Ein Text in der Tageszeitung „junge Welt“ versucht die Niederlage der fortschrittlichen Kräfte in Chile zu erklären
In Märchen wird die Gesellschaft vereinfacht dargestellt. Auf der einen Seite der König, auf der anderen Seite das Volk. Angereichert wird diese Szenerie je nach Bedarf mit weiteren Akteuren. Das, was es in der Geschichte der Menschheit neben einem König immer gab, den Adel und religiöse Würdenträger, kommt meist nicht vor. So ähnlich ist es auch in diesem Text der „jungen Welt“, wo das gute chilenische Volk einer Welt von Feinden gegenübersteht.
Gut, das ist polemisch. Es bringt aber die emotionale Reaktion des Autors dieser Zeilen nach dem Lesen des Textes “Nach dem Aufstand”1 auf den Punkt. Auf der Themenseite vom 29. Juni 2026 versucht Robert Kohl Parra eine Antwort auf die Frage zu geben: “Wie konnte eine der größten sozialen Erhebungen Lateinamerikas der letzten Jahrzehnte in eine neue rechte Regierung münden?”
Kohl Parra ist erst seit kurzem regelmäßiger Autor der jungen Welt. Laut der Personenbeschreibung handelt es sich bei ihm um einen Historiker, Hispanist und freien Journalisten. Das ist langweilig im Vergleich mit dem, was eine Google-Suche ergibt. Danach veröffentlicht der deutsch-chilenische Journalist auch auf dem Internetportal amerika21. Dort findet man diese Informationen: “Zwischen 2018 und 2025 war er für verschiedene Abgeordnete im Deutschen Bundestag tätig. … Er ist Enkel des Folkloristen und Dramatikers Roberto Parra Sandoval und damit auch Großneffe der Sängerin, Komponistin und Folkloristin Violeta Parra und des”Anti”poeten Nicanor Parra aus der chilenischen [Künstler- (EB)] Familie Parra”2 Ergänzt wird das durch den Hinweis, dass er unter anderem an der Universität von Concepción studierte.
In den Weiten des Internets wird auch seine Wahl zum Landesvorsitzenden des JSW in Hessen bekannt gegeben. Das JSW ist die Jugendorganisation des BSW.3 Er hat sich also bei der Spaltung der Linkspartei für die Seite von Sahra Wagenknecht entschieden. Das überrascht, hätte man ihn auf Basis des Textes eher bei irgendeiner Bewegungslinken gesehen.
Mit diesem Hintergrund, in Deutschland aufgewachsen, familiär mit Chile verbunden und als Historiker wissenschaftlich ausgebildet, bringt er eigentlich alle Voraussetzungen mit, die neueste Geschichte Chiles zu analysieren und brauchbare Schlüsse daraus zu ziehen. Doch weit gefehlt. Von einer tatsächlichen Analyse kann man bei dieser Arbeit nicht sprechen. Er referiert die subjektiven Eindrücke der linken Aktivisten auf der Straße. Doch weder erklärt er, warum sie das so gesehen haben, noch führt er Argumente an, die ihrer Sicht widersprechen. Damit macht er sich diese Aussagen zu eigen. Das soll an einigen Beispielen gezeigt werden.
Das Gefühl im linken Teil der Gesellschaft gibt er treffend wieder: “Die Stimmung im Land fühlte sich an, als sei eine Revolution ausgebrochen. Überall war zu spüren, dass sich endlich etwas änderte, alles schien möglich.” Dieser Eindruck konnte entstehen, da auch klassische Wähler der Rechten begannen, sich den Demonstrationen anzuschließen. Das schlägt sich auch in den Umfragen des Instituts Cadem nieder. In der Plaza Publica Nº 303 aus der letzten Oktoberwoche 2019 wird dem rechten Präsidenten Piñera für Februar noch ein Gleichstand zwischen Zustimmung und Ablehnung von je 44% bescheinigt. Das änderte sich bis September auf nur noch 33% Zustimmung und 53% Ablehnung. Im Oktober folgte ein abrupter Einbruch der Zustimmung auf 14% und eine in die Höhe schießende Ablehnung von 58% auf 78%. Auch bei den Wählern des rechten Präsidenten sind die Zustimmungsraten kurz vor der sozialen Explosion von um die 60% auf 30% abgestürzt.
Die darauf folgende Umfrage Plaza Publica Nº 304 beinhaltete weiter Erfreuliches, auch wenn der Wunsch nach einer neuen Verfassung schon von 87% auf 78% zurückgegangen war. Aus heutiger Sicht fragt man sich, wie diese Zahlen wohl zustande gekommen sind. Kannten die Meinungsforschungsinstitute auf Basis ihrer Erhebungen die tatsächlichen Kräfteverhältnisse in der Gesellschaft? So wie sie sich später im ersten Plebiszit darstellen sollten? Hat man mit der Zahl von 78% die Linke in Sicherheit gewiegt, damit sie ihre sektiererischen Neigungen auslebt? Wer die Mehrheit auf seiner Seite wähnt, braucht sich um die Minderheit nicht mehr zu kümmern.
Das Verhalten der Streitkräfte
Das, was als der mögliche Beginn einer Revolution dargestellt wird, war das Ergebnis von Entscheidungen der Militärführung. Doch laut Kohl Parra war es umgekehrt: “Polizei und später sogar das entsandte Militär versuchten, durch Brutalität Herr der Lage zu werden, während eine verhängte Ausgangssperre nach wenigen Tagen wieder zurückgenommen werden musste, weil die Demonstrationen unvermindert anhielten.”
Ja, die Ausgangssperre wurde zurückgenommen. Das geschah aber nicht als Folge der Stärke der Massenbewegung. Auch Kohl Parra sollte von der Pressekonferenz des Generals Iturriaga gehört haben, wo er sich von seinem Vorgesetzten abgrenzte. Während sich der rechte Präsident im Krieg wähnte, verkündete Iturriaga: “Die Wahrheit ist, ich befinde mich nicht im Krieg, gegen Niemanden.”4 Die Konzernmedien haben das sofort als Befehlsverweigerung wahrgenommen. Der General widersprach dieser Interpretation, doch de facto haben die Streitkräfte es so gehandhabt. Wie angeordnet sind sie auf den Straßen erschienen, aber ohne Schießbefehl.
Mit der Unterschlagung dieses wichtigen Umstandes wird suggeriert, dass sich die Massenbewegung gegen den staatlichen Repressionsapparat durchgesetzt hat. Ein Mythos! Hätte die Armee so agiert wie zu Zeiten des Putsches, wäre die schöne Revolte mit dem ersten Schuss beendet gewesen. So, wie das Eingreifen der Militärs vor über 50 Jahren der damaligen linken Bewegung ein Ende setzte. In diesem Fall würden heute andere Themen diskutiert werden als die Frage, ob “die verhasste politische Kaste … einen Pakt gegen den Volksaufstand [schloss]”.
Der politische Ausweg
Die “Vereinbarung für den Frieden und die neue Verfassung” ist ein Erfolg der Massenbewegung, den sie aber nur durch das passive Verhalten der Militärführung erzielen konnte. Die Rechte wurde durch die Befehlsverweigerung der Armee zur Suche nach einem politischen Ausweg genötigt. Mit wem hätte sie ihn vereinbaren können, wenn nicht mit den Oppositionsparteien? Wie Kohl Parra selber schreibt, gab es niemanden, der die Bewegung “kanalisieren, artikulieren und organisieren” konnte. Er stellt nicht die Frage, warum das so war.
Führung setzt voraus, dass man weiß, was man will und eine Idee davon hat, wie man das erreichen kann. Die Bewegung setzte sich aus sehr unterschiedlichen Menschen zusammen. Auf welcher Basis kann ein konservativer Staatsangestellter, der immer rechts gewählt hat und zum ersten Mal gegen “seine” Regierung demonstriert, mit einer etwas aggressiveren Feministinnengruppe wie Las Tesis5 in einem Bündnis vereint werden? Darauf hatte in der Bewegung niemand eine Antwort. Schlimmer noch, diese Frage hat sich niemand gestellt. Man war der Meinung, dass man die Mehrheit repräsentiert.
Bei dieser Wahrnehmung der Realität ist es kein Wunder, dass man die Vereinbarung zwischen Regierung und Opposition als “infamen Pakt” betrachtet hat. Doch wurde mit ihr das maximal Mögliche herausgeholt. Die Einigung abzulehnen, nur weil sich darin elektorale Hürden befanden, zeigt ein Unverständnis über die Funktionsweise von gesellschaftlichen Prozessen.
Verträge kommen naturgemäß dann zustande, wenn sie beiden Seiten etwas zu bieten haben. In diesem Fall war es für den progressiven Teil der Gesellschaft ein möglicher Weg zu einer neuen Verfassung. Für die Rechte war die Zusicherung wichtig, dass dieser Weg nur beschritten wird, wenn wirklich eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung das auch will.
Ein Grund für die Ablehnung dieser Vereinbarung kann auch in einer nicht eingestandenen Ahnung gelegen haben. Der Ahnung, dass man doch nicht der Sprecher des chilenischen Volkes ist. Eine Mehrheit überspringt jede elektorale Hürde mit Leichtigkeit.
Die Fortschreibung des Mythos findet sich bei der Wiedergabe des Ergebnisses der ersten Volksabstimmung. “Am 25. Oktober 2020 votierten die Chilenen bei einem nationalen Referendum mit 78,28 Prozent der Stimmen für eine neue Verfassung.” Das entspricht der ermittelten Zahl der oben zitierten Meinungsumfrage.
Es wäre schön gewesen, wenn das der Realität entsprochen hätte. Die Zahl ist korrekt, doch die dahinter stehenden Wähler bildeten eine gesellschaftliche Minderheit. Bei einer Wahlbeteiligung von 51% standen 5,9 Millionen Verfechtern einer neuen Verfassung 8,9 Millionen gegenüber, die dagegen oder denen das egal war. Diese Gegenüberstellung zeigt nicht die ganze Dramatik der Lage. Ungefähr eine Million Wahlberechtigte hatten sich nicht in die Register eingetragen. Bezieht man auch sie in die Betrachtung ein, haben sich nur 38% für eine neue Verfassung ausgesprochen. Das ist natürlich “ein großer Teil der Bevölkerung”, aber nicht ansatzweise die Mehrheit.
Gabriel Boric
Die Umstände der Wahl von Gabriel Boric zum chilenischen Präsidenten stellt Kohl Parra auch etwas eigenartig dar. Ja, diese Wahl war eine Schicksalswahl, aber nicht so, wie es im Artikel beschrieben wird. Man kann von Glück sprechen, dass der Kommunist Daniel Jadue die Vorwahl gegen Boric verloren hat. Wäre es anders gewesen, hätte José Kast wahrscheinlich schon 2021 die Präsidentschaftswahl gewonnen. Boric konnte nur siegreich aus der Stichwahl hervorgehen, da ca. 1 Million Nichtwähler des ersten Wahlgangs aus Angst vor einem rechtsradikalen Präsidenten sich dann doch noch an der Abstimmung beteiligt haben. Das waren wahrscheinlich die Menschen, die das Gesetz über die Einleitung des Verfassungsprozesse “als fundamentalen Verrat wahrgenommen” haben.
Diese Wahlenthaltung hat der Rechten zu mehr Abgeordneten verholfen. Ein Grund, warum Boric, unabhängig davon, wofür er persönlich steht, “viele seiner sozialen Versprechen nicht einlösen” konnte. Dieser wichtige Punkt darf in einer Betrachtung der sozialen Explosion und des folgenden Verfassungsprozesses nicht fehlen.
“Im Jahr 2021 wurde Jadue schließlich mit einer überwältigenden Mehrheit als Bürgermeister wiedergewählt, während es der kommunistischen Partei gelang, sämtliche Sitze im Gemeinderat zu erringen.” Man kann ja die Fakten so einseitig darstellen, wie das Kohl Parra mit dem Ergebnis des ersten Referendums gemacht hat, aber sie sollten dann auch stimmen. Hier ist das mit der Mehrheit für Jadue richtig, aber so glamourös war sie dann doch nicht. Bei einer Wahlbeteiligung von 40% hat er fast 62% erhalten. Von den Prozenten her gesehen, ist das natürlich ein überwältigender Sieg. Bezogen auf die Wahlberechtigten waren das aber keine 25%. Woher die Information stammt, dass die KP alle Sitze im Gemeinderat gewonnen hat, kann nur der Autor der jW beantworten. Nach Auskunft der Wahlbehörde Servel6 hat die Partei damals 5 von 8 Mandaten erhalten. In der darauf folgenden Wahl, nun im Rahmen der Wahlpflicht, konnte das Bürgermeisteramt zwar mit 35% verteidigt werden, aber die Zahl der Gemeinderäte ist auf 3 gesunken.
Auch hier wird am linken Mythos gestrickt. Ein schöner Erfolg der KP, der aber auf einer prekären Basis stand, wird übertrieben dargestellt. Am Ende wird das noch mit einer falschen Information gesteigert.
Es ist ja nicht so, dass Kohl Parra keine Kritik am Agieren der Bewegung übt. Er hat recht damit, dass die Gegner einer neuen Verfassung die “skurrilsten Akteure” unter den Befürwortern ins Zentrum ihrer Agitation stellten. Aber warum wurden diese Leute in den Verfassungskonvent gewählt?
Wenn er von “einer tieferen ideologischen Krise der chilenischen Linken” spricht, muss er eigentlich darauf hinweisen, dass das für die Linke der gesamten westlichen Welt gilt. Die ideologischen Gegensätze in der chilenischen Linken kann man, im Rahmen deutscher Verhältnisse, auch bei der Spaltung der Linkspartei beobachten.
Am Ende stellt Kohl Parra fest: “Die Frage ist nicht, ob der Widerstand gegen den Neoliberalismus in Chile wiederkommt, sondern ob die Linke dann in der Lage sein wird, den Kampf erfolgreich zu führen.” Auf der Basis solcher Analysen sicher nicht. Eine tatsächliche Erörterung der Probleme der chilenischen Linken muss in der Geschichte sehr weit zurück gehen. Dabei muss man die Weggabelung suchen, an der sie falsch abgebogen ist. Seit dieser Zeit ist sie das willige Schreckgespenst, mit dem als Sparringspartner die jeweils stärkste Kraft der Bourgeoisie bzw. des Imperialismus ihre Ziele mit Leichtigkeit umsetzen kann.
Emil Berger