Leserbrief zu: 

Arbeiterstimme Nr. 231 / S.29

Antisemitismus, früher ein Kampfbegriff gegen die Diskriminierung und Entrechtung der Juden, einer bedrängten und schwachen Minderheit, ist zu einem Schild zur Abwehr von Kritik an Israels Politik geworden, eines Staates, […] der heute ein anderes Volk unterdrückt und entrechtet.“ Dieser Satz stammt aus einem neuen Buch von Georg Auernheimer. [Arbeiterstimme Nr.231]

Auernheimers These — wie er sie in „Zweierlei Antisemitismus: Staatsräson vor universellen Menschenrechten?" (PapyRossa, August 2025) entfaltet — trifft auf einen realen Missstand, enthält aber auch eine problematische Verkürzung. Beides verdient Beachtung.

Der Kern des Arguments ist nicht neu, aber berechtigt: Es gibt tatsächlich eine inflationäre Ausweitung des Antisemitismusbegriffs, bei der jede Israel-Kritik reflexartig als antisemitisch eingestuft wird. Auernheimer selbst warnt davor, wie ein „israelbezogener Antisemitismus" zur Einschränkung von Grundrechten instrumentalisiert wird.

Das ist empirisch belegbar — Redeverbot für Künstler, Absage von Veranstaltungen, Entlassung von Wissenschaftlern. Wenn der Begriff als politisches Repressionsinstrument eingesetzt wird, beschädigt das paradoxerweise den Kampf gegen den echten Antisemitismus. Zudem ist historisch korrekt, dass der Begriff ursprünglich tatsächlich ein Abwehrbegriff war — geprägt von dem Anarchisten Wilhelm Marr* 1879, zunächst als Selbstbezeichnung der Judenhasser, später umgedeutet. [*Marr, Wilhelm – Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum, Bern 1879.]

Der Satz, von Georg Auernheimer, enthält aber eine strukturelle Asymmetrie, die ich nicht unkommentiert lassen möchte. Er stellt zwei Zustände einander gegenüber — früher eine schwache, verfolgte Minderheit; heute ein unterdrückender Staat — als wären das unverbundene, substituierende Realitäten. Das lässt mehrere Aspekte aus:

Erstens: Die Juden, die heute in Tel Aviv leben, sind nicht dieselben wie die, gegen die sich der historische Antisemitismus richtete — aber sie sind auch nicht einfach an deren Stelle getreten. Die Verbindung zwischen beiden ist keineswegs aufgelöst und sie ist komplex.

Zweitens: Auch wenn man Israels Politik in Gaza scharf verurteilt — und es gibt gewichtige völkerrechtliche Gründe dafür —, bleibt Antisemitismus in Europa als unabhängiges Phänomen real und bedrohlich. Jüdinnen und Juden in Deutschland berichten z.B. über massive Anfeindungen, Diskriminierungen und Ausgrenzungserfahrungen und die Empörung über israelische Kriegsverbrechen kann in „echten" Antisemitismus umschlagen — Ohne entsprechenden Informationshintergrund fällt es Menschen schwer, zwischen Israelis und Juden zu unterscheiden.

Drittens: Die Formulierung „ein anderes Volk unterdrückt" ist politisch präzise gemeint, erzeugt aber sprachlich eine Täter- Opfer Umkehrung, die — auch unbeabsichtigt — genau jene Kurzschlüsse begünstigt, die Auernheimer selbst als problematisch beschreibt.

Auernheimers Hauptdiagnose — dass der Antisemitismusbegriff in Deutschland politisch instrumentalisiert wird und dadurch den echten Antisemitismus eher verschleiert als bekämpft — halte ich für richtig und wichtig.

Die Art, wie er es in diesem Satz formuliert, ist argumentativ zu glatt. Eine dialektisch befriedigende Position müsste beides festhalten: die Realität des fortbestehenden Antisemitismus und die Realität der israelischen Gewalt gegen Palästinenser — ohne dass das eine das andere auflöst oder legitimiert.

Aufklärungsdenken verlangt, beide Seiten einer Aporie auszuhalten, ohne in eine von beiden zu flüchten.

In der Logik von Habermas' Diskursethik ließe sich argumentieren, dass diskursive Verantwortung nicht nur Wahrheit, sondern auch die vorhersehbaren Verwendungsweisen einer Aussage einschließt. Ein Intellektueller, der weiß, in welchem Klima er schreibt, trägt Mitverantwortung dafür, wem er ungewollt Munition liefert.

Das macht Auernheimers Kernthese nicht falsch. Aber es macht diese spezifische Formulierung fahrlässig — gerade von jemandem, der das Thema so genau kennt, wie Auernheimer.

 

Bruno Fey

85640 Putzbrunn.