine allgemeine politische Diskussion über den Rahmen der Fünfergruppen hinaus.


Die Spaltung
In der „Antwort des AK auf die Anklagen der Fraktion Leo-Hans gegen die ergriffenen organisatorischen Maßnahmen des AK“ rechtfertigten Brandler und Thalheimer ihre Maß­nahmen bezüglich Borochowicz und wiesen die Proteste von Hausen, Monden und Brücker ab. Die von ihnen ergriffenen Maßnahmen sollten – nach ihrer Auffassung – verhindern, daß anstelle einer Diskussion zur Klärung politischer Meinungsverschiedenheiten Fraktionstreibereien gefördert würden.
In Bezug auf die behauptete Wendung der Linie der KPO wiesen Brandler/Thalheimer auf Beschlüsse des AK und des Londoner Büros der IVKO hin, wie sie in drei Rundschreiben bzw. Briefen an die Mitglieder der KP der Tschechoslowakei (O) zum Ausdruck gekommen seien. Sie nahmen für sich in Anspruch, eine Diskussion über die Kriegsfrage in der gesamten Mitgliedschaft angeregt und zu diesem Zweck Hausen und andere Genossen aufgefordert zu haben, Diskussionsartikel zur Kriegsfrage zu schreiben. Dies, nachdem Borochowicz einem ihm am 6. September erteilten Auftrag nicht nachgekommen sei, „je einen Entwurf eines Aufrufs zur Lage für IVKO und KPD(O) zu machen, der als Basis einer klärenden Diskussion im AK, und wenn erforderlich, in der Mitgliedschaft dienen konnte.“ 15
Auf die Anklage von Brandel, daß der Standpunkt der Gruppe betreffend die Losung des revolutionären Defaitis­mus revidiert worden sei, entgegneten Brandler/Thalheimer, daß der Standpunkt des AK im Falle eines isolierten Krie­ges der Tschechoslowakei gegen Hitlerdeutschland (Ablehnung der Losung des Defaitismus und Umwandlung des imperialistischen Krieges in den revolutionären Vertei­digungskrieg) sowohl in der Pariser Emigration wie in Südfrankreich diskutiert und gebilligt worden sei.
Brandler/Thalheimer schlossen ihre Entgegnung mit der Feststellung ab: „Was übrig bleibt, ist eine verschie­dene Beurteilung der Einschätzung der politischen Ereig­nisse dieses Jahres. Es muß versucht werden, die Diskussion solcher Differenzen besser, wie bisher, in der Emigra­tion zu organisieren. Das müssen die Genossen der Emi­gration selbst tun. AK kann sie nur unterstützen.“16 Auf der anderen Seite hielten Brandler/Thalheimer die Enthebung von Borochowicz aus seinen Funktionen als AK-Mitglied auf ein Jahr aufrecht mit der Begründung, er und Tittel hätten sich eines Fraktionsvorstoßes schuldig gemacht.
Die von Brandler/Thalheimer angestrebte Diskussion der Differenzen kam nicht zustande. Borochowicz, Tittel und Genossen verließen die KPO. Ihnen schloß sich fast die gesamte Ascher KPO der SR an, die sich in England befand, und Genossen in Dänemark. 17
Die Ursachen der Spaltung
Die Krise im AK entstand plötzlich, ohne Vorwarnung. Sie bildete nicht den Höhepunkt einer sich lang hinziehenden Auseinandersetzung innerhalb der KPO-Emigration. Der Anlaß, ob es zu einem gewissen Zeitpunkt zum Kriegs­ausbruch komme oder nicht, war eine Nebenfrage. Die Ursachen zur Auseinandersetzung, die in einer Spaltung re­sultierte, müssen daher woanders gesucht werden. Sicher­lich waren politische Fragen die bestimmenden, aber in einem anderen Sinne, wie sie die Beteiligten verstanden. Die Ursachen müssen in der Lage der Kommunistischen Op­position vor Ausbruch des 2. Weltkrieges gesucht werden.


Die Entwicklung der KPD-O
In der Internationalen Vereinigung Kommunistischer Oppo­sition (IVKO) dominierte die deutsche Gruppe zahlenmäßig (nur zeitweise durch die oppositionelle KP Schwedens über­flügelt, die innerhalb der Partei eine Mehrheit hatte sammeln können)18, die KPD-O dominierte aber vor allem ideo­logisch. Sie war daher besser gerüstet, auf die verschie­denen Aspekte der politischen Entwicklung zu reagieren und ihr Geschlossenheit zu bewahren. Die Aufgabe, die sie sich mit ihrer Bildung gestellt hatte, war eine Reform der Komintern an Haupt und Gliedern. An dieser Möglichkeit zweifelte bereits 1931 eine Minderheit innerhalb der KPD-O und verließ sie, um sich der SAP anzuschließen. Durch die Errichtung der NS-Diktatur und die Beschränkung auf die illegale Tätigkeit verlor die KPD-O, wie alle an­deren Arbeiterorganisationen, an Wirkungsmöglichkeit. Ver­folgungen durch die Gestapo reduzierten den ihr verblie­benen Mitgliederstamm.
Nach der Niederlage in Deutschland 1933 zeichnete sich schließlich eine Abwendung der Komintern von der ultra­linken Linie ab. Die KPO schöpfte neue Hoffnung. Auf der ersten Auslandskonferenz Ostern 1934 wurde eine Hinwendung an das Exekutivkomitee der Komintern beschlossen, mit der Aufforderung, zu ihrem bevorstehenden 7. Weltkongreß Ver­treter der KPD-O und des Büro der IVKO mit beratender Stimme zuzulassen. Das Ergebnis dieses Weltkongresses entsprach nicht den Erwartungen der KPO.
Die Komintern gab zwar die ultralinke Linie auf, aber nur, um vom linken Straßengraben in den rechten zu fallen. Mit der Volksfrontpolitik, die auf dem 7. Weltkongreß aus der Taufe gehoben wurde, verließen die Komintern und die ihr angeschlossenen Kommunistischen Parteien den Boden des Kommunismus. Von nun ab trennten nicht mehr nur taktische Differenzen Opposition und Komintern, sondern prinzipielle. Damit wäre der Augenblick für die Opposition gekommen, den gefallenen Mantel aufzuheben und sich als kommunisti­sche Partei zu konstituieren. Dafür waren indes ihre Kräfte zu schwach. So verblieb die Aufgabe, die der Opposition zugefallen war, ungelöst.
Anfang 1937 rollte die Gestapo die illegale Reichsleitung auf und zerschlug die Organisation.19 Aber „bis zum März 1940 bestand zwischen dem AK und dem Inland noch sporadischer Kontakt“.20 Ab 1937 war somit die KPO als Organisation nur noch durch ihr AK und ihre Emigrantengruppen repräsentiert. Sie verteilten sich auf fünf Länder in Europa und umfaßten rund 100 Mitglieder.21


Die Entwicklung der Internationalen Vereinigung der Kommunistischen Opposition (IVKO)22
Die IVKO war sich einig in ihrer Ablehnung der Beschlüsse des 4. Weltkongresses der Roten Gewerkschaftsinternationale von 1928 und des 6. Weltkongresses der Komintern vom sel­ben Jahr. Die politische Entwicklung der folgenden Jahre und die Stellung, die ihre Ländergruppen dazu nahmen, ließ sie verschiedene Wege gehen. 1933 verließ die stärkste Gruppe, die schwedische, die IVKO, um sich der Internationa­len Arbeitsgemeinschaft gegen den Krieg (IAG) mit Sitz in London (daher Londoner Büro) anzuschließen. 1934 verließ die KP der Schweiz mit Stützpunkt in Schaffhausen die IVKO. Im selben Jahr wurden die Vorläufer der späteren Volks­frontpolitik im Bezirk Elsaß der KP Frankreichs aus der IVKO ausgeschlossen, wodurch der Opposition nur eine klei­ne Restgruppe erhalten blieb. Neben den kleinen unbedeutenden Ländergruppen in Indien, Österreich und der SR (Asch) gehörten der IVKO seit 1935 nur noch zwei größere Gruppen an, die deutsche KPO und die US-amerikanische Lovestone-Gruppe. 1938 trennte sich die IVKO von der indischen Gruppe um M. N. Roy aufgrund der von ihm eingeschlagenen Linie in der Kriegsfrage (Burgfriedenslinie) und seiner Abwendung vom Marxismus (Verkündung des „Neuen Humanismus“). Im selben Jahr spitzte sich ein latenter Konflikt zwischen der KPD-O und der Lovestone-Gruppe zu in der Frage des Londoner Büros, das seinen Namen IAG in Internationales Büro für revolutionär-sozialistische Einheit geändert hatte. Die Lovestone-Gruppe forderte dessen Umbildung in ein neues „Internationales Zentrum“, d.h. die Bildung einer neuen Internationale, was die KPD-O immer abgelehnt hatte. Darüber kam es zum Bruch zwischen den beiden Organisationen und damit zum Ende der IVKO.


Die Existenzberechtigung der KPD-O nach dem 7. Weltkongreß der Komintern
Was die Haltung der KPO-Emigranten zu den politischen Fragen auszeichnete, war ihre völlige Einmütigkeit bis zur Septemberkrise. Zwar gab es genug Stoff, der zu Auseinandersetzungen einlud und zu Spaltungen hätte führen können. Da war die Einstellung zum Stalinismus. Anfänglich hatte das AK die Maßnahmen Stalins und der Mehrheit des russischen ZK gegen die Angeklagten im ersten Moskauer Schauprozeß vom August 1936 gebilligt (Kamenew, Sinowjew und Smirnow). Auch gegenüber dem zweiten Prozeß vom Januar 1937 meldete das AK nur Bedenken an (Radek, Pjatakow und Genossen). Immerhin war ein Umdenken im Gang. Erst anläßlich des dritten Prozesses im März 1938 nahm das AK in scharfen Worten Abstand von den Maßnahmen der russischen Führung.23 Auch H. Tittel hat die Stellungnahme des AK vertreten und Referate darüber in Asch gehalten.24
Zu der Wandlung des AK in der Beurteilung der Führung der Sowjetunion und insbesondere Stalins trug die politische Entwicklung in Spanien entscheidend bei. Über die deutschen KPO-Mitglieder, die auf republikanischer Seite kämpften und in engem Kontakt mit der POUM standen, waren das AK und die IVKO weitgehend über die politische Lage in Spanien unterrichtet. Da die Wendung des AK in der Einstellung zur Stalin-Führung im Einklang mit der Basis stattfand, war jedenfalls nicht diese Frage der Anlaß zu der späteren Auseinandersetzung im AK.
Auch die Frage des „Demokratischen Zentralismus“, der in einen „Bürokratischen Zentralismus“ ausgeartet war, wurde nicht zum Gegenstand der Auseinandersetzungen. Es fanden Diskussionen darüber statt, aber sie fanden nicht ihren Niederschlag in Erklärungen oder in der Formulierung gegensätzlicher Standpunkte. Der Standpunkt Thalheimers in dieser Frage war: „Der Demokratische Zentralismus hat (…) zwei Seiten, eine, die von oben nach unten geht, das Kommandieren, das ist der Zentralismus, und eine, die von unten nach oben geht, das ist das Demokratische daran.“ (Um was geht es? - S. 28).
Anders war es mit der Frage des „revolutionären Defaitismus“. Obwohl diese Frage in ausführlichen Artikeln im IK von Thalheimer/Brandler (IK Februar 1936, IK Juli 1938) und im Laufe des Jahres 1938 in der KPO-Emigration behandelt worden war, scheint die Bedeutung dieser Frage als einer der Hauptlosung untergeordnete (Umwandlung des imperialistischen Krieges in den revolutionären durch Sturz der bürgerlichen Regierung) nicht allgemein erkannt worden zu sein. Das Bezeichnende indes ist, daß nicht diese Frage die Auseinandersetzung im AK auslöste, sondern eine zweitrangige, nämlich die des Zeitpunktes des Kriegs­ausbruches. Sie war die Frage, hinter der sich eine an­dere verbarg, die der Existenzberechtigung der KPO nach dem 7. Weltkongreß der Komintern.
Mit der Auflösung der Roten Gewerkschaften, die eine der Voraussetzungen für die Volksfrontlinie der Komintern war, wurde ein Stein des Anstoßes auf dem Wege des Zusammenwir­kens der beiden großen Arbeiterparteien, der Sozialdemo­kratischen und der Kommunistischen, aus dem Wege geschafft. Für viele der Landesgruppen, die der IVKO angeschlossen wa­ren, wurde damit ein wesentliches Hindernis beseitigt. Und in der Volksfrontlinie sahen sie die Verwirklichung des Einheitsfrontgedankens. Darin lag der grundlegende Unter­schied zur deutschen Gruppe der KPO. Was diese betraf, so war zwar die Gewerkschaftsfrage eine sehr wichtige Frage, aber nicht die einzige und keineswegs eine übergeordnete, sondern im Gegenteil eine der Frage des Sozialismus untergeordnete. Darum hatte die KPD-O zur Volksfrontlinie des 7. Weltkongresses der Komintern eine Einstellung, die der­jenigen der übrigen Ländergruppen der IVKO genau entgegen­gesetzt war. In der Volksfrontlinie sah sie eine Perver­tierung des Einheitsfrontgedankens, d.h. der Zusammenarbeit aller Arbeiterorganisationen in bestimmten Tagesfra­gen, um diese für den Sozialismus zu mobilisieren. Die Volksfrontlinie zielte ganz im Gegenteil darauf ab, die Frage des Sozialismus auf den Sankt-Nimmerleinstag zu ver­schieben. Sie war eine durch die außenpolitischen Bedürf­nisse der Sowjetunion diktierte Linie, die von den moskau­treuen Kommunistischen Parteien im vermeintlichen Interes­se der Sowjetunion und der kommunistischen Weltbewegung angenommen und vertreten wurde.
Welche Möglichkeiten hatte die KPD-O, sich der neuen Linie der Komintern zu widersetzen? Wenn ihre Reformversuche der Komintern „an Haupt und Gliedern“ unter deren ultralinken Periode sich als vergeblich erwiesen hatten, so war die Aussicht, mit geringeren Mitteln, weil geschwächter Organi­sation, gegen die Burgfriedenslinie der Komintern anzugehen, ja, diese zu ersetzen, aussichtslos. Ohne Wirkungsmöglich­keit in der Arbeiterbewegung ihrer Asylländer, auf sich selbst gestellt, ihre Mitglieder politisch, ökonomisch und sozial ausgesetzt, an den Rand der Gesellschaft des Asyl­landes gedrängt, das sie gerade noch duldete, bewahrte die KPD-O ihr Einheit aufgrund ihrer korrekten Beurteilung der politischen Entwicklung im Weltmaßstab. Aber auch die scharfsinnigste Analyse kann auf die Dauer nicht die Or­ganisation ersetzen. Auch die besten Anweisungen zum Han­deln können die Handlungen selbst nicht ersetzen. So mußte sich eines Tages, angesichts des Niederganges der Arbei­terbewegung im allgemeinen und der kommunistischen Oppo­sition im besonderen, für die Mitglieder der KPO die Frage stellen: Zu welchem Zweck halten wir noch zusammen? Der Tag kam, als die politische Temperatur bis zur Siede­grenze stieg, als die deutsche Emigration in Frankreich an­gesichts der drohenden Kriegsgefahr, vor der sie jahrzehn­telang gewarnt hatte, machtlos stand. Der „Krach“ im AK war Ausdruck der hoffnungslosen Lage, in die die KPO-Emigration als politische Organisation geraten war, die Hef­tigkeit, mit der die Auseinandersetzungen geführt wurden, Ausdruck der hoffnungslosen Lage, in der sich ihre Mit­glieder befanden, mit der drohenden Internierung im Kriegs­falle vor Augen, ungeachtet ihrer Eigenschaft als Antifa­schisten.
Minderheit und Mehrheit, die sich im Laufe der Auseinan­dersetzung im AK und der Pariser Emigration herausbildeten, glaubten politische Fragen zu verteidigen. In der Tat han­delte es sich um politische Fragen, aber um andere als alle Beteiligten meinten. Es ging um die Existenzberechtigung der KPD-O. Daß dem so war, zeigte der Weg, den die Minderheit nach ihrer Trennung von der Mehrheit ging. In den USA, wohin die Minderheit mit Hilfe der Lovestone-Gruppe nach der Besetzung Frankreichs emigrieren konnte, faßte sie den Beschluß, sich als Fraktion oder Gruppe der KPO aufzulösen und jedem Einzelnen das Recht zuzugestehen, seine eigene politische Meinung zu vertreten.25
Was von den damaligen Auseinandersetzungen zu sagen ist: „… die Geschichte ist großzügig über diesen Konflikt hinweggegangen.“26 Was bleibt, ist, daß Brandler/Thalheimer die Kriegsfrage in neuem Lichte gesehen haben. Während die großen Arbeiterparteien bereits vor dem Kriege Burg­friedenspolitik betrieben, wenn auch aus verschiedenem An­laß, wenn Sozialdemokraten einem Pazifismus huldigten, der dem Defaitismus der Reaktionäre Vorschub leistete, wenn Trotzki die Losung des „revolutionären Defaitismus“ auch im Falle des „gemischten“ Krieges zur Doktrin erhob und damit, wie die Pazifisten, dem reaktionären Defaitismus ungewollt in die Hände arbeitete, lösten Brandler/Thalheimer den Knoten, der sich um die Kriegsfrage entwickelt hatte – eine historische Leistung, die die wenig rühmliche Rolle der beiden großen Arbeiterparteien ins rechte Licht rückt.
Erwin Gräff, 15. Februar 1985

1 Zu diesem Zeitpunkt existierte im Reich keine Organisation der KPO mehr, eine Folge der Verhaftungswelle 1937. Die KPD-O wurde somit nur mehr durch deren Auslandskomitee (AK) und ihre Emigrationsgruppen repräsentiert.
2 Eine als Pressekorrespondenz in London getarnte Publikation der KPO/IVKO mit wöchentlichen Kommentaren zur politischen Entwicklung.
3 "Material zu den innerparteilichen Vorgängen", Oktober 1938, S.4.
4 Krieg und Gewerkschaften. Rede des Vertreters der KPO: Genosse Roth, d.h. H. Brandler, auf der Februarkonferenz der "Internationalen Front der Werktätigen gegen Krieg", 1939, S. 18. Siehe dazu auch Erwin Gräff: "Die KPO und die Kriegsfrage vor Ausbruch des 2. Weltkrieges".
5 "Material ...", Oktober 1938. Nach dem Ultimatum von Godesberg, S.8.
6 IK, Oktober 1938. Die Krise, S.5.
7 "Material ...", Oktober 1938, Antrag, S.1ff.
8 Londoner Büro = "Internationales Büro für revolutionäre sozialistische Einheit" mit Sitz in London, loser Zusammenschluß linkssozialistischer Parteien und Gruppen. Nachdem die Leitung Mitte der 30er Jahre auf die POUM übergegangen war, strebte die IVKO volle Mitgliedschaft an. Die IVKO hatte bis dahin in einem Kartellverhältnis zum Londoner Büro gestanden.
9 "Material ...", Oktober 1938. Zwischen Krieg und Frieden, S.11.
10 Die Feststellung, nicht der KPO angehört zu haben, machte H. Brechenmacher in einer mündlichen Unterredung mit dem Verfasser.
11 IK, Februar 1936, Der imperialistische und der revolutionäre Krieg heute, S.10.
12 IK, Juli 1938, Zur Frage des revolutionären Defaitismus. Zum tschechischen Fall, S.9.
13 "Material ...", Oktober 1938, S.26.
14 a.a.O., S.2815 a.a.O., S.30.
16 a.a.O., S.32.
17 Brief Tittel/Buschak 10.6.1979: Wer die Genossen in Dänemark waren, hat sich nicht mehr feststellen lassen. Siehe Brief Richter/Gräff 16.2.1984. "Als wir damals 1938 hier in der Gruppe die Frage ´gemischter Krieg - revolutionärer Defaitismus` diskutierten, waren wir prinzipiell einig in der Beurteilung des gemischten Krieges. Daß es aber im AK bei der Beurteilung zur damals augenblicklichen Frage -
Kriegsgefahr - zum Bruch/Krach und Ausschluß von Leo kommen sollte (…), hatten wir keine Ahnung und daß der 'Krach' nachfolgend zur Spaltung der KPO-Emigration führte, ebenfalls (nicht)."
18 Bernt Kennerström: Mellan tva internationaler (Zwischen zwei Internationalen). Die Sozialistische Partei 1929-37, S.26. Die Zahl für die oppositionelle Mehrheit, die spä­ter ihren Namen von KP Schweden (SKP) in Sozialistische Partei (SP) änderte, wird mit 7.100 angegeben, für die moskautreue Minderheit mit 4.000.
19 W. Abendroth: Ein Leben in der Arbeiterbewegung, S.194.
20 K.H. Tjaden: Struktur und Funktion der "KPD-Opposition" (KPO), S.328.
21 Detaillierte Angaben bei Hans Tittel (Brief Tittel/Foitzik 9.4.81), indes sind Korrekturen notwendig. In Skandinavien lebten 1939 24 Mitglieder (Erwin Gräff: Verzeichnis über die deutsche KPO-Emigration in Däne­mark, in Norwegen und in Schweden). In Troyes (Frank­reich) lebten 1937 6 Mitglieder, nach März 1939 niemand.
22 K.H. Tjaden: a.a.O., 4. Zur internationalen „rechten“ KP-Opposition, S.259ff und: Die internationalen Ver­bindungen des Auslandskomitees..., S.328ff.
23 IK, Nr.4, November 1936. IK, Nr.1, Februar 1937. IK, Nr.1, März 1938.
24 Mündliche Mitteilung an den Verfasser, Oktober 1978.
25 Brief Tittel/Bergmann 2.11.1978.
26 Brief Tittel/Gräff 6.11.1978.
25 Brief Tittel/Bergmann 2.11.1978.
26 Brief Tittel/Gräff 6.11.1978.
25 Brief Tittel/Bergmann 2.11.1978.
26 Brief Tittel/Gräff 6.11.1978.

Zum Verfasser Erwin Gräff

Vorstehende Einschätzung der Spaltungsvorgänge in der KPD-O 1938 im Pariser Exil stammt vom Genossen Erwin Gräff, geboren am 13. 6. 1907 und gestorben 1994 in Schweden. Er war in seiner Jugend Mitglied der KPO und Leiter einer gewerkschaftlichen Jugendgruppe. Von Beruf war er Architekt. Vor den Nazis musste er nach Schweden flüchten, wo er während des Krieges als Landarbeiter unterkam. Nach dem Krieg zog er 1954 nach Linköping und konnte dort als Architekt arbeiten. Erwin war in seiner neuen Heimat weiter politisch tätig, vor allem im Bildungsbereich. Er vertiefte sich in Studien über die deutsche und die skandinavische Arbeiterbewegung. Auch an der Geschichte der KPO arbeitete er mit. Er stand der Gruppe Arbeiterpolitik nahe. Er war ein sportlicher Typ, der sich bedächtig seine Meinung zu bilden pflegte. Als wir ihn erstmals auf einer Jahreskonferenz trafen, war er um die 60 Jahre alt.
Dem Streit in der Gruppe, stand er anfangs ebenso ratlos gegenüber wie wir von der Nürnberger Gruppe. Als es über politische Meinungsverschiedenheiten und völlig unakzeptable Vorgehensweisen der Redaktion zur Spaltung kam, schlossen sich die meisten Opponenten 1971 der neugegründeten Gruppe Arbeiterstimme an. Mit Erwin Gräff hatten wir einen Mitstreiter, der in vielen Artikeln zum Gelingen unserer Zeitschrift beitrug. Als ständiger Autor über viele Jahre schrieb er vor allem über die schwedische KP und über die Arbeiterbewegung in Skandinavien. Er nahm meist zusammen mit seinem Genossen Ulli Cohn an den Jahreskonferenzen der Arsti teil, wobei er besonders jüngere Genossen mit seinem historischen Wissen und seiner marxistischen Herangehensweise befruchten konnte.

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40 Jahre Gruppe Arbeiterstimme

Normalerweise sind 40 Jahre eine lange Zeit und eigentlich Grund zum Feiern. Bei einer politischen Gruppe, die sich bestimmte Ziele gesetzt hatte, ist das jedoch etwas Zwiespältiges. Einerseits ist es schon bedeutsam, so lange durchgehalten zu haben, über alle Zeitereignisse hinweg – zuerst mit Hoffnungen und dann mit schweren Enttäuschungen. Da liegen tausende Stunden Arbeit hinter manchem von uns, oft endlose Diskussionen, Streit und Demonstrationen. Wenn andere ihrem Vergnügen nachgingen, stand für uns die Aufgabe, uns zu informieren, Papiere zu studieren und Analysen zu erstellen. So kamen in den vier Jahrzehnten auch über 160 Ausgaben der Arbeiterstimme zustande. Sie mussten auch immer wieder gestaltet, verschickt und verkauft werden; nicht eine Nummer ist ausgefallen. Auf der anderen Seite waren die Verhältnisse nicht so, dass wir die gestellten Ziele annähernd erreichen konnten, im Gegenteil. Wir konnten so unsere Kleinheit und die Schwächen nicht überwinden. Eine ganze Generation von Mitgliedern ist in dieser Zeitspanne verstorben. Unser Wirken sollte ja auch dahin führen, die Voraussetzungen zu schaffen, um in etwas Größerem, Gemeinsamen aufzugehen – eben, uns als Gruppe überflüssig zu machen.
Zum Werdegang selbst: Im Mai 1971 erschien die erste Ausgabe der Arbeiterstimme. Ende das Jahres 1971 entstand die Gruppe Arbeiterstimme auf der Gründungsversammlung in Frankfurt, bei der sich 19 Genossinnen und Genossen zusammenfanden, das waren etwa zwei Drittel der in Frage kommenden künftigen Mitstreiter. Es ging darum, verschiedene Zirkel zu vereinen, ein Statut auszuarbeiten und unserer neu zu gründenden Gruppe und Zeitung Namen und Inhalt zu geben. Bei den Teilnehmern handelte es sich um die Genossinnen und Genossen der Gruppe Arbeiterpolitik Nürnberg und um den Kreis älterer KPO- und Arpo-Genossen um Unser Weg (Redakteur Hermann Jahn) und uns sonst politisch Nahestehende. Mit dabei waren auch die ersten Opponenten der Bremer Arpo-Gruppe um Schorse Stockmann. Ich hatte vorher die Fäden brieflich und telefonisch gezogen und so konnten wir uns der Unterstützung einiger Nichtanwesender sicher sein, was dann auch finanziell von Bedeutung war. Als Sitz der Redaktion und der Gruppenleitung wurde Nürnberg bestimmt. Hans Kunz zeichnete für das Impressum der Zeitung verantwortlich. Unter anderem waren anwesend: Junggewerkschafter aus Nürnberg, Hans Brechenmacher aus der Schweiz (KPO), Isi Abusch, Udo Winkel und Alfred Schmidt aus Frankfurt mit seinen 80 Jahren. Im Laufe der Zeit bestand die Redaktion in Nürnberg aus sechs bis sieben Mitgliedern, die im „Parteilokal“, der Wohnung von Hans Kunz, der auch die Gruppenadresse stellte, in der Peterstraße zusammenkamen, wöchentlich. Ich traf Hans Kunz fast jeden zweiten Tag. Die älteren Gründungsmitglieder der Arsti waren zuvor langjährige Mitglieder der Arbeiterpolitik, zum Teil auch der KPO, gewesen. Sie waren enttäuscht von der Gruppenleitung, manche waren inaktiv geworden, oft auch, weil sie nicht gebraucht wurden, was man ihnen in der Ära Günter Kuhlmann auch zu verstehen gab. Auf Interventionen und Briefe in der Arpo gab es selten eine Antwort, zu diskutieren war man nicht bereit, vielleicht auch arbeitsmäßig überfordert. Die Behandlung von Alfred Schmidt war nicht nur unzulänglich, sondern auch würdelos. Es war ja auch eine Tatsache, dass viele von den Altgenossen in der Weimarer Zeit und der Nazi-Zeit schwere Schicksalsschläge hinnehmen mussten und auch politisch enttäuscht wurden. Dickköpfigkeit und Sturheit mögen da manchmal zum Durchhalten nötig gewesen sein. Auch wir von der Redaktion der Arsti hatten mit ihnen manchmal einen harten Strauß auszufechten.
Auf die Abspaltung der Nürnberger Gruppe reagierte die verlassene Gruppe, die vor allem in Bremen und Hamburg weiterbestand, mit Ignoranz. Andererseits scheute Pep sogar vor Verleumdungen nicht zurück, wobei er in der Arpo-Jahreskonferenz 1971 von den anderen leider keinen Widerspruch erfuhr. Statt die politischen Streitpunkte aufzuzeigen, behauptete er u.a. laut Protokoll: „Am Beispiel der Entwicklung des Genossen Steigers muß man klar sehen, daß diejenigen Kräfte, die nicht aus dem Proletariat, nicht aus dem Kampf, sondern aus der intellektuellen Einsicht heraus zum Kommunismus kommen, immer durch ihre ursprüngliche Klassenlage gefährdet sind, die kommunistische Bewegung wieder zu verlassen. Die historischen Beispiele hierfür sind zahlreich. Die wirklichen kommunistischen Kerne kommen aus den Kämpfen, aus der Konfrontation mit der Gesellschaft zum Kommunismus. Andererseits müssen wir uns aber fragen, wie es kommt, dass in der gesamten Nürnberger Gruppe keine Genossen gegen deren Linie auftraten.“
Die Gründung der neuen Gruppe Arbeiterstimme war der Versuch, angesichts einer nicht mehr im Sinne der innerparteilichen Demokratie funktionierenden Arpo eine neue Arpo zu installieren und die zunehmenden ultralinken Tendenzen in der Gewerkschaftsfrage abzuwehren. Der politischen Streitfragen gab es eine Menge. In der Bremer Gruppe selbst entzündeten sich die Auseinandersetzungen an den Straßenbahndemonstrationen Jugendlicher, vor allem aber an der zweiten Liste bei der Betriebsratswahl in der Klöckner-Hütte (Bonno usw.). Die Nürnberger z. B. hatten eine andere Einschätzung der Entwicklung des „Prager Frühlings“, sie protestierten gegen die Verfälschung von Artikeln (SU, NPD, Gewerkschaft) und waren entsetzt über Peps weltpolitische Fehleinschätzungen in der Arpo, z. B. „Die USA in Agonie“, und das 1970!
Politisch bekannte sich die neue Gruppe zu Aufgaben, die schon die KPO und die alte Arbeiterpolitik sich stellten; so vor allem: Förderung der Entwicklung von Klassenbewusstsein, Klassenkampf anstelle von Sozialpartnerschaft, Betonung des wichtigen Stellenwerts taktischen Vorgehens, Propagierung des Sozialismus, Herausbildung kommunistischer Kader als Vorbereitung zur späteren Gründung einer kommunistischen Partei. Einig waren wir uns, dass der Bezug auf die Arbeiterklasse weiterhin gültig sei, trotz der Schwierigkeiten, die uns allen bewusst waren. Kritik und Selbstkritik und ein freundschaftlicher Umgang miteinander sollten in der neuen Gruppe bestimmend sein. Freilich, fünf Jahre später sollte sich zeigen, dass man so etwas zwar anstreben kann, doch die veränderten politischen Verhältnisse, das geänderte Umfeld, das auf eine Gruppe einwirkt, dann aber oft stärker sind. 1971 jedenfalls war der Nachklang der Studentenbewegung noch stark, hielt der linke Aufschwung in Deutschland und der Welt noch an. Bei den Differenzen zwischen der Arpo in Bremen und in Nürnberg spielte auch die Entfernung eine Rolle und noch mehr die unterschiedlichen politischen Gegebenheiten in Bayern und in den nördlichen Stadtstaaten. In Bayern regierte mit absoluter Mehrheit und mit harter Hand die CSU; die SPD war in der Diaspora. Unser Nürnberger Gewerkschaftsapparat, obwohl auch aus SPD-Mitgliedern bestehend, war linker geprägt, eine Anzahl der Gewerkschaftsführer war in der SAP gewesen, einige hatten sogar früher der Arpo nahegestanden. In Bremen andererseits herrschte seit Jahrzehnten die SPD, gab es traditionell ein Zusammenspiel zwischen Bürgertum und sozialpartnerschaftlichen Sozialdemokraten. Diese Unterschiede hatten ihre Auswirkung auf die unterschiedlichen Einschätzungen des Verhältnisses zwischen Gewerkschaftsbasis und Gewerkschaftsführung, wobei wir immer bestrebt waren, die regionalen Besonderheiten nicht als das Allgemeine anzusehen.
Ein anderes Element des politischen Auseinanderlebens waren die gruppeninternen Auswirkungen der Jugendbewegung und der sogenannten „Wilden Streiks“. Waren auf den Jahreskonferenzen früher etwa 25 bis 35 GenossInnen anwesend, die man meist kannte, so war ab ca. 1967 plötzlich der Saal voll, aber mit von Jahr zu Jahr wechselnden Anwesenden. 70 bis 80 Leute aus verschiedensten Zirkeln und Betrieben tauchten auf und verschwanden bis zum anderen Jahr wieder. Es war unklar, wer überhaupt zum Führungskern gehörte. Auf der Konferenz in Steinkimmen, als für mich zum ersten Mal Pep wieder in der Gruppe mitwirkte, wollte die Redaktion um Günter Kuhlmann die opponierenden Bremer Genossen und Hermann Jahn ausschließen lassen. Doch die Versammlung zeigte sich damit politisch völlig überfordert, auch wir Nürnberger. Die große Mehrheit wusste überhaupt nicht, um was es genau ging. Der Ausschluss ging dann mit sechs oder sieben Ja-Stimmen vor sich, alle anderen enthielten sich (!), auch wir Nürnberger.
Doch zurück zur neugegründeten Gruppe, die nun vor allem durch den Zusammenschluss der Genossen von Unser Weg und der Gruppe Arbeiterpolitik Nürnberg zustande kam. Diese Vereinigung von Altgenossen und Junggenossen war auf der einen Seite fruchtbar, da die Jüngeren aus Nürnberg die Tradition und die politischen Grundsätze der KPO meist erst oberflächlich aufgenommen hatten und nun dazulernen konnten. Die andere Seite war, dass viele Altgenossen, um mit Isi Abusch zu sprechen, „Gewesene“ waren; also durch die Niederlagen, durch KZ und Gefängnisse und durch die Enttäuschungen im eigenen Lager verbraucht waren. Die Folge war, dass manche an der Vergangenheit hängen blieben, querulantisch oder inaktiv wurden. Auch die Entfernungen spielten eine Rolle. Andere wiederum wie Hermann Jahn, Schorse Stockmann und Isi und Friedel arbeiteten, soweit sie konnten, gleich mit. In der Nürnberger Gruppe überwogen die neu Hinzugekommenen, vom alten Kern zu Karl Grönsfelders Zeiten waren nicht mehr Viele übrig geblieben.
Wir sollten uns den alten Ursprungskern noch mal vornehmen, um die Entwicklung besser zu verstehen. 1948 leitete Karl Grönsfelder die Nürnberger Ortsgruppe der Gruppe Arbeiterpolitik mit ca. 50 Personen. Als ich dort 1956 meine ersten Gehversuche in Richtung Marxismus machte, waren meist Arbeiter aus Metallbetrieben anwesend. Einige Jahre später waren wir nicht mehr als fünf, Karl Grönsfelder, Hans Kunz, Helmut Insinger und Erich Hansel. Es war die bleierne Zeit der Wirtschaftswunderjahre, als der Kalte Krieg auf dem Höhepunkt war, mit Antikommunismus, KPD-Verbot und Linkenverfolgung. Gleichzeitig verursachte der wirtschaftliche Aufschwung den Niedergang der sozialistischen Bewegung und der Arbeiterbewegung. Statt Klassenkämpfen überzog eine politische Friedhofsruhe das Land, die auch schwer auf den Gewerkschaften lastete. 1959, im Zuge der allgemeinen Entwicklung, löste sich die Gruppe Arbeiterpolitik, die unter der Führung von Rudi Hanke und dem BR-Vorsitzenden Söchtig stand, auf – im Werk Salzgitter hatte es 600 Leser der Arpo gegeben! Der Nürnberger Zirkel machte in bescheidenem Umfang weiter. Karl war auch in Verbindung mit Heinrich Brandler und anderen. Ich konnte durch meine Reisetätigkeit unserem kleinen Kreis mit der Zeit einige Sympathisanten zuführen. Inzwischen hatten einige Unentwegte um Schorse Stockmann und Heinz Kundel in Bremen wieder begonnen, im Geiste der Arpo ein hektographiertes Blatt herauszugeben, „Briefe an unsere Leser“, an dem wir mitarbeiteten. 1964 starb Karl Grönsfelder. Ich hatte acht Jahre von meinem Mentor lernen können, von einem bescheidenen und einfachen Menschen, der den Marxismus anzuwenden verstand, obwohl er nur vier Klassen Volksschule besucht hatte. Er war früher schon Führer des Spartakusbundes in Nürnberg gewesen, nach dem I. Weltkrieg in der Leitung der bayerischen KPD und in den 20er Jahren bayerischer Landtagsabgeordneter.
1966 flog ich zum ersten Mal zu einer Jahreskonferenz nach Hamburg, wo wir vorher in Heinrich Brandlers kleinem Krankenzimmer tagten. Das war der Beginn einer leider nur kurzen Beziehung, in der er dann brieflich mit mir verkehrte. Er starb 1967 im Alter von 86 Jahren.
Mitte der 60er Jahre änderte sich die Nürnberger Gruppe und sie fand heraus aus ihrer Isolation. Denn die Angst vor einem Atomkrieg hatte Teile der Bevölkerung ergriffen und stärkte die Übriggebliebenen in der Friedensbewegung. Vor allem Jugendliche beteiligten sich nun an den Ostermärschen, aber auch Gewerkschafter. Aus diesem Kreis lud Udo Winkel, den wir schon vorher gewonnen hatten, Interessenten zu unseren monatlichen Veranstaltungen ein; später kamen sie auch in die Arbeitskreise. Es waren unterschiedliche Leute, auch eine Anzahl Aktiver aus der IG-Metall-Jugend. Mehrere von ihnen waren an der Gründung der Arsti beteiligt. Einen weiteren Schub gab es dann mit dem Aufkommen der Studentenbewegung. Bei den monatlichen Treffen waren wir 20 bis 28 Teilnehmer im Wohnzimmer von Hans Kunz. Dort wurden sowohl die Büroarbeiten als auch die Versandarbeiten für die Arsti erledigt. Da müssen wir Pauline Braun-Höfler, die beim ASB arbeitete, ein Denkmal setzen, die nicht nur bereit war, zeitweise für das Impressum gerade zu stehen, sondern auch manchen Sonntag in der Baracke oder im Politkeller die Zeitungsadressen abrollte. Sie übernahm auch die Kassenbuchhaltung. Mit Ludwig gewannen wir einen Betriebsratsvorsitzenden eines Nürnberger Metallbetriebs; Bärbel kam von den Pfadfindern. Über viele Jahre entwarf die Gruppe zum 1.Mai Flugblätter und verteilte sie vor Großbetrieben.
Die Nürnberger Gewerkschaften hatten, wie fast überall, den 1. Mai schon viele Jahre in den Saal verbannt, doch 1971 schien die Zeit reif für eine Straßendemonstration, mit oder ohne Segen des DGB. Die Gruppe ergriff die Initiative, lud linke Gruppen und Parteien ein, die dann nach nervenaufreibendem Hickhack eine ansehnliche Demonstration zustande brachten. In einer Vorbereitungsdiskussion lernten wir Gabi und Achim kennen, die dann zu uns fanden. Auch Gabi sprang später beim Impressum ein. Beide waren in der Redaktion, ebenso wie Udo, Egon, Norbert, Kurt, Erich und ich; Linne und später B. tippten meistens die Artikel. Den Zeitungsumbruch hatte eine Zeitlang Herbert By. gemacht und dann lange Zeit unser Genosse H., später in Zusammenarbeit mit dem Plärrer-Verlag. Unsere Gruppenlokalität wechselte von der Peterstr. 18 zu den umgebauten Kellerräumen in der Bucherstr. 19 und dann in die Baracke am Flughafen. Nun sind wir schon 29 Jahre im feuchten Politikkeller Bucherstr. 20, im Karl Grönsfelder-Heim. Anfang der 70er Jahre gründeten wir einen Betriebsarbeitskreis, einen Montagsdiskussionszirkel und einen Freitagsschulungskreis. Aus letzteren gingen dann später die Fraktionierungen hervor. Die Jahreskonferenzen jener Zeit waren für uns vom Kern ein Problem. Es kamen da die Aktiven vom inneren Kreis mit Sympathisanten unterschiedlicher Niveaus zusammen, die oft vorgaben, besser zu wissen, was der Gruppe Erfolg bringen würde, als wir selbst. Manche ältere Genossen, die nur einmal im Jahr zu uns kamen, wollten ihr Statement einbringen oder von alten Kampfzeiten erzählen, auch von der POUM. Das sprengte oft den Rahmen oder führte zur Unzufriedenheit anderer Teilnehmer. So waren wir vom Gruppenkern manchmal froh, die Konferenz überstanden zu haben, um weitermachen zu können wie bisher. Der Versuch des Umfunktionierens war ja damals in der Linken Gang und Gäbe. Die Jahreskonferenzen in der 4., der jetzigen Phase der Gruppe, unterscheiden sich davon schon gewaltig, wo es sachlich und in freundschaftlicher Verbundenheit um Inhalte geht. Auch die politischen Niveaus von einst und heute unterscheiden sich. Das hängt auch zusammen mit der Sozialstruktur und dem Bildungsstand der Gruppe. Das einstige Vorherrschen des Arbeitermilieus hatte weniger Zielgerichtetheit, aber mehr Spontaneität im Gefolge. Der Aufschwung der Studenten- und Jugendbewegung brachte auch uns Zulauf; dies schlug sich jedoch nicht immer in Mitarbeit nieder. Es gab mehr Nehmer als Geber. Einige in der Gruppe waren zusätzlich noch Mitglieder der MG in Erlangen geworden, ohne das in der Gruppe zu hinterfragen. Die Integration der Neuzugänge in die Gruppe wurde schwierig, weil der alte Kern immer kleiner geworden war nach dem Tod von Hans Kunz und dem Teilrückzug von Helmut Insinger. Auf einer Jahreskonferenz in Erlangen, an der Peter und Hilde zum ersten Mal teilnahmen, waren über 72 Teilnehmer, mehr, als wir je wieder in der Hallerwiese erreichten.
1975 wurde offensichtlich, dass die Studentenbewegung gescheitert war, ein Wirtschaftsabschwung sorgte dafür, dass die betrieblichen Auseinandersetzungen abnahmen; der Staat verschärfte die Repression. Es wurde für manche klarer, dass ihre Erwartungen gegenüber der Gruppe und überhaupt überzogen waren. Auch in der Gruppenarbeit fehlten die Erfolgserlebnisse. Ein Streit um die Wichtigkeit von Theorie und Praxis entbrannte. Die Kritiker wollten die theoretische Arbeit zurückstutzen. Die Zeitung sollte vorwiegend Betriebs- und Gewerkschaftsthemen behandeln. Weltpolitik, Geschichte usw. sollten reduziert werden. Immer mehr kamen reformistische Tendenzen zum Vorschein. Über die Frage des Terrorismus gab es eine wirre Diskussion (s. Arsti 29.2.1972). Die Opposition war nun gegen „Dogmatismus“. Eine Aneignung des Marxismus „durch den Kopf“ wurde in Abrede gestellt. Auch emanzipatorische Elemente spielten eine Rolle. Die sich nun verbal für die „Basisarbeit“ einsetzten, hatten vorher in grotesker Weise unseren Betriebsarbeitskreis aufgelöst! Wir, die wir schon überlastet waren, sollten wohl machen, was sie selbst zu leisten nicht imstande waren.
Mit dem Montags- und dem Freitagsarbeitskreis hatte sich die Gruppe in der Praxis schon geteilt, bevor es zu Spaltung kam, die wir dann herbeiführten, als es keinen Weg aus der Sackgasse mehr gab. Wir hatten zwar die Mehrheit der Gruppe hinter uns, doch nicht in Nürnberg und nicht bei den jüngeren aktiveren Mitgliedern. Die Spaltung traf uns zutiefst und zeitweise waren wir, was den Neuanfang anbelangte, nur drei Aktive: Gabi, Achim und ich. Erich war damals krank. Unser Vorhaben eines Neuaufbaus schien manchmal am Rande des Scheiterns zu stehen. Natürlich halfen auch andere mit, auch der Freitagsarbeitskreis, und im Laufe der Zeit die Altgenossen von auswärts, soweit sie konnten. Wir gaben weiterhin die Zeitung heraus mit dem Vermerk „Mehrheitsgruppe“. Auch die Opposition brachte noch einige Nummern, teilweise auf niedrigem Niveau. An ihrer Wirrnis und Uneinigkeit ist sie dann zerfallen. Einige von ihnen wurden später wieder Abonnenten unserer Zeitung. Kein einziger Altgenosse war mit ihnen gegangen.
Aus diesem Tiefpunkt heraus entstand eine neue Phase des Gruppenaufbaus, den ja manche von euch dann miterlebt haben, wobei etwa 1991 mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus die Gruppe noch mal in ihren Grundfesten erschüttert wurde. In der Zeit der Auseinandersetzungen zwischen Montags- und Freitagsfraktion hatten die Leser der Arsti Gelegenheit, die Argumente zu verfolgen und sich eine Meinung zu bilden. Schneller als erwartet, erhielten wir nun von außen Zuspruch und neue Kontakte, z.B. von W. und E. aus München; Peter und Hilde näherten sich uns immer weiter an und gewannen für uns zwei Engagierte, die später Redaktionsmitglieder wurden und auch heute noch für das regelmäßige Erscheinen unserer Zeitung sorgen. Dann ist noch etwas Witziges passiert: „Ein“ Helmut Besold (Die Falken) hatte aus Straubing an die Arpo wegen Kontaktaufnahme geschrieben. Die Genossin Margret, die dort die Versand- und Büroarbeit machte, schrieb zurück, „Du wohnst zu weit weg von Bremen, wende Dich doch an Hans St. von der Arsti.“ Damit hatte sie die Arsti ein großes Stück vorwärts gebracht. Helmut, der an der Regensburger Uni hohes linkes Ansehen genoss und auch vor größerem Auditorium F.J. Strauß imitierte, hatte in jenen Jahren einen Kreis von Studenten und anderen um sich. Die Studentenbewegung war zwar in den Ballungszentren im Abklingen, doch in der Provinz gab es immer noch einen Nachtrab, der uns zugute kam. Dazu kam: Die entstandenen ultralinken K-Gruppen verloren immer mehr den Bezug zur Wirklichkeit. Helmut brachte zu den Nürnberger Monatsversammlungen eine ganze Schar mit, hin und wieder hielten wir auch in Regensburg eine Veranstaltung ab. Die Oberpfalz bescherte uns so eine ganze Anzahl neuer Genossen, die heute noch im inneren Kreis und in der Redaktion sind. Auch Intellektuelle aus Norddeutschland fanden zu uns. Die Wochenendseminare hielten wir mehrere Male in Hildesheim, in Kassel, in Osnabrück in Zusammenarbeit mit der Gruppe Hintergrund und auch in Berlin ab.
Nach der Wende waren wir an einem Wochenende in Rotterode, wo wir Manfred Behrend aus Berlin kennen lernten, der dann viele Artikel, besonders zur PDS, beisteuerte. Dann kam die Begegnung mit der Gruppe International in Landshut und in Dorfen, was den Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit legte. Um diese Zeit fanden einige jüngere Genossen aus dem süddeutschen Raum zu uns; auch in England und später in Österreich fanden wir Sympathisanten, die uns bei unserer Arbeit unterstützten. Die letzten Jahre waren die Seminare dann in München. Seit einigen Jahren sind wir mit einem Stand auf der Linken Literatur-Messe in Nürnberg vertreten. Mehrere Jahre hatten wir einen italienischen Großspender in Hamburg, der uns als großer Unbekannter am Jahresende immer 6.000 DM überwies.
Ohne die Opferbereitschaft von Gruppenmitgliedern könnten wir nicht bestehen. Wenn wir bundesweit in der Linken Deutschlands bekannt geworden sind und weiter Werbung in diesem Umfang betreiben können und das seit Jahrzehnten, dann beruht das auch auf der außergewöhnlichen Spendenbereitschaft des 1991 verstorbenen Isi Abusch, von dessen „Rentenüberweisungen“ wir heute noch zehren.
Wie schon erwähnt, brachte dann der Zusammenbruch des Realsozialismus für die Gruppe einen tiefen Einschnitt. Nicht schon 1989, aber ein bis zwei Jahre später verließen viele Genossinnen und Genossen die Gruppe oder reduzierten ihre Aktivität. Bezeichnend aber war, dass nun andererseits engere Sympathisanten und Leser die dringende Notwendigkeit erkannten, sich für die Gruppe zu engagieren, und zu Mitarbeitern wurden. Das erfuhren wir in München, in Baden Württemberg und anderswo.
Wir hatten stets im Nürnberger Gewerkschaftshaus eine Anzahl von Abonnenten und Sympathisanten, schon seit Karl Grönsfelders Zeiten, der auch bei manchen Gewerkschaftsfunktionären mit SPD-Parteibuch hoch geachtet war. Nach seinem Tod 1964 musste ich die Besuche übernehmen, bei denen auch immer wieder politisch diskutiert wurde. So konnte politischer Einfluss ausgeübt werden, aber auch Rückschläge und Enttäuschungen blieben nicht aus. Als manche von ihnen in den Ruhestand gingen, mussten die Nachfolger erst gewonnen werden. Das mache ich nun schon 47 Jahre lang, seit 1964, seit Karls Tod.
Die letzten 15 Jahre haben ja dann die meisten von uns, die bis heute durchgehalten haben, selbst erlebt und mitgestaltet. Einige unter uns sind ja schon 15, 20 Jahre dabei. Seit längerem hat Thomas das Impressum übernommen. Wir mussten immer wieder hinnehmen, dass treue und aktive Genossinnen und Genossen durch Tod ausschieden wie zuletzt Peter. Sie waren nicht zu ersetzen und nur ganz wenige finden neu zu uns in den aktiven Kreis.
Vor allem von Außen her wird immer wieder die Frage gestellt, ist das nicht unnützes Sektierertum, was ihr treibt? Es gibt doch trotz allem immer noch eine Anzahl kommunistischer Gruppierungen, die wesentlich größer sind als ihr, warum schließt ihr euch denen nicht an? Natürlich gibt es heute, im Gegensatz zu den Zeiten vor der Wende, Marxisten in der DKP, in der SOZ, in der Partei Die Linke usw. Genossinnen und Genossen, die ähnlich selbstständig und dialektisch denken und für demokratische Strukturen in ihrer eigenen Organisation stehen. Mit ihnen kann man enger zusammenarbeiten. Doch das war nicht immer so, als man sich kopflos von den Heilszentralen Moskau, Peking und Tirana usw. bestimmen ließ. Die KPD schloss nach dem Krieg unsere Vorgänger aus der Partei aus und verfolgte sie als „Titoisten“, „CIA-Agenten“ und „Verräter“. Im Ostblock wurden viele von ihnen ins Zuchthaus geworfen, in die schrecklichen Lager gesperrt oder gar umgebracht. Auch nach der DKP-Gründung wurde größtenteils die feindselige Haltung beibehalten, auch wenn es in der Basisarbeit „Bündnispolitik“ gab. Diese Zeiten einer unmarxistischen Versteinerung sind zwar endgültig vorbei, doch einen echten Neuanfang gab es auch in der DKP nicht. Wo blieben die parteioffizielle Selbstkritik, wo die heißen Diskussionen um die Fehler der Vergangenheit? Trotz der verheerenden Niederlagen der kommunistischen Bewegung wird zum Beispiel auch jetzt wieder an der Thälmann-Legende weitergestrickt. Zu den dort bereits laufenden Flügelkämpfen würden wir nur ein weiteres Streitfeld einbringen. Fruchtbare Kritik, das Lebenselixier des Marxismus, kann es nur im solidarischen Miteinander geben. Andere, besonders trotzkistische Gruppen, sind nach wie vor nicht frei von schädlichem Voluntarismus. Und, das gilt für alle Gruppen, auch für die uns nahestehende Arpo, wir müssten für einen Zusammenschluss die Gewähr einer Gleichberechtigung haben. Dies ist aber nirgendwo zu erkennen. Gibt es keine Ebenbürtigkeit, wird die Belastung größer statt kleiner.
Die Systemkrise des Kapitalismus weitet sich immer mehr aus, die zweite Bankenkrise wird noch gefährlicher als die vorhergehende. Die Zeiten werden härter, zuerst einmal auch für die revolutionäre Linke. Denn die Gegenbewegungen werden wohl anschwellen, doch auch manchmal in Sackgassen versanden. Die populistische und rechte Gefahr erhöht sich durch die politische Zuspitzung und allgemeine Ratlosigkeit.
Gerade in Deutschland, mit der jüngeren Geschichte der Teilung des Landes, haben wir in Richtung Sozialismus einen weiten Weg vor uns. Dafür ist Zähigkeit, aber auch Klarheit gegenüber linken „Modeerscheinungen“ notwendig. Vor allem anderen kommt es darauf an, dass der marxistische Funke nicht erlischt. Halten wir den Funken am Glühen!
Hans Steiger.

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