Am 12. Dezember ist Rolf Becker nach längerer schwerer Krankheit in Hamburg gestorben, bis zuletzt ein beeindruckender Mensch.
Rolf lernte ich in der Gruppe Arbeiterpolitik kennen, als ich 1974 nach Hamburg kam. In der sogenannten „Endredaktion“ fiel er mir auf, dass er während der Sitzungen nebenher fast durchgehend las, unterstrich, redigierte. Ich erfuhr, dass er Schauspieler war, kannte ihn aber weder von der Bühne noch vom Film. Vielleicht war es gut so, dass ich ihn zuerst als politischen Menschen kennenlernte, denn so hatte er für mich keinen Prominentenheiligenschein.
Was ich also aus der Zeit vor 1974 über ihn berichten kann, habe ich nicht selbst miterlebt.
In dem vor einigen Jahren ausgestrahlten Porträt des MDR „Der sanfte Rebell“ berichtet er davon, wie er 1969 am Bremer Theater, wo er Opernintendant war, die Revolution ausprobieren wollte. Er rief in einem Stück die totale Demokratie auf der Bühne und im Zuschauerraum aus, woraufhin er entlassen wurde. Es war die Zeit der Studentenbewegung, des Aufruhrs, die auch das Theater erfasste. Die Studentenbewegung stieß aber nach dem Jahr ihres Höhepunkts, 1968, an ihre Grenzen. Die staatliche Repression schlug zurück, als gesellschaftliche Kraft war die Studentenbewegung doch zu gering. In diese abflauende Welle und die beginnende Resignation platzten auf einmal die Septemberstreiks 1969, vor allem in den Stahlbetrieben. Der schlafende Riese, die Arbeiterklasse, war plötzlich erwacht und ließ für ein paar Wochen seine Muskeln spielen. Die abflauende Studentenbewegung reagierte, überall gründeten sich nun kommunistische Gruppen und Parteien (z.B. KPD/AO, KB, PL/PI), die vorgaben, im Namen der Arbeiterklasse zu sprechen und den Studenten so eine Perspektive zu geben.
Auch auf der Klöcknerhütte in Bremen wurde gestreikt. Rolf Becker muss zu den Streikenden Kontakt bekommen haben. Auf der Hütte gab es einen starken Einfluss der Gruppe Arbeiterpolitik. Diese hatte sich 1948 aus Überlebenden der Weimarer KPD-Opposition (KPO) gegründet. Die KPO hatte an der KPD-Politik die Unterordnung unter die Moskauer Zentrale kritisiert und gefordert, eine Politik zu betreiben, die den deutschen Verhältnissen angepasst war. Ihre führenden Köpfe waren die früheren Parteivorsitzenden Heinz Brandler und August Thalheimer. Die KPD-Opposition wurde nach 1928 aus der Partei ausgeschlossen. Auch nach dem Krieg waren die KPO-Leute gegen die Unterordnung unter die Besatzungspolitik, wie sie die KPD betrieb. Sie waren wesentlich daran beteiligt, dass 1950 der Widerstand gegen die Demontage des Stahlwerks Salzgitter durch die Briten erfolgreich war.
Rolf hatte nun eine politische Orientierung gefunden und wurde 1969 Mitglied der Gruppe Arbeiterpolitik. Als er 1971 am Schauspielhaus in Hamburg übernommen wurde, zog er nach Hamburg. Dort gab es eine relativ starke Ortsgruppe der Arbeiterpolitik und dort lernte er Josef Bergmann kennen.
Josef Bergmann: „Pep“
Josef Bergmann, in der Gruppe Arbeiterpolitik als Pep bekannt, Jahrgang 1913, war ein KPO-Genosse, der in Schweden den 2. Weltkrieg überlebt hatte und nach dem Krieg wieder als Drucker in Hamburg arbeitete. Er hatte sich als Kollege und Betriebsrat einen kämpferischen Ruf erworben und war in seiner Gewerkschaft, der IG Druck und Paper, und darüber hinaus bekannt und anerkannt. In der Hamburger Gruppe Arbeiterpolitik war er eine Autorität. Sein Einfluss auf Rolf kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Rolf kniete sich förmlich in die Geschichte der KPO, die auch eine Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung war, hinein und wurde ihr Archivar. Er lernte noch einige der Überlebenden kennen. Eine Frucht dieser Arbeit ist sein mit Claus Bremer herausgegebenes Buch über das KPO-Mitglied Paul Elflein: „Immer noch Kommunist?“ Überhaupt verband ihn sehr viel mit der Gewerkschaftsbewegung in Salzgitter, insbesondere der IG Metall, wo noch Reste der alten kämpferischen Tradition überlebt haben.
Bis zu dessen Tod 2005 blieb Pep für Rolf Bezugs- und Orientierungspunkt. Rolf hätte ja, da er immer erfolgreicher und bekannter wurde, seine „linken Flausen“ hinter sich lassen und sich seiner Karriere widmen können, wie es viele um ihn herum und aus der Studentenbewegung ja auch gemacht haben. Aber das Widerständige, das bei ihm am Theater erwacht war, bewahrte er und faszinierte ihn auch in der Geschichte und Gegenwart. Am Theater war er in der Gewerkschaft, trat später der IG Medien bei und war lange dort im Ortsvorstand aktiv, also etwas, das man nicht unbedingt mit einem erfolgreichen Schauspieler verbinden würde.
Widerständig
Dieses Widerständige war ihm nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Sein Vater war Wehrmachtsoffizier und erzog ihn wohl entsprechend, was er später auch an seine Kinder weitergab, wie es Meret und Ben Becker öfter angedeutet haben. Aber er bekam als Kind auch den Tod seines Vaters im Krieg mit, die letzten Kriegsjahre und die zerstörten Städte nach dem Krieg. Irgendwann muss in ihm die Überzeugung gewachsen sein: So etwas darf nie wieder passieren und so etwas wie der Faschismus, der diesen Krieg über Europa brachte, darf nicht mehr vorkommen! Vielleicht war er im Grunde noch mehr Pazifist und Antifaschist als Kommunist. Als Grundkonstante blieb bei ihm immer: Die Stoßrichtung des deutschen Imperialismus geht nach Osten, gegen Russland. Davon ließ er sich auch nicht beirren, als es nach 1990 lange nach einer friedlichen Entwicklung aussah. Dass er nach Beginn des Ukraine-Kriegs eine Lesung über die Blockade Leningrads entwickelte und vortrug, ist alles andere als zufällig. Ich glaube, diese Richtschnur war maßgebend dafür, dass er selber nie einknickte und bereit war überall dort zu sein, wo Menschen sich zur Wehr setzten.
Furchtlos
Der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien, angefeuert von Deutschland, wütete schon ein paar Jahre, als 1969 die NATO gegen Restjugoslawien, also Serbien und Montenegro, einen Bombenkrieg begann. Die deutsche Regierung unterstützte diesen völkerrechtswidrigen Angriff und sogar der DGB rechtfertigte diesen Angriffskrieg. Es bildete sich u.a. auf Anregung von Pep, der immer sagte, man darf nicht nur reden, eine Initiative „Solidarität von unten gegen die Bomben von oben!“ aus GewerkschaftskollegInnen unterschiedlicher Städte, vor allem aus Hamburg und Salzgitter. Rolf war sofort mit dabei und fuhr mit der Initiative während des Krieges nach Serbien, wo sie unter anderem die KollegInnen des von der NATO zerstörten Automobilwerks in Kragujevac besuchten. Ein Jahr darauf gelang es der Initiative sogar, eine Drehbank aus Salzgitter nach Kragujevac zu transportieren.
Als 2002 der ehemalige serbische Präsident Milosevic vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt wurde, trat Rolf dem Komitee zur Verteidigung von Milosevic bei. Das wurde ihm natürlich übel angerechnet und er geriet in die Diffamierungsschleudern der Medien. Rolf betonte dabei, dass es hier nicht um einen fairen Gerichtsprozess gehe, sondern um ein Siegertribunal, mit dem man nachträglich den Angriffskrieg rechtfertigen wolle. Wenn es darum gehen würde, tatsächlich Verbrechen aufzuarbeiten, dann müssten auch kroatische, bosnische -und deutsche- Verantwortliche vors Gericht gezogen werden.
Und, siehe da, auf einmal gab ihm der NDR keine Aufträge mehr, dabei war er einer der beliebtesten Synchron- und Hintergrundsprecher gewesen. Auch für das Schauspielhaus war er plötzlich gestorben. Nur noch der MDR bot ihm einen Job in der Arztserie „In aller Freundschaft“.
Auch keine Freunde unter den Herrschenden machte sich Rolf, als er ab 2003 zum Betreuer des RAF-Gefangenen Christian Klar wurde. Der war zu lebenslanger Haft verurteilt worden, hätte aber nach der gesetzlichen Frist entlassen werden müssen, was ihm verwehrt wurde. Für Rolf war Christian jemand, dessen politische Ansichten er nicht teilte, aber dessen gemeinsamen Gegner erkannte, der Christian im Gefängnis verrecken lassen wollte.
Griechenland
2012 gründete sich eine gewerkschaftliche Initiative „Griechenland-Solireisegruppe ‚Gegen Spardiktate und Nationalismus!“. Wieder war Rolf von Anfang an und solange er konnte dabei. Wie bei Jugoslawien verband ihn mit Griechenland auch die Geschichte der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg und die Verbrechen der deutschen Wehrmacht an der Zivilbevölkerung. Griechenland wurde ja seit 2010 seitens Deutschlands und der EU einem rigorosen Sparzwang unterworfen, was große Teile der Bevölkerung schockartig in die Armut und Entrechtung stürzte. Die Reisegruppe, der auch ich bis heute angehöre, setzte sich zum Ziel, Kontakt zu Gruppen, Gewerkschaften, Initiativen aufzunehmen um von ihnen zu erfahren und womöglich zu helfen. Wir hatten ein Spendenkonto eröffnet, das vor allem deshalb gefüllt wurde, weil Rolf seine gesamten Emailkontakte angeschrieben und um Spenden gebeten hatte. Auch das stolze Ergebnis der Sammlung anlässlich seines 80. Geburtstags im Schauspielhaus spendete er vollständig dem Arbeitslosenzentrum in Perama. Was Rolf gut konnte, war auch auf der Reise wichtig: Bei wichtigen Anlässen fand er immer die passenden Worte (zusammengestellt lesbar unter Internet-Gedenken-Rolf.pdf).
Im Jahre 2019 fuhr ich mit Rolf in Nordgriechenland im Rahmen unserer Solireise in das Dorf Lyngiades, das 1943 von der Wehrmacht niedergebrannt worden war und dessen Bewohner ermordet worden waren. Es war der Vorabend des Gedenktags an dieses Verbrechen. Auf dem Dorfplatz hatten sich schon viele versammelt, Bänke und Tische waren aufgestellt, Souvlaki wurde gegrillt. Da kam ich nun mit Rolf dazu und, kein Wunder, wir wurden sehr misstrauisch beäugt, nach dem Motto: Was will denn dieser blonde Deutsche hier? Rolf muss das geahnt haben, denn er hatte sich vorbereitet. Er hatte das Buch „Feuerrauch. Die Vernichtung des griechischen Dorfes Lyngiades am 3. Oktober 1943“ (Christoph Schminck-Gustavus) dabei, das natürlich viele im Dorf kannten. Damit war das Eis gebrochen und wir wurden zum Essen eingeladen.

Schauspieler
Dazu lässt sich das meiste in Wikipedia nachlesen. Rolf hatte die Natur zwei Geschenke mitgegeben: eine tiefe, weiche, sonore Stimme und sein Aussehen: groß, blond, blaue Augen. Besonders das Letztere prädestinierte ihn eigentlich für Rollen des typischen Deutschen, sowohl im positiven wie im negativen Sinne. Eine seiner besten Filmrollen spielte er deshalb als unangenehmer Staatsanwalt in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Die Rolle des Teufels in dem Volksstück „Der Hamburger Jedermann“ in der Speicherstadt spielte er so gut, dass ihm das (eher kulturferne) Publikum noch am Ende der Vorstellung böse war. Am besten erkannte vielleicht der uruguayische Regisseur Álvaro Brechner dieses Doppelbödige in Rolf. In dem Film spielt Rolf einen deutschen Ladenbesitzer in Uruguay, den ein älterer Jude aufgrund seines Aussehens für einen Nazi hält. Tatsächlich kommt dieser im Film aber selbst aus dem Widerstand.
Solidarität
Je älter Rolf wurde, desto angesehener wurde er unter Linken. Er war bereit überall, wo es möglich war, mit seiner kraftvollen Stimme aus seinem riesigen literarischen Fundus passende Texte zu rezitieren, um die jeweilige Situation auf den Punkt zu bringen und die Anwesenden mitzureißen. Noch kurz vor seinem Tod trat er auf dem Hamburger Rathausmarkt während der Kundgebung gegen das Manöver „Red Storm Bravo“ auf und las Wolfgang Borcherts Gedicht „Sag Nein!“ Er sah sich zwar in der Tradition der KPO, aber diese und auch die Gruppe Arbeiterpolitik betrachteten und betrachten sich nach wie vor als Teil der kommunistischen Partei, also als Teil derjenigen, die einen Ausweg aus der kapitalistischen Eigentumsordnung suchen. So war er auch für viele anschlussfähig: DKP, „Junge Welt“, Gewerkschaften, Friedensinitiativen usw. Es wurde ihm immer wichtiger, zusammenzuführen, Gräben zu überbrücken. Also Solidarität zu leben.
Manfred Klingele