Der Iran hat immer mit Nachdruck erklärt, dass er keine Atomwaffen anstrebt. Aber offizielle Erklärungen müssen sich nicht mit der Realität decken. Bekanntlich wurde und wird genau das dem Iran vorgeworfen. Er wird zum Teil verdächtigt bzw. massiv beschuldigt, im Geheimen doch nach der Atombombe zu streben.
Etwa ab 1990 begann der Iran, sich wieder intensiv mit der Atomtechnologie zu beschäftigen. Nach und nach wurden die noch aus der Schah-Zeit stammende Anlagen reaktiviert und fertig gebaut, wie etwa das Atomkraftwerk in Buschehr. Dieses liefert nun seit 2011 Strom.
Aber das iranischen Atomprogramm war viel umfangreicher angelegt. Angestrebt wurde die Beherrschung möglichst aller Technologien im Rahmen des nuklearen Brennstoffzyklus. Das wurde auch nicht verheimlicht. Der Iran hat immer argumentiert, er habe nach dem Atomwaffensperrvertrag jedes Recht, die entsprechende Technik zu entwickeln.
Das Misstrauen anderer Staaten erregte vor allem der Aufbau von erheblichen Kapazitäten zur Uran-Anreicherung und die mangelnde Bereitschaft, eine lückenlose Kontrolle aller Anlagen durch die Internationale Atomenergie Organisation (IAEO) zuzulassen. Von westlicher Seite wurde der Vorwurf erhoben, der Iran würde geheime Atomanlagen unterhalten, die er vor der Kontrolle der IAEO verberge. Letztlich würde der Iran an der Atombombe arbeiten.
Dabei ist nicht zu bestreiten, die USA und ihre Verbündeten (insbesondere Israel) fuhren eine ausgesprochen feindselige Kampagne gegen den Iran. Und es blieb nicht nur bei Propaganda. Offensichtlich gab es auch Sabotageaktionen und eine Serie von Mordanschlägen gegen iranische Wissenschaftler, vermutlich orchestriert vom israelischen Geheimdienst.
Aber es ist ebenso zutreffend, Bedenken gegen das iranische Atomprogramm wurden auch von Staaten außerhalb der westlichen Bündnisse geäußert. Dabei ging es nicht ausschließlich um die Frage, ob der Iran eventuell bereits an Atomwaffen arbeitet. Besorgnis löste auch die zunehmende Verbreitung der zu ihrer Herstellung benötigten Technologien aus. Das wurde als Risiko für die Weiterverbreitung von Atomwaffen gesehen und man wollte solchen Tendenzen entgegentreten.
Solche Bedenken konkretisierten sich in Beschlüssen der IAEO und des UNO-Sicherheitsrates, die den Iran zu Änderungen bei seinem Atomprogramm drängten. Der Iran wurde aufgefordert, enger mit der IAEO zusammenzuarbeiten. Für den Fall, dass das nicht geschehen sollte, wurden Sanktionen angedroht. Der erste entsprechende Beschluss des Sicherheitsrates wurde im März 2006 (Resolution 1696) verabschiedet. Da der Iran nicht wie gewünscht reagierte, folgten bis 2010 noch weitere Beschlüsse mit der Verhängung von Sanktionen und deren mehrmaliger Verschärfung.
Es ist bemerkenswert, dass Russland und China, als ständige Mitglieder des Sicherheitsrates, diesen Resolutionen zustimmten. Beide Länder waren auch in die Verhandlungen mit den Iran (Konzept 5 + 1, die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates + Deutschland) eingebunden. Der Iran war also damals in der Atomfrage weitgehend isoliert.
Die seit 2006 geführten Verhandlungen nach dem 5 + 1 Konzept brachten lange kein greifbares Ergebnis. Erst während der Präsidentschaft von Obama bzw. Rohani im Iran kam Bewegung in die Sache. Schließlich wurde 2015 mit dem „Joint Comprehensive Plan of Action“, JCPOA, (etwa: gemeinsamer umfassender Plan für das Vorgehen) eine Einigung erzielt. Diese enthält folgende Kernbestimmungen: Der Iran reichert Uran nur bis 3,67 % des Isotops U-235 an und er lässt eine umfangreiche Kontrolle seiner Anlagen durch die IAEO zu. Im Gegenzug werden die Sanktionen aufgehoben. (Für eine detaillierte Darstellung siehe Arsti Nr. 205)
Der JCPOA ist kein „normaler“ Vertrag zwischen Staaten. Er erlangte seine rechtliche Verbindlichkeit durch den Beschluss des UNO-Sicherheitsrates von 2015. Nach allgemeiner Rechtsauffassung müssen sich alle Staaten an dessen Beschlüsse halten.
Aber die Republikaner, Trump und Israel/Netanjahu haben den JCPOA immer abgelehnt. Es wäre keinesfalls ausreichend, es würde eine iranische Atombombe nicht wirklich verhindern, die Raketenrüstung wäre gar nicht erfasst, ebenso wenig wie die Unterstützung für Feinde Israels wie Hisbollah und Hamas. Im Sinne einer solchen Kritik verkündete Trump 2018 in seiner ersten Amtszeit, sich nicht mehr an die Bestimmungen des JCPOA halten zu wollen und verhängte wieder umfassende Wirtschaftssanktionen. Dieser Schritt war eine einseitige Entscheidung der USA. Weder hatte der Iran gegen das Abkommen verstoßen, noch waren die anderen Verhandlungspartner des JCPOA (Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland und China) einbezogen worden.
Rechtlich war das keine Aufkündigung eines Abkommens, sondern die Missachtung eines Beschluss des Sicherheitsrates. Eines Beschlusses, der auch auf Betreiben der USA gefasst wurde.
Anfangs wurde von europäischer Seite noch versucht, trotz des Rückzugs der USA, JCPOA irgendwie aufrecht zu erhalten, was aber ziemlich schnell gescheitert war. Hauptsächlich, weil niemand in Europa deswegen einen ernsthaften Konflikt (sprich Sanktionen für das US-Geschäft) mit den USA riskieren wollte.
Im Gegenzug hielt auch der Iran sich nicht mehr an die Bestimmungen und begann wieder Uran (über die 3,67 % hinaus) anzureichern. Letztlich wurden bis 2025, laut Berichten der IAEO, über 400 Kilogramm auf 60% angereichertes Uran hergestellt.
Damit begann eine neue Problematik. Denn der Iran konnte nie erklären, was er mit diesem angereicherten Uran eigentlich machen will. Sinnvolle Nutzungsmöglichkeiten für solche Mengen sind nicht bekannt, es sei denn, man hat doch die Produktion von Atomwaffen im Sinn. Das angereicherte Uran könnte z.B. dazu dienen, ganz nahe an die Schwelle zur Atombombe heranzukommen. Gegebenenfalls, wenn die Entscheidung zur Produktion gefällt wird, wäre es dann möglich, die letzten Schritte zur Bombe sehr schnell zu gehen.
Für Atombomben ist eine Anreicherung auf ungefähr 90 % notwendig. Die Anreicherung ist aber kein linearer Prozess. Aus technischen Gründen ist die Anreicherung von 60 auf 90 % viel einfacher und schneller durchzuführen als etwa die von 30 auf 60 % und diese wiederum einfacher als die von 1 auf 30 %. Eine Menge von 400 kg wäre dann ausreichend für etwa 10 Atombomben.
Die Absicht, eine solche „fast-Atommacht“ werden zu wollen, wird dem Iran unterstellt bzw. vorgeworfen. Daraus leiten sich dann die Forderungen ab, das angereicherte Material dürfe keineswegs unter der Kontrolle des Iran bleiben. Die 400 kg sind damit weiterhin ein großer Streitpunkt, auch jetzt bei den Verhandlungen USA - Iran.
Durch die Bombardierung im Juni 2025 wurden die Anlagen zur Urananreicherung angeblich zerstört oder zumindest stark beschädigt. Die Einschätzungen gehen da auseinander. Damit sind vermutlich die Möglichkeiten zur Anreicherung vorerst nicht mehr vorhanden oder stark eingeschränkt. Das einschlägige technische Wissen und die Fähigkeit, zur Anreicherung geeignete Zentrifugen herzustellen, ist selbstverständlich im Iran nach wie vor vorhanden.