Ist nicht schon alles gesagt und geschrieben worden zu den furchtbaren Verbrechen, die der israelische Staat im Gefolge der Ereignisse vom 7. Oktober 2023 in Gaza begangen hat? Verfolgt man die deutschsprachigen Leitmedien, ist das Thema abgehakt. Wen interessiert noch das Dahinvegetieren von Hunderttausenden Menschen in der Trümmerwüste von Gaza und die Perspektivlosigkeit der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland? Zu groß ist die Zahl der Betroffenen. Selbst der völkerrechtswidrige Angriffskrieg von USA und Israel gegen den Iran verschwindet bereits wieder aus den Schlagzeilen. Und wie steht’s mit dem Libanon? Ach ja, eine deutsche Ministerin musste beim Anflug auf Beirut umkehren, wobei ihre bzw. unsere Regierung wegen der Staatsräson fest auf der Seite der Angreifer steht. Und wegen dieser Staatsräson macht man sich hierzulande keine Freunde, wenn man den Begriff Genozid verwendet. Umso mehr ist es zu begrüßen, dass Georg Auernheimer das Thema Palästina noch einmal aufgreift und auf etwa 100 Seiten wichtige Aspekte zusammenfasst. Schon in seinem letzten Buch – erschienen 2025 – hat er sich mit dem Begriff Antisemitismus auseinandergesetzt; dazu ist in der Arbeiterstimme Nr. 231 eine Rezension erschienen. Im Klappentext des gerade erst erschienenen Buches über den Genozid verweist der Autor auf wichtige Fragen: „Was, wenn eines Tages der Genozid am palästinensischen Volk nicht mehr zu leugnen ist? Wie werden die, die jetzt ihre Stimme erheben könnten, mit ihrer Drückebergerei umgehen? Oder gar die, die Israel nach wie vor offensiv verteidigen, die propalästinensischen Proteste unterdrücken? Wird dann in manchen Kreisen betretenes Schweigen herrschen? Was werden Lehrer machen, wenn Schüler auf das Thema zu sprechen kommen und mehr darüber wissen wollen?“ Gerade auch für Letztere bietet Auernheimer einen kompakten Überblick über zentrale Aspekte des nahöstlichen Konflikts. Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt. Im ersten Kapitel zeichnet es das Projekt des zionistischen Siedlerkolonialismus bis zum „Deal von Oslo“ nach. Die Entwicklung des Gazastreifens steht im Mittelpunkt des zweiten Kapitels. Ein weiterer Aspekt ist der systematische Terror der israelischen Besatzung und der radikalen Siedlergruppen im Westjordanland. In Kapitel drei wagt der Autor, „eine friedliche Koexistenz“ anzudenken, wohl wissend, mit wie vielen Fallstricken diese behaftet wäre. Dazu Auernheimer: „Es erscheint verrückt, aber die von vielen Wissenschaftlern und Intellektuellen in Israel und der jüdischen Diaspora, aber auch von Teilen des palästinensischen Widerstands favorisierte Alternative ist die Ein-Staat-Lösung als Zukunftsmodell.“ (S. 89) Das letzte Kapitel ist den Auswirkungen des US israelischen Vorgehens auf den gesamten Nahen Osten (Westasien) und auf das internationale Völkerrecht vorbehalten. Wem ist dieses Buch, das im wahrsten Sinne des Wortes von Format und Umfang ein Taschenbuch ist, vor allem zu empfehlen? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Mit Sicherheit ist es jenen zu empfehlen, die diesen komplexen Konflikt ohne zu großen Aufwand besser verstehen wollen. Die im Buch enthaltene Literaturliste kann dazu anregen, manche Sachverhalte zu vertiefen. Wer der festen Überzeugung ist, zum Nahostkonflikt schon alles zu wissen und der deutschen Staatsräson bedingungslos anhängt, wird dieses Buch nicht lesen.
hd

Georg Auernheimer: Der Genozid in Palästina Die lange Vorgeschichte, die Verantwortung des Westens und die Welt danach,
Berlin 2026 (118 S., 14,80 €)