Nach dem Sturz des Schahs wandelte sich der Iran sehr schnell vom Verbündeten der USA zu einem ausgesprochenen Gegner. Bereits 1979 eskalierten die Beziehungen der beiden Länder wegen der Geiselnahme des US-Botschaftspersonals in Teheran auf spektakuläre Weise. Die gegenseitige Feindschaft blieb seitdem eine Konstante der Weltpolitik, genauso wie die Feindschaft des Iran zu Israel. Die USA gelten als der große Satan, Israel als der kleine. Umgekehrt ist der Iran für die USA ein Schurkenstaat.
Die gegenseitige Feindschaft zeigte sich für viele Jahre beispielhaft in der Kontroverse um das iranische Atomprogramm. Nur unter der Präsidentschaft von Obama, respektive Rohani auf iranischer Seite, kam es zu einer Annäherung und zum Versuch einer Normalisierung der Beziehungen. (Siehe dazu den eigenen Beitrag in diesem Heft).
Aber die US-Republikaner (und Israel/Netanjahu) lehnten das sogenannte Atomabkommen, den JCPOA, heftig ab. Sie waren in keiner Weise bereit, diesen Kurs weiter zu verfolgen und in der ersten Amtszeit von Trump wurde der Versuch einer Entspannung wieder beendet. Statt dessen wurden umfangreiche und harte Wirtschaftssanktionen in Kraft gesetzt.
Eskalationsvermeidung trotz Feindschaft
Seitdem gab es mehrmals gefährliche Zuspitzungen im Verhältnis zwischen USA und Iran, etwa im Januar 2020 durch die Tötung des iranischen General Qasem Soleimani bei einem Besuch in Bagdad. Aber trotz aller Gegnerschaft, trotz der feindseligen Rhetorik und mancher verdeckter oder offener Attacken, beide Seiten blieben bemüht, den großen Konflikt zu vermeiden. Niemand hatte ein Interesse an einer unkontrollierten Eskalation.
Eine gewisse Zurückhaltung war auch noch bei den Konfrontationen in den Jahren 2024 und 2025 gegeben. Am 1. April 2024 bombardierte Israel ein Gebäude auf dem Gelände der iranischen Botschaft in Damaskus. Dabei wurden mehrere Menschen getötet, angeblich ranghohe Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde. Am 13. April erfolgte ein iranischer Vergeltungsschlag. Israel wurde mit Drohnen und ballistischen Raketen beschossen. Aber die Begrenztheit des Angriffs und seine vorhergehende Ankündigung ließen noch die Absicht der Eskalationsvermeidung erkennen. So die weit verbreitete Einschätzung.
Sogar nach dem Angriff Israels und der USA auf die Atomanlagen des Iran im Juni 2025 war die Zurückhaltung noch nicht völlig verschwunden. Zumindest auf Seiten des Iran und der USA. Nach Aussagen Trumps stimmten die USA einer Tötung der iranischen Führung nicht zu und drängten nach zwölf Tagen auf eine Einstellung der Angriffe. Trump schien sein Versprechen gegenüber den Wählern, die Verwicklung in langwierige Kriege zu vermeiden, noch einigermaßen einhalten zu wollen. Die Beschießung Israels als iranische Antwort auf die Angriffe blieb wiederum relativ begrenzt.
Krise im Iran
Im Dezember 2025 verschärfte sich die schon lange schwelende Wirtschaftskrise im Iran noch einmal erheblich. Der unmittelbare Auslöser war eine akute Schwäche der iranischen Währung. Nun war und ist die Schwäche der Währung für den Iran nichts Neues, sie ist ein chronischer Zustand genauso wie die ständig steigenden Preise. Für die zurückliegenden Jahre wird z.B. von einer jährlichen Inflation von etwa 40% berichtet. Wegen des akuten Währungsverfalls sind aber die Preise noch einmal zusätzlich sprunghaft angestiegen. Damit hatte anscheinend die wirtschaftliche Misere für viele die Schwelle der Unzumutbarkeit überschritten.
Die aufgestaute Wut der Bevölkerung machte sich in heftigen und landesweiten Protesten Luft. Die wirtschaftliche Zuspitzung kam ja zusätzlich zu den sonstigen Problemen, zum Unmut über Korruption und Günstlingswirtschaft und einer allgemeinen Unzufriedenheit mit den Verhältnissen.Viele der Protestierenden brachten ihre Ablehnung des gegenwärtigen Regimes sehr deutlich zum Ausdruck. Losungen wie „Tod dem Diktator“ oder “Es lebe der Schah“ waren bei den Demonstrationen zu hören.
Die Demonstrationen im Dezember/Januar waren nicht die ersten mächtigen Demonstrationen im Iran. Aber nach übereinstimmenden Berichten aus mehreren Quellen gehörten sie zu den bisher größten. Außerdem scheinen diesmal auch Bevölkerungsschichten einbezogen gewesen zu sein, die in der Vergangenheit eher keine Aktivisten waren. Nämlich die Basarhändler, die tendenziell eher zu den Unterstützern des Regimes gerechnet wurden, und viele TeilnehmerInnen aus den ärmeren und weniger qualifizierten Schichten. Letztere zahlenmäßig natürlich überwiegend. Der Hauptantrieb für die Unzufriedenheit scheint allen Protestierenden gemeinsam zu sein: ihre wirtschaftliche Lage. Das unterscheidet diese Demonstrationswelle von früheren. Die Händler fürchten den Ruin, weil sie ihre Preise nicht mehr realistisch kalkulieren können und alle anderen wissen nicht mehr, wie sie bei den ständig steigenden Preisen über die Runden kommen sollen.
Die Wende zum Krieg
Angesichts der Proteste wurde allenthalben die Frage aufgeworfen, wie lange sich das Regime noch halten kann und was eventuelle Alternativen wären. Sofort begannen Einmischungsversuche von Außen. Der im US-amerikanischen Exil lebende Sohn des letzten Schah, mit Namen Reza Pahlavi, bekundete in Medienauftritten seine Unterstützung für die Protestierenden und rief dazu auf, das Regime zu stürzen. Präsident Trump rief ebenfalls dazu auf, die Proteste fortzusetzen. In seinem sozialen Netzwerk Truth Social schrieb er „die Menschen sollten die Institutionen übernehmen“ und er versprach „Hilfe ist unterwegs“.
Aber am 8./9. Januar schlug das Regime massiv und brutal zurück. Offensichtlich ließ es gegen die Demonstrationen hemmungslos Schusswaffen einsetzen. Die Folge waren tausende Tote und noch viel mehr Verletzte. Begleitet war das von einer großen Verhaftungswelle. Genaue und zuverlässige Zahlen liegen nicht vor, aber vieles deutet darauf hin, dass die Zahl der Toten, Verletzten und Verhafteten sehr groß ist.
Durch die Ereignisse wurden zwei wesentliche Aspekte der gegenwärtigen Lage im Iran deutlich. Einerseits gibt es in der Bevölkerung eine weitverbreitete Unzufriedenheit und einen großen Wunsch nach Veränderungen. Andererseits sind die herrschenden Kreise keineswegs gewillt, ihre Macht abzugeben. Dabei schreckt das Regime nicht vor brutaler Repression zurück. Es verfügt nach wie vor über die Mittel, seine Macht zu verteidigen. Größere Risse und Spaltungen in der politischen Führung bzw. im Machtapparat, die die Fähigkeit zum Machterhalt in Frage gestellt hätten, waren bisher nicht zu erkennen. Die Revolutionsgarden als der Kern des Machtapparates scheinen zuverlässig im Sinne des Regimes zu funktionieren.
In dieser Situation begannen die USA starken Druck auf den Iran auszuüben und durch einen großen Truppenaufmarsch eine entsprechende Drohkulisse aufzubauen. Entweder sei der Iran zu einem Deal bereit, oder er müsse mit militärischen Schlägen rechnen, das war die Botschaft von Präsident Trump, die er mehrfach verkündete.
Eine ähnliche Botschaft propagierten auch etliche Exiliraner, insbesondere jene, die Hoffnungen auf den Sohn des letzten Schahs setzen. Aus diesen Kreisen und auch von Reza Pahlavi selbst wurde Trump vielfach aufgefordert, militärisch gegen den Iran vorzugehen.
Die USA stellten im wesentlichen drei Forderungen an die Adresse des Iran: Verzicht auf das Atomprogramm, Verzicht/Begrenzung bei der Rüstung mit ballistischen Raketen und Verzicht auf die Unterstützung der Verbündeten, den sogenannten Proxis, wie etwa der Hisbollah im Libanon, der Huthi in Jemen und der Hamas in Palästina/Gaza. Der Iran zeigte sich grundsätzlich zu Verhandlungen bereit, machte aber konkret nur (keine besonders weitreichenden) Angebote in Bezug auf das Atomprogramm. Auch wenn die USA ihre drei Punkte, die zuerst einmal als Maximalforderungen eingestuft werden müssen, nie sonderlich präzisierten, die große Kluft zwischen den Positionen der beiden Ländern war offensichtlich. Nach mehreren Runden von indirekten Verhandlungen schienen die Gespräche noch in der Schwebe zu sein, als die USA gemeinsam mit Israel am 28. Februar mit den Bombenangriffen begannen. Der Angriff erfolgte bewusst vor dem erklärten Scheitern der Gespräche. Offensichtlich in der Absicht, einen Überraschungseffekt auszunutzen, der die Tötung von Ali Chamenei und anderer hoher Vertreter des Regimes ermöglichte.
Damit wurde deutlich, die USA haben einen grundsätzlichen Positionswechsel vollzogen. War der militärische Eingriff 2025 bei der Bombardierung der iranischen Atomanlagen noch von einer gewissen Zurückhaltung geprägt, war davon jetzt nichts mehr zu spüren.
Was diesen Umschwung verursacht hat, ist nicht ganz klar. Viele Beobachter glauben, dass der aus seiner Sicht reibungslose Verlauf der Militäraktion in Venezuela Trump bewogen hätte, auch im Iran militärisch einzugreifen. Die New York Times will erfahren haben, dass Netanjahu und der Mossad Trump zum Angriff drängten, während der CIA eher abgeraten habe. Welche Erkenntnisse der Geheimdienste vorlagen, eventuell auch vermeintliche Erkenntnisse oder unrealistische Einschätzungen, und welche Rolle diese bei der Entscheidung spielten, lässt sich zur Zeit natürlich nicht zuverlässig feststellen.
Die Entscheidung zum Angriff ist aber offensichtlich auf der Basis von Annahmen gefallen, die etwa folgendem Szenario entsprechen: Das Regime im Iran geht bereits sehr geschwächt in diese Auseinandersetzung. Durch die Bombardements, die zur Tötung etlicher Führungsfiguren, zur Reduzierung des Waffenarsenals und zu allen sonstigen Zerstörungen führte, wird es noch zusätzlich stark geschwächt und seine Machtbasis weitgehend zerstört. Deshalb wird/muss die verbleibende Führung nach wenigen Wochen mit intensiven Luftangriffen bereit sein, einem Deal zu den Bedingungen der USA zuzustimmen. Eventuell wird die islamische Republik auch völlig zusammenbrechen. Kurz, es bietet sich eine günstige Gelegenheit, um mit vergleichsweise wenig Aufwand viel zu erreichen.
Trump und Netanjahu scheinen von dieser Einschätzung sehr überzeugt gewesen zu sein. Andere Möglichkeiten wurden offenbar nicht ernsthaft in ihre Planungen einbezogen. Sie waren in keiner Weise darauf vorbereitet, dass die Sache auch einen für sie nicht so günstigen Verlauf nehmen könnte.
Selbstverständlich ist der Angriff auf den Iran ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht. Das muss hier wohl nicht ausführlich begründet werden. Trump hat sich von einer Berufung auf das Völkerrecht bekanntlich weitgehend verabschiedet.
Das Scheitern bei den Kriegszielen
Im Verlauf der folgenden Wochen mit intensiven Luftangriffen zeigte sich aber, je länger desto deutlicher, die Rechnung der USA ging nicht auf. Der Iran bzw. das Regime ließ sich nicht so ohne weiteres bezwingen. Sicher, die USA im Verbund mit Israel waren militärisch stark überlegen und konnten das Land praktisch ungehindert bombardieren. Neben dem obersten Führer Ali Chamenei wurden auch andere ranghohe Angehörige der Führungsschicht getötet. Aber trotz der Zerstörungen war der Iran immer noch zu militärischen Gegenschlägen fähig, wie die Raketen und Drohnen auf Israel und die Golfstaaten täglich zeigten. Die Gegenschläge waren keineswegs nur symbolisch. Sie richteten besonders in den Golfstaaten und bei den dortigen US-Militärbasen erhebliche Schäden an. Trotz der Tötungen blieb die iranische Führung entscheidungsfähig, das Regime und der Machtapparat zeigte vorerst keine Auflösungserscheinungen. Im Land gab es keine Demonstrationen oder sonstige Aktionen von Regimegegnern.
Als wirkungsvollster Hebel für den Iran erwies sich die Sperrung der Straße von Hormuz. Die Drohung, alle Schiffe anzugreifen, die ohne Zustimmung der Iraner diese Meerenge durchfahren wollen, entfaltete eine große Wirkung. Der Transport von Öl, Gas und allen anderen Gütern durch diese Wasserstraße kam zum Erliegen. Allen Beobachtern ist klar, je länger diese Sperrung anhält, desto stärker sind die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und eine lange Sperrung hat das Potenzial, eine große, weltweite Wirtschaftskrise auszulösen. Denn neben der Energieversorgung mit Öl und Gas ist auch die Lieferung von etlichen anderen Produkten gestört, darunter Kunstdünger, diverse Chemieerzeugnisse und auch Helium, das bei der Produktion von Computerchips benötigt wird. Und es zeigte sich ebenfalls, die USA haben, bei aller militärischen Überlegenheit, nicht die Mittel, um für alle Tanker und Handelsschiffe eine risikolose Befahrung der Meerenge gegen den ausdrücklichen Willen des Iran zu gewährleisten. Zumindest haben sie keine Mittel, die mit für sie akzeptablen Kosten und Risiken verbunden wären. Ein Einsatz von Bodentruppen im großen Stil, das heißt mindestens 100 000 Soldaten, scheint nie erwogen worden zu sein.
Trump hatte sich in ein Dilemma manövriert. Die direkten und indirekten Folgen seines Krieges wurden immer größer, die Treibstoffpreise und die Inflation stiegen generell, der Krieg ist in der US-Öffentlichkeit sehr unpopulär. Er hat mit dem Angriff ein zentrales Wahlversprechen gebrochen, aber wenig in der Hand, um die Aktion als Erfolg verkaufen zu können. Trotz seiner ständig wiederholten Erfolgsmeldungen hatte er in Wirklichkeit nichts Entscheidendes erreicht, wie jeder leicht sehen konnte. Denn das Regime, die Mullahs waren immer noch an der Macht. Der Iran war nach wie vor militärisch handlungsfähig und die vor dem Angriff ungehinderte Befahrbarkeit der Straße von Hormuz war nicht mehr gegeben.
Daraufhin veränderten die USA ihre Vorgehensweise. Sie stellten am 8. April die Luftangriffe ein, verhängten aber eine Blockade für alle Seetransporte von und nach Iran. Damit sollte auch der Iran am Ölexport gehindert und seine wichtigste Einnahmequelle unterbrochen werden. Die Erwartung dabei war, dass der Iran diese Blockade wirtschaftlich nicht lange durchhalten kann und bald zum Nachgeben gezwungen sein wird.
Parallel dazu wurde versucht mit Verhandlungen unter der Vermittlung Pakistans die vorläufige Waffenruhe in eine dauerhaftere umzuwandeln und auch in Bezug auf die anderen Streitpunkte einer Einigung näher zu kommen. Die anlaufenden diplomatischen Bemühungen, die zu keinen schnellen Ergebnissen führten, begleitete Trump mit massiven Drohungen. Ohne ein Einlenken bei den Verhandlungen würden neue Luftangriffe die Infrastruktur des Iran total zerstören und sogar die gesamte Zivilisation auslöschen. Aber die Termine, die er mehrmals in der Art eines Ultimatums setzte, wurden immer wieder verschoben, die angeblich unmittelbar bevorstehenden Deals wurden nicht unterschrieben. Der Iran erhob eigene Forderungen (Kriegsentschädigungen, Aufhebung der Sanktionen, dauerhafte Kontrolle des Verkehrs in der Straße von Hormuz) und stellte Bedingungen (Waffenstillstand auch im Libanon). Er war nicht bereit, sich dem von den USA gewünschten Deal zu unterwerfen.
Will Trump schwerwiegende wirtschaftliche Folgen vermeiden, muss er möglichst schnell die Straße von Hormuz frei bekommen. Gleichzeitig muss er, aus seiner Sicht, der Öffentlichkeit unbedingt einen Sieg präsentieren und darf keineswegs als zu nachgiebig erscheinen. Das Agieren Trumps machte, je länger es andauerte, einen ausgesprochen chaotischen Eindruck. Sein Dilemma und die Mängel seiner Strategie wurden für alle deutlich sichtbar. Oder steckt vielleicht doch auch etwas Methode dahinter ? Die wiederholten Ankündigungen einer bevorstehenden Einigung hatten die Aufgabe, die (Öl-, Energie-, Aktien-, Finanz-) Märkte zu beruhigen, was angesichts der realen Risiken erstaunlich gut gelungen ist. Es gibt auch Berichte, dass Trumps Umfeld bzw. seine Mittelsmänner die Auf und Ab gehenden Börsenkurse, die den Wechsel von Hoffnung und Enttäuschung widerspiegelten, für private Geschäfte nutzten. Das würde gut zu den auch sonst sich verdichtenden Anzeichen einer zunehmenden korrupten Vermischung von Politik und persönlichen Geschäftsinteressen passen.
Ein erstes Fazit
Zum jetzigen Zeitpunkt (6. Juni, Redaktionsschluss für diesen Artikel) wird über ein Abkommen verhandelt, das möglicherweise in Kürze unterschrieben werden könnte, oder auch nicht. Es gibt keine Gewissheiten. Laut Medienberichten wäre folgendes enthalten: Die Waffenruhe wird für weitere 60 Tage verlängert. Während dieser 60 Tage ist die Straße von Hormuz frei befahrbar und die Blockade der iranischen Häfen aufgehoben. Aber das wäre nur vorläufig so, die endgültigen Regelungen müssten in den folgenden 60 Tagen ausgehandelt werden. Genauso wie eventuelle Regelungen für alle anderen strittigen Punkte noch erst gefunden werden müssen. Das fragliche Abkommen wäre damit eine Verlängerung der Waffenruhe, eine Absichtserklärung, weiter verhandeln zu wollen und eine Auflistung der Themen, über die man verhandeln will. Was in diese Liste aufgenommen wird, ist noch nicht ganz klar (das angereicherte Uran, die ballistischen Raketen, die Unterstützung für die Proxis, die Waffenruhe im Libanon etc.?), ebenso wenig ob damit schon bestimmte Vorentscheidungen verbunden sein könnten. Der Iran fordert seinerseits die Freigabe blockierter Gelder (die Rede ist von etwa 24 Milliarden Dollar), die Aufhebung der Sanktionen und außerdem Reparationen für die ihm zugefügten Zerstörungen.
Die öffentlich geäußerten Positionen zu all diesen Fragen liegen noch weit auseinander. Deshalb erscheint es höchst fraglich, ob in den anvisierten 60 Tagen eine Einigung erzielt werden kann.
Das wirkliche Ende des Iran-Krieges, der bisher etwas mehr als fünf Wochen ein heißer war, ist also weiterhin offen. Für den weiteren Verlauf sind noch viele Varianten möglich, diplomatische und kriegerische.
Aber ein Zwischenfazit lässt sich bereits ziehen. Trump und die USA haben eine strategische Niederlage erlitten. Alle Welt konnte sehen, dass auch die Macht der USA ihre Grenzen hat. Den USA war es, trotz massiven Militäreinsatzes, nicht möglich, dem Iran ihren Willen aufzuzwingen. Wahrscheinlich wird diese Erfahrung auf längere Sicht weltpolitische Auswirkungen zeitigen. Nicht zuletzt werden alle Golfstaaten die Ereignisse und ihre eigenen Erfahrungen sehr genau analysieren. Welche Schlüsse sie daraus ziehen werden, ist noch nicht abzusehen. Es ist denkbar, dass einzelne Länder zu deutlich unterschiedlichen Schlüssen kommen werden. Vielleicht ist die Entscheidung für den Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC bereits durch den Krieg beeinflusst. Die meisten Folgen dürften aber erst nach einiger Zeit sichtbar werden.
Trump ist ohne Zweifel auch innenpolitisch geschwächt. Aber man sollte vorsichtig bleiben und nicht gleich das Ende von Trump oder der MAGA- Bewegung ausrufen. Dazu sind die Folgen, die der Iran-Krieg für die USA und in den USA selbst hervorgerufen hat, nicht groß genug. Es sind sicher negative und unangenehme Auswirkungen. Aber bisher gab es in den USA keine großen Erschütterungen im Sinne eines politischen Erdbebens.
Bleibt noch das Fazit für Israel. Auch wenn Netanjahu eventuell Trump zum Krieg überredet hat, war er doch während des ganzen Krieges eindeutig der Juniorpartner. Das Geschehen, der Verhandlungsprozess und alle wichtigen Entscheidungen wurden von Trump bestimmt, vermutlich manchmal auch zum Missfallen von Netanjahu. Israel und auch Netanjahu ganz persönlich haben natürlich auch eine eigene Agenda, die bei allen gegebenen Zusammenhängen mit dem Iran vor allem den Libanon/Hisbollah und Gaza/Hamas im Focus hat. Diese Aspekte werden im vorliegenden Beitrag nicht untersucht.
Zur Lage des gegenwärtigen Iran
Wenn die USA eine strategische Niederlage hinnehmen mussten, hat dann der Iran gewonnen? Diese Frage lässt sich nicht einfach mit Ja beantworten. In einer asymmetrischen Auseinandersetzung, wie es dieser Krieg war, ist es zwar zutreffend, dass für die schwächere Seite das Überleben und die Vermeidung einer klaren Niederlage in gewisser Weise einen Sieg bedeutet. Aber für den Iran kann das nur ein relativer Erfolg sein, denn er befindet sich weiterhin in einer schwierigen Lage.
Der Iran befand sich schon vor Kriegsbeginn seit etlichen Jahren in einer ökonomischen Krise. Diese äußerte sich vor allem in einer sehr hohen Inflationsrate im Inneren und einem rapiden Verfall der Währung nach Außen. Diese Krise ist selbstverständlich noch nicht vorbei. Die Zerstörungen durch die Luftangriffe und die Blockade der iranischen Häfen haben ohne Zweifel die ökonomischen Probleme weiter verschärft.
Ein wichtiger Grund für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind die bestehenden Sanktionen. Mit der Abkehr vom Atomabkommen hatten die USA weitgehende Wirtschaftssanktionen verhängt. Die meisten westlichen Länder haben sich dem inzwischen angeschlossen. Von anderen Akteuren (Ländern und Firmen) werden die Sanktionen zwar oft nur widerwillig befolgt, hauptsächlich um die eigene Sanktionierung durch die USA zu vermeiden, aber sie werden eben doch meistens befolgt.
Der Iran hat inzwischen eine große Erfahrung bei der Umgehung von Sanktionen. Aber nicht alles lässt sich umgehen, die negativen Auswirkungen bleiben signifikant. Dementsprechend muss der Iran ein großes Interesse an der Aufhebung oder zumindest an einer Abschwächung der Sanktionen haben. Auch bei den jetzigen Verhandlungen ist das ein Ziel. Wie realistisch das ist und ob in naher Zukunft ein Ende der Sanktionen erreicht werden kann, muss sich zeigen.
Die Sanktionen sind wichtig, aber sie erklären nicht alles. Für die Wirtschaft eines Landes sind auch noch andere Faktoren ausschlaggebend, wie etwa der Staatshaushalt, die Politik der Notenbank und vieles mehr. Allerdings ist es im Fall des Iran sehr schwer, sich dazu verlässliche Informationen zu beschaffen. Der Staatshaushalt gilt z.B. in weiten Teilen.als geheim, viele Wirtschaftsdaten sind nicht zugänglich, manches bleibt intransparent. Es ist deshalb außerordentlich schwierig, sich ein realistisches Bild von der Leistungsfähigkeit der iranischen Wirtschaft zu machen. Es ist unklar, welcher Spielraum noch besteht und wo die größten Risiken liegen.
Offensichtlich gibt es im Iran eine große Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, das haben die Demonstrationen im Dezember/Januar gezeigt. Bei der Einschätzung der inneren Verhältnisse stößt man als Beobachter aus der Ferne aber schnell an eine Grenze. Was sind gesicherte Informationen, was nur Gerüchte, was wird in den hiesigen Medien aufgebauscht, was geht verloren? Während man die Ereignisse, zumindest in den Grundzügen, meistens noch einigermaßen rekonstruieren kann, wird es bei den Hintergründen schwierig. Insbesondere gilt das bei der wichtigen Frage nach der Motivation der DemonstrantInnen. Ohne Zweifel hat die Wut über die Preissteigerungen eine wesentliche Rolle gespielt. Auch andere Gründe für die Unzufriedenheit sind nachvollziehbar.
Aber geht es auch um den Sturz des Regimes? Bei der Mehrheit der Demonstrierenden oder bei welchem Anteil? Welche Vorstellungen von einer neuen Ordnung im Iran wären gegebenenfalls damit verbunden? Bedeutet der Ruf „Tod dem Diktator“ eindeutig die prinzipielle Ablehnung der islamischen Republik? Steht „Es lebe der Schah“ wirklich für die Unterstützung einer wie auch immer gearteten Monarchie? Oder können sich in solchen Parolen nur vage Hoffnungen auf tiefgreifende Veränderungen artikulieren? Welche Relevanz haben im Inneren des Iran die verschiedenen Strömungen, wie sie bei Exiliranern sichtbar sind?
Wir müssen uns eingestehen, wir wissen das alles nicht.
Wir wissen auch nicht, wie groß die Unterstützung für das Regime ist, sei es aktiv oder auch nur passiv und worauf genau sich die Unterstützung bezieht und worauf eventuell nicht.
Nach dem Tod von Ali Chamenei wurde sein Sohn Modschtaba Chamenei zum neuen obersten Religionsführer gewählt. Modschtaba ist bisher noch nicht öffentlich aufgetreten, vermutlich wegen erlittener Verletzungen. Deshalb gibt es bereits Spekulationen darüber, wie weit er als Person die neue Rolle überhaupt wird ausfüllen können. Auch auf etlichen anderen Positionen mussten wegen der Tötungen im Bombenkrieg neue Personen nachrücken. Soweit man das aus der Ferne beurteilen kann, hat es dadurch keine größeren Politikänderungen gegeben. Es ist nicht verwunderlich, dass die Führung bemüht ist, während eines Angriffs von Außen maximale Geschlossenheit zu zeigen. Ob eine solche wirklich gegeben ist oder sich vielleicht doch noch Verschiebungen im Machtgefüge zeigen werden, bleibt abzuwarten.
Dieser kurze Überblick macht deutlich, gegenwärtig bleiben alle Einschätzungen zu den inneren Verhältnissen des Iran mit einem hohen Grad an Unsicherheit behaftet. Es ist kaum möglich vorherzusehen, wie die Entwicklung im Iran mittel- und längerfristig weitergehen wird. Diese Grenze der Analyse muss man sich eingestehen, pure Spekulationen führen nicht weiter.
06.06.2026
siehe auch: Kontroversen um das Atomprogramm