Vorbemerkung der Redaktion

Wir beenden mit dem folgenden Abdruck die Auseinandersetzung über Karuscheits Trilogie zur neueren deutschen Geschichte (Teil 1), die mit der Rezension in der Arbeiterstimme 229 / Herbst 2025 begonnen hatte. Jede Seite hatte die Möglichkeit, ihre Anmerkungen zum Text und zu den theoretischen Konzepten des Autors auszuführen. Unserer Meinung nach sind alle wesentlichen Positionen ausgetauscht.

Mehr kann vom Ansatz des Leserbriefs nicht erwartet werden.

Leserbrief zur Debatte über die Rezension von Karuscheits Trilogie,

hier zu den Leserbriefen in Arbeiterstimme Nr. 232

Vorab: Diese Debatte will ich nicht umfassend fortsetzen, weil die Auseinandersetzung über den Klassencharakter der Novemberrevolution zwischen Heiner Karuscheit und mir schon vor Jahren viel Zeit eingenommen hat und ich nicht damit rechne, dass sie zu einem Ende kommen könnte dergestalt, dass wir uns grundsätzlich einig würden und einige "Missverständnisse" beseitigt wären. Ich glaube, das wird nicht passieren, aber unsere Positionen sind bekannt und das muss reichen.

Aber eine Stelle im Leserbrief von Emil Berger (S. 28) ist mir besonders aufgefallen, und dies erfordert eine Richtigstellung. Es heißt dort: "Dagegen unterstellt F/HU der damaligen Arbeiterklasse und ihren Organisationen den Willen und die Bereitschaft zu ernsthaftem Widerstand gegen die Herrschenden." Die weiteren Schlussfolgerungen von Berger sollten dort nachgelesen werden.

Mit Verlaub, das ist Unsinn. Erstens möchte ich wissen, welche meiner Formulierungen aus meinem Leserbrief in der Arbeiterstimme 230 so grob missverstanden worden sein könnten, vermutlich aber ist diese Aussage völlig aus der Luft gegriffen. Denn zweitens und hier entscheidend ist doch, dass zu "der damaligen Arbeiterklasse und ihren Organisationen" ganz offensichtlich auch die SPD (heute dürfte man diese Einordnung freilich nicht mehr treffen, damals aber noch eindeutig) und die reformistisch geführten Gewerkschaften gehörten. Die Führungen (und Basismehrheiten) dieser Organisationen hatten wirklich keine "Bereitschaft zu ernsthaftem Widerstand gegen die Herrschenden", sondern schlossen mit ihnen Abmachungen wie das Ebert-Gröner-Bündnis mit dem preußischen Militär, das Stinnes-Legien-Abkommen mit den Unternehmerverbänden etc. Ebert formulierte ganz deutlich: "Ich hasse die Revolution wie die Sünde".

Zur Revolution entschlossen waren Teile der Arbeiterklasse und deren Organisationen, wenn man damit etwa das Spektrum von Spartakusbund, anderen linken Gruppen, Revolutionären Obleuten, Teilen der USPD meint und deren Anhängerschaft. Diese befanden sich aber derart in der Minderheit, dass sie keine schlüssige Strategie entwickeln konnten, vielmehr oft genug Ratlosigkeit zeigten wie etwa in den Januarkämpfen, speziell am 6. Januar 1919, als - nach zeitgenössischen Berichten - 200.000 Bewaffnete in Berlin-Tiergarten zusammenkamen, aber die Spitzen dieser Gruppen sich nicht auf ein weiteres Vorgehen einigen konnten (vgl. Arbeiterpolitik 5/6 Dezember 2018, S. 6 f.). Angesichts der Truppenmassierung um Berlin herum hätte das wohl nicht ausgereicht. Das festzustellen, bedeutet nicht, "einer großen Revolutionärin (Rosa Luxemburg) keine Ehre anzutun", wie Karuscheit es in seinem Leserbrief der gleichen Arsti-Ausgabe gegen mich formuliert, sondern auf die realen Kräfteverhältnisse einzugehen, wie man sie im Nachhinein beurteilen kann.

Am Ende schreibt Berger: "Das sind Beispiele des Verhaltens einer Bewegung, vor der sich die herrschende Klasse wahrlich nicht zu fürchten hatte. Deshalb war die Basis des Klassenkompromisses von Bürgertum und Adel entfallen. Oder will hier wirklich jemand ernsthaft widersprechen?" Ja, ich.

Das ist eine Ex-Post-Behauptung. Zeitgenoss:innen sahen das auf allen Seiten naturgemäß anders. Die Basis des Klassenkompromisses Junker-Bürgertum war entfallen nicht durch den Reformismus, sondern durch die Abschaffung der Monarchie und anderer Relikte der Adelsmacht. Die Revolutionsfurcht der Herrschenden war aber auch in der neuen Konstellation noch da, je nach Stand der Entwicklung in der Weimarer Zeit und trotz der nachhaltigen Spaltung der Arbeiterbewegung. Wie sonst sollte sich erklären lassen, dass die Herrschenden schließlich doch auf die Gewaltlösung des Faschismus setzten? Aber das ist ein weiteres Thema, deshalb höre ich jetzt auf.

Also zum Schluss nochmal, damit es nicht untergeht: Wo soll ich diese unsinnige Aussage getroffen haben, die mir unterstellt wird?

F/HU

 

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