Ein neuer Begriff hat sich in den politischen Diskussionen bei mehr oder weniger linken Kreisen etabliert: Klassismus. Im Rahmen des Kampfes gegen jede Diskriminierung gilt es neben Rassismus oder Sexismus auch Klassismus zu bekämpfen. Unter Klassismus wird die Benachteiligung aufgrund der Klassenherkunft oder Klassenzugehörigkeit verstanden. Er wird als Unterdrückungsform, Abwertung, Ausgrenzung oder Marginalisierung wegen der Klasse beschrieben. Aber genaue Definitionen und begriffliche Abgrenzungen gibt es beim Themenbereich Klassismus eher nicht, insbesondere keine, die auch allgemein akzeptiert wären.
 
Der Begriff Klassismus setzt offensichtlich das Vorhandensein von verschiedenen Klassen voraus. Die Zugehörigkeit zu diesen Klassen kann dann Diskriminierung bzw. Privilegierung zur Folge haben. Aber genau bei der konkreten Klassenanalyse, zur Frage, wie und wodurch diese Klassen begründet sind und wie die Abgrenzungen zwischen ihnen verlaufen, gibt es in der einschlägigen Diskussion keine Einigkeit. Klar ist, es sind nicht die Reichen und Mächtigen, die dem Klassismus ausgesetzt sind. Aber darüber hinaus ist nicht mehr sehr viel klar. Nur wenige Wortmeldungen orientieren sich an den marxistischen Kriterien der Klassenanalyse. Generell ist das keineswegs der Fall. Die für Marxisten fundamentale Trennung in Kapital besitzende Klassen und arbeitende Klassen wird meistens nicht oder zumindest nicht konsequent nachvollzogen. Es gibt z.B. Autoren, die allein nach Einkommen unterscheiden und von Armuts-, Mittel- und Reichtumsklasse sprechen. Nicht selten gibt es eine bewusste Abgrenzung vom Marxismus, dem z.B. Ökonomismus und Klassenreduktionismus vorgeworfen werden.
Als ein Beispiel für Klassismus werden immer wieder die Schwierigkeiten genannt, denen Studierende aus bildungsfernen Schichten im Gegensatz zu solchen aus Akademikerfamilien im universitären Umfeld ausgesetzt sein können. Selbstverständlich gibt es solche Probleme und damit zusammenhängende Diskriminierungen. Initiativen zur Lösung solcher Probleme an den Universitäten sind sinnvoll. Nur werden Marxisten auch daran festhalten, dass Unterschiede zwischen bildungsfern und bildungsnah auch innerhalb einer großen Klasse wie etwa der der Lohnabhängigen auftreten können. Ganz gewiss sind sie nicht der grundlegende Klassengegensatz in einer kapitalistischen Gesellschaft.
Eine ähnliche Situation zeigt sich, wenn von Ausbeutung die Rede ist. Denn viele Argumentationen laufen darauf hinaus, dass Ausbeutung vor allem besonders ungünstige Verhältnisse, wie extrem niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen etc., voraussetzt. Das marxistische Verständnis von Ausbeutung wird dagegen im allgemeinen nicht aufgegriffen. Demgemäß beruht Ausbeutung auf der Aneignung des Mehrwerts durch die Kapitalbesitzer und ist deshalb bei Lohnarbeit unter kapitalistischen Bedingungen generell vorhanden und nicht nur bei besonders schlimmen Zuständen. Hier und auch bei anderen Punkten zeigt sich, es geht häufig um moralische Bewertungen und nicht um materialistische Analyse der Verhältnisse. (Nicht umsonst wird dem Marxismus Ökonomismus vorgeworfen.)
 
Insgesamt ist festzustellen: Marxistische Klassenanalyse und die Rede vom Klassismus haben nur entfernt etwas miteinander zu tun. Das sollte jedem klar sein, auch um Missverständnisse und Verwechselungen zu vermeiden.
Engagement gegen Diskriminierungen ist natürlich immer zu begrüßen. Hieraus ergibt sich für Marxisten grundsätzlich ein Feld für Zusammenarbeit bei konkreten Zielen. Die konzeptionellen Unterschiede sollten aber nicht verschwiegen werden. Marxisten kämpfen letztlich für die Aufhebung der Klassen und nicht um das Ende der Diskriminierung von ansonsten weiterbestehenden Klassen.
 
 
 
Für eine ausführlichere Beschäftigung mit dem Thema wird der Artikel „Klassismus“-Diskussion ohne Klassenanalyse ? von Lena Hezel und Steffen Güßmann in: Z.Zeitschrift für Marxistische Erneuerung, Nr. 126, Juni 2021 empfohlen. Dort findet sich auch ein Literaturverzeichnis.