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Selbstdarstellung
der Gruppe Arbeiterstimme
Die Gruppe
Arbeiterstimme ist eine kleine kommunistische Gruppe, die 1971 aus der
Gruppe Arbeiterpolitik hervorgegangen ist. Zentrum und Redaktionssitz
sind Nürnberg. Die Gruppe gibt die vierteljährlich erscheinende
Zeitschrift Arbeiterstimme heraus. Die Gruppe Arbeiterstimme
sieht sich ebenso wie die Gruppe Arbeiterpolitik in der
Tradition der Kommunistischen Partei Opposition (KPD-O) der Weimarer Zeit.
Diese entstand 1928/29 als Opposition gegen die ultralinke Politik der
KPD unter der Thälmann-Führung. Die führenden Politiker
und Theoretiker waren Brandler und Thalheimer, die die Einheitsfrontpolitik
vertraten, während die KPD die RGO-Politik praktizierte und mit Stalins
verhängnisvoller Sozialfaschismustheorie die Spaltung
der deutschen Arbeiterbewegung zementierte und damit ihre kampflose Niederlage
gegen die Nazis mitverursachte. Die Gruppe Arbeiterstimme knüpft
seit ihrem Bestehen an dieses geistige Erbe und damit auch an den Spartakusbund,
Rosa Luxemburg und andere an. Es war stets unser Bemühen, eine selbständige
marxistische Position zu beziehen, in kritischer Solidarität mit
den damals im Aufbau befindlichen sozialistischen Ländern, ohne Unterordnung
unter die außenpolitischen Interessen der Sowjetunion oder der Volksrepublik
China. Wir bemühten uns um eine eigenständige und internationalistische
Einstellung. Wir wenden uns gegen jede Art von Erneuerung,
die auf einen Ausverkauf kommunistischer Grundsätze und Ziele hinausläuft.
Als kommunistische Gruppe ist für uns die Klassenfrage und die vorgefundene
gesellschaftliche Wirklichkeit der Ausgangspunkt unserer Analysen und
unseres Handelns. Uns ist bewußt, daß es zur Herausbildung
von Klassenbewußtsein in der deutschen Arbeiterklasse eines langen
Atems bedarf. Der Zusammenbruch des Realsozialismus in der Sowjetunion,
der DDR und im ehemaligen Ostblock, sowie die Rückkehr kapitalistischer
und bürgerlich-demokratischer Verhältnisse, hat
nun eine neue Lage geschaffen. Die Erneuerung des Sozialismus war schon
in den Ansätzen steckengeblieben, die Rechtskräfte triumphierten.
Nicht nur die Stalinisten, sondern auch die kommunistische Bewegung allgemein
haben weltweit eine schwere Niederlage erlitten. Der Imperialismus sieht
sich als Sieger. Niemand kann ihm gegenwärtig ernstlich mehr ein
Hindernis in den Weg legen. Doch heute gilt wieder, wie vor der russischen
Oktoberrevolution: Der schlimmste Feind des Kapitalismus ist der Kapitalismus
selber, mit seinen ökonomischen Widersprüchen, mit den antagonistischen
Widersprüchen seines Gesellschaftssystems und den Spannungen, die
sich aus dem Prozeß der Verelendung in großen Teilen der ausgebeuteten
Dritten Welt ergeben. Alle Kommunisten treibt die Frage um:
Wie geht es nun weiter mit der Weltrevolution? Oder geht es nicht mehr
weiter? Ohne Zweifel, die weltgeschichtlichen Veränderungen der jüngeren
Vergangenheit haben zu einer grundlegenden Umwälzung der objektiven
Kräfteverhältnisse geführt: Nur durch eine tiefgreifende
Veränderung der objektiven Verhältnisse, die bis in die Metropolen
reicht, kann es einmal neue revolutionäre Chancen geben. Einerseits
hat der Kapitalismus trotz aller Widersprüche und Krisen seine Entfaltungsmöglichkeiten
noch nicht ausgeschöpft. Andererseits treibt der größte
Teil der Menschheit, der unterentwickelte kapitalistische Weltteil, in
den ökonomischen und sozialen Niedergang. Die astronomische Höhe
der Verschuldung verursacht immer schärfere Krisen in einzelnen Ländern
und im internationalen Finanzsystem Aber auch die Industrieländer
schieben unlösbare Finanzprobleme vor sich her, die nur solange ruhiggestellt
werden können, wie noch wirtschaftliche Zuwachsraten zu erzielen
sind. Um einen ökologischen Kollaps zu vermeiden, wären enorme
Finanzmittel und große Umstellungen unumgänglich. Unabhängig
davon bleibt die Kernfrage, ob der Kapitalismus eine große Überproduktionskrise,
die einst (vor allem in den 30er Jahren) zur Geißel des Kapitalismus
geworden war, auf Dauer vermeiden kann. In diesem Zusammenhang tritt eine
Reihe weiterer wichtiger Fragen auf, die wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt
nicht ausreichend beantworten können: Welche Folgen hat die Globalisierung?
Was bedeuten tendenziell Automation und technologischer Fortschritt, sowie
die zunehmende Massenarbeitslosigkeit vor diesem Hintergrund? Was bedeutet
die zunehmende politische Instabilität in Teilen der Welt? Welche
Rückwirkungen und Wechselwirkungen gehen von den Schattenseiten kapitalistischer
Entwicklung aus? Wie lange noch kann der Eintritt einer großen kapitalistischen
Krise hinausgeschoben werden? Wo und inwieweit werden von eventuellen
Krisenausbrüchen objektiv revolutionäre Bedingungen entstehen?
In welchem Zustand sind dann die subjektiven Bedingungen? Ist eine gleichzeitige
oder getrennte Krisenentwicklung wahrscheinlich? Oder hat das kapitalistische
Krisenmanagement inzwischen die Macht und die Möglichkeit, die Anarchie
des Marktes, den Aufruhr der Ausgebeuteten und die Gegensätze der
Wirtschaftsgiganten in den Griff zu bekommen stets eine Kettenreaktion
vermeidend? Hat der Kapitalismus die Möglichkeit der Zerstörung
unserer ökologischen Grundlagen Einhalt zu gebieten oder treibt er
sie aus Profitinteresse weiter voran? Fragen über Fragen, die aber
von Fakten und Tendenzen ausgehen, die entscheidend sein können,
ob und wie der Sozialismus konkret wieder als Alternative auf die Weltbühne
zurückkehrt. Erst eine verschärfte Krise des Kapitalismus könnte
wieder den Boden für größere Klassenauseinandersetzungen
bereiten und kann damit wieder ein Bedürfnis für sozialistische
Politik schaffen. Um diese Lage dann zu nutzen und die in Bewegung Geratenen
über einen ziellosen Spontaneismus hinauszuführen, ist ein aktives
Eingreifen von Kommunistinnen und Kommunisten unumgänglich. Wir meinen,
es gilt jetzt schon, die dazu notwendigen Kerne zu sammeln und zu qualifizieren
und bei den sehr geringen Möglichkeiten von heute anzusetzen. Das
langfristige Ziel ist die Herausbildung einer kommunistischen Partei auf
marxistischer Grundlage, jenseits von Reformismus, Dogmatismus und Voluntarismus.
Nur die Arbeiterklasse kann das revolutionäre Subjekt sein In den
Arbeiterklassen der entwickelten kapitalistischen Länder besonders
in Deutschland ist Klassenbewußtsein kaum mehr anzutreffen.
Die Mehrzahl verfügt seit Jahren über einen sozialen Standard,
der eine Konsumfixierung ohnegleichen gefördert hat. Presse und Fernsehen
in der Hand mächtiger Konzerne haben nachdrücklich
dazu beigetragen, die Reste von Klassendenken und Geschichtsbewußtsein
zu zerstören. Die Zahl der Handarbeiterinnen und -arbeiter geht ständig
zurück, die berufsmäßige Differenzierung nimmt zu. Es
gibt linke Kreise, die behaupten, es gäbe keine Arbeiterklasse mehr,
weil derzeit nur noch von einer Klasse an sich, aber nicht für sich
gesprochen werden kann. Wir sagen: Im Verhältnis von Kapital und
Arbeit hat sich trotz aller Veränderungen nichts grundsätzlich
geändert. Wir verstehen heute unter Arbeiterklasse alle abhängig
Beschäftigten, vom Management abgesehen. Alle Lohn- und Gehaltsabhängigen
unterliegen nach wie vor der Ausbeutung und Verfügbarkeit der Diktatur
des Kapitals und sind Opfer der Krisen des kapitalistischen Systems. Arbeitslosigkeit
und Lohndrückerei sind die Folgen. Die gegenwärtigen Verhältnisse
festzuschreiben wäre unmarxistisch. Nichts in der Welt bleibt auf
Dauer wie es ist, dafür sorgen objektive Veränderungen. Diese
bedürfen jedoch subjektiven Eingreifens, um in eine revolutionäre
Richtung einzumünden. Man kann Klassenbewußtsein nicht künstlich
schaffen, jedoch durch aktives Handeln und theoretische Bewußtmachung
fördern. Darauf setzen wir langfristig. Nur durch anschwellende Klassenkämpfe
kann sich wieder eine sozialistische Alternative auftun. Der gegenwärtige
Niedergang der Gewerkschaften widerspiegelt die ökonomische, soziale
und politische Situation. Trotzdem kommt ihnen im Prozeß der Entwicklung
von Klassenkämpfen sowohl im positiven wie im negativen Sinn
eine maßgebliche Rolle zu. Durch die Bindung an die Sozialdemokratie,
die immer weiter nach rechts rückt, sind die Gewerkschaften politisch
zum Anhängsel der besitzbürgerlichen Gesellschaft verkommen.
Doch wir haben keine anderen Gewerkschaften als die bestehenden. Deshalb
gilt es, solange dies noch sinnvoll erscheint, weiterhin in ihnen zu arbeiten
und linke und kämpferische Regungen kritisch zu unterstützen.
Das langfristige Ziel muß eine Umwandlung der gewerkschaftlichen
Strukturen und politischen Ausrichtung sein, damit sie wieder Instrument
des Klassenkampfes werden können. Das unterscheidet uns von ultralinken
Gruppen, die den Doppelcharakter der Gewerkschaften nicht mehr wahrhaben
wollen und darum keine Anknüpfungspunkte mehr ausmachen können.
Eine Alternative können sie jedoch nicht benennen. Der Unterschied
von manchen kommunistischen Kreisen zu unserer grundsätzlichen Einstellung
besteht auch darin, daß wir wie auch schon früher
bemüht sind, Illusionen zu vermeiden. Regungen in der Arbeiterschaft
und in der Gesellschaft müssen realistisch beurteilt werden, um so
folgenschwere Überbewertungen zu vermeiden. Wir halten marxistische
Analyse als Ausgangspunkt für politische Beurteilungen für unerläßlich.
Das gilt auch für das Geschehen in der Welt und für die nüchterne
Einschätzung sogenannter sozialistischer Parteien in anderen Ländern.
Die notwendige Aufarbeitung der Geschichte geschah bisher unzureichend.
Wir wollen zumindest einen Teil dazu beitragen. In Anbetracht des Niedergangs
der Linken, auch in Deutschland, sind wir vom Erreichen unserer Ziele
weit entfernt. In dieser schwierigen Situation muß der Diskussions-
und Klärungsprozeß innerhalb der sozialistischen Linken fortgesetzt
und vertieft werden. Dabei wäre es falsch, Gegensätze zu übertünchen.
Gerade heute, in einer Zeit rechtsradikaler Aggressionen und deren Unterstützung
durch die sogenannte bürgerliche Mitte, kommt es aber
auch darauf an, in sinnvollen Vorstößen oder Abwehrreaktionen
eine Aktionszusammenarbeit herzustellen.
Arbeiterstimme,
Juli 2002
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Ein
schwerer Verlust: Peter ist tot!

Unerwartet kam
die schlimme Nachricht: Unser langjähriger Freund und Genosse Peter
Eberlen ist am 23. August im Alter von 70 Jahren in München verstorben.
Wir waren überrascht und schockiert, hatten wir doch zusammen noch
viel vor, was kurzfristige Pläne und langfristige Hoffnungen anbelangt.
Peter war gerade dabei, sich an einer Reise nach China zu beteiligen, auch
um auf der Jahreskonferenz der Gruppe darüber politische Schlussfolgerungen
ziehen zu können. Peter wurde von der Krise des Kapitalismus, wie wir
alle, in Atem gehalten und so hatte er erneut dem Drängen nachgegeben,
für die Arbeiterstimme in einem Artikel dem Schwindel um die Bad Banks
entgegenzutreten. Nun wird wieder einer fehlen, wenn Demonstrationen durch
München ziehen, einer, der sich unzählige Male in seinem Leben
schon engagiert hatte. Einer, auf den man zählen konnte, beim Kampf
gegen die NATO-Kriegspolitik, bei den Auseinandersetzungen um die Rundfunkfreiheit
und um das Versammlungsgesetz in Bayern; ganz zu schweigen von den gewerkschaftlichen
Aktivitäten und von den Aktionen gegen sozialpolitische Streichungen.
Als vor einiger Zeit die Einzelhandelskollegen im Tarifstreit in Bedrängnis
kamen, trat er, obwohl in der IG Metall aktiv, an ihre Seite. Für Peter
war es immer klar: Solidarität ist keine Einbahnstraße
und Solidarität kann nur im Kampf neu entstehen. Bei allen schweren
politischen Enttäuschungen in seinem Leben, der historischen Niederlage
des Sozialismus, den entsetzlichen Entstellungen, die aus dem
eigenen Lager kamen und bei dem Wissen um die langwierigen Schwierigkeiten
bei der Erneuerung einer sozialistischen Bewegung, ist bei ihm nie das revolutionäre
Feuer erloschen. Bei allen notwendigen taktischen Kompromissen hat er nie
das Große und Ganze und die marxistischen Grundlagen aus dem Blick
verloren. Für ihn hatte die Entwicklung von Klassenbewusstsein einen
ganz wichtigen Stellenwert. Er überstand auch die böswilligen
Unterstellungen jener, die sich selbst Kommunisten nannten, doch an die
Stelle der lebenswichtigen Kritik Dogmatismus, Befehl und Gehorsam gesetzt
hatten. So war es kein Zufall, dass er entsprechend drängte, das Buch
über den Spanischen Bürgerkrieg vor einigen Jahren herauszugeben,
das z.B. die wirkliche Rolle der POUM aufzeigt und die stalinistischen Verleumdungen
und Verbrechen bloßstellt. Er unterstützte stets auch die einstigen
Bemühungen der KPO (Kommunistischen Partei Opposition), die Klärung
der Begriffe wie Einheitsfront und Volksfront wieder
aufzunehmen.
Es mag etwa 1971 gewesen sein, als Peter mit seiner Partnerin Hilde zur
Gruppe Arbeiterstimme Verbindung aufnahm. Beide arbeiteten aktiv
in der IG Metall, Hilde als Betriebsrätin und Peter als Vertrauensmann
bei Siemens. Beide waren kritische Gewerkschafter und sie hatten allen Grund
dazu. Die APO und Teile der Gesellschaft waren damals noch in Bewegung.
Zwischen Gewerkschaftskritik und Gewerkschaftsfeindlichkeit war bei vielen
nur ein schmaler Grat. Ihn zu beschreiten, waren sich die Gruppe und die
beiden bald einig. Peter wurde darin vor allem von älteren Bremer Gewerkschaftern,
dem Kreis um Schorse Stockmann, gestärkt. Hilde und Peter waren in
der Basisarbeit stark verankert. Über viele Jahre hinweg hat Peter
zusammen mit anderen die Stadtteilarbeit getragen und sie mit Hilfe der
Westend Nachrichten untermauert. Die Interessenvertretung der kleinen
Leute war ihnen Herzenssache. Über die Einschätzung der
aufkommenden Bürgerinitiativen der siebziger Jahre gab es in der Gruppe
heiße Diskussionen, da sie unser Selbstverständnis berührten.
Im Laufe der Zeit näherten sich Hilde und Peter unseren diesbezüglichen
Standpunkten immer mehr an. Wir bestanden zusammen die Krise der linken
Gruppen, als alle Hoffnungen auf eine auch von uns angestrebte innere Erneuerung
des Sozialismus keine Grundlage mehr hatte. Der natürliche Schrumpfungsprozess
der Gruppen, der daraufhin einsetzte, machte auch unserer Gruppe schwer
zu schaffen. Was wir dringend nötig hatten, war die stärkere Mitarbeit
engagierter und theoretisch wie praktisch beschlagener Genossinnen und Genossen.
Peter wusste, dass er gefordert war und er handelte. In Referaten bei Konferenzen,
Veranstaltungen und in vielen Artikeln der Arbeiterstimme konnte er nun
über viele Jahre besonders seine betriebs- und gewerkschaftspolitischen
Kenntnisse einbringen und beitragen, die Grundlagen der marxistischen Ökonomie
zu verbreiten. Viele Leitartikel, wie zuletzt Hilflos gegen die Krise,
stammten aus seiner Feder. Die praktische Herausgabe unserer Quartalszeitschrift
war immer die Aufgabe vieler Gruppenmitglieder. Peter las Korrektur und
war sehr genau. Peters Interesse für Geschichte war groß, besonders
das für die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und für
die der widersprüchlichen Entwicklung des Sozialismus. In seiner Besonnenheit,
Beharrlichkeit und Zähigkeit war er Vorbild. Er brauchte, wie wir alle,
großes Durchhaltevermögen.
Die Gruppe, in der Tradition und im Selbstverständnis der KPO stehend,
war vorgewarnt, wohin stalinistische Diktaturmethoden führen können.
Und doch konnten wir uns das Ausmaß der Pervertierung des Sozialismus
nicht vorstellen, woran der Sozialismus letzten Endes dann zerbrochen ist.
Alles schien auf den Kopf gestellt. Im Sozialismus sollte es doch keine
Herrscher und Beherrschten mehr geben. Ist es nicht nach Marx der kategorische
Imperativ der Kommunisten, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen
der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches
Wesen ist? Die Wirklichkeit sah ganz anders aus: Zehntausende Kommunisten
wurden durch die Stalinisten verfolgt, gefoltert oder umgebracht; darunter
der größte Teil der Führungsschicht.
Auch in Gruppen wie der Arbeiterstimme, wo nach den Ursachen der Deformation
geforscht wurde, zeigten sich die Folgen der Enthüllungen und des Niedergangs.
Austritte, Inaktivität und Verwirrung stellten sich ein. Welch einer
Überzeugung und Standhaftigkeit bedurfte es, trotz allem seiner marxistischen
Weltanschauung treu zu bleiben und einem Neubeginn wiederum seine Kraft
zu opfern. Peter, einer der wenigen noch Vorhandenen, die der Gruppe seit
der Gründungszeit Anfang der siebziger Jahre angehörten, gehörte
dazu. Er wusste, gerade jetzt in der größten Finanz- und Wirtschaftskrise
seit 1929, muss der Kapitalismus sein wahres Gesicht zeigen. Es kam darauf
an, die systembedingten Widersprüche an den Pranger zu stellen und
letztlich wieder den Sozialismus als Alternative zu propagieren, in Zusammenarbeit
mit anderen Gruppen.
Es war ihm stets wichtig, neben der praktischen Arbeit im Münchner
Stadtteil Westend, in der Gewerkschaft, im Freidenkerverband oder auch schon
mal hinter dem Infostand der Roten Hilfe die theoretische Bildung der jüngeren
Genossinnen und Genossen zu unterstützen und beharrlich auf die Notwendigkeit
der Aneignung der marxistischen Theorie hinzuweisen. Obwohl es ihm manchmal
sehr schwer fiel, mit dem lockeren Umgang der Jüngeren
mit Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit umzugehen, hatte er
sich zu einer neuen Kapitalschulung entschlossen. Weil es notwendig war.
Vor Peter wären noch viele Aufgaben gestanden. Leider kam der Tod dazwischen.
Es sagt sich so leicht: Jeder Mensch ist zu ersetzen, aber leider
stimmt das sehr oft nicht. Wissen und Weisheit eines langen politischen
Lebens lassen sich nicht herbeizaubern, die vielen Erfahrungen erst recht
nicht nachholen. Wir müssen versuchen, ihn zu ersetzen, dort wo die
Voraussetzungen vorhanden sind oder wo wir durch Lernen und Vermehrung unserer
Aktivitäten diese Voraussetzungen selbst schaffen können. Das
muß nun in dieser traurigen Stunde der Auftrag für uns sein.
Mit Peter haben wir viel verloren, als Menschen, als politischen Kopf, als
Mitstreiter der Gruppe Arbeiterstimme und der Linken allgemein,
als unermüdlichen Kämpfer in der Arbeiterbewegung, der stets mit
wachem Kopf und zugleich mit großer Besonnenheit da mitgewirkt hat,
wo es um soziale Belange und um die stets bedrohte Freiheit des Geistes
ging.
Darin war er uns Vorbild und er hat uns beeinflusst. Dafür danken wir
ihm.
Die Urnenbeisetzung
findet am 30. September um 13 Uhr im Friedhof am Perlacher Forst, Stadelheimer
Straße in Obergiesing statt.
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Die
Spaltung der KPO 19381
Die
Spaltung geschah im Zusammenhang mit der europäischen Krise im September
1938, die zum Münchener Abkommen zwischen den Westmächten
England/Frankreich und den Achsenmächten Deutschland/Italien
führte. Die Krise hatte die Welt an den Abgrund eines allgemeinen
Krieges geführt. Sein Ausbruch wurde durch die Kompromißbereitschaft
der Westmächte verhindert, eine Kompromißbereitschaft, die
Hitlerdeutschland zum Vorteil gereichte. Sie resultierte in der Besetzung
des Sudetenlandes und später in der der gesamten Tschechoslowakei.
Die Frage, ob der Frieden in der 2. Septemberhälfte wirklich bedroht
war, gab den Anlaß zu den Auseinandersetzungen im AK und im Anschluß
daran in der KPO-Emigration Frankreichs. Über den Verlauf der
Auseinandersetzungen hat das AK im Oktober 1938 eine Dokumentation mit
dem Titel Material zu den letzten innerparteilichen Vorgängen
herausgegeben. Dort sind die KPO-Mitglieder mit ihren Vornamen oder
Decknamen angegeben. In vorliegender Schrift sind sie des besseren Verständnisses
wegen mit ihren Nachnamen angegeben. Die im Material
erwähnten Artikel sind von A. Thalheimer verfaßt, im Einverständnis
mit H. Brandler. Um Mißdeutungen vorzubeugen, erfolgt die Namensnennung
Brandler/Thalheimer.
Im abschließenden Abschnitt hat sich der Verfasser auf eine Deutung
der damaligen Auseinandersetzungen versucht, die zur Spaltung der KPO-Emigration
führte.
Die Septemberkrise 1938
Der Verlauf
Die Septemberkrise wurde gegen Mitte des Monats mit einer Rede Hitlers
auf dem Reichsparteitag in Nürnberg eingeleitet, die Prag leichtfertiger
Kriegsvorbereitungen zieh. Die Rede löste Aufstände der Henlein-Leute
in Eger und Karlsbad aus, wobei es Verletzte und Tote gab. Am 13. September
verhängte Prag das Standrecht in den Grenzbezirken, eine Maßnahme,
die Hitlerdeutschland mit Kriegsvorbereitungen beantwortete. Der britische
Premierminister Chamberlain wandte sich unmittelbar an Hitler mit dem
Vorschlag einer persönlichen Aussprache. Die Begegnung der beiden
Staatsmänner fand am 15. September auf dem Berghof Hitlers bei Berchtesgaden
statt. Hitler forderte die Loslösung des Sudetengebietes von der
Tschechoslowakei unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker.
Er versprach, sich militärischer Aktionen zu enthalten, um seinem
Gesprächspartner eine Rücksprache mit seinem Kabinett zu ermöglichen.
Eine neue Begegnung zwischen den beiden Staatsmännern wurde in Aussicht
genommen. Um die Stellung des kompromissbereiten Chamberlain in der englischen
Öffentlichkeit zu stärken und damit seine Ziele ohne militärischen
Einsatz zu erreichen, schürte Hitler die Furcht in England und Frankreich
vor einem Krieg für fremde Interessen, indem er die sudetendeutschen
Forderungen hochspielte. Ein sudetendeutsches Freikorps besetzte
die Städte Eger und Asch.
Am 22. September fand die Godesberger Konferenz zwischen Hitler und Chamberlain
statt. Dieser erklärte sich im Namen der Regierungen Englands, Frankreichs
und der Tschechoslowakei zu einer Auslieferung des Sudetenlandes an Hitlerdeutschland
bereit, unter Voraussetzung einer internationalen Garantie für die
Unabhängigkeit des Kerngebietes der Tschechoslowakei. Hitler verwarf
diesen Vorschlag und stellte ein auf den 28. September befristetes Ultimatum:
Die Auslieferung des Sudetenlandes zum 1. Oktober. Das Ultimatum wurde
von Prag mit der Mobilmachung beantwortet. London sagte Paris englische
Unterstützung zu im Falle eines deutschen Angriffes auf die Tschechoslowakei,
mit der Frankreich durch einen Militärpakt verbunden war. In
England und Frankreich wurden Kriegsvorbereitungen getroffen.
Am 22. September fand die Viermächtekonferenz in München statt
mit den beiden Achsenmächten Deutschland - Italien auf der einen
Seite und den beiden Westmächten England - Frankreich auf der anderen.
Von der Konferenz waren sowohl die Tschechoslowakei ausgeschlossen, um
deren Los es ging, wie die Sowjetunion, die mit Frankreich und der Tschechoslowakei
durch einen Beistands- und Nichtangriffspakt verbunden war. Das Ergebnis
der Konferenz war die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an Deutschland.
Am 1. Oktober marschierten die deutschen Truppen in das Sudetengebiet
ein, ohne daß die Tschechoslowakei eine Garantie für die
Unverletzbarkeit ihres Kerngebietes erhalten hätte. Die Beteuerung
Hitlers, daß die Abtretung des Sudetenlandes seine letzte Forderung
gewesen sei, strafte er selbst Lügen, als die deutschen Truppen Mitte
März des folgenden Jahres die gesamte Tschechoslowakei besetzten
und es zum Reichsprotektorat Böhmen und Mähren erklärten.
Die Beurteilung durch das AK
Am 21. September, also noch vor der Godesberger Konferenz vom 22.
September, veröffentlichte die Daily European Observations2
einen Artikel von A. Thalheimer mit der Überschrift Zwischenbilanz3.
Der Artikel bezieht sich auf die politischen Vorgänge zwischen dem
15. und 21. September und ist im Einverständnis mit H. Brandler geschrieben,
dagegen nicht wie sich zeigen sollte im Einverständnis
mit dem dritten AK-Mitglied, Leo Borochowicz. In seinem Artikel stellt
Thalheimer die Frage, ob der Friede wirklich bedroht war und beantwortet
sie dahingehend: Das Gespenst der allgemeinen Kriegsgefahr war im
selben Maße ein Erzeugnis der englischen und französischen
Regierung wie Hitlerdeutschlands und Italiens. Die Begründung
dafür: Weil 1. die englische Bourgeoisie seit langem bereit
war, die Tschechoslowakei
Hitler als Opfer hinzuwerfen,
weil 2. die französische Bourgeoisie sich nicht von England
trennen wollte. Um die Preisgabe der Tschechoslowakei durch
den englisch-französischen Imperialismus der sogenannten öffentlichen
Meinung ihrer Länder annehmbar zu machen, war es für sie nötig,
ihre öffentliche Meinung durch das Gespenst des allgemeinen
Krieges in Panik zu jagen und sie dadurch mürbe zu machen.
Die einfache Wirklichkeit ist die, dass weder Hitlerdeutschland einen
allgemeinen Krieg wollte, noch dass die englische und französische
Regierung bereit waren, die Tschechoslowakei gegen einen Angriff Hitlerdeutschlands
zu verteidigen. Dieser Preisgabe habe die Großbourgeoisie
zugestimmt, weil sie den Verrat an der tschechischen Nation der Revolution
vorziehe. In der Tat hatte die Großbourgeoisie Anlaß, aufgescheucht
zu sein. Auf dem Höhepunkt der tschechoslowakischen Krise zwischen
Godesberg und München war nach Berichten aller Augenzeugen die Mehrheit
der tschechoslowakischen Werktätigen spontan für den revolutionären
Krieg an der Seite der Roten Armee der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland.4
Am 27. September veröffentlichten die Daily European Observations
einen neuerlichen Artikel von A. Thalheimer, der von seinen Kritikern
als im Widerspruch stehend zu seinem Artikel vom 21. September angesehen
wurde. Der Artikel trägt die Überschrift: Nach dem Ultimatum
von Godesberg und beginnt mit dem Satz: Die Frage: Krieg oder
Frieden steht im Augenblick auf Messerschneide.5
Die wichtige Veränderung der politischen Lage gegenüber der
Vorwoche sah Thalheimer darin, daß der Konflikt nunmehr die Frage
des Sudetengebietes oder Tschechoslowakei weit überschritten habe.
Wenn Chamberlain von Freiheit rede, so sei es die Freiheit des englischen
und französischen Imperialismus, ohne Anfechtung über sein bisheriges
Herrschaftsgebiet zu verfügen. Das Verhalten Hitlerdeutschlands
zur SR sei der Probierstein, ob der deutsche Imperialismus überhaupt
noch zu einer Verständigung in der Frage der imperialistischen Weltherrschaft
bereit sei.
Thalheimers ursprüngliche Annahme, daß es sich bei der durch
Hitler heraufbeschworenen Krise und der Reaktion darauf durch die französische
und englische Regierung um ein gemeinsames Manöver handle, hat sich
schließlich als richtig erwiesen. Was ihn zeitweise seine Meinung
ändern ließ, kann gewesen sein (außer den Risiken, die
unverhüllte Kriegsdrohungen immer mit sich führen), daß
die militärische und strategische Verfügung über die SR
an sich schon ein erheblicher Faktor beim Kampf um die Machtgrundlagen
des imperialistischen Nebenbuhlers sind. Thalheimer konnte also mit einigem
Recht annehmen, daß England und Frankreich aus Gründen der
Selbstbewahrung einer Auslieferung der Tschechoslowakei an Hitlerdeutschland
nicht zustimmen konnten und daß es darüber zum Krieg kommen
könne.
In einem weiteren Artikel, diesmal im Internationalen Klassenkampf (IK)6
zieht der Verfasser eine Parallele zwischen dem Vorgang, der sich im September
abgespielt hat und den früheren Vorgängen in den faschistischen
Ländern. Die Bourgeoisie hat in diesen Ländern zugunsten
der faschistischen Diktatur auf ihre eigene politische Macht verzichtet,
um ihre ökonomische und soziale Klassenherrschaft zu erhalten, zu
verlängern und zu befestigen. Jetzt hat auf internationalem Gebiete
die englische und französische Bourgeoisie gewisse imperialistische
Teilinteressen preisgegeben im Interesse der Erhaltung der kapitalistischen
Klassenherrschaft im Ganzen in Europa. Wenn man die imperialistischen
Interessen der Bourgeoisie gleichsetzt mit dem nationalen
Interesse, wie die Bourgeoisie dies selbst tut, kann man auch sagen, daß
sie Verrat an ihren eigenen nationalen Interessen begangen hat um des
internationalen kapitalistischen Klasseninteresses und letzten Endes
auch um ihrer nationalen Klassenherrschaft willen. Der Sieg der proletarischen
Revolution in Deutschland und Italien im Gefolge einer Niederlage
der faschistischen Regime dieser Länder im Kriege würde
das Übergewicht der Kräfte der Revolution in Europa zur Folge
haben.
Der Krach im AK
Die Auseinandersetzungen wurden durch den Artikel Thalheimers vom 21.
September ausgelöst. L. Borochowicz und H. Tittel brachten am 26.
September einen Antrag folgenden Inhalts im AK ein: Das AK
stellt fest, daß der Artikel Zwischenbilanz´ (Daily
European Observations) vom 21. September, in dem die Gefahr eines allgemeinen
Krieges als ein Gespenst bezeichnet wird, nicht die Auffassungen
der KPD(O) über die gegenwärtige internationale Lage zum Ausdruck
bringt. Sie stellten fest: Diese Beurteilung der internationalen
Lage steht in einem krassen Widerspruch zur Wirklichkeit, denn Die
Frage der Kriegsgefahr wird nicht vom Standpunkt der objektiven Situation
des niedergehenden Kapitalismus beurteilt, sondern im Lichte der subjektiven
Wünsche und Absichten, die die Minister und Kapitalisten der einzelnen
Länder haben oder die ihnen zugeschrieben werden. Die Antragsteller
stellten weiter fest: In der gegenwärtigen Situation ist
der Artikel nicht nur theoretisch falsch, sondern bedeutet einen schweren
Verstoß gegen die revolutionäre Aktionsdisziplin.7
Sie bezogen sich dabei auf einen gleichzeitigen Aufruf der IVKO zusammen
mit dem Londoner Büro8 gegen den imperialistischen
Krieg.
Der Antrag Borochowicz/Tittel wurde auf einer Sitzung des AK am nächsten
Tag, am 27. September, mit den Stimmen Brandlers und Thalheimers, mit
2/3 Mehrheit abgelehnt. Gleichzeitig mit dem Antrag veröffentlichte
Borochowicz einen Artikel in der Arbeiterpolitik Nr. 39 unter der Überschrift
Zwischen Krieg und Frieden.9
Ein Außenstehender hätte in dem Artikel keinen Angriff auf
Brandler und Thalheimer gesehen, aber diese selbst taten es. Der Artikel
wiederholte nämlich ohne Namen zu nennen die Argumente,
die dem Antrag Borochowicz/Tittel zugrunde lagen. Die Absicht dieses
Artikels scheint gewesen zu sein, die Streitfragen im AK vor das
Forum der KPO-Emigration zu bringen. Das gab Brandler/Thalheimer den Anlaß,
Borochowicz der Fraktionsarbeit zu zeihen und ihm die politische Kontrolle
der Zeitschrift Arbeiterpolitik zu entziehen und sie Thalheimer zu unterstellen.
Am nächsten Tag, am 28. September, kam es zur Viermächtekonferenz
in München. Man hätte annehmen können, daß damit
die Streitfragen im AK zugunsten der Auffassung Brandler/ Thalheimers
beendet waren, aber das war keineswegs der Fall. Zu der vorgesehenen AK-Sitzung
am 30. September wollten Borochowicz/Tittel einen zweiten Antrag einbringen,
und das aus Anlaß des Artikels Nach dem Ultimatum von Godesberg
vom 17. September. Die Antragsteller stellten fest, daß Thalheimers
Artikel einander widersprächen, der vom 21. September (Zwischenbilanz)
und der vom 27. September (Nach dem Ultimatum von Godesberg). Sie
beantragten deshalb die Aufhebung des Beschlusses der 2/3 Mehrheit des
AK vom 27. September, Borochowicz die politische Kontrolle der Arbeiterpolitik
zu entziehen unter Berufung darauf, daß Thalheimer selbst durch
seinen zweiten Artikel von seinem ersten abgerückt sei.
Auf der AK-Sitzung vom 30. September kam es zu keiner Behandlung dieses
Antrags, denn es kam zum Krach. Neben den drei AK-Mitgliedern
nahmen H. Tittel und H. Brechenmacher an der Sitzung teil, der letztere
unbekannt in welcher Eigenschaft. Brechenmacher gehörte nicht einmal
der KPO an, hatte aber mit ihr in der Illegalität zusammengearbeitet,
bis er 1937 aufgrund einer drohenden Verhaftung emigrieren mußte.
Auf der Sitzung vertrat er den Standpunkt Brandlers und Thalheimers.10
Diese schoben die Schuld an dem Auftritt der anderen Seite zu und schlössen
Borochowicz auf ein Jahr aus dem AK aus.
Die Auseinandersetzung in der KPO-Emigration
Die Auseinandersetzungen beschränkten sich nicht auf das AK, sie
griffen auf die KPO-Emigration über, angefangen bei der Pariser Gruppe,
der stärksten in Frankreich. Auf die Maßnahme Brandlers und
Thalheimers, dem dritten AK-Mitglied, Borochowicz, die politische Kontrolle
der Arbeiterpolitik zu entziehen, antworteten deren Mitarbeiter, E. Hausen
(Alfred), R. Monden und Elly Brücker, daß diese Maßnahme
ohne jede Rücksprache mit ihnen erfolgt sei und im krassen Widerspruch
zum Prinzip des demokratischen Zentralismus stehe. Wir beantragen
daher, daß das AK den in der Frage der Arpo gefaßten
Beschluß aufhebt. In einem zweiten, vom 2. Oktober datierten,
Antrag führten die drei Antragsteller eine politische Frage von Bedeutung
an, die des revolutionären Defaitismus, eine Frage, die bisher in
der Auseinandersetzung des AK keine Rolle gespielt hatte.
Mit der steigenden Kriegsgefahr seit der Errichtung der NS-Diktatur in
Deutschland war die Frage akut geworden, welche Haltung die Arbeiterklasse
der verschiedenen Länder im Kriegsfalle einzunehmen habe. Im
IK vom Februar 1936 war die Frage unter dem Titel Der imperialistische
und der revolutionäre Krieg heute eingehend behandelt worden.
(Siehe dazu auch Erwin Gräff: Die KPO und die Kriegsfrage vor Ausbruch
des 2. Weltkrieges.) Der Verfasser, A. Thalheimer, hatte insbesondere
derjenigen Frage seine Aufmerksamkeit zugewandt, die durch die Perspektive
des gemischten Krieges eine Beantwortung verlangte, d.h. des
Krieges zwischen imperialistischen Mächten, in dem die Sowjetunion
der Verbündete einer der beiden Mächtegruppen werden könnte,
nämlich der Westmächte, aufgrund ihres Militärbündnisses
mit Frankreich. Ausgehend davon, und später mit der Perspektive eines
isolierten Krieges zwischen der Tschechoslowakei und Hitlerdeutschland
vor Augen, stellte Thalheimer fest, daß die Leninsche Losung vom
revolutionären Defaitismus nicht zu allen Zeiten und in allen Lagen
Gültigkeit habe, daß sie der Hauptlosung der Umwandlung des
imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg und den revolutionären
Krieg untergeordnet sei, und daß die Losung des revolutionären
Defaitismus ihre Gültigkeit verliere, wenn sie in Widerspruch
geraten würde zum allgemeinen revolutionären Ziel, wenn
sie die Revolution schädigen würde.11
Im IK vom Juli 1938 nahm das AK erneut Stellung zur Frage des revolutionären
Defaitismus, wobei dem tschechischen Fall besondere Aufmerksamkeit
geschenkt wurde. Aufgrund seiner Verbindung mit der deutschsprachigen
KPO-Gruppe des Sudetenlandes war das AK über die Stimmung im Lande
gut unterrichtet. Als Zusammenfassung des beiderseitigen Meinungsaustausches
muß die abschließende Betrachtung obigen Artikels angesehen
werden: Der Sieg Hitlerdeutschlands würde die SR in eine
faschistisch beherrschte deutsche Kolonie verwandeln. Er würde die
Zerschlagung aller Arbeiterorganisationen bedeuten. Er würde
bedeuten, daß zunächst der Kampf der slawischen Völker
der SR gegen die nationale Unterdrückung durch die Deutschen alles
andere überwuchern würde. Die Bedingungen für die proletarische
Revolution in der SR wären nicht verbessert, sondern sie wären
ungeheuer verschlechtert und erschwert. Der Defaitismus wäre
in diesem Falle jedenfalls kein revolutionärer Defaitismus. Er ist
daher abzulehnen.12
Als Wendung bezeichneten die Antragsteller Hausen, Monden und Brücker
das Aufgeben der Losung des revolutionären Defaitismus im Falle der
Tschechoslowakei, eine Wendung, mit der sie sich einverstanden erklärten,
um widersprüchlich dazu in der Absetzung von Borochowicz
nur einen Vorwand für weitergehende und auf eine grundlegende Änderung
der Linie der Gruppe abzielende Absichten zu sehen. Worin diese Änderung
bestand, wurde nicht weiter ausgeführt.
Am 2. Oktober brachte Kuno Brandel einen Antrag beim AK ein, in dem er
diesem vorwarf, die Stellungnahme der Gruppe in der Frage des revolutionären
Defaitismus einer Revision unterzogen und die bisher von der Gruppe vertretene
Auffassung preisgegeben zu haben, so wie sie im Aufruf des Londoner Büros
und in der Broschüre Der Krieg und die Kommunistische Internationale
zum Ausdruck komme. Er bezog sich dann auf die gegen Borochowicz getroffenen
Maßnahmen und schlug vor ihre sofortige Rückgängigmachung,
eine Erweiterung des AK, in das Hausen und Tittel aufzunehmen wären
und eine allgemeine politische Diskussion über den Rahmen der Fünfergruppen
hinaus.
Die Spaltung
In der Antwort des AK auf die Anklagen der Fraktion Leo-Hans gegen
die ergriffenen organisatorischen Maßnahmen des AK rechtfertigten
Brandler und Thalheimer ihre Maßnahmen bezüglich Borochowicz
und wiesen die Proteste von Hausen, Monden und Brücker ab. Die von
ihnen ergriffenen Maßnahmen sollten nach ihrer Auffassung
verhindern, daß anstelle einer Diskussion zur Klärung
politischer Meinungsverschiedenheiten Fraktionstreibereien gefördert
würden.
In Bezug auf die behauptete Wendung der Linie der KPO wiesen Brandler/Thalheimer
auf Beschlüsse des AK und des Londoner Büros der IVKO hin, wie
sie in drei Rundschreiben bzw. Briefen an die Mitglieder der KP der Tschechoslowakei
(O) zum Ausdruck gekommen seien. Sie nahmen für sich in Anspruch,
eine Diskussion über die Kriegsfrage in der gesamten Mitgliedschaft
angeregt und zu diesem Zweck Hausen und andere Genossen aufgefordert zu
haben, Diskussionsartikel zur Kriegsfrage zu schreiben. Dies, nachdem
Borochowicz einem ihm am 6. September erteilten Auftrag nicht nachgekommen
sei, je einen Entwurf eines Aufrufs zur Lage für IVKO und KPD(O)
zu machen, der als Basis einer klärenden Diskussion im AK, und wenn
erforderlich, in der Mitgliedschaft dienen konnte. 15
Auf die Anklage von Brandel, daß der Standpunkt der Gruppe betreffend
die Losung des revolutionären Defaitismus revidiert worden sei,
entgegneten Brandler/Thalheimer, daß der Standpunkt des AK im Falle
eines isolierten Krieges der Tschechoslowakei gegen Hitlerdeutschland
(Ablehnung der Losung des Defaitismus und Umwandlung des imperialistischen
Krieges in den revolutionären Verteidigungskrieg) sowohl in
der Pariser Emigration wie in Südfrankreich diskutiert und gebilligt
worden sei.
Brandler/Thalheimer schlossen ihre Entgegnung mit der Feststellung ab:
Was übrig bleibt, ist eine verschiedene Beurteilung der
Einschätzung der politischen Ereignisse dieses Jahres. Es muß
versucht werden, die Diskussion solcher Differenzen besser, wie bisher,
in der Emigration zu organisieren. Das müssen die Genossen der
Emigration selbst tun. AK kann sie nur unterstützen.16
Auf der anderen Seite hielten Brandler/Thalheimer die Enthebung von Borochowicz
aus seinen Funktionen als AK-Mitglied auf ein Jahr aufrecht mit der Begründung,
er und Tittel hätten sich eines Fraktionsvorstoßes schuldig
gemacht.
Die von Brandler/Thalheimer angestrebte Diskussion der Differenzen kam
nicht zustande. Borochowicz, Tittel und Genossen verließen die KPO.
Ihnen schloß sich fast die gesamte Ascher KPO der SR an, die sich
in England befand, und Genossen in Dänemark. 17
Die Ursachen der Spaltung
Die Krise im AK entstand plötzlich, ohne Vorwarnung. Sie bildete
nicht den Höhepunkt einer sich lang hinziehenden Auseinandersetzung
innerhalb der KPO-Emigration. Der Anlaß, ob es zu einem gewissen
Zeitpunkt zum Kriegsausbruch komme oder nicht, war eine Nebenfrage.
Die Ursachen zur Auseinandersetzung, die in einer Spaltung resultierte,
müssen daher woanders gesucht werden. Sicherlich waren politische
Fragen die bestimmenden, aber in einem anderen Sinne, wie sie die Beteiligten
verstanden. Die Ursachen müssen in der Lage der Kommunistischen Opposition
vor Ausbruch des 2. Weltkrieges gesucht werden.
Die Entwicklung der KPD-O
In der Internationalen Vereinigung Kommunistischer Opposition
(IVKO) dominierte die deutsche Gruppe zahlenmäßig (nur zeitweise
durch die oppositionelle KP Schwedens überflügelt, die
innerhalb der Partei eine Mehrheit hatte sammeln können)18,
die KPD-O dominierte aber vor allem ideologisch. Sie war daher besser
gerüstet, auf die verschiedenen Aspekte der politischen Entwicklung
zu reagieren und ihr Geschlossenheit zu bewahren. Die Aufgabe, die sie
sich mit ihrer Bildung gestellt hatte, war eine Reform der Komintern an
Haupt und Gliedern. An dieser Möglichkeit zweifelte bereits 1931
eine Minderheit innerhalb der KPD-O und verließ sie, um sich der
SAP anzuschließen. Durch die Errichtung der NS-Diktatur und die
Beschränkung auf die illegale Tätigkeit verlor die KPD-O, wie
alle anderen Arbeiterorganisationen, an Wirkungsmöglichkeit.
Verfolgungen durch die Gestapo reduzierten den ihr verbliebenen
Mitgliederstamm.
Nach der Niederlage in Deutschland 1933 zeichnete sich schließlich
eine Abwendung der Komintern von der ultralinken Linie ab. Die KPO
schöpfte neue Hoffnung. Auf der ersten Auslandskonferenz Ostern 1934
wurde eine Hinwendung an das Exekutivkomitee der Komintern beschlossen,
mit der Aufforderung, zu ihrem bevorstehenden 7. Weltkongreß Vertreter
der KPD-O und des Büro der IVKO mit beratender Stimme zuzulassen.
Das Ergebnis dieses Weltkongresses entsprach nicht den Erwartungen der
KPO.
Die Komintern gab zwar die ultralinke Linie auf, aber nur, um vom linken
Straßengraben in den rechten zu fallen. Mit der Volksfrontpolitik,
die auf dem 7. Weltkongreß aus der Taufe gehoben wurde, verließen
die Komintern und die ihr angeschlossenen Kommunistischen Parteien den
Boden des Kommunismus. Von nun ab trennten nicht mehr nur taktische Differenzen
Opposition und Komintern, sondern prinzipielle. Damit wäre der Augenblick
für die Opposition gekommen, den gefallenen Mantel aufzuheben und
sich als kommunistische Partei zu konstituieren. Dafür waren
indes ihre Kräfte zu schwach. So verblieb die Aufgabe, die der Opposition
zugefallen war, ungelöst.
Anfang 1937 rollte die Gestapo die illegale Reichsleitung auf und zerschlug
die Organisation.19 Aber bis zum März
1940 bestand zwischen dem AK und dem Inland noch sporadischer Kontakt.20
Ab 1937 war somit die KPO als Organisation nur noch durch ihr AK und ihre
Emigrantengruppen repräsentiert. Sie verteilten sich auf fünf
Länder in Europa und umfaßten rund 100 Mitglieder.21
Die Entwicklung der Internationalen Vereinigung
der Kommunistischen Opposition (IVKO)22
Die IVKO war sich einig in ihrer Ablehnung der Beschlüsse des 4.
Weltkongresses der Roten Gewerkschaftsinternationale von 1928 und des
6. Weltkongresses der Komintern vom selben Jahr. Die politische Entwicklung
der folgenden Jahre und die Stellung, die ihre Ländergruppen dazu
nahmen, ließ sie verschiedene Wege gehen. 1933 verließ die
stärkste Gruppe, die schwedische, die IVKO, um sich der Internationalen
Arbeitsgemeinschaft gegen den Krieg (IAG) mit Sitz in London (daher Londoner
Büro) anzuschließen. 1934 verließ die KP der Schweiz
mit Stützpunkt in Schaffhausen die IVKO. Im selben Jahr wurden die
Vorläufer der späteren Volksfrontpolitik im Bezirk Elsaß
der KP Frankreichs aus der IVKO ausgeschlossen, wodurch der Opposition
nur eine kleine Restgruppe erhalten blieb. Neben den kleinen unbedeutenden
Ländergruppen in Indien, Österreich und der SR (Asch) gehörten
der IVKO seit 1935 nur noch zwei größere Gruppen an, die deutsche
KPO und die US-amerikanische Lovestone-Gruppe. 1938 trennte sich die IVKO
von der indischen Gruppe um M. N. Roy aufgrund der von ihm eingeschlagenen
Linie in der Kriegsfrage (Burgfriedenslinie) und seiner Abwendung vom
Marxismus (Verkündung des Neuen Humanismus). Im selben
Jahr spitzte sich ein latenter Konflikt zwischen der KPD-O und der Lovestone-Gruppe
zu in der Frage des Londoner Büros, das seinen Namen IAG in Internationales
Büro für revolutionär-sozialistische Einheit geändert
hatte. Die Lovestone-Gruppe forderte dessen Umbildung in ein neues Internationales
Zentrum, d.h. die Bildung einer neuen Internationale, was die KPD-O
immer abgelehnt hatte. Darüber kam es zum Bruch zwischen den beiden
Organisationen und damit zum Ende der IVKO.
Die Existenzberechtigung der KPD-O nach dem 7. Weltkongreß
der Komintern
Was die Haltung der KPO-Emigranten zu den politischen Fragen auszeichnete,
war ihre völlige Einmütigkeit bis zur Septemberkrise. Zwar gab
es genug Stoff, der zu Auseinandersetzungen einlud und zu Spaltungen hätte
führen können. Da war die Einstellung zum Stalinismus. Anfänglich
hatte das AK die Maßnahmen Stalins und der Mehrheit des russischen
ZK gegen die Angeklagten im ersten Moskauer Schauprozeß vom August
1936 gebilligt (Kamenew, Sinowjew und Smirnow). Auch gegenüber dem
zweiten Prozeß vom Januar 1937 meldete das AK nur Bedenken an (Radek,
Pjatakow und Genossen). Immerhin war ein Umdenken im Gang. Erst anläßlich
des dritten Prozesses im März 1938 nahm das AK in scharfen Worten
Abstand von den Maßnahmen der russischen Führung.23
Auch H. Tittel hat die Stellungnahme des AK vertreten und Referate darüber
in Asch gehalten.24
Zu der Wandlung des AK in der Beurteilung der Führung der Sowjetunion
und insbesondere Stalins trug die politische Entwicklung in Spanien entscheidend
bei. Über die deutschen KPO-Mitglieder, die auf republikanischer
Seite kämpften und in engem Kontakt mit der POUM standen, waren das
AK und die IVKO weitgehend über die politische Lage in Spanien unterrichtet.
Da die Wendung des AK in der Einstellung zur Stalin-Führung im Einklang
mit der Basis stattfand, war jedenfalls nicht diese Frage der Anlaß
zu der späteren Auseinandersetzung im AK.
Auch die Frage des Demokratischen Zentralismus, der in einen
Bürokratischen Zentralismus ausgeartet war, wurde nicht
zum Gegenstand der Auseinandersetzungen. Es fanden Diskussionen darüber
statt, aber sie fanden nicht ihren Niederschlag in Erklärungen oder
in der Formulierung gegensätzlicher Standpunkte. Der Standpunkt Thalheimers
in dieser Frage war: Der Demokratische Zentralismus hat (
)
zwei Seiten, eine, die von oben nach unten geht, das Kommandieren, das
ist der Zentralismus, und eine, die von unten nach oben geht, das ist
das Demokratische daran. (Um was geht es? - S. 28).
Anders war es mit der Frage des revolutionären Defaitismus.
Obwohl diese Frage in ausführlichen Artikeln im IK von Thalheimer/Brandler
(IK Februar 1936, IK Juli 1938) und im Laufe des Jahres 1938 in der KPO-Emigration
behandelt worden war, scheint die Bedeutung dieser Frage als einer der
Hauptlosung untergeordnete (Umwandlung des imperialistischen Krieges in
den revolutionären durch Sturz der bürgerlichen Regierung) nicht
allgemein erkannt worden zu sein. Das Bezeichnende indes ist, daß
nicht diese Frage die Auseinandersetzung im AK auslöste, sondern
eine zweitrangige, nämlich die des Zeitpunktes des Kriegsausbruches.
Sie war die Frage, hinter der sich eine andere verbarg, die der Existenzberechtigung
der KPO nach dem 7. Weltkongreß der Komintern.
Mit der Auflösung der Roten Gewerkschaften, die eine der Voraussetzungen
für die Volksfrontlinie der Komintern war, wurde ein Stein des Anstoßes
auf dem Wege des Zusammenwirkens der beiden großen Arbeiterparteien,
der Sozialdemokratischen und der Kommunistischen, aus dem Wege geschafft.
Für viele der Landesgruppen, die der IVKO angeschlossen waren,
wurde damit ein wesentliches Hindernis beseitigt. Und in der Volksfrontlinie
sahen sie die Verwirklichung des Einheitsfrontgedankens. Darin lag der
grundlegende Unterschied zur deutschen Gruppe der KPO. Was diese
betraf, so war zwar die Gewerkschaftsfrage eine sehr wichtige Frage, aber
nicht die einzige und keineswegs eine übergeordnete, sondern im Gegenteil
eine der Frage des Sozialismus untergeordnete. Darum hatte die KPD-O zur
Volksfrontlinie des 7. Weltkongresses der Komintern eine Einstellung,
die derjenigen der übrigen Ländergruppen der IVKO genau
entgegengesetzt war. In der Volksfrontlinie sah sie eine Pervertierung
des Einheitsfrontgedankens, d.h. der Zusammenarbeit aller Arbeiterorganisationen
in bestimmten Tagesfragen, um diese für den Sozialismus zu mobilisieren.
Die Volksfrontlinie zielte ganz im Gegenteil darauf ab, die Frage des
Sozialismus auf den Sankt-Nimmerleinstag zu verschieben. Sie war
eine durch die außenpolitischen Bedürfnisse der Sowjetunion
diktierte Linie, die von den moskautreuen Kommunistischen Parteien
im vermeintlichen Interesse der Sowjetunion und der kommunistischen
Weltbewegung angenommen und vertreten wurde.
Welche Möglichkeiten hatte die KPD-O, sich der neuen Linie der Komintern
zu widersetzen? Wenn ihre Reformversuche der Komintern an Haupt
und Gliedern unter deren ultralinken Periode sich als vergeblich
erwiesen hatten, so war die Aussicht, mit geringeren Mitteln, weil geschwächter
Organisation, gegen die Burgfriedenslinie der Komintern anzugehen,
ja, diese zu ersetzen, aussichtslos. Ohne Wirkungsmöglichkeit
in der Arbeiterbewegung ihrer Asylländer, auf sich selbst gestellt,
ihre Mitglieder politisch, ökonomisch und sozial ausgesetzt, an den
Rand der Gesellschaft des Asyllandes gedrängt, das sie gerade
noch duldete, bewahrte die KPD-O ihr Einheit aufgrund ihrer korrekten
Beurteilung der politischen Entwicklung im Weltmaßstab. Aber auch
die scharfsinnigste Analyse kann auf die Dauer nicht die Organisation
ersetzen. Auch die besten Anweisungen zum Handeln können die
Handlungen selbst nicht ersetzen. So mußte sich eines Tages, angesichts
des Niederganges der Arbeiterbewegung im allgemeinen und der kommunistischen
Opposition im besonderen, für die Mitglieder der KPO die Frage
stellen: Zu welchem Zweck halten wir noch zusammen? Der Tag kam, als die
politische Temperatur bis zur Siedegrenze stieg, als die deutsche
Emigration in Frankreich angesichts der drohenden Kriegsgefahr, vor
der sie jahrzehntelang gewarnt hatte, machtlos stand. Der Krach
im AK war Ausdruck der hoffnungslosen Lage, in die die KPO-Emigration
als politische Organisation geraten war, die Heftigkeit, mit der
die Auseinandersetzungen geführt wurden, Ausdruck der hoffnungslosen
Lage, in der sich ihre Mitglieder befanden, mit der drohenden Internierung
im Kriegsfalle vor Augen, ungeachtet ihrer Eigenschaft als Antifaschisten.
Minderheit und Mehrheit, die sich im Laufe der Auseinandersetzung
im AK und der Pariser Emigration herausbildeten, glaubten politische Fragen
zu verteidigen. In der Tat handelte es sich um politische Fragen,
aber um andere als alle Beteiligten meinten. Es ging um die Existenzberechtigung
der KPD-O. Daß dem so war, zeigte der Weg, den die Minderheit nach
ihrer Trennung von der Mehrheit ging. In den USA, wohin die Minderheit
mit Hilfe der Lovestone-Gruppe nach der Besetzung Frankreichs emigrieren
konnte, faßte sie den Beschluß, sich als Fraktion oder Gruppe
der KPO aufzulösen und jedem Einzelnen das Recht zuzugestehen, seine
eigene politische Meinung zu vertreten.25
Was von den damaligen Auseinandersetzungen zu sagen ist:
die Geschichte ist großzügig über diesen Konflikt hinweggegangen.26
Was bleibt, ist, daß Brandler/Thalheimer die Kriegsfrage in neuem
Lichte gesehen haben. Während die großen Arbeiterparteien bereits
vor dem Kriege Burgfriedenspolitik betrieben, wenn auch aus verschiedenem
Anlaß, wenn Sozialdemokraten einem Pazifismus huldigten, der
dem Defaitismus der Reaktionäre Vorschub leistete, wenn Trotzki die
Losung des revolutionären Defaitismus auch im Falle des
gemischten Krieges zur Doktrin erhob und damit, wie die Pazifisten,
dem reaktionären Defaitismus ungewollt in die Hände arbeitete,
lösten Brandler/Thalheimer den Knoten, der sich um die Kriegsfrage
entwickelt hatte eine historische Leistung, die die wenig rühmliche
Rolle der beiden großen Arbeiterparteien ins rechte Licht rückt.
Erwin Gräff, 15. Februar 1985
1 Zu diesem Zeitpunkt existierte im Reich keine Organisation
der KPO mehr, eine Folge der Verhaftungswelle 1937. Die KPD-O wurde somit
nur mehr durch deren Auslandskomitee (AK) und ihre Emigrationsgruppen
repräsentiert.
2 Eine als Pressekorrespondenz in London getarnte Publikation der KPO/IVKO
mit wöchentlichen Kommentaren zur politischen Entwicklung.
3 "Material zu den innerparteilichen Vorgängen", Oktober
1938, S.4.
4 Krieg und Gewerkschaften. Rede des Vertreters der KPO: Genosse Roth,
d.h. H. Brandler, auf der Februarkonferenz der "Internationalen Front
der Werktätigen gegen Krieg", 1939, S. 18. Siehe dazu auch Erwin
Gräff: "Die KPO und die Kriegsfrage vor Ausbruch des 2. Weltkrieges".
5 "Material ...", Oktober 1938. Nach dem Ultimatum von Godesberg,
S.8.
6 IK, Oktober 1938. Die Krise, S.5.
7 "Material ...", Oktober 1938, Antrag, S.1ff.
8 Londoner Büro = "Internationales Büro für revolutionäre
sozialistische Einheit" mit Sitz in London, loser Zusammenschluß
linkssozialistischer Parteien und Gruppen. Nachdem die Leitung Mitte der
30er Jahre auf die POUM übergegangen war, strebte die IVKO volle
Mitgliedschaft an. Die IVKO hatte bis dahin in einem Kartellverhältnis
zum Londoner Büro gestanden.
9 "Material ...", Oktober 1938. Zwischen Krieg und Frieden,
S.11.
10 Die Feststellung, nicht der KPO angehört zu haben, machte H. Brechenmacher
in einer mündlichen Unterredung mit dem Verfasser.
11 IK, Februar 1936, Der imperialistische und der revolutionäre Krieg
heute, S.10.
12 IK, Juli 1938, Zur Frage des revolutionären Defaitismus. Zum tschechischen
Fall, S.9.
13 "Material ...", Oktober 1938, S.26.
14 a.a.O., S.2815 a.a.O., S.30.
16 a.a.O., S.32.
17 Brief Tittel/Buschak 10.6.1979: Wer die Genossen in Dänemark waren,
hat sich nicht mehr feststellen lassen. Siehe Brief Richter/Gräff
16.2.1984. "Als wir damals 1938 hier in der Gruppe die Frage ´gemischter
Krieg - revolutionärer Defaitismus` diskutierten, waren wir prinzipiell
einig in der Beurteilung des gemischten Krieges. Daß es aber im
AK bei der Beurteilung zur damals augenblicklichen Frage -
Kriegsgefahr - zum Bruch/Krach und Ausschluß von Leo kommen sollte
(
), hatten wir keine Ahnung und daß der 'Krach' nachfolgend
zur Spaltung der KPO-Emigration führte, ebenfalls (nicht)."
18 Bernt Kennerström: Mellan tva internationaler (Zwischen zwei Internationalen).
Die Sozialistische Partei 1929-37, S.26. Die Zahl für die oppositionelle
Mehrheit, die später ihren Namen von KP Schweden (SKP) in Sozialistische
Partei (SP) änderte, wird mit 7.100 angegeben, für die moskautreue
Minderheit mit 4.000.
19 W. Abendroth: Ein Leben in der Arbeiterbewegung, S.194.
20 K.H. Tjaden: Struktur und Funktion der "KPD-Opposition" (KPO),
S.328.
21 Detaillierte Angaben bei Hans Tittel (Brief Tittel/Foitzik 9.4.81),
indes sind Korrekturen notwendig. In Skandinavien lebten 1939 24 Mitglieder
(Erwin Gräff: Verzeichnis über die deutsche KPO-Emigration in
Dänemark, in Norwegen und in Schweden). In Troyes (Frankreich)
lebten 1937 6 Mitglieder, nach März 1939 niemand.
22 K.H. Tjaden: a.a.O., 4. Zur internationalen rechten KP-Opposition,
S.259ff und: Die internationalen Verbindungen des Auslandskomitees...,
S.328ff.
23 IK, Nr.4, November 1936. IK, Nr.1, Februar 1937. IK, Nr.1, März
1938.
24 Mündliche Mitteilung an den Verfasser, Oktober 1978.
25 Brief Tittel/Bergmann 2.11.1978.
26 Brief Tittel/Gräff 6.11.1978.
25 Brief Tittel/Bergmann 2.11.1978.
26 Brief Tittel/Gräff 6.11.1978.
25 Brief Tittel/Bergmann 2.11.1978.
26 Brief Tittel/Gräff 6.11.1978.
Zum
Verfasser Erwin Gräff
Vorstehende
Einschätzung der Spaltungsvorgänge in der KPD-O 1938 im Pariser
Exil stammt vom Genossen Erwin Gräff, geboren am 13. 6. 1907 und
gestorben 1994 in Schweden. Er war in seiner Jugend Mitglied der KPO und
Leiter einer gewerkschaftlichen Jugendgruppe. Von Beruf war er Architekt.
Vor den Nazis musste er nach Schweden flüchten, wo er während
des Krieges als Landarbeiter unterkam. Nach dem Krieg zog er 1954 nach
Linköping und konnte dort als Architekt arbeiten. Erwin war in seiner
neuen Heimat weiter politisch tätig, vor allem im Bildungsbereich.
Er vertiefte sich in Studien über die deutsche und die skandinavische
Arbeiterbewegung. Auch an der Geschichte der KPO arbeitete er mit. Er
stand der Gruppe Arbeiterpolitik nahe. Er war ein sportlicher Typ, der
sich bedächtig seine Meinung zu bilden pflegte. Als wir ihn erstmals
auf einer Jahreskonferenz trafen, war er um die 60 Jahre alt.
Dem Streit in der Gruppe, stand er anfangs ebenso ratlos gegenüber
wie wir von der Nürnberger Gruppe. Als es über politische Meinungsverschiedenheiten
und völlig unakzeptable Vorgehensweisen der Redaktion zur Spaltung
kam, schlossen sich die meisten Opponenten 1971 der neugegründeten
Gruppe Arbeiterstimme an. Mit Erwin Gräff hatten wir einen Mitstreiter,
der in vielen Artikeln zum Gelingen unserer Zeitschrift beitrug. Als ständiger
Autor über viele Jahre schrieb er vor allem über die schwedische
KP und über die Arbeiterbewegung in Skandinavien. Er nahm meist zusammen
mit seinem Genossen Ulli Cohn an den Jahreskonferenzen der Arsti teil,
wobei er besonders jüngere Genossen mit seinem historischen Wissen
und seiner marxistischen Herangehensweise befruchten konnte.
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40
Jahre Gruppe Arbeiterstimme

Normalerweise
sind 40 Jahre eine lange Zeit und eigentlich Grund zum Feiern. Bei einer
politischen Gruppe, die sich bestimmte Ziele gesetzt hatte, ist das jedoch
etwas Zwiespältiges. Einerseits ist es schon bedeutsam, so lange
durchgehalten zu haben, über alle Zeitereignisse hinweg zuerst
mit Hoffnungen und dann mit schweren Enttäuschungen. Da liegen tausende
Stunden Arbeit hinter manchem von uns, oft endlose Diskussionen, Streit
und Demonstrationen. Wenn andere ihrem Vergnügen nachgingen, stand
für uns die Aufgabe, uns zu informieren, Papiere zu studieren und
Analysen zu erstellen. So kamen in den vier Jahrzehnten auch über
160 Ausgaben der Arbeiterstimme zustande. Sie mussten auch immer wieder
gestaltet, verschickt und verkauft werden; nicht eine Nummer ist ausgefallen.
Auf der anderen Seite waren die Verhältnisse nicht so, dass wir die
gestellten Ziele annähernd erreichen konnten, im Gegenteil. Wir konnten
so unsere Kleinheit und die Schwächen nicht überwinden. Eine
ganze Generation von Mitgliedern ist in dieser Zeitspanne verstorben.
Unser Wirken sollte ja auch dahin führen, die Voraussetzungen zu
schaffen, um in etwas Größerem, Gemeinsamen aufzugehen
eben, uns als Gruppe überflüssig zu machen.
Zum Werdegang selbst: Im Mai 1971 erschien die erste Ausgabe der Arbeiterstimme.
Ende das Jahres 1971 entstand die Gruppe Arbeiterstimme auf der Gründungsversammlung
in Frankfurt, bei der sich 19 Genossinnen und Genossen zusammenfanden,
das waren etwa zwei Drittel der in Frage kommenden künftigen Mitstreiter.
Es ging darum, verschiedene Zirkel zu vereinen, ein Statut auszuarbeiten
und unserer neu zu gründenden Gruppe und Zeitung Namen und Inhalt
zu geben. Bei den Teilnehmern handelte es sich um die Genossinnen und
Genossen der Gruppe Arbeiterpolitik Nürnberg und um den Kreis älterer
KPO- und Arpo-Genossen um Unser Weg (Redakteur Hermann Jahn) und uns sonst
politisch Nahestehende. Mit dabei waren auch die ersten Opponenten der
Bremer Arpo-Gruppe um Schorse Stockmann. Ich hatte vorher die Fäden
brieflich und telefonisch gezogen und so konnten wir uns der Unterstützung
einiger Nichtanwesender sicher sein, was dann auch finanziell von Bedeutung
war. Als Sitz der Redaktion und der Gruppenleitung wurde Nürnberg
bestimmt. Hans Kunz zeichnete für das Impressum der Zeitung verantwortlich.
Unter anderem waren anwesend: Junggewerkschafter aus Nürnberg, Hans
Brechenmacher aus der Schweiz (KPO), Isi Abusch, Udo Winkel und Alfred
Schmidt aus Frankfurt mit seinen 80 Jahren. Im Laufe der Zeit bestand
die Redaktion in Nürnberg aus sechs bis sieben Mitgliedern, die im
Parteilokal, der Wohnung von Hans Kunz, der auch die Gruppenadresse
stellte, in der Peterstraße zusammenkamen, wöchentlich. Ich
traf Hans Kunz fast jeden zweiten Tag. Die älteren Gründungsmitglieder
der Arsti waren zuvor langjährige Mitglieder der Arbeiterpolitik,
zum Teil auch der KPO, gewesen. Sie waren enttäuscht von der Gruppenleitung,
manche waren inaktiv geworden, oft auch, weil sie nicht gebraucht wurden,
was man ihnen in der Ära Günter Kuhlmann auch zu verstehen gab.
Auf Interventionen und Briefe in der Arpo gab es selten eine Antwort,
zu diskutieren war man nicht bereit, vielleicht auch arbeitsmäßig
überfordert. Die Behandlung von Alfred Schmidt war nicht nur unzulänglich,
sondern auch würdelos. Es war ja auch eine Tatsache, dass viele von
den Altgenossen in der Weimarer Zeit und der Nazi-Zeit schwere Schicksalsschläge
hinnehmen mussten und auch politisch enttäuscht wurden. Dickköpfigkeit
und Sturheit mögen da manchmal zum Durchhalten nötig gewesen
sein. Auch wir von der Redaktion der Arsti hatten mit ihnen manchmal einen
harten Strauß auszufechten.
Auf die Abspaltung der Nürnberger Gruppe reagierte die verlassene
Gruppe, die vor allem in Bremen und Hamburg weiterbestand, mit Ignoranz.
Andererseits scheute Pep sogar vor Verleumdungen nicht zurück, wobei
er in der Arpo-Jahreskonferenz 1971 von den anderen leider keinen Widerspruch
erfuhr. Statt die politischen Streitpunkte aufzuzeigen, behauptete er
u.a. laut Protokoll: Am Beispiel der Entwicklung des Genossen Steigers
muß man klar sehen, daß diejenigen Kräfte, die nicht
aus dem Proletariat, nicht aus dem Kampf, sondern aus der intellektuellen
Einsicht heraus zum Kommunismus kommen, immer durch ihre ursprüngliche
Klassenlage gefährdet sind, die kommunistische Bewegung wieder zu
verlassen. Die historischen Beispiele hierfür sind zahlreich. Die
wirklichen kommunistischen Kerne kommen aus den Kämpfen, aus der
Konfrontation mit der Gesellschaft zum Kommunismus. Andererseits müssen
wir uns aber fragen, wie es kommt, dass in der gesamten Nürnberger
Gruppe keine Genossen gegen deren Linie auftraten.
Die Gründung der neuen Gruppe Arbeiterstimme war der Versuch, angesichts
einer nicht mehr im Sinne der innerparteilichen Demokratie funktionierenden
Arpo eine neue Arpo zu installieren und die zunehmenden ultralinken Tendenzen
in der Gewerkschaftsfrage abzuwehren. Der politischen Streitfragen gab
es eine Menge. In der Bremer Gruppe selbst entzündeten sich die Auseinandersetzungen
an den Straßenbahndemonstrationen Jugendlicher, vor allem aber an
der zweiten Liste bei der Betriebsratswahl in der Klöckner-Hütte
(Bonno usw.). Die Nürnberger z. B. hatten eine andere Einschätzung
der Entwicklung des Prager Frühlings, sie protestierten
gegen die Verfälschung von Artikeln (SU, NPD, Gewerkschaft) und waren
entsetzt über Peps weltpolitische Fehleinschätzungen in der
Arpo, z. B. Die USA in Agonie, und das 1970!
Politisch bekannte sich die neue Gruppe zu Aufgaben, die schon die KPO
und die alte Arbeiterpolitik sich stellten; so vor allem: Förderung
der Entwicklung von Klassenbewusstsein, Klassenkampf anstelle von Sozialpartnerschaft,
Betonung des wichtigen Stellenwerts taktischen Vorgehens, Propagierung
des Sozialismus, Herausbildung kommunistischer Kader als Vorbereitung
zur späteren Gründung einer kommunistischen Partei. Einig waren
wir uns, dass der Bezug auf die Arbeiterklasse weiterhin gültig sei,
trotz der Schwierigkeiten, die uns allen bewusst waren. Kritik und Selbstkritik
und ein freundschaftlicher Umgang miteinander sollten in der neuen Gruppe
bestimmend sein. Freilich, fünf Jahre später sollte sich zeigen,
dass man so etwas zwar anstreben kann, doch die veränderten politischen
Verhältnisse, das geänderte Umfeld, das auf eine Gruppe einwirkt,
dann aber oft stärker sind. 1971 jedenfalls war der Nachklang der
Studentenbewegung noch stark, hielt der linke Aufschwung in Deutschland
und der Welt noch an. Bei den Differenzen zwischen der Arpo in Bremen
und in Nürnberg spielte auch die Entfernung eine Rolle und noch mehr
die unterschiedlichen politischen Gegebenheiten in Bayern und in den nördlichen
Stadtstaaten. In Bayern regierte mit absoluter Mehrheit und mit harter
Hand die CSU; die SPD war in der Diaspora. Unser Nürnberger Gewerkschaftsapparat,
obwohl auch aus SPD-Mitgliedern bestehend, war linker geprägt, eine
Anzahl der Gewerkschaftsführer war in der SAP gewesen, einige hatten
sogar früher der Arpo nahegestanden. In Bremen andererseits herrschte
seit Jahrzehnten die SPD, gab es traditionell ein Zusammenspiel zwischen
Bürgertum und sozialpartnerschaftlichen Sozialdemokraten. Diese Unterschiede
hatten ihre Auswirkung auf die unterschiedlichen Einschätzungen des
Verhältnisses zwischen Gewerkschaftsbasis und Gewerkschaftsführung,
wobei wir immer bestrebt waren, die regionalen Besonderheiten nicht als
das Allgemeine anzusehen.
Ein anderes Element des politischen Auseinanderlebens waren die gruppeninternen
Auswirkungen der Jugendbewegung und der sogenannten Wilden Streiks.
Waren auf den Jahreskonferenzen früher etwa 25 bis 35 GenossInnen
anwesend, die man meist kannte, so war ab ca. 1967 plötzlich der
Saal voll, aber mit von Jahr zu Jahr wechselnden Anwesenden. 70 bis 80
Leute aus verschiedensten Zirkeln und Betrieben tauchten auf und verschwanden
bis zum anderen Jahr wieder. Es war unklar, wer überhaupt zum Führungskern
gehörte. Auf der Konferenz in Steinkimmen, als für mich zum
ersten Mal Pep wieder in der Gruppe mitwirkte, wollte die Redaktion um
Günter Kuhlmann die opponierenden Bremer Genossen und Hermann Jahn
ausschließen lassen. Doch die Versammlung zeigte sich damit politisch
völlig überfordert, auch wir Nürnberger. Die große
Mehrheit wusste überhaupt nicht, um was es genau ging. Der Ausschluss
ging dann mit sechs oder sieben Ja-Stimmen vor sich, alle anderen enthielten
sich (!), auch wir Nürnberger.
Doch zurück zur neugegründeten Gruppe, die nun vor allem durch
den Zusammenschluss der Genossen von Unser Weg und der Gruppe Arbeiterpolitik
Nürnberg zustande kam. Diese Vereinigung von Altgenossen und Junggenossen
war auf der einen Seite fruchtbar, da die Jüngeren aus Nürnberg
die Tradition und die politischen Grundsätze der KPO meist erst oberflächlich
aufgenommen hatten und nun dazulernen konnten. Die andere Seite war, dass
viele Altgenossen, um mit Isi Abusch zu sprechen, Gewesene
waren; also durch die Niederlagen, durch KZ und Gefängnisse und durch
die Enttäuschungen im eigenen Lager verbraucht waren. Die Folge war,
dass manche an der Vergangenheit hängen blieben, querulantisch oder
inaktiv wurden. Auch die Entfernungen spielten eine Rolle. Andere wiederum
wie Hermann Jahn, Schorse Stockmann und Isi und Friedel arbeiteten, soweit
sie konnten, gleich mit. In der Nürnberger Gruppe überwogen
die neu Hinzugekommenen, vom alten Kern zu Karl Grönsfelders Zeiten
waren nicht mehr Viele übrig geblieben.
Wir sollten uns den alten Ursprungskern noch mal vornehmen, um die Entwicklung
besser zu verstehen. 1948 leitete Karl Grönsfelder die Nürnberger
Ortsgruppe der Gruppe Arbeiterpolitik mit ca. 50 Personen. Als ich dort
1956 meine ersten Gehversuche in Richtung Marxismus machte, waren meist
Arbeiter aus Metallbetrieben anwesend. Einige Jahre später waren
wir nicht mehr als fünf, Karl Grönsfelder, Hans Kunz, Helmut
Insinger und Erich Hansel. Es war die bleierne Zeit der Wirtschaftswunderjahre,
als der Kalte Krieg auf dem Höhepunkt war, mit Antikommunismus, KPD-Verbot
und Linkenverfolgung. Gleichzeitig verursachte der wirtschaftliche Aufschwung
den Niedergang der sozialistischen Bewegung und der Arbeiterbewegung.
Statt Klassenkämpfen überzog eine politische Friedhofsruhe das
Land, die auch schwer auf den Gewerkschaften lastete. 1959, im Zuge der
allgemeinen Entwicklung, löste sich die Gruppe Arbeiterpolitik, die
unter der Führung von Rudi Hanke und dem BR-Vorsitzenden Söchtig
stand, auf im Werk Salzgitter hatte es 600 Leser der Arpo gegeben!
Der Nürnberger Zirkel machte in bescheidenem Umfang weiter. Karl
war auch in Verbindung mit Heinrich Brandler und anderen. Ich konnte durch
meine Reisetätigkeit unserem kleinen Kreis mit der Zeit einige Sympathisanten
zuführen. Inzwischen hatten einige Unentwegte um Schorse Stockmann
und Heinz Kundel in Bremen wieder begonnen, im Geiste der Arpo ein hektographiertes
Blatt herauszugeben, Briefe an unsere Leser, an dem wir mitarbeiteten.
1964 starb Karl Grönsfelder. Ich hatte acht Jahre von meinem Mentor
lernen können, von einem bescheidenen und einfachen Menschen, der
den Marxismus anzuwenden verstand, obwohl er nur vier Klassen Volksschule
besucht hatte. Er war früher schon Führer des Spartakusbundes
in Nürnberg gewesen, nach dem I. Weltkrieg in der Leitung der bayerischen
KPD und in den 20er Jahren bayerischer Landtagsabgeordneter.
1966 flog ich zum ersten Mal zu einer Jahreskonferenz nach Hamburg, wo
wir vorher in Heinrich Brandlers kleinem Krankenzimmer tagten. Das war
der Beginn einer leider nur kurzen Beziehung, in der er dann brieflich
mit mir verkehrte. Er starb 1967 im Alter von 86 Jahren.
Mitte der 60er Jahre änderte sich die Nürnberger Gruppe und
sie fand heraus aus ihrer Isolation. Denn die Angst vor einem Atomkrieg
hatte Teile der Bevölkerung ergriffen und stärkte die Übriggebliebenen
in der Friedensbewegung. Vor allem Jugendliche beteiligten sich nun an
den Ostermärschen, aber auch Gewerkschafter. Aus diesem Kreis lud
Udo Winkel, den wir schon vorher gewonnen hatten, Interessenten zu unseren
monatlichen Veranstaltungen ein; später kamen sie auch in die Arbeitskreise.
Es waren unterschiedliche Leute, auch eine Anzahl Aktiver aus der IG-Metall-Jugend.
Mehrere von ihnen waren an der Gründung der Arsti beteiligt. Einen
weiteren Schub gab es dann mit dem Aufkommen der Studentenbewegung. Bei
den monatlichen Treffen waren wir 20 bis 28 Teilnehmer im Wohnzimmer von
Hans Kunz. Dort wurden sowohl die Büroarbeiten als auch die Versandarbeiten
für die Arsti erledigt. Da müssen wir Pauline Braun-Höfler,
die beim ASB arbeitete, ein Denkmal setzen, die nicht nur bereit war,
zeitweise für das Impressum gerade zu stehen, sondern auch manchen
Sonntag in der Baracke oder im Politkeller die Zeitungsadressen abrollte.
Sie übernahm auch die Kassenbuchhaltung. Mit Ludwig gewannen wir
einen Betriebsratsvorsitzenden eines Nürnberger Metallbetriebs; Bärbel
kam von den Pfadfindern. Über viele Jahre entwarf die Gruppe zum
1.Mai Flugblätter und verteilte sie vor Großbetrieben.
Die Nürnberger Gewerkschaften hatten, wie fast überall, den
1. Mai schon viele Jahre in den Saal verbannt, doch 1971 schien die Zeit
reif für eine Straßendemonstration, mit oder ohne Segen des
DGB. Die Gruppe ergriff die Initiative, lud linke Gruppen und Parteien
ein, die dann nach nervenaufreibendem Hickhack eine ansehnliche Demonstration
zustande brachten. In einer Vorbereitungsdiskussion lernten wir Gabi und
Achim kennen, die dann zu uns fanden. Auch Gabi sprang später beim
Impressum ein. Beide waren in der Redaktion, ebenso wie Udo, Egon, Norbert,
Kurt, Erich und ich; Linne und später B. tippten meistens die Artikel.
Den Zeitungsumbruch hatte eine Zeitlang Herbert By. gemacht und dann lange
Zeit unser Genosse H., später in Zusammenarbeit mit dem Plärrer-Verlag.
Unsere Gruppenlokalität wechselte von der Peterstr. 18 zu den umgebauten
Kellerräumen in der Bucherstr. 19 und dann in die Baracke am Flughafen.
Nun sind wir schon 29 Jahre im feuchten Politikkeller Bucherstr. 20, im
Karl Grönsfelder-Heim. Anfang der 70er Jahre gründeten wir einen
Betriebsarbeitskreis, einen Montagsdiskussionszirkel und einen Freitagsschulungskreis.
Aus letzteren gingen dann später die Fraktionierungen hervor. Die
Jahreskonferenzen jener Zeit waren für uns vom Kern ein Problem.
Es kamen da die Aktiven vom inneren Kreis mit Sympathisanten unterschiedlicher
Niveaus zusammen, die oft vorgaben, besser zu wissen, was der Gruppe Erfolg
bringen würde, als wir selbst. Manche ältere Genossen, die nur
einmal im Jahr zu uns kamen, wollten ihr Statement einbringen oder von
alten Kampfzeiten erzählen, auch von der POUM. Das sprengte oft den
Rahmen oder führte zur Unzufriedenheit anderer Teilnehmer. So waren
wir vom Gruppenkern manchmal froh, die Konferenz überstanden zu haben,
um weitermachen zu können wie bisher. Der Versuch des Umfunktionierens
war ja damals in der Linken Gang und Gäbe. Die Jahreskonferenzen
in der 4., der jetzigen Phase der Gruppe, unterscheiden sich davon schon
gewaltig, wo es sachlich und in freundschaftlicher Verbundenheit um Inhalte
geht. Auch die politischen Niveaus von einst und heute unterscheiden sich.
Das hängt auch zusammen mit der Sozialstruktur und dem Bildungsstand
der Gruppe. Das einstige Vorherrschen des Arbeitermilieus hatte weniger
Zielgerichtetheit, aber mehr Spontaneität im Gefolge. Der Aufschwung
der Studenten- und Jugendbewegung brachte auch uns Zulauf; dies schlug
sich jedoch nicht immer in Mitarbeit nieder. Es gab mehr Nehmer als Geber.
Einige in der Gruppe waren zusätzlich noch Mitglieder der MG in Erlangen
geworden, ohne das in der Gruppe zu hinterfragen. Die Integration der
Neuzugänge in die Gruppe wurde schwierig, weil der alte Kern immer
kleiner geworden war nach dem Tod von Hans Kunz und dem Teilrückzug
von Helmut Insinger. Auf einer Jahreskonferenz in Erlangen, an der Peter
und Hilde zum ersten Mal teilnahmen, waren über 72 Teilnehmer, mehr,
als wir je wieder in der Hallerwiese erreichten.
1975 wurde offensichtlich, dass die Studentenbewegung gescheitert war,
ein Wirtschaftsabschwung sorgte dafür, dass die betrieblichen Auseinandersetzungen
abnahmen; der Staat verschärfte die Repression. Es wurde für
manche klarer, dass ihre Erwartungen gegenüber der Gruppe und überhaupt
überzogen waren. Auch in der Gruppenarbeit fehlten die Erfolgserlebnisse.
Ein Streit um die Wichtigkeit von Theorie und Praxis entbrannte. Die Kritiker
wollten die theoretische Arbeit zurückstutzen. Die Zeitung sollte
vorwiegend Betriebs- und Gewerkschaftsthemen behandeln. Weltpolitik, Geschichte
usw. sollten reduziert werden. Immer mehr kamen reformistische Tendenzen
zum Vorschein. Über die Frage des Terrorismus gab es eine wirre Diskussion
(s. Arsti 29.2.1972). Die Opposition war nun gegen Dogmatismus.
Eine Aneignung des Marxismus durch den Kopf wurde in Abrede
gestellt. Auch emanzipatorische Elemente spielten eine Rolle. Die sich
nun verbal für die Basisarbeit einsetzten, hatten vorher
in grotesker Weise unseren Betriebsarbeitskreis aufgelöst! Wir, die
wir schon überlastet waren, sollten wohl machen, was sie selbst zu
leisten nicht imstande waren.
Mit dem Montags- und dem Freitagsarbeitskreis hatte sich die Gruppe in
der Praxis schon geteilt, bevor es zu Spaltung kam, die wir dann herbeiführten,
als es keinen Weg aus der Sackgasse mehr gab. Wir hatten zwar die Mehrheit
der Gruppe hinter uns, doch nicht in Nürnberg und nicht bei den jüngeren
aktiveren Mitgliedern. Die Spaltung traf uns zutiefst und zeitweise waren
wir, was den Neuanfang anbelangte, nur drei Aktive: Gabi, Achim und ich.
Erich war damals krank. Unser Vorhaben eines Neuaufbaus schien manchmal
am Rande des Scheiterns zu stehen. Natürlich halfen auch andere mit,
auch der Freitagsarbeitskreis, und im Laufe der Zeit die Altgenossen von
auswärts, soweit sie konnten. Wir gaben weiterhin die Zeitung heraus
mit dem Vermerk Mehrheitsgruppe. Auch die Opposition brachte
noch einige Nummern, teilweise auf niedrigem Niveau. An ihrer Wirrnis
und Uneinigkeit ist sie dann zerfallen. Einige von ihnen wurden später
wieder Abonnenten unserer Zeitung. Kein einziger Altgenosse war mit ihnen
gegangen.
Aus diesem Tiefpunkt heraus entstand eine neue Phase des Gruppenaufbaus,
den ja manche von euch dann miterlebt haben, wobei etwa 1991 mit dem Zusammenbruch
des Realsozialismus die Gruppe noch mal in ihren Grundfesten erschüttert
wurde. In der Zeit der Auseinandersetzungen zwischen Montags- und Freitagsfraktion
hatten die Leser der Arsti Gelegenheit, die Argumente zu verfolgen und
sich eine Meinung zu bilden. Schneller als erwartet, erhielten wir nun
von außen Zuspruch und neue Kontakte, z.B. von W. und E. aus München;
Peter und Hilde näherten sich uns immer weiter an und gewannen für
uns zwei Engagierte, die später Redaktionsmitglieder wurden und auch
heute noch für das regelmäßige Erscheinen unserer Zeitung
sorgen. Dann ist noch etwas Witziges passiert: Ein Helmut
Besold (Die Falken) hatte aus Straubing an die Arpo wegen Kontaktaufnahme
geschrieben. Die Genossin Margret, die dort die Versand- und Büroarbeit
machte, schrieb zurück, Du wohnst zu weit weg von Bremen, wende
Dich doch an Hans St. von der Arsti. Damit hatte sie die Arsti ein
großes Stück vorwärts gebracht. Helmut, der an der Regensburger
Uni hohes linkes Ansehen genoss und auch vor größerem Auditorium
F.J. Strauß imitierte, hatte in jenen Jahren einen Kreis von Studenten
und anderen um sich. Die Studentenbewegung war zwar in den Ballungszentren
im Abklingen, doch in der Provinz gab es immer noch einen Nachtrab, der
uns zugute kam. Dazu kam: Die entstandenen ultralinken K-Gruppen verloren
immer mehr den Bezug zur Wirklichkeit. Helmut brachte zu den Nürnberger
Monatsversammlungen eine ganze Schar mit, hin und wieder hielten wir auch
in Regensburg eine Veranstaltung ab. Die Oberpfalz bescherte uns so eine
ganze Anzahl neuer Genossen, die heute noch im inneren Kreis und in der
Redaktion sind. Auch Intellektuelle aus Norddeutschland fanden zu uns.
Die Wochenendseminare hielten wir mehrere Male in Hildesheim, in Kassel,
in Osnabrück in Zusammenarbeit mit der Gruppe Hintergrund und auch
in Berlin ab.
Nach der Wende waren wir an einem Wochenende in Rotterode, wo wir Manfred
Behrend aus Berlin kennen lernten, der dann viele Artikel, besonders zur
PDS, beisteuerte. Dann kam die Begegnung mit der Gruppe International
in Landshut und in Dorfen, was den Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit
legte. Um diese Zeit fanden einige jüngere Genossen aus dem süddeutschen
Raum zu uns; auch in England und später in Österreich fanden
wir Sympathisanten, die uns bei unserer Arbeit unterstützten. Die
letzten Jahre waren die Seminare dann in München. Seit einigen Jahren
sind wir mit einem Stand auf der Linken Literatur-Messe in Nürnberg
vertreten. Mehrere Jahre hatten wir einen italienischen Großspender
in Hamburg, der uns als großer Unbekannter am Jahresende immer 6.000
DM überwies.
Ohne die Opferbereitschaft von Gruppenmitgliedern könnten wir nicht
bestehen. Wenn wir bundesweit in der Linken Deutschlands bekannt geworden
sind und weiter Werbung in diesem Umfang betreiben können und das
seit Jahrzehnten, dann beruht das auch auf der außergewöhnlichen
Spendenbereitschaft des 1991 verstorbenen Isi Abusch, von dessen Rentenüberweisungen
wir heute noch zehren.
Wie schon erwähnt, brachte dann der Zusammenbruch des Realsozialismus
für die Gruppe einen tiefen Einschnitt. Nicht schon 1989, aber ein
bis zwei Jahre später verließen viele Genossinnen und Genossen
die Gruppe oder reduzierten ihre Aktivität. Bezeichnend aber war,
dass nun andererseits engere Sympathisanten und Leser die dringende Notwendigkeit
erkannten, sich für die Gruppe zu engagieren, und zu Mitarbeitern
wurden. Das erfuhren wir in München, in Baden Württemberg und
anderswo.
Wir hatten stets im Nürnberger Gewerkschaftshaus eine Anzahl von
Abonnenten und Sympathisanten, schon seit Karl Grönsfelders Zeiten,
der auch bei manchen Gewerkschaftsfunktionären mit SPD-Parteibuch
hoch geachtet war. Nach seinem Tod 1964 musste ich die Besuche übernehmen,
bei denen auch immer wieder politisch diskutiert wurde. So konnte politischer
Einfluss ausgeübt werden, aber auch Rückschläge und Enttäuschungen
blieben nicht aus. Als manche von ihnen in den Ruhestand gingen, mussten
die Nachfolger erst gewonnen werden. Das mache ich nun schon 47 Jahre
lang, seit 1964, seit Karls Tod.
Die letzten 15 Jahre haben ja dann die meisten von uns, die bis heute
durchgehalten haben, selbst erlebt und mitgestaltet. Einige unter uns
sind ja schon 15, 20 Jahre dabei. Seit längerem hat Thomas das Impressum
übernommen. Wir mussten immer wieder hinnehmen, dass treue und aktive
Genossinnen und Genossen durch Tod ausschieden wie zuletzt Peter. Sie
waren nicht zu ersetzen und nur ganz wenige finden neu zu uns in den aktiven
Kreis.
Vor allem von Außen her wird immer wieder die Frage gestellt, ist
das nicht unnützes Sektierertum, was ihr treibt? Es gibt doch trotz
allem immer noch eine Anzahl kommunistischer Gruppierungen, die wesentlich
größer sind als ihr, warum schließt ihr euch denen nicht
an? Natürlich gibt es heute, im Gegensatz zu den Zeiten vor der Wende,
Marxisten in der DKP, in der SOZ, in der Partei Die Linke usw. Genossinnen
und Genossen, die ähnlich selbstständig und dialektisch denken
und für demokratische Strukturen in ihrer eigenen Organisation stehen.
Mit ihnen kann man enger zusammenarbeiten. Doch das war nicht immer so,
als man sich kopflos von den Heilszentralen Moskau, Peking und Tirana
usw. bestimmen ließ. Die KPD schloss nach dem Krieg unsere Vorgänger
aus der Partei aus und verfolgte sie als Titoisten, CIA-Agenten
und Verräter. Im Ostblock wurden viele von ihnen ins
Zuchthaus geworfen, in die schrecklichen Lager gesperrt oder gar umgebracht.
Auch nach der DKP-Gründung wurde größtenteils die feindselige
Haltung beibehalten, auch wenn es in der Basisarbeit Bündnispolitik
gab. Diese Zeiten einer unmarxistischen Versteinerung sind zwar endgültig
vorbei, doch einen echten Neuanfang gab es auch in der DKP nicht. Wo blieben
die parteioffizielle Selbstkritik, wo die heißen Diskussionen um
die Fehler der Vergangenheit? Trotz der verheerenden Niederlagen der kommunistischen
Bewegung wird zum Beispiel auch jetzt wieder an der Thälmann-Legende
weitergestrickt. Zu den dort bereits laufenden Flügelkämpfen
würden wir nur ein weiteres Streitfeld einbringen. Fruchtbare Kritik,
das Lebenselixier des Marxismus, kann es nur im solidarischen Miteinander
geben. Andere, besonders trotzkistische Gruppen, sind nach wie vor nicht
frei von schädlichem Voluntarismus. Und, das gilt für alle Gruppen,
auch für die uns nahestehende Arpo, wir müssten für einen
Zusammenschluss die Gewähr einer Gleichberechtigung haben. Dies ist
aber nirgendwo zu erkennen. Gibt es keine Ebenbürtigkeit, wird die
Belastung größer statt kleiner.
Die Systemkrise des Kapitalismus weitet sich immer mehr aus, die zweite
Bankenkrise wird noch gefährlicher als die vorhergehende. Die Zeiten
werden härter, zuerst einmal auch für die revolutionäre
Linke. Denn die Gegenbewegungen werden wohl anschwellen, doch auch manchmal
in Sackgassen versanden. Die populistische und rechte Gefahr erhöht
sich durch die politische Zuspitzung und allgemeine Ratlosigkeit.
Gerade in Deutschland, mit der jüngeren Geschichte der Teilung des
Landes, haben wir in Richtung Sozialismus einen weiten Weg vor uns. Dafür
ist Zähigkeit, aber auch Klarheit gegenüber linken Modeerscheinungen
notwendig. Vor allem anderen kommt es darauf an, dass der marxistische
Funke nicht erlischt. Halten wir den Funken am Glühen!
Hans Steiger.
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